Einzelbild herunterladen

Nr. 268 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheßen)

Sie Medizinische LlmverWs-poliklinik.

An der Ecke Frankfurter Straße - Klinikstraße lenkt zur Zeit ein Umbau die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Es handelt sich um die Um­gestaltung des alten Gebäudes der früheren städti­schen Waage zur Unterbringung der M e d i z i n i - s ch e n U n i v e r s i t ä t s ° Poliklinik, die zur Zeit in der Medizinischen Klinik ein räumlich sehr unzulängliches Dasein führt. Die Schaffung dieser neuen Heimstätte der Poliklinik gibt uns Veran­lagung, auf die Bedeutung dieses Instituts für die Erhaltung der Volksgesundheit in unserer Heimat aufmerksam zu machen.

Die großen methodischen Fortschritte in der Me­dizinisch-internistischen Wissenschaft bringen es mit sich, daß die überwiegende Mehrzahl verborgener oder unklarer Krankheitszustände, die in früheren Zeiten nur durch längere stationäre Beobachtung und selbst hier nicht immer eindeutig aufgeklärt werden konnten, heutzutage zum Beisviel durch das Röntgenverfahren, oder andere technische Methoden physikalischer oder chemischer Art sofort oder ohne großen Zeitaufwand nachgewiesen werden können. So ist es selbstverständlich, daß seit dieser Zeit der Aufgabenkreis der Poliklinik sich sehr stark er­weiterte. Während in früheren Jahren nur die Un­bemittelten die Poliklinik aufsuchten, rekrutiert sich heute die große Masse der poliklinischen Besucher aus Kranken, die entweder vom behandelnden Arzt überwiesen sind, oder von selbst kommen, um mit Hilfe der modernen Untersuchungsverfahren, deren Durchführung meist dem praktischen Arzt unmöglich ist, möglichst rasch und ohne großen Kostenaufwand über ihre Krankheit Klarheit zu bekommen. Rur dann ist der Hausarzt in der Lage, mit genügen­der Sicherheit die entsprechende Behandlung durch­zuführen. Außerdem werden der Poliklinik auch die gehfähigen, stationären und ambulanten Patienten der übrigen Universitäts-Kliniken anvertraut, so­bald sie bei Komplikationen mit inneren Erkran­kungen der fachmännischen Beratung auf internem Gebiet bedürfen

Eine weitere große Aufgabe ist der Poliklinik durch die moderne soziale Gesundheitsfürsorge ge­stellt Sie hat vor allem die regelmäßige lieber» wachung und Untersuchung der lungenkranken Volksgenossen, die in der Poliklinik ihre ständige Beratungsstelle haben, übernommen, und darüber hinaus die Sanierung der durch die Kranken ge­fährdeten Umgebung. Die verstärkte Ueberwachung auf dem Gebiete der Tuberkulose-Bekämpfung hat es notwendig gemacht, in gewissen Zeitabständen Reihenuntersuchungen mit Hilfe des Röntgenver­fahrens bei bestimmten Formationen durchzuführen, so z. B bei den Studenten, deren Gesundheitsüber­wachung ganz und gar der Poliklinik in Zusam­menarbeit mit dem Institut für Körperkultur ob­liegt, bei dem Militär und bei sämtlichen Mit­arbeitern der Kliniksbetriebe Daneben hat die Poliklinik vor der Einstellung von Personal bei bestimmten staatlichen Betrieben und bet sonstigen Znilügen des öffentlichen Dienstes die erforderlichen Gestindbeitsuntersuchungen zu machen Richt uner­wähnt sei ferner, daß die Beziehungen der Medi­zinischen Universitäts-Poliklinik zu den verschieden­sten amtlichen, staatlichen und kommunalen Stellen, Versorgungsämtern Landesversicherungsanstalten, Wohlfahrtsämtern Kreisgesundheitsämtern, Ver­trauensärzten der Kassen usw sehr rege sind, und daß Entscheidungen vielfach nicht ohne die Poli­klinik getroffen werden wenn es sich z. B um differente ärztliche Ansichten hinsichtlich der Arbeits­fähigkeit von Patienten handelt, ober um Mei­nungsverschiedenheiten wegen der Erwerbsbeschrän­kung innerhalb von Rentenverfahren, oder um zu prüfende Beschwerden bei Arbeitslosen die zu Pflichtarbeiten herangezogen werden sollen Reue

