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!fr. 138 viertes Blatt________________Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)_____________Samstag, 16.Juni 1934

Wandern und Reisen Bäder und Sommerfrischen.

Dinkelsbühl.

XSon K. $. Ruppel

Copyright by I. L. A., Wien.

Ehe ich nach Dünkelsbühl fuhr, hatte ich eine Unterredung mit einem weitgereisten Mann.Ein herrlich krummes Nest, sagte er mir,das einzig Gerade dort waren die Bügelfalten meiner Hose. Das sprach für Dinkelsbühl. Ich fuhr hin, durch Mittelfranken: mein blühendes, geliebtes Land. Bei der Ankunft traf ich einen Mann im Frack; und ich vermutete ein Festspiel. Gottlob, es gab nichts dergleichen, der Mann war Kellner in einem be­nachbarten Gasthof und schaute, da es ziemlich früh am Morgen war. nach ankommenden Gästen aus, seine Eleganz war nicht beängstigend und seine Bügelfalte stilvoll krumm. Der Einzug verlief be­ruhigend.

Bald sah ich, daß die Krummheit Dinkelsbühls die schlichte Schönheit eines Naturschauspiels hatte, daß sie sich in allen Dimensionen geltend machte, in der Horizontalen etwa, indem man plötzlich gegen eine schalkhafte Ecke stieß, die Straße bog ohne viel Federlesens ab und lief einem nach einer anderen Richtung davon; in der Vertikalen, indem an einer Häuserfront ein Giebelchen vorsprang, ein zierlicher, geschnitzter Erker ins Freie hinaus­hing oder indem über eine Girlande von Geranien und Fuchsien die Nase eines Dinkelsbühler Fräu- lens sich von der morgendlichen Luft streicheln ließ, was dort noch alles den Zug einer echten Idylle wahrt und nicht wie in Rothenburg als werbende Verkehrsoereinsmaßnahme empfunden wird. Man muß so ein wenig dahingehen; auf einmal merkt man nicht gar so sehr das Putzige, auf das man sich gemäß einer alten Romantik gestimmt hat, sondern viel eher die Würde, die Festigkeit, das Ge­schichtsbildende und Schicksalsgezeichnete der alten tausendjährigen Stadt. Man bekommt ein bißchen Ehrfurcht und empfindet die Bügelfalte nicht mehr als das Maß aller Dinge. Vielleicht ist auch die Nähe Württembergs an der Entstehung dieses Ge­stühls beteiligt. Man findet viele Häuser von aus­gesprochen schwäbischer Art, die behäbig ist, etwas breit und gesetzt, sozusagen blockhafter als die klein- formige, zierliche und anmutige Beweglichkeit des Fränkischen. Der große Zauber geht aber auch hier wieder aus von dem Gewachsenen dieser Stadt, die das zugleich Planvolle und Vielfältige, Uebersicht- liche und Wunderbare eines natürlichen Organis­mus hat, eine offene Klarheit und ein verstecktes, frommes und heiteres Geheimnis. Das Zusammen­klingen von Fränkischem und Schwäbischem kann man gerade in Dinkelsbühl bis ins einzelne ver­folgen, die berühmte Stadtkirche St. Georg geht in manchen Zügen auf die alte Kreuzkirche in Schwä- bifch-Gmünd zurück, und Nürnbergifches findet man auch, hauptsächlich in dekorativen Formen

Um Dinkelsbühl herum fließt ein Gewässer, es ist nicht sehr breit und auch nicht tief, für irgend­welche kriegerische Unternehmungen gegen die Stadt kann es seinerzeit kein unüberwindliches Hindernis gewesen sein; die alten Dinkelsbühler aber haben es, im Gefühle ihrer Reichsunmittelbarkeit, mit namhaftey Verteidigungsanlagen umgeben, es ist ein sozusagen befesttigter Bach, und der Eifer, mit dem er fließt und plätschert, zeigt, daß er heute noch was von sich hält. Die Dinkelsbühler sind überhaupt stolz auf ihr ehrenvolles Alter, sie tra­gen sich würdig und ohne Hast, die Frauenröcke sind von gemäßigter und dezenter Kürze, und w.enn man abends in einem kleinen, mit grünen Gittern umstellten Wirthausgarten sitzt, wird es einem ein wenig biedermeierisch zumute, spitzwegisch und meistersingerisch zugleich, und man fährt mit sanf­tem Trab aus der Zeit. Der Himmel wird blau und tief, die Welt wird klein und still.

Geschichte behelligt einen nicht mehr, die einst mit großen Ereignissen, mit Kaufmannswagen und Heeresmassen, mit Radgcdröhn und mit Trommeln und Pfeifen die Reichsstraße von Augsburg herauf- und von Würzburg herabgekommen war. Von allem großen Kriegstumult bleibt nichts als das altt gutmütige Spottliedlein:Unser Hauptmann, der ist von Dinkelsbühl, der ißt nicht wenig, aber trinkt sehr viel" übrig, und zur Nachtzeit glaubt man die Schatten des Krähwinkler Landsturms mit maßvoller Schreckhaftigkeit spuken zu sehen. Bei solchen Gelegenheiten soll man sich grundsätzlich be­zechen.

Am nächsten Tag aber sei man klar und bereit, ein großes Schauspiel in sich aufzunehmen: die St. Georgs-Kirche. Sie ist nicht die älteste, aber bestimmt die schönste Hallenkirche in Süddeutsch­land, und wer hineingeht in die Schlankheit und schöne Weite des festlichen und ernsten Saales, hat gerade noch Zeit, den gigantischen Blödsinn jenes

Man spricht vomschwäbischen Meer" und meint damit den Bodensee, und man spricht vombaye­rischen Meer" und meint den Chiemsee. Vom Bodensee ist nur ein kleiner Zipfel, ganz im Osten, bayerisch, der Chiemsee aber ist ringsherum von altbayerischem Boden eingeschlossen, ja, er hat in seiner Eigenart und seinem Reiz einer ganzen Land­schaft ihren Charakter eingeprägt.

Das WortChiemgau", das ist das weiteste Ge­biet rund um den Chiemsee, hat für den Kenner etwas Verlockendes, Bezauberndes, beinahe Geheim­nisvolles. Kein anderes Gebiet in südbayerischen Gauen hat so seineGemeinde" wie der Chiem­gau, eine breite Gruppe von Menschen aus allen Teilen des Reiches die immer wiederkehren, jahr­aus, jahrein, immer an denselben Ort, immer zu demselben Bauern, demselben Gasthof, mit Frau und Kind und Dienstboten oder gar mit Hund und son­stigem Zubehör.

Das kommt nicht von ungefähr, und wir haben diese Beobachtung und Feststellung vorangeschickt, um das Bodenständige, Festverwurzelte zu charak­terisieren, das diesem herrlichen Gau ganz besonders zu eigen ist und das sich unbeabsichtigt und unge­wollt, aber um so wirkungsvoller auf seine Be­sucher erstreckt, die hier auch bodenständig sein wol­len, wenn auch nur für einige Wochen des Jahres. Der Chiemgau hält in feiner strotzenden Schönheit, in seiner landschaftlichen Mannigfaltigkeit seine Be­wohner und seine Besucher mit starken Händen fest, denn dies ist kein Land, durch das man mit moder­nen .Autocars" hindurchfährt nach flüchtigem Schauen, es ist ein Land zum Verweilen und Ge­nießen, ein Land der Beschaulichkeit und der blei­benden Eindrücke.

In einer Stunde erreicht man von München aus Rosenheim am Inn, ist man schon an der Pforte zum Chiemgau. Hier grüßen aus der Nähe Kampenwand und Hochgern, Hochfelln und Stauffen. Bei Rosenheim überschreitet auch auf einer kühnen Brücke die künftige Reichsautobahn München-Salz­burg das breite Jnntal.

Bald sind wir in Prien am Chiemsee, dem meist besuchten Ort an den weiten Ufern dieses Sees. Hier genießen wir nach Norden und Osten den Blick in die Weite, über die riesige Wasserfläche und die bezaubernde Hügellandschaft, nach Süden aber auf die Bergriesen des Berchtesgadener Lan­des Das Schloß auf Herrenchiemsee, die ur- Frauenchiemsee mit ihrer

Wortes vom .finsteren Mittelalter" zu empfinden (mit dem sich das neunzehnte Jahrhundert selbst beschwindelt hat), ehe er von diesem Zusammen­hang echter Würde und edler Form überwältigt ist. Die Ueberraschung, die gerade diese Kirche mit ihrer vollkommenen Klarheit in dem malerisch ver­wachsenen, winkligen und an kleinen Geheimnissen reichen Dinkelsbühl bereitet, ist umso schöner, als es sich nicht um eine Ueberrumpelung durch Frem­des handelt; sie kommt unerwartet, .aber nicht un­begreiflich. Sie offenbart die andere Seite jener ungeheuren Einheit des Mittelalters, das wir 7o gerne romantisch verkleinern, die große Gesinnung, die hier in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts noch so mächtig und lebendig ist wie im strahlen­den Glanz der Stauferzeit. Und so kommt es, daß jeder empfindende Mensch, der nach Dinkels­bühl geht, um das Idyll zu suchen, von dort schei­det mit der Erinnerung einer unzerstörbaren Größe.

Malerkolonie, vor allem aber hie nach Süden ins Hochgebirge führenden wildromantischen Täler sind lohnende Ziele. Zwischen Kampenwand und Geigel­stein mit seinen guten alten Gasthöfen, und im Nachbartal Reit im Winkl, eine der beliebtesten al­pinen Sommerfrischen.

Die im Bau begriffene deutsche Alpen st raße wird die Alpenkette im Süden des Chiemgaues noch besser erschließen und eine ideale Querverbindung zu diesen einsamen Alpentälern bilden. Sie führt auch hinein ins Berchtesgadener Land, in den äußersten Südostzipfel des Reiches, in die Wahlhei­mat Adolf Hitlers. Von drei Seiten umschließt österreichisches Gebiet das Berchtesgadener Land, das an der Eingangspforte Hallthurm bei Bad Reichenhall am engsten vom Lande Salzburg eingeschnürt wird. Während der Chiemgau eine epische Breite der Landschaft mit allmählichem Uebergang zum Hochgebirge zum Ausdruck bringt, wirkt hier die dramatische Wucht, die balladenhafte Steigerung der Alpenwelt auf den Besucher. In wohltuendem Gegensatz zu der Wildheit der Land­schaft steht wiederum der breite Berchtesgadener Talkessel mit seinen sanft geschwungenen Linien, die langsam zur Höhe laufen. Geht man von Berchtesgaden den köstlichen Weg ins wildroman­tische Tal der Ramsau mit feinem uralten Baum­bestand, ober an der Königsfeer Ache entlang zum Königssee, jenem in 2000 Meter hohe Fels­wände eingebetteten grünen Märchen, dem schönsten unter den deutschen Älpenseen, so umgeht man das weite Gebiet der Schönau, mit seinen weit ausein­andergezogenen Höfen und Gasthöfen Wer nicht im Orte Berchtesgaden selbst wohnen mag, läßt sich auch gerne am Eingang zum Orte in Bischofswiesen nieder mit' feinen weiten Ausbißen auf das zackige Panorama, das von jedem Standort aus feine Form völlig verändert.

In einer guten Stunde erreicht man von Berch­tesgaden aus den Obersalzberg mit seinen alten Bauernhöfen undLehen". Dort liegt tausend Meter hochHaus Wachenfeld", das Landhaus des Führers, in dem dieser die kurzen Tage der Erholung zu verbringen liebt.Herr, wen du lieb hast, den lässest du fallen in dieses Land", so schrieb Ludwig Ganghofer, der oft und gern hier weilte. Er hat damit das schönste.und höchste Lob ausgesprochen, und wir lesen diesen Spruch über demHaus Wachenfeld" auf der Adolf-Hitler- Höhe, von wo der Blick schweift weit über die Gren­

zen und tief hinein ins deutsche Alpenland. König Watzmann, Reiteralpe^ Lattengebirge, Untersberg und Hoher Göll umsäumen als steinerne Riesen das Berchtesgadener Land, den herrlichen Teil der deutschen Alpen, der jeden, der einmal hier weilen durfte, zur Rückkehr mahnt und irgendwann ein­mal wieder an sich heranzieht. Sehr viel geschah für den Ausbau der Wege, für die Ausgestaltung der Kuranlagen und für alle erdenklichen Bequem­lichkeiten der Gäste. Auch an Baudenkmälern ist das Land überreich. Natur und Kunst klingen zu­sammen, die Menschen zu erfreuen.

Wanderfahrten.

hessischer Rennweg: Friedelhausen Waldhaus Frankenbach Hungerberg Helfholz Bieber.

Interessant ist die Begehung des Teiles vom Hes­sischen Rennweg, der in der Nähe Gießens vorbei­zieht und neben seiner historischen Bedeutung auch äußerst reizvolle Partien aufzuweisen hat. Die ganze Wanderstrecke ist auf Veranlassung des Thüringer Rennsteigvereins vom VHC. Gießen mit einem roten H bezeichnet. Wir beginnen unsere Wanderung bei der Station Friedelhausen, überschreiten die Lahn und das anmutig gelegene Dorf Odenhausen, kommen am Fuße des Altenbergs her und gelangen in den großen Wißrnarer, später Krofdorfer Wald, vor dessen Eingang wir einen überraschenden Blick nach den Lahnbergen haben. Nach einiger Zeit treffen wir den roten Keil, mit dem wir auf präch­tigem Waldweg zum gastlichen Forsthaus Waldhaus wandern. Der weitere Weg führt hinab nach Crum­bach und jenseits über einen Höhenrücken mit schönen Fernblicken nach Frankenbach, das wir durchschreiten und zunächst bis zum Walde der Straße nach Erda folgen. Hier wenden wir uns links, gehen am Wald­rand entlang, stets hübsche Blicke, namentlich auf das Dünsberggebiet genießend, später auf lauschigen Waldschneisen über den Hungerberg bis zurPhi- lippstanne" im Helfholz, wo wir auf die schwarze Punktmarkierung stoßen. Wir verlassen jetzt das H, das über Königsberg, Bermoll und Bellersdorf nach Herborn weiterführt und folgen in nordöstlicher Richtung den schwarzen Punkten (unterwegs wieder prächtige Blicke auf Dünsbera und Königsberg) bis in die Nähe der früheren Ooerförfterei Strupbach, wo wir, nunmehr ohne Zeichen im Tale weiter- gehend auf die Königsberger Straße gelangen. Nach etwa 5/^ftündiger Wanderung erreichen wir durch das Biebertal unser Endziel Bieber.

Reisewinke.

Nordseebad Borkum.

Borkum, dieses urdeutsche Bad in der Nordsee, ist zum Empfang der Gäste gerüstet. Ein Rund- gung durch das freundliche Jnseldorf zeigt uns, wie die Bewohner eifrig bemüht waren, alles zum Empfang der Gäste herzurichten. Hell strahlt die Sonne vom Himmel und wetteifert mit dem Leuch­ten der weißen Häuser am Strande. Breit und klar liegt der schöne weiße Strand vor uns, umspült von den Wellen des ewig unruhigen Meeres. Bor­kum ist zur Erholung wie geschaffen. Es ist am weitesten in das offene Meer hinausgeschoben, da­her ist die Luft staub- und keimfrei. Borkum hat als einzigste deutsche Insel eine große Wandelhalle, die auch bei kühlem Wetter Aufenthalt am Meere ermöglicht. Die Adolf-Hitler-Strandpromenade bie­tet einen herrlichen Spazierweg am Meere entlang, desgleichen die 4 Kilometer lange Strandmauer. Borkum verfügt über das Nord- und Südbad, wo­durch den Gästen Gelegenheit gegeben wird, an Vor- und Nachmittagen zu baden. Die zahlreichen Hotels und Pensionshäuser bieten angenehmen Aufenthalt zu mäßigen Preisen.

Auch die alte Klosterinsel

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