Aus -er Wett -es Ulms.
Berliner Filmbrief.
„Der Herr der Wett."
Ein Harry-Piel-Film ohne Harry P i e l l Nun, er hat uns oft genug gezeigt, daß er Meister der Spannung ist. Wenn nnr glauben, jetzt wird er keine Steigerung mehr finden, dann teyrt er das Unterste zu oberst und macht das Unglaubliche möglich.
Mit sehr viel Geld, brillanter Technik und großem Geschick hat man ein Werk zujammengebaut, das sicher ein Pubiikum finden wird, das mit angehaltenem Atem den Vorgängen auf der Leinwand folgt. Es geht in diesem Manuskript von Georg Mühlen-Sch ulte um die Frage: Kann die DUlschine endgültig durch eiserne Hände bedient werden, damit der Mensch wieder frei werde für Acker und Scholle, damit fein Leben wieder sinnvoll wird unter blauem Himmels unter Wind und Sonne und Regen, so, wie die Schöpfung ihn gewollt hat.
Dazwischen spielt die Liebe. Der Direktor einer Maschinenfabrik verunglückt und hinterläßt eine junge Frau, die von Sybille Schmitz anmutig verkörpert wird. Ein guter und ein dämonischer Ingenieur sind ihr zur Seite und umwerben sie. Das Schicksal bewahrt sie vor dem bösen Geist, und die jungen Leute werden zum Schluß ein glückliches Paar. Sehr schöne Landschaften und eingestreute heitere Szenen sorgen für Abwechslung.
Zusammengefaßt: saubere Arbeit, Spannung, gute schauspielerische Leistungen von Janssen, Frank, Schmitz, Wernicke, Wäscher, Schürenberg und vielen anderen in einem Film, dessen Manuskript, aus Kosten der reinen Logik, einige Anforderungen an die Phantasie stellt.
„Lchtoß Hubertus."
Ein Ufa-Film nach dem gleichnamigen Roman Ludwig G a n g h o f e r s. In der herrlichen Landschaft des Hochgebirges entwickelt sich ein spannendes Geschehen bis zum unlöslich scheinenden Konflikt. Graf Egge, der Vater, ein leidenschaftlicher Jäger — durch Friedrich Ulmer lebenswahr dargestellt —, entfremdet sich seinen nächsten Angehörigen; er zieht sogar die „Jagdgrenze" zwischen sich und seinem anders gearteten Sohne Tassilo, und verbietet seiner Tochter die Ehe mit einem Maler. Gras Egge kennt aber auch keine Rücksicht sich selbst gegenüber und fordert das Schicksal heraus. Auf riefenhohen, aufeinandergefügten schwankenden Leitern besteigt er die schwindelnde Südwand, um einen Adlerhorst auszunehmen. Es gelingt ihm nicht. Aetzender Unrat fällt ihm aus dem Nest entgegen und raubt ihm das Augenlicht. Packende Augenblicke, wenn der so schwer hoimgesuchte Mann in die Tiefe steigt, oftmals dem Sturz nahe.
Neben Ulmer zwei neue Gesichter: Herta W o - rell und Hansi K n o t e ck. Auch die übrigen Darsteller geben ihr Bestes.
„Eskimo."
Nach Rasmussen kommt nun Peter Freu- chen mit einem Eskimo-Film zu Worte. Wieder erlebt man die herrliche, unverfälschte Natur der Arktis und das ungekünstelte Spiel der Polarbewohner, die nur sich selbst darzustellen haben. Führte uns Rasmussen nach Grönland, so geht die Reise diesmal nach Alaska. Anders ist das Aussehen der Eskimos, anders ihr Leben. Der Erste seines Stammes, Mala, ist zugleich der kühnste Eisbärjäger, der stärkste, der sicherste Schütze. Nur unter schweren Existenzbedingungen können er und seine Stammesangehörigen stark und elastisch bleiben und dabei ihre Arglosigkeit und Liebenswürdigkeit bewahren. Da kommen die weißen Männer und machen die Naturkinder mit den Segnungen der Zivilisation bekannt, die hier zum Unsegen werden müssen. Sie setzen sich über die Gebote der Gastfreundschaft und Treue hinweg und bringen Verwirrung und Unheil in das Leben der Eskimos. Peter Freuchen spielt selbst den Kapitän, der die Hand nach Malos Frau ausstreckt, lieber diese undankbare Rolle hinaus hat er großartige Landschaftsbilder geschaffen, in die sich die Handlung selbstverständlich einfügt. Erstaunlich sind die Aufnahmen von der Eisbärenjagd.
