Einzelbild herunterladen

Hr. 2*9 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesien) Mittwock. 19. Seofember 1934

Im Kampf mit dem roten Hahn.

Aus der Kulturgeschichte der Feuerwehr.

Or. W. Theodor.

Die Motorspritze, besetzt mit behelmten Wehr­männern, vorn das rote Warnlicht oder gar die großen roten Leiterautos, die mit durchdringendem Schellensignal die Straßen entlangbrausen, sind uns ein Symbol der Schnelligkeit: Wir haben das BewußtseinJetzt kommt's drauf an! Hier geht's um Sekunden!" Aber nicht immer hat die Feuerwehr so rasch und schlagkräftig gearbeitet, wie es heute bei den Berufswehren der großen Städte und ebenso bei den unter weit schwierigeren Ver­hältnissen arbeitenden freiwilligen Feuerwehren auf dem Lande eine Selbstverständlichkeit ist. Vor allem hat die Entwicklung der Feuerbekämp­fung selbst einen langsamen, fast beschaulichen Verlauf genommen. Es ging da gar nicht,wie bei der Feuerwehr".

privatfeuerwehr im alten Rom.

Die antiken Riesenstädte müssen freilich schon eine recht hoch entwickelte Feuerwehr gehabt haben. Daß die Babylonier und Assyrer für die Metropolen am Euphrat und Tigris bereits brauchbare Löschgeräte kannten, können wir mit Sicherheit annehmen, denn andere gewaltige Konstruktionen, insbesondere ihre großen Bewässerungsanlagen, lassen auf einen aus­geprägt technischen Sinn schließen. Von dem Rom der Kaiserzeit aber wissen wir, daß sich verschiedene reiche Privatleute sogar eine eigene Feuerwehr hiel­ten, an deren Ausbildung und Arbeit sie ein sozu­sagen sportliches Interesse hatten. Vor allem aber gab es ein kaiserliches Feuerwerkorps, also bereits eine Berufsfeuerwehr, von etwa 9000 Mann, die bei der Ausdehnung des cäfari- fchen Rom wohl reichlich Arbeit gehabt haben. Ihnen standen neben Haken, Aexten und Leitern auch schon recht wirksame Feuerspritzen zur Verfügung; denn dieses Gerät war damals schon an 200 Jahre alt. Der griechische Mathematiker und Mechaniker Kt e s e bi o s konstruierte um 200 v. Ehr. neben zahlreichen anderen wichtigen Maschinen die erste Druckpumpe, die dann für seine Erfin­dung der Feuerspritze grundlegend wurde. Sein Schüler, der berühmte Physiker Heron von Alexandria konnte die Erfindung seines Lehrers noch weiter verbessern.

Don Gintern, Leitern nnd Feuerseilen.

Die Errungenschaften des Altertums gingen in "den Zeiten der Völkerwanderung wieder verloren. Erst vom 13. Jahrhundert ab finden wir in den deutschen Städten eingehende Feuerordnun­gen und damit die Anfänge eines organisierten Löschwesens. Vor allem wurde für die nötige Zahl von Eimern gesorgt, mit denen man aus dem Fluß oder dem besonders für Löschzwecke unter­haltenen Feuerweiher das Wasser zur Brandstelle brachte. In langen Doppelreihen wurden sie von Mann zu Mann gereicht. Zwischen den Häusern wurden vielfach besondere Gäßchen offengehalten, um die Eimer auf kürzestem Weg transportieren zu können. In Berlin wird gerade zur Zeit die letzte dieserF e u e rz e i l e n, der alteKrögel", abgerissen. Für die Instandhaltung der hölzernen Feuereimer mußten die Zünfte Sorge tragen. Spä­ter, im 15. Jahrhundert, kamen Ledereimer auf, die den Vorzug größerer Leichtigkeit hatten.

