Nr. 220 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 20. September 1934
Oie pflege der Leibesübungen im BdM.
Der BDM., dessen Hauptaufgabe die Erziehung und Ertüchtigung der deutschen Mädels ist, hätte seinen Zweck verfehlt, wenn er nicht gerade auch auf die körperliche Ausbildung seiner Mädels großen Wert legte. Diese Ausbildung erschöpft sich nicht darin, daß wir singen, springen und wandern; gewiß, diese Dinge gehören auch dazu, ersetzen aber keine intensive sportliche Ausbildung des ganzen Körpers.
Bewußt sind deshalb bestimmte Pflichtstunden für alle BDIN.-Mädels angeseht worden, in denen nur Körperpflege getrieben wird. Dabei wollen wir nicht auf einzelnen Gebieten Hochleistungen erzielen. Rein, alle Sportarten werden auf einer festen Basis gleichmäßig erfaßt.
Gerade durch die vielseitige Ausbildungsmöglichkeit wird der ganze Körper am besten gefestigt und gestählt. Was hätte es auch für einen Sinn, wenn wir auf bestimmten sportlichen Gebieten etwas besonderes leisten wollten und dafür alles andere vernachlässigten! Wir wollen uns davor hüten, einseitig in unserer Ausbildung zu werden. Wenn man uns vorwirft, zuviel Sport schade dem Körper, besonders dem Frauenkörper, so können wir jenen Kritikern und Besorgten ruhig antworten, daß die Leibesübungen von uns in dem Maße betrieben werden, daß sie niemals schädlich sind. Im Gegenteil, sie stärken uns und geben dem Körper Kraft gegen äußere Widerstände, wie sie auch an uns herantreten mögen. —
Wie oft hat es sich schon im Leben bewiesen, daß ein Mensch mit einem durch Sport gestählten Körper Widerstände überwand, an denen ein anderer zerbrach.
Wurden die Turnstunden des BDM. zuerst besonders von unseren Kameradinnen auf dem Lande sehr kritisch betrachtet, und als eine Einrichtung, die für sie sehr überflüssig sei, empfunden, so haben | auch sie allmählich erkannt, daß doch ein großer Unterschied besteht zwischen den Turnstunden und ihren alltäglichen Bewegungen bei der Arbeit, wo immer bestimmte Glieder des Körpers mehr beansprucht werden als andere. Beim richtigen Turnen werden alle Gliedmaßen gleich angespannt. Bildet die Turnstunde unserer Landmädel schon einen Aus-
Die lebendige Brücke.
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gleich zu ihrer sonstigen Arbeit, wieviel größer und wichtiger ist dieser Ausgleich für unsere Kameradinnen in der Stadt, von denen viele täglich im Büro tätig sind und immer in der gleichen Körperstellung verharren müssen. Wie schön ist es für sie, wenn sie nach der Arbeitszeit ihre Glieder ordentlich durchrütteln können, sich freudig mit anderen Kameradinnen den Leibesübungen widmen können.
Lange Jahre dauerte es, bis die Ideen, für die Jahn kämpfte, sich durchsetzten, aber heute können wir sagen, daß das Werk, für das sie einst stritten, sich verwirklicht hat. Die Leibesübungen sind heute eine Angelegenheit des ganzen Volkes!!
Ausschnitte aus dem Leben und der Arbeit der Führerschule Grebenhain des „Bundes deutscher Mädel" zeigen uns diese Bilder. Spiel und Sport in freier Natur treiben hier die Mädels neben vielen anderen Aufgaben erzieherischer Art. Diese Tätigkeit körperlicher Ertüchtigung, auf die in erster Linie von der Führung des BDM. großer Wert gelegt wird und die überhaupt die Grundlage eines gesunden Volkstums bildet, soll am nächsten Sonntag unter Beweis gestellt werden.
Auf dem llniversitätssportplah finden, wie überall im Reich am gleichen Tage, große sportliche Wettkämpfe der deutschen Wädet statt, Wettkämpfe, die zeigen sollen, daß der VdW. sportliche Leistungen aufzuweisen imstande ist.
Es ist wohl am kommenden Sonntag, diesem Reichssporttag innerhalb des „Bundes deutscher Mädel" Selbstverständlichkeit, daß weite Kreise der Bevölkerung dieser großen einheitlichen Veranstaltung deutscher Mädel durch ihr Kommen das Interesse bekunden, das sie der deutschen Jugend schuldig ist.
