Nr. 83 Erstes Blatt
M. Jahrgang
Dienstag, W. April M4
Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild ■ DieScholle Monats-Bezugspreis:
Mit 4 Beilagen RN?. 1.95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr.. „ -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt
Zernsprechanschlüffe unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen
Postscheckkonto:
Zrankfurt am Main 11686
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhefsen
Druck und Verlag: vrühl'sche Univerfitätr-Vuch- und Lteindruckerei R. Lange in Gießen. 8chrift!eitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7
Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8'/,Uhr des Vormittags Grundpreise für 1 mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Textanzeigen von70mm Breite 60 Rpf.,Platzvorschrift oder schwieriger Satz 25°/0 mehr Ermäßigte Grundpreise: Stellen-, Vereins-, gemeinnützige Anzeigen sowie einspaltige Gelegenheitsanzeigen 5 Rpf., Familienanzeigen, Bäder-, Unterrichts- u. behördliche Anzeigen 6Rpf. Vereins- u. Tageskalender im Textteil 12 Rpf. je mm
Will China die Mandschurei anerkennen?
Vor einer folgenschweren Wendung in der Konstellation der Mächte des Kernen Ostens.
London. 10. April. (DRV. Aunkspruch.) Rach einer Meldung bpr „Times" aus Schanghai find alle Mitglieder des Kabinetts am Montagnachmittag von Nanking an Bord eines Kanonenbootes nach Nantschang abgefahren, um mit dem Vorsitzenden des Politischen Rates von Peking, General h u a n g f u , und mit General Tschiankeischek die Lage in Nordchina zu besprechen. Die Japaner hätten nämlich neuerdings auf die Wiederaufnahme der Verhandlungen zur Wiederherstellung des normalen Verkehrs zwischen China und der Mandschurei gedrungen. General h u a n g f u habe deswegen Tschiangkeischek ausgesucht, um mit ihm das künftige Vorgehen zu beraten. Die Tatsache, daß die maßgebenden Führer der Nankingregierung nach Nantschang abgereist sind, deute darauf hin, daß eine hochwichtige Entscheidung bevorstehe.
*
Trifft die Meldung zu, daß sich die chinesische ^entralregierung in Nanking nun doch noch enr- schlossen haben soll, »das neue. Kaiserreich Man- Ls ch u k u o anzuerkennen, um einen drohenden Ab- /all weiterer Provinzen im Norden, in erster Linie wohl Tschahars, vorzubeugen, so würde die Welt das höchst absonderliche Schauspiel erleben, Laß China, dem man vier blühende Provinzen kurzerhand entrissen hat, das erste Land wäre, das Len neuen Staat von Japans Gnaden anerkennen würde. Aber gerade Las Groteske, das in diesem Schritte liegen würde, zwingt vorläufig zu einigen Zweifeln. Schließlich hat man in Nanking ja nicht nur auf Lie von Japan geförderte Abfallneigung in den Nordprovinzen Rücksicht zu nehmen, sondern ebenso auf Lie Südprovinzen, in benpn erst vor kurzem ein schwerer Aufstandsversuch (Fukien), der mit nationalen Motiven bemäntelt wurde, niedergeschlagen werden konnte. Die Zentralregierung in Nanking hat sich außerdem Lurch die scharfe Erklärung zur Kaiserkrönung Puyis in einer Weise stark gemacht, die einen Rückzug nur unter stärkster moralischer Einbuße gestatten würde. In dieser Erklärung hieß es:
„Die Annahme des Kaisertitels durch Puyi ist bereits seit geraumer Zeit angekündigt worden. Mit tiefer Entrüstung hat das chinesische Volk überall von diesem Akt Kenntnis genommen, der nur als Landesverrat betrachtet werden kann. Wir halten an der Auffassung fest, daß die Situation in den drei östlichen Provinzen und Jehol lediglich durch militärische Besetzung ent st an den ist und daß Puyi und seine Umgebung nur die Werkzeuge in den Händen anderer sind und daß ihnen jede Unabhängigkeit fehlt. Die Haltung Chinas einem solchen Staate gegenüber bleibt unverändert, ganz gleichgültig, welche Form dieses Werkzeug in fremder Hand annehmen mag. Der Grundsatz der Nichtanerkennung dieses legitimen Staatswesens ist zu einem unabänderlichen Bestandteil internationaler Moral geworden und wird durch die sogenannte Kaiserkrönung nicht beeinträchtigt werden."
Nun ist feierlichen Protesterklärungen selbstverständlich kein Ewigkeitswert zuzumessen. Aber ein so radikaler Wechsel in der Stellungnahme zu einer Frage, der alle nationalen Kreise Chinas Lebensbedeutung zumessen, ist selbst im wechselreichen Fernen Osten ungewöhnlich. Richtig ift zweifellos, daß in .manchen mehr realpolitisch denkenden Kreisen Nankings schon seit längerer Zeit die Frage der Anerkennung Mandschukuos erörtert wurde. Man folgerte etwa, daß die juristische Anerkennung des neuen Staates keineswegs den endgültigen Verzicht auf die vier verlorenen Provinzen bedeute und daß es vorläufig für China wichtiger fei, das eigene Haus politisch und wirtschaftlich in Ordnung zu bringen, als sich auf einen fürs erste aussichtslosen Kampf mit Japan einzulassen. Richtig ist auch, daß die Japaner nicht zu Unrecht mit der Unpopularität spekuliert haben, die Nanking bei denNordprovin- z e n genießt. Man hat in Peking nie ganz verwinden können, daß es seinen Rang als Hauptstadt zugunsten Nankings abtreten mußte. Schließlich ist auch die moralische Wirkung nicht zu unterschätzen, die in der Thronerhebung eines Nachkommen der alten Mandschu-Dynastie liegt. Der Norden Chinas ist ft e t s monarchistischer gewesen als die Mitte und der Süden. Aber alle diese Faktoren, die ja schon feit längerem vorhanden find und für Nanking stets eine latente Gefahr waren, können kaum ausgereicht haben, um die Politik der Zentralregie- runq zu einem völligen Umschwung zu veranlassen, um so weniger, als man sich trotz dem Grundsatz der Nichtanerkennung Mandschukuos bemüht hatte, die Reibungsflächen mit Japan zu vermindern und auf anderen Gebieten zu einer Verständigung mit dem Reich der aufgehenden Sonne zu gelangen.
Unsere Mutmaßungen müssen also auch Ereignisse in den Kreis der Betrachtungen ziehen, von denen allerdings nur bruchstückweise Kunde zu uns gelangt. Dabei ist auch zu berücksichtigen, daß Die ausführliche Nachrichtenübermittlung aus China sich dadurch außerordentlich verschlechtert hat, daß die Zentralregierung in Nanking ein Verbot erließ, die Post weiter auf dem Landwege durch Mandschukuo und die Sibirische Bahn zu befördern. Briefliche Post kann also nur noch auf dem wochenlangen Seeweg über Aden und Suez zu uns
gelangen. Versuchen wir trotzdem aus dem bunten Mosaik der Bruchstücke ein wenn auch lückenhaftes Bild der Lage zu gewinnen!
Mit Beginn des Frühlings stießen bekanntlich japanische Truppenteile in der Provinz Tschahar, in Richtung auf K a l g a n, vor. Der Vormarsch wurde aber wieder abgestoppt, vielleicht um Verstärkungen abzuwarten. Welche Ziele Japan mit einer tatsächlichen Besetzung Tschahars erreichen will, läßt sich unschwer erraten. Besitzt es Kalgan, so schneidet es China im Norden noch stärker von Sowjetrußland ab und kontrolliert gleichzeitig die außerordentlich wichtige K a- r a w a n e n st r a ß e, die durch die Mongolei von Peking an die Sibirische Bahn führt. Die Frage ist nur, ob Japan es noch einmal riskiert, soweit in das Innere Asiens vorzustoßen, oder ob es nicht die schlechten Erfahrungen, die es 1919 am Baikal-See gemacht hat, vor weiteren Abenteuern zurückhält. Daß man sich in Moskau aller Möglichkeiten versehen will, beweist jedenfalls die Tatsache, daß man zwei Divisionen der Roten Armee in die äußere Mongolei geworfen hat.
Die japanischen Politiker tragen ihre Geheimnisse nicht auf der Zunge. Sie sind Meister in der Kunst der Verstellung, und so ist es nicht ausgeschlossen, daß die freundlichen Angebote, die sie kürzlich den Amerikanern gemacht haben und die den liebenswürdigen Briefwechsel zwischen Außenminister Hirota und dem amerikanischen Staatssekretär Hüll in allerdings recht platonischer Weise ergänzten, nur das Alibi sind für überraschende Aktionen, an denen man nun einmal in Tokio Gefallen findet. Würde aber ein weiterer Vorstoß Japans nach Osten in Richtung auf die Mongolei und dar
über hinaus nach Chinesisch-Turkestan, der zweifellos zu neuen Konflikten mit der Sowjetunion führen würde, dadurch vereitelt werden können, daß die Zentralregierung in Nanking Mandschukuo anerkennt? Ja, wäre ein etroaiaer Abfall weiterer Provinzen im Nordwesten durch die Anerkennung überhaupt zu verhindern? Es bleibt also nur der Eindruck einer neuen Aktivität der japanischen Politik und der schicksalsschwangeren Möglichkeit, daß sich die beiden gelben Völker über alle Hindernisse und Widerstände hinweg zu verständigen bestrebt sind. Den Kaufpreis hätten Europa und Amerika zu bezahlen.
puji besucht nicht die Gräber seiner Ahnen.
