Wehr und Waffen
Ok-
Das Heldenheer der Kriegsfreiwilligen. Don unserem militärischen Mitarbeiter.
Die kleine Gruppe junger Leute, die zur Ablegung der psychologischen Offizier-Prüfung b e i einer psychologischen Prüfstelle versammelt ist, setzt sich durchweg aus Angehörigen der obersten Klasse höherer Lehranstalten zusammen; einzelne — soweit sie Sanitäts- oder Veterinäroffiziere werden wollen — sind sogar schon beim Unioersitätsstudium begriffen. Die Neugierde auf die Themen zum schriftlichen Teil des Examens, der sogenannten „Intelligenz-Prüfung" ist groß. Wird man uns mit klassischen Aufsätzen, mit Mathematik oder Geschichte kommen? Alles das wäre doch eigentlich widersinnig, für solche Dinge ist schließlich das Abitur zuständig. Militärisches Wissen? Kann eigentlich auch nicht verlangt werden, denn das soll man ja später erst erlernen!
Und siehe, es ist alles anders gekommen, als man gehofft oder gefürchtet, — -es erscheint sonderbar einfach, ist aber vielleicht gerade darum schwieriger, als die Phantasie es sich ausgemalt
hatte ...
Und dann, pünktlich zur anbefohlenen Zeit, befindet sich der Prüfling allein vor den Männern, deren Aufgabe es ist, über seine Eignung als künftiger Soldat und Offizier zu entscheiden. Der Leiter der mündlichen Prüfung bittet den jungen Mann, frei und natürlich über seinen Lebenslauf zu berichten. Man erzählt also vom Elternhaus, von Schule, Freunden, Freizeit und wie man sie ausgefüllt' hat. Und für das geschulte Ohr des Psychologen entsteht zum Greifen deutlich ein „Milieu", — während das sicher geübte Auge in Haltung, Sprechweise und Ausdruck des Prüflings das äußere Bild der Erscheinung in sich aufnimmt, Pose und Natürlichkeit scheidet.
Für den künftigen Soldaten und Offizier ist es — mehr noch als in anderen Berufen — von entscheidender Bedeutung, daß er einen raschen Entschluß fassen, ihn kurzfristig in die £at umsetzen und mit einem ausreichenden Maß von Willen durchführen kann. Dies ist das eine; aber ganz abgesehen von der — intelligenzmähig bedingten — Richtigkeit oder Unrichtigkeit des jeweiligen Handlungsprozesses — gilt es ja auch festzustellen, mit welchem Willenseinsatz, mit welchem Aufwand von Energie die jeweiligen Leistungen durchgeführt werden, ob und in welchem Umfange es dem Prüfling gelingt, seinen Willen anderen Personen aufzuzwingen, — kurz ob die Art seines Handelns den Anforderungen entspricht, die man an einen künftigen Erzieher und Führer im Umgang mit seinen Untergebenen stellt. Und endlich gilt es noch, ein möglichst zuverlässiges Urteil darüber zu gewinnen, wie der Prüfling „reaktiv" (also ohne Zuhilfenahme der Ueber- legung) unter dem Einfluß kurzer oder langdauernder Reize handelt. Die Summe all dieser Untersuchungen wird in der sogenannten „H a n d - lungs-Analyse" zusammengefaßt, eine Prüfung, die wegen ihrer Vielseitigkeit zweifellos zu den interessantesten Teilstationen des Examens gehört.
Es ist also eine, auf langjährigen praktischen Erfahrungen beruhende Reihe von Befehlen auszuführen, weshalb man für diesen Teil der Prüfung den knappen Ausdruck „B e f e h l s r e i h e" geprägt hat: DerPrüfling ist irn Drillichanzug; weisungsgemäß rüstet er sich mit Stahlhelm, Tornister, Koppel und Karabiner aus. Und nun hat er gewisse Hebungen zu erfüllen, die Körperbeherrschung, Geschicklichkeit und rasches Nachdenken erfordern. Er wird hierbei hart und mit militärischer Kürze angefaßt, denn i er soll sich in dieser halben Stunde darüber klar ‘ sein, daß er ein Höchstmaß körperlicher und geisti- i ger Anspannung aufzubringen hat. Und dies ist i das wesentliche. Der junge Mann, über den hier = ein Urteil gefällt, wird, kann bei diesem oder jenem - Punkt der „Befehlsreihe" versagen, — nicht das ; ist entscheidend, — aber der militärische und wissen- - schaftliche Prüfer erkennt mit scharfem Blick, was l das für ein Mensch ist, der sich dort abmüht; er - sieht, welches Maß von Eifer, Willen und Konzen- ) tration er einsetzt — und auf dieses kommt es an, - weniger auf das Leiftungsergebnis an sich.