große Aufgaben haben sich angebahnt durch Aus­dehnung der Fürsorge auf die Zuckerkranken durch Einrichtung einer Diabetikerfürsorgestelle, wie sie bisher erst an wenigen deutschen Universitäten be­steht. Aufgabe dieser Sprechstunde soll es sein, einerseits dem praktischen Arzt mit klinischen Unter­suchungsmethoden bei der Beurteilung seiner Zucker-Rationen unterstützend zur Seite zu stehen, andererseits die Patienten in allen sozialen Fragen zu beraten und nötigenfalls den bestehenden Wohl­fahrtseinrichtungen zur Unterstützung zu melden. Auch eine regelmäßigere Kontrolle der Herzkranken und nicht zuletzt eine weitere Förderung der Früh­diagnose der Krebskrankheit, namentlich des Magens, durch rechtzeitige spezialärztliche Untersuchung sind wichtige Spezialaufgaben der Medizinischen Poli­klinik

Bei diesen sehr weitreichenden Aufgaben ist es kein Wunder, daß alltäglich in den Dienststunden

40, 50 ja auch 60 Patienten erscheinen, um die Hilfe des Institutes in irgendeiner Form in An­spruch zu nehmen Unter vollstem Einsatz aller Kräfte der Jnstitutsärzte, der Schwestern und der technischen Assistentinnen bemüht man sich mit gan­zer Hingabe, den gesteigerten Erfordernissen, die selbstverständlich vermehrten Raum und Zeit bean­spruchen, gerecht zu werden Leider macht sich dabei immer wieder und je länger je mehr da die In­anspruchnahme des Institutes gewaltig angewachsen ist die Unzulänglichkeit der gegenwärtigen Räume in der Medizinischen Klinik als großes Hemmnis bemerkbar In dieser Hinsicht ist beson­ders die röntgenologische Abteilung als vollkommen unzureichend anzusehen Die Medizinische Poliklinik verfügte z. B bisher über keinen Raum, in dem es ihr möglich ist, modernes Röntgengerät aufzu­stellen. Wenn sie trotz dieser Unzulänglichkeiten den röntgenologischen Anforderungen bisher im großen und ganzen gerecht wurde, so nur deswegen, weil sie die Einrichtungen der Medizinischen Klinik bis zum äußersten Maße des Erträglichen ausnutzte. Auch die eigentlichen Untersuchungsräume sind den heutigen vielseitigen Beanspruchungen in keiner

Weise mehr gewachsen, was nicht Wunder nimmt, wenn man bedenkt, daß es sich um genau die glei­chen Räume handelt, die bereits vor über 40 Jah­ren für diese Zwecke vorgesehen waren. Jeder, der die Poliklinik in den letzten Jahren besuchte, wird diesen Raummangel ohne weiteres bestätigen. Diese Notlage kann aber unmöglich ein Dauerzustand fein, wenn nicht dem Gesamtbetrieb schwerste Nach­teile entstehen sollen.

Von dieser Sachlage muß man ausgehen bei der Betrachtung der neuen Heimstätte der Poli­klinik an der Ecke Frankfurter Straße und Klinik­straße, und es muß dankbar anerkannt werden, daß die hessische Regierung verständnisvoll bereit ist, dieser Notlage abzuhelfen Da die augenblicklich zur Verfügung stehenden Mittel nicht ausreichen, um alle Anforderungen der Poliklinik sofort zu er­füllen, so soll in einem ersten Bauabschnitt der rein ärztliche Betrieb der Poliklinik untergebracht wer­den, und in einem hoffentlich sehr bald folgenden Anbau die Räume, die für Unterricht, Lehre und Forschung dienen. Das neue Heim enthält im Erd­geschoß die Aufnahme- und Wartezimmer, da­

neben im rechten Flügel die röntgenologische Abtei­lung. Im Obergeschoß werden das Direktor­zimmer, sämtliche Untersuchungsräume und das Laboratorium eingerichtet. Das Dachgeschoß birgt die Unterkunftsräume für Aerzte und Schwe­stern, ferner das Bibliothekzimmer und einen Schreibraum Im Keller werden ein Raum für Stoffwechsel- und elektrokarthographische Unter­suchungen, ein Ruhezimmer und Räume für Appa­rate, Heizungsanlage und zur Aufbewahrung der Akten eingerichtet Leider konnte, wie bereits er­wähnt, im Augenblick noch nicht allen Anforde­rungen eines neuzeitlichen Universitäts - Institutes Rechnung getragen werden

Die Umbauarbeiten werden vom hiesigen Hessischen Hochbauamt ausgeführt, das diese nicht leichte Frage in sehr geschickter Weise löste.

In dem Ergänzungsbau der neuen Medizinischen Poliklinik, der als zweite Etappe geplant ist, wird ein Hörsaal vorgesehen sein, ferner die Vergröße­rung des jetzigen Laboratoriums, das in der heu­tigen Form für spezielle Forschungen keinen Raum bietet, nicht zuletzt aber eine Reihe von Unter­suchungsräumen, die vor allem dem jungen Medi-

i- M

Das neue Heim der Poliklinik im Umbau.

VonSchumaimzuRichar-Strauß Zum bevorstehenden I. Symphonie-Konzert des Gießener Konzertvereins.

Schon aus dem Jahre 1832 wird berichtet, daß der damals 22jährige Robert Schumann sich mit symphonischen Plänen trägt. Eine Symphonie in Q-Moll entsteht; Teile davon werden auch auf­geführt; aber dennoch legt der junge Stürmer die Partitur zur Seite; noch fühlt er sich nicht reif genug zur restlosen Ausnutzung der orchestralen Ausdrucksmittel; er selber schreibt über das Werden der O-Moll-Symphonie:Freilich nehme ich in der Instrumentation des ersten Satzes oft gelb für blau, halte aber auch diese Kunst für jo schwierig, daß nur ein Studium Sicherheit der Beherrschung bringen mag." Dieses ehrliche und offene Ein­geständnis der Unzulänglichkeit des eigenen Kön­nens hat suggestiv das Urteil über feine späteren symphonischen Werke beeinflußt.

Das unter schweren Kämpfen gewonnene Glück der Ehe mit Clara beschwingt die Schaffenskraft. Roberts.Die Zeit, da sie nichts von mir gehört, ist in Glück und Arbeit zerflossen", so heißt es 1841 in einem Briefe. Dieses Jahr wurde ihm das Ein­gangstor zur Symphonie. Innerhalb weniger Wochen entsteht die Frühlingssymphonie (ö-Dur), die schon im März 1841 unter Mendelssohns Lei­tung erfolgreich ausgenommen wurde. Seine frühere Aeußerung:Das Klavier möcht ich oft zerdrücken, und es wird mir zu eng zu meinen Gedanken", läßt ermessen, wie sehr ihn jetzt der Drang zum Sym­phonischen erfaßt hat. Schon im Juni desselben Jahres beginnt er die O-Moll-Symphonie, und am 13. September kann er Clara zu ihrem Geburtstage mit der fertigen Partitur überraschen. Obwohl auch dieses Werk noch im Dezember 1841 in Leipzig zu Gehör gebracht wurde, ließ Schumann die Partitur bis zum Jahre 1851 unbenutzt. Dann aber retuschierte er unter Beibehaltung der bis­herigen Streicherstimmen den Anteil der Bläser; in der Romanze schaltete er die in der früheren Fas­sung vorgesehene Gitarre aus. In dieser Form wurde die O-Moll-Symphonie zunächst im Düssel­dorfer Abonnementskonzert am 30. Dezember 1852 gehört und im Mai des folgenden Jahres auf dem Niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf unter Lei­tung des Komponisten.

