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Nr. 245 vierter Matt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Mittwoch, (7. Ottober 1934

Wiederaufbau eines Staates.

Eindrücke und Ergebnisse einer Polen-Reise.

Von unserem Dr. H.-Sonderlorrespondenten.

I.

Vorposten des Westens.

(Nachdruck verboten.)

Krakau, Oktober 1934.

Polnische Geschichte ist feit fast 1000 Jahren zugleich aud) immer deutsche Geschichte gewesen. Und wenn bisher häufig die tragischen Konfliktstoffe dieser Schicksalsgemeinschaft die Be­ziehungen zwischen den beiden Völkern beherrscht haben, so ist nicht einzusehen, warum wir nicht auf beiden Seiten einmal den ehrlichen Versuch machen sollen, uns der Epochen in den vergangenen Jahr­hunderten zu erinnern, die Deutsche und Polen poli­tisch, kulturell und wirtschaftlich verbanden. Polen und Deutschland brauchen für ihre innere Aufbauarbeit beide Frieden und Ruhe. Suchen wir also das, was uns verbindet und nicht das, was uns trennt." Einer unserer liebenswürdigen polnischen Gastgeber fand im ver­trauten Gsspräch mit einigen deutschen Journalisten, die von seiner Regierung zu einer Studienfahrt nach Polen eingeladen waren, diese schönen Worte; und wir konnten ihm nur mit Dank für solche Ge­sinnung bestätigen, daß auch uns der gleiche Wunsch beleele. Freilich: wir dürfen uns nicht täuschen über d i e Größe und die Schwierigkei­ten der Aufgabe. Wir dürfen uns vor allem nicht täuschen über dasTempo,in dem sich die Annäherung zwischen zwei stolzen und selbstbewuß­ten Nationen vollziehen kann. Und wir wollen nicht verschweigen, daß für uns Deutsche mancherlei Hemmungen besonderer Art zu überwinden find, die für das w ibererstandene Polen nicht existieren.

Sagen wir offen, daß wir zu Beginn der Fahrt einigermaßen skeptisch und reserviert waren. Zum Abschluß der Reise dürfen wir aber feststellen, daß wir sehr st arte Eindrücke aus dem Lande unseres östlichen Nachbarn mitnehmen und von unseren Gastgebern in guter Freundschaft scheiden. Da wir zwölf Tage durch Polen reiften und dabei nicht nur Warschau, sondern auch Gdingen, Pofen, Wilna, Lemberg und Krakau um nur die wich­tigsten Stationen der Studiensahrt aufzuzählen gesehen haben, bot sich uns sehr oft Gelegenheit zu freimütiger und rückhaltloser Aussprache mit polni­schen Persönlichkeiten aus allen beruflichen Schichten und Ständen. Mit Genugtuung und ehrlicher Freude konnten wir feststellen, daß überall ein sehr leben­diger Wille zu einer freundschaftlichen Gestaltung der Beziehungen zwischen den Nationen bestand. Aber mehr noch: wir begegneten überall auch einem oft überraschenden Verständnis für unsere Auffassungen von der Mihleitung Europas durch die Pariser Verträge und von den innerdeutschen Notwendigkeiten, die sich daraus ergaben.

Daß Deutschland heute straff und autoritär von dem souveränen Regiment Hitlers geführt wird, empfindet man in Polen als Selbstverständlichkeit und macht nicht den törichten Versuch, etwa nach französischem Muster die Gefahr neuer internatio­naler Komplikationen an die Wand zu malen, weil der Nationalsozialismus Deutschland heute schlecht­hin repräsentiert. Polen weiß, daß der Wiederauf­bau eines Staates und einer Nation nur i n Ruhe und Frieden durchgeführt werden kann. Und das ist seiner politischen Intelligenz d t e sicherste Garantie für den Bestand und die Vertiefung des deutsch-polnischen Verständigungs­abkommens vom Jahre 1934.

