Ur. 272 Drittes Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberyessen) Dienstag, 2V. November (934
Aus der Provinzialhauptstadt.
Anderswerden.
RonSuperintendeniundprobstLic.Borrniann
Ist der B u ß t a g noch zeitgemäß? Viele behaupten: Nein! Alles Stolze und Große im Menschen lehne sich auf gegen das Knechtsgefühl, gegen die Knechtsseligkeit, die unsre christliche Religion von dem modernen Menschen nut der Mahnung: „Tue Buße!" fordert. Sünde und Schuld, diese vergangene Geschlechter in den Grundtiefen der Seele aufwühlenden und aufrüttelnden Bestandteile des religiösen und sittlichen Lebens, seien von dem modernen Menschen als überalterte Begriffe längst abgetan: man könne höchstens noch an Stelle der überholten Vorstellungen Sünde und Buße reden von der Unvollkommenheit der menschlichen Natur, die sich aber immer mehr zur Vollkommenheit entwickle.
Dieses oberflächliche Urteil wird vor dem, der den Bußtag als einen Tag der Selbstbesinnung und Prüfung begeht, schnell und gründlich zerbrechen. Denn wenn schon jeder Tag den ernster denkenden Menschen vieler Versäumnisse immer wieder bewußt werden läßt, so offenbart der Buß- und Bettag den Besinnlichen unter uns, baß der Mensch der Gegenwart, genau wie frühere Generationen, ein weites Gewissen und ein enges §>erz besitzt ^und daher anders werden muß. Denn das dürfte den Menschen, die nicht auf- und untergehen in seichter Selbstgefälligkeit, wohl klar fein: Was Gott von uns will und was wir für ein wirklich lebenswertes Leben brauchen, ist nicht ein weites Gewissen und ein enges Herz, sondern bas gerade Gegenteil von beidem. So ist denn der tiefste Zweck und das heiligste Ziel des Bußtags, uns zum Anderswerden in diesen beiden Stücken zu verhelfen: Ein eng Gewissen und ein w e i- t e s Herz — das ist es, was wir uns von Gott erbitten wollen.
Wir haben ein zu weites Gewissen gegenüber Gottes Geboten. Wir übertreten sie, ohne uns darüber besondere Gedanken zu machen. Unser Verantwortungsgefühl ist abgestumpft dadurch, „daß wir. täglich viel sündigen". Gott will ernst genommen sein. Und wenn "wir mit feinen Geboten nicht Ernst machen, macht er Ernst mit unserm Schicksal und führt uns in die Tiefe und in immer neue Tiefen, bis wir aus der Not und Angst heraus rufen lernen: Herr, erbarme d i ch unser!
So tut uns Sinnesänderung gegenüber Gott not. Hier wollen wir Buße tun, nicht indem mir unsre Schuld in alle Welt hinausschreien, ober unser Sündenelend vor Menschen bekennen — ihnen gegenüber wollen wir stolz und nicht unterwürfig fein —, sondern indem wir Einkehr halten in tiefster Seele. Das Gute, das dort lebt, wollen wir dankbar feststellen, dem weiten Gewissen aber den Kampf ansagen als Menschen, die etwas von Gottes Heiligkeit gespürt haben und die gerade seine Güte zu dem Gelübde treibt: Enger als bisher soll unser Gewissen werden gegenüber unferm Gott und uns selbst!
An der falschen Stelle eng und am unrechten Ort weit, das ist Menschenart. Da wo wir weitherzig sein sollten — im Verkehr mit unfern Mitmenschen — sind wir meist von herzloser Enge. Wir sind unbarmherzig. Wir sind ebenso hart gegen den Sünder, wie weich gegen die Sünde. Wir sind voll Hoffahrt und Neid gegen unfern Nächsten. Wir können gut hassen, aber wir können schlecht vergeben und vergessen. Mit einem Wort: Unser Herz ist durch seine Selbstsucht eng und hart und muß daher anders werden. Denn nur die Barmherzigen — also Christen mit einem weiten Herzen — werden Barmherzigkeit bei Gott erlangen.
Wenn wir s o am Bußtag diese Schuld rücffid)ts- los eingestehen müssen und Ausschau halten nach
Gebt der HI. Räume und Heime!
Von der Hitlerjugend des Standorts Inheiden erreicht uns folgender Brief:
„Unser Heim? Es ist ein kleines Häuschen mit einem Zimmer. Im Zimmer eine Dfeti, ein Schrank, ein Tisch und eine Reihe von Stühlen. Es ist ein schönes Heim, von den Jungen selber möbliert und ausgestattet. Aber wo ist dieses Heim zu finden? Nirgends als in unserer Phantasie! Mit einem Schulsaal müssen wir uns bequemen, müssen hier unsere Heimabende abhalten, da, wo die Bänke, der ganze Raum und überhaupt alle Gegenstände in diesem Raum ein unbequemes Empfinden und eine gedrückte Stimmung hervor- bringen. Wollen wir Lieder singen, dann können verschiedene Nachbarn und Bewohner des Hauses nicht schlafen, und gleich hat man immer irgend etwas, um gegen die HI. loszu- ziehen.
Und dann erhält man den Auftrag, interessante Heimabende zu gestalten, in den Jun
gen den Spaß am Heimabend zu wecken. Das ist unter diesen Umständen gänzlich unmöglich, und da alle Standorte unserer Umgebung mit demselben Mangel an Heimen ihre Last haben, wende ich mich in diesem Brief an glle maßgeblichen Stellen, die sich noch nicht für unsere Heime eingesetzt haben, mit der Bitte, uns im Hinblick auf die große Mission, die die HI. zu erfüllen hat, nach besten Kräften zu unterstützen. Wir rufen Euch allen zu: Schafft uns geeignete Heime! Grieger."
So wie die Zustände in Inheiden sind, die dieser Brief schildert, so sind sie überall in den ober- hessischen Orten. Wir brauchen für die Hitlerjugend Heime und bitten jeden Volksgenossen, der uns diesbezüglich unterstützen kann, dies mit allen ihm zu Gebote stehenden Kräften zu tun.
Die Führung des Bannes 116. Gez. Ernst Heim, Bannführer.
Reichsgeldsammlung des Wmlerhilsswerks
vom 20. dis 25. Rovember.
Im ganzen deutschen Vaterland werden in der Zeit vom 20. bis 25. November die ehrenamtlich tätigen Helfer des Deutschen Winterhilfswerks sich von Wohnungstür zu Wohnungstür begeben, um ein Scherflein für das große Hilfswerk des deutschen Volkes zu erbitten. Viel ist schon gegeben worden, aber die zu lindernde Not ist auch sehr groß.
Volksgenossen! Betrachtet die Arbeit der ehrenamtlich tätigen heiser des winterhilfswerks nicht als eine Belästigung und geb jeder nach seinen Kräften.
Denkt an die Zeit, wo wir alle mit offenen Augen zur Ohnmächtigkeit verurteilt, langsam in den Abgrund trieben. Vergeßt nie die einzigartige Tat des Führers, der durch feinen Willen und durch die Kraft der Idee diesem Hintreiben Einhalt gebot.
Vergeht nie, daß ihr in euren Unternehmungen wieder eine aufwärts entwickelnde Bewegung erfahren habt: vergeßt nie, daß Millionen arbeitsloser
Volksgenossen wieder in Arbeit und Brot gekommen sind.
Vergeßt nie, daß nur durch den Zusammenschluß aller Volkskreise und daß nur durch die Kraft der Gemeinschaft das Leben der Nation überhaupt gesichert ist.
Glaube niemand, daß er seine Opferbereitschaft schon übersteigert hat, und glaube niemand, daß er durch seine bisherigen Spenden der Pflicht der Gemeinschaft gegenüber genügt hat.
Rur dauerndes Vorwärtstreiben und beharrliches Anrennen gegen die Rot kann auch dir.
Volksgenosse, der du heute in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen lebst, diese sichern.
Volksgenossen! weist deshalb keinen Helfer des Winterhilfswerks, der für feine notleidenden Brüder sich in aufopfernder Tätigkeit zur Verfügung stellt, ab und gebe jeder nach seinen Kräften.
einem neuen Herzen, so wollen wir gerade in diesem Stück auf GottesGnade vertrauen. Er sendet ja denen, die ihn bitten: „Schafs in uns, Gott, ein reines Herz!" den großen Umgestalter des Menschenherzens, Jesus Christus, und verkündet uns durch ihn, daß Bußtag Gnadentag ist, an dem wie an keinem andern Tage des Jahres gegenüber unferm engen Herzen die Botschaft der göttlichen Barmherzigkeit gilt: „Gott ist größer als unser Herz" (1. Joh. 3, 20). Und der Weite und Tiefe dieses großen barmherzigen Daterherzens kann sich unser enges Herz auf die Dauer nicht verschließen. Es muß sich der göttlichen Gnade öffnen. Und je mehr es das tut, um so weiter und liebevoller wird das einst so enge Herz.
Deutsche Arbeitsfront.
NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude".
Achtung! winterfportter!
Winterurlaubszug der NS.-G. „Kraft durch Freude" 25. Dezember bis 2. Januar, Erzgebirge (Schwartenberg), ein vorzügliches Gebiet für Wintersport und durch seinen Waldreichtum für schone Spaziergänge in den Winterwäldern geeignet.
Sowohl der Wintersportler als auch der Urlauber wird reichlich auf feine Kosten kommen.
Die Abfahrt ab Frankfurt erfolgt am 25. Dezember, abends. Die Rückfahrt beginnt am 1. Januar, nachmittags. Am Spätnachmittag ist ein mehrstündiger Aufenthalt in Chemnitz vorgesehen. Die Weiterfahrt erfolgt nach dem gemeinsamen Abendbrot. Ankunft in Frankfurt am 2. Januar, früh.
Kosten 33,— RM. In dem Preis sind die Kosten für die Fahrt, Verpflegung und Quartier einbegriffen.
Anmeldungen werden bis zum 6. Dezember auf der Geschäftsstelle der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", Schanzenstr. 18, entgegengenommen.
Verwaltungsstelle 19 Gießen.
Wir weisen unsere Mitglieder darauf hin, daß Anträge auf Erwerbslofenunterstützung bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und Erwerbsunfähigkeit nur noch entgegengenommen werden können, wenn dieselben sofort zu Beginn des einzelnen Falles gestellt werden. Eine nachträgliche Beantragung von Unterstützung ist also zwecklos.
Heil Hitler!
C h. Schmidt, Verwaltungsstellenwalter.
Geheimrat Prof. Dr. König 75 Jahre alt.
In bester Frische kann am heutigen Dienstag, 20. November, der Geheime Hofrat Professor Dr. Walter König, der langjährige Ordinarius für experimentelle Physik und Direktor des Physikalischen Instituts der Universität Gieße,i, seinen 75. Geburtstag begehen.
Geheimrat König entstammt einer alten Kaufmannsfamilie in Berlin. Er besuchte dort das Werder-Gymnasium und studierte dann in Tübingen und Berlin, war Schüler des bekannten Physikers von Helmholtz, promovierte im Sommer 1882, arbeitete dann bei Helmholtz und war hierauf von
Ostern 1883 bis Ostern 1887 Assistent bei dem Experimentalphysiker Professor Quincke in Heidelberg. Von Ostern 1887 bis zum Herbst 1892 wirkte er als Assistent bei Professor Wiedemann am Physikalischen Institut in Leipzeig, wo er sich im Sommer 1887 habilitierte und im Sommer 1891 außerordentlicher Professor wurde. Von Oktober 1892 bis Ostern 1900 war er als Dozent des Physikalischen Vereins zu Frankfurt a. M. tätig, am 1. April 1900 ging er als außerordentlicher Professor nach Greifswald, wo er am 1. Juli 1901 zum ordentlichen Professor ernannt wurde. Am 1. April 1905 übernahm er als Nachfolger von Professor Drude das Ordinariat für Experimentalphysik und zugleich die Stelle des Direktors des Physikalischen Instituts der Universität Gießen, lieber ein Viertel- jahrhundert wirkte er in dieser Amtsstellung in fruchtbarer Weise. Im Jubiläumsjahr 1907 war er Dekan der Philosophischen Fakultät, vom 1. Oktober 1911 bis 30. September 1912 stand er als Rektor an der Spitze unserer Landesuniversität.
Die zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen des Gelehrten behandeln meist Probleme der Hydrodynamik und der Optik, hier vornehmlich Fragen der künstlichen Doppelbrechung. Geheimrat König war viele Jahre Herausgeber der Beiblätter der „Annalen der Physik", weiter gab er eine Neubearbeitung von Drudes Physik des Aethers heraus und widmete seine Kraft besonders der Herausgabe des Lehrbuches der Experimentalphysik von Lommel, das er von der 10. bis zur 30. Auflage
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Roman von Klothilde v. Stegmonn.
