tr. 293 sanftes Blatt
Samstag, (5. Dezember 1934
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)
Bücher unter dem Weihnachtsbaum.
Gage und Märchen.
D; e Edda. Uebertragen von Dr. Paul Gerardi Beyer. 224 Seiten. Kart. 2,75, geb. 3,50 Mk. >erdinand Hirth in Breslau, 1934. — (428) — Bei ’rm lebhaften Interesse, das heute für die germa- iche und nordische Vorgeschichte und Geistes- i'ichichte besteht, dürfte die vorliegende Neuerschei- Ling einem gegenwärtigen Bedürfnis entsprechen. Ler Herausgeber, der in einer knappen Einführung irn Leser in großen Umrissen mit den geschicht- Men und geistigen Voraussetzungen für die selb- findige Lektüre vertraut macht, verzichtet bewußt M eine sprachlich exakte, wortgetreue Uebersetzung, t bringt vielmehr eine freie Uebertragung, die dem wdernen Sprachgebrauch angenähert, aber zugleich bmüht ist, dem eigentümlichen Wesen des Urbildes tine Gewalt anzutun. Kürzungen wurden nur vorge- Liimmen, soweit sie dazu dienen konnten, Verständ- ,>s und Genuß des Lesers zu erhöhen-, auch wurden
Anmerkungen auf das Notwendigste beschränkt, siuellennachweise am Schluß der Ausgabe zeigen den l^eg zum genaueren und gründlicheren Eindringen i den Stoff, wozu sich gewiß mancher von der Lek- L*tre anregen lassen wird. So scheint vom Heraus- । (Über alles getan, um, ohne wissenschaftlichen Ehr- ciz, die Edda in ansprechender und möglichst leicht- s^licher Form einem größeren Leserkreise nahezu- i ringen und ihm die altnordische Götter- und Hel- Imroelt an Hand der ursprünglichen Ueberlieferung (. erschließen.
— Kinder- und Hausmärchen. Gesamplt durch die Brüder Grimm. Gesamtausgabe ti t 446 Zeichnungen von Otto U b b e l o h d e. 21.
30. Tausend. 1080 Seiten. 3 Bände Zusammen «Lunden. In Leinen 6,80 NM. N. G. Elwert sche l'rlagsbuchhandlung, Marburg. — (575) l)ie stnder- und Hausmärchen der Brüder Grimm sind lit ihrem ersten Erscheinen im Jahre 1812 immer phr zu einem volkstümlichen Kronschatz der deut- fsen Nation geworden; sie sind in Wahrheit die Wische Märchensammlung unseres Volkes Es gab i!d gibt mancherlei Ausgaben, gute und minder dte vollständige und unvollständige, bebilderte und ' ^bebilderte. Eine der schönsten ist entschieden die ehrend des Krieges bei Elwert erschienene: well l ohne Ausnahme den gesamten Stoff der ur- ^ünqlichen Sammlung getreu überliefert, und well ; diesen überreich quellenden Märchenschatz mit den ^ichnungen des 1922 verstorbenen hessischen Mei- iir5 Ubbelohde verschwenderisch und in einer wahrlist vollkommenen Form illustriert. Wir kennen il-le Märchenillustratoren, aber wir wußten keinen, ir sich in diese urdeutsche Welt der Grimmschen Härchen inniger und liebevoller versenkt hätte, tr mit jedem Strich ihrem Wesen und Herzschlag fi nahe wäre und auf eine so schlichte wie über- zmgende Weise sinnfälligen Ausdruck verliehen hatte. 1« äußeren Mängel der früheren Ausgabe, m der fct der Kriegszeit hinreichend begründet, erforder- t(ii dringend einen Neudruck, der uns nmi mit der lpzlich erschienenen vierten Auflage beschert wird.
ist wie der Verlag in seinem Vorwort bemerkt, ir dreifachem Sinne eine Jubiläumsausgabe, denn fi erinnert zugleich an den 150. Geburtstag von Mob Grimm am 4. Januar 1935 und von Wilhelm Grimm am 24. Februar 1936, sowie an den 70- Ge- imtstag Ubbelohdes am 5. Januar 1937. Abgesehen tim solchen äußeren Anlässen haben gerade wir hier ii! Hessen besonderen Grund, uns dieser Neuausgabe t r Grimmschen Märchen zu freuen, denn Hessen ist, vorauf wir demnächst in der „Heimat im Bild' rtch ausführlicher cingehen werden, recht eigentlich t- Heimat, die geistige und räumliche Landschaft li'ser Märchen und auch der Ubbelohdeschen Mar- vmbilder. Gerade der hessische Leser wird, in dem sittlichen Band blätternd, in Gestalten, Trachten, lndschaftlichen und architektonischen Motiven vieles stiden, was ihn vertraut und heimatlich anspricht; k wird die bereits gerühmte Einheit, den inneren Mammenklang von Text und Bildern besonders herzlich und lebhaft empfinden. Aber über Hessen Mus sollte die schöne Ausgabe dazu beitragen, dfh die Kinder- und Hausmärchen immer mehr zum Mn Besitz des gesamten Volkes werden. Das Werk schält übrigens auch die Kernstellen der klassischen lvrrede der Brüder Grimm zur endgültigen Gesamtausgabe von 1819, dazu das Bild der Mär- -ti'n-Erzählerin Frau Vieh männin aus Nie- d rzwehren bei Kassel, der die Grimms viele der Künsten Stücke ihrer Sammlung verdanken. Es be- bnrf kaum des Hinweises, wie sehr sich das stattliche ^-rk als ein Weihnachtsgeschenk von hohem und ^vergänglichem Wert eignet und anbietet. —y—
Deutsche Erzähler.
— Emil Strauß; Der Laufen. Erzäh- lmg. (Die Kleine Bücherei Nr. 44.) Albert Langen, j @/:org Müller, München, 1935. — (590) — Von । kmil Strauß legt der Verlag in diesem Bändchen fiie unvergängliche Erzählung vor, die besonders je;;en jüngeren Menschen ergreifen wird. Strauß Sljt die unheimliche Schönheit des wilden Rhein- st'oms Gestalt gewinnen, um damit den Hinterzrand und das Symbol zu erhalten für die leiden- säaftliche Unbedingtheit junger Seelen Das tra- ziche Ende einer starken Liebe ist in dieser Novelle ; n:t dem Sinn für die Unerbittlichkeit und Unaus- vächlichkeit der Liebe.
_ Rudolf G. Dinding: Wir fordern ft ? i m s zur Uebergabe a u f. Anekdote aus km Großen Kriege. 100 Seiten. Leinen 2,40 Mark. Kr tten & Loening Verlag, Frankfurt a. M., 193a. — I5&0) — Dindings neues Buch wird, wie wir glau- ki, auf die Kenner und Freunde seiner Erzahl- iLjift sowohl vertraut als auch überraschend wirken: cctraut, weil sie auf jeder Seite Stil und geistige hiltung verspüren werden, wie sie ihnen aus man- ham früheren Buche des Dichters geläufig sein muß; .Ivrraschend, weil hier etwas erzählt wird, was den !b?rmeisten im Ganzen wie in Einzelheiten völlig • 'Kni und unbekannt sein dürfte, obwohl es sich — iE: tatsächliche Begebenheit — in einem Zeitabschnitt sei Weltkrieges an der Westfront ereignete, über len wir besonders genau und gründlich Bescheid zu vkisen glaubten. „Am 2. September neunzehnhun- Irrtundvierzehn forderten ein junger Hauptmann Irio ein kriegsfreiwilliger Unteroffizier, wie es deren Irnals viele in der deutschen Armee gab, die fran- p'sche Stadt Reims zur Uebergabe auf." Das ist !> erste Satz der Anekdote, und er umschließt be- r-5, den besten Beispielen klassischer Erzählertra- ison gemäß, knapp und rund, die anekdotische
Fabel. Anekdote, anekdoton, das Unherausgegebene, das Unbekannte, Einmalige und Ungewöhnliche, das den Begriff dieser erzählerischen Gattung kennzeichnet, — die Wesensbestimmung deckt sich vollkommen mit der Fabel, obwohl die Fabel räumlich fast über den gewohnten Umfang hinausreicht. Dafür aber enthält das Prosastück alles, was Bindings beste Leistungen so sympathisch und unverwechselbar macht: straffe Form, männliche und ritterliche Haltung, eine menschlich überlegene und erfreuliche Gesinnung und Anschauung der Menschen und Dinge, — überdies aber dramatische Steigerung und Spannung. Es kann nicht Sinn und Aufgabe einer kurzen Besprechung sein (und würde überdies unbillig und mit unzureichenden Mitteln dem Leser vorgreifen) —
Aus fremde»