Zur bequemeren Füllung der Eimer wurden meist auch große Feuerfässer und Wassermulden ausgestellt, um das, namentlich in der trockenen Jahreszeit, aber auch bei winterlicher Bereisung

kostbare Raß möglichst wenig zu verschwenden. End- licy gehörten nocy (schlitten zur vollständigen Aus­rüstung, um die schweren Schaffe auch im Winter transportieren zu können.

War der Eimer mit Löschwasser endlich bis zum brennenden Gebäude durchgereicht, so mußte er Über hohe Leitern emporgehoben werden. Die Städte ließen an den verschiedensten Stellen, in den Straßen, an den Toren solche Leitern aufhängen, damit sie im Brandfalle nicht erst weit herangeschafft zu werden brauchten; denn diese Leitern waren un­handliche Gebilde, zu deren Bewegung sechs bis acht Mann gehörten. Häufig waren in der Mitte der Holmen noch Sperrstangen angebracht, um sie über­haupt emporwuchten zu können. Neben einfachen gab es Doppelleitern, die drei Holme hatten, und auf denen zwei Mann nebeneinanderstehen konnten. Auch zusammenlegbare Leitern wurden ge­baut, deren Sprossen in eisernen Gelenken drehbar waren, um die Leitern zusammenklappen und durch die engen Gassen tragen zu können. Neben den Leitern galten als besonders wichtige Hilfsmittel auch die Haken, mit denen Dachsparren herunter­gerissen und den Wehrmännern ein Weg zum Brandherd gebahnt werden konnte. Die Feuerord­nungen der alten Städte führen umfangreiche Ver­zeichnisse dessen auf, was der einzelne Bürger an Eimern, Leitern und Haken zur Hilfeleistung ver­fügbar halten mußte.

" ©er Wasserstrahl, die beste Waffe.

Wirksam konnte das Feuer aber erst wieder durch die Feuerspritze bekämpft werden, die Wasser in größerer Menge und mit Druck gegen das Feuer schleudert. Erste Handspritzen sind aus dem 14. Jahr­hundert erhalten, die einfachen messingnen Garten­spritzen ähneln. Sie faßten nicht viel mehr als zwei Liter Wasser, leisteten aber bei Wohnungsbränden und kleineren Feuern schon recht gute Dienste. Neben den Metallspritzen konstruierte man nament­lich in der Schweiz auch hölzerne. Ein hoher Zylin­der oderStiefel" aus Buchenholz wurde in eine wassergefüllte Kufe gestellt, das Wasser mit dem Pumpenschwengel angesaugt und dann durch ein seitliches Handrohr gegen das Feuer gespritzt. Ein bedeutender Fortschritt war eine größere Spritze, dieder von Aschenhausen" im Jahre 1602 dem Nürnberger Rat anbot. Sie wurde auf einem Wagen von einem Pferd gezogen und von zwei Männern bedient. Mit ihr soll man das Wasser bis zur Höhe eines Hauses haben emporschleudern können. Auch diese Spritzen, die mit einem Zweizylinder-Pump­werk arbeiteten und schnell große Verbreitung sanden, waren aber an bestimmte Plätze gefesselt, wo sie zwar für die Wasserträger gut erreichbar waren, von denen aus aber das Wenderohr mit seinem Wasserstrahl meist die Flammen gar nicht direkt treffen konnte.

3an van der Heyde erfand den Schlauch

Als am 25. September 1671 in Amsterdam ein Riesenbrand ausbrach, der drei Tage wütete, er­kannte der vielbewanderte Konstrukteur Jan van der Heyde die Unzulänglichkeitdes bisherigen Systems. Er erfand die Schlauchspritze, die das zunächst auch noch eingeschüttete Wasser durch einen ledernen Schlauch empordrückte, so daß der Spritzenmann mit seinem Strahlrohr an den Brand­herd Herangehen konnte. Die Leistungsfähigkeit seiner Erfindung bewies er durch die sog.Turm­

probe": Er ließ den Schlauch auf einen hohen Turm ziehen und konnte von hier aus noch hoch über den Turm hinausspritzen. Dabei waren seine Schläuche aus Leder keineswegs sehr wasserfest und mußten erst durch sorgfältigesEinsalben" mit Schmär" einigermaßen dicht gemacht werden.