Kurze Sportnotizen.
Das Schleizer Dreiecksrennen hat leider noch ein weiteres Todesopfer gefordert. Gott- fchall (Ilmenau), der schwer gestürzt war, ist am Dienstag seinen Verletzungen, die er dabei erlitt, erlegen.
D i e er sie Etappe der großen SA.-Fernfahrt Berlin—München—Berlin führte am Dienstag über 174,1 km nach Magdeburg. Als Erster kam am Ziel der Sturm 10/2 Berlin nach einer Fahrzeit von 5:06 Stunden vor dem Sturm 10/3 Berlin und dem Sturm 12/11 Breslau an.
Professor Dr. Oskar Berger, der ehemalige langjährige Vorsitzende der Deutschen Turnerschaft, ist auf seinem Landsitz in Mühlhausen (Th.) im Alter von 72 Jahren plötzlich verstorben.
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AuWilliam Tilden setzt Gottfried von Gramm in seiner Tennis-Weltrangliste hinter Perry und Austin auf den dritten Rang. Nach Tildens Meinung ist von Gramm der beste Tennisamateur der Welt.
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, Die zweite Etappe der SA. -Radfernfahrt Berlin—München führte am Mitt
Kleine Kraftprobe. Die rollende Schlange.
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woch von Magdeburg über 157,5 Kilometer nach Hannover. Sie rouroe von der Standarte 168 Offenbach in 5:20,41 Stunden vor der Standarte 61 Buchschlag (Hessen) in 5:31,31 gewonnen.
Schach-Rückkampf Gießen - Wetzlar.
Nachdem am 9. September in Gießen der Schach- Klubkampf Gießen—Wetzlar mit einer Punktzahl von 11,5:1,5 Punkten vom Schachklub Gießen 1858 gewonnen worden war, wurde nun am vergangenen Sonntag bereits der Rückkampf gegen die „Schachfreunde" Wetzlar in Wetzlar ausgetragen. Die Spieler des Gießener Schachklubs siegten abermals, und zwar diesmal mit der Zahl von 11:2 Punkten. Der Gegner, „Schachfreunde" Wetzlar, ein Verein, der fast durchweg nur junge Spieler in den Kampf schicken konnte, erlitt in diesen Klubwettkämpfen zwei durchaus ehrenvolle Niederlagen. An vielen Brettern wurde von den Wetzlarern zähe verteidigt. Es ist sehr anerkennenswert, daß die im jugendlichen Alter stehenden Wetzlarer den Kampf gegen die routinierteren Spieler des Schachklubs 1858 Gießen aufnahmen. Dor allem aber ist es zu begrüßen, daß dank der regen Tätigkeit des Leiters des Wetzlarer Vereins das Schachspiel in Wetzlar so starken Auftrieb erhielt. — Der Gießener Schachklub hat mit diesen beiden Kämpfen erneut seine außerordentliche Spielkultur unter Beweis gestellt. Von den in jüngster Zeit ausgetragenen Städtewettkämpfen (Marburg, Bad-Nauheim) konnte der Verein immer wieder mit ausgezeichneten Ergebnissen hervorgehen.
Freundschaftswettkampf im Kleinkaliberschießen.
Schühenverein Steinbach — Post-Sportv. Gießen.
Die beiden Vereine des Gaues „Gießen-Nord" traten auf den hiesigen Kleinkaliber-Schießständen mit je einer Gruppe von acht Mann zum Wettkampf an. Bedingung: 9 Schuß, je 3 liegend, stehend, kniend.
Das Ergebnis war folgendes: 1. Schützenverein Steinbach 559 Ringe, 2. Post-Sportverein Gießen 554 Ringe. Der Gegenkampf soll im Oktober in Steinbach ausgetragen werden.
Handball-Beginn in Rordheflen.
Die Handball - Gauliga des Gaues Nordhessen beginnt am Sonntag mit folgenden vier Spielen ihre Meisterschaftsrunde: Gießen 19 0 0 — Tv. Wetzlar; Tuspo 86/09 Kassel — Kurhessen Kassel; Tuspo Bettenhausen — SE. 03 Kassel; Iura Kassel — Kirchbauna.
Fußball im Bezirk Gießen-Oill.
Spiele am Sonntag, 23. September.
