ld. 245 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
$rtifagJ9. ©ffober 1934
Wunder des menschlichen Auges
Neue ForschungSergebniffe über das größte Kunstwerk der Natur.
man das Fensterkreuz lange Zeit völlig unbewegt anstarrt.
Oie Netzhaut
entspricht der modernsten Aomphysik!
Don Dr. W
Die Wissenschaft vom Menschenauge — ein riesiges Forschungsgebiet über ein winziges Organ — gibt es nicht erst seit heute und gestern. Das Auge, das „Fenster" des menschlichen Körpers hat schon seit vielen Jahrhunderten die größten Geister — und nicht nur die Wissenschaftler — in feinen Bann gezogen. Männer wie Dürer und Leonardo Goethe und Helmholtz setzten einen großen Teil ihres Lebens daran, die Geheimnisse und Wunder dieses größten Kunstwerkes der Natur zu erforschen. In der Tat wis- sen wir nur über wenige Gebilde des menschlichen Organismus so viel wie über unser Auge, und trotzdem vergeht kein Jahr, in dem man nicht merkwürdige neue Entdeckungen am Menschenauge macht. Der nachstehende Artikel berichtet über einige neue Forschungsergebnisse auf diesem Gebiete.
Das ,/G»asfenster des Gehirns".
. Bergmann.
Dunkelheit hilflos werden — man pflegt zu sagen „wie ein blindes Huhn" Das Huhn ist nämlich von Natur aus nachtblind, es besitzt in seiner Netzhaut fast nur „Tageszellen".
Wird das „letzte Erlebms" im Auge photographiert?
Man hat in zahlreichen Tierexperimenten festgestellt, daß die Netzhaut an ihren belichteten Stellen anders aussieht als an den beschatteten Bezirken. Wenn man sich längere Zeit vor ein Fensterkreuz setzt, so wird dieses auf der Netzhaut abgebildet; an der Stelle des kreuzförmigen Schattens, der auf der Netzhaut entsteht, sammelt sich der Sehpurpur an, während er in den übrigen belichteten Partien gebleicht wird und verschwindet. Es wird also in diesem Falle das Fensterkreuz tatsächlich auf der photographischen Platte des Auges festgehalten, und man würde — wenn man die
Die Gelehrten haben nun auch versucht, die Lichtempfindlichkeit unserer Netzhautzellen zahlenmäßig genau zu bestimmen. Durch komplizierte Methoden konnte man schließlich feststellen, welche Energiemengen nötig sind, um eine einzige Stnneszelle der Netzhaut gerade wirksam zu erregen. Als dann der große deutsche Physiker Max Planck die sogenannten Lichtquanten entdeckte (das sind kleinste Energieatome, aus denen die Lichtstrahlen zusammengesetzt sind), da stellte sich heraus, daß di§ menschliche Netzhaut genau nach der Planck- schen Quantentheorie gebaut ist! Die kleinsten Energiemengen, die zur Erregung der Stäbchen und Zapfen erforderlich sind, entsprechen nämlich gerade den Lichtquanten!
Von Neros Smaragd bis zum modernen „Hastglas".
Vielfach wurde die Auffassung vertreten, man solle möglichst auf Brillen verzichten und sich nicht an diese gewöhnen, da die Menschheit ja früher auch
Die Lichtstrahlen der Außenwelt müssen erst einen recht komplizierten Weg zurücklegen, bis sie in unsere Großhirnrinde und damit in die Sphäre unserer bewußten Gesichtsempsindungen gelangen Das Auge besteht aus verschiedenen durchsichtigen, optisch brechenden Schichten, Hornhaut und Kammerwasser, Kristallinse und Glaskörper, die das Licht erst durchwandern muß, bis es auf die zarte Netzhaut stößt. Sie bilden sozusagen den optischen Apparat, der die Strahlen bricht, sie zusammenballt und die Gegenstände der Außenwelt scharf auf der Netzhaut, der photo.graphischen Platte des Auges, abbildet. Hier sitzen die licht- und farbenempfindlichen Sinneszellen, Stäbchen und Zapfen; sie werden von den auftreffenden Strahlen gereizt, die Erregung sammelt sich in Sehnerven und fließt nun auf verschiedenen Wegen dem Großhirn zu. Die Netzhaut mit dem dicken Sehnerven ist eigentlich weiter nichts als eine besonders feine lichtempfindliche Ausstülpung, ein Vorposten des Gehirns, die von der Außenwelt nur durch ein durchsichtiges glasklares Fenster geschieden ist .