Hanfschlangen" ans Weimar.

Später wurden an Stelle der unvollkommenen Lederschläuche Hanfschläuche eingeführt, die be­sonders gut aus Weimar geliefert wurden. Diese Schlangen" aus rotem Tuch wurden mit einer be­sonderen Lauge getränkt und dadurch völlig wasser­dicht. Bis zum modernen Schlauch mit innenwcm- ; digern Gummibelag war freilich noch ein weiter Weg, und selbst Lederschläuche sind noch im 19. Jahr­hundert zuweilen im Gebrauch gewesen.

Mit diesen Schlauchspritzen und ihren Ergän­zungspumpen, die das Wasser aus dem Fluß bis zur Spritze drückten oder saugten, war im Prinzip das moderne Löschgerät vollständig. Wohl betreiben wir heute die Spritzen mit Motoren oder auch mit Gasdruck, wohl haben wir mechanische Leitern, die durch Motorkraft bis zu einer Höhe von 30 bis 40 Meter auseinandergeschoben werden können. Aber neue Feuerschutz- und Feuerbekämp­fungsgeräte hat die neueste Zeit nur mit den Rauchschutzmasken und den chemischen L ö s ch m i 11 e l n entwickelt, wie sie durch die Ent­wicklung der modernen chemischen Industrie not­wendig geworden sind, da heute zahlreiche Mate­rialien nicht mehr mit Wasser allein gelöscht werden können.

Oberheffen

Deutsche Arbeitsfront.

Rechtsberatungsstelle Alsfeld.

Achtung^ An die Delriebsfiihrer!

Der Rechtsberater für Betriebsführer in den Kreisen Alsfeld und Lauterbach hält künftig jeden ersten und letzten Mittwoch des Monats von 15 bis 17 Uhr Sprechstunden in der Kreisleitung der NSDAP. Alsfeld,, Lutherstraße, ab.

Erste Sprechstunde: Mittwoch, 26. d. M. Zwi­schenzeitlich ist der Rechtsberater in der Rechtsbera­tungsstelle Gießen, Horst-Wessel-Wall 39, Fern­sprecher 2237 erreichbar.

Auskunft und Vertretung in arbeits- und fozial- verficherungsrechtlichen Fragen erfolgt für Mitglie­der der Deutschen Arbeitsfront kostenlos.

Obige Sprechstunden werden von dem Betriebs­führer-Vertreter der Rechtsberatungsstelle Gießen, Pg. Dr. Münch, pünktlich abgehalten.

Heil Hitler!

Hartmann, Rechtsberater.

Oie Stadt Lauterbach arbeitslosenfrei.

Lauterbach, 18. Sept. (LPD.) Wie in der jüngsten Bürgermeisterversammlung des Kreises Lauterbach Bürgermeister Peter (Lauterbach) bekanntgeben konnte, ist die Stadt Lauter­bach mit dem heutigen Tage wieder arbeits­los e n f r e i geworden. Im Zuge von Notstands­arbeiten werden zur Zeit einige neue Straßen im Nordbahnhof-Viertel, das jetzt mehr und mehr mit Häusern bebaut wird, hergestellt.

Willi-Weber-Gedächtnisfeier.

D Alsfeld, 17. Sept. Am gestrigen Sonntag veranstaltete die SA. -Standarte 2 5*4 anläß­lich der W e i h e des Ehrenmals auf dem Friedhof für den am 9. September 1932 verstorbe­nen SA.-Mann Willi Weber aus Alsfeld eine erhebende Gedächtnisfeier.

SA.-Mann Weber war an den Folgen einer schweren Schußverletzung, die er bei dem nächtlichen kommunistischen Feuerüberfall im Juli 1932 auf die Alsfelder SA. bei Nieder-Ofleiden erhalten hatte, gestorben.