Daß wir auf polnischem Boden überall mit größ­ter Liebenswürdigkeit empfangen werden würden, war bei der bekannten polnischen Gastfreundschaft nicht überraschend. Als Ueberraschung empfanden wir aber dankbar mancherlei kleine Aufmerksam­keiten, die vor ober auch unmittelbar nach dem Ab­schluß des deutsch-polnischen Vertrages sicherlich noch nicht denkbar gewesen wären. Und daran kann man wohl die Fortschritte in der Annäherung zwischen den beiden Nationen am besten ablesen. I n War­schau mochte es noch eine Geste diplomatischer oder politischer Höflichkeit sein, daß das Hotel der deutschen Journalisten mit den schwarz-weiß-roten Farben und dem Hakenkreuz-Banner geschmückt war. In der Hauptstadt jedes Landes ist die Bevöl­kerung an derlei gewöhnt. Die polnischePro­vinz" jedoch hätte vermutlich noch vor wenigen Monaten ablehnend reagiert, wenn man ihr die Farben des Dritten Reiches gezeigt hätte. Während . unserer ganzen Reise aber wurden wir überall neben i den weiß-roten Farben Polens von den Flaggen unseres Vaterlandes begrüßt. Daß uns dabei warm ums Herz wurde, war schließlich nur selbstverständ­lich. Nicht minder sinnfällig aber wurde die gastliche Freundschaft Polens, wenn wir etwa bei dem Grafen Potocki in ßancut mit dem Marsch Oh Deutschland hoch in Ehren", oder von der Ka­pelle des Salzbergwerkes W i e l i c z k a mit den Klängen desAlten Kameraden" empfangen wur­den. Das Deutschlandlied und der Kampfgesang Horst Wessels erklangen während unserer Polenfahrt ebenso oft wie die polnische Nationalhymne und das Lied der ersten Legion. Uber die Gepflogenheiten einer internationalen Höflichkeit hinaus wurden uns somit Aufmerksamkeiten erwiesen, die wir mit einem herzlichen Dank an die Gesinnung unserer Gastgeber verzeichnen dürfen.

*

Polen ist ein merkwürdiges Land merkwürdig in des Wortes eigentlichster Bedeutung. Es ist ein noch junges Staatswesen, das ja erst durch die bekannte Deklaration der Mittelmächte vom November 1916 als politischer Begriff roieberer» stand. Es hat aber eine 900jährige G e- schichte, die im Bewußtsein der Nation trotz 130jähriger Trennung und Teilung sehr leben» big geblieben ist. Aufgespalten zwischen drei große Mächte, von innerem Hader zerfleischt und zerrissen, zahllosen fremden Einflüssen ausgesetzt, hat sich dennoch das polnische Volk überraschend schnell wieder zur Nation zusammen­gefunden, nachdem die Wirren der ersten Nach­kriegsjahre überstanden waren. Seit dem Staats- st reich Pilsudskis vom Jahre 1926 wird das Land auf eine sehr eigentümliche Weise autori- t ä r regiert DemMarschall", wie Pilsudski schlechthin genannt wird, ist es in steigendem Maße gelungen, Den Einfluß des Sejm auf die politische Entwicklung des Landes zurückzu- drängen. Die jüngst veröffentlichte Notverord­nung des Staatspräsidenten, wonach die gesamte Bevölkerung Polens beider Geschlechter zum mi­litärischen Hilfsdienst verpflichtet ist, beweist das wohl am besten. Die Getreuen des Marschalls formen ihr Volk einheitlich, und schon heute, noch nicht 16 Jahre nach dem Ende des großen Krieges, kann nur noch der genaue Kenner der Verhältnisse unterscheiden, ob ein Angehöriger der älteren Generation Polens aus den ehemals preußischen Teilgebieten, aus Russisch- Polen oder aus dem österreichischen Galizien stammt, das heute Klein-Polen heißt.

Die allgemeine Wehrpflicht fördert den Ver­schmelzungsprozeß ebenso wie die vormilitärische Erziehung und die Förderung des Volksschulwesens, durch die es in Verbindung mit den militärischen Erziehungs- und Schulungseinrichtungen gelungen ist, das Analphabetentum erfolgreich zu bekämpfen, dessen Aufrechterhaltung vor dem Kriege im ehe­maligen Russisch-Polen als höchste Staatsweisheit galt. Der polnische National- und Staatsgedanke, der noch vor wenig mehr als 20 Jahren seinen Hort eigentlich nur in einer dünnen Jntelligenz- schicht hatte, ist heute auch in das Bewußtsein des letzten Bauern und Arbeiters gedrungen. Es ist dabei besonders bedeutungsvoll, daß die zwei Kampfjahre von 1920 bis 1922 gegen die Sowjet­union zu einer rückhaltlosen Absage Polens an das Ideengut des asiatischen Ostens geführt haben. Galt das Warschau der Vorkriegszeit mit seinem russi­schen Gouverneur und der russischen Kathedrale noch als Vorposten des Ostens, so ist heute der polnische Staat zum Vorposten des Westens gegenüber Asien geworden.