l Danach die „F ü h r e r p r o b e". Der Prüfling - erhält einige kurz umriffene Aufgaben, teils prak- - tifcher, teils theoretischer Art; er hat sie indessen . nicht selbst zu lösen, sondern er soll einigen — für ! diesen Zweck kommandierten — Soldaten in Gegen-
PUG. Als die Oberste Heeresleitung Mitte tober 1914 vor dem Zusammenbruche ihrer „großen Hoffnung von Arras^ stand, als der dritte Versuch, den Krieg an der Westfront durch eine gewaltige Umfassungsoperation doch noch „vor dem Blätterfallen" siegreich zu beenden, ebenso wie die zwei vorhergeschlagenen Riesenschlachten, vor Paris und an der Aisne, gescheitert waren, stand der Oberste Leiter der deutschen Operationen, General v on Falkenhayn, vor der ungeheuren Aufgabe, in einer ganz neuen grundlegenden Operationsidee noch einmal, diesmal wenigstens vor dem Anbruch des Winters, die Niederringung der franzo- fifch-englifch-belgifchen Armeen im Westen zu versuchen. In diesem historischen Augenblick wuchs ihm eine neue Kraft zu, auf die Falkenhayn feit der Uebernahme der Leitung der Geschäfte des Generalstabes des Feldheeres sehnlichst gewartet hatte: die junge Heeresmacht der Kriegsfreiwilligen, die um die Oktobermitte, nach vollendeter Ausbildung, bereitstand, an die Front zu gehen, im Herzen den heißen Wunsch, die jugendliche Kraft mit dem Feinde zu messen, teilzuhaben am Schutze des Vaterlandes, endlich den vom ganzen Volk ersehnten Sieg an die deutschen Fahnen zu
düng wurde der 10. Oktober 1914 bestimmt.
General von Falkenhayn, dessen persönlicher Jni- i tiative die Schaffung der neuen Reserve-Armee zu - verdanken war, hatte nicht verkannt, „daß die 1 Durchführung der Maßnahme nur mit Anspannung ■ aller Kräfte geleistet" werden könnte, hatte aber : auch feiner Ueberzeugung Ausdruck gegeben, „daß 1 der Eifer und die Hingabe aller Führer wie die bewährte Vaterlandsliebe und Begeisterung unserer Leute das Werk zum Segen des Vaterlandes gelingen lassen" würden. Als der General dann am 15. September die Leitung des Generalstabes übernahm, rechnete er damit, etwa einen Monat später über den neuen Kraftzuwachs des Heeres verfügen zu können. Doch zunächst schien die Erfüllung dieser Hoffnung bedroht. Der Stellvertretende Kriegsminister, Generalleutnant v. Wandel, richtete ein Schreiben an General von Falkenhayn, in dem es hieß: „Euer Exzellenz bitte ich dringend, dem Wunsch nach einer frühzeitigen Verwendung der Reservekorps bestimmt entgegenzutreten. Jeder Tag, der ihnen länger zur Ausbildung und Festigung gewährt wird, ist von außerordentlicher Bedeutung". Aber der Leiter der Operationen stand vor den ersten großen Ent- fcheidungskämpfen, die er zu verantworten hatte, soeben waren die Siegeshoffnungen der ersten Kriegswochen an der Marne begraben worden, und so konnte General von Falkenhayn sich nicht entschließen, auf die schnellstmögliche Verwendung der jungen Korps an der Kampffront zu verzichten. Trotz der Warnung General von Wandels befahl er die Kampfbereitschaft der Kriegsfreiwilligen- Formationen spätestens von Mitte Oktober ab.
