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Nr. 239 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Zrettag, 12. Moder (93^

Tiere auf Briefmarken.

Eine Anregung für Tierfreunde und Philatelisten.

Von Paul Eipper.

Dschungeln die bunte Pracht des radschlagenden Psaus.

Weil aber Afrika die Wildkammer der Welt ist (wer weiß, wie lange noch?), kann der Tierfreund beim Betrachten der Postwertzeichen afrikanischer Staaten geradezu in Begeisterung verfallen Das Nyassaland läßt von hohen Palmen Giraffen äsen, das Dromedar neben seinem kleinen Fohlen ruhen.

Zu allen Zeiten hat der Mensch Tiere nachge­formt; sehr wahrscheinlich ist das Tier überhaupt her erste künstlerische Borwurf des Menschen ge­wesen. In grauer Vorzeit ritzte der Jäger als Wunschtraum oder Beschwörung die Umrisse von Mammut, Elch, Renntier, Wildpferd und Büffel auf die Wände seiner Wohnhöhle, meißelte die Kontur der flüchtenden Jagdbeute in riesenhafter Vergrößerung auf die Breitseite der hohen Fels- nasen, formte aus Ton kleine Tier-Fetische, schnitzte sich andere in Horn und Elfenbein, vielleicht um seine Frauen damit zu schmücken, vielleicht aber auch, um durch dieses Abbild zauberisch die Stärke jener großen Tiere in seine eigene Muskelkraft zu bannen.

Gottheiten wurden in Tierskulpturen sichtbar ge­macht; fünftausend Jahre vor uns verehrten die Aegypter in einem aus Stein gehauenen Pavian den Gott der Weisheit. Wir kennen die löwen­köpfige Göttin, kennen Horus, den Falken, und immer von neuem künden uns Ausgrabungen, daß in allen Kulturen der Vergangenheit die Tierplastik eine ganz wesentliche Rolle gespielt hat. Schier end­lose Gräberstraßen des fernen Ostens sind einge­säumt von überlebensgroßen Monumenten: Löwe, Kamel, Elefant, Widder und Einhorn; Kunstwerke, die vor vielen tausend Jahren chinesische Meister geschaffen haben.

Auch in den mittelalterlichen Wappen der Städte, Zünfte, Bürger und edlen Herren findet man viele Tiere: den Löwen, das Roß, Adler, Fische, Panther, Bienen und selbst den Esel. Wenn die Ritter der Minnezeit in den Turnierhof sprengten und das Visier ihres federgeschmückten Helmes schlossen, dann reckte sich vielfach aus feinster Schmiedearbeit erzeugt ein stilisiertes Tier über dem Menschen­haupt, der Grei-f, ein brüllender Löwe.

Roch heute springt im' westfälischen Wappen das weiße Sachsenroß; noch heute nagelt der westfälische Bauer zwei gekreuzte Pferdeschädel an den Giebel seines Hauses, damit sie ihm alles Unheil abwehren. Roch heute prägen wir Adler oder andere Tiere auf unsere Münzen, setzen auf die Kühler unserer Autos stilisierte Tiere, auf viele unserer Denkmäler ebenfalls, und es gibt wohl kaum einen Staat auf der kultivierten Welt, in dessen Briefmarken keine Tiere vorkämen.

*

Die ersten deutschen Freimarken erschienen 1849 in Bayern; der Erfinder der aufklebbaren Brief­markte ist der schottische Buchhändler I. C h a l - mos (17821853). Aber schon viel früher, im Jahre 1653, kam das erste Postwertzeichen in Um­lauf, eine Art Streifband, das der Pächter der Pa­riser Stadtpost zum Preise von einem Sol herausgab: Port payöAnweisung oder Quittung für be­zahlte Zustellgebühr."