Seine Ruhestätte auf dem Friedhof zu Alsfeld ist zu einem würdigen Ehrenmal ausgestaltet wor­den, dem am gestrigen Sonntag die Weihe gegeben wurde. An der Feier nahmen die SA.-Standarten 254, durch Abordnungen der einzelnen Stürme mit ihren Fahnen vertreten, sowie Abordnungen der SS., der HI. und des BdM., des Stahlhelms, des Arbeitsdienstlagers Alsfeld und die politischen Lei­ter des Kreises Alsfeld teil. Außerdem hatte sich auf dem Friedhof eine große Zahl von Teilnehmern

aus dem Kreise der Bevölkerung eingefunden.

Nach dem Aufmarsch der Fahnen und der Orga­nisationen am Ehrenmal hielt Gauinspekteur Klo­ster m a n n nach einem vorausgegangenen, von der SA.-Kapelle gespielten Trauermarsch die G e d ä ch t- n i 5 r e d e. Er wies darauf hin, daß sich seit dem Jahre 1932 die politischen Verhältnisse so grund­legend geändert hätten, daß man heute erst richtig begreifen könne, was in jenen Zeiten des Kampfes für die Bewegung geleistet worden sei. Kampf habe damals Einsatzbereitschaft mit dem Leben für die Ziele der Partei bedeutet. Diese vom Führer aus- gegebene Parole sei freudig befolgt worden, und auch der SA.-Mann Weber fei ihr gefolgt und ge­höre zu den 400 Gefallenen der Partei. Sein Tod sei eine Mahnung für die gegenwärtige Generation, weiter zu kämpfen am Aufbau unseres deutschen Volkes und Vaterlandes im Sinne und Geiste un­seres Führers. Die Grabstätte Willi Webers solle zugleich die Bedeutung einer Stätte des Opfer­todes haben und eine Mahnung für alle diejeni­gen fein, die früher der Partei ablehnend gegen- übergestanden hätten, an dieser geweihten Stelle Abbitte zu tun. Die Fahnen senkten sich, und ge­dämpft erklang das Horst-Wessel-Lied. In der Schlußansprache brachte Gauinspekteur Kloster- mann ein begeistert aufgenommenes Treuegelöb­nis mit Sieg-Heil auf den Führer des deutschen Volkes zum Ausdruck.

Anschließend fand auf dem Marktplatz ein Vor­beimarsch vor Gauinspekteur Klo st ermann und Standartenführer Münch statt.

Am Abend zuvor fand anläßlich der Wiederkehr des Todestages von SA.-Mann Willi Weber im großen, würdig geschmückten Saale desDeut­schen Hauses" eine schlichte, ernste Gedenkfeier statt, an der alle Parteiorganisationen teilnahmen. Die Feier wurde würdig ausgestaltet durch musi­kalische Darbietungen, Lieder und Sprechchöre und der Hitler-Jugend und durch eine kernige Ansprache. An der Feier nahm auch Standartenführer Münch tei.

Das Ehrenmal für den SA.-Mann Willi Weber, in schlichter, sehr wirkungsvoller Art hergestellt, wird gekrönt von einem mächtigen Holzkreuz, das ein Schwert als heldisches Sinnbild trägt und auf einem massiven Sandsteinsvckel aufgebaut ist.

Landkreis Gießen.

X W i e s e ck, 18. September. Die diesjährige Schweinezwischenzählung, die in unse- rer Gemeinde vor einigen Tagen vorgenommen wurde, ergab folgenden Bestand: 4 Ferkel unter 8 Wochen, von 8 Wochen bis zu einem halben Jahre 127 Schweine, von einem halben Jahre bis Zu einem Jahre 709 Schweine, darüber hinaus

NfltotWlKW

Roman von Anny von panhuys.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.)

21 Fortjetzung Nachdruck verboten!

Frau Steffi wechselte schnell das Thema. Auf Donatas Stirn lag immer noch ein leichter Schatten.

Sie wies auf das Wasser.