„Krach um Jolanthe."
„Armes Schwein", kann man wohl mit Recht zu dieser strapazierten Jolanthe sagen. Nun hat sie schon unendlich viele Aufführungen im ganzen Reich erlebt, und nun muß sie auch noch auf die Leinwand. Das ist ihr nicht besonders gut bekommen, denn man hat sie unter eine Regie gestellt, die ganz gewiß keine näheren Kenntnisse des westfälischen Bauernlebens hat. So wollte Hinrichs feine Jolanthe nicht groß werden lassen. Man hört und liest zwar, sie sei immer noch genau so in Erdgeruch und Stallduft eingehüllt wie zuerst, aber das ist nicht wahr. Die Atmosphäre dieses Bauernstückes ist viel zu großartig, viel zu viel Operettenkulisse, um echt sein zu können. Daß trotzdem ein Film entstand, der sein Publikum fesselt, liegt daran, daß der Dichter sein Werk gekonnt hat. Was sie auch daran verbiegen, es bleibt genug, um die Menschen zu packen. Marianne Hoppe ist eine herzerfrischende, herbe Großbauerntochter, Carsta Lock als sinnen-
freudige, mordshäßliche Maad erfüllt auch jetzt wieder das Haus mit Gelächter. Der Großbauer wurde durch Wilhelm Krüger gut verkörpert. Ein recht beachtliches Versehen der Regie ist, daß der Dialekt nicht einheitlich ist. Einer spricht ostpreußisch, einer mecklenburgisch, der dritte hamburgisch und der vierte oldenburgisch. Die Besetzung des Müllers Bunje durch Olaf Bach war äußerlich falsch. Ein schwarzer Typ wird einem nordischen Bauern- durschen schwerlich gerecht. Auch Wesemeier, der Lehrer, gespielt von Albert Lieven, ist nicht besser geworden durch die Neufassung. Der Knecht Fritz H o o p t s ist eine glänzende Charakter/tudie. Herrlich, wenn dieses Gesicht manchmal allein auf der Leinwand zu sehen ist und stärkste Wirkung erzielt. Leider hatte man der reizenden Marieluise Claudius nur eine kleine Rolle gegeben. Das Publikum hatte seinen Svaß und bereitete dem Film einen stürmischen Beifall.
Greta Garbo verläßt Greta Garbo...
Oie Frau mit dem seltsamsten Beruf der Welt.
London, im September.
Wenn vom Big Ben die laut hallenden Schläge der Turmuhr „halb zwölf" verkünden, verstummt fast mit dem letzten Schlage alles großstädtische Leben. Die Restaurants haben zum größten Teil bereits geschlossen, die Unmengen von Automobilisten müssen sich, dem neuen „Schweigegesetz" zufolge, ohne Gebrauch der Hupe im strudelnden Verkehr durchhelfen. Langsam verschwindet der ruhige Bürger von den Straßen, um dem typischen Nacht- publikum Platz zu machen. Jetzt beginnt das Leben der vielen, ja, unzähligen Nachtklubs und der sogenannten „Mitternachtsrestaurants".
In einem solchen Restaurant traf ich gestern nacht die Frau mit dem seltsamsten Beruf der Welt. Sie ahnte nicht, daß ich Journalist bin — andernfalls wäre ich wohl kaum in der Lage, diesen Bericht, der ein neues, diesmal kein Reklamegeheimnis um die „göttliche Garbo" enthüllt, zu bringen. Fünf Jahre hindurch war diese Frau in persönlichen Diensten der berühmten Filmschauspielerin, fünf Jahre hindurch erhielt sie ihr wöchentliches Gehalt nur dafür, daß sie sich wie die Garbo kleidete, ihre Frisur wie die Garbo trug, gleich der Garbo zu gehen hatte und stets bei der Hand sein mußte, wenn man Greta Garbo für die Öffentlichkeit brauchte — und keine Garbo da war.
Es ist seltsam, wie dauernde Verstellung einen Menschen allmählich in ihren Bann zwingt. Meine jüngste Bekanntschaft hatte die Garbo so lanae Zeit hindurch vorzustellen, daß sie jetzt nicht mehr aus ihrer zweiten Haut heraus kann. Ich sprach — so kam es mir vor — gestern nicht zu einer Doppelgängerin, sondern mit Der Garbo selbst...
Ihr wahrer Name ist Geraldine Dvorak. Sie ich Tschechoslowakin von Geburt und fuhr vor nun zwölf Jahren „über’n großen Teich", um ihr Brot zu verdienen. Sie erreichte ihr Ziel — aber es war der merkwürdigste Beruf, den sie ergriff... und den sie nun zu vergessen strebt.
„Ich habe in allen Greta-Garbo-Filmen mitgewirkt. Außer den beiden letzten. Stets, wenn ein „Langschuß" (eine Aufnahme des Stars aus der Entfernung) ober ein „mittlerer" gedreht wurde, war die Garbo nicht zu finden — und ich verpflichtet, einzuspringen. Manchmal sogar bei Nahaufnahmen (bei denen der Schauspieler gewöhnlich drei Meter von der Kamera entfernt steht). Sie werden sich vielleicht des Films „M ata Hari" erinnern. In diesem Film finden lange Szenen statt, in denen die Garbo einen dünnen Gesichtsschleier trägt — ich war diese Garbo. Ich erinnere mich auch noch eines anderen Films, den die Garbo nur mit Widerwillen begonnen hatte zu spielen, bis sie bald die Lust gänzlick) verlor. Besonders eine, die entscheidende Szene im Film, widerte sie geradezu an. Aber sie war durch Vertrag gebunden und mußte, sollte sie nicht eine hohe Konventionalstrafe bezahlen, erscheinen. Die Szene wurde gedreht. Mit der Garbo — und doch war sie nicht anwesend. Sie hatte mir die Rolle gut vorgespielt.
ich ging zum Studio, spielte vom frühen Morgen bis zur sinkenden Nacht. Nicht eine Person im ganzen riesigen Atelier hatte, vom Manager an« ■gefangen bis zum letzten Chorgirl, eine Ahnung, daß es nicht die wahre Schauspielerin war, die dort vor der Kamera spielte. Auch bei den späteren Aufführungen fiel nichts auf. Es war eben die Garbo. Sie werden begreifen, daß ich den Titel des Films nicht nennen kann. Mindestens hundert Leute vom Film würden sofort ihre Stellung verlieren...
Einmal tanzte ich in einer Gesellschaftsszene dicht hinter der Garbo. Man mußte das betreffende Stück aus dem Film schneiden. Der Effekt war geradezu gespenstisch.
Sehr oft hatte ich auch zu den Uraufführungen — als die Garbo — zu erscheinen. Wie oft bin ich nicht an John Gilberts Arm durch die Kinos gegangen, von der Menge um brüllt — aber ich 'Durfte kein Wort sprechen, kein Autogramm geben, um das Geheimnis zu hüten. — Aber jetzt habe ich den zweiten Menschen in mir satt. Ich faßte meinen Entschluß, als die Garbo Urlaub nach Europa nahm, und führte ihn bald daraus aus. Ich möchte vergessen, daß ich Greta Garbo war!"
Diese Frau erzählte mir auch interessante Einzelheiten über den rätselhaftesten aller Filmstars, Einzelheiten, die ich glauben konnte, da sie nicht wußte, daß sie zu einem „Mann von der Presse" sprach.
„Die Garbo ist durchaus nicht das, was man etwas roh „kaltschnäuzig" nennt. Im Gegenteil — sie fürchtet sich fast stets. Ich weiß nicht, wovor. Aber sie fürchtet sich, wenn sie allein ist oder in Gesellschaft weilt oder vor der Kamera steht. Mag sein, daß sie nicht vergessen hat, wie man über sie lachte, als sie vor wenigen Jahren nach Hollywood kam. Man lachte über ihre Stimme, ihre Größe, ihre langen Beine. Man nannte sie „Truthahn". Ihr bester Freund, Mauritz Stiller, war tot. Sie hatte niemanden, mit bem sie sich unterhalten konnte. Ich habe sie oft vor Angst zittern gesehen, wenn Männer zu ihr kamen, um mit ihr zu verhandeln. Gewiß, die Amerikaner sind schließlich nicht schlechter als die Männer anderer Erdteile — aber sie sind nur von einem atemlosen Begriff erfüllt: Geschäft!
