Nr. 268 viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, (5. November'(934
Lunge deutsche Nation
Durch bie Stabie ...
Durch die Städte, durch die Dörfer geht's im gleichen Schritt und Tritt. Mächtig schallen unsre Trummen, und mein Kamerad singt mit: Fahnenträger, hoch die Fahne, koch die Fahne blutig rot.
Adolf Hitler haben wir geschworen ew'ge Treue bis zum Tod!
Alles schien mir schon verloren, rings verschlossen Tür und Tor. Du hört' ich der Trommel Rufen. Mahnend klang es mir ins Ohr: Fahnenträger, hoch die Fahne, koch die Fahne blutig rot. . Adolf Hitler haben wir geschworen ew'ge Treue bis zum Tod!
Sollte ich einst schwankend werden, rührt die Trommel, daß es schallt durch die weiten deutschen Lande und mir ins Gewissen hallt: Fahnenträger, hoch die Fahne, unsre Fahne blutig rot.
Adolf Hitler hast auch du geschworen, bleib ihm treu bis in den Tod!
Götz Leisenheimer.
Fahrtenbuch eines Jungen.
Von Helmut pleß.
Erster Tag.
Sonnenschein. Nach Möhnesen. Quartiermachen. Kakao. Ferkel ärgern. Klappe gehen.
Wir pennen. Naja, erste Nacht. Die Mäuse pie- peri und Haschen sich. Ich befürchtete, sie könnten unseren teuren Proviant beknabbern. Jensen und ich krochen um 1 Uhr aus dem Pennsack und wickelten unser ganzes Essen in eine Jungvolkjacke, die wir dann unter der Decke der Scheune befestigt haben. Die Leute waren sehr nett, sie berichteten: früher seien andere Gruppen in Quartier gewesen. Sie benahmen sich ganz fies! So etwas hält lange vor bei den Bauern. Hoffentlich haben wir ihre Meinung über die Jugend kuriert.
Zweiter Tag.
Morgenlauf und Freiübungen. Milch trinken. Lindt klagt über Halsschmerzen. Er meint aber, es geht noch. Bedanken für das Quartier. Abmarsch, furchtbar heiß. Durst! Buttermilch umsonst auf Gutshof Lemcken. Mit Lindt wird es schlimmer. Ich schleppe seinen Affen. — Chausseetippeln. Lindt kann überhaupt nicht mehr. Die Jungenschaft geht weiter. Wir warten. Ich muß ihn vorschicken. Mir ist allerdings etwas komisch zu Mute, ihn so allein nach Mölln zu schicken. Ein SS.-Mann nimmt ihn mit. Weiterklotzen. Mittag abkochen. Feuer will nicht an. Labskaus schmeckt prima. Alle satt. Abends. Es ist schon dunkel. Wir erreichen Mölln. Quartier ist nicht mehr zu machen. Einzige Möglichkeit: Jugendherberge. Als wir Tee kaufen, erzählt uns der Krämer, er hätte Lindt nach Hamburg geschickt. Mit Lieferantenauto. Sollte ich mich freuen oder ärgern?
In der Jugendherberge werden wir nicht ausgenommen. Ein Mann hält mir einen Vortrag. Die Jugendherbergen wären auch ein Verein und — wenn wir keinen Ausweis hätten, könne dieser Verein nicht bestehen usw. usw. Wir müssen in einer Gastwirtschaft pennen. Auf Stroh, 25 Pf. pro Mann. — Tee gekocht. Es regnet. Pennen gehen. Vorlesen.
Dritter Tag.
Wir haben Mölln satt. Bloß raus. Wir gehen den Elb-Trave-Kanal entlang. Links liegt fabelhaftes Gelände. Wir bleiben? Zelt bauen. Behelfszeltgerät. Funktioniert fabelhaft. Kochen. Feuer will wieder nicht brennen. Wir verschwenden eine Schachtel Streichhölzer. Mit dem allerletzten Streichholz brennt das Feuer. Ah — Grieß mit Kirschen. Sauber. Nicht mal angebrannt. Es beginnt zu regnen. Wir wollen weiter. Zeltbahnen sind naß. Lassen sich nicht rollen. Wir packen Pennsäcke und Bohnen in zwei Zeltbahnen. Sieht aus wie ein Leidenszug. Quartier in Dorf Gammer. Wir wer
den verpflegt mit selbstgebackenem Schwarzbrot. Drei Schnitten — satt. Wir sitzen am Abend in der guten Stube. Der Bauer interessiert sich für unsere Jungvolkarbeit und fragt nach allem. Er zeigt uns, wie man Erdmassen berechnet.
