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Nr. 158 Erstes Blatt

Samstag, 16. Mi 1934

184. Jahrgang

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Srcntfurt am Main 11686 Druck und Verlag: vrühl'sche Unlverfitätz.yuch- und Steindruckeret «.Lange in Stehen. Schrtftleitung und Geschäftrftelle: Schulstrahe 7 M-Ngenadschlüff-Staffel»

Des Führers Rückkehr aus Italien.

Venedig, 16. Juni. (DNB Funkspruch.) Um 8 Uhr vormittags hat der Führer mit seinem Gefolge in drei Flugzeugen Venedig verlassen. Auf dem Flugplatz besichtigte Mussolini mit großem Interesse die Maschine des Führers. Der Abschied zwischen den beiden Staatsmännern gestaltete sich sehr herzlich Nach mehreren großen Schleifen ent­schwanden die Maschinen in Richtung nach Norden. Um S.SO UHr ist der Führer in München gelandet.

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Auf der Tribüne von links nach rechts: Der K von Neurath

die Unterführer, so ging der Marsch der feldgrau- schwarzen Miliz vorbei.

Neben dem Campanile, dem hohen Glockenturm, war das Podium für Mussolini errichtet, geschmückt mit Purpur und Fahnen. Neben Musso­lini, der im Schwarzhemd und feldgrauer Miliz­uniform erschienen war, stand der Führer. Neben dem Führer Staatssekretär Suvich, dann der Generalstabschef der Miliz Terazzi, Grup­penführer Brückner, der Generalsekretär der Faschistischen Partei S t a r a c e und Reichsaußen­minister von Neurath.

In ihrer außerordentlich kleidsamen prächtigen Uniform mit flachem Stahlhelm marschiert soeben eine Maschinengewehrabteilung vorbei. Mussolini wendet sich zum Führer und erklärt ihm die ein­zelnen Abteilungen. Nun rückt die Kapelle der Bersaglieri mit ihren federgeschmückten Alpenhüten im Schnellschritt an. Anschließend an sie beginnt der Vorbeimarsch der Giovuni Fascisti, der Jungfaschisten. Auf ihrem Schwarzhemd tragen sie ihr gelbroies Halstuch, die Farben Roms. Nach den Jungfaschisten beginnt dann der Marsch der Avantgardisten, die etwa unserer Hitler­jugend entsprechen. Auf dem Schwarzhemd leuch­tet die weiße Schnur, die ihre Formation kennzeich­net. Den Beschluß des Vorbeimarsches machte die Marinejugend in blauweißen Marineanzügen.

a n z l e r (X), Reich und Mussolini.

Venedig, 15. Juni. (DNB.) Schon am frühen Morgen stand Venedig im Zeichen der faschisti­schen Verbände, die sich überall in der Stadt sammelten, um sich dann auf dem Markus-Platz und in den angrenzenden Straßen zum Vorbei­marsch am Duce und am Führer zu for­mieren. Einen herrlicheren Platz für diesen Vor­beimarsch als die marmorbelegte Fläche der Piazza San Marco, umrahmt von den herrlichen Marmor­palästen der Prokuratoren, den Procurazien, kann man sich für diesen Vorbeimarsch schlechterdings nicht vorstellen. Es war ein Schwelgen in Licht und Farben, in Pracht und Schönheit, und darüber wie immer der blaue Himmel des Südens. Altgold und altgrün die Teppiche, die aus jedem Fenster am ganzen Platz hängen, dann wieder Purpur und Hellgold, 10 Meter breit die italienische Trikolore Grün-Weiß-Rot. Tausende festlich gestimmte Men­schen an den hunderten Fenstern, die den Platz um­rahmen, auf der Galerie der in verschnörkelt-byzan­tinischem Stil erbauten San Marco-Kirche ebenfalls, und wie eine Palette in der dicht gedrängten Men­schenmenge Mädchen in farbenfreudigen Kleidern

Musik in jeglicher Färbung, helle Fanfaren, schmetternde Hörnerklänge revolutionären Tempos: Die Kapelle der 9. Legion San Marco marschiert an. Darauf der Stab und dann die einzelnen For­mationen aller Waffengattungen. Mit gezücktem Dolch die Abteilungsführer, mit erhobener Hand

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Der Führer begab sich am Freitagmittaa vom Grandhotel im Motorboot hinüber zum Lido, wo auf dem herrlichen Gelände des Golfklubs Staatssekretär Suvich zu Ehren des Führers ein Essen gab. An dem Essen nahmen außer dem Führer und seinen Begleitern, Mussolini, eine Reihe von höheren italienischen Beamten, Offi­zieren und faschistischen Führern sowie die Spitzen der Behörden von Venedig mit Damen teil. Mus­solini empfing den Führer am Bootssteg des Golfklubs, begrüßte ihn herzlich und begleitete ihn dann zum Gebäude des Klubs, wo die Anwesenden gemeinsam in angeregter Unterhaltung das Mit­tagessen einnahmen. Der Führer hatte dabei die Gattin des italienischen Botschafters in Berlin, Madame Cerruti, zur Tischdame, Mussolini die Gattin des deutschen Botschafters in Rom, «Frau von Hassel. Zur Linken des Führers saß die Contessa V o l p i.