Das alles, was hier nur in großen Umrissen ange­deutet werden kann, muß man sich vor Augen halten, wenn man Polen aus seinen natürlichen Existenz­bedingungen heraus begreifen will. Selbstverständ­lich hat ein junges Staatswesen, das erst vor zwölf Jahren seinen Frieden mit der Sowjetunion machen konnte, noch außerordentliche Schwierigkeiten zu überwinden. Schwierigkeiten, die wir überall beob­achten konnten. Es darf auch nicht vergessen wer­den, daß große Gebietsteile Polens K a m p f g e - lände des Weltkrieges waren, wo der Wiederaufbau natürlich nur langsam und unter er­heblichen Opfern vor sich gehen konnte. Man wird auch schon bei einer flüchtigen Betrachtung der

geopolitischen Lage Polens begreifen, warum bei» spielsweise die Siedlungstätigkeit an der Ostgrenze nur sehr behutsam vonstatten geht. Eins aber ist ftajer: der polnische Staat von heute ist eine f e ft 9eiu9te Willenseinheit, die sich in der Geschlossenheit seiner Nation, der Wehrkraft und dem Wehrwillen seiner Bevölkerung wie endlich aud) in den wirtschaftlichen und kulturellen Leistun­gen des Volkes repräsentiert. Darüber soll in einigen weiteren Sonderartikeln über Lemberg und Krakau, den südöstlichen und südwestlichen Eckpfeiler Polens, näheres berichtet werden.

Große Strafkammer Gießen.

Die Kammer hatte sich zunächst mit dem Franz Bohn aus Nauheim, z. Z. in Strafhaft in Butz­bach, zu befassen, gegen den die Staatsanwaltschaft die Sicherungsverwahrung beantragt hatte. Der Antragsgegner, der schon zweimal in der französi- scheu und einmal in der spanischen Fremdenlegion war, ist zehnmal vorbestraft und verbüßt zur Zeit wegen räuberischer Erpressung im Jahre 1931 eine Gefängnisstrafe von 4 Jahren. Entsprechend dem Antrag des Anklagevertreters wurde die Sicherungs­verwahrung kostenpflichtig ausgesprochen.

Gegen den R. H., z. Z. in Nauheim, hatte die Staatsanwaltschaft im Wege des Sicherungsver­fahrens die Unterbringung in eine Heil- und Pflege- anstatt beantragt. Das Gutachten des Sachverstän­digen ergab, daß H. wohl geistig defekt, jedoch keineswegs gemeingefährlich ist. Der Antrag wurde deshalb unter Belastung der Staatskasse mit den Kosten abgelehnt.

Der H. H. aus Friedberg wurde zu 6 Mona­ten Gefängnis und in die Kosten des Der-

Das nennt man Schwein!

Dem Landwirt Friedrich Mohn in Gruningen wurde wir berichteten bereits am Samstag kurz darüber das Glück zuteil, daß sein Mutterschwein 19 Junge warf. Der Fall, daß ein Schwein 19 Junge zur Welt bringt, ist außerordentlich selten. Im all­gemeinen kann der Bauer nur mit acht bis zehn

Ferkeln rechnen. Sehr wesentlich ist, daß von diesen 19 Ferkeln nur zwei nicht durchgebracht werden konnten, währeyd die übrigen 17 prächtig entwickelt sind und, wenn sie bei schönem Wetter in den Gras­garten gelassen werden, quicklebendig umhertollen. Unser Bild zeigt die zahlreiche Schweinefamilie.

seine (leine settetäcin.

Roman von Gert Rothberg.

Urheberrechtsschuh: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).

16. Fortsetzung Nachdruck verboten!

Dieses Julchen Mittrasch würde ihren Haß auf Käthe Randolf werfen. Das schien Brigitte sicher zu fein. Und sie nahm sich vor, den Leuten beizeiten gu zeigen, daß das junge Mädchen mit ihrem vollsten lEinverstänbnis hier in Berkenhofen weilte!

Aber ein Stein war ihr vom Herzen gefallen, als Arndt vorhin kurz und knapp erklärte, daß ja Käthe Randolf mit der Mamsell und den beiden Inspek­toren oder allein auf ihrem Zimmer speisen könne.

Damit hatte Arndt bewiesen, daß ihm das Mäd­chen nicht nahestand.

Nahestand?!

Ein Liebesverhältnis hatte sie nicht befürchtet! Durchaus nicht!

Wäre es so gewesen, hätte Arndt ein Verhältnis mit Käthe Randolf, bann hätte er sie niemals hierher nach Berkenhofen gebracht! Und würde er sie lieben, o lieben, daß er sie es war zum Lachen, der Gedanke war absurd, aber man konnte ihn ja mal >zu Ende spinnen, ja, wenn er sie heiraten wollte, Dann ließe er sie niemals mit der Mamsell und den Inspektoren oder allein essen!

Die Sache war für Brigitte vollkommen geklärt. Vollkommen. Aber Kopfzerbrechen machte sie ihr notzdem noch. Das Mädel war zu schön. Und es mußte doch irgendein tieferes Interesse in Arndt vorhanden sein. Aber sagen durste sie nun wohl weiter nichts mehr. v m .

Arndt langte nach seinen Zeitungen. Und Bri­gitte nahm sich ein Modenheft zur Hand, blätterte ahne jedes Interesse darin. Ihr genügten ihre em= rachen Kleider. Im Sommer waren es dunkelblaue Leinenkleider, und im Winter waren sie aus dunklem, grobem Wollstoff. Für besondere Anlässe waren da wch einige dunkle Seidenkleider im Schrank. Mo- * i-ern waren sie längst nicht mehr, aber die Fürche- ~iurr, die alte Schneiderin drüben aus dem Dorfe, $ Hie richtete ihr die Sachen immer wieder ein bißchen uor; und dann sahen sie doch wieder ganz nett aus, toenn da ein neuer Kragen, ein kleines Spitzenfichu über eine Rüsche neu aufgearbeitet war Wozu trauchte man benn hier um alles in der Wett große, i-ure Toiletten! Völlig unnötig war bas Freilich, eile Damen bachten nicht so wie sie. Da würbe zu- feilen ein Auswanb getrieben, ber lächerlich war, r eil man wußte, wie Gatten und Väter sich auf der L cholle plagen mußten, und wie sie bann verbrossen iah nachbenklich auf irgendeinem Fest herumstanden.

Wenn doch solche Frauen und Töchter vernünftiger g' wesen wären! Wie gut es für die geplagten Gatten und Väter wäre'

Es gab auch sehr gute, einfache Frauen hier im Umkreis. Zum Beispiel die Dierksens!

Hanna Dierksen und ihre Mutter! Brigitte war mit ihnen befreundet. Und sie wußte auch, daß Hanna den Arndt liebte!

Still und wunschlos liebte sie ihn. Sie würde nicht heiraten, hatte ihre Mutter vor kurzem einmal bekümmert gesagt. Hatte durchblicken lassen, daß sie dem Arndt wohl ein bißchen gram sei. Denn die Hanna war ein liebes, gutes Mädel und bekam einmal alles. Und Dirksenhöhe war ein netter Besitz. Aber leider konnte nun den Arndt diese Aussicht nicht reizen. Auch wenn er arm gewesen wäre, hätte er nicht eine Frau genommen, die er nicht ausstehen konnte. Und Brigitte hatte den Bruder in Verdacht, daß er die Hanna wirklich nicht ausstehen konnte.

Das rührte wahrscheinlich von früheren Jahren her, wo Hanna sehr wehleidig und leicht gekränkt gewesen war, wenn Arndt einmal derb und luftig war. Früher war er nämlich sehr ausgelassen ge­wesen!

Nun, die Hanna kam nicht in Frage für ihn, aber nette Menschen waren die drei aus Dirksenhöhe, da war kein Zweifel daran.

