Das Rätsel einer Frühlingsnacht Vornan von Gert Gothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Verlag, Halle, Saale
19 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Graf Härtlingen würde kommen. Hierher in ihr altes, schönes Kleoen würde er kommen. Alles weitere würde sich ja dann finden. Es war so unauffällig, was sie da ausgesonnen. Ganz Kleven war voll fröhlicher Gäste, wenn er kam: er würde nicht im entferntesten ahnen können, daß eine alte Frau, der jetzt die Ruhe das Liebste war, sich seinetwegen in all diesen Trubel gestürzt.
Niemand würde das ahnen.
Und es fand sich so viel Gelegenheit bei diesem Trubel, daß Rudolf Härtlingen sich der schönen kleinen Gertraude nähern konnte.
Wie aber, wenn er infolge der Aehnlichkeit mit seiner ersten Frau Gertraude haßte? Würde sie, die Fürstin, dann nicht gerade das Gegenteil von dem erreichen, was sie bezweckt hatte? Wenn Graf Härtlingen sich abwandte?
Aber — es hieß doch, er habe seine Frau sehr geliebt. Und wer sollte ihm denn etwas über sie erzählt haben? Doch nicht etwa jener merkwürdige Freund?
Wenn ja, dann war es allerdings mehr wie möglich, daß Graf Härtlingen sich von Gertraude abwandte.
Die Fürstin senkte den silberlockigen Kopf. Auf einmol erschien ihr ihre sich selbst gestellte Mission schwer. Unendlich schwer!
Elftes Kapitel.
Gertraude war vor einer Stunde aus dem Rosenschloß zurückgekommen.
„Als Gesellschafterin nun schon gleich gar nicht erst auftreten", hatte die Fürstin tags zuvor zu ihr gesagt. „Ich bereue es schon, in dieser Beziehung meinen beiden Nichten gegenüber ein bißchen unklug gewesen zu sein; aber das renke ich jetzt gleich an Ort und Stelle wieder ein. Und nun, Kindchen, machen Sie sich schön! Ich will Staat machen mit Ihnen!"
Und Gertraude hatte sich wirklich „schön" gemacht. Sie hatte zwar nur ein blaßblaues Seidenkleid angezogen, hatte das goldblonde Haar sorgfältig gebürstet, hatte die einfache, lange weiße Kette um den schlanken weißen Hals gelegt und hatte es verschmäht, dem sehr blassen Aussehen abzuhelfen. Trotzdem war sie sofort der Mittelpunkt der Gesellschaft, die vollzählig beisammen war. Aber Gertraude wußte bereits vorher, daß Graf Härtlingen nicht da sein würde. Er hatte ein Telegramm gesandt, das sein Kommen erst für den anderen Tag, meldete. ' I
Der Tag war nun gekommen.
Das Auto war zur Bahn gefahren, um den ankommenden Gast abzuholen. Vor einer Viertelstunde war es weggefahren, das dunkelgraue große Auto der Fürstin Kleven. Nun würde es wiederkommen, würde den Mann bringen, dem ihre Liebe gehörte, der ihr Herr war, und der sie verachten mußte, wenn er alles wußte!
Gertraude lehnte sich ans Fenster. Ihr Blick verschleierte sich. Sie hielt es plötzlich für ausgeschlossen, daß sie Rudolf Härtlingen entgegentreten sollte, ruhig, harmlos, wie die alte gütige Frau das von ihr verlangte; sie hatte ihr darauf noch ein Versprechen abgenommen.
Ruhig? Ruhig entgegentreten sollte sie Rudolf Härtlingen? Ja, stand denn nicht zwischen ihm und ihr jene Frühlingsnacht im Park von Härtlingen?
Ein dreimaliges Hupen erklang.
Gertraude erzitterte bis ins Herz hinein.
Dann preßte sie das feine Gesicht an den Vorhang.
Der Wagen hielt im Schloßhof. Elastisch sprang der hochgewachsene Mann heraus, noch ehe der Chauffeur die Tür öffnen konnte.
Rudolf Härtlingen!
Mit weit offenen Augen blickte das junge Weib zu dem Manne hinunter, dessen große Augen leicht spöttisch die Fensterfront des Schlosses überflogen. Wahrscheinlich bemerkte er mehr oder minder diskrete Beobachterinnen und — vielleicht auch Beob-i achter. Denn ohne allen Zweifel war der Besuch des interessanten Grasen Härtlingen eine Sache für! sich während dieser geselligen Wochen im Schlosse! der Fürstin Kleoen. Man kannte ja seinen „Fall" — kannte ihn genau, besprach ihn noch nachträglich, diesen „Fall seiner Ehe", und konnte es nicht erwarten, daß er nun kam.
„Er ist einer der interessantesten Menschen, die ich je kennenlernte!" hatte Herr von Hülsen-Berlach gesagt. Am vorhergehenden Abend war das gewesen.