Wir pennen wie 70. Haben schon wüst viel Geld gespart. Wir wollen uns davon Zeltgerät kaufen. Wir wollen mit einem Kahn zurück. Hoffentlich gelingt es. Erst mal wird die Uniform in Ordnung gebracht. Wir haben schon 92 Pf. pro Mann pro Tag über. „Ick segg jo: Wi goht bald in een Resto- rang", meint Jensen.
Wir wollen gleich aufbrechen.
Wir schaffen uns ein Heim ...
Laut jubelten wir auf, als wir den Schlüssel zu dem kleinen Saal in der Hand hielten. Der Raum war leer und kalt, und der riesige Ofen in der Mitte schien noch mehr Kälte auszuhauchen. Aber wir stellten uns vor, wie schön und gemütlich es hier bald sein würde auf unserem BDM.-Heim- abend. Und dann liefen wir trotz des schlechten Wetters von Haus zu Haus, baten und bettelten, ließen uns Sachen versprechen und aufheben und
Im Gegensatz zu SA., Arbeitsdienst usw. tragen die Angehörigen der Hitlerjugend Formationsund Dienstrangabzeichen in erster Linie auf den Achselklappen, deren Aufschrift die genaue Feststellung der Dienststelle des Trägers ermöglicht. Die unterste abzulesende Formation ist die Gefolgschaft (die Ziffer auf den Achselklappen-Knöpfen), es folgt der Unterbann (die römische Ziffer) und der Bann (arabische Ziffer). Aus den Besatzstreifen von Mütze und Achselklappe geht die Nummer des betreffenden Oberbanns hervor (rot: Oberbann 1, gelb: 2, grün: 3, blau: 4, schwarz: 5, weiß: 6). Beim Jungvolk, das keine Achselklappen trägt, bilden diese Farben den Untergrund der Armscheiben. Die Obergebiets- und Gebietszugehörigkeit zeigt das schwarze Armdreieck, das bei der alten Garde der HI. (Eintritt von dem 30. Januar 1933) mit einem goldenen Streifen versehen ist.
Zu diesen Formationsabzeichen treten die Dienstgrababzeichen, die in der HI. außer dem Schulterklappenbesatz auch durch Führerschnüre gekennzeichnet sind. Es tragen:
1. KameraLschaftsführer (Einheit bis zu 15 Jungen):
1 Stern, rotweiße Schnur;
2. Scharführer (Einheit bis zu 50 Jungen):
2 Sterne, grüne Schnur;
waren überglücklich, als wir abends todmüde vom „Schnorren" im Bett lagen.
Das war an einem Samstag. Montags zogen wir dann mit einem Rollwagen durch die Stadt. Manche Leute machten sich über uns lustig; aber wir ließen sie ruhig lachen. Wir luden hier ein paar Stühle auf, dort Bänke und Tische, verstauten Sessel und Kissen, schleppten Feuerung ab oder nahmen Stoffe in Empfang.
Mit lachenden Gesichtern zogen wir ein Wägelchen nach dem anderen zum Heim, zu „unserem Heim", wir wir nicht ohne gewissen Stolz schon sagen konnten.
Bei den schweren Möbeln, die wir Mädel nicht tragen konnten, halfen uns Jungen der HI. Während wir dann schrubbten und bürsteten und putzten, verschalte ein Hitlerjunge das große Loch in der Wand; ein anderer brachte den Ofen in Ordnung. Und so schafften wir den ganzen Tag. Mit jedem neuen Stück Möbel kam neue Arbeit und neue Freude. Das Heim gewann Gestalt; zweckmäßig und doch gemütlich mutete das Innere an.