Sie, die mit 20 Mark wöchentlichem Gehalt ihre Laufbahn begann, wird im nächsten Jahr rund 2 Millionen Mark verdienen, wenn ihre neue Forderung auf Gehaltserhöhung von Metro-Goldwyn- Mayer angenommen wird. Und ich glaube nicht, daß man „nein" sagen wird. Augenblicklich erhält sie rund 700 000 Mark für jeden Film — eine Arbeit von sieben bis zehn Wochen. Vor einigen Wochen bestellte sie ihre Geschäftsmanager zu sich, Herrn Edington und I. S. B u e I e r aus Neu- york. Die Unterhaltung war sehr kurz:
„Ich denke, ich werde im nächsten Jahr wohl 400 000 Dollar für einen Film bekommen. Wahrscheinlich mehr. Ich werde, sollte dies der Fall sein, nur noch in zwei Filmen in jedem Jahr spielen.
Wollen Sie sich, meine Herren, bitte darauf einrichten."
Die Direktoren ihrer Filmgesellschaft fluchten, als sie von der neuen Forderung ihres größten Stars hörten. Aber sie fluchten wohlweislich nicht in Gretas Gegenwart. Denn sie wissen, daß dieser Star, der sein Geld sehr sicher in schwedischen Regierungsbonds angelegt hat, unabhängig von Hollywood if* Sie ist der einzige Filmstar, der kein Geld bei dem großen Bankkrach von 1928 verloren hat; und als man seinerzeit bei dem Ausbruch des Kreuger- Skandals in halb Amerika davon munkelte, daß die Garbo die „Hauptleidtragende" sei, erwies sich dieses Gerücht sehr bald als aus der Luft gegriffen.
Sie gibt sogar manchmal Geld aus. Denn sie hat vor einigen Wochen einen neuen Kühlervorsatz an ihren Wagen montieren lassen. Das Auto ist ein 1926er Limousinen-Modell. Nun sieht der Wagen viel schnittiger aus. Die Puder und andere Körper- pflegemiUel stellt ihr natürlich die Gesellschaft zur Verfügung. Natürlich ...
Nur ungern trennte ich mich von dieser seltsamen Frau, die mir so manches Interessante über die Garbo berichtet hatte. Aber zuletzt kamen ihre Sätze nur noch langsam, gleichsam widerwillig. Schließlich verstummte sie ganz und blickte ratlos zu Boden. Es war eine durchaus naturwahre Szene aus einem Garbo-Film ... Chr. H. d.
Oie Insel der (Seligen.
Gespräch mit Brigitte Helm.
„Hallo, Frau Helm, nur einen kleinen Augenblick!"
„Was gibts?"
Brigitte Helm steht an der Tür ihres Wagens, der sie nach anstrengender Filmarbeit in Neubabels- berg zu ihrem kühlen Garten und in ihre ruhige Wohnung zurückbringen soll.
„Eine einzige Frage! Was hat Ihnen in Ihrem neuen Film ,D i e I n \ e [‘ am besten gefallen?"
Einen Augenblick überlegt Brigitte, dann zieht sie ihr Zigarettenetui und läßt sich von mir Feuer geben.
„Sie werden lachen", sagt sie, „am besten von dem ganzen Film gefällt mir — der Name!"
Ich schaue sie etwas zweifelnd, erstaunt an.
„Ja, es ist schon so, der Name ,Jnsell."
„Verstehen Sie das nicht? »Insel*, das bedeutet doch Abgeschlossenheit, Einsamkeit, Ruhe und Fernsein von den Menschen. Wann hat das eine geplagte Filmschauspielerin? Von der Früh bis zur Nacht ist man doch dauernd im Betrieb, immer von Mensche umgeben, die etwas wollen, mit denen man reden und arbeiten muß.
Wer sagt mir, daß ich heut abend, wenn ich nach Hause komme, mein eigener Herr bin? Das ist die Kehrseite der Medaille, die nur die wenigsten sehen.
