Nr. $0 Drittes Blatt
«Siebener Anzeiger Wenerai-Anzeiger für Gberheffen)
Sreitag, 16. zebruaNMI
Zacharbeit im AationalWanstischen Lehrerbmd.
Von dem Kreisarbeiisleiier für die höheren Schulen Or. Adolph.
Die menschliche Bewertung der Schüler in.
Die llrteilsbildung.
Die Lehrerschaft der höheren Schulen ist dem Staat dafür verantwortlich, daß sie bei der ungeheueren Ueberfüllung der gelehrten Berufe und bei dem bedrohlichen Anwachsen eines akademischen Proletariats nur solchen Abiturienten das Zeugnis der Hochschulreife ausstellt, die sie nach Sein und Können im höchsten Maß dafür geeignet hält. Sie muß somit eine charakterliche Beurteilung jedes einzelnen ihrer Schüler Liefern. Auf welchen allgemeinen menschlichen Voraussetzungen sich eine solche Bewertung aufbaut, nach welchen Maßstäben sie zustande kommt, haben wir dargelegt. Nun wollen wir das praktische B e r f a h r e n der Urteilsbildung selbst ins Auge fassen.
Derjenige Lehrer, der das meiste innere Anrecht hat, einen Schüler zu beurteilen, ist der Klassen- sührer; zumal dann, wenn er die Klasse mehrere Jahre hindurch geleitet hat oder gar die Schüler von klein auf kennt. Kommt dann noch hinzu, daß er seinen Zöglingen menschlich nahegetreten ist, über große Vergleichsmöglichkeit und eine lange Erfahrung verfügt, so wird man seinem Urteil vertrauen dürfen. Es gibt solche Klassenlehrer. Anders steht es natürlich bei Herren, die erst kürzere Zeit in Prima unterrichten oder mit den Schülern nur in wenigen Stunden zu tun haben. Diese werden vor einer endgültigen Urteilsabgabe zurück- schrecken. Ich z. B. weiß von jemand, der sich außerstande erklärte, in vier Tagen vierzig wohlausstaffierte Charakteristiken über Primaner abzugeben. Der Direktor hat glücklicherweise Verständnis dafür gehabt ...
Man könnte die Urteilsbildung dem Klassenlehrer überlassen. Er kennt seine Schüler am genauesten. Das Mehrheitsprinzip hat sich totgelaufen. Auch in unserer Frage erweist es seine Fragwürdigkeit. Wer einem Menschen ganz nahesteht, kann diesen seinem innersten Wesen nach besser erkennen, als zehn andere, die nur ein ungefähres Bild von ihm haben. Es kommt hier nicht auf Quantität, sondern auf Qualität an. Trotzdem wird jeder Lehrer, der über einen anderen Menschen zu urteilen hat, das Bedürfnis nach einer Aussprache empfinden. Er sagt sich, daß er über keine unbedingt sichere Menschenkenntnis verfügt, daß er den Schüler nur von einer Seite her kennt, daß er sich irren kann. Besonders die Fachlehrer werden das Verlangen nach einem Gedankenaustausch verspüren. Der Mathematiker will wissen, wie sich der Schüler im Deutschen mit feinen reicheren persönlichen Ausdrucksmöglichkeiten benimmt, und der Deutschlehrer möchte das Verhalten des Schülers gegenüber der ehernen Sachlichkeit der mathematischen Welt kennen lernen. Denn auch hierbei kann sich der Charakter ausprägen. So wird es aus persönlichem Drang und sachlicher Notwendigkeit heraus zu einer Besprechung im Lehrerrat kommen.
Man atmet auf, wenn allgemeine Uebereinstim- mung herrscht. Doch »können auch Meinungsverschiedenheiten entstehen und schwere Gegensätze aufklaffen. Dann gilt es zu kämpfen, für den Schüler einzutreten, den man für würdig hält, und um fein Schicksal zu ringen. Oder standhaft zu beharren auf dem verneinenden Urteil. Im ganzen w-ird es doch zu einem fruchtbaren Ergebnis kommen. Das Bild des Schülers, das der einzelne Lehrer in sich trägt, wird in der Hauptsache wohl erhalten bleiben. Aber es erfährt feine Berichtigung. Lücken werden ausgefüllt; manches das vorher im Dunkel lag, tritt nun in ein helleres Licht. So entsteht doch ein Gesamteindruck, der der lebendigen Wirklichkeitnäherkommt.