Ich bin nicht genug philatelistisch gebildet, um zu wissen, wann zum erstenmal ein Tier auf Brief­marken oder andern Postwertzeichen erschien; aber ein Blick in eine solche Sammlung erschloß mir schon zu Beginn der deutschen Briefmarkenentwick­lung einen ganzen Zoo. 1852 springt (wie könnte es anders sein?) auf der Braunschweiger Zwei- Silbergroschenmarke das Weiße Roß; 1864 zeigt Mecklenburg-Schwerin gar vier Ochsenköpfe. Mein engeres Heimatland Württemberg stellt 1873 auf seiner 70-Kreuzermarke die beiden schwäbischen Wappentiere zur Schau: Löwe und Hirsch Furchtlos und treu". 1845 fliegt eine weiße Taube in der 2'/^-Rappen-Marke der Basler Stadtpost, die australische 1-Shillingmarke von 1854 enthält im braunen Oval Den schwarzen Schwan, und elf Jahre früher, bereits 1843, hat Genf in seiner Doppel-5-Centimes wenigstens zwei halbe Adler.

Doch lassen wir nun die Vergangenheit! Ich habe mich in einem Briefmarkenladen umgesehen und

herausgegriffen, was heutzutage an wilden und zahmen, an friedlichen und dräuenden Tieren durch die Postwertzeichen springt, schleicht, faucht, zischt, stampft und fliegt. Dabei hat sich gezeigt, daß häu­fig die bloße Tierdarstellung genügt, um uns so­fort den rechten Begriff jenes Landes zu vermit­teln, feine georgaphische Lage oder seinen Grund­charakter zu erhärten. Was könnte wohl auf der deutschen Flugpostmarke abgebildet sein, wenn nicht der zur Sonne fliegende Adler? Ein Känguruh auf dem Postwertzeichen erspart uns durchaus jede Ueberlegung: Ursprungsland: Australien! Der in Indien liegende SchutzstaatPerak" holt sich als Briefmarkensymbol ebenso selbstverständlich einen fauchenden Tiger, wie zu der südamerikanischen Cordilleren-RepublikBolivien" fein Markentier besser paßt als der größte Geiervogel, der auch das Landeswappen ziert, nämlich der schwarz-weiße Kondor.

Im Schweizer Freimarkenbild trägt eine weiße Taube den Oelzweig; die Vereinigten Staaten Nord­amerikas zeigen gern den Bison, der einst zu Hun­derttausenden die Prärien bevölkerte und jetzt in Schutzgebieten weiterlebt; Borneo holt sich aus den

ein schön gestreiftes Zebra über die Steppe ziehen, während Liberias Marken das seltene Zwergfluß­pferd aufweisen, dazu die hochzüngelnde Giftschlange und den machtvollen, hornbewehrten Büffel. Beim französischen Kongo darf der schleichende Leopard nicht fehlen; und wenn ich in den Nilländern Ein­fluß hätte, so würden ihre Briefmarken ein Bild von Abu Marküb zeigen, dem Vogel, der bekannt­lich einen holzschuhähnlichen Riesenschnabel trägt.

Mancherlei Anregungungen könnte man noch geben: Grönland setze einen Eisbären auf sein Markenschild ober ein Walroß; Südafrika den i putzigen Pinguin und wie gut paßte doch zu manchem Land ein Vogel Strauß!

Ich würde es für möglich halten, daß irgendwo ein Mann lebt, der Freude an Tieren hat und zu­gleich philatelistische Neigung besitzt; er sollte sich eine Briefmarkensammlung nach zoologischen Ge­sichtspunkten anlegen und neben jedespostalische" Tier die Wirklichkeitsaufnahme einer gute Photo­graphie setzen. Das gäbe eine Sammlung von ganz eigenartigem Reiz.

0er neue Gaufußballwart.

Der Gau-Fachamtsleiter hat mit der Geschäfts­führung des wichtigen Amtes eines Gau-Fußball- fachwartes den Kreisführer für Hanau, Hambur­ger, bestimmt, der das Amt vorläufig verwalten wird. Bekanntlich hat der bisherige Gau-Fußball- fachwart Heini Weber sein Amt wegen beruflicher Ueberlaftung aufgeben müssen. Dem neuen Gau- Fachwart geht der Ruf eines tüchtigen Fachmannes voraus.

0er Stand der Spiele in der

I. Kreisklaffe des Bezirks Gießen-0ill.

Spiele

gern.

unentsch.

verl.