Hormone zum Ounkelsehen.
In der Netzhaut unseres Auges sind zahlreiche Apparate verborgen, die alle eine besondere Aufgabe besitzen und je nach den äußeren Anforderungen in Aktion treten oder sich ausruhen. Bei hellem Tageslicht „arbeiten" wir z. B. mit ganz anderen Netzhautbezirken als im Dämmerungslichte und im Dunkeln. Der „Dämmerungsapparat" der Netzhaut kann nicht wie eine elektrische Lampe blitzschnell ein- und ausgeschaltet werden, sondern paßt sich erst langsam den erhöhten Anforderungen an. Die Netzhaut produziert in der Dunkelheit bestimmte Substanzen, den sogenannten S e h p u r p u r, der die Lichtempfindlichkeit des Auges gewaltig steigert. Nach einer halben Stunde ist unser „N a ch t a u g e" zweitau- fendmal empfindlicher geworden! Vor wenigen Monaten erst entdeckte man ein neues Hormon, das eigens dazu bestimmt ist, die Lichtempfindlichkeit unseres „Dämmerungsauges" zu steigern. Man träufelte diesen eigenartigen Stoff tropfenweise ins Auge ein und erreichte damit, daß sich das Auge viel schneller an die Dunkelheit gewöhnte und bereits nach kürzester Zeit die umgebenden Gegenstände in einem finsteren Zimmer deutlich unterscheiden konnte. Bekanntlich gibt es auch verschiedene Krankheiten, bei denen entweder nur das „Tag"- oder nur das „Nacht"-Auge gestört ist Ein Kutscher, der durch eine bestimmte Netzhautentzündung die Fähigkeit zum „Hellsehen" verloren hatte, konnte seinen Beruf nur noch nachts ausüben, denn fein „Dämmerungsapparat" war völlig intakt, während er bei Tage die Straßenschilder und Hausnummern nicht mehr entziffern konnte. Umgekehrt geht es „Nachtblinden", die mit dem Eintreten der
"TOasfagen Sie zuSfärrn 2)r. Sßellmann?
Herr Or. Bellmann ist Hauslehrer in der Familie des Konsuls Flnktzndey,- auch er nimmt teil an der Adendgesellschast,nach deren Beendigung die Gast» geber die so überaus pe>nliche Entdeckung machen muffen, daß der kostbare Perlenschmuck der Frau Konsulin auf ratselbasteWeise spurlos verschwun- den ist. Herr Or. Bellmann spielt allerdings, wie es scheint,an diesem 'Abend und auch sonst im Ver- laufe der Ereigniffe keine hervorragende voller er fühlt sich vielleicht etwas unbehaglich in diesem Kreise,- er kommt die Treppe herunter, „auf merkwürdige Art einem Nachtvogel vergleichbar, mit großen, schwarzgerandeten Brillenaugen,- scheu und ein bißchen unsicher" - so wird er eingeführt
und vorgeitellt, so sehen Sie hier sein Bild. Später, als man dabei ist, die Spuren des Diebstahls im Schlafzimmer der Konsulin zu untersuchen, macht er eine nicht gerade rühm iche Figur,- zum mindesten muß man an seinem kriminalistischen Spürsinn einigen Zweite! hegen,- io, es heißt sogar von ihm, dieser Hauslehrer sei „im praktischen Leben ein kleiner Schafskopf". Das klingt ja nun etwas grob, und so sieht er auch eigentlich nicht aus - was meinen Sie denn welche Rolle spielt er in unserem Roman „Das Haisband", von dem Sie heute eine neue Fortsetzung in den Familienblättern finden,.... haben Sje ihn im Verdacht oder einen anderen?
"Tüer fjat das SKalsßand gejtofjlen?
Netzhaut aus dem Auge herausnehmen könnte — eine purpurrote Silhouette des Fensterkreuzes vorfinden. Man hat nun aus dieser wissenschaftlichen Entdeckung weitgreifende Konsequenzen ziehen wollen. Findige Detektive hofften nun, auf der Netzhaut jedes Ermordeten sein letztes Erlebnis. also etwa die Hand oder die Gestalt des Mörders, abgebildet zu finden — ein etwas übertriebener Optimismus, dessen Unhaltbarkeit nunmehr klar erwiesen ist. Das oben beschriebene Experiment kann ja auch nur dann gelingen, wenn
keine Brillen gebraucht habe. Doch die moderne Geschichtsforschung hat diese Auffassung weitgehend widerlegen können. In der Tat kennt man richtige Brillengläser — wenn auch in sehr primitiver Form — erst seit etwa 500 Jahren; aber nicht darum, weil man vorher keine künstlichen Augengläser brauchte, sondern weil sie erst damals e r - funden wurden. Sehstörungen gab es, wenn auch nicht im heutigen Ausmaße, schon immer. Viele römische Schriftsteller klagten Über eine zunehmende Seh-Schwäche im Alter und beschwerten sich, daß
die Aerzte nichts dagegen tun könnten. Auf vielen Plastiken und Gemälden aus dem Altertum kann man Menschen mit den typischen zusammengekniffenen Augen sehen, wie sie der „unbebrillte" Kurzsichtige oft nach längerer Gewohnheit bekommt. x)er berühmte Smaragd, durch den Kaiser Nero die Zirkussptele betrachtete, stellte kein „Monokel", sondern eine Art grünes Schutzglas dar, das oie Augen erholen und vor allzu hellen Sonnenstrahlen bewahren sollte.
Eine wichtige Erneuerung der letzten Zeit stellen die modernen „H a f t g l ä s e r" dar, um deren Einführung sich vor allem der deutsche Gelehrte Professor Heine verdient gemacht hat. Diese Gläser werden direkt aufs Auge aufgesetzt und Hafen fest auf der Bindehaut. Zwischen dem Glas und der ^s^oberfläche bildet sich eine kleine Flüssigkeits- Ichlcht' oie für das gute Sehen entscheidend ist; die eigentliche korrigierende „Linse" ist nicht das Haftglas selbst, sondern diese Flüssigkeitsschicht, die sich unter dem Glas onsammelt! Daß die Anpassung und individuelle Herstellung eines Haftglases besondere Sorgfalt erfordert, versteht sich von selbst; manche Patienten vertragen sie auch nicht recht, da sie sofort eine Bindehautreizung bekommen. In an« deren Fallen bieten die Haftgläser aber große Vorteile, sie „beschlagen" sich nicht und vergrößern das Blickfeld. Sehr oft bedeuten sie nicht nur eine kosmetische Verbesserung (für Schauspieler, Sänger usw. ist dies von größter Bedeutung), in manchen Fällen, z. B. bei unregelmäßiger Hornhautverkrümmung, sind sie das einzige in Frage kommende Heilmittel.
Neuordnung der evangelischen Dekanate in Nassau-Hessen.
Mit Wirkung vom 1. Oktober 1934 an sind die Dekanate in der Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen neu ge 0 rd - n e t worden. Ueber die Bestimmungen für die Provinz Oberhessen ist folgendes zu berichten:
Zu dem Dekanat Büdingen treten aus dem früheren Dekanat Nidda die Kirchengemeinden: Dauernheim, Geiß-Nidda, Hirzenhain, Nidda, Ranstadt, Effolderbach, Schwickartshausen, Wallernhausen, Fauerbach; aus dem Dekanat Rod he im die Kirchengemeinden: Altenstadt, Höchst a. d. Nidder, Oberau, Rommelshausen, Rodenbach.
Zu dem Dekanat Friedberg treten aus dem früheren Dekanat R 0 d h e i m die Kirchengemeinden: Büdesheim, Burg-Gräfenrode, Ilbenstadt, Groß-Karben, Kaichen, Heldenbergen, Klein-Karben, Nieder-Wöllftadt, Okarben, Petterweil, Rendel; aus dem früheren Dekanat Nidda die Kirchengemeinde: Leidhecken; aus dem Dekanat Büdingen die Kirchengemeinde: Staden mit Stammheim.