Voraussetzung ist allerdings, daß unter den Lehrern eine gewisse Übereinstimmung herrscht, daß sie sich im Grundsätzlichen verstehen und 'mit denselben Maßstäben messen... Daß sie sich menschliches Vertrauen entgegenbringen ... Denn sonst läßt sich beim besten Willen fein einheitliches Ergebnis erzielen.
Die letzte Entscheidung liegt allerdings nicht in der Hand des Klassenlehrerrats, sondern des Direktors. Dieser ist der Leiter der Anstalt. Er trägt die höchste Verantwortung. Auf den ersten Blick könnte es scheinen, daß der Direktor gerade nicht die ge
eignete Urteils-Stelle sei, da er in weitem Abstand über dem Ganzen schwebe. Doch weiß der Eingeweihte, daß die Dinge anders liegen. Gerade von der Höhe aus hat man oft eine klarere Sicht. Die Dinge rücken in ihr rechtes Verhältnis. Das Unwesentliche verschwindet. Dazu verfügt gerade der Direktor über ein reiches und ausgebreitetes Material. Er hat die Gutachten der verschiedenen Lehrer in Händen. Daraus kann er gewichtige Schlüsse Ziehen. Allerdings innerhalb bestimmter Grenzen. Er weiß, daß aus der Zusammensetzung von Teilen nie ein Organismus entsteht, und daß aus der Addition von papierenen Gutachten nie das lebendige Gesamtbild eines Menschen erwächst. Er weiß, daß die Aneinanderreihung von Bruchstücken — und die einzelnen Gutachten sind bruchstückhaft — nie eine organische Ganzheit hervorbringt. Er sieht, daß sich die Akten widersprechen oder gänzlich nichtssagend sind... Er kann mit ihnen unter Umständen sehr wenig anfangen.
Deshalb muß auch er hinabtauchen in die lebendige Auseinandersetzung des Lehrerrats und sich hier aus enger Mitarbeit an dem schöpferischen Formungsprozeß sein Urteil bilden. Er wird im Spiel der Meinungen mit erfahrenem Blick das Wesentliche erkennen und wissen, wo die eigentlichen Schwerpunkte liegen. Er wird nicht nur das sachliche Wertungs-Material, sondern auch die Persönlichkeiten der wertenden Lehrer selbst berücksichtigen. Er weiß, daß der eine Lehrer zur Milde neigt und der andere herbe und strenge Grundsätze befolgt. So wird er ausgleichend wirken. Seine höchste Aufgabe ist, in der hin und her wogenden Debatte den Standpunkt der unbedingten Sachlichkeit zu vertreten. Die Klassenlehrer sind durch lange Beziehungen zu den Schülern möglicherweise in persönliche Sympathien und Antipathien verstrickt, ohne daß sie es selbst wissen: hier wird sich die Hand des Direktors wohltätig bemerkbar machen. Er steht auf alle Fälle jenseits der Parteien. Den innersten Sinn der behördlichen Verfügung vor Augen wägt er das persönliche Schicksal der Schüler gegen die Notwendigkeiten des Ganzen ab. So steht er da als der Sachwalter der Gerechtigkeit. Er wird dafür sorgen, daß die Konferenz nicht mit handwerksmäßiger Routine verfährt, aber auch dafür, daß sich die Debatte nicht in unendlichem Gerede verliert und sich um die Entscheidung herumdrückt. Er selbst wird die Energie aufbringen müssen, diese Entscheidung zu treffen und die persönliche Verantwortung auf sich zu nehmen.
Früher hatte es der Direktor leichter. Er brauchte bloß abstimmen zu lassen und war persönlich gedeckt. Heute muß er die Last der Verantwortung tragen. Doch ist er dazu — wenn irgendeiner — auch befähigt. Er hat die Berufung zum Führer erhalten. Er verwaltet fein Amt. Dieses Amt hat heute im ständischen Staat eine höhere Weihe als früher. Es zwingt feinen Träger nicht nur in Aufgaben hinein, die früher unmöglich schienen, sondern gibt ihm auch die Kraft zu ihrer Erfüllung. Allerdings: Führer fein heißt eine Gefolgschaft haben, und so kann auch der genialste Direktor die ihm auferlegten Entscheidungen tatsächlich nur dann treffen, wenn er eine willige und treue Lehrerschaft hinter sich hat, die ihn gut bedient.