Die ursprünglich zweite Symphonie Schumanns wurde so durch die spätere Ueberarbeitung zur Vierten. Schumann wollte dieses Werk zunächst als Symphonische Phantasie" bezeichnen ließ aber später den Plan fallen. Der beabsichtigte Titel iroäre aber durchaus angemessen gewesen, da Schu­lmann gerade in diesem Opus eine ganz persönliche ssymphonifche Formung bekundet.

Um zu Schumanns Durchbildung der symphoni- sichen Form Stellung zu nehmen, kann man nicht

den Maßstab der Beethovenschen Symphonie an­legen, die in streng disziplinierter, logischer, thema­tischer Durchdringung heranreifte, jonbern man muß Schumann als Romantiker würdigen, der sich dem Augenblick der Inspiration hingibt und seine Form aus dem klanglichen Erleben heraus entstehen läßt. Wenn wir also bei ihm die architektonische Straffung der Klassik vermissen, so darf man nie­mals ein Werturteil daraus ableiten, sondern man muß einem anders gearteten Prozeß des musikali­schen Erlebens in neuer persönlicher Auswertung Rechnung tragen. Während die thematische Arbeit der Klassiker das motivische Material zu festge­fügter Architektonik wölbt, zumal in den Durch- jührungssätzen, so kann man bei Schumann mehr die stimmungsgemäße Gegenüberstellung geschlosse­ner musikalischer Perioden und Komplexe erkennen.

Dadurch daß Schumann die Sätze der O-Moll- Symphonie pausenlos auf einander folgen läßt und andrerseits Thematisches des ersten Satzes sowohl in der Romanze wie auch im Finale anklingen läßt, erlangt er eine im tonlichen Material fun­dierte Geschlossenheit des Werkes. So gewinnt bei­spielsweise das Achtel-Motiv der gebärenden Ein­leitung neue Bedeutung in der Romanze; das stür­mende Kopfthema des ersten Allegro leitet nach der Scherzo-Reprise hinüber zum Finale, das wie­derum in seiner rhythmischen Betonung der Durch­führung des ersten Satzes nahefteht. Eine persön­liche Abwandlung erfährt der erste Satz insofern, als sich erst in der Durchführung das Seitenthema Zeigt

Diesem Werk der Hochromantik steht m Webers Ouvertüre zumBeherrscher der G e i st e r" ein Werk jugendwacher deutjcher Frühromantik gegenüber. Der damals 18jährige Breslauer Theater­kapellmeister versucht sich an der OperRübezahl", noch aber ist er nicht fähig, die dämonisch phanta­stische Geisterwelt im Musikalischen einzufangen Ludwig Spohr bezeichnet die Musik alsdilettan­tisch" Wanderjahre lassen Weber heranreifen und kurze Zeit barauf, nachbem er u a. auch hier in Gießen als Pianist unb Sänger zur Gitarre sich vorgestellt hatte, arbeitete er bie ursprüngliche Rübe­zahlouvertüre im Jahre 1811 um unter bem neuen TitelBeherrscher ber Geister" lieber bie Münche­ner Aufführung ber neuen Fassung schreibt er selber in einem Briefe, baß biefe Ouvertüre bas Beste unb Klarste sei, was er bis jetzt geschaffen habe. Das mit Recht, benn sie stellt wohl einen ber ersten Vorstöße in bas Gebiet ber romantischen Ouvertüre bar; ein Schritt, ber ihm sowohl wie auch später Richarb Wagner ein neues Wunderreich er­öffnete

Dieköniglich preußische erste Hoftheater- und Kammersängerin" Anna Milder-Hauptmann, deren Stimme in ihrer Wiener Wirksamkeit schon den Sängerknaben Franz Schubert begeistert hatte,

wollte sich 1824 für das Opernschaffen Franz Schu­berts in Berlin verwenden. Wenn auch den ihr von Schubert zugesandten Unterlagen kein Erfolg be» schieden war, so gab sie ihm doch anregende Richt­linien für ein neu zu schaffendes Bühnenwerk. Sie bat ihn auch um einbrillantes" Gesangstück und übersandte Schubert zu diesem Zweck Goethes Ge­dichtVerschiedene Empfindungen an einem Platz". Auf den Opernvorschlag ging Franz Schubert ein; aber erst in seinem letzten Lebensjahr (Oktober 1827) schuf er für sie nach dem Wilhelm Müller- schen Text das LiedDer Hirt auf dem Fel- s e n", dessen Klangschönheit durch eine dem Klavier noch zugefügte Klarinettenstimme erhöht wird. Je­doch erst nach dem Tode Schuberts gelangte das Werk in bie Hänbe ber Sängerin

Zur ersten Fassung berAnabne auf Naros" hatte Hugo von Hofmannsthal sich Molieres 'Le bourgeois gentilhomme als Vorwurf gewählt unb bie ursprüngliche Hanblung burch Einschieben ber Ariabne-Oper erweitert. Da für Molieres Lustspiel in ber Originalgestalt schon Musik bes Hofkompo­nisten Lubwigs XIV., Lully, vorgesehen war, so fanb Richarb Strauß einen Stoff vor, ber ge- rabezu nach Musik verlangte. War schon vorher berRosenkavalier" stellenweise burch seine subli­mierte klangliche Delikatesse ausgefallen, so beschritt hier Richarb Strauß bewußt einen neuen Weg, inbem er von ber bynamischen lleberfteigerung bes Orchesters sich abwanbte unb ein verhältnismäßig kleines Orchester besetzte, besten einzelne Jnstru- mentalftimmen burdjaus sollstisch behanbelt würben, so baß eine Art Kammermusikstil erreicht würbe. An Stelle ber Klangmasse trat hier ein Filigran­stil mit einem Zuge zum Feinen, Intimen, zum Zarten,, aber nicht zum Sentimentalen; rhythmisch prickelnd, pointiert im Thematischen, charakteristisch treffenb unb überaus geistvoll. Die Stuttgarter Ur­aufführung berAriadne auf Naxos, zu spielen nach Molieres Bürger als Edelmann" veranlaßte trotz des Erfolges den Textdichter und den Kompo­nisten zu einer durchgreifenden Umarbeitung. Die Molierische Vorlage ließ man fallen. Die zu dem ursprünglichenLe bourgeois gentilhomme ge­hörige Musik faßte Richard Strauß alsSuite aus der Musik 3 um Bürger als Edel­mann" (op. 60) zusammen unb rettete so bie musi­kalischen Kostbarkeiten in ben Konzertsaal.

Die Suite enthält folgenbe Teile: Ouvertüre zum ersten Aufzug (Jourbain, ber Bürger); Menuett; ber Fechtmeister; Auftritt unb Tanz ber Schneiber; bas Menuett bes Lully, Courante; Auftritt bes Cleonte (nach Lully); Vorspiel zum zweiten Auf­zug (Intermezzo); bas Diner (Tafelmusik unb Tanz ber Küchenjungen).

Wie eine Perlenkette leuchtenb, glänzenb, zieht diese Folge von klanglichen Szenen am Ohr vor­über, charakterisierend die Ouvertüre für den Herrn Großtuchhändler Jourbain; graziös das Menuett,

Donnerstag, 15. November 1934

ziner Gelegenheit bieten sollen, sich in persönlicher Fühlungnahme mit ben Patienten unter ärztlicher Anleitung auf seinen künftigen Beruf vorbereiten zu können.