Zu dem Dekanat Hungen treten aus dem früheren Dekanat Nidda die Kirchengemeinden: Berstadt, Bingenheim, Bisses, Blofeld, Echzell, Gettenau, Heuchelheim, Langd, Ober - Widdersheim, Borsdorf, Rodheim an der Horloff.
Zu dem Dekanat Schotten treten aus dem früheren Dekanat Nidda die Kirchengemeinden: Eichelsdorf und Oberlais.
Zu dem Dekanat Homburg treten aus dem früheren Dekanat R 0 d h e i m die Kirchengemeinden: Holzhausen, Nieder-Erlenbach, Nieder-Eschbach, Ober-Eschbach, Rodheim v. d. H.
Zu dem Dekanat Frankfurt a. M. - O st treten aus dem früheren Dekanat R 0 d h e i m die Kirchengemeinden: Dortelweil, Vilbel und Massenheim.
peter-Gemeinder-Siedlung
Bad-Nauheim, 17. Oft. (LPD.) Die im Frühjahr im Bau genommene Siedlung am G 0 l d st e i n , in der 30 Familien Unterkunft finden werden, wurde jetzt ihrer Bestimmung übergeben. Dem llebergabeaft wohnten Vertreter der NSDAP., der Stadtverwaltung und der Siedler bei Bürgermeister Dr. Ahl erklärte in einer Ansprache, daß die Siedlung den Namen „Peter- Gemeinder-Siedlung" tragen werde; den gleichen Namen erhält auch die durch die Siedlung führende Straße.
tung des Stoffes bis zum Drehbuch des Filmes die Historie um 1809 einige Wandlungen erlebt hat und insbesondere das Hauptgewicht im Gefüge der Svenen vom Major Korfes auf das Mädchen in der schwarzen Jägeruniform übergegangen ist, so sind auch hierfür geschichtlich beglaubigte Dyrbilder, sogar aus der gle chen Zeit, unschwer beizubringen, und überdies erhält so die kriegerische Schilderung aus der Zeit der preußischen Erhebung einen romantischen Beiklang, der durchaus dem Stil und Wesen jener Tage angemessen erscheint man erlebt nicht ungern neben dem Abenteuer der schwarzen Freischar auch die zartere Herzensgeschichte, die sich in allem politischen und militärischen Aufbruch zwischen dem Major und dem Mädchen anspinnt.
Wandlungen überraschend erprobt, in allen Sätteln gerecht, höchst reizvolle Aufgabe, die Spannweite und darstellerische Intensität dieses Mannes aus der langen und verblüffend kontrastreichen Reihe seiner großen Rollen abzuleiten und zu bemessen; in dieser Reihe dürfte wohl auch die neue Filmrolle hier nicht fehlen, die er mit einer ganz überlegenen Leichtigkeit spielt und mit einer Umrißschärfe der so schillernden und zweideutigen Hintergrundfigur, die doch, zwischen zwei Feuern, zwischen zwei Fronten stehend, die Fähen des Spiels mit unheimlicher Gelassenheit in Händen häll.
Bremen" . ., es ist die gleiche Zeit, der gleiche Stoff, das Ganze offenbar die Urzelle zu dem späteren Roman „Schwarzer Jäger Johanna" Nach diesem 'Roman haben dann Heinrich Oberländer und Heinz U m b e h r das Drehbuch für die Terra geschrieben Schon in jener Erzählung vor sechs Jahren stand die Gestalt des Majors Korfes im Mittelpunkt der Ereignisse Erst in der späteren Fassung wurden ihm die beiden wichtigsten Gegenspieler zur 'Seite gestellt: der politische Agent Dr Frost und die .junge Johanna Luerssen, nachmals als schwarzer Jäger im Freikorps des Herzogs von Braunschweig.