Was kaum glaublich erschienen war, gelang. Am 9. Oktober konnte General von Wrisberg, Chef der Armee-Abteilung im preußischen Kriegsministerium, an den Leiter der Operationen im Großen Hauptquartier die Meldung senden: „Die Korps sind marschbereit". Aber es war in so kurzer Zeit nicht möglich gewesen — so schreibt General a. D. v o n Kuhl, damals Generalstabschef der 1. Armee (von Kluck) in seiner Geschichte des Weltkrieges —, „die Truppe so weit auszubilden, daß sie sofort an einer schwierigen Kampffront eingesetzt werden konnte". Als organisatorische Leistung Der Kriegsministerien und Stellvertretenden Generalkommandos war die Bereitstellung der neuen Reservekorps in weniger als zwei Monaten bewundernswert, aber „in ihrer Bewertung mußten die Neubildungen" — sagt das deutsche Generalstabswerk des Reichsarchivs — „ ais völlige Improvisationen angesprochen werden". Die Korps vereinigten in sich den Ueberschuß an wehrfähiger Volkskraft, der bei der Mobilmachung in der planmäßigen Aufstellung des Heeres keine Verwendung gefunden hatte. Die Mannschaft bestand überwiegend aus unausgebildeten Kriegsfreiwilligen, zum Teil aus Rekruten, zum geringeren Teil nur aus schon im Frieden Gedienten, deren Militärzeit aber meist so weit zurücklag, daß sie der militärischen Schulung schon völlig'entwachsen waren. 61 v. H. vom Gesamtdurchschnitt der Mannschaft
Die Offizier-Prüfung im Reichsheer
Psychologie im Dienste der Auslese.
Don Werner v. Borsteil, Hauptmann a. O.
Südslawiens Wehrmacht.
Das Werk und Erbe König Alexanders.
Don Oberstleutnant Hans Rohde.
Die südflawenifche Wehrmacht hat in diesen lagen ihren auf fremdem Boden durch Mörderhand gefallenen König und Obersten Kriegsherrn, mit ihm zugleich aber auch den Mann zu Grabe getragen, dessen Werk sie ist. Mehr denn je liegt heute und in den nächsten Jahren das Schicksal Südslawiens auf ihren Schultern. Mehr als anderen galten ihr die letzten Worte ihres toten Königs: „H ü t e t S ü d f l a w i e n". Ein Bild von ihr, ihrem Aufbau und Aussehen, dürfte deshalb heute auch in weiten Kreisen Deutschlands interessieren, das in ihr beziehungsweise ihren altserbischen Stamm seit jeher einen seiner heroisch st en Gegner im Weltkrieg gesehen hat.
Die südslawische Armee hat bei einem Flächeninhalt Südslawiens von 247 542 Quadratkilometern und einer Einwohnerzahl von 13,9 Millionen nach den Angaben des vom Völkerbund herausgegebenen „2Innuaire militaire" 1933 eine Friedensstärke von 6741 Offizieren, 10 487 Unteroffizieren und im Jahre durchschnittlich 102 514 Mann. Sie ist auf- gebaut auf der allgemeinen Wehrpflicht mit einer Gefamtdienstzeit von 30 Jahren und einer aktiven Dienstzeit von 18 Monaten und in fünf Armeen mit im ganzen 16 Infanterie-Divisionen, zwei Kavallerie-Divisionen, einer Garde-Division in Belgrad, sowie Grenzschutzformationen und Gendamerieformationen gegliedert. Die Armeen bestehen aus drei bis vier Änfanterie-Divk- fionen zu je drei bis vier Jnfanterie-Negl'mentern und zwei leichten Artillerie-Regimentern, aus einem mittleren Artillerie-Regiment und Nachschubverbän- den. Ihre Generalkommandos befinden sich in Neusatz, Serajewo, Uesküb, Agram und Nisch. Die beiden Kavallerie-Divisionen sind selbständig und dem Kriegsministerium unmittelbar unterstellt. Sie bestehen aus zwei Brigaden zu je zwei Regimentern, einem Radfahr-Bataillon und einer reitenden Artillerie-Abteilung, die Infanterie-Regimenter aus zwei bis vier Bataillonen zu je drei bis vier Schützenkompagnien und einer Maschinengewehrkompagnie sowie aus einem Jnfanterie-Geschütz-Zug, die leichten Artillerie- Regimenter aus zwei Abteilungen zu je drei Batterien, die mittleren Artillerie-Regimenter ans je einer Abteilung schwerer Feldhaubitzen und 10-Zentimeter-Kanonen. Von den beiden leichten Artillerie-Regimentern der Infanterie-Divisionen führt das eine nur Feldkanonen, das andere nur leichte Feldhaubitzen und Gebirgsgefchütze.
Auch schwerste Artillerie ist in Gestalt von drei motorisierten selbständigen SIbteilunger. Mörser und 15-Zentimeter-Kanonen in ausreichendem Maße vorhanden, dagegen mangelt es ar Kampfwagen. Südslawien dürfte zur Zei: kaum über mehr als zwei KampfwagenkompagnM mit im ganzen vielleicht 20 Kampfwagen verfügen Recht stark sind dafür aber heute schon die ßufl1 ftreitfräfte. Sie sind in zwei Fliegerbrigader zu je vier Regimentern zusammengefaßt und können heute bereits auf 21 Ausklärungs- und Beobach tungsstaffeln, acht Jagd-, sieben Tagbomben- uni sieben Nachtbombenstaffeln, im ganzen also auf * Staffeln mit zusammen rund 470 Flugzeugen, einschließlich der Fabrik- und Sepotreserve sogar ou' 700 Flugzeuge geschätzt werden. Ihre Verstärkt auf zehn Regimenter ist geplant, wie ebenso aut Bestrebungen im Gange sind, die auf eine roefent liche Vermehrung der Kampfwagenwaffe hinzielee
Soweit der innere Aufbau der südslawischen M mee. Er wurde nicht unerheblich erschwert durch di'i finanziellen Schwierigkeiten,mitW Südslawien feit feiner staatlichen Neubildung bei Kriegsende zu kämpfen hatte und heute noch 3U kämpfen hat. Sie hatten zur Folge, daß im gangenen Jahre sogar aus Ersparnisgründen d- Jnfänterie-Bataillone, 26 leichte Batterien, W Bataillone technischer Truppen und 16 Fahrers' drons wieder aufgelöst werden mußten, erst in den Jahren vorher aufgestellt worden wahren. Ihre Auflösung hat aber den inneren der südslawischen Armee in keiner Weise beeintra^ tigt. Die südslawische Armee ist trotzdem auch W-Uis noch d i e beste und kriegsfertigste mee ganz Südosteuropas, und zwar nw* zum wenigsten dank der Güte und besonderen sow^ tischen Eigenschaften feines Menschenmaterials um der hohen Stufe, auf der in Bezug auf Ausbildung! und Dienstfreudigkeit das von einem glühenden P" triotismus beseelte Offizierskorps steht., besteht zum größten Teil aus Altserben und ergänz sich einmal aus Zöglingen der Militärakademie- » Belgrad sowie aus jungen Leuten, die auf auslflj dischen Militärschulen studiert haben, sowie fern» aus Offizieren und Unteroffizieren der Reserve, o durch eine besondere Prüfung ihre Geeignetheit zvw , aktiven Offizier nachgewiesen haben.