Kommt der Direktor samt seinem Kollegium zu keinem eindeutigen Urteil, so entscheidet die Behörde in Darmstadt...
Unsere Betrachtung hat gezeigt, daß viele Stellen Zusammenwirken, um eine gerechte Beurteilung des Schülers zu ermöglichen. Die einzelnen Klassenlehrer geben schriftliche Gutachten ab. Der Klassenführer stellt Hieraus ein Gesamturteil zusammen und unterbreitet dieses mitsamt dem Material dem Direktor. Im Klassenlehrerrat wird auf Grund einer lebendigen Auseinandersetzung der Versuch einer umfassenden Urteilsbildung unternommen. Endgültig entscheidet der Direktor.
Die Gesamtentscheidung nm Schluß des ganzen Verfahrens ist verhältnismäßig leicht, wenn es sich nm Schüler handelt, die sich nach Charakter und Leistung hervorragend auszeichnen, oder noch der anderen Seite hin abfallen. Erheblich größere Schwierigkeiten machen die komplizierten Fälle, wenn etwa der Charakter mit den Leistungen nicht Schritt hält, oder ein on sich vorzüglicher Charakter
nicht die entsprechende Begabung aufweist. Auch die sogenannten Durchschnittsmenschen, die Farblosen, die unbeschriebenen Blätter bereiten Kopfzerbrechen. Manchmal wird es endgültig bei einem Fragezeichen bleiben müssen.
Die Seurtetfung von Menschen ist eine schwierige und oft recht komplizierte Sache. Aber ich glaube, daß der Lehrer dann, wenn er nicht mehr weiter kann, sich zwei ganz einfache Fragen vorlegt: Hat der Schüler die erforderlichen Leistungen aufzuweifen? Und: Ist er ein anständiger Charakter? Mehr kann man schließlich nicht tun.
Die Lehrerschaft ist sich ihrer Verantwortung bewußt und hat den besten Willen. Daß alles menschliche Tun Stückwerk bleibt und daß es, wie überall, auch in der Schule menschlich zugeht, weiß jeder. Doch weitaus eingreifender als alles menschliche Verstehen oder Verfehlen ist in diesem Falle die objektive Verordnung. Die Schicksalszahl 340, die die hessische Schüler-Rate festsetzt, schneidet tiefer ein, wirkt sich folgenschwerer aus, als aller gute Wille oder alle Unzulänglichkeit der mit der Urteilsbildung beauftragten Lehrerschaft. Denn hier äst eine Schranke gezogen, über die niemand hinauskann und an der unter Umständen das beste Wollen scheitert. Es wird sich als unvermeidlich erweisen, daß mancher frische Junge, der an sich sehr wohl das Zeug zum Studium hätte — zumal, wenn man die früheren Jahrgänge zum Vergleich heranzieht — ausscheidet, nur weil die Zahl bereits voll ist. Die objektive Verfügung der Behörde steht als letztes Gesetz über uns allen. Und dabei hat auch die Regierung keineswegs willkürlich gehandelt. Auch sie stand unter dem Zwang einer sachlichen Notwendigkeit. Sie trägt keine Schuld an den himmelschreienden Zuständen. Die Schuld ist höchstens bei denen zu suchen, die die Dinge tatenlos dahin treiben ließen, wo sie sich heute befinden. So legt sich die ganze Last eines geschichtlichen Verhängnisses auf die Schultern weniger Jahrgänge ...