20 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Dann war ihr guter Ruf unrettbar dahin und ihres Bleibens als Sekretärin Robby Hermans nicht länger. Sie kannte feine reine und vornehme Denkweise. Ein schmutziger Klatsch über ihn und eine Sekretärin — so etwas mochte vielleicht ein Studczynski hingehen lassen, niemals aber ein Mensch wie Robby. "Er war darin, wie in allem anderen, der würdige Nachfolger von Direktor Rudolf Kutschner.
Aber damit war cs noch nicht genug. Mußte man von Studczynski nicht bas Schlimmste befürchten? Vielleicht deutete er Robby gegenüber etwas von ihrer Beziehung zu Kutschner an. Wie würde sie bann vor Robby Herman bastehen? Als eine falsche Kokette, bie ben einen Mann gegen ben an» bereu auszutauschen suchte.
Freilich, auch Robby Herman hatte unrecht an ihr gehanbelt. Er hatte ihr verschwiegen, baß er verheiratet war. Unb jetzt erst kam sie zum vollen Bewußtsein ihres ganzen Unglücks.
Robby Herman war nicht mehr frei! An eine lünbcre Frau gebunden! Tausendmal hatte sie sich gesagt, daß er nun unb nimmer gleiche Gefühle für sie Ihegen könnte, wie sie für ihn. Unb boch, ihr zuckenbes .Herz spürte: über alle Vernunft hinweg hatte boch iin ihr ein süßer Glaube gelebt: ber Glaube, baß .auch sie ihm etwas bebeuten könnte.
Nun war alles vorbei. Er hatte fein Spiel mit iihr getrieben! Er hatte vielleicht geglaubt, eine Ileichte Beute in ber Unerfahrenen zu finben. Aber iba hielt sie inne Was war nur mit ihr? Hatten ibenn bie bösen Worte Stubczynskis auch sie selbst 'schon vergiftet? Wie kam sie bazu, bem geliebten ' Manne auch nur einen Vorwurf zu machen? Hatte ' er irgenbein Wort von Liebe zu ihr gesprochen? -Irgend etwas getan, was sie berechtigen konnte, 'auf feine Neigung zu hoffen? Nichts! Die Ereig- miffe gestern abenb gaben ihr keinerlei Recht, ihm Vorwürfe zu machen. Sein Verhalten war nur ibiftiert worben von einem Mitleibsgefühl. Nichts .anberes hatte er in ihr gesehen als einen abge= .arbeiteten Menschen, zu bem er gut gewesen. Ver- imutlich würbe er in jebem ähnlichen Falle genau sso gehanbelt haben.
Nein, wie schwer auch alles war, sie bürste es ffid) nicht leichter machen burch Vorwürfe gegen ihn. '.Der Fehler lag bei ihr. In boppeltem Sinne.
Denn auch bie Sache mit Kutschner hätte längst zur Klarheit kommen müssen. Hätte sie sich eher für »der gegen Kutschner entschieben — biefer Stub- oc3t)nffi hätte ihr niemals ben Vorwurf ber Heuchelei machen können.
Nun war bas eine wie das anbere rettungslos verwirrt.
Mübe machte sie sich auf ben Rückweg. Sie war froh," als sie einen Autobus sah, ber m Richtung Wannsee fuhr. Ihre ©lieber waren wie Blei. Sie hätte nicht zu Fuß heimgehen können. Inmitten lär- menber unb fröhlicher Ausflügler fuhr sie bann zurück. Sie vermochte nicht zu benfen. Sie sah nur immer Stubczynskis höhnisches Gesicht. In ihren Ohren klangen seine bösen Worte wider.
*
Rudolf Kutschner hatte zuerst sehr schwer unter der Trennung von Edelgard gelitten. Von Tag zu Tag hatte er auf ihre Briefe und eine endgültige Entscheidung gewartet.
Allmählich aber ergriff ihn das fieberhafte Tempo der amerikanischen Metropole. Hier war keine Zeit, um zy träumen. Hier war alles bis zum Siedepunkt erhitzte Tätigkeit. Hier lebte man ganz ber Gegenwart, hatte nicht Muße, bauernb rückwärts zu schauen.
Kutschner fühlte sich beruflich ganz in seinem Element. Jetzt erst konnte er so großzügig arbeiten, wie er es sich erhofft. Der Wagemut ber Amerikaner war burch keinerlei Krisen zu bämmen. Schon interessierten sich befreunbete Konzerne für bie Fortschritte auf bem Gebiet ber Farbenfilm-Photographie.