Die Reform bes Mebizin-Stubiums stellt bie praktische Ausbilbung bes zukünftigen Arztes stärker benn je in ben Vorbergrunb. Arzt fein heißt aber, wie es ber Reichsführer ber beutschen Aerzteschaft Dr Wagner vor kurzem ausgebrückt hat, inner­lich mit ben ihm anvertrauten Menschen verbunben sein, mit ihnen fühlen unb leiben unb in bem Volksgenossen ben Angehörigen ber großen deut­schen Familie zu sehen, um deren Erhaltung und Wiedergesundung der Kampf gilt.

So werden unter den medizinischen Lehrinstituten in erster Linie speziell die medizinischen Poli­kliniken berufen sein, den in der Ausbildung stehen­den jungen Arzt bei der praktischen Vorbereitung auf seinen verantwortungsvollen Beruf zu leiten.

Der persönliche Umgang mit den Kranken sowohl in der poliklinischen Sprechstunde, als auch bei der Ausübung der poliklinischen Stadtpraxis soll ben zukünftigen Aerzten Einblick in bas Wohl und Wehe ihrer Volksgenossen verschaffen, biefe per­sönliche Fühlungnahme soll mit bazu beitragen, burch echtes soziales Empfinben zur wahren Volks- verbunbenheit zu gelangen, benn nur burch sie kann der Arzt feiner großen Aufgabe,über bie körper­liche unb geistig-seelische Unversehrtheit ber Nation mitzuwachen" gerecht werben

So hoffen wir, baß auch bieser Ergänzungsbau recht bald in Angriff genommen werben wirb, so baß bie Mebizinische Poliklinik auch ihre zweite wichtige Aufgabe, an ber Heranbildung eines voll­wertigen Aerztenachwuchses an erster Stelle mitzu­arbeiten, allseitig erfüllen kann.

Schöffengericht Gießen.

Vor ben Schranken des Gerichts hatte sich der in Gießen wohnhafte W. von F. zu verantworten. Der Angeklagte bestellte in Frankfurt eine SA.-Uniform für 91,50 Mark und versprach, sie bei Lieferung zu zahlen, obwohl er von Anfang an wußte, daß er seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen konnte. Der Verkäufer wurde zur Lieferung noch dadurch bewogen, daß sich ber Angeklagte ihm gegenüber als gut situierter Geschäftsmann ausgab. In bieser Uniform bereifte ber Angeklagte ben Vogelsberg unb schloß mit verschobenen Lanbwir- ten als Vertreter einer Zwecksparkasse Viehliefe­rungsverträge ab Die Erfüllung bieser Verträge machte er von einer größeren Anzahlung abhängig. Der Angeklagte zog höhere Gelbbeträge von ben Geschäbigten ein. die Viehlieferung blieb jedoch aus. Nach der sehr ausgedehnten Beweisaufnahme bean­tragte ber Staatsanwalt eine Gefängnisstrafe von 2 Jahren 3 Monaten. Das Gericht erkannte unter Freisprechung in einem Falle wegen fortgesetzten Betruges im Rückfall auf 1 Jahr 6 Monate Gefängnis unter Anrechnung von 5 Monaten Untersuchungshaft.