Punkte

Heuchelheim

5

4

1

0

9:1

Wieseck

4

3

0

1

6:2

Gr.-Buseck

4

3

0

1

6:2

Lollar

5

2

1

2

5:5

Lich

5

2

1

2

5:5

1900 II

5

2

1

2

5:5

Leihgestern

3

2

0

1

4:2

VfB. II

5

0

2

3

2:8

Grünberg

5

1

0

4

2:8

Krofborf

3

0

0

3

0:6

Der vorjährige Meister Heuchelheim steht unge­schlagen an erster Stelle und wird voraussichtlich auch in dieser Serie den Meister stellen. Wieseck hat nach schlechtem Start seine Form wieder er­reicht und wird alles daransetzen, Heuchelheim den Rang streitig zu machen. Großen-Buseck ist ein Gegner, der zu kämpfen versteht, ein guter Platz in der Tabelle sollte ihm sicher sein. Lollar ist zu unbeständig, wenn es gilt, kann die Mannschaft auch gegen starke Gegner gewinnen. Lich ist auf eignem Platz kaum zu schlagen. 1900 II verfügt über gute Kräfte, ein guter Mittelplatz ist der Mannschaft nicht zu nehmen. Don Leihgestern hätte man etwas mehr erwartet, die Mannschaft hat aber immer noch Aussichten auf die Tabellenspitze. VsB. II hat gerade den stärksten Gegnern auf fremden Plätzen Punkte abgenommen, jedoch wird in der Mannschaft zuviel umgestellt. Grünberg fehlt die nötige Routine für diese schweren Punktkämpfe. Krofdorf hatte anfangs einen guten Start, jedoch

ist die Mannschaft durch Mißerfolge entmutigt und muß erst ihr Selbstvertrauen wieder gewinnen.

Ein Lehrgang für das Männerturnen in Gießen.

Die deutschen Meisterschaften im Geräteturnen, die am 3. und 4. Nebelmvnd in der Weftfalenhalle in Dortmund ausgetragen werden, werfen auch in unserem Gau Nordhessen ihre Schatten voraus. In Gießen findet nächsten Samstag und Sonntag unter Leitung von Gauoberturnwart R. Paul- Gießen und Gaumännerturnwart Dahms- Bad- Wildungen ein Lehrgang für das Männerturnen statt, der der Grundschulung dienen soll, der aber auch den Spitzenkönnern aus den zwölf Turn­kreisen Gelegenheit geben wird, sich noch vorzu­bereiten für die Gerätemeisterfchaften des Gaues, die am 21. Nebelmond in Bad Wildungen zum Austrag kommen. Dieses Treffen der besten nordheffifchen Kunftturner ist zugleich der Aus­scheidungskampf für die deutschen Gerätemeister- schaften, die die 100 besten Olympia-Anwärter in Dortmund vereinigen werden. Man ist gespannt darauf, welche nordheffifchen Teilnehmer für Dort­mund in Wildungen ermittelt werden.

Handball im Gau XII Lahn-0illkreis.

Meisterschaftsspiele der Kreisklaffen am Sonntag, 14. Oktober.

Kreisklasse I.

Staffel I: Spv. 05 Wetzlar To. Atzbach: Atzbach geht einen schweren Gang nach Wetzlar. Man erwartet einen knappen Sieg der Platzbesitzer.

Tv. Dornholzhausen Tv. Krofdorf: Die Gäste stellen in dieser Gruppe einen der stärksten Gegner dar und werden sicher die Punkte für sich buchen.

Tv. Hochelheim Tv. Hörnsheim: Dem Zusammen­treffen dieser beiden Lokalgegner sieht man mit großem Interesse entgegen, zumal die Gästemann­schaft in den letzten Spielen einen stetigen Form- aufftieg zu verzeichnen haben. Das Spiel wird sicher einen harten Kampf geben.

Staffel II: To. Heuchelheim Tv. Holzheim: Die Platzbefitzer sollten zu einem Sieg kommen, wenn er auch erkämpft werden muß. Die Mann­

schaft befindet sich zur Zeit in einer sehr guten Form.

Tv. 1846 Gießen VfB.- Reichsbahn Gießen: In diesem Lokalkampf sollten die Platzbesitzer gleich­falls das bessere Ende für sich haben.

Tv. Lich Tv. Albach: Die Platzmannschaft empfängt in der Gästemannschaft einen starken ©egner, der sicher alles daransetzen wird, um die Punkte mit nach Hause zu nehmen.

Kreisklasse II:

Staffel I: Eine neue Gruppe spielt in dieser Klasse nunmehr aus den Vereinen des Vogelsbergs. Es sind dies Alsfeld, Burg-Gemünden, Homberg und Romrod.

Tv. Garbenheim Tv. Erda, Tv. Cleeberg gegen Tv. Dutenhofen, Tv. Wetzlar II To. Nau- born: Im ersten Treffen sollte Garbenheim zu einem sicheren Sieg kommen; in den zwei weiteren Spielen stehen sich gleichwertige Mannschaften gegenüber.

Staffel II: Neu hinzugekommen ist hier die Mannschaft des Tv. Lollar. Tv. Launsbach Tv. Lollar, Tv. Dorlar To. Staufenberg, Spvg. 1900 Gießen Tv. Wißmar: Im ersten Spiel treffen sich in Launsbach und Lollar zwei alte Rivalen, die sich schon manchen Kampf mit knappem Aus­gang geliefert haben. Da Lollar erstmals in den Kampf eingreift, ist eine Voraussage kaum zu tref­fen. In Dorlar sollte Staufenberg Federn lassen müssen. 1900 Gießen traut man schon viel zu. Ob es gelingt, die tüchtige Wißrnarer Mannschaft zu bezwingen, muß der Kvmpf lehren.

Staffel III: Tv. Hochelheim II Mtv. Gie­

ßen II, Tv. Haufen Tv Garbenteich: Im ersten

Spiel hat man es mit zwei gleichwertigen Mann­

schaften zu tun. Haufen dürfte um eine Niederlage

nicht herumkommen.

Staffel V: Tv. Alsfeld Tv. Burg-Gemün­den, Tv. Homberg Tv. Romrod: Erstmals greift diese Staffel kommenden Sonntag in die Meister­

schaftsspiele ein.

kreisklaffe III.

Tv. Krofdorf W.-Niedergirmes II, Tv. Heu­chelheim II Tv. Holzheim II, Tv. Münchholz­hausen II Tv. Lützellinden II: Krofdorf wird auf eigenem Boden den Gästen schon die Spitze bieten können. Heuchelheim dürfte die Gäste sicher abfertigen. Der dritte Kampf ist durchaus offen.

Jugend.

Staffel I: Tv. Münchholzhausen Tv. Gar­benheim: Ein sicherer Sieg für die Platzbefitzer.

Staffel II: To. Krofdorf Tv. Grüningen, Tv. Lang-Göns Mtv. Gießen: Siege von Krof­dorf und Mtv. Gießen find zu erwarten.

Handball im Kreise 8 Lahn-0ill.

VsV. R. Gießen I. Tv. Heuchelheim I. 2:13.

Gießen erlitt auf eigenem Platz eine unerwartet hohe Abfuhr. Die Gäste waren von Beginn an Herr der Situation und warfen in ergelmäßigen Abstän­den ihre Tore.

Tv. Cleeberg I. Wetzlar II. 10:9.

In einem torreichen Treffen mußten sich die Gäste knapp dem Platzbefitzer beugen. Der Kampf wurde stets fair geführt.

Handball im Kreis 11 (Wetterau-Bogelsberg) der 0T.

Tv. Gambach I Tv. Wohnbach I 7:7 (4:4).

Ein sehr schnelles, schönes, ausgeglichenes und wenig hartes Spiel, das Gambach nach 10 Minuten mit 2:0 Toren in Führung sah; in den nächsten 10 Minuten holte Wohnbach vier Tore auf, und mit 4:4 wurden die Seiten gewechselt. Bis zur 21. Minute der zweiten Halbzeit führten die Gäste mit 6:4, mußten sich dann aber innerhalb 8 Minu­ten drei Gegentreffer aefaüen lassen, um in der letzten Minute den wohlverdienten Ausgleich her­zustellen.

Tv. Gambach Tv. Kirch-Göns 5:12 (2:6).