Ich liebe den Rhein und seine Ufer. Früher fuhren wir manchmal von hier nach Köln und hielten auch unterwegs Rast. Denkst du noch daran, Werner, wie wonnig der Abend in Bacharach war? Und denkst du noch an unsere zwei Tage in Sankt Goar? Wir konnten uns stundenlang nicht von dem Bilde des jenseitigen Ufers trennen, auf dessen Höhen sich die Burgen Katz und Maus so malerisch erheben. Und dann Stolzenfels"

Er nickte.

Natürlich weiß ich alles weiß ich noch. Stolzenfels! Abends auf der Terrasse des kleinen Hotels sang ein junger Kerl das alte Lied: ,Ein Grenadier auf dem Dorfplatz stand .. /"

Sonderbar ein Stückchen vor ihnen begann eben ein Handharmonikaspieler das Lied zu spielen, von dem sie gesprochen hatten.

Sie blieben unwillkürlich stehen. Er fang mit müder, brüchiger Stimme:

O Mädchen, bleibe mein, Dies Herz, es ist nur dein;

Ist der Frieden da, dann kehr ich heim Nach Stolzenfels am Rhein!

Werner Olden schenkte ihm eine Mark, sagte zu feiner Frau:

Vielleicht war der arme Musikant gerade der junge Kerl von damals! Es wäre immerhin möglich."

Sie lächelte in Erinnerungen versunken; beide dachten an einst, als sie jung und froh den Rhein besucht hatten.

Donata aber blickte vor sich hin. Wie Sehnsucht war es in ihr. Sehnsucht nach dem Geliebten, den der Vater wieder so ein bißchen, von oben herab öenGärtner genannt hatte. Weh hatte er ihr damit getan, sehr weh.

Vierundzwanzig st es Kapitel.

Der Konzertsaal war vollkommen gefüllt. Kein Apfel konnte zur Erde fallen, wie man zu sagen pflegt. Aus allen nahen Städten waren Musik­freunde erschienen. Aus Wiesbaden und Frankfurt, aus Karlsruhe und Mannheim. Die Symphonie Die wilde Jagd" war als ein ganz großes musi­kalisches Ereignis angekündigt worden.

Bekannte Künstlerkopfe tauchten auf, ebenso zeig­ten die Saalplätze ein interessantes und interessiertes Publikum. Weit hinten oder im Olymp befanden sich die billigeren Plätze: hier saßen viel junge Musikstudierende, mit Spannung, oft mit Herz­klopfen den Anfang des Konzerts erwartend. Pro­

fessor von Eberbach war ja einer der bedeutendsten Dirigenten der Gegenwart.

Als. er erschien, brauste ihm ein Beifallssturm entgegen.

Ein Lächeln glitt über sein blasses, fast asketisch anmutendes Gesicht. Die Instrumente wurden ge­stimmt, und unter atemlosen Schweigen begann die dritte Leonoren-Ouvertüre von Beethoven.

Mit gesenktem Kopf saß Werner Olden in der Loge zwischen Frau von Eberbach und seiner Frau. Donata saß zur Rechten des Prinzen, der während der Ouvertüre ab und zu heimlich das feine Mäd- chenprofil bewunderte und ganz ernsthaft überlegte, ob es nicht besser wäre, so ein liebes, schönes Mädel zu gewinnen an Stelle der etwas plumpen Hollän­derin. Es war doch keine so einfache Sache, eine wie Nikola van den Haag immer um sich dulden und als ihr Gatte mit ihr leben zu müssen.

Und wie vornehm Donata Olden aussah! Be- zaubernd saß sie da, gerade und doch nicht steif, I öie schmalen Hände leicht auf der Brüstung ruhend. 1 Er sah den großen, funkelnden Solitär an ihrem Finger, sah die Perlen um ihren schmalen Hals. Hm! nur ein armer Musiklehrer, wie seine Schwester ihm erklärt hatte, schien Werner Olden doch nicht zu sein.