Nach dem Essen, etwa gegen 14.45 Uhr, begaben sich dann Mussolini und der Führer in den Gar­ten des Golfklubs und unterhielten sich dort etwa zwei Stunden zwanglos unter vier Augen. Sie gingen dabei unter den herrlichen alten Bäumen spazieren, saßen auch einige Zeit auf einer Bank. Diese Unterhaltung wurde in völlig loser Form geführt. Gegen 17 Uhr fuhr der Führer dann wie­der zum Hotel zurück.

Die amtliche Mitteilung.

Neber die Zusammenkunfk wird folgende ab­schließende amtliche Mitteilung ver­öffentlicht:

Der italienische Regierungschef und der deutsche Reichskanzler haben heute die Prüfung der Fragen der allgemeinen Politik und i die ihre Länder unmittelbar interessierenden Probleme in einem Geiste herzlicher Zusam­menarbeit fortgesetzt und abgeschlossen. Die so ein- geleiteten persönlichen Beziehungen zwischen den beiden Regierungschefs werden künftig fort­gesetzt werden.

Gegen abend empfing der Pressechef und Schwie­gersohn Mussolinis, Eiani. dem Staatssekretär Suvich zur Seite stand, einige Vertreter der aus­ländischen Presse im Hotel Danieli. Er könne so viel sagen, daß es sich nur um eine ganz per­sönliche Fühlungnahme der beiden Staats­männer gehandelt habe. Es komme also nicht in Frage, daß irgendwelche festen Abmachungen ge­troffen worden seien, sondern man habe nur in großen Zügen d i e politische Lage durchgesprochen. Dabei hätte die beiden Staatsmänner weitgehende Ueberein- sl i m m u n g verbunden. So habe man festgestellt, daß weitere persönliche Kontakte wünschenswert feien. In der Abrüstungs- frage sei man sich darüber klar, daß, wenn für Deutschland die Gleichberechtigung tat­sächlich und wirksam geworden sei, es in den Völkerbund zurückkehren könne. Auch über Oesterreich sei gesprochen worden, wobei man der Ansicht sei, daß immer auf der Basis der österreichischen Unabhän­gigkeit dick Herstellung normaler Be­ziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich wünschenswert sei. Auf die Frage, ob auch über die russisch-französische Front ge­sprochen worden sei, wurde erwidert, daß nur ganz allgemein die beiden Staatsmänner festgestellt hät­ten, daß sie R e g i o n a l p a k t e f ü r n i ch t r i ch - tig, dagegen allgemeine Abkommen für geeignet hielten.

Besuch in -erKunstausstellung

Der Führer besichtigte auch die alle zwei Jahre stattfindende internationale Kunstaustel- l u n g. Er wurde dort von dem Präsidenten der Aus­stellung Grafen D o l p i und dem italienischen Bot­schafter in Berlin, Cerruti, empfangen und ge­führt. Zuerst besichtigte der Führer den deut­schen Pavillon sehr eingehend, wobei er sich besonders vor den Plastiken von Kolbe und W a ck e r l e und vor Bildern von P ö st e l b e r g e r und Heise aufhielt. Dann folgte noch kurz eine Besichtigung der Haupthalle, in der die Italien v schen Künstler ausgestellt haben und wo sich eine historische Ausstellung internationaler Porträts des 19. Jahrhundert befindet. Vor dem Bismarck­bild Lenbachs verweilte der Führer längerer Zeit. Graf Volpi bat daruf den Führer, sich ein Bild des italienischen Malers Vagaagini als Geschenk auszusuchen, der in der Villa Romano in Florenz, Klingerstiftung, wohnt. Nachdem der Füh­rer gewählt hatte, stellte sich heraus, daß Konrg Viktor Emanuel das gleiche Motiv von dem gleichen Maler gekauft hatte.

Venedig.

Den tatsächlichen Bankrott der Genfer Ab­rüstungskonferenz vermag auch die in letzter Stunde mit großer Mühe zustande gebrachte Verständi­gungsformel nicht zu verschleiern. Italiens Mitteilung, daß es die Möglichkeiten des Flotten» abkommens von Washington voll ausnützen und trotz großer finanzieller Sorgen sofort zwei mo­derne Riesenkreuzer auf Kiel legen werde, zeigt ebenso wie die Ankündigung Englands, daß der Augenblick für eine Verstärkung der L u f t st r e i t k r ä f t e nunmehr gekommen sei, bes­ser als alle aufgeregten Lamentationen der Presse, was man trotz des in Genf zusammengeleimten Kompromisses im Grunde von dem Stand des Ab­rüstungsproblems hält. Es sind auch die ersten Antworten auf Frankreichs Bündnis­politik, die in dem Stil der Vorkriegszeit Masche an Masche zu reihen sich müht, um auf Kanonen, Luftkreuzern und Tanks ein System der Sicher­heit zu errichten, das nichts anderes bedeutet, als die Verewigung der französischen Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent im Rahmen der Pa­riser Friedensdiktate und das nichts mehr mit der Sicherheit" gemein hat, die man einst durch eine konsequent dürchgeführte Abrüstungspolitik zu ver­wirklichen hoffte. So waren für Frankreich die Kulissengespräche wichtiger, als deren erstes Er­gebnis durch französische Vermittlung die D e r ständigung zwischen Sowjetrußland und der Kleinen Entente unter Dach und Fach gebracht werden konnte. Sie bedeutet nament­lich für Rumänien einen großen Erfolg, hat doch die Sowjetunion nunmehr, wenn auch nur stillschweigend, die Einverleibung Bessarabiens in das großrumänische Reich anerkannt. Rumänien ist damit seine größte außenpolitische Sorge los. Es wird vermutlich mit seinem Dank an Frankreich, dem es diese Entlastung an seiner Ostgrenze wesent­lich zuzuschreiben hat, bestimmt nicht knauserig sein, wenn in den nächsten Tagen der französische Außenminister nach Bukarest kommen wird, um das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist. Daß S ü d s l a w i e n der Verständigung mit Sowjet­rußland noch nicht beigetreten ist, mag tatsächlich in der Hauptsache formale Gründe haben. Der südslawische Außenminister hat eben aus Paris die Versicherung mitgebracht, daß Frankreich unter dem neuen Kurs deralten Staatsmänner" die Fäden zu den Freunden der Kleinen Entente, die schon reichlich gelockert waren, fester knüpfen wird.

Von Belgrad geht die Brücke zu den anderen Balkanstaaten, zu Griechenland und Bul­garien, dessen Beitritt zum Balkanpakt und Anerkennung der Sowjetunion nur noch eine Frage der Zeit zu fein scheint. Und in der Türkei schließlich treffen sich die Einflußlinien von Paris und Moskau. Kemal Pascha hat soeben sich erheb­liche Kredite zur Verstärkung der Rüstungen be­willigen lassen. Zudem empfängt er grade jetzt den Besuch seines östlichen Nachbarn, des Schahs von Persien. Die europäische Unruhe setzt sich in Asien fort und stößt schließlich im Fernen Osten auf ein neues und vielleicht stärkstes Zentrum po­litischer Reibungen und Spannungen zwischen den Interessensphären der Weltmächte. Die Ansatzpunkte der neuen französisch-russischen Zusammenarbeit werden überall deutlich, in Genf sowohl, wie auf dem Balkan und in Mittelasien. Daß England so gut wie Italien bereits den Druck spüren und ent­schlossen sind, aus der neuen Lage die Folgerun­gen zu ziehen, sahen wir schon. Aber vorerst scheint es Frankreich noch nicht aufgegeben zu haben, sich die so oft bewährte britische Freundschaft zu er­halten. Barthvus Einschwenken in Genf auf eine versöhnlichere Tonart, nachdem die Engländer seinen massiven Einschüchterungsversuchen die kalte Schulter gezeigt hatte, und der jetzt angekündigte Besuch des französischen Generalftabschefs in Eng­land deuten auf ernsthafte Bemühungen hin, die Engländer bei der Stange zu halten und damit der Notwendigkeit einer Wahl zwischen der neuen Freundschaft mit Moskau und der alten Freund- schast mit London zu entgehen. Das Bündnis mit England ist auch heute noch das höchste Ziel der französischen Politik, und nur sehr ungern möchte man sich den Weg dazu durch die Erneuerung der Allianz mit Rußland verbauen. Aber wenn auch in England eine Gruppe ultrakonservativer Politiker seit Jahr und Tag dem Abschluß der Entente mit Frankreich das Wort redet, weil sie darin das beste Mittel sieht, um auf dem europäischen Kontinent Ruhe zu schaffen die Ruhe eines Kirchhofs ver­steht sich) für alle Völker, die in Freiheit atmen und schaffen wollen und der englischen Weltpolitik den Rücken freizuhalten, fo sind es doch dieselben konservativen Ultras, die am entschiedensten einer Zusammenarbeit mit den russischen Bolschewisten widersprechen. Einer Erneuerung des seltsam un­klaren und grabe infolge dieser von England ab­sichtlich geförderten Unklarheit so friedensbedrohen­den Dreiecksverbältnisfes ParisMoskau und ParisLondon stehen also heute sehr erhebliche Schwierigkeiten entgegen.

In dieses unharmonische Stimmengewirr im Kon­zert der Mächte, das man von Paris aus ganz im überlebten Stil der exklusiven Kabinettspolitik aus der Vorkriegszeit dirigieren möchte, bringt die Helle Fanfare der deutsch-italienischen Zusam­menkunft eine ganz neue Note.In einem Augenblick, in dem der Rhythmus der Aufrüstung beschleunigt wird, in dem verschiedene Mächte sich in ihrer Block- und Bündnispolitik ereifern, in dem das Schiff des Friedens überall leck zu fein scheint, in diesem Augenblick treffen sich Hitler und Musso­lini. Zwei große Nationen, zwei große Völker stehen hinter ihnen. Zwei große Bewegungen verkörpern sich in ihnen, die nur durch Tradition und geogra­phische Lage etwas verschieden sind. Zwei Völker