Ein Jugendspiel! Beide Mannschaften traten nicht vollzählig an. Kirchgöns war körperlich stär­ker und technisch besser und gewann verdient.

Erlebnisse in Luzern.

Von Paul Alverdes.

Mächtig bewegt vom Anblick des nahen Gebirges über Dem Wasser, Das mit abenteuerlich geformten Graten unD Gipfeln in weitem HaldrunD blau unD schwarz über Dem stumpfen Silberblick Des Schnees gegen Den fdjieferfarbenen Gewitterhimmel getürmt war. Der See von Düsterer Färbung nur mäßig in Bewegung, Die Uferstraße unter Dem Dichten Laub Der Kastanien noch triefenD naß vom Regen, Der sich in milchweißen Nebelflören an Die schöne Gestalt Des Pilatus hängte. Es war merklich kühl, unD Die Ahnung eines plötzlich hereinbrechenben unD freudlosen Abends in Der Luft, wie sie im Hochgebirge häufig finD.

Der Wirt in Dem kleinen Hotel roch weithin nach Wein unD Schnaps. Er war weiß wie Mehl im Gesicht unD sah aus, als ob ein löblicher Kummer an ihm nage. Zuweilen Dienerte er über feinen Schriften in Der Empfangsloge, höflich unD ohne rechten Anlaß unD blickte mich mit geroinnenDer Herzlichkeit an; Dann gähnte er sehr lange, wie sonst nur Die Säuglinge gähnen, unD blickte wieder kummervoll. Ich schien Der einzige Gast Des Hauses zu sein. Im Speisesaal, Dessen Ecken mit fahnen- schwenkenDen Lanbsknechten aus bronziertem Gips verziert waren, saßen vier Saaltöchter bei einer Näharbeit unD berieten über mich. Das Zimmer, das Der Wirt mir selber zeigte, war winzig klein und sehr sauber, Das Fenster sah auf eine stille Gasse hinaus.'Ich zog mich sogleich um unD stiefelte in Hellen Hosen Davon, auf irgenDein unerhörtes Abenteuer gespannt.

Es regnete schon wieDer, als ich über Die alte Reußbrü'cke mit Den vielen Bildtafeln schritt. Es war vielfacher Tod auf Den BilDtafeln Dargefteüt: MorDe, AufftänDe, Hinrichtungen, Schlachten fast als beftünDe Die Geschichte eines Staates im wesentlichen aus wenig anderem als aus unab­lässigem geheimen und öffentlichen Töten und Sterben. Vor dem Jahre 1914 hätten sich Die wenig­sten Europäer gescheut, zu sagen, Daß solche Taten unD Zeitläufte ein für allemal vorüber feien und nimmer wiederkehrten. Für die Schweizer ist es Wahrheit geblieben.

Die Seepromenade zeigt ein fanbfteinernes Prunk- Hotel neben bem anbern, eine halbe, eine Stunbe weit, solange man will, bas gekrümmte Ufer hinauf unb hinab. Die Lanbessprache ist bie englische. In allen Schriftgraben bis zur vollen Manneshöhe ber Buchstaben finbet man sich zum Tee, zum Essen, zum Tanzen, Fliegen, Bootfahren, Angeln, Schwim­

men, Dampfbaben, Massiertwerben, Tennis-, Krok- ket-, Karten- unb was sonst noch für Spielen unb Zerstreuungen eingelaben. Aber bie Hallen unb Glasveranben waren noch leer, ein paar weiß­haarige Amerikanerinnen, bie Angesichter wie Freubenmäbchen bunt bemalt, mit Hornbrillen unb schwarzen Seibenstrümpfen zu roten ober gelben Halbschuhen, saßen gelangweilt herum, unb hinter ben Fenstern ftanben bie nobel aussehenben Kellner unb spähten auf bie Straße.

Es fuhr noch ein Dampfer nach Bürgenstock hinüber. Da sich ber Himmel etwas erhellte unb ber fallenbe Nebel einen regenlosen Abenb verhieß, fuhr ich mit. Ich war ber einzige Gast auf bem oberen Deck.