Besonbers eine Konkurrenzfirma zeigte Neigung, mit Kutschners Firma zusammenzugehen. Merkwür- bigerweise aber war ber Chef biefer Firma eine Frau, Mistreß Dorothy Kelvey. Kutschner kannte sie schon. Sie war eine bekannte Chemikerin unb in ihrer Mäbchenzeit eine ber bekanntesten Dozentinnen an einer großen amerikanischen Universität gewesen. Dann hatte sie sich mit Mister John Kelvey verheiratet, ihn aber nach kurzer, glücklicher Ehe verloren. Allgemein hatte man angenommen, Mistreß Kelvey würbe sich einen tüchtigen General- bireftor nehmen. Aber sie selbst war ihr eigener Generalbirektor geworben.
Schon zu Lebzeiten ihres Mannes neben ihm tätig, nahm sie jetzt mit äußerster Energie bie Leitung ber Firma Kelvey in bie Hanb. Gestützt auf einen tüchtigen Mitarbeiter, gelang es biefer Frau, bie Firma nicht nur zu erhalten, fonbern noch weiter aufwärts zu führen.
Kutschner hatte seinerzeit, ehe er bie Leitung seiner Firma in Deutschlanb übernahm, wegen einer Anstellung in ben Kelvey-Werken mit der neuen Inhaberin verhandelt. Aber nach jahrelangem Aufenthalt in Uebersee hatte ihn die Sehnsucht nach ber Heimat bas Angebot Mistreß Kelveys ablehnen lassen.
Beibe hatten ooneinanber einen sehr marinen unb guten Einbruck gehabt. Sie waren sich vielleicht ein wenig ähnlich, ruhig, klar unb gütig, wie sie waren, babei von einer zähen Arbeitsfreube.
Um so größer war jetzt Kutschners Freube, als er geschäftlich mit Dorothy zu tun bekam.
Die erste Besprechung fanb in Mistreß Kelveys Büro statt. Mit ausgeftredten Hü:.>n kam Dorothy Direktor Kutschner entgegen. Ein freudiges
Lächeln erhellte ihr feines, etwas schwermütiges Gesicht.
„Wie schön, Mister Kutschner, daß unsere alten Beziehungen sich wieder anknüpfen. Sehen Sie, so kommt man doch wieder zusammen."
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Mistreß Kelvey." Er erwiderte ihren Händedruck herzlich. „Ich hoffe, daß wir geschäftlich recht gut miteinander auskommen werden."
Nur geschäftlich!, dachte Dorothy bei sich; aber sie sprach es nicht aus. Sie hatte die ganzen Jahre viel an Rudolf Kutschner gedacht. Nach dem Tode ihres Mannes mar er der erste gewesen, dem gegenüber ihr Herz etwas wärmer geschlagen. Sie hatte damals gehofft, ihn durch eine glänzende Stellung an ihre Firma fesseln zu können — und vielleicht auch persönlich ihm näherzukvmmen.
Sein Entschluß, nach Deutschland zu gehen, hatte diese leise Hoffnung im Keime zerstört. Ab und zu hatte sie von ihm gehört. In Fachzeitschriften würbe sein Name immer häufiger als der eines Pioniers der Wissenschaft genannt.
Von seinen privaten Verhältnissen wußte sie nur, daß er noch unverheiratet mar. Während sie nun zu arbeiten begannen, schmeiften ihre Gedanken hin unb roieber ab. Das passierte ihss .sonst eigentlich niemals. Aber jetzt mußte sie boch heimlich immer roieber ihn ansehen unb feststellent Rubolf Kutschner war zwar älter geworben, aber er gehörte au jenen Männern, bie erst auf ber Höhe ihrer Reife auch äußerlich vollkommen würben. Er war in lanbläufigem Sinne kein schöner Mann, aber seine Stirn hatte sich im Laufe ber Jahre immer geistvoller ausgeprägt. Die Gesichtszüge waren immer ausbrucfsooller geworben. Willenskraft unb Klugheit stauben in ben Augen.
Der Munb aber verriet bie ganze weiche Güte feines Herzens.