— Rudyard Kipling: Drei Soldaten. (Aus der Sammlung „Die Welt der Fahrten und Abenteuer"), übersetzt von Wilhelm Lehmann. Verlag Paul List in Leipzig CI. Preis gebunden 4,80 Mk. — (574)) — Dem literarischen Herold des britischen Imperialismus verdanken wir eine Reihe fesselnd geschriebener und aufschlußreicher Bücher über das bunte Volksleben im modernen Indien und über die eigenartige Stellung des britischen Soldaten und Beamten in dieser von ihm zwar beherrschen, aber ihm immer fremd und unheimlich bleibenden Welt. Kipling sieht das alles mit den scharfen, aber nur auf ein enges Blickfeld begrenzten Augen des radikalen Jingo, dem irgendwelche sentimentalen Erwägungen von der „anderen Seite" her völlig fernliegen. Er nimmt in unbekümmertem Selbstbewußtsein die Macht des britischen Imperiums als Willen Gottes und sieht in dem größtmöglichen Wohlbefinden der englischen Rasse einen Ausfluß reichen Segens auch für die übrige Menschheit. Die im Augenblick die britische Jndienpolitik beherrschende Derfassungsdebatte wird ihm vermutlich wenig behagen. Nehmen wir diese Einseitigkeit hin, so geben seine Bücher doch ungemein anschauliche und ungeschminkte Vorstellungen von dem indischen Leben. Und die seltsame Stellung des britischen Soldaten in dieser Welt kann nichts treffender illustrieren als die prachtvollen Geschichten des unverwüstlichen Kleeblattes dieser drei Rotröcke, die sich an tollen Streichen gegenseitig überbieten. Auch von dem englischen Volkscharakter, den man aus der Literatur meist nur in Vertretern des Bürgertums und des Adels kennenlernt, gibt das köstliche Buch von den Heldentaten der drei rauhen Krieger ein ungemein plastisches Bild. Den Humor fremder Völker auch nur annähernd begreiflich zu machen, ist ungeheuer schwierig. Wilhelm Lehmann hat sich damit zu helfen versucht, daß er seine Helden Hamburger Platt sprechen läßt. Aber die greulich zugerichtete Schreibweise erschwert das Lesen, ohne dem Verständnis des Milieus zu nützen. —e
— Knut Hamsun: E i n Gespenst. Un<b andere Erlebnisse. (Die Kleine Bücherei Nr. 42.) Albert Langen / Georg Müller, München, 1935. — (588) — Mit diesem Bändchen tritt der große Epiker als Meister der kleinen Erzählung vor den Leser. Aus jeder dieser fünf Geschichten leuchtet die unnachahmliche ursprüngliche Erzählerfreude, die Gabe, den unscheinbarsten Erlebnissen einen eigenen Reiz abzugewinnen und damit den Leser zu fesseln und in Spannung zu halten. Unheimlich hebt das Bändchen an mit dem Bericht eines Jugenderlebnisses „Das Gespenst". Mit wieviel Humor Hamsun dem Loben beizukommen weiß, zeigt be-
Alle und neu
— Cornelius Tacitus: Sämtliche Werke, mit 120 Kupfertiefdruckbildern. Preis 4,80 Mk. Phaidon-Verlag in Wien. — (620) — Cornelius Tacitus ist zweifellos der bedeutendste Geschichtsschreiber der Römer. Die slawischen Kaiser, Nerva, Trajan und Hadrian waren seine Zeitgenossen, unter denen er die Laufbahn des Staatsbeamten und Politikers bis zum Prätor und Konsul durchlief. Von seinen Werken ist in dem umfangreichen Band alles zusammengefaßt, was auf uns überkommen ist: der noch aus seiner Jugendzeit stammende Dialog über die Redner, in dem er die Ursachen des Verfalls der Beredsamkeit mit einer damals seltenen Tiefe aus den sozialen Verhältnissen ableitete, ferner die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters A g r i c o l a, der als Statthalter in Britannien dort die römische Herrschaft bis nach Schottland hinauf sicherte, werter die Germania, das kleine Schriftchen (30 Seiten von den 780 des vorliegenden Bandes), das uns Deutsche den Namen Tacitus so besonders teuer macht, weil es das erste literarische Zeugnis vom Leben unserer Vorfahren ist, schließlich die beiden großen Hauptwerke des Tacitus, die Historien, in der er die Geschichte seiner Zeit schreibt, und die Annalen, die die julisch-claudischen Kaiser vom Todes des Auaustus ab behandeln. Tacitus ist also eine der wichtigsten Quellen der frühen römischen Kaiserzeit. Die Prägnanz« des Stils, der ehrliche Wunsch nach Erforschung der Wahrheit machen gerade auch diese letzten großen Werke des Tacitus uns auch heute noch wertvoll. Die Neuausgabe verdient deshalb unseren Dank, besonders auch durch die Fülle der Wiedergaben zeitgenössischer Bildwerke, die erst die rechte Vorstellung der von Tacitus geschilderten ersten anderthalb Jahrhunderte nach Christus vermitteln. —e.