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Johannes Meyer führt Regie; ihm standen bedeutende Mittel an Personal, Ausstattung und Kostüm zur Verfügung, und er entwickelt diesen Film nicht nur mit Schwung und Temperament und großer Entfaltung als ein historisch-militärisches Schauspiel, sondern er hat auch Sinn für die kultivierte Dialogszene, für Stil und Atmosphäre der Zeit, für Stimmungen und ausschmückendes Beiwerk. Aus dem großen Ensemble seien nur die wichtigsten Namen noch mit Anerkennung herausgegris- fen: Fita Ben kh off als Philine (wir Haden in
I letzter Zeit wiederholt auf diese begabte Darstellerin f 'aufmerksam gemacht), Paul Bildt (Herzog von
Diese Johanna spielt Marianne Hoppe, die wir Braunschweig), Oscar Sima, Friedrich Ettel vor kurzem im „Schimmelreiter" kennengelernt ha- und Harry Hardt — Der Film läuft mit einem den sie kam von der Bühne zum Film, und wenn hübschen Beiprogramm seit gestern im Lichtspjel- man sie in; ihrer jüngsten. Filmrolle sicht, bann kann 1 haus, — r —
, sich gut vorstellen, daß sie früher etwa eine
^vl/Onnu andere, berühmtere Johanna (von Schiller) gespielt
8id)tit)ie(hduß dot: sie greift mit einer ähnlichen Bewegung nach
' dem alten Flitzbogen ihrer Kinderzeit und später
nach dem Tschako mit dem Totenkopf wie das Mädchen von Orleans in ihrer berühmten Szene nach dem Helm. Schlanke Gestalt und schmales Gesicht mit großem lebhaften Augenspiel passen vortrefflich in die romantische, von einem doppelten Antrieb des Gefühls getragene Rolle und es berührt sehr wohltuend, daß sie auch mit dem männlich verschnittenen Haar, in Reitstiefeln und knappem Waffenrock nie die anmutige Haltung aufgibt, die ihre Erscheinung im Empirekleidchen so liebenswürdig macht. Paul Hartmann gibt den Major, preußischen Patrioten, Verschwörer und Kriegsührer auf eigene Faust: eine ernste, wortkarge, männliche Gestalt, sehr beherrscht und sehr nobel gespielt Zwi- ^p.n .un& neben beiden erscheint in der Rolle des politischen Agenten Dr Frost Gustaf Gründgens, der vor kurzem endgültig zum Staatstheaterintendanten in Berlin ernannt wurde: ein glänzender Schauspieler, in vielen Masken und Ver-
Die historischen Grundlagen sind ja wohl ziemlich bekannt, ein guter, lebendiger, auch die Gegenwart mit mancherlei verwandten Zügen unmittelbar berührender und ansprechender Stoff, dessen ursprünglich epische Anlage der Film in überwiegend knappe, bewegte Bilder und Szenengruppen aufzulösen versteht In die Ereignisse vor weltgeschichtlichen Hintergründen sind die persönlichen Schicksale der wichtigsten Figuren mit leichter Hand zwanglos eingefügt. Und wenn von der oben erwähnten ersten Gestal-
Jn einer 1928 erschienenen Anthologie längster Prosa steht eine Novelle von Georg von der V r i n g unter dem Titel „Die Furt"; sie beginnt mit dem Satz: „Am späten Nachmittag des 5 August 1809 erblickte die Avantgarde des' schwarzen Freikorps vor sich über einem- Waldkamm die Türme von
Das Haus mit den 44 Stockwerken.
Von 3o Hanns Rösler
Es gibt Häuser mit vierundvierzig Stockwerken. Wer oben wohnt, wohnt gut. Aber wer unten wohnt, wohnt besser. Denn es kann geschehen, daß plötzlich der Fahrstuhl streikt. Und dann müssen die Bewohner des vierundvierzigsten Stocks die vierund- vierzigmalsiebenundzwanzig Stufen hinaufsteigen. Das find wohlgezählte eintausendeinhundertacht,md- achtzig Treppenstufen Steig das mal einer!