Und schade war es auch ein bißchen, daß der Arndt da ein Dickkopf blieb. Denn sie hatte ja bis­her immer noch gehofft, er werde sich für Rosemarie I Ulm entschließen. Die war sehr hübsch und geist­reich, und sie hatte den Arndt auch gern gehabt. Aber nun hatte die Rosemarie sich mit dem lang­weiligen ©er! irb Osten verlobt, was ihr immer ein Rätsel bleiben würde, wie das hatte geschehen können und nun spähte sie eben doch wieder ein bißchen nach einer passenden Frau für Arndt aus.

Brigitte legte das Heft beiseite. Sie betrachtete den Bruder, und in ihrem Blick lagen die ganze große Liebe und Anhänglichkeit, die für diesen Bruder in ihr lebten.

Er hatte recht. Es war schön und gemütlich hier in Berkenhofen. Warum sie nur mit aller Macht herbeiwünschte, daß eine Frau hierherkam, die ihr doch zweifellos den Bruder nahm? Er würde kaum noch Zeit haben, mit ihr, Brigitte, gemütlich ein Stündchen zusammenzusitzen. Und sie würde sich ja auch in die junge Ehe nicht hineindrängen wollen. Sie würde einsam im Rosenhaus leben, was sie sich ja auch ganz nett vorstellte.

Immerhin! Vielleicht würde sie es sich leichter vorstellen, als es war! Aber Arndt mußte heiraten! Er durfte nicht als Junggeselle sterben, denn er war ja der letzte Berken! Und darum mußte sie eben immer wieder versuchen, ihn in eine Ehe zu be­kommen. Sie hatte direkt die Pflicht, da nicht locker zu lassen.

Aber es war schwierig! Sehr schwierig!

Arndt legte die Zeitung weg, sagte

Du bist mit mir nicht zufrieden, Brigitte aber ich ändere meinen Entschluß nicht."

Du meinst wegen der kleinen Randolf? Nein! Darüber bin ich längst hinweg. Ich dachte an deine Zukunft."

Ach so! Nun, liebstes Schwesterlein, wir sprechen ein andermal darüber nicht wahr?"

Ja", sagte sie ergeben.

Du hast nächsten Monat deinen Geburtstag, Bri­gitte. Wen laben wir ein? Und wie möchtest du deinen Festtag gestaltet sehen?"

Wie immer. Die paar Freunde und Bekannten laben wir ein. Ein bißchen festlich soll es schon fein, bas war ja immer so."

Selbstverstänblich, Brigitte. Halte bas ganz, wie bu willst, unb oerftänbige mich nachher, wenn bu bas Programm ausgearbeitet hast."

Gut, Arnbt. Allzuviel Trubel soll aber nicht sein." ,Gewiß nicht. Aber ein bißchen tanzen werben wir. Unb ob ich Bobenstein einlabe? Der wirb boch auch allein herumsitzen, wenn seine Braut mit ihren Ettern nach Schlesien abgereift ist."

Ja, bas tue! Bobenstein bringt immer Leben ins Haus. Frohe Menschen finb viel wert."

Also gut, ich schreibe ihm. Vorgestern, als ich mich von ihm verabschiebete, ba hatte ich beinen Ge­burtstag tatsächlich vergessen, sonst hätte ich ihn ja gleich eingelaben."

Arnbt, ich muß mich um allerlei kümmern. Es gibt viel zu tun."

Geh nur, altes Kerlchen. Als ob ich nicht ganz genau wüßte, was bu hier in Berkenhofen leistest! Aber ich vergesse bir bas nicht."

Nun banke mir nicht etwa noch! Das wäre! Unb was ich noch sagen wollte: Mittags gibt es ßenbenbraten."

Großartig! Ich freue mich auf unsere heimatliche Küche so gut bas Essen auch in Berlin war."

Brigitte war an ber Tür. Von borther meinte sie: Wo ist benn beine beine Sekretärin?" Ach bu lieber Himmel, bie hab' ich ja schon vor einer Stunbe hinüber ins Bureau bestellt. Ich muß hinüber."

Hoffentlich hat ihr inzwischen Julchen nicht bie Augen ausgekratzt", meinte Brigitte nachbenklich.