Tokio, 9. April. (DNB.) Das japanische Auswärtige Amt stellt kategorisch die Nachricht in Abrede, nach der es hie Kwantung-Armee um Schutz f ü r i) e n Kaiser von Mandschukuo, Puji, während feines Besuches an den Gräbern seiner Ahnen in der Vorstadt von Peking gebeten habe. Eine Untersuchung der Regierung von Mandschukuo habe ergeben, daß Kaiser Puji „schon bei seiner Thronbesteigung im Jahre 1933 durch die mandschurischen Wachen an den Gräbern seiner Ahnen den Vorfahren seine Thronbesteigung habe mitteilen lassen". Ende März habe er außerdem den Prinzen Kun g gebeten, die Gräber seiner Ahnen zu besuchen. Der Vertreter des Auswärtigen Amts erklärte, daß Kaiser Puji gar nicht d i e Absicht habe, die Gräber persönlich zu besuchen.
Statt Verminderung nur Begrenzung der Rüstungen. Englische Bedenken gegen den Boykott als Garantiemaßnahme.
London, 10. April. (DNB.-Funkspruch.) „Daily Telegraph" schreibt, die britische Regierung würde es vorziehen, wenn das heute zusammentretende Büro der Abrüstungskonferenz noch keinen Zeitpunkt für den Wiederzusammentritt des allgemeinen Ausschusses festsetzen würde. Aber Frankreich, das von Henderson unter- st ü tz t werde, der sich als „neutraler" Vorsitzender nicht verpflichtet fühle, mit der britischen Regierung übereinzustimmen, werde wahrscheinlich die Einberufung des allgemeinen Ausschusses auf den 23. Mai durchfetzen.
Frankreichs letzte Abrüstungsnote wird morgen in der Vollsitzung des Kabinetts geprüft werden. Der wahre Sinn und Zweck der Note aus einem Abkommen für die V e r m i n d e r u n g der Rüstungen ein Abkommen für die Begrenzung der Rüstungen zu machen — wird von den britischen Ministern vollkommen begriffen und wird von ihnen bedauert, da ihr Ziel stets eine wirkliche Ab- rüftungsmaßnahme gewesen ist. Aber Großbritannien kann sich mit einer Fortdauer des jetzigen ausfallenden Mißverhältnisses zwischen seiner Luftflotte und denen Frankreichs und Sowjetrußlands nicht abfinden. Abgesehen davon hat Großbritannien keinen Grund, einen hohen Preis in Form neuer „Garantien" für eine bloße Rüstungsbegrenzung
zu bezahlen. Denn ein solches Abkommen läßt das Hauptziel der britischen Politik unerfüllt. Trotzdem blickt die Regierung mit Interesse und Spannung den angekündigten Erläuterungen der französischen Regierung über ein Garantiesystem entgegen.
Der Gedanke des wirtschaftlichen Boykotts eines Staates, der das Abkommen verletzt, mag auf den ersten Blick anziehend erscheinen. Aber wenn eine oder mehrere Mächte an dem Abkommen nicht beteiligt sind, oder sich weigern, dem Boykott zuzustimmen, dann können sie noch immer die schuldige Macht mit allem beliefern, was ihr von den anderen Staaten vorenthalten wird. Ein durch eine Blockade erreichter allgemeiner Boykott könne leicht zum Kriege nicht nur mit der blockierten Macht, sondern auch mit den anderen Großmächten führen. Die Minister sind sich der Gefahr eines solchen Systems, das an das Genfer Protokoll von 1924 erinnert, vollauf bewußt. Es mag nicht unangebracht fein, daran zu erinnern, daß dieses Protokoll von Henderson in Genf paraphiert, aber von den maßgebenden Ministern des damaligen Kabinetts der Arbeiterpartei heftig bekämpft und schließlich von dem neuen konservativen Kabinett 1925 verwor - f e n worden ist.
Barthou informiert sich.
Oie Reise nach Warschau. — Iran^ois-poncet in Paris.