Das Haus Himmelpfortgasse achtundachtzig hat vierundvierzig Stockwerke. Im obersten Stock wohnen Jimm, Jill und Jindrich. Jimm, Jill und Jind- rich waren eines Abends nichtsahnend vom vier- undvierzigsten Stock im Fahrstuhl auf ein Glas Bier hinuntergefahren, aus dem einen Glas Bier waren einundzwanzig Liter geworden und die Uhr schlug bereits Mitternacht, als Jimm, Jill und Jindrich sich auf den Heimweg machten. Sie traten vor die Haustür, schloffen auf, sie traten vor den Fahrstuhl, schlossen auf, sie stiegen ein und setzten sich, dann drückte Jimm auf den Knopf Da gab es einen leisen Knall, und der Fahrstuhl rührte sich nicht vom Fleck.
Jimm, Jill und Jindrich blieb nichts anderes übrig, als die vierundvierzigmalsiebenundzwanzig Stufen zu ihrer Wohnung emporzusteigen. Nachts ein Uhr. Mit einundzwanzig Liter im Bauch. Und sie taten es denn auch. Im zehnten Stock begann Jill:
„Da wir sowieso vor morgen früh nicht an» kommen, wollen wir wenigstens eine angenehme Nacht haben. Wir werden eine Wette abschließen. Jeder von uns erzählt aller zehn Stock einen Witz. Wer den besten Witz macht, hat gewonnen."
„Jeden zehnten Stock?"
„Jeder einen Witz?"
„Ja. Im zwanzigsten Stock beginnt Jimm."
Im zwanzigsten Stock erzählte Jimm:
„Das war in Potsdam auf dem Postamt vor dem Potsdamer Postpostschalter. Zu dem Schalter trat ein Mann mit einem Brief in der Hand und fragte den Potsdamer Postpostschalterbeamten:
„Ist der Bries morgen in München, wenn ich ihn jetzt aufgebe?"
„Bestimmt", antwortete der Beamte
Der Mann mit dem Brief schüttelte den Kopf und meinte bedächtig:
„Nein, das glaube ich nicht, daß der Brief morgen in München ist."
Der Beamte schlug ein Buch auf, verglich Züge und Zeiten und sagte:
„Sie können sich darauf verlassen. Ihr Brief ist morgen früh sieben Uhr siebzehn in München."
„Nein — das glaube ich nicht —", beharrte der Mann vor dem Schalter.
„Aber wenn ich es Ihnen sage!"
„Ich glaube es trotzdem nicht."
„Warum denn nicht?"
Da sagte der Mann mit dem Brief:
„Weil er nämlich nach Dresden adressiert ist."
*
Im dreißigsten Stock erzählte Jill:
„Mein Freund Flamingo hat sechzehn Kinder. Sechzehn Kinder hat mein Freund Flamingo. Aber Flamingos sechzehn Kinder sind sechzehn Mädchen. Und mein Freund Flamingo hätte so gern einen Jungen gehabt Mein Freund Flamingo tat ilfo alles, um einen Stammhalter zu bekommen. Eines Tages war es wieder so weit Das siebzehnte Kind sollte auf die Welt kommen. Alles war bereit, mein Freund Flamingo wartete im Vorzimmer. Endlich kam der Arzt aus der Türe.
„Gratuliere, Flamingo", sagte er.
Mein Freund Flamingo drückte dem Arzt die Hand.
„Was ist es? Ein Junge?"
„Nein", sagte der Arzt, „kein Junge."
„Wieder ein Mädchen?", fragte Flamingo traurig.
„Nein", sagte der Arzt, „kein Mädchen." Flamingo stehen die Haare zu Berge.
„Was? Kein Junge? Kein Mädchen? Was dann?" Antwortete der Arzt:
„Zwei Mädchen."
*
Im vierzigsten Stock erzählte Jindrich:
„Jetzt werdet ihr lachen! Ich habe unseren Wohnungsschlüssel in meinen Mantel gesteckt."
Dann schwieg Jindrich. Jimm und Jill fragten: „Und? Wie geht der Witz weiter?"
„Der Witz geht nicht weiter. Das ist der Witz." „Der Witz hat doch gar keine Pointe!"
„Und ob er eine Pointe hat. Die Sache ist nämlich wahr. Unser Wohnungsschlüssel steckt wirklich in meinem Mantel."
„Und wo ist der Witz?"
Da sagte Jindrich:
„Daß ich den Mantel mit unferm Schlüssel unten im Pestaurant vergessen habe."