Arnbt war schon an ihr vorüber, raste bie Treppe hinunter.

Richtig! Im Bureau brühen im Wirtschastsgebäube war ber Teufel los. Julchen Mittrasch saß mit bick verheulten Augen in einer Ecke unb war nicht zu bewegen, aufzustehen. Mit beiben Hänben klammerte sie sich an bie Schreibmaschine. Unb bie beiben In­spektoren stauben herum unb wußten nicht, wie sie sich verhalten sollten. Denn sie hatten Julchen sonst auch biktiert. Freilich, mit bem Tausche, ber ba in Gestalt eines schönen, schlanken Möbels am großen Mitteltisch staub, wären sie sehr einverstauben ge­wesen: aber zunächst staub ja gar nicht fest, was eigentlich los war.

Guten Morgen! Na, was ist benn los! Richtig Fräulein Mittrasch, Sie konnten nicht wissen, baß

ich mir eine Sekretärin engagiert habe. Hier: Fräu­lein Käthe Ranbolf! Sie ist bie neue Sekretärin. Unb Fräulein Mittrasch, Sie finb ja schon beim Ge- meinbeamt beschäftigt. Ich benfe, baß Sie sich nicht zu beschweren brauchen. Arbeitslos sind Sie ja nicht nicht wahr?"

Gnäbiger Herr, ich habe mir immer Mühe ge­geben ich ..."

Julchen heulte wieder laut

Er blickte zu Käthe Ranbolf hin, die mit blassem Gesicht regungslos baftanb.

Fräulein Ranbolf, vorläufig muß es hier ge­nügen. Ich lasse ein besseres Bureau einrichten. Bis jetzt würbe hier ja nur einige Stunben in ber Woche gearbeitet. Wenn Sie aber ben ganzen lieben Tag : hier sitzen unb arbeiten, bann muß es ein bißchen anbers aussehen."

Sie sah ihn an, minutenlang. Unb ihr Herz schlug immer heftiger. Der Schloßherr roanbte sich an Julchen Mittrasch:

Fräulein Mittrasch, Sie haben sich immer Mühe gegeben, bas streitet Ihnen fein Mensch ab. Das will ich Ihnen sogar noch schriftlich geben. Aber bas neue Fräulein kann stenographieren es wirb in Zukunft hier viel Arbeit geben. Sie hätten bas als ' Nebenarbeit bestimmt nicht mehr geschafft. Also lassen Sie sich von Herrn Inspektor Graf Ihr noch fälliges Gehalt zahlen, unb verschwinben Sie ein bißchen, ja?"

ßetzteres hätte er wohl nicht gesagt, wenn er nicht ben Blick unaussprechlichen Hasses gesehen hätte, ben Julchen Mittrasch auf Käthe Ranbolf geworfen hatte.

Julchen ging langsam burchs Zimmer, knickste, aber ber Schloßherr sah nicht mehr zu ihr hin. Nachsicht unb Freunblichkeit waren hier nicht mehr I am Platze, bas sah er ein.

Inspektor Graf zahlte im Vorraum ber Mittrasch bas Gelb aus. Unb ba sagte sie gehässig:

Meint ber gnäbige Herr etwa, man weiß nicht, was hier los ist?"

Quittieren Sie, Fräulein Mittrasch unb im übrigen möchte ich Ihnen boch empfehlen, lieber ein bißchen vorsichtiger mit Ihren Worten zu sein."

Da unterschrieb bie Mittrasch unb nahm bas Geld an sich. Dann lachte sie häßlich unb ging.

Drinnen aber sagte Arnbt von Berken bebauernb:

Nun sieht bas kleine Mäbel ganz blaß aus, auf ben häßlichen Austritt hin. Niemanb, weder meine Schwester noch ich, hat daran gedacht gestern abend meine ich, daß heute hier Fräulein Mit-» rasch ihre Aushilsestunben absolviert. Ich hatte Ihnen das ersparen sollen. Verzeihen Sie unb ver­gessen Sie bie Sache! Es ist nämlich bem Fräulein Mittrasch bestimmt kein Unrecht geschehen. Bitte, weinen Sie nicht, ich mag Tränen nicht."

(Fortsetzung folgtI)