Nach einer Woche war es endlich so weit: Wir konnten unser Heim einweihen. Langsam stieg die Flagge am Mast empor. Fest und froh klang unser Lied auf. Gertrud D e u p e r t.
3. Gefolgschaftsführer (Einheit bis zu 150 Jungen): 3 Sterne, grünweiße Schnur;
4. Unterbannführer (Einheit bis zu 600 Jungen): 4 Sterne, weiße Schnur;
5. Bannführer (Einheit bis zu 3000 Jungen): rote Schnur, 1 Eichenblatt weiß unterlegt und weißes Mützenband, im Stab karminrot unterlegt, karminrotes Band;
6. Oberbannführer (Einheit bis zu 15 000 Jungen): rotschwarze Schnur, 2 Eichenblätter gelb unterlegt, gelbes Mützenband, im Stab wie Bannführer;
7. Gebietsführer (Einheit bis zu fünf Oberbanne): schwarze Schnur, 3 Eichenblätter dunkelrot unterlegt, dunkelrotes Mützenband;
8. Obergebietsführer 3 Eichenblätter, 1 Stern, schwarz-silberne Schnur, hellrot unterlegt, hellrotes Mützenband;
9. Führer des Stabes der Reichsjugendführung:
3 Eichenblätter, 2 Sterne, schwarz-goldene Schnur, hellrot unterlegt, hellrotes Mützenband.
Die Stabsmitglieder tragen auf den Achselklappen ein rotes G (Gebietsstab) ober RJF (Stab der Reichsjugendführung).
Noch einmal...
Noch einmal ziehen wir singend durch gilbende Fluren hin. Der Sommer ging, doch er bleibet uns lang noch in Herz und Sinn. Noch einmal steigen die Wochen des Julmondes vor uns auf. Wir lebten braus in ben Zelten in sorglosen Tages Lauf.
Unb roieber wollen wir banken, baß uns ein gütig Geschick bie Zeiten gab unb bas Leben in neuem Jungenglück.
W. Pornrnerening.
Die Windmühle.
Von Werner Genschke.
Einsam auf ber Höhe steht bie Winbmühle. Ihr schwarzes Bretterhaus hebt sich scharf vom grauen Himmel ab, über ben ber Herbstwinb schweres Gewölk schiebt. Die Mühle scheint lebenbig zu sein. Ihre mächtigen Flügelarme rubern mit wuchtigem Schwung burch bie Luft. Rastlos bewegen sie sich. Drinnen in ber Mühle zermahlt ber Stein ben Roggen unb ben Weizen, auf baß sie zu Mehl unb Brot werben — für bas Volk.
*
Es war vor bem Kriege. Droben an ber Mühle spielten bie Kinber. An ihrem Fuße lagen sie, wenn sie vom Umhertollen mübe waren. Aßen ihr Vesperbrot, bas ihnen bie Mutter gab — gut unb reichlich. Manchmal reichten sie bas Brot bem Hunbe hin — aber nicht, weil er an ihrem Brote teilhaben sollte, fonbern weil sie es nicht mehr mochten. Ober sie warfen es weg. „Wartet! Die gute Gottesgabe!" rief ihnen einmal eine alte Frau zu, bie mit einer schweren Bürbe Reiser gebückt über ben Felbweg stapfte. Die Kinber lachten bie Alte aus ... Ueber ihnen brehten sich bie mächtigen Flügelarme ber Winbmühle unb mahlten Roggen unb Weizen, bas tägliche Brot ber Menschen ...
*
Kriegsjahr 1917. Die Mühle ftanb still. Die Bauern mußten ihr (Betreibe abliefern. Der Müller hatte längst bie wenigen Körner, bie ihm zum Mahlen anvertraut würben, ausgemahlen. Um bie einsame Mühle heulte ber Herbstwinb. Er rüttelte an ben Flügelarmen, bie wie leblos in ben grauen Himmel ragten ... Die Menschen in ber Stabt hatten nichts zu essen. Die Kinber hungerten. Wei- nenb baten sie bie Mutter um Brot. Aber bie hatte keins. Nicht ein winziges Stückchen Brot hatte sie im Hause. Auch bie Brotmarken waren altew Der Krieg war bitter. Aber man mußte burchhalten. Der kleine Bub kam meinenb zur Mutter unb bettelte: „Mutter, gibt mir ein Stückchen Brot, bloß ein winzig kleines Stückchen! Ich habe solchen Hunger!" Da sagte bie Mutter tobernst: „Du wirst nie ein guter Solbat werben!" Der Bub ging aus ber Stube unb biß trotzig bie Zähne zusammen. Er wollte ein guter Solbat werben ...
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Droben auf ber Höhe schwingen bie Flügelarms ber Winbmühle. Zu ihrem Fuß liegt Jungvolk. Die Jungen find auf Herbstfahrt. Gerabe wollen sie Vesper halten. Sie werfen ihre Brote auf einem Haufen zusammen. Einer, ber ein befonbers leckeres Brot haben mag, tut bas anscheinenb nicht gern. Da sieht ihn ber Jungenschaftsführer nur vorwurfsvoll an. Die Jungen langen zu. Sie stürzen nicht wie eine roilbe ^Dleute über bie Brote, bamit jeber bas beste Stück erwische. Sie langen bebächtig zu. Was gerabe vor jebem liegt. Der Junge mit bem leckeren BrDt langt nach einer Margarinestulle. Als er bie Stulle nimmt, kriegt er einen roten Kopf, weil er sich über vorhin schämt. Dann beißen bis Jungen in bie Brote unb schauen auf bie Winb- mühlenarme, bie mächtig burch bie Luft rubern .. 4
Die Fvrmatwns- und Rangabzeichen der Hl
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Die Schlacht
auf Peter Lammers Feld.
Von Kurt Werner.
Feindlich standen sie sich eigentlich schon lange gegenüber, die Jungens von der Hardenbergstratze unb bie Jungens von ber Nettelbeckstraße. Aber jetzt war enbgültig ber Krieg bis zur Entscheibung erklärt worben.
In ber alten Gartenbube auf bem Acker von „Peter Lammers" saßen ungefähr fünfzehn Jungen auf ben Kartoffelkisten. Die Bube war voll, es paßte wirklich keiner mehr hinein. Alles schrie aufgeregt burcheinander, und man konnte kein Wort verstehen, bis Eberhard, ein großer, kräftiger Bursche, auf den Tisch stieg: „Nun hört doch endlick einmal auf mit eurem Gequatsche, laßt mich doch mal erzählen!"
Eberhard war bestimmt ber Stärkste von ben Jungen, bie in ber Hardenbergstraße wohnten; deshalb war er auch Anführer. Nun war endlich Ruhe in ber bretfigen, verstaubten Bube, unb Eberharb konnte anfangen: „Also, bas bürfen wir uns auf keinen Fall gefallen lassen! Ich ging gestern nachmittag burch bie Nettelbeckstraße, unb ba traf ich Max Drümmer. Ihr wißt boch, wen ich meine, bas ist ber bärnliche Affe, ber in ber Nettelbeckstraße das große Wort führt. Na, der guckte mich so höhnisch lächelnd an, daß ich in Wut kam und zu ihm sagte: .Grins' nicht so, du 3biot!‘ ,Und du, was bist du', antwortete er, ,ein ganz feiger Hund. Ihr von der Hardenbergstraße seid überhaupt Schlappschwänze. Kommt doch einmal her, wir werden euch schon die Jacke oollhauenll Da wir uns nicht als Schlappschwänze bezeichnen lassen können, habe ich ihm gesagt, daß wir alle morgen um 16 Uhr auf ,Peter Lammers Feld< sein werden, er will mit seiner Schar auch kommen, unb bann werben wir ja sehen, wer schlapper ist."