— Willy Andreas: Kämpfe um Volk und Reich. Aufsätze und Reden zur deutschen Geschichte des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. In Leinen geb. 6,80 Mk. Deutsche Ver- laasanstalt Stuttgart. — (541) — Der Heidelberger Historiker ist einer breiteren Oeffentlichkeit vor rund zehn Jahren bekannt geworden durch sein Buch ..Geist und Staat", einer Sammlung historischer Porträts, die er bezeichnenderweise Erich Marcks, dem Meister des historischen Essays gewidmet hatte. Im vergangenen Jahre erschien sein auch an dieser Stelle besprochenes Werk „Deutschland vor der Reformation", gleich bestrickend durch die Fülle des Geschauten und seine klare, sinnvolle Gliederung, wie durch die Schönheit der Sprache. Das jüngste Buch des Heidelberger Gelehrten kehrt insofern zur Form des Essays zurück, als es neben einer Reihe von Reden, die zumeist als Rektor oder Universitätslehrer aus aktuellen Anlässen gehalten wurden, aus dem Schaffen des letzten Jahrzehnts in Zeit-
wollte man auf den Inhalt der Anekdote näher eingehen, als es mit der Wiedergabe ihres ersten Satzes geschah. Doch möchten wir diesen Hinweis abschließen mit einem kurzen Nachwort Bindings, das für viele, namentlich jene, die 1914 im Westen selbst dabei waren, die Erzählung doppelt anziehend machen wird; es lautet: „Der Parlamentär für Reims und sein Trompeter waren der Hauptmann im Generalstab der Armee Achim von Arnim, jetzt Professor für Wehrverfassung an der Technischen Hochschule in Charlottenburg, und der kriegsfreiwillige Unteroffizier der Garde-Trainabteilung Carl Clewing, jetzt Professor der Stimmphysiologie an der Staatlichen Hochschule für Musik in Berlin. Sämtliche Namen der Erzählung sind verbürgt." —y—
i Literaturen.
sonders die „Vortragsreise", ein Kabinettstück ironischer Erzählweise. Behagliche Beschaulichkeit und bis ins kleinste gehende genaue Beobachtung sprechen aus den übrigen Erzählungen, von denen „Mein Skyßpferd" und nicht zuletzt „Eine ganz gewöhnliche Fliege mittlerer Größe" nie ihre Wirkung verfehlen werden. — Zwei dieser Erzählungen sind übrigens, wie man sich erinnern wird, vor einiger Zeit in den Familienblättern erschienen.