Die Lehrerschaft wird nicht immer unter dem Druck der Verantwortung stehen, die sie dieses Jahr zu tragen hat. Es ist möglich, daß die Verfügung wieder aufgehoben wird. Sei es, daß die Organe, in deren Hände ihre Ausführung gelegt ist, sich dieser doch nicht gewachsen zeigen; sei es, daß sich sachliche Schwierigkeiten unüberwindlicher Art einstellen; sei es, daß das Gesetz seinen Zweck erfüllt hat und dadurch überflüssig geworden ist. Aber auch, wenn es bestehen bleiben sollte, wird es mit der
Zeit seine Schärfe verlieren. Ein Sieb-Verfahren wird dafür sorgen, daß nur noch solche Schüler bis in Prima kommen, die sich ohne weiteres zum Hochschulstudium eignen. Es wird vorher eine scharfe Auslese einsetzen. Der nationalsozialistische Äern- gedanke allerdings, daß der Mensch nicht nur nach seinem Wissen, sondern auch nach seinem Sein zu beurteilen sei, wird nie mehr verschwinden. Und so ergeht an den Schüler der Zukunft der Ruf, sich auch nach seiner persönlichen Eignung in höherem Maße auszuweisen. An die Lehrerschaft aber tritt die Aufgabe heran^ ihren Sinn für die männlichen Charakterwerte immer feiner zu entwickeln. Sie wird ihre Zöglinge irt dieser Hinsicht immer besser zu erkennen und zu —> erziehen haben. Dabei können ihr für eine Gesamtbewertung auch äußere Hilfsmittel von Nutzen sein: Tage- und Jahresbücher, fortlaufende Begutachtungen, Aussprachen. Sie wird sich darum bemühen, eine sichere Tradition mit gültigen und erprobten Maßstäben auszubilden. Allerdings muß jeder gouvernantenhafte Zug vermieden werden. Eine höhere Schule ist schließlich keine Besserungsanstalt und keine Mädchenpension, sondern die Erziehungsstätte lebendiger deutscher Menschen.
Entscheidend für alles ist der Gei st. Eine in sich geschlossene Gemeinschaft weiß sehr genau Bescheid über ihre Mitglieder. Sie fühlt instinktiv, wer wertvoll ist und wer nicht. Sie hebt empor und scheidet aus, ohne schriftliche Gutachten. Denn sie trägt den Maßstab dessen, um das es geht, in ihrer lebendigen Mitte. Heute fehlt uns das Formgesetz einer allumfassenden Gestalt noch weithin. Dafür wirkt der Individualismus des liberalen Zeitalters noch zu stark nach, wo jeder mit feinen persönlichen Ansprüchen für sich allein stand und von den anderen durch tiefe Klüfte getrennt war. Bei solcher Geisteshaltung kann es keinen für alle verbindlichen Maßstab, kein unmittelbares Verstehen und keine instinktsichere Auslese geben. Der echte Nationalsozialist weiß ohne weiteres, was wesentlich ist, was die Gemeinschaft braucht. Aber wer dürfte sich als unbedingten Nationalsozialisten bezeichnen? So kommt es daraus an, daß jene Gesamtform der Nation erstehe, die uns alle trägt, daß jene lebendige Volksgemeinschaft erwachse, die uns ihr Gesetz auferlegt, und daß aus Blut, Boden und Geist die Schule der Zukunft emporsteige, die kein künstliches Ausleseoerfahren mehr nötig hat, weil das Leben 1 selbst, das in ihr wirkt, aussondert und beruft.
Aus her Provinzialhauptstadt.
GeueraloSerarzt Är. Eiegert, Darmstadt f.
Im Alter von 85/4 Jahren ist in Darmstadt, wo er im Ruhestand lebte, der Generaloberarzt a. D. Dr. Siegert verstorben. Der Heimgegangene wohnte 22 Jahre lang in Gießen. Während des Weltkrieges stand er als Reseroe-Lazarettdirektor an der Spitze sämtlicher in Oberhessen eingerichteten Lazarette. Lange Jahre widmete er seine Arbeitskraft ehrenamtlich als Rechner dem Oberheffifchen Geschichtsverein. Weiter war er bei Ausgrabungen und bei der Einrichtung des Musterns im Alten Schloß in hervorragender Weise beteiligt. Für seine gemeinnützige Tätigkeit wurde er von dem früheren Großherzog von Hessen mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse Philipps des Großmütigen ausgezeichnet. In weiten Kreisen der Bürgerschaft brachte man dem Verewigten die höchste Wertschätzung und Verehrung entgegen.
Eine soziale Tat der Hitlerjugend.
Wie im vergangenen Jahre, so soll auch in diesem Jahre wieder die Möglichkeit geschaffen werden, erholungsbedürftigen Kindern den mehrwöchigen Aufenthalt auf dem Lande während der Sommerferien zu ermöglichen. Diesen Gedanken in die Tat umzusetzen, hat sich die Hitlerjugend zur Aufgabe gemacht. Im Bereiche des Obergebietes West, zu dem unser Oberbann Oberhessen gehört, sollen etwa 100 000 Kinder, Jungen und Mädels, die Möglichkeit erhalten, ihre Ferien auf dem Lande, fern dem Staube der Großstadt, zuzubringen.