Das Gefühl ber Fortbewegung ist nirgenbs schöner unb so zu Heiterkeit unb einer scheinbar grunblosen Glückseligkeit ftimmenb als auf ben Schiffen von biefer Art. Man ist wie auf ber festen Erbe, angftlos unb sicher, man geht umher unb sitzt wechselnb nieber unb steigt Treppen unb Leitern auf unb ab. Aber zugleich verläßt bich bie uralt- selige Empfinbung bes Getragenseins, bes Wechsels in ber Dauer, keinen Augenblick. Es ist, als ob einmal bie Sekunben bir nicht entwichen, fonbern bu barfft miteilen mit ihnen, unb wie sie sich er­neuern, so erneuert sich auch ber Raum, auf bem bu weilst unb fortgeschwungen wirst zu gleicher Zeit. Vielleicht ist bies nach bem Tobe so, unb wie aus solchen Ahnungen ober boch kaum bewußten Empfinbungen heraus melbete sich alsbalb ein Zwang in mir, mir selber zu bestätigen, baß ich gleichwohl noch unter ßebenben weilte, einsam für jetzt, aber ber Geselligkeit noch untertan. Ich sprach mit mir selbst, ich rebete bie Ber"e unb bie Abenb- wolken, ben Braus bes Winbes auf bem erbunfelnben Wasser, bas immer tiefere Grün ber Kastanien- roipfel über ben Gärten mit allerlei vorgeprägten Worten an. Zuletzt waren es ein paar Verse, bie ich seit meiner Schulzeit nie roieber vergessen: Mach' hurtig, Jenni! Zieh' bie Naue ein!

Der graue Talvogt kommt, bumpf brüllt ber Firn, Der Mythenstein zieht seine Haube an, Unb kalt her bläst es aus bem Wetterloch ...

Ich wiederholte sie mir einige Male halb lachend unb halb mit Grausen, Denn nun zeigten sich Ge­sichter, bie ich lange nicht mehr gesehen, Namen, auf bie ich schon vergessen hatte Gesichter unb Namen ber Toten, mit benen ich auf bemJDüffelbor- fer Pennal bie Szenen aus bemTeil" auf eine halb travestierende unb halb ergriffene Weise wäh- renb ber großen Pausen dargestellt hatte. Wir brach­ten uns mit den Linealen zu Tode unb erroarfen ben Bogt mit betn Zeigestecken. Da wußte Der

immer feige unb ängstliche St. noch nicht, daß er keine vier Jahre danach an einem Bajonettstich sollte sterben müssen, noch bes Tellen Sohn, ber oftmals mit einem Apfel aus feiner Frühstückstafche auf dem Haupte das Schützenlieb gesungen hatte, daß er hoch in ber Lust über einer englischen Stadt zu Asche verbrennen sollte.

Es dunkelte schon, bie Basteien von Stansstad sahen bleich herüber, in den Wälbern über Bürgen­stock brauste der Wind, die ersten Lichter zeigten sich ringsumher, und manche, hoch wie Sterne an den Wänden, aber roten, irdischen Lichtes. Ich ließ mir Wein und Fleisch kommen unb teilte mit ben Fischen. Wie nun aber ber Dampfer bicht an ben Ufern entlang heimkehrte und in ben üppig verschwiegenen Gärten der vielen kleinen Gasthofe bie Laternen sich wiegten und an manchem Balkon und mancher Loggia bie Türen weit offenftanben unb ben Blick in freunblich erhellte Zimmer gewährten, da wen­dete sich die Seele begierig wiederum dem Aller- lebendigsten zu. Hier, dachte ich, finb bie Herbergen ber Liebenden, ich muß hier nur ausfteigen und mich zu Tische setzen, und mich werden Blicke treffen wie lange, süße Schläge auf bas Herz, ich bin willkom­men, bin längst erwartet. Aber es zeigte sich nie- manb, in keinem Hause, sie schienen alle unbewohnt unb Die Lichter zur Täuschung zu brennen. Ein paar Saaltöchter mit weißen Häubchen strichen her­um, unD an ben Anlegebrücken ftanben bie Haus­diener mit golbgeftirften Mützen im gelben Schein Der Stationslampen unb spuckten verdrossen ins Wasser. Ein Platzregen troff hernieber, als ich gegen neun Uhr Des ÄbenDs wieDer über Die Brücke lief.

Der Wirt saß noch in seiner Loge und hatte blut­unterlaufene Augen. Er schwankte hin und her, seine Stimme aber war unoeränDert gemessen, als er mir mit ausgesucht höflichen Worten gute Nacht wünschte. Als ich oben aus dem Fenster sah, da war gerade gegenüber das Vereinshaus Der Absti­nenzler. Sie hielten Versammlung ab in einem klei­nen Saal, in den ich hineinblicken konnte, unb lausch­ten mit ernsten, bekümmerten Mienen einem Vortrag, Den ein ungemein großer unD breitschultriger Absti- j nent zu halten schien. Er hatte einen Zwicker auf der Nase und las aus einer Liste etwas vor, unb zuweilen nahm er ihn herunter und brohte damit, inbem er Zahlen ober Daten aus seiner Lifte wie­derholte. Dann ging eine Bewegung durch die Absti­nenzler, sie schüttelten die Köpfe und sahen einander hochmütig an. Als der Große zu Ende war, gingen sie ganz ' unvermittelt still auseinander: es waren ganz alte und ganz junge Leute darunter.

Andern Morgens erwachte ich schon sehr früh von I einem Zwitschern unb Trappeln, das nicht zu deu­

ten war. Ich fuhr im Hemd ans Fenster, da waren es lauter junge Mäbchen, die von allen Seiten auf eine Kleiderfabrik an ber Ecke schräg gegenüber zu­trippelten. Mit bem Glockenschlag sieden warb es roieber still und nichts mehr zu sehen als ein winzig kleiner Stift, der mit hängenden Beinchen auf einem Kontorbock vor einem ungeheuren Hauptbuch saß. Ich legte mich wieder hin und verschlief bie Abfahrt bes ersten Dampfers. Der Regen trommelte auf bas Blech bes kleinen Daches vor dem Haus.

0as Geburtstagsständchen.

Zelter, bem bekannten Tonbichter unb Freund Goethes, sollte einst an seinem Geburtstag von ! vier feiner Schüler ein Morgenstänbchen gebracht werben. Es war ein grimmiger Dezembermorgen. . Deshalb waren wohl auch nur brei von Den Sän­gern erschienen. Die Schüler waren zuerst ratlos, I faßten aber Dann Den Entschluß, zwei Zeltersche Quartette Dreistimmig zu fingen. Sehr schnell er­schien aber Zelter am Fenster unD rief:Das klingt ja zum Teufelholen! Wo habt Ihr Denn Den zweiten Baß?"Der hat uns im Stich gelassen!" Nun, Da roerDe ich ihn übernehmen", erwiberte bas Geburtstagskinb. Gesagt, getan. Der Meister ' ging nach unten unb beteiligte sich mit seinem wohl- flingenben Baß an ber ihm selber zugebachten Hul- bigiing. Dann aber sagte er zu seinen Schülern: So, nun habe ich Euch reblich geholfen jetzt sollt auch Ihr mir helfen! Wir werben eine Flasche auf Euer Wohl trinken: Hoch lebe bas breistimmige

. Quartett."

Socksckmlnacbrickien.

Zum o. Professor ber Psychiatrie unb Direktor ber Psychiatrischen unb Nervenklinik an ber Uni­versität Greifswalb ist als Nachfolger bes ver­storbenen Professors Ebmunb F o r ft e r Professor Dr. Gottfrieb Ewalb von ber Universität E r - langen ernannt worben.

Professor Dr. Wolfgang WilmannS, Orbi- narius für lanbwirtfchaftliche Betriebslehre an ber Universität Jena, hat einen Ruf an bie Univer­sität Leipzig als Nachfolger von Geh. Rat Falke angenommen.

Professor Dr. Curt Sprehn, Extraorbinarius für Parasitologie unb angeroanbte Zoologie am Tierseuchen-Jnstitut ber Universität Leipzig, bat einen Ruf als Drbinarius für Parasitologie an bis Lanbwirtfchaftliche Hochschule in Ankara (Türkei) angenommen.