Weiter konnte Eberharb nicht erzählen; benn jetzt war roieber ein fürchterlicher Lärm, alle schrien sie burcheinanber: „Das gibfs ja gar nicht! Die hauen wir morgen zu Hackfleisch! Denen wollen wir schon zeigen, was 'm Harke tftF Und dann
würbe Kriegsrat gehalten. Peter Möge! kam mit einer ganz großen Jbee: „Mensch, wir nehmen einen Blockwagen voll Grünkohlstrunken mit, was meint ihr, wenn einer so'n Ding an ben Kopf kriegt, bas gibt bestimmt ’ne Beule!" Otto Peschke freut sich: „Den Blockwagen nehmen wir aus unserem Keller, unb Franz Rauch muß ben Wagen ziehen." Dabei zeigt er auf einen kleinen Dreikäsehoch. Der ftanb bisher ganz still in eine Ecke gequetscht unb staunte bie „Großen" an. Jetzt fängt er aber mächtig an zu schreien: „Wir wollen sie schon kriegen!" „Wißt ihr was", sagt Eberhard, „wir gehen jetzt los und suchen uns soviel Latten wie möglich. Die bringen wir in die Einfahrt von Peter Mogels Haus. Da ist für bie nächste Zeit unser Hauptquartier unb bie Verbanbsstation. Aber baß ihr morgen um halb 16 Uhr alle ba seib. Wir treffen uns in ber Einfahrt."
Am nächsten Tag ist schon um 15 Uhr Hochbetrieb in Peter Mogels Einfahrt. Alle finb sie schon ba. Gerabe ist Eberharb dabei, die Latten zu sortieren. Ihr Bedarf ist vollauf gedeckt, es ist auch ein ganzes Sammelsurium von Mordwerkzeugen zusammenbesorgt worden. Am Blockwagen steht der kleine Franz. Er schichtet gerade fein säuberlich die Grünkohlstrunken auf, von denen ein großer Berg in der Ecke liegt. Fast kann der Wagen die Strunken gar nicht fassen. „Ihr beiden bleibt hier als Wache und Sanitäter", teilt Eberhard zwei Jungen ab, „und ihr sucht euch jetzt gute Latten aus, und dann gehen wir. Aber, daß ihr dazwischenhaut! Die andern dürfen gar nicht zur Besinnung kommen. Also, auf in den Kampf!"
Auf „Lammers Feld" ist noch niemand zu sehen. Während die „Großen" sich nun in der Bude gegenseitig zeigen, wie sie dazwischenschlagen wollen, sitzt der kleine Franz auf feinen Kohlstvunken und äugt scharf zur Nettelbeckstraße hinüber. Man sieht ihm ordentlich an, wie stolz er ist, daß er mitmachen darf. Es ist das erstemal, daß die „Großen" ihn mitnehmen. Bisher hatten sie immer gesagt: „Du kannst noch nicht mit, du bist noch zu klein . Heute wollte er ihnen schon zeigen, was er kann, das hatte er sich vorqenommen.
Plötzlich hört er lautes Reden, ba kommen bie „Netteibecker". Donnerwetter, ist bas eine Menge! Er springt auf unb schreit in bis Subei »Sie kom
men! Au, Eberharb, wir müssen aber ran. Das sinb noch mal so viele wie wir, unb Satten haben bie--!"
Kaum hat er bas gesagt, ba springen sie schon mit Gebrüll aus ber Bube unb gehen ben Nettel- berfern entgegen. Die bleiben stehen. Nur Max Drümmer geht langsam weiter unb kommt bem Eberharb entgegen; jetzt fangen sie an, sich zu beschimpfen. „Mich rounbert bloß, baß ihr gekommen seib", sagt Eberharb. „Na, Mensch, ist bas eure ganze Garbe", lacht Max Drümmer, „sortiert man schon eure Knochen." „Was steht ihr eigentlich so herum? Ich benk', wir wollen uns hauen. Ihr habt uns boch Ijerausgeforbert. — Harbenberg. ranr
Das ist ein Gebrülle! Die Harbenberger greifen auf ber ganzen Linie an. Holz splittert unb kracht. Man hört Gekeuche, unterbrückte Rufe wie: „Du Schurke!" „Verflucht!" „Gib ihm Saures." Die Netteibecker haben nicht mit biefem plötzlichen Angriff gerechnet. Schon kommt bie Front ins Wanken. Aber Max Drümmer feuert feine Leute roieber an, unb mit neuer Wut hauen bie Nettelbecker wie bie Teufel bazwischen. Die Harbenberger haben große Not, ihren Platz zu behaupten. Da, in ber allergrößten Not kommt bie „schwere Artillerie" herangeprescht, unb ein Hagel von wohlgezielten Kohlstrunken fliegt ben Nettelbeckern an bie Köpfe.