Ein Schwächemoment der südslawischen Zinn? ; an dem aber mehr oder weniger alle Armeen öu Osteuropas leiden, ist allerdings ihre Bewasll
gab der Zuversicht Ausdruck, „daß der überall in den Reseroetruppen hervortretende feste energische Wille, das Beste zu leisten, noch vorhandene Mangel im Felde sicherlich bald verschwenden lassen Lerde". Weniger zuversichtlich berichtete der stellvertretende Kommandierende General des Gardekorps, von Loewenfeld: „Dee Infanterie kann, wenn auch in ihren Entfaltungen noch etwas bedächtig, als ausgebildet angesehen werden. Bel der Feldartillerie macht sich der Mangel an Offizieren störend bemerkbar... Weniger gut steht es mit der taktischen Durchbildung der Führer. Diese mußten vorwiegend aus inaktiven Offizieren von teilweise recht hohem Lebensalter entnommen werden... Was am meisten fehlt, ist em Gefühl für die Gefährdung durch die feindliche Artillerie bereits auf große Entfernungen; daher das harmlose Vorgehen in d i ck en Masse n seitens aller Waffen auf verhältnismäßig kurzen Abstand vom Gegner. Ferner fehlt das Verständnis für das richtige Zusammenwirken der Waffen, nicht nur bei der Artillerie, sondern auch bet der Infanterie." , _ fe ,
Trotzdem entschloß sich General von Falkenhayn, von den zunächst verfügbar werdenden sechs neuen Korps fünf im Westen, eins in Ostpreußen einzusetzen, weil er eine Hinausschiebung bei der vorliegenden Schwierigkeit der operativen Lage nicht für angängig hielt. So beschloß er, von den fünf für den Westen bestimmten Korps vier zur neuen, im Norden der Westfront die Entscheidung suchenden Offensive, entlang der Meeresküste einzusetzen, und das fünfte der noch immer im Raume zwischen Verdun und Toul stehenden Armee-Abteilung von Strantz zu überweisen. Anscheinend hoffte General von Falkenhayn, daß der stürmische Angriffswille und die Schwungkraft der neuen Korps alle Mängel, die ihnen sonst anhafteten, ausgleichen würden. Auch scheint er sich der Erwartung hingegeben zu haben, daß die neuen Korps bei ihrem Stoße in
waren ungedient." Wie stark der Anteil der Studenten und der Schüler höherer Lehranstalten war, ergibt die Ziffer von 1810 Studenten und Schulern bei der in Berlin und Umgegend ausgestellten 43. Reserve-Division. . .
Die Aufstellung der Korps war ohne lebe Fne- bensoorbereitung mit uneingearbeiteten Staben erfolgt. Das Lehrperfonal mußte zunächst selbst lernen, ehe es lehren konnte. „Die Bewaffnung, Kleibung unb Ausrüstung... wiesen mancherlei schwer- miegenbe Mängel auf." Die größten Schwierigkeiten bereitete bie Führerfrage. Aktive Offiziere ftanben nur in ganz geringer Anzahl zur Verfügung. Die Kommanbostellen mußten über» wiegenb mit verabschiebeten ober zur Disposition gestellten Offizieren besetzt werben, bie Kompanie- sührerstellen meist mit Offizieren bes Beurlaubtenstandes; als Zugführer mußten vornehmlich Offizierstellvertreter verwendet werden. Der größte Teil der höheren Offiziere „hatte meist feit langem nicht wehr Dienst getan und war fo mit den neuzeitlichen Anforderungen der Truppenführung, vor allem der Gefechtsführung, nicht mehr vertraut".
Aus diesen Erkenntnissen heraus hatte General von Wandel am 24. September ins Große Hauptquartier berichtet, daß nach seiner Meinung auch auf Grund der neueren Erfahrung „eine Verschiebung des Bereitstellungstermines dringend erwünscht" sei. „Am schwierigsten liegen die Verhältnisse bei der Feldartillerie, wo die Batterieführer meist ihren Aufgaben nicht gewachsen sind. Eine leistungsfähige Feldartillerie dürfte aber gerade bei solchen Neuformationen als Stütze der Infanterie von hohem Wert fein." Dieser Bericht veranlaßte den Kaiser, zwei kommandierende Generäle zu beauftragen, die jungen Korps auf ihre Verwendungsfähigkeit im Felde hin zu besichtigen. In feinem Bericht bezeichnete General Freiherr von Hoiningen, genannt von Huene, „alle Truppen als kriegsbrauchbar" und
die Flanke bes Gegners nur schwächeren Wiber« ftanb finben würben.