Im vergangenen Jahre hatten sich so viele Volksgenossen auf dem Lande bereit erklärt, eines dieser Kinder bei sich aufzunehmen, daß nicht alle Gesuche berücksichtigt werden konnten. Diese Volksgenossen
werden nun in erster Linie gebeten, sich nochmals zu melden. Sie werden in diesem Jahre bestimmt berücksichtigt werden. Aber auch an dich, deutscher Bauer, ergeht der Ruf, die Mahnung, die Bitte: Hilf uns helfen!
Erkläre dich bereit, eines dieser erholungsbedürftigen Kinder bei dir aufzunehmen. Trage dich ein, wenn du dazu bereit bist, in die Liften, die in den nächsten Tagen durch Hitlerjungen von Haus zu Haus gehen werden. Zeige, daß du den Gedanken der Volksgemeinschaft erkannt hast. Hilf uns helfen! Denn wir bitten dich nicht um unsererwillen darum, sondrn um jener hunderttausend erholungsbedürftiger Kinder, um unseres Volkes willen, dessen Erben diese Jungen einst fein werden.
Und nicht ein schwaches Geschlecht, sondern nur eines, das gesund ist an Seele und Leib, kann und wird in der Lage fein, das Schicksal unseres Volkes in die starke Hand zu nehmen.
Einer für alle und alle für einen. Das ist wahre Volksgemeinschaft. So laßt uns durch die Tat beweisen, daß wir ein einiges Volk geworden sind.
Anfragen nimmt das Sozialamt der Hitlerjugend entgegen. Anschrift: Oberbannführung der Hitlerjugend, Friedberg, Usavorstadt 7, Fernruf 4594, Abteilung Sozialamt.
Hitler-Jugend, Oberbann IV/13 Oberhessen.
Hubertus Gießen.
Der „Hubertus", Verein weidgerechter Jäger, Sitz Gießen, E. V., hielt — wie man uns berichtet — am 14. Februar feine Mitgliederversammlung bei überfülltem Versammlungsraum im „Hessischen Hof" ab.
Nachdem eingangs der Vorsitzende des Ablebens bes Gründermitgliedes Wilhelm Möser gedacht hatte und verschiedene Neuaufnahmen erfolgt wa-
Fahrt ins Land ewigen Frühlings.
23on unserem A.-Sonderberichterstaiier.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! An Bord des Hapagdampfers „Milwaukee", Funchal auf Madeira, im Februar 1934.
Ist es ein Traum oder ist es Wirklichkeit? Mitten im Winter bin ich im Lande des ewigen Frühlings. Ich bin an Bord des größten deutschen Motorschiffes „Milwaukee". Eine große Bord- familie, die sich aus Deutschen, Dänen, Schweden, Norwegern, Holländern, Franzosen, Engländern, Amerikanern zusammensetzt.
Lissabon. Wie freut sich das Ange des Seefahrers an der Schönheit der Szenerie der Küften- ortschaften, hinter denen das Cintragebirge auffteigt. Bald fesselt den Blick der Torre S. Vicente, das Wahrzeichen der Tejo-Einsahrt, vor der er treue Wacht hält. Manuel I., der Glückliche, unter dessen Regierung (1495 bis 1521) das kleine Portugal im Glanz der Waffentaten der Entdecker, im Besitz der fabelhaften Reichtümer entdeckter Länder zu der Blüte einer kolonialen Großmacht emporgestiegen war, hat dies edle Denkmal der manuelischen Kunst nach Vasco da Gamas erster Entdeckungsfahrt in den Strom bauen lassen an der Stelle, von der aus der kühne Held die Seefahrt gewagt hat. Josephs I. genialer Minister Pombal, der dem ratlosen König auf die Frage: „Was tun?" die Antwort gab: „Die Toten begraben und für die Lebenden sorgen", hat ein schönes Lissabon ersteh-en lassen. Wieviel des Eigenartigen entdeckt der Landesfremde beim Gang durch die Stadt: Dicht am Ufer die fäulenhallen-umschloffene Praca do Com- mercio mit dem monumentalen Reiterstandbild Josephs I. Der blutigrote maurische Backsteinbau des Stierkampf-Zirkus, in dessen von 8500 Zuschauerplätzen umgebenen Arena es im Unterschied von den spanischen Stierkämpfen ganz unblutig zugeht —der wütend gewordene Stier wird von einigen seiner vernünftigen Kameraden ^abgeholt und artig hinausgeleitet. Der Fischmarkt mit feiner feilschenden Geschäftigkeit und viele Kasernen. Wie malerisch die Frauen und Mädchen ihre Tücher um- geschlagen haben, wie elastisch ist ihr Gang, wenn sie den breiten flachen Korb auf dem Kopfe balan
cieren. Die Menge der lebhaften, luftigen Kinder, die sich durch die Straßen treiben — Portugal kennt keinen Schulzwang und hat viele Analphabeten. Die verwahrlosten Häuser in den ärmeren Stadtteilen — all das sind Züge im Bilde der Stadt, die sich mir einprägen. Aber schön ist die Stadt, wie von der Seeseite, so von einem der „Sieben Hügel", wenn man herabblickt auf die Bewegtheit ihrer großen Plätze, auf den Hafen, in dem die Ozeandampfer von Europa Abschied nehmen.
Auch wir taten es unter den Klängen des Deutschlandliedes und des Horst-Wessel-Liedes, verabschiedet mit dem deutschen Gruß der vielen Landsleute und Portugiesen, die sich das Schauspiel der Abfahrt des großen deutschen Schisses nicht wollten entgehen lassen.
Nur 18 Stunden Seefahrt trennten uns vom nächsten Ziel, der malerisch ummauerten, weißleuchtenden, an ein kahles Kalkgebirge angeschmiegten, von der alten Zitadelle der Kasba bekrönten Mee- resftabt Tanger, die um die Mittagszeit des 21. Dezember wie ein seltsames Geheimnis lockend uns entgegengrüßt. Auf stürmisch bewegter See vollzieht sich das Ausbooten. Nicht wenige ziehen den sicheren Aufenthalt an Bord vor. Schade. Man muß sie gesehen haben, diese seit 1911 internationalisierte Hauptstadt des römischen Mauretanien, die heute von 10 000 Europäern, 35 000 Mohammedanern und 15 000 Juden bewohnt ist. Welch eine Fülle von Dolkstypen mögt über die Märkte und durch die Gassen! Schlanke, hellgelbe Mauren, dunkle Südmarokkaner, schwarze Sudanneger. vermummte Maurinnen: zwischen bunten Turbanen weiße und farbige Burnusse der Araber, der leuchtende rote Fes. Kamele, Maultiere, Esel, Ziegen, Lastträger, alles schiebt und drängt sich. Und diese buntfarbige Welt, die immer neu das Auge entzückt, erfüllt vom Geschrei der Händler und Wechsler. Mein kleiner Führer, des zwölfjährige Ahmed Ben Hadj Mohamed führt mich mit großer Liebenswürdigkeit und Ortskenntnis durch die Bazare, in die Tee- und Singhäuser, wo hockende Marokkaner, alte bärtige Gestalten, ihre eintönigen, schwermütigen Weisen fingen. Schwer wird der Abschied von dieser fremden, fernen Welt.
Meer! Nichts als Meer! Nächtlich schimmernd im milden Lichte des Mondes und überstrahlt vom Heer der Sterne. Wir fahren dem südlichsten Ziel
unserer Reise zu: Teneriffa. Aufleuchtet in der Ferne — wir haben Glück — der schneebedeckte Pico de Teide (der Berg Atlantis der Alten, wie manche Gelehrte meinen). Dieser mächtige Beherrscher der Insel, die er zur Pyramide formt, in Hohe (3730 Meter), Schlankheit und im Kontrast feines ewigen Schnees und der unverwischbaren Anzeichen seiner inneren ©lut, den gewaltigen Vulkanen Europas und Amerikas verwandt. Wir haben Zeit, das Bild der Insel und ihrer Hauptstadt im sinkenden Abendscheine in uns aufzunehmen. Der Hafen von Santa Cruz entspricht mit seiner Weite und Tiefe, seiner geschützten, durch eine 900 Meter lange Mole gesicherten Lage, seinem reichen Handel, namentlich in Früchten, allen Anforderungen eines Weltverkehrshafens. Begierig nach neuen Eindrücken gehen wir an Land. Seit Fernandez de Lugo über die Ureinwohner des Landes, die Guanchen, gesiegt — es war 1493, im Jahr der Rückkehr des Kolumbus von feiner ersten Amerika-Entdeckung — gehört die Insel den Spaniern. Dreimal versuchte England, ihnen die schöne Insel zu entreißen. Hier in Santa Cruz verlor 9t e l f o n am 25. Juli 1797 in bitterer Niederlage den rechten Arm. In der Kirche La Conception in La Laguna werden neben dem Erobererkreuz, das Fernandez de Lugo beim Landen auf Teneriffa aufpflanzte, die den Engländern abgenommenen Fahnen aufbewahrt, im Museum die Kanone Tiger, die dem englischen Admiral den verhängnisvollen Schuß beigebracht hat. Durchs Hafengewimmel, umringt von Händlern, bahne ich mir den Weg zur Avenida Maritima, der schonen Strandpromenade, die fid) wie ein Balkon neben dem Meer hinzieht und ihre berühmte Schwester in Nizza in den Schatten stellt.
Man sagt, daß Teneriffa die Hand sei, die Andalusien Amerika entgegenstreckt. Und in der Tat, die Insel ist eine glückliche Verlängerung von Andalusien mit der ewigen Frühlingsmilde ihres Kli- mas, der dunklen Anmut ihrer Frauen, ihrem Gitarrespiel und ihrem Wein, ihrer brüderlichen Gastfreundschaft. So offenbarte sich uns die Insel am kommenden Tag, der uns in mehrstündiger Fahrt im Kraftwagen über La Laguna, den geistigen Mittelpunkt der Insel mit seinem uralten, unentwirrbar verästelten, mehr als tausendjährigen Drachenblutbaum, dem letzten Zeugen des dichten Waldes, den die Eroberer vor 400 Jahren abgeholzt haben.
in das weltberühmte Orotavatal führte. Es ging vorbei an Bananenfeldern und Eukalyptusalleen, Korkeichenhainen, Tee- und Zuckerrohrplantagen, vorbei an Drangen und Palmen, mächtigen Agaven, zierlich belaubten Pfefferbäumen, Oleanderbüschen, Opuntien, auf denen die Cochnilla-Laus gezüchtet wird. Ehe der deutschen chemischen Wissenschaft die Herstellung der Anilinfarben gelungen ist, war diese Laus die Quelle großen Reichtums für den Züchter — heute noch wird sie zur Herstellung des roten Lippenstifts bevorzugt. Das Tal gleicht einem grünen, blumengeschmückten Teppich, für dessen Fruchtbarkeit riesige Wasserbassins (eine Lebensfrage für die Insel, deren tiesschluchtige Barrancos einst von starken Wasserläufen durchströmt waren) sorgen. An freundlichen Häusern und ärmlichen Hütten eilen wir vorüber. Schwatzend und rauchend stehen die Bauern am Wege, Kinderhände winken uns Grüße zu, magere müde Hunde schleichen durch die Straßen.
Aber unser stolzer Dampfer, der uns inzwischen zur vertrauten schwimmenden Stadt geworden ist, wollte uns noch eine letzte, höchste Steigerung landschaftlicher Schönheit erleben lassen: Von den Kanarischen Inseln, den insulae fortunatae der Alten, den „Glücklichen Inseln" bringt uns das Schiff in etwa 20ftünbiger nördlicher Fahrt nach Funchal (Fenchelstadt), der 443 Kilometer von Santa Cruz entfernten Hauptstadt von Madeira. Wie klangvoll ist der Name der Insel und doch, er heißt nichts anderes als Holzinsel wegen des ehemaligen Waldreichtums, der bei ihrer Entdeckung (1420) unbewohnten Insel. Vom Sonnenschein überflutet liegt die in weitem Halbkreis amphiteatralisch aufstei- gende Stadt da, ein Juwel von leuchtendem Glanze. Hier gleichsam im Vorhof wildromantischer, durch Urkräfte der Natur gestalteter Bergmassen hat das ozeanisch-milde Klima im Bunde mit verwitterter Lava ein wahres Paradies von Blumen und Früchten geschaffen. Palmen und Araukarien, Kastanien, Eukalyptus, Korkeichen, Agaven, Orchideen, Opuntien, Oleander, Magnolien, Kamelien, Jakaranda, Ginster, Rosen, Veilchen wetteifern in Farbe und Duft. Bezaubernd ist der Blick über Meer, Hafen und Landschaft. Es ist, als ob Erde und Himmel sich vermählten zu einer Welt voll Licht...