Dorothy mußte sich zwingen, ihre Gebanken immer roieber auf bie Darlegungen Kutschers zu konzentrieren. Aber schließlich rourbe sie von seinen kühnen Kombinationen unb feinem geschäftlichen Weitblick boch mit fortgerissen.
Unb halb arbeiteten biefe beiben Menschen so vertieft unb in so restloser Uebereinftimmung, als wäre ihr Gehirn von ben gleichen Gebauten erfüllt.
Sie schraken beinahe auf, als es klopfte. Das Geräusch kam von einer kleinen Tapetentür gegenüber bem Eingang zu Mistreß Kelveys Zimmer.
„Oh", sagte Dorothy, „eutschulbigen Sie bitte, Mister Kutschner — bas finb meine Kinber. Ich vergaß ganz. Ich hotte ihnen ja versprochen, mit ihnen auszufahren. Aber nun geht es natürlich nicht. Wir finb ja noch lange nicht fertig."
Sie öffnete bie Tapetentür. Im selben Augenblick stürzten, rote zwei weiße Wollkuäucl, zwei Kinber auf sie zu: ein kleines Mädchen dessen blonde Locken unter einem weißen Herrn, linmützchen hervorquollen, unb ein kleiner Junge mit braunem
Haarschopf unter ber kleinen Kappe. Unb plötzlich war das ganze Zimmer erfüllt von Lachen unb Zwitschern, von süßen Kinberstimmen, in bie bie bunfle Stimme ber Mutter tönte.
„Eutschulbigen Sie, Mister Kutschner, ben lieber- fall!"
Dorothy roanbte sich zu ihm um. Ihre schwermütigen Züge waren plötzlich hell, von unnennbarem Glück erfüllt.
„Die kleine Gesellschaft ist etwas stürmisch. Aber sie haben ihre Mutter so selten, baß sie es hoppelt aysnützeu müssen. Ja, leiber kann ich nicht mitfahren, Kinber", sagte sie, unb umfaßte bie Kin- ber zärtlich. „Nicht traurig fein! Mutti kommt heute abenb etwas zeitiger zurück unb bringt euch etwas Schones mit/'
Enttäuscht schaute ber kleine Junge zu ber Mutter auf, unb in ben blauen Augen bcs kleinen Mäb- chens schimmerten Tränen.
Die Nurse, bie bescheiben im Hiutergrunb geftan- ben hatte, kam herein.
„Aber eine kleine Laby wirb boch nicht meinen", sagte sie beruhigeub zu bem kleinen Mäbchen. „Kommt nur, wir wollen Mutter jetzt nicht stören!"
Kutschner taten bie enttäuschten Gesichter ber Kinber sehr leib.
Würben Sie gestatten, Mistreß Kelvey, baß ich an Ihrer Stelle mit ben Kleinen fahre? Wir beibe finb ja in einer Viertelstunbe fertig. Wenn bie Kinber solange unten warten wollen?^
„Aber bas kann ich boch gar nicht annehmen, Mister Kutschner!"
„Sie würben mir eine Freube machen, Mistreß Kelvey. Ich habe Kinb sehr — lehr gern! — Würbet ihr mich wohl mitnehmen?" wanbte er sich an bie Kinber. „In Victoria-Street ist ein großes, neues Marionetten-Theater — im Vorbeifahren habe ich es gesehen. Ich mürbe mich freuen, roenn ihr mich bahin begleiten roürbet."
Die Kinber schauten nun mit leudjtenbcn Augen zu Kutschner auf.
„Du barfft uns begleiten", sagte bas kleine Mäh- chen mit ber Miene einer kleinen Dame. „Nicht roahr, Bob, mir erlauben es ihm?"
Bob sah prüfenh in Kutschners Gesicht.
„Ich henke, ja", erklärte er entschieben.
„Aber nicht lange märten lassen", fügte bas kleine Mäbchen hinzu. „Wie Bob neulich zu spät zum Frühstück gekommen ist, hat Mutter gesagt, baß man eine Dame nicht märten läßt."
Dorothy Kelvey lachte auf. Aber Kutschner sagte ernsthaft, inbem er bie Hanb bes kleinen Mäbchens küßte: „Du hast ganz recht mit beiner Mahnung. Es wäre fehr unhöflich von mir, euch warten zu lassen Ich bin bestimmt in einer Viertelstunbe unten."
Lachend und schmatzend entfernten sich die K'nder, an der Hand der Nurse.
(Fortsetzung folgt 1)