So zogen sie hinaus, mit Rosen in ben Gewehr, läufen unb frischem Laub an ihren Helmen. Wenige Tage später ftanben sie vor bem Feinbe, in ben fürchterlichen Kämpfen ber Yser- unb Ypern- schlachten. Der Franzose Le Go ff ic hat sie, in einer Beschreibung eines Angriffs bes XXII. Referve- korps so geschilbert: „Es waren meist junge Leute, fast Kinber. In der Trunkenheit des Handgemenges, Seite an Seite in Sechzehn-Reihen-Tiefe, haben sie nur eine gemeinsame große wilde Seele. Sie gehen im Tempo vor, kaum schwankend, wenn das Maschinengewehr sie faßt, — echte Söhne jener Germanen, die sich durch Ketten aneinanderschlossen, um nur einen Block zu bilden im Tode oder im Siege." Das junge Freiwilligen-Heer vom Oktober 1914 war die herrlichste Truppe, die die Welt je sah. Doch keine Bewunderung, keine Dankbarkeit darf darüber hinwegtäuschen, daß ihre Katastrophe in den flandrischen Schlachten ein unnötiger Verlust war. „Was wir in jenen Kämpfen an bestem deutschem Blute verloren haben, fo schreibt Generalleutnant a. D. K a b i f ch, damals Chef des Generalstabes des III. Reservekorps des Antwerpen-Eroberers General von Beseler —, weil Kampftechnik durch Begeisterung ersetzt werden mußte, hat unserem Heere in der Folgezeit furchtbar gefehlt — und fehlt uns noch heute. Die zukünftigen Führer lagen im Schlamm Flau- derns begraben!"
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Gewaltig war in den ersten Wochen nach dem Ausbruche des Krieges der Ansturm von Kriegsfreiwilligen zu den Fahnen gewesen. Der einmütige Wille des ganzen deutschen Volkes, das Leben für die Verteidigung der bedrohten Heimat hinzugeben, der hohe sittliche Schwung der vaterländischen Erhebung von 70 Millionen hatte in all denen, bie nicht im Rahmen ber Allgemeinen Wehrpflicht ben Solbatenrock trugen, ben flammenben Wunsch erzeugt, auch zur Fahne zu eilen unb irgenbroo an ben Fronten bie eigene Begeisterung, bas eigene Blut, ben eigenen Leib einzusetzen, nicht untätig in ber Heimat zu sitzen, währenb bie Armeen brau« ßen in blutigen Schlachten ftanben. So waren in ben zehn Tagen zwischen Mobilmachung unb bem 11. August mehr als eine Million beut- scher Männer ohne Unterschieb ber sozialen Schichtung freiwillig zu ben Meldestellen geeilt, um sich so schnell als möglich an die Fronten schicken zu lassen. Männer? Waren sie schon Männer, die Jungen mit den Schülermützen, die Studenten mit dem bunten Band über der Brust? Waren sie noch rüstige, kriegsfähige Männer, die Grau- und Weißhaarigen, die in der nie vergeßbaren Begeisterung jener Tage vor den Kasernen „Schlange standen", zitternd vor Ungeduld, ob man ihre freudige Hingabe auch nicht zurückweifen würde?
Viele mußten enttäuscht von bannen gehen. Nur eine im Verhältnis kleine Zahl konnte bas Vaterland gebrauchen. Bekleidung und Ausrüstung „überplanmäßiger Verbände" fehlte. So mußte, da das Heer auf die frische Kraft und die opferbereite Hingabefreudigkeit der jungen Mannschaft nicht verzichten wollte, in schneller Improvisation dafür ge- forgt werden, daß ihr Andringen aufgefangen wurde, und fo verfügte General von Falkenhayn, damals noch preußischer Kriegsminister, bereits am 16. August bie Aufste11ung von fünf preußischen Reservekorps; bem preußischen Beispiele folgenb, stellten auch Bayern, Sachsen unb Württemberg je eine Reserve-Division auf. Als Bereitschaftstag für bie mobile Derwen-
roart bes Prüfkollegiums barüber Unterricht erteilen. In biefem Augenblick muß sich ber Prüfling durchaus als Lehrer oder Instrukteur ühlen; er hat die ihm für kurze Minuten anvertrauten jungen Soldaten anzuleiten, daß fie — etwa eine Bastelaufgabe — rasch erfassen und weisungsgemäß ausführen. Oder er hat ihnen einen kurzen Vortrag über ein allgemeines Thema zu halten, oll ihnen ein im Prüfraum befindliches Bild erläutern und dergleichen. Das Wesen dieser Teilprüfung erschöpft sich — und das ist wichtig — keineswegs in ben Kenntnissen, bie ber Prüfling elbft über bie betreffend Materie hat, fonbern in erster Linie soll er vielmehr ben Nachweis erbringen über seine „Dominations-Gabe", b. h. es ergibt sich aus ber „Führerprobe", in welchem Maße es ihm gelingt, seinen Willen auf bie Zuhörer zu übertragen, sie zu fesseln unb vom Gegenstand seines Vortrages zu überzeugen. Gerade diese Prüfstation gibt dem Psychologen wertvolle Einblicke in die seelische Gesamtveranlagung der Persönlichkeit.