Und nun »Die Insel*.
Immer wenn ich diesen Namen hörte, dann stellte ich mir in Gedanken ein stilles, meerumrauschtes Traumland vor. Und ich wurde sofort ruhiger und zufrieden. Schon der Gedanke daran machte mich glücklich.
Sehen Sie hier mein Auto z. B.; wenn ich hineinsteige, denke ich: Jetzt gehe ich in meine Insel. Oder meine kleine Garderobe neben der großen Tonhalle, wenn ich da mal einen Augenblick sitzen kann, dann sitze ich auf meiner Insel. Ich finde das Wort und den Begriff beruhigend, jedenfalls für meine Nerven." Ich muß Frau Helm im stillen recht geben! Das Schönste im Leben knüpft sich ja oft genug nur an ein Wort, einen Begriff, eine Vorstellung.
„Zum Schluß der Insel-Aufnahmen waren wir in Dalmatien. Von der Serpentinenstraße am hohen Karst, wo wir drehten, Fritsch und ich, sahen mir auf das Meer mit seinen vielen Buchten und Inseln. Und immer fiel mir ein »Eiland* in die Augen, ein ganz kleines Inselchen mit Bäumen bestanden und einem kleinen Strand. Es war sicher ganz unbewohnt. Als ich einen Tag spielfrei hatte, mietete ich mir in aller Frühe einen Schiffer, der mußte mich hinüberfahren auf meine Insel. Abends sollte er mich wieder abholen.
Sie war noch viel schöner, noch viel traumhafter, als ich gedacht hatte.
Gar kein Mensch, nur das Spiel der Wellen am Strand und an den Felsen. Das Singen der Vögel, das Zirpen vieler kleiner unsichtbarer Grillen. Und
Einen Film erzählen.
Von Frank Leberecht.
Ein Freund der Paradoxe sagte einmal, die Fabel eines guten Films müsse so einfach fein, daß man sie auf der Rückseite einer Briefmarke erzählen könne. Ich fand das übertrieben. Wir haben uns dann als Höchstmaß auf die Rückseite einer Ansichtspostkarte geeinigt. Der Versuch, die Meisterwerke der Filmkunst diesem Kriterium zu unterwerfen, brachte überraschende Bestätigungen. Er kann daher nur jedem scharfsinnigen Filmbeobachter, ja sogar dem Leiter aethetischer Proseminare zur Nachahmung empfohlen werden.
Allerdings lief unser Versuch nicht programmmäßig aus. Mein Partner hatte nämlich das Pech, einen Film zu erwähnen, den ich nicht kannte, und geriet, als er ihn mir beschreiben wollte, so ins Erzählen, daß er eine Stunde dabei blieb. Er war sozusagen in eine andere Ebene geraten, aus der geiftigen (Spannung der Fabel in die mimische der Darstellung und schließlich in die graphische des Bildablaufs. Da es aber um einen meisterhaften Film ging, war dieser Bildablauf so sugisch komponiert, daß die Phantasie des Nacherzählenden längst nicht folgen konnte und das unmögliche Wettrennen aufgab. Mit Recht, denn es war ein Unterfangen ähnlich dem, als wolle einer den Inhalt einer Partitur mit Worten wiedergeben.
Wer ein vergleichbares Erlebnis hatte, wird das bestätigen. Vielleicht hat er bei einer Filmerzählung öen Eindruck gehabt, daß die Vorgänge von einer i merkwürdigen Verworrenheit seien, wenn er über- I Haupt einen Eindruck hatte, denn der unglückliche Erzähler wird kaum eine fließende Rede zustande I bringen; er wird sich unausgesetzt in die Rede fällten, um zu ergänzen, zu erklären, die Reihenfolge iber Geschehnisse zu ordnen. Meist hat er wichtige ! Handlungselemente vorauszuschicken vergessen oder 3er unterließ, wiederauftauchender Elemente rechtzei- itig Erwähnung zu tun. Kurzum, er haspelte ein Warn ab, das völlig unübersichtlich ist und dauernd -reißt. Aber was für ein ungleiches Garn ist es auch? wer Erzähler, der Worte für Bilderbogen fetzt, mißhandelt bei feinen mühseligen Umschreibungen die ^einfachsten Proportionen. Ein Vorgang, der im Vilm blitzschnell erfaßt wird, weil er nur Bild ist, schwillt in der Rede zu erstaunlichem Umfang an, Während ein durchlaufender, handfester, handlungs
führender Faden zu hauchdünnem Schatten schrumpft.