Werner Olden lauschte versunken, dachte, Beet­hoven war doch so ein ganz Großer, ein Gigant im Reiche der Töne; trotzdem stand sein Name auf dem gleichen Programm wie Beethovens unsterb­licher Meistername. Ein Zwerglein war er gegen den Riesen. Er fror vor Bangen, vergaß völlig den Erfolg der Generalprobe.

Er versank vor der Macht Beethvvenscher Kunst wie in einen tiefen Abgrund. Winzig klein fühlte er sich und so angstbefangen, als warte schon ganz nahe ein Unheil auf ihn, um über ihn herzufallen.

Erst der laute Beifall brachte ihn wieder zu sich. Mendelssohns Violinkonzert folgte. Herwart, der be­rühmte Virtuose, spielte es mit Orchesterbegleitung, Professor von Eberbach dirigierte wieder.

Werner Olden hört kaum noch den Klang der wunderklaren Geige, sondern beobachtete mit Be­klemmung den Professor. Aber nicht ihm allein fiel die schlaff und schlaffer werdende Haltung des Dirigenten auf, auch viele andere Kvnzertbefucher waren schon aufmerksam geworden. Und Frau von Eberbach flüsterte plötzlich erregt:

Um des Himmels willen was fehlt nur meinem Manne?"

Der letzte Ton verhallte, und mitten in den Bei­fall der Hörer mischten sich Schreckensrufe, denn Professor von Eberbach schwankte und wäre sicher gefallen, wenn nicht noch rechtzeitig ein erster Geiger zugesprungen wäre und ihn gestützt hätte.

Frau von Eberbach verließ hastig die Loge allgemeine Verwirrung herrschte im Saale.

Werner Olden atmete schwer. Seine Angst war berechtigt gewesen, die Ahnung nahen Unheils hatte nicht getrogen. Nun konnte man feine Symphonie nicht spielen, der Dirigent würde wohl nicht im­stande sein, sie zu leiten.

Man hatte den Professor fortgetragen die Pause war drückend und schwer. Man reckte den Hals, als ein Herr auf dem Platze des Dirigenten erschien, und in die atemlose Stille hinein klang eine kräftige Männerstimme:

Professor von Eberbach ist bewußtlos. Er hat sich in den letzten Monaten überanstrengt, ein Arzt ist schon bei ihm; aber das Konzert kann er nicht zu Ende führen. Konzertmeister Bettenhauer wird das übernehmen."

Werner Olden dachte verzweifelt, wenn Konzert­meister Bettenhauer feine Symphonie dirigierte, stand alles für ihn viel schlechter. Das, was der Professor daraus gemacht hatte, das würde ihm doch nicht gelingen, trotz der meisterhaften Ein­studierung.

Verleger Melzer rief Werner Olden aus der Loge. Der Prinz war längst feiner Schwester ge­folgt, und so saßen jetzt nur noch Frau Steffi und Donata in der Loge. Sie flüsterten leise miteinander. Sie bangten ja jetzt auch um den Erfolg der Symphonie.

Auf dem Gange stand Verleger Melzer vor seinem Schützling, sagte heiser" vor Erregung:

Das ist ein geradezu fabelhaftes Pech, lieber Freund! Professor von Eberbach hätte einen Bombenerfolg erzielt. Der Konzertmeister kann etwas, zugegeben aber er hat sich doch nicht in die Symphonie vertieft wie der Professor. Das ist eben ganz was anderes."

Werner Oldens Züge schienen sich zu straffen.

Wenn der Konzertmeister es wagen will, zu dirigieren, jpüßte ich wohl erst recht den Mut dazu aufbringen. Ich denke, was man ihm zutraut, wird man dem Komponisten selbst erst recht zutrauen dürfen."

Er packte den Verleger am Aermel feines tadel­losen Abendanzuges:

Bitte, veranlassen Sie, daß ich selbst dirigieren darf! Ich habe doch viele Proben mitgemacht, ich kenne doch jede Note der Symphonie, jede Pause." Er wurde immer eifriger.Und tausendmal besser ift's ich selbst bringe mich heute um den Erfolg, als ein Fremder tut es."

Sie wollen es wirklich wagen?" fragte Melzer, den anderen fest ansehend.