Mit einigen Worten sei dann noch auf die Reaktionsprüfung eingegangen, also auf den Teil der Handlungsanalyse, Der mit Hilfe technischer Apparate, aber auch unter dem geschulten Blick des prüfenden Psychologen, einen Einblick in das „reaktive" Handlungsvermögen bes Prüflings vermitteln soll. Hier gewinnt ber Charakterolvge ein ziemlich sicheres Bilb über bie Summe von biologisch (Nerven) unb charakterlich (Willen) bebingten Mitteln bes jungen Mannes. Währenb bie Methobe ber sogenannten „Moment-Reaktion" den Prüfling zum wiederholten, überraschenden Einsatz seiner Willensbetätigung zwingt, erfordert die Dauerreaktion für eine gewisse längere Zeit angespannte Aufmerksamkeit und Konzentration auf die gleichmäßige Betätigung einer maschinellen Apparatur. Beide^ Methoden sind deshalb wertvolle Hilfsmittel zur Beurteilung des Handlungsvermögens, weil ber Leiftungsbefunb Rückschlüsse auf bie voraussichtliche Haltung bes Offiziersanwärters in analogen Fällen bes späteren bienstlichen Lebens ermöglicht (z. B. Gefechtsschießen).
Damit finb in großen Zügen einige Hauptmerkmale ber Prüfung angebeutet. Haben bie geschil- berten Teilstationen bes Examens ben Prüfling als isoliertes Einzelwesen, als Beobachtungsobjekt, vor bem Gremium seiner ihm fremben militärischen unb wissenschaftlichen Prüfer gezeigt, fo bient bas sogenannte, „Schluß-Kolloquium" bazu, einen entspannten Ausklang zu schaffen. Hier sitzen bie jungen Leute in kamerabschaftlichem Kreise zusammen unb bebattieren unter Anleitung unb Anregung bes Prüfers frei unb ungezwungen über ein Thema, bas ihnen geläufig ist. Unb in biefem Abschluß eines ihnen allen gemeinsamen Erlebnisses gewinnen bie jungen Menschen nach ber Anspannung ber beiben Prüfungstage bas befreienbe Gefühl ihres Persönlichkeitswerts zurück, bas burch bie vorangegangenen harten Anforderungen in ben Hintergrund getreten war; diese gemeinsame Aussprache bildet den durchaus harmonischen A u s - klang der Prüfung, deren Teilergebnisse dann tags darauf in ernster Beratung sämtlicher Prüfer sorgsam gewertet und zum abschließenden Urteil zusammengefaßt werden.
Gewiß, nicht alle find berufen, in diesem Ausleseprozeß für den Führernachwuchs unserer Wehrmacht erfolgreich zu fein. Trotz bester charakterlicher Anlagen muß zuweilen das „Nein" ausgesprochen werden, weil das Gesamtbild der Persönlichkeit sich in einigen wesentlichen Punkten nicht deckt mit der verlangten Mindestsumme von Eigenschaften, die für den Offizier unerläßlich sind. Doch ' wo in solchen Fällen Hoffnungen getäuscht werden, i soll und darf dennoch keine Bitterkeit aufkommen. - Es ist ja mit diesem „Nein" kein allgemein - gültiges Werturteil ausgesprochen, und der i junge Mann, der nicht zum Soldatenberuf geeignet ■ scheint, — warum sott er nicht ein guter Kauf- - mann, ein pflichttreuer Beamter ober gar ein nam- , Hafter Gelehrter werben können? — Denn ber Sol- batenberuf ist etwas burchaus befonberes; mehr als I anbere Berufe erforbert er in sich geschloffene, har- - monische, geistig unb körkerlich gefunbe Naturen, i ein Grundsatz, ber für bie beutsche Wehrmacht, bie ' Quantität burch Qualität ersetzen muß, in ganz - befonberem Maße Gültigkeit haben muß.