Unterhaltungen dieser Art pflegen meist so zu enden, daß der Erzähler, der uns von der Güte 1 eines Films zu überzeugen sucht, sich in immer kleinere Details verliert, während wir schließlich der ganzen Sache mit immer größerem Kopfschütteln gegenüberstehen. Bei Filmen komischen Einschlages hat das schon zu den köstlichsten Szenen geführt, vor allem, wenn zwei Besucher eines solchen Films einem dritten Nicht-Besucher eine gemeinsame Schilderung geben wollen. Man sieht dann zwei Leute, die in Der gegenseitigen Erinnerung an bestimmte , Episoden („Wie er bann als spanische Tänzerin ; auftritt —"; „— unb bas Gesicht, zum Brüllen") von erneuerten Lachreizen überfallen werben, wäh- renb ber britte mit gespanntem, ernstem Gesicht auf den Augenblick feiner eigenen Zwerchfellerschütterung wartet. Aber er wartet vergebens. Statt lachen zu können, wird er zusehens ernster und gewöhnlich denkt er: Was für alberne Menschen diese beiden! lieber derart verworrenes Zeug zu lachen! Diesen Film werde ich mir gewiß nicht ansehen. — Wem je auf solche Weise ein Film verleidet wurde, der wird schwerlich zu bewegen sein, jemandem — und sei es feinem besten Freunde — seinen Film zu erzählen.
Indessen ging es hier nur um mündlichen Bericht, bei dem Tonfall und Gestik des Erzählers noch manches Unsagbare ergänzt und der gerade wegen seiner Gesprächsform alle Zeichen der Unverbindlichkeit trägt. Wehe aber, wenn der Erzähler die Schriftform wählen muß! Da begibt er sich auf den Boden einer Mitteilungsweise, die ihre unangenehmen logischen Sprachgesetze hat, da muß er ! einen Kontrapunkt von Graphik, Ton und Bewegung umformen in ein peinliches Gefüge von Haupt- und Nebensätzen, die nach Satzgegenstand und -aussage verlangen und die die modifizierende Vielfalt des Bildauflaufs in die starre Form adverbialer Bestimmungen pressen. Die Folge solcher Ge- malttätigfeiten ist ein grammatisch organisiertes Gestammel, zu dem sämtliche Umstands- und Binde- ! Wörter der Zeit herhalten müssen, wie: während nun, indessen, ehe sie aber, inzwischen, da, wie er noch, plötzlich, langsam in feine Arme. — In illustrierten Programmheften findet man noch solche Erzählerübungen, die wohl von der Ansage der ersten Stummfilmzeit übrig geblieben fein mögen und einen sinnlos gewordenen Brauch fortführen.
Haben sie die Absicht, zum Besuche eines Films zu I verlocken, ober wollen sie bem Besucher sagen, was ■ er eigentlich gesehen hat? Da diese Inhaltsangaben" das Postkartenmaß weit übersteigen und den Ehrgeiz haben, die ganze Handlung laufend zu verfolgen, bleiben sie meist in einer Aufzählung von Situationen stecken, die einem phantasiebegabten Leser als filmische Möglichkeit erscheinen mögen oder dem Zuschauer hinterher die Erinnerung an gehabte Freuden erleichtern. Ein guter Film hat solche Hinweise nicht nötig, denn er macht bas Notwendige aus sich selbst heraus sichtbar. Und auf das Sehen kommt es einzig an. — Gelegentlich mag es wohl vorkommen, daß wir eine Jnhaltsbefchreibung lesen und erst ganz zum Schluß daran erinnert werden, diesen Film schon gesehen zu haben; so fremd erschien er uns in ber Erzählung. Unb was machte uns erinnern? Oft nur ein Bilb, ein einziges Bilb.
Oer Filmdichter Hai nichts zu lachen!
Ironische Randbemerkungen im Ausland.
