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Ur. 138 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesien)Samstag, 16. Zuni 1934

Aus her Provinzialhaupistahi.

Seife - um die Straßenecke.

Es gibt heute Menschenkinder, die bekommen allmählich einen gelinden Wutanfall, wenn jetzt ihre Mitmenschen von Reiseplänen reden, beiläufig aber großartig ihre Vorbereitungen schildern.Ich ge­denke in vierzehn Tagen an die Riviera zu fahren." Ich reise demnächst an die Ostsee."

Dabei man kann nie wissen... Vielleicht hat der, der sich heute mit seiner Sommerreise brüstet, gar nicht den besseren Teil erwählt? Vornehme, gelangweilte Herrschaften an den Coupefenstern zweiter Klasse wer beneidet sie nicht um ihre Reise? Aber ihre gelassene Gebärde, mit der sie die Vergünstigungen ihres schönen Lebens hinnehmen, spricht doch von ihrer Gleichgültigkeit, von der Selbstverständlichkeit, die so etwas für sie bedeutet. Sie sind Reisen gewohnt, sie sind bis in die Knochen abgebrühte Insassen schneller Züge, nobler Hotel­hallen, dekorativer Landschaften. Sind sie noch in der Lage, sich an irgendetwas zu freuen, sich auf ihren Fahrten durch irgendetwas verblüffen zu lassen? Mit einem Wort: können sie überhaupt noch etwas von all den Köstlichkeiten um sich herum sehen, an die sie so sehr gewöhnt sind?

Mir scheint, ein Wochenendausflug mit Phantasie, Kindlichkeit, ein wenig Naivität und Aufnahme­bereitschaft, ein kleiner See, ohne Blasiertheit ge­sehen, zwei einfache Bäume, die betrachtet werden, ohne daß man sie sofort mit einem Vergleich mit Italiens Pinien oder afrikanischen Mangobäumen totschlägt das kann, in aller Bescheidenheit, un­endlich mehr bedeuten, unendlich mehr nützen und hinterlassen als vier Wochen eines r-beliebiaen Grand-Hotels.

Aber das sind erstens Binsenwahrheiten. Und zweitens: wir wollen nicht in die Manier verfallen, als obGeld nicht glücklich" machte. Wir führen schon von Herzen gern Cook und Baedeker weiß, wohin. Aber... Und deswegen tun wir natürlich so, als ob ...

Halt! Ich habe eine Idee! Wenn wir alle dieses Jahr gezwungen werden, über den Sommer in unserem Städtchen, unserer Stadt sitzen zu bleiben dann wollen wir uns wenigstens einmal in der Woche vornehmen, diese Stadt mit Augen anzu­sehen, als sei sie eine fremde, nie gesehene Stadt. Wir wollen, einmal in der Woche, in ihrverreist" spielen. Das ist ganz einfach, mit ein wenig Phan­tasie, Kindlichkeit und siehe oben. Wie wäre es etwa, wenn wir uns einmal in ein Lokal setzen, in dem wir noch nie in unserem Leben gesessen haben, in dem wir mit Sicherheit keine Bekannten vermuten können? Lauter fremde Gesichter, fremde Umgebung fremde, fremde Stadt! Und selbst, wenn dann plötzlich unser Nachbar unerwartet her­ein kommt, dann stehen wir voller Galanterie auf und rufen aus:Grüß Gott, Herr Meier! Was machen Sie denn in Neustadt? Wie lange weilen Sie hier?" Er wird uns wohl für ein wenig ver­rückt halten, unser Herr Meier. Aber was tut das? Wo wir doch dann in spätestens zehn Minuten wieder abreisen...?

Die Sofc im germanischen Brauchtum

Wenn unsere Arbeiter zum I.Mai rote Rosen trugen, so handelten sie unbewußt in einer altger­manischen Ueberlieferung. Die Rose ist ein Sinnbild des Rechts. Als solches ist sie in den Gerichtsaus­drücken der germanischen Thingverfassung und in der Heroldskunde ausgiebig vertreten. Dargestellt werden diese Rechtssinnbilder durch die gewöhnliche fünfblättrige Heiden- oder Heckenrose, aus der die vielblättrige gezüchtet wird. Sie heißt die Hag- oder Hundsrose nach dem Hundertschaftshag mit seiner Malstatt. Diese Rosenhecke war ein natürlicher Zaun, nach dem sich noch mancher Weiheort im Namensbestandteil Tun, Dun nennt. Nicht nur ist ein solcher Flecht- und Rankenzaun schöner und sicherer als Stacheldraht, er ist auch eine notwen­dige Stätte für die Sing- und Nutzvogelhege.

Die Rose ist auch ein dichterisches und brauch- tümliches Sinnbild des weiblichen Erblühens. Der Rosengarten, die Rosenlaube war die Stätte des jungfräulichen Lieblingsaufenthaltes, wie sie im Volkslieds noch viel erscheint. Der Rosengarten der Gjuk-Tochter Gudrun-Krimhild zu Worms ist be­kannt. Auch die Edda spricht von dem Rosenhag.

Als Marienrose und Marias Rosenhag hat auch die christliche Kirche dieses altgermanische Brauch­tum und Sinnbild übernommen. Die Rose an der Dornenranke ist auch das Sinnbild des Liebes­leides, wo nach dem Nibelungenliedeimmer Liebe endiget mit Leid". Denn der Dorn gibt mit Thors oder Donars Steinkeil zusammen das Bild für die Dorn- und Thurs-Rune, das D, ab, die das Sinn­bild des stechenden Versehrens und Verderbens ist, wie auch das Schirnerlied der Edda darlegt und wie das Märchen vom Dornröschen mit der stechen­den Spindel sinngemäß erzählt. Auch der Rosen­apfel steht in Verbindung mit der Hagdiese des heiligen Hains oder Hagens, die das Christentum zu Hexen stempelte, folterte und lebendig ver­brannte, und die Frucht der Heckenrose, die Hage­butte, ist heilkundlich und ernährunqswirtschaftlich sehr wertvoll

Die Rose mit ihren fünf Blättern entspricht dem Fünf- oder Femestern, dem Sinnbild der Feme, der freien germanischen Gerichtsbarkeit im Gegen­satz zum artfremden römischen Recht.Unter der Rose", unter dem Rosensinnbild wie in Bremen oder unter der Rosenlaube und dem Rotdorn wie zu Oldenburg urteilte das Schöffengericht. Die Rose steht schon im Namenslaut in Beziehung zum Recht gleich den andern Rechtssinnbildern Rad, Roß und Raute und der roten Runen- und Gerichtsfarbe, wie denn der weisende Richter der Rechtweisung einen weißen und der rechtsprechende Richter des Strafrechts einen roten Stab führte. Die Rose ist so das Sinnbild der Rechtsprechung, deren Zweck nach alter Formel ist,das gekrümmte Recht wieder ge­rade zu richten".

AGOAp. - Kreisleitung (ließen.

Reichsschwimmwoche in Gießen.

Die Kreisleitung Gießen der NSDAP, bittet alle Mitglieder der Partei und der Untergliederungen, sich zahlreich an den Veranstaltungen der Reichs­schwimmwoche in Gießen zu beteiligen. Es ist der Wille aller führenden Nationalsozialisten, daß die Sache die größte Förderung aller Volksgenossen erfährt.

Wir weisen noch einmal besonders auf folgende Veranstaltungen hin:

Samstag, 1 6. I u n i, um 2 0.3 0 Uhr, öffentliche Werbekundgebung auf der Liebigshöhe. Es sprechen:

Oberbürgermeister Pg. R it t e r, Gießen, Pg. Dr. G e i s o w , Frankfurt a. M., Kreispropagandaleiter Pg. Schmelz.

Als Rahmenprogramm Konzert und sportliche Vor­führungen.

Sonntag, 2 4. Juni, 15 Uhr, Schwimm­vorführungen an der Lahnbrücke. 20.30: Strand­fest an der Pulvermühle, veranstaltet von der NS.- Gemeinschaft Kraft durch Freude. Illu­mination, Tanz, Italienische Nacht auf dem Wasser.

Kreisleitung Gießen.

I. A.: Schmelz, Kreispropagandaleiter.

Kampfbund für deutsche Kultur.

Die Vereinsführer usw. werden auf folgende Be­kanntmachung des Kampfbundes für deutsche Kultur aufmerksam gemacht: Zur Weitergabe an die Reichsleitung sind umgehend folgende Aufstellungen anzufertigen und an Fritz C u j 6, Gießen, Kirchen­platz 23, zu schicken. Eine Liste aller dem KfdK. körperschaftlich angehörenden Vereine und Ver­bände. Eine Liste, die sämtliche bestehenden Vereine, Verbände, Gesellschaften, Archive, Museen usw. ent­hält, die in öffentlichen oder geschlossenen Veran­

staltungen, Vorträgen, Kursen und Darbietungen heroortreten. Hierbei sind folgende Einzelangaben erforderlich: Bezeichnung des Verbandes und seine allgemeinen Ziele. Name und Anschrift des Vor­standes unter Angabe der Parteimitgliedsnummer und des Eintrittsdatums. Mitgliederzahl. Zeitpunkt und Durchführung der Gleichschaltung. Art der in den Veranstaltungen behandelten weltanschau­lichen und geistigen Probleme. Name des betr. Verbandsorgans.

Wiederbesetzung der polizeidirektorsteile.

Durch Verfügung des Hessischen Staatsministe­riums wurde der Polizeimajor a. D. Benno Heine auf den Posten des hiesigen Polizeidirek­tors berufen. Der neue Polizeidirektor ist Polizei­fachmann. Er hat die preußische Polizeikommissarlauf­bahn durchschritten und hat eine langjährige Praxis in preußischen Großstädten im Polizeidienst gesam­melt. Später ist er zur Landespolizei übergetreten, wo er als Hauptmann sämtliche mitteldeutschen Un­ruhen im Bezirk Halle a. d. Saale mitgemacht hat. Durch eine Tauschversetzung kam er 1925 zur Be­reitschaftspolizei in Hessen und wurde später als Außendienstleiter zum Polizeiamt Gießen versetzt. Nach mehrjähriger Tätigkeit in Gießen wurde er infolge marxistischer Machenschaften 1931 pensio­niert. Nach der nationalsozialistischen Revolution 1933 wurde ihm der Charakter als Major verliehen und ist er nunmehr von dem Hessischen Staats­ministerium als Polizeidirektor nach Gießen be­rufen. Polizeidirektor Heine gehört der NSDAP, und der SS. seit 1931 an.

Seichswehr mitZahnen auf dem Marsch.

Die 3. Komp. JR. 15 als Fahnenkompanie bei der Regiments- und Wiedersehensfeier in Duhbach.

Anläßlich der Regiments- und Wiedersehensfeier der Angehörigen des ehemaligen 5. Großh. Hess. JR. 168 und dessen Feldformationen am morgigen Sonntag, 17. Juni, in Butzbach findet die Ent­hüllung einer Erinnerungstafel für das I./JR. 168 in der Kaserne statt. Die 3. JR. 15, die die Tradi­tionspflege des ehem. JR. 168 hat, wird an dieser Feier mit den Fahnen des alten Regiments als Fahnenkompanie teilnehmen.

Die Kompanie wird aus diesem Anlaß am Sonn­tag, kurz nach 9 Uhr in feierlicher Form mit Mu­sik und Spielleuten und enthüllten Fahnen von der Zeughauskaserne über den Brandplatz, Selters­weg, Liebigstraße zum Hauptbahnhof marschieren. Die Kompanie kehrt mit dem Personenzug um 18.09 aus Butzbach zurück und wird vom Bahn­hof ebenfalls in feierlicher Form durch die Bahn­hofstraße, Marktplatz, Walltorstraße in die Kaserne zurückkehren.

Das An- und Abbringen der Fahnen auf Zeug­hauswache wird unter Spielen des Hess. Präsen- tiermar'ches erfolgen.

Der ^7asernenhof der Zeughauskaserne wird für Zuschauer freigegeben.

Verschafft den alten Kämpfern Arbeit!

Der Rhein-Mainische Industrie - und H a n d e l s t a g teilt mit:

Trotz der von dem Herren Präfidenten der Reichs­anstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosen­versicherung im Benehmen 'mit der Reichsleitung der NSDAP, und der Obersten SA.-Führung ein­geleiteten Sonderaktion für die Vermittlung ar­beitsloser alter Kämpfer ist es bisher nicht gelun­gen, alle alten Kämpfer der nationalsozialistischen Bewegung in Arbeit zu bringen.

Es muß als eine Ehrenpflicht betrachtet werden, die Kämpfer für die nationalsozialistische Revolution in erster Linie wieder in den Wirt­schaftsprozeß einzuschalten und ihnen möglichst eine dauernde Beschäftigung bei auskömmlicher Entloh­nung zu sichern Soweit es sich nicht ermöglichen läßt, alte Kämpfer sofort in Dauerstellungen 'unter­zubringen, darf auch bei vorübergehendem Bedarf an Arbeitskräften von ihrer Einstellung nicht ab­gesehen werden. Freiwerdende Stellen, für deren

Besetzung ein dauerndes Bedürfnis besteht, sind jedenfalls wenn irgend möglich den vorüber­gehend eingestellten alten Kämpfern zu übertragen. Bei der Prüfung der Eignung der Einzustellenden, die zum Teil durch jahrelange Arbeitslosigkeit ihrer früheren beruflichen Tätigkeit entfremdet sind, ist wohlwollend zu verfahren. Es ist Pflicht aller in den Betrieben Tätigen, die neueingestellten alten Kämpfer bei der Einarbeitung in den neuen Arbeitsplatz nach besten Kräften zu unter­stützen. Die neueingestellten alten Kämpfer selbst werden sich unter Einsatz ihrer ganzen Arbeitskraft mit voller Hingabe ihrer neuen Tätigkeit widmen und sich bemühen, durch besonders treue Pflicht­erfüllung vorbildlich zu wirken.

Zur Erreichung des Zieles einer restlosen Wieder­eingliederung der alten Kämpfer der nationalsozia­listischen Bewegung in den Arbeitsprozeß ist es notwendig, daß sich die Firmen bei Bedarf von Arbeitern und Angestellten ausschließlich an das zuständige Arbeitsamt wenden und dabei die Zuweisung alter Kämpfer ausdrücklich fordern.

Dank der Fliegerei.

Die Ortsgruppe Gießen im Deutschen Luftsport-Verband dankt allen Spendern und Helfern, die während der Luftfahrt-Werbewoche durch Spenden und Mitarbeit die deutsche Sport­fliegerei in Gießen opferfreudig und großzügig ge­fördert haben.

Die Ortsgruppe Gießen im DLV.

Erster Appell der Ortsgruppe Gießen des NSDFB.

Wie wir einem uns zugegangenen Bericht ent­nehmen, fand am vergangenen Mittwoch im Stahl­helmheim an der Moltkestraße ein Appell der Orts­gruppe Gießen des NSDFB. statt, zu dem sich etwa 100 Kameraden des NSDFB. und außerdem eins Anzahl Angehörige der SA., die früher dem Wehr­stahlhelm angehörten, eingefunden hatten. Dieser Appell war der erste nach der Gründungsversamm­lung. Der Ortsgruppenführer, Kamerad Loppe, begrüßte die alten Stahlhelmkameraden, insbeson­dere auch den Kreisführer, Kamerad Dehner. In einem eingehenden Bericht über den Inhalt der vor einigen Tagen hier abgehaltenen Besprechung des Lanoesführers von Hessen, Kamerad v. Mayer, mit allen Führerkameraden umriß der Ortsgrup­penführer die vom Bundesführer, Kam. Seldte, gestellten neuen Aufgaben, deren Erfüllung ein wichtiger Teil der Aufbauarbeit für das neue Deutschland fei. Kamerad Dehner ergänzte diese Ausführungen.

Nach dem Einmarsch der Fahnen nahm Kamerad Loppe die eidliche Verpflichtung der Kameraden des NSDFB. (Stahlhelm) vor. In seiner Ansprache ging er an Hand der bedeutungsvollen Rede des Bundesführers am Gründungstage, am 6. Mai in Magdeburg, besonders auf Wesen, Pflege und Wich­tigkeit der Tradition ein. Ohne Achtung vor den Taten der Väter könne es keine segensreiche Er­neuerung des Volkes geben. Das Frontkämpfer­geschlecht habe die Ueberlieferung weiterzugeben mit dem, was es bessernd hinzugeschaffen habe. Das zu fühlen, zu wissen und danach zu handeln, sei Tradition.

Unter Hinweis auf den beim Eintritt in das alte Heer geleisteten Fahneneid und auf die Ver­pflichtung bei der Aufnahme in den ehemaligen Stahlhelm, BdF., gelobten die Kameraden nach Verlesung der neuen Verpflichtungsformel dem Generalfeldmarschall v. Hindenburg, dem Volks- kanzler Adolf Hitler und dem Bundesführer treue Gefolgschaft. Durch Handschlag wurde von jedem einzelnen Kameraden das Gelöbnis bekräftigt. Das Deutschlandlied beschloß die eindrucksvolle Handlung.

Kamerad Dehner, dem schon vor einiger Zeit vom Bundesführer das Ehrenzeichen der alten Garde von 1923 verliehen worden war, übergab darauf den Kameraden Loppe und F o r st n e r, die vor den Fahnen angetreten waren, mit einer kurzen herzlichen Ansprache das gleiche Dienftein- tritts-Abzeichen von 1924, mit der vom Bundes­führer unterzeichneten Urkunde.

Drei fahren ins Gewitter.

Von Martin Engelmann.

Theres, noch ein Dunkles und zehn ,Ooerstc>lzst" Sie fitzen zu dritt um den schwarzbraunen Holztisch: der Fahrer, der Beifahrer und das sechzehnjährige Mädchen, das sie von Geislingen mitgenommen haben. Die beiden Männer reden wenig miteinander, der größere sieht müde aus, seine breiten Hände liegen auf dem Tisch. Sie sind die Empfindung des schlitternden mächtigen Steuerrades noch nicht ganz los der kleinere schaut bald nach der Zeitung, die neben ihm auf der Bank liegt, bald nach dem Mädchen, das stumm und schüchtern vor seiner Limonade sitzt.

Theres bringt dem Fahrer sein Bier und die Zigaretten.Wo fahrt ihr heute noch hin?" fragt sie interessiert.

Nach Friedberg".

Und das Mädchen?"

Auch Hans, fahr myl die Streichhölzer her!"

Da!" sagt der kleine Beifahrer und schiebt die Schachtel über den Tisch. Dann erklärt er der Kellnerin die SacheSie ist nämlich in Friedberg zu Hause, und ihre Leute haben uns gebeten, wir sollen sie mitnehmen, weil wir ja doch jede Woche oorbeikommen, wenn wir den Schloßbräu-Trans­port fahren. Bei Verwandten ist sie gewesen. Ja, und da haben wir sie mitgenommen."

Jetzt trinken wir aber aus, damit wir weiter­kommen" sagt der Fahrer. Die Männer zahlen und verabschieden sich. In acht Tagen kommen wir wieder vorbei". Dann nehmen die beiden das Mädchen in die Mitte und gehen hinaus zu dem großen blauen Lastzug. Wagen und Anhänger sind hoch mit Bierfässern beladen.

Der Fahrer setzt sich in seine Ecke ans Steuer, reckt sich, gähnt und läßt den Motor anspringen. Dann steigt das Mädchen ein und als letzter der Beifahrer. Das rote Licht am Schaltbrett ver­lischt, die Bierfässer aus dem Wagen klappern unter den Eisenketten, mit denen sie gesichert sind, der Wagen kommt in Fahrt.

Schön, daß es weiter aeht, denkt das Mädchen, was es doch alles zu sehen gibt: Soviel Kühe auf den Wiesen eine alte Kirche ein Kätzchen läuft über die Straße. Wie dunkel der Himmel da drüben aussieht, am Ende kommt noch ein Ge­witter. Heiß ist es hier drin, wenn man doch nur das Fenster an der Tür etwas runterlassen könnte.

Um ihren Kops legt sich die Schwüle des Spät­nachmittags, der Dunst des Motors, Geruch von öliger Putzwolle und altem Vier.

Rüttelnd aber zieht der Wagen weiter über das endlose helle Band der Straße. Der Beifahrer will ein Gespräch anfangen:Ganz gut ist da bei uns herinnen, was?"

Sie dreht sich ihm zu:Bitte?"

Ob Sie gut sitzen, hab ich halt nur gemeint." Freilich!"

Rascher als anzunehmen war, verdunkelt sich der Himmel und von der tiefblauen Wolkenwand zucken vereinzelte Blitze. Aber' der eine hört auf seinen Motor, der andere schaut ab und zu von der Seite nach dem Mädchen, und so spürt niemand außer ihr das nahende Gewitter. Sie hat ein wenig Angst, noch von ihrer Kindheit her, ob­gleich ich nun doch schon wirklich erwachsen bin, denkt sie. Da kurbelt der Beifahrer das Fenster hinunter, um nachzusehen, ob auch kein Land­streicher auf den Anhänger geklettert ist, und wie er sich hinausbeugt, blendet ihn rot ein greller Blitz und der erste Donner übertönt die Geräusche der Fahrt, langgezogen, dumpf und drohend.

Da zieht sich was zusammen" sagt er und ruckt etwas näher an das Mädchen heran. Die ersten Tropfen fallen gegen die Scheibe, lassen die Straße dunkel erglänzen, wieder überdröhnt ein Donner den Lärm. Die Konturen der Wolken lösen sich auf, grau schließt sich der Himmel, die Straße führt durch Tannenwälder. Jetzt klatscht der Regen gegen das Glas, der Scheibenwischer beginnt ruhelos feinen Halbkreis zu durchlaufen. Da unten ist ein Sprung im Glas, durch den spritzen die Tropfen gegen das Knie- des Mädchens.

Gib mir mal Feuer, Hans", sagt der Fahrer und angelt mit einer Hand die Zigarette aus der Jackentasche, das Mädchen reicht ihm das bren­nende Zündholz hinüber.

Wie der Wald sich wieder öffnet, ist alles nur mehr ein grauer Schleier der plötzlich rötlich flimmert kein Blitzstrahl, sondern der ganze regenerfüllte Himmel ein grelles Flackern. Unter dem Krachen des Donners und dem Schrei des kleinen Mädchens scheint der Motor einen Augen­blick zu verstummen. Tiefe Pfützen bilden sich auf der Straße, spritzen unter den dicken Ballon­reifen des Wagens in weitem Bogen zur Seite. Gleichmäßig zieht der Lastzug die Hügel hinauf, dumpf holpern die Fässer in Den überhöhten Kur­ven, der Wagen kommt leicht ins Schleudern, aber dies alles spürt und sieht nur der Fahrer und noch dazu mit schiefem Blick, daß der andere das Mäd­chen auf feinen Sckoß genommen hat.Weil ihr auf dem Platz in der Mitte der Regen durch die zerbrochene Scheibe den ganzen Rock vollspritzt."

Sie aber weiß in ihrer entsetzlichen Angst nicht, wovor und wohin sie flieht. Sie möchte sich bei den wilden Blitzen und dem gellen Lärm zu den Männern wenden, und dann wieder fühlt sie nur Angst vor der noch schwülen, unheimlichen Kabine und möchte fliehen vor den Beiden, die geduckt ryben einander hocken.

3et}t ist die Straße nur noch ein schmaler Damm zwischen zwei Bächen, die gezausten Bäume wer­fen ihre Blätter hinein, das Heu der frisch gemäh­ten Wiesen schwimmt herum, und Regen und Spritzwasser werfen Krater und Blasen auf. Es wird immer dämmriger, und greller blenden die Blitze.

Bei jedem Donnerschlag wendet sie den Kopf ab und drückt ihn gegen das schwarze unsaubere Lederpolster. Und sie ist unbewußt und aufge­regt genug jetzt kollern ihr die Tränen über den Hals daß sie nicht spürt, wie andersartig mit einemmal der Mann sie streichelt, auf dessen Schoß sie hilflos kauert. Er wundert sich über sich selbst, aber es ist alles jetzt so anders als vor­hin: weshalb sie wohl so weint?

Es dunkelt stärker, und er streichelt sie immer noch mit nur kaum spürbar anderer Hand und weiß es nicht, woher es kommt, daß es mit einmal so ist, als hielte er ein Kind im Arm.

Der Fahrer hält auf einer kleinen Hohe an, der Regen hat etwas nachgelassen und der Donner grollt ferner, zuweilen nur noch einmal hart pol­ternd. Und wie der andere hinausgeht, die Laterne über dem Nummernschild des Anhängers anzu­stecken, da ist sein Herz voll ungeahnter Freude. ,

Wiederherstellung

eines deutschen Garten-Juwels.

Unter den deutschen Garten-Kunstwerken besitzt der Garten von Veitshöchheim unweit von Würzburg eine ganz besondere Bedeutung, da er das einzige erhaltene Zeugnis eines deutschen architektonischen Gartens ist, der grundsätzlich anders gestaltet ist als der französische Garten. Da­zu kommt, daß sich hier auch verschiedene deutsche Geistesströmungen, wie das Rokoko und die Emp­findsamkeitsperiode, in eigenartiger Weise spiegeln, daß der überreiche Figurenschmuck des Gartens einen hohen künstlerischen Wert besitzt, um dieses abgelegene Paradies zu einem Garten-Juwel zu gestalten. Wie in der jetzt in neuer Gestalt und unter neuem Namen im Deutschen Kunstverlag er­scheinenden Zeitschrift'Deutsche Kunst und Denk­malpflege", Der früherenDenkmalpflege", mit­geteilt wird, sind Schloß und Garten Veitshöchheim

in der letzten Zeit wieder in Stand gesetzt worden. Bei dem Schlößchen, einer Lieblingsschöpfung der Würzburger Herrscher, in dem vom Barock bis zum Biedermeier viele Stilepochen zum Ausdruck kom­men, handelte es sich darum, das in langer Entwick­lung organischGewachsene" in der Wiederherstel­lung zum Ausdruck zu bringen und nicht eine hier ganz unangebrachteStilreinheit" betonen zu wol­len. So wurden für die Neugestaltung die alten Inventare von 1778 und 1819 zu Grunde gelegt.

Bei dem Garten, dessen Instandhaltung der im Schlößchen untergebrachten Lehranstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau anoertraut ist, handelte es sich darum, außer der fortlaufenden, sehr mühevol- len Erhaltung des Bestehenden die späteren Schä- den zu beseitigen, die das Wesentliche, nämlich den Grundriß, verändert haben. Der wichtige Plan um 1790 gibt ben alten Zustand ganz klar wieder und wurde bei allen Fragen der Wiederherstellung zur Richtschnur genommen. Die Querallee, die vom Freilichttheater nach Westen führt, wurde neu ge­pflanzt und der alte Charakter der eigenartigen Fichtenzone durch Aufforstung der großen Fichten­allee hergestellt. Am Schloßparterre wurden die früher vorhandenen beiden Teppichbeete neu ange­legt. Der Restaurierung des Schlößchens ging die Instandsetzung des stark beschädigten Garten- Pavillons und der großen Zahl von Plastiken vor­aus. Genaue Aufnahmen über den Zustand der Skulpturen ergaben, daß ein großer Teil der künst­lerisch sehr wertvollen Originalarbeiten dem voll­ständigen Verfall entgegenging. Diese Figuren mußten durch Kopien ersetzt werden, die mit aller Sorgfalt von Würzburger Bildhauern unter stän­diger Ueberwachung durch eine besondere Sach- verständiaen-Kommission gearbeitet wurden. Die übrigen Plastiken werden ständig beobachtet, wobei man vielfach einen verderblichen Fortschritt, bei manchen allerdings einen nicht erklärlichen Still­stand des Verfalls beobachtete. Die alten Sand­steinfiguren waren ursprünglich mit einer Oelwachs- farbe gestrichen, die eine stark erhaltende Wirkung ausübt und in ihrer kühlen Tönung einen präch­tigen Kontrast zu den abgewitterten und bemoosten warmen braungrünen und braunroten Flächen bil­det. Diese eigenartige Farbiakeit hat man mit Glück nachzuahmen gesucht. Den Abschluß der Wiederherstellung bildete die Instandsetzuna des sogen. Grottenhauses, eines reizvollen' Garten- Pavillons mit Freitreppenanlage und farbiger Moscnkarchitektur. Der Garten von Veitshöchheim wird so auch weiterhin eine Pilgerstätte für alle Verehrer der Eigenart deutschen Naturgefühls und deutscher Naturgestaltung bleiben.