Sodann befaßte sich das Gericht mit dem schon mehrfach vorbestraften A. R., zur Zeit im Landge­richtsgefängnis. Der Angeklagte entwendete am 1 Oktober 1934 vor einer Wirtschaft in Gießen ein Fahrrad Das gestohlene Rad bot er einem hiesigen Händler zum Kauf an Bei dieser Gelegenheit wurde ber Angeklagte verhaftet Er legte ein umfaffenbes Gestänbnis ab. Diese Tatsache trug dazu bei, ben bereits Rückfälligen noch einmal vor bem Zucht­haus zu bewahren. Strafminbernb kam weiter in Betracht, baß bem Eigentümer bas Rab roieber zugeführt werben konnte unb ein Schaben nicht entstauben ist. In Anbetracht ber Tatsache, baß bei den in letzter Zeit sich häufenden Fahrraddiebstählen energisch eingegriffen werden muß, erkannte das Gericht auf eine Gefängnisstrafe von sie­ben Monaten unter Anrechnung von einem Monat Untersuchungshaft.

bildhaft die Fechtmeisterszene mit ihren stechendes Themen und der Nachgestaltung des Kämpfens; die Schneidergavotte, die Gesellenpolonaise oder gar das musikalische Diner, alles ist mit scharfer Kontur gezeichnet, launig, sprühend und stim- mungsgebunden, feinneroig in der Wiederbelebung einer vergangenen Musikepoche. Dr. H.

©er junge Baron Neuhaus/'

Dieser Film ist typisch für eine bestimmte Rich­tung der Ufa-Produktion; es gibt eine ganze Serie dieser Art, ber berühmteste von ihnen hießDer Kongreß tanzt" unb würbe, wie man sich erinnert, ein internationaler Erfolg.Der junge Barou Neuhaus" entstaub nach bem gleichnamigen Lust­spiel von Stefan K a m a r e unb rankt sich um eine Episobe aus bem Wiener Rokoko zur Zeit ber Ma­ria Theresia: eine Episobe, ein Episöbchen nur, eine harmlose unb liebensroürbige Nichtigkeit, Sturm im Wasserglas um ben nächtlichen Fenstereinstieg bei einem kaiserlich-königlichen Kammerkätzchen. Dabei passiert weiter gar nichts, benn bie Sache wird vorzeitig eutbeckt, unb es gibt einen gewaltigen Alarm. Pointe: ber Sünber, ein junger Herr aus Schlesien, wirb unvermuteterweise zum Kommissar ber Sittenpolizei ernannt unb muß sozusagen über sich selber zu Gericht sitzen. Erstaunlich immer wie­der, mit welchen Mitteln, welchem Aufwand dis Ufa ein so winziges Drehbuch in Szene setzen läßt U c i ck y führt die Regie, wieviel Ausstattung, wieviel Kostüm, wieviel Architektur, wieviel Per­sonal und wieviel kulturhistorisches Beiwerk! Was mag das gekostet haben? Fast selbstverständlich, daß man in Wien ausführlich beim Heurigen sitzt, überraschender schon und origineller, daß man, um der von der leutseligen Kaiserin gestifteten Verlo­bung des jungen Barons Neuhaus mit ihrer Hof­dame Christi einen stilgerechten und festlich-heiteren Rahmen zu geben, eine Quadrille zu Pferd und im Kostüm der Zeit veranstaltet und ein galantes Mohrenstechen" in der Reitschule, was in der Tat ein wunderschönes und ritterliches Bild gibt. Victor de K 0 w a ist der Baron, liebenswürdig und nicht ohne Humor, obwohl von etwas norddeutschem Temperament Käte von Nagy, als die Hofdame Christi Palm, hat schon stärkere Rollen gehabt; am besten gelingt ihr die Fürsprache bei der Kaiserin, Sehr reizend spielt aber Christ! Mardayn das kokette Kammerzöfchen Lola C h l u d , hübsch unb jugendlich, doch nicht ohne Würde unb Haltung, gibt bie Kaiserin noch weit entfernt von ben späteren Sorgen unb Kriegsnöten. Der Wiener Komiker Hans Moser in einer liebevoll ausge­tüftelten unb etwas in bie Breite geratenen Charge, auch bie musikalische Begleitung von Alois Meli- ch a r mögen nicht unerwähnt bleiben. Im Bei­programm: Die neue Wochenschau unb eine ver­führerische Luftreise von Berlin nach Rom in sie­ben Stunden.