Das Manuskript ist auch in Englanb noch immer bas Sorgenkind des Films. Die Hersteller führen bittere Klage darüber, daß den Dichtern nichts Gescheites oder doch nichts für die Leinwand Paffendes einfällt, und die Poeten und Schriftsteller behaupten schmollend, daß sie an der Tafel der Filmschaffenden stets ganz zuunterst gesetzt werden und daß man ihre Geisteserzeugnisse, wenn ihnen schon der Erfolg der Annahme veschieden war, in einer Weise zurecht stutze, daß von der ursprünglichen Fassung kaum etwas übrig bleibe. Einer ber erfolgreichsten Filmdichter Englands vertraut den zahlreichen Anwärtern auf Ruhm und Wohlstand ein ganz großes Geheimnis an. „Wenn du einen Film schreiben willst", so erzählt er, „kauf zunächst eine Schachtel mit 500 Zigaretten. Setz dich in das größte Zimmer, entferne alle Bilder von den Wänden und rück den tiefsten Lehnstuhl vor diese Wand. Dann gib Auftrag, jede Störung fernzuhalten, außer der Ankündigung des Lunch. Laß dich behaglich nieder, zünde eine Zigarette an und verbanne aus deinem Geist alle Gedanken an Steuerzahlungen, Gaspreise, den nächsten Krieg oder banale Tischkvnversativn. Konzentriere deine Gedanken
auf das Tiefste. Wenn dir auch kein Filmplan kommen wird, so doch vielleicht eine Idee für eine kurze Geschichte ober für beinen nächsten Roman — was ja immerhin einen Erfolg bebeutef. Bis 12 Uhr wirst bu vielleicht so weit gelangt sein, einen neuen Plan zur Reform bes Hauses Der Lorbs zu entwerfen, bann wirb der Tischgong ertönen, unb bu wirst befreit zum Lunch gehen. Unb ber neue Film? Dies Wunberwerk wirb plötzlich in mir lebendig, während ich meine Katze streichle oder auf meinen Kaffee warte." Ob die Wißbegierigen unb Ratsuchenden mit diesem etwas ironischen Vorschlag des Filmdichters allerdings viel anzufangen wissen, erscheint zweifelhaft.
Ebenso wenig wird ihnen mit dem Rezept geholfen sein, das der Generalsekretär der Vereinigung der englischen Lichtspielbesitzer, Gavazzi K i n g, einer größeren Versammlung mitteilte. Um ein durchschnittliches amerikanisches Filmdrama zusammenzustellen, das Aussicht auf Erfolg haben solle, bedürfe es nur der folgenden Mischung: „Man nehme eine Unze Handlung, ein Pfund schluchzender Rührseligkeit, ein Pfund aufregender Tricks, eineinhalb Pfund weiblicher Beine und Rücken, so unbekleidet wie möglich, einhalb Pfund Nachtklub unb Kabarett gemischt, brei Pfunb Star, ein Pfund Komik unb brei Pfunb Kulisse, unb ber Film ist fertig!" Ein französischer Film-Direktor sprach einst einem Textverfasser in leibenschaftlichen Worten sein allerhöchstes Mißfallen aus: „Ihre Texte sind zu kurz, zu nüchtern, zu dürr!" sagte er. „Das Publikum will unterhalten sein, es will nicht erraten. Es verlangt Poesie auch vom Text. Wo^u haben wir die Adjektive? Nehmen Sie z. B. diesen Titel: .Großvater war über bas Verschwinben seines Enkels verzweifelt.' Warum nicht lieber: „Der unglückliche Großvater würbe burch bas geheimnisvolle Verschwinben seines über alles geliebten Enkels in tiefste Verzweiflung gestürzt.' Oder: ,Am andern Morgen ...' Wie kalt, wie blaß! Sagen wir doch lieber: ,Die Morgenröte des nächsten Tages war schon verblaßt .. ' Oder da ist ein Titel: »Halt, Verruchter, ober ich töte bich!* Könnte man da nicht besser sagen: ,Steh still, du Ungeheuer, oder' ich schicke dich in die Hölle wie einen verwesten Hund, der bu bist!' Das packt! Die Bilder, mein Lieber, genügen nicht allein. Man muß sie in das rechte Licht setzen, man muß sie unterstreichen. Dann erst wirken sie auf die Menge. Das ist die hohe Kunst bes Filmtextes!"