— Gunnar Gunnarsson: Im Zeichen Jörds. Roman. Einzige berechtigte Uebersetzung aus dem Dänischen von Helmut de B o o r. In Leinen 5,80 RM. Albert Langen / Georg Müller Verlag, München. — (577)— Der Roman berichtet von der Zeit vor 1000 Jahren, da auf Island zum ersten Male ein gemeinsames Thing des ganzen Landes zusammentrat, um dem Lande eine alle verpflichtende Rechtsordnung zu geben. Torsteinn Jngolfsson, der nach langen Mühen es erreichte, daß alle Isländer sich dem Thingspruch unterwarfen, spricht einmal von dem heimlichen Pakt, den er mit dem Boden dieses Landes habe: ihn zu befrieden! Denn die Erde will nicht Streit und Zwietracht, Mord und Verderben, die Erde will Fruchtbarkeit und Wachstum für alle, die ihr dienen, denen sie eine Heimat gibt. — Gerade heute, da unser kulturelles Leben im Zeichen der Rückbesinnung auf die germanische Vorzeit steht, hat es seinen eigenen Reiz, aus diesem Buch des Isländers zu erfahren, wie aus der primitiven Siedlung vertriebener Bauern ein Volk, ein Staat entsteht. — Stark und sicher stehen die Männer des Nordens vor uns, Bauern, Krieger, Händler. Wohl ist der Laoaboden ihrer neuen Heimat karg, wohl sind die Winter lang und nicht alle Jahre beschert der Herbst eine Ernte — aber sie lieben dies Land, das ihnen Heimat wurde, weil sie die Gefahr lieben und ihrer Kraft vertrauen!
— Gabriel Scott: Kristofer mit dem Zweig. Roman aus dem Norwegischen. Buchausstattung Edmund Schaefer, Charlottenburg. 236 Seiten. Wohlfeile Ausgabe. Carl Schünemann, Verlag, Bremen. —(512)— Die Geschichte des Hirten Kristofer ist arm an äußerem Geschehen. Wohl ereignet sich, was das Leben der Bauern und Hirten schwer und heiter macht, Schuld, Reue, Liebe, Haß, aber der Dichter läßt diese Dinge geschehen, ohne sie im leisesten zu Sensationen zu erheben. Sie sind ihm unwichtig, er will das Wachsen eines Menschen zeigen, der nach einer traurigen Kindheit das einfache und unnennbare Glück erfährt, als Kind der Natur, als Geschöpf unter Geschöpfen, als Hirte zu leben. Dieses Glück ist mit einer selten gehörten Schlichtheit erzählt.
e Geschichte.
schriften verstreut veröffentlichte Aufsätze ausgewählt hat und beide unter den beherrschenden Gesichtspunkt der werdenden Einheit von Volk und Reich zusammengestellt hat. Greifen wir als sicher skizzierte historische Porträts Carl August von Weimar, den russischen Diplomaten Peter von Meyendorff und den badischen Staatsmann Franz von Roggenbach heraus, nehmen wir die scharfe Charakteristik Kiderlen Wächters als interessanten und lehrreichen Einblick in die Außenpolitik der Wilhelminischen Aera, lassen wir die formvollendete, begeisternde Gedächtnisrede für den Freiherrn vom Stein oder die herzbewegenden Worte, die aus Anlaß der Rheinlandbefreiung im Heidelberger Schloßhof gesprochen wurden, auf uns wirken, und nehmen wir schließlich zwei weitere, schon vor Jahren gehaltene, aber ungemein gegenwartsnahe Reden des Verfassers über das heute so schmerzlich aktuelle Problem Oesterreich als große politische Aufgabe aus historischer Betrachtung erwachsend, so offenbart sich in diesem allen eine Vielfältigkeit der Anregungen, die dieses Buch auch für den Laien zu einer ungemein anziehenden Lektüre macht. —e.