Aber bie, nicht faul, zahlen mit ber gleichen Münze. Unter mordsmäßigem Geschrei schwirren die Grünkohlstrunken kreuz und quer durch die Luft. Die Schlacht ist in vollstem (Bange. Da, plötzlich, übertönt ein tiefer Baß das Schlachtgetöse: „Verdreihte Jungs, matt matt ji all wedder hier op minen Acker", aufgeregt fuchtelt der „dicke Lammers" mit feinem Handstock durch die Luft. Jetzt scheinen ihm die Augen aus dem Kopf zu quellen. „Min — min scheunen Greunkohl! Jetzt is aber ut; ick war ju schon kriegen", und keuchend stampft der „Dicke" hinter den Jungens her. Aber die sind schon spurlos von ber Bilbfläche ver- ^Dei)1 unb leer liegt bas Schlachtfelb ba. Der „dicke Lammers" steht wie ein Stanbbilb aus Erz, unb als er bie Nutzlosigkeit feines Unternehmens einfieht, zieht er fchimpfenb unb murmelnd ab.
Dis Nettelbecker behaupten jetzt aber, wenn der
dicke Lammers nicht gekommen wäre, hätten bie Harbenberger eine Wucht bekommen. Unb bie Harbenberger wollen morgen weiterhauen.
Noch acht Kilometer.
Schon eine Stunbe marschieren wir, unb der Affe, der heute 25 Pfund wiegt, scheint schwerer unb schwerer zu werben. Die ersten 2 Kilometer ging alles gut, burch bie Stabt fangen wir luftig unsere Lieber, auch noch außerhalb ber Stabt sangen wir ober erzählten uns etwas. Aber bann fing es an. Bei jebem Schritt, ben ich tat, schlug ber Affe gegen ben Karabinerhaken bes Schulterriemens. Ich hielt meine linke Hanb bazwischen. Das half.
Ein Kilometerstein nach bem anberen tauchte neben uns auf unb verfchwanb, noch 8 Kilometer, bann finb wir am Ziel, 17 Kilometer haben wir hinter uns. Der Affe brückt immer noch gleichmäßig ben Karabinerhaken in ben Rücken, aber bie Hanb halte ich nicht mehr bazwischen, ich bin bieses Drücken gewohnt geworben. Aber etwas anberes stört mich, ber Stiefel brückt unb bie Tragriemen bes Affen reiben. Ob es meinen Kameraben ebenso geht? Sie schreiten genau so stumpfsinnig wie ich, sie schauen genau so wie ich auf bie Hacken ihres Vorbermannes, aber ich frage sie nicht, benn ich will mich nicht auslachen lassen. Unb auf einmal kommt mir ber (Bebanfe, warum läufst bu heute am Samstag hier mit, warum gehst bu nicht mit ben anberen Kameraben, bie heute keinen Dienst haben, ins Kino? Ist bieser Marsch nicht Unsinn? — Ich muß an ben Führer benfen. Er hat burch» gehalten unb hat sich nicht unterkriegen lassen:
Unb barum verbeiße ich ben Schmerz am Fuß unb an ber Schulter, nicht unterliegen lassen! Durchhalten!
Links unb rechts stehen schon vereinzelt Häuser, in zehn Minuten finb wir am Ziel. Im Gleichschritt marschieren wir, ben Kopf nicht mehr nach unten hängenb, fonbern hochgerichtet. Wir lassen keinen etwas merken, baß ber Stiefel brückt ober bie Tragriemen reiben; wie beim Ausmarsch fingen nur unsere Lieber, zackig geht's burch bie Stabt, bem Ziele zu, wir haben es alle geschafft, unb wir sind stol- daraujt W. j, ,