Großen-Buseck — Lich (Zutt, Wetzlar). Heuchelheim — VfB. II (Wallbott, Steinberg). Grünberg — 1900 II (Volkmar, Wetzlar).
Lollar — Krofdorf (Deibel, Gießen).
Wieseck — Leihgestern (Scharf, Wetzlar). Naunheim II — Werdorf (Dietzel, Wetzlar). Tgde. Wetzlar — Nauborn (Schneider, Gießen). Aßlar — Burgsolms (O. Rüspeler, Gleiberg).
Wetzlar II — Sportfreunde Wetzlar (Weinandt, Leihgestern).
Allendorf — Holzhausen (Kaletsch, Wetzlar). Ulm — Bissenberg II (Würz, Holzhausen). Stockhaulen — Biskirchen (Petry, Wetzlar). Albshausen — Leun (Niersbach, Wetzlar). Lich II — Steinberg II (Eisentraut, Grünberg). «. Allendorf — Lollar II (Hunger, Wetzlar).
Wieseck II — Leihgestern II (Grote, Mainzlar). Grünberg II — 1900 III (Wissemann, Lollar). Treis — Wißmar (Post, Wieseck).
Berghausen — Bechlingen (Heinz, Stockhausen). Oberbiel — Schmalbach (Lind, Wetzlar).
Werdorf II — Oberndorf (Kleemann, Bissenberg).
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Roman von Anny von panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
22. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Fünfundzwanzig st es Kapitel.
Arn nächsten Tag fuhr man heim. Die Symphonie sollte schon in vierzehn Tagen wiederholt werden, und da Professor von Eberbach für einige Zeit in ein Sanatorium übersiedeln wollte, mußte Werner Olden die Symphonie zum zweiten Male dirigieren.
'Freudestrahlend berichtete Donata den Erfolg und alles, was damit zusammenhing, drüben im Gärtnerhause.
Frau Westkamp freute sich, auch Detlef tat erfreut; aber es war Bitternis in ihm. Zu dem Geld kam nun auch der Ruhm von Donatas Vater. Viel zu viel war das — er selbst mußte ja zum Schatten werden vor so viel Glanz.
„Hättest nur dabei sein sollen, Detlef!" rief Donata. „Es war das Höchste und Größte, was ich bisher erlebt habe. Ich bin auch unsäglich stolz auf den Vater. Du mußt morgen zu uns kommen, ihm Glück wünschen. Und die Morgenblätter in Mainz und hier haben glänzende Besprechungen gebracht. Er wird plötzlich und mit einem einzigen Male entschädigt für die Enttäuschungen seines ganzen Daseins. Er sitzt zu Hause und erzählt der Mutter lauter verdrehtes Zeug vor lauter Glück."
Er nickte.
„Ich werde morgen kommen; bestelle deinem Vater inzwischen, ich habe mich sehr gefreut."
Er blickte Donata nicht an; er fürchtete, sie könne dann erkennen — er redete mit falscher Zunge.
Sie plauderte weiter:
„Die kleinen talentlosen Schüler entläßt Vater jetzt und unterrichtet fortan nur talentierte, will sich lieber fast ganz seinen Kompositionen widmen. Sein Verleger hat jetzt sogar für alle früheren Arbeiten Interesse."
Detlef Westkamp begleitete Donata bis nach der Konstabler Wache.
„Ich bin noch müde von gestern", lächelte Donata. „Ich habe Sekt trinken müssen und bin das dach nicht gewähnt."
Ein schmaler Herr mit herben Zügen ging vorüber, stutzte flüchtig und grüßte dann tief, sah Donata groß und bewundernd an.
„Wer war der Herr?" fragte Detlef Westkamp.
Donata erklärte:
„Der Schwager von Professor von Eberbach, Prinz Volkbert von Weitz-Schlehen."
„Woher kennst du denn den?" kam die zweite Frage kurz und scharf.
Donata blickte befremdet.
„Das ist sehr einfach. Ich sagte dir doch eben.
er ist der Schwager des Professors. Bei ihm, gelegentlich unseres Besuches beim Professor, lernte ich ihn kennen — später, am Abend, saß er dann in unserer Loge, bis das Unglück mit seinem Schwager geschah."
„Soso — er saß mit dir in derselben Loge! Wohl neben dir?"
Sie bestätigte:
„Allerdings!"