Werner Olden neigte nur den Kopf. Er war durchdrungen von der Gewißheit, daß er auf das, was nun kommen würde, fein ganzes Leben lang gewartet hatte, wie auf eine höhere Sendung.

Melzer zog ihn mit sich, und wenige Minuten später war alles in Ordnung.

Der Herr von vorhin trat wieder vor das Publi­kum und meldete, es gehe Professor von Eberbach besser, und der Komponist der SymphonieDie wilde Jagd", Werner Olden, würde sein Werk selbst dirigieren.

Oben in der Loge sahen sich Mutter und Tochter erschreckt an. Sie glaubten, falsch gehört zu haben.

Aber da trat Werner Olden schon vor, nahm den Platz des Dirigenten ein, langte nach dem Taktstock.

Großes Schweigen herrschte, niemand begrüßte!

Werner Olden. Es schien fast, als wäre man ent­täuscht, daß er nun dirigieren wollte an Stelle des Konzertmeisters, der hier in Mainz viele Freunde besaß.

Frau Steffi griff nach Donatas Hand.

Du, ich hab unsagbare Angst!"

Donata ging es nicht viel besser, als sie lächelte:

Vater wird's schon gutmachen nicht ein biß­chen Angst habe ich."

Werner Olden ließ seine Augen über die Musiker hingehen wie ein Feldherr, der seine Truppen mustert. Ein Lächeln glitt dann über sein Gesicht; er nickte diesem und jenem zu. Es war, als wollte er bitten: Jetzt geht mit mir durch dick und dünn, jetzt laßt mich nicht im Stich!

Nun hob er den Taktstock, und der erste Satz begann.

Anfangs war es Werner Olden, als wären seine Arme und Hände aus Holz, die sich nur schwerfällig seinem Willen fügten. Er wußte noch zu genau, wo er sich befand die Angst schwelte noch in ihm.

Die Musik beschrieb den Wald und feinen tiefen Frieden im Herbst, malte goldbraune Laubkronen, malte Herbstblumen und Herbstsonne, und ruhig­frohe Menschen unter friedlichem Himmel. Die Musik wirkte jetzt auf ihn ein, alles Bange in ihm schwand er hörte fein Werk, er fing an, es zu durchleben, wie er es schon so oft durchlebt hatte.

Fester hielten sich Mutter und Tochter bei den Händen; sie fühlten, er, der da unten dirigierte, der zu ihnen gehörte, hatte sich jetzt gefunden, er würde das Große, das Unvorhergesehene bewäl­tigen.

Die Hörer gerieten immer mehr in den Bann der Töne; sie folgten willig. Der milde zweite Satz ließ manchen Blick feucht aufschimmern; aber der vierte Satz, die wilde Jagd selbst, versetzte den weiten Saal in flammende Begeisterung.

Herrgott, konnte der bis jetzt völlig Unbekannte dirigieren? Man kroch förmlich in sich zusammen; es war wie Ungewitter über allem, es war, als brause das wilde Heer hoch über den Hörern dahin, verbreitete Angst und Schrecken. Kaum zu atmen wagte man.

Dem Finale folgte kein Beifall. Fast eine Minute verging, ehe sich die ersten Hände regten; aber bann brach es wie Jubel los, toste durch den Saal wie ein Orkan. Umbraust von dem Beifall stand er da, der bis jetzt nichts weiter als ein unbekannter Musiklehrer und Gesangoereinsdirigent gewesen war.

Er mußte viele Hände schütteln, viele Glück- wünsche entgegennehmen, und saß dann mit Frau und Tochter an einer festlich gedeckten Tafel, wurde gefeiert.

Der Musikoerleger Melzer aber, an den er sich früher nie herangewagt hatte, behandelte ihn mit einer Auszeichnung, daß Werner Olden sich ab uni) 3" heimlich in den Arm kniff, ob er wirklich wachte und nicht träumte, ob er wirklich der Held des Abends war.

(Fortsetzung folgt.)