— Albert von Hofmann: Das deutsche Land und die deutsche Geschichte, neue kurzaefaßte Ausgabe mit 54 Kartenskizzen. Preis in Leinen geb. 4,80 Mk. (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart.) — (561) — Die geopolitische Erkenntnis der engen Zusammenhänge von Macht und Erde auf den begrenzten deutschen Raum angewandt, könnte — so sollte man meinen — der Inhalt dieses Buches sein, aber der Verfasser faßt die Grundsätze seiner Methode einer geographischen Geschichtsbetrachtung enger. Aus der Bodenkunde, den Faltungen, Fluß- und Seenbildungen, Küstengliederungen liest er histqvische Schicksale und politische Zukunftsaufgaben av. Besonders aufmerksam werden auch in dieser kurzgefaßten Neuausgabe des bekannten dreibändigen Werks die Grenzen betrachtet und die Einfallandfchaften im Westen und Osten. Daß zuweilen die gewonnenen Erkenntnisse bodenkundlichen Schauens zu unmittelbar nebeneinandergestellt erscheinen, so daß die Mitarbeit des Lesers erschwert wird und durch eine erdrückende Fülle der geographischen Details das historische Gesamtbild gelegentlich beeinträchtigt wird, muß man wohl der ungeheuren Komprimierung des Stoffes zuschreiben. Wenn das Buch auch in seiner vom Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht angeregten Neufassung nach dem Vorwort des Verfassers in erster Linie für Lehrer bestimmt ist, so wird es auch für jeden politisch interessierten ßaien — und wer wäre das heute nicht? — eine ungemein anregende Lektüre sein, zumal sehr instruktive Kartenskizzen das Verständnis wesentlich fördern. —e
Politik und Wirtschaft.
— Ferdinand Friedensburg: Kohle und Eisen im Weltkrieg und in den Friedensschlüssen mit 13 Karten im Text. Verlag R. Oldenbourg in München. Preis in Leinen geb. 8,80 Mk. — (580) — Der Verfasser ist unter dem Pseudonym Ferdinand Fried als Herausgeber der Diederichsfchen Zeitschrift „Die Tat" in den Jahren der geistigen Vorbereitung des Umbruchs weiten Kreisen bekannt geworden. Viele Tausende werden mit seinem Buch „Das Ende des Kapitalismus" überhaupt zum erstenmal sich in ein wirtschaftspolitisches Problem vertieft haben. So haben seine Schriften und Aufsätze, mochten ihre Voraussagen auch nur bruchstückweise zutreffen und ihre Forderungen von der praktischen Wirtschaftsführung nur lückenhaft erfüllt werden, doch ganz wesentlich dazu beigetragen, unser Volk zu wirtschaftspolitischem Denken anzuregen. Sein neuestes Buch behandelt eines der interessantesten und wichtigsten Kapitel der modernen Wirtschaftsgeschichte.' Da ohne Kohle und Eisen die technische Entwicklung der letzten 150 Jahre, insbesondere die Herrschaft der Mascbinen undenkbar ist und die neuesten Forschungen der Chemie vor allem der Kohle noch ganz ungeahnte Wirkungsgebiete eröffnen, ist ohne weiteres klar, welche Bedeutung dem Besitz dieser beiden wirtschaftlichen Grundstoffe in der machtpolitischen Auseinandersetzung der Völker zukommt. Der Verfasser geht aus von der deutsch-englischen Konkurrenz auf dem Weltmarkt vor dem Kriege, dem wachsenden Kohlenbedarf der französischen Schwerindustrie und der vom Staat nur ungern gesehenen Verlagerung der deutschen erzverarbeitenden Wirtschaft vom Ruhrgebiet nach Lothringen-Saar. Der Marokkostreit gab einen Vorgeschmack für die Bedeutung von Erz und Kohle im deutsch- französischen Verhältnis. Die nächsten Kapitel geben dann Aufschluß über die auf den Kriegsschauplätzen vorhandenen Kohlen- und Erzläger und über den ungeheuren Bedarf der kriegführenden Nationen an den beiden wirtschaftlichen Grundstoffen. Wenn auch das besonders wichtige lothringisch-luxemburgische Eisenerzrevier in den strategischen Plänen der beiden Generalstäbe keine beherrschende Rolle gespielt zu haben scheint, so um so mehr in der Debatte über die Kriegsziele besonders natürlich in Deutschland, dessen Truppen ja schon im August 1914 bas Briey-Becken besetzt hatten. Wenn wir also Wert auf eine Ergänzung unseres Kohlenreichtums im Ruhrrevier durch die großen Erzvorkommen in Französisch-Lochringen legten, so war es Wunsch der Franzosen, ihrer Erzindustrie die mangelnde Kohlenbasis im Saargebiet zu verschaffen. Das und nicht etwa die Schädigung der nordfranzösischen Gruben war die Ursache des Saarstatuts, dessen Ende nun in wenigen Wochen bevorsteht. Diese Zusammenhänge werden von Friedensburg dankenswerterweise besonders ausführlich erörtert. Die Fülle des beigegebenen Karten- und Tabellenmaterials wie ein reichhaltiges Verzeichnis des Schrifttums macht das Buch Frie- densburgs besonders wertvoll. Es bedarf kaum an- gemerkt zu werden, daß die flüssige, lebendige, formvollendete Darstellung das Buch auch für jeden Laien zu einer ungemein fesselnden Lektüre macht.
—e.
Bücher mit Bildern
— Das deutsche F ü h r e r g es i ch t. 200 Bildnisse deutscher Kämpfer und Wegsucher aus zwei Jahrtausenden. Mit einer Einführung in den Geist ihrer Zeit von K. R. Ganzer. I. F. Lehmanns Verlag, München. Steifumschlag 3,20 Mk., Lwd. 4,20 Mark. — (600) — Das Gesicht der großen Menschen in unserem Volke ist gewiß nicht einheitlich. Und doch entsteht, wenn man die Bildnisse dieser Großen mit dem geistigen Auge in sich aufnimmt, ein einheitliches, das Gesicht des deutschen Führers. Sinnendes Forschen, grübelndes Denken, Ringen um ewige Wahrheit, schöpferische Gestaltung des Edlen und Schönen, Aufbau der staatlichen und völkischen Gemeinschaft, Kampf gegen Feinde draußen und drinnen, und über all dem die stürmische, oft revolutionäre Sehnsucht nach den fernen Zielen, unb vielerlei anderes gehören zu diesem Bildnis des deutschen Wesens. Es wird von der Art des Lesers abhängen, ob ihm die 200 Bildnisse mehr zu sagen haben oder die scharf geprägten und sorgsam gefeilten Sätze, die das geistige Bild sicher und gerecht abwägend umreißen. Das Buch soll jedem Deutschen Herz und Auge öffnen für die Größe seiner Führer, für ihre Leistung wie für die tiefe Tragik, die fast aller Leben durchwallete.
— Häusliches Leben. 24 Schattenbilder von Rudolf Koch. Mit einem Nachwort von Ernst Kellner. Insel-Bücherei Nr. 124. Gebunden 80 Pf. (Insel-Verlag Leipzig) — (438) — Der verewigte Offenbacher Meister, dessen kleines Blumenbüchlein in der Insel-Bücherei so unzählige Liebhaber gefunden hat, erzählt uns in diesen Schattenbildern von den Menschen seines Hauses und ihrem Leben am arbeitsreichen Alltag und bei fröhlichen Festen. Wir sehen die Kinder beim Spiel und über den Schularbeiten, begleiten die ganze Familie beim Spaziergang und grüßen auf manchem Bild den Meister selbst, dessen Kunst uns die Anmut eines Kinderkörpers ebenso vollkommen darbietet wie das feine Astwerk eines Birnbaumes. Und mit Wehmut betrachten wir das letzte Bild, das uns den verlassenen Arbeitsplatz Rudolf Kochs zeigt. Dom Leben des großen Künstlers und liebenswerten Menschen spricht im Nachwort ein jüngerer Freund und Schüler Kochs, und nicht besser als er kann man Sinn und Bedeutung des kleinen Büchleins bezeichnen: „Es gibt in immer gültig bleibender, anspruchsloser Form einen anschaulichen Einblick in eine Häuslichkeit, die für unser deutsches Familienleben kennzeichnend und von der ewigen Art ist, aus der so viele der größten und besten Männer unseres Volkes ihre Schaffenskraft geschöpft haben."
— „Das deutsche Lichtbild", Jahresschau 1935; 128 ganzseitige Bildtafeln, 80 Seiten Text, großes Albumformat, Einband graues Seidenleinen, Preis 15 RM., Bruno Schultz Verlag, Berlin- Grunewald. — (633) — Der neue Band bietet wieder eine ungemein vielseitige Uebersicht des gegenwärtigen Standes der Lichtbildkunst. Namentlich treten hervorragend schöne Aufnahmen aus Tier- und Pflanzenwelt mehr als in früheren Jahrgängen hervor. Das Bild eines Eichelhähers, Wild- gänfe im Flug, Blaumeisen norm Nest, erste Flugversuche junger Störche, Edelreiher im Scbilf, spie-