Paris, 10. April. (DNB.) Nachdem Außenminister Barthou am Montagnachmittag eine Stunde mit dem französischen Botschafter in Warschau Laroche verhandelt hatte, sprach er längere Zeit mit dem französischen Botschafter in Berlin, Francois Poncet. Er zog dann den Botschafter Laroche wieder zu der Unterredung hinzu. Anschließend daran verhandelte er wiederum eine Stunde allein mit Francois Poncet. — In gut unterrichteten Kreisen nimmt man an, daß die Besprechungen der Vorbereitung der Reise Barthous nach Polen gegolten haben. Es dürfte auch der deutsch-polnische Nichtangriffspakt eingehend besprochen und geprüft worden sein, vor allem hinsichtlich seiner Rückwirkungen auf die Lage in Osteuropa und auf die polnische Politik überhaupt. Die deutschpolnischen Beziehungen hätten auch den Uebergang zu der Unterredung zwischen Barthou und Francois Poncet gebildet, in der die Abrüstungsfrage besprochen worden sei. Die Frage der deutschen „Aufrüstung" bleibe das Hauptproblem der Ab- rüstungskonferenz. Sollte am 23. Mai der Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz zusammentreten, so beabsichtige Barthou, sich selbst nach Gens zu begeben, wo er übrigens auch am 7. Mai schon an der Sitzung des Völkerbundsrats teilnehmen werde, weil dieser sich dann mit der Saarfrage beschäftige, die Barthou mit Francois Poncet ebenfalls erörtert haben dürfte.
Die Bedeutung der Unterredung Barthous mit Francois Poncet wird auch von der Presse unterstrichen. Es ist natürlich, schreibt das „Journal", daß jetzt, wo der entscheidende Verhandlungs
abschnitt beginnt, die französische Negierung die Ansicht des Mannes, der über die Einstellung Deutschlands am besten unterrichtet ist, kennenlernen will und ihm entsprechende Anweisungen geben wird. Die Angelegenheit ist zu ernst, als daß man sich nicht vor der Entscheidung m i t einem Hochstmaß von Garantien umgibt. Francois Poncet hat Barthou höchst wichtigen Aufschluß geben können.
Das „Echo de Paris" erklärt, es werde in feiner Auffassung, daß die französische Politik ins Schwanken gekommen sei, immer mehr gestärkt. „Wir lehnen nicht mehr so kategorisch den Gedanken ab, eine Aufrüstung Deutschlands wenigstens in gewissen Grenzen zu legalisieren. Auf jeden Fall geben wir zu verstehen, daß der Haupt- ausschuß der Abrüstungskonferenz hierzu Stellung zu nehmen hat, und auf Grund dieser Tatsache ermöglichen wir es Henderson und Eden, ihre Verhandlungen wieder aufzunehmen. Gleichzeitig vertagen wir die in London verlangten Erklärungen über die Ausführungsgarantien unter dem Vorwand, daß diese Garantien unmöglich festgelegt werden können, so lange der Inhalt des etwaigen Abkommens unbekannt ist." Das Blatt vertritt den Standpunkt, man dürfe sich nicht auf das etnlaffen, was Deutschland verlange, sondern müßte Deutschlands Rüstungs- st a n d f e ft ft e 11 e n , erst dann könne Frankreich in voller Kenntnis der Sachlage seine Bedingungen stellen.
Auch das „Journal" scheint mit der Wendung, die die Besprechungen nehmen, nicht zufrieden zu sein. Jedenfalls bemüht es sich nachzuweisen, daß
Frankreich, wenn es auch die Aussprache annehme, damit nicht die Aufrüstung Deutschlands und seine eigene Abrüstung zulasse. Wenn man behaupte, daß Frankreich sich juristisch für verpflichtet halte, abzurüsten, so sei das völlig falsch. Barthou habe im Gegenteil bewiesen, daß Frankreich b e - reits viel weiter abgerüstet habe, als klug sei. Ein neuer Plan, der die Herabsetzungen der Rüstungen ausschaltet, setze die einmütige Zustimmung der Konferenz voraus; Frankreich werde nicht auf die Unterstützung seiner Alliierten verzichten.
Kein Besuch Barthous in Berlin.
Paris, 10. April. (DNB.-Funkspruch.) Die Morgenpresse erklärt, daß Außenminister Barthou sich direkt nach Warschau begeben und nicht in Berlin Halt machen werde. Der halbamtliche „Petit Parisien" bezeichnet die Gerüchte über eine Einladung der Reichsregierung an Barthou als Phantasie. Der „Matin" meint, daß die Notwendigkeit eines derartiges Besuches vorläufig nicht einzusehen sei. Der „Excelsior" glaubt, daß in der Tatsache, daß kurz vorher oder sofort nach den französisch-polnischen Besprechungen kein deutsch-französischer Meinungsaustausch stattfinde, kein Werturteil liege. Deutschland habe stets die Möglichkeit, mit der französischen Regierung auf diplomatischem Wege zu verkehren. Wenn in der Folge direkte Besprechungen für eine von Frankreich aufrichtig gewünschte Annäherung als nützlich erachtet würden, bann konnten sie Gegenstand späterer Verhandlungen sein.
Unbegründete Sorgen um den deutschen Wehrhaushali.
London, 9. April. (DNB.) Im Unterhause richtete der Abgeordnete B o o t h y an den Staatssekretär des Auswärtigen folgende Fragen: Sind Sie auf die bedeutende Zunahme der Ausgabenvoranschläge für Marine, Landheer und Luftfahrt imdeutschen Budget aufmerksam gemacht worden? Beabsichtigen Sie, sofort Schritte zu unternehmen, um den Zweck dieses Mehraufwandes festzustellen? Stellen diese Mehrausgaben einen Bruch des Versailler Vertrages dar?
Simon erwiderte: Die deutschen Haushaltsvoranschläge für Marine, Landheer und für die Luftfahrt weisen im Vergleich zu 1933 folgende Ausgabensteigerungen auf: Die Marineausgaben, die 1933 sich auf 183 Millionen Mark beliefen, sind im Haushalt 1934 mit 233 Millionen an- gesetzt, d. h. sie sind 50 Millionen hoher. Für das Land Heer waren 1933 472 Millionen angesetzt, 1934 dagegen 674 Millionen, das bedeutet eine Zunahme um 175 Millionen Mark. Für das Luft- schiffahrtsministerium waren 1933 78 Millionen vorgesehen. Für 1934 beträgt der Voranschlag 210 Millionen, die Ausgaben haben sich also um 132 Millionen erhöht. Die englische Regierung unterzieht diese Angelegenheit der ernsthaftesten Ueberlegung (Beifall). Ich habe den britischen Botschafter in Berlin ersucht, bei der deutschen Regierung Erkundigungen über die Angelegenheit einzuziehen. Ich hoffe, im Laufe dieser Woche noch Informationen zu bekommen.
*
Zu der Anfrage Boothbys und der Antwort Simons ist zunächst feftzuftellen, daß der Versailler Vertrag eine Begrenzung des finanzielle n Te i l e s des deutschen Wehretats in keinem seiner Teile vorsieht. Die Erhöhung des Haushaltsvoranschlages für das Landheer ist bedingt durch die Vorbereitungen für die in Aussicht genommene Umftellung des deutschen Heeres von einem l a n g f r i ft ig dienenden Heer in ein kurzfristig dienendes. Dies wird natürlich mit einem bedeutenden Kostenaufwand verknüpft fein. Die vorhergefehene Steigerung der Marineausgaben hat feinen Grund in der Ueberalterung des Schiffsmaterials der Reichsmarine. Eine Erneuerung des Bestandes ist unumgänglich erforderlich, da das überalterte Schiffsmaterial zum Teil geradezu eine Gefahr für b i e Besatzung ber Schiffe barstellt. Die Erhöhung ber für bas Luftfahrtministerium vorgesehenen Ausgaben finbet ihren Grund in bem allmähligen Ersatz ber einmotorigen Verkehrsflugzeuge burch mehrmotorige, eine Maßnahme, die zur Erhöhungder Sicherheit im Luftverkehr erforderlich ist. Ferner wird ein Teil der Kosten hervorgerufen durch die Erfordernisse des Luftschutzes, der natürlich für ein 65-Millionen-Volk bedeutende Ausgaben mit sich bringt.
Amerika verlegt Teile der pazisiksiotte in den Atlantik.
Los Angeles, 9. April. (DNB.) Die bereits seit einiger Zeit geplante Verlegung eines Teiles der Pazifik-Flotte nach dem Atlantischen Ozean ist nunmehr erfolgt. 104 Kriegsschiffe, die insgesamt neben 300 Flugzeugen 45 000 Mann Besatzung an Bord haben, liefen am Montag in Richtung Panamakanal aus. Die Schiffe werden in den Gewässern vor dem Panamakanal große Manöver abhalten, die am 12. Mai im Karibischen Meer beendet werden. Die Kriegsschiffe werden bann Enbe Mai in Neuyork eintreffen unb bort von Präsident Roosevelt besichtigt werden. Die Flottenverschiebung bringt die Uebersiedlung von insgesamt 1 2 5 0 0 0 Menschen einschließlich der Familien- angehörigen von der Küste des Stillen Ozeans zur Atlantischen Küste mit sich.