Detlef Westkamp fühlte, daß sich die Krallen der Eifersucht um seinen Hals legten. Er mußte sehr an sich halten, um nicht eine bittere Bemerkung zu machen.
Er zwang sich zur Freundlichkeit, fragte:
„Soll ich' dich nach Hause bringen? Oder fährst du mit der Elektrischen?"
Sie lachte:
„Nein! Heute spendiere ich mir ’ne Autotaxe — weißt doch, ich bin so schrecklich müde."
Er rief eine Taxe an, und als Donata eingestiegen war, sprang er nach.
„Ich bringe dich heim, Donata!"
Das Auto fuhr los, und drinnen in dem kleinen, engen Raum riß Detlef Westkamp das schlanke Mädchen an sich. Heiß strich sein Atem über ihr Gesicht hin bei der Frage:
„Hast du mich noch lieb, Donata?"
Sie blickten sich beim Schein der vorübergleitenden Straßenlaternen ins Gesicht; es war, als wollte jeder in den Augen des anderen etwas lesen. Donata lachte plötzlich frisch und klingend.
„Bist du wieder eifersüchtig, Detlef?" Sie strich über sein Gesicht. „Du dummer Bub, ich habe dich lieb und bleibe dir treu und werde deine Gärtnersfrau."
Er drückte ihre Hände und küßte die schmalen Finger. Einen nach dem anderen, wie heilige Reliquien.
„Vergib, Donata! Ich habe dich so lieb, daß ich mich wie ein Tölpel und Narr benehme." Er sagte zärtlich: „Ich will nun aussteigen, fahr allem heim, mein Lieb! Du bist ja müde, „unb ich quäle dich nur. Auf Wiedersehen morgen!"
Er küßte sie noch einmal, und dann ließ er halten, stieg aus . .,
Zu Fuß ging er heim, und wahrend es ihm noch immer im Ohr klang: „Ich habe dich lieb und bleibe dir treu und werde deine Gärtnersfrau!", erinnerte er sich gleichzeitig an den eleganten Prinzen, der Donata gegrüßt und sie dabei mit einem Blick angesehen — mit einem Blick, der ihm das Blut vom Herzen bis in die Schläfen hinaufgespült und seine Hände zu Fäusten zusammengepreßt hatte.
Donata vergib!, dachte er; aber er war voll Unruhe. Wie hatte sich alles verändert in der kurzen Zeit, feit er Donata kennengelerist. Die Tochter eines schlichten Musiklehrers war sie damals; jetzt aber verfügte sie über eigenes Kapital, trug einen echten Pelz, trug Billanten und Perlen und war die Tochter eines berühmten Mannes.
Warum gibt das Schicksal dem einen Menschen alles und dem anderen nichts? Grollend warf er die Frage auf, und es ging ihm doch nicht schlecht. Er konnte sich satt essen und unter eigenem Dach schlafen. Wieviel Menschen gab es, die ihn beneideten; aber seine Angst, allmählich für Donata zu gering zu werden, trübte ihm den Blick.
Seine Mutter erwartete ihn zu Hause, und er breitete seine Gedanken vor ihr aus, wie er es öfter tat.
Sie seufzte:
„Bub, das ist wirklich ganz abscheulich, wie es in deinem Innern aussieht. Von wem hast du das nur geerbt, das Neidische, Mißtrauische? Dam Vater nicht und von mir auch nicht. Donata liebt dich, und die stört nichts in ihrer Liebe. Wenn sie heute ein Schloß bekäme und irgendeinen hohen Titel, behielte sie dich gerade so lieb. Gönne doch den Leuten das Geld und gönne Olden den Ruhm, den er sich doch ehrlich und schwer erworben hat. Donata bleibt dir doch. Warum soll sie denn durchaus ein ganz armes Luder sein? Sei vernünftig und erschwere ihr nicht das Leben und dir auch nicht. Hast großes Glück gehabt, Donata zu finden — benimmst dich aber so, daß du es beinah nicht mehr wert bist."
Er nickte.
„Recht hast du, Muttel! Aber ich glaube, es sitzt ein Teufel in mir drin." Er stützte den Kopf in die Hände. „Ich verdiene das Mädel nicht, wenn ich es so weitertreibe."
„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung!" lobte seine Mutter.
Und dann sahen sie sich an, und Detlef sagte leise:
„Du bist gut, Muttel, und Donata auch; ich will mir Mühe geben, auch gut zu werden. Ihr müßt aber Geduld mit mir haben."
Ungefähr um dieselbe Zeit begab sich Donata zur Ruhe. Ihre Gedanken weilten bei Detlef Westkamp. Es lag aber wie ein leiser Schmerz über ihrem Denken, denn es tat ihr weh, daß sie dem Geliebten immer wieder versichern mußte, sie hätte ihn lieb.
Sechsundzwanzig st es Kapitel.
Man saß beim Tee im Musikzimmer, und Werner Olden erzählte mit leuchtenden Augen von seinem großen musikalischen Sieg.
„Es war einfach herrlich; schöner hätte es nicht sein können, wenn ich plötzlich droben im Himmel gewesen wäre." Er lachte. „Ein törichter Vergleich — nicht wahr? Doch ich finde keinen, der auch nur annähernd ausdrücken könnte, wie mir zumute gewesen ist, als der Beifall auf mich niederprasfette. Ich hab tüchtig schlucken müssen, um Haltung zu bewahren, sonst hätte ich losgeflennt vor dem ganzen Saale."
Er hatte den Glückwunsch Detlef Westkamps vorhin vergnügt entgegengenommen und schien jetzt darauf zu warten, daß er etwas spräche. Detlef Westkamp.empfand bas ganz deutlich.
Er sagte sehr höflich:
„Ich freue mich ungemein über Ihren großen Erfolg, Herr Olden! Sie haben Glück gehabt, gleich gewissermaßen über Nacht berühmt zu werden, und Dafür haben die Besprechungen in den Zeitungen gut gesorgt."
Der Hausherr zog die Augenbrauen zusammen, zwischen die sich Fältchen des Unwillens eingenistet hatten.
„Glück?" wiederholte er wie fragend. „Ich glaube, lieber Freund, Sie betrachten meinen Erfolg von einem völlig falschen Standpunkt. Dom Standpunkt eines Menschen, der keine Ahnung von dem Innenleben eines Künstlers hat, von dem Aufwand an Energie, die einer wie ich hat aufwenden müssen, um den Mut nicht zu verlieren nach so endlosen Jahren, angefüllt mit Mißerfolgen. Da muß man schon felsenfest überzeugt fein, etwas Besonderes zu können, da muß man bis in tiefste Herz hinein fühlen — der Gottesfunke ist in einem. Man schafft weiter, Erstickt beinah in der kleinlichen Atmosphäre eines armseligen Musiklehrerdaseins. Schließlich wird man mürbe, will ihn endlich aufgeben, den Künstlertraum, wagt es aber trotzdem noch einmal. Nun durchlebte man Wochen voll Qual und Hoffnung, geht durch eine Hölle von Furcht und Bangen — und mit einem Male ist man doch am Ziel, mit einem Male doch!
„Verdienst ist das, aber kein Glück, wenn man selbst die Anerkennung, den großen Erfolg, auch als Glück empfindet."
Detlef Westkamp kam sich wie ein abgekanzelter Schuljunge vor. Er wollte etwas erwidern, doch ein bittender Blick Donatas verhinderte ihn daran.
Sv schwieg er, hatte das quälende Empfinden, Olden fühlte sich hoch erhaben über ihn.
Er war verstimmt und durfte es nicht merken lassen. Er beobachtete Donata sehr aufmerksam, und ihm schien es, als ob sie sich verändert hätte. Wie elegant saß das schwarze Kleid, und wie elegant war das Haar geordnet! Sie konnte natürlich jetzt zum teuersten Friseur von Frankfurt gehen, und ihr Kleid war bestimmt nicht hier in der Vorstadt gearbeitet worden.
Frau Steffi spürte, die Stimmung war gespannt, und sie glaubte, auch den Grund dafür zu wissen. Sie begriff, daß Detlef Westkamp sich erst daran gewöhnen mußte, Donata jetzt anders zu sehen als vor den Ereignissen, die ihre kleine Familie wohlhabend gemacht und dem Namen Olden Ruhmesglanz gegeben hatten.
Sie zog ihn ins Gespräch, interessierte sich für alles, was feinen Beruf anging, und brachte es fertig, daß er warm und begeistert von der alten Gärtnerei drüben in Sachsenhausen erzählte.
Er bat:
„Sie werden uns jetzt hoffentlich recht bald besuchen, Mutter lud Sie doch wiederholt ein!"
)- (Fortsetzung folgt.)