Gertraude hatte schweigend zugehört. Wenn diese Menschen es wüßten, was sie mit dem Grafen Härtlingen verband! Unauslöschlich verband!
Und sie lauschte auf das Gespräch, ihr Herz flatterte ängstlich. Wußten die Menschen hier, wie Le- lias Jugend ausgesehen hatte?
„Er hat eine wunderschöne Frau besessen. Er muß sie wahnsinnig geliebt haben, denn er hielt sie ganz in Härtlingen verborgen!" sagte eine Dame.
„Ein furchtbarer Fall, daß der eigene Bruder die Schwester ermordete!" sagte Herr von Bredow. „Es gehören schon Nerven dazu, über all das hinwegzukommen. Nun, der schöne Härtlingen hat Vergessenheit gesucht. Tolle Geschichten erzählt man sich. Eigentlich paßt nun dieses tolle Leben, das er jetzt führt, nicht so recht mit in das Gerücht, daß ber Graf seine Frau toll geliebt hat, und daß er vor Schmerz über ihren furchtbaren Tod beinah irrsinnig geworden wäre."
Fürstin Kleoen ergriff Gertraudes Hand, strei
chelte sie zärtlich, diese kleine, schmale, schneeweiße Hand.
Sie wußte, was das junge Weib beim Anhören dieses Gespräches leiden mußte.
In diesem letzten Jahre hatte sie ja über alles die Wahrheit erfahren. Sie wußte, daß der eigene Bruder die Schwester ermordet. Aber diese Tat konnte wohl nicht mehr ganz das Grauen auf dieses junge Geschöpf senken, seit Gertraude wußte, welch ein leichtsinniges Leben ihre nächsten Angehörigen geführt hatten.
Und nun wußte Gertraude auch, daß Venjo Holm gejprochen hatte. Daß er dem Grasen Härtlingen die Wahrheit gebeichtet, und daß der nun nicht mehr um die schöne, treulose Lelia trauerte, sondern draußen im rauschenden Leben diese Episode zu vergessen suchte.
Damals in jener Nacht im Park von Härtlingen, da hatte sein ganzes Sein noch nach Lelia verlangt, hatte sein Herz in wilder Sehnsucht nach ihr geschrien, war es gekommen, daß er die junge Schwester der Toten für Lelia selbst halten konnte!
Jetzt würde er alles, was mit jener Zeit zusammenhing, nur noch verachten!
Nun, da sie wußte, welch ein Leben Graf Härtlingen jetzt führte, da wurde es klar in ihr, daß er über Lelia alles, alles wußte?
War es recht von Venjo Holm gewesen? Hätte er der armen Toten den Glorienschein nicht lassen sollen? Oder — hatte Venjo Holm erkannt, daß er einen scharfen Schnitt tun mußte, um Rudolf Härtlingen dem Leben zurückzugeben?
Tief senkte Gertraude Schwarzkoppen den schonen, goldig schimmernden Kopf.
Mit Verachtung würde er nur noch an den Traum zurückdenken, den er in einer stillen schonen Nacht im Park von Härtlingen geträumt.
Das Leben war grausam!
Es hatte Rudolf Härtlingen gewandelt! Er schritt gewiß jetzt spöttisch lächelnd über jede Frau hinweg.
Gertraude hatte in dieser vergangenen Nacht fast nicht geschlafen. Immer sah sie Rudolf Härtlingen vor sich, wie er auf dem Bilde war. Und — wie sie ihn persönlich in Erinnerung hatte. Und — jetzt sah sie ihn!
Dieser Mund hatte sie geküßt! Oh, so heiß geküßt!
Doch es war ja Betrug gewesen. Betrug! Denn er küßte ja Lelia! In seinem trostlosen Schmerz um sie, in seiner noch immer bestehenden heißen Liebe umfing er sie, Lelia, die vermeintliche Lelia. Er würde sich jetzt von diesem Betrug, den man an ihm verübt, verächtlich abwenden.
Gertraude wandte sich ins Zimmer zurück. Sie hatte nur noch gesehen, wie man den Grasen unten empfing. Sie vernahm eine tiefe, schone Stimme; da stürzten ihr die heißen Tränen über das stille, schöne, weiße Gesicht.
Nie war eine große, heiße Liebe aussichtsloser als die meine!, dachte sie ergeben.
Niemals würde dieser Mann sie an sein Herz nehmen. Niemals! Sie wußte das plötzlich so klar
und deutlich, als hätte er es ihr bereits gesagt.
Eine Stunde daraus — Gertraude hatte still in einer Ecke ihres gemütlichen Zimmers gesessen — ließ ihr die Fürstin sagen, sie erwarte sie in einer halben Stunde zum Tee. Die ganze Gesellschaft sei noch im Park und werde im japanischen Pavillon den Tee nehmen.
Gertraude nickte.
„Sagen Sie Ihrer Durchlaucht, daß ich mich pünktlich einfinden werde!" sagte sie freundlich.
Als der Diener das Zimmer verlassen, preßte sie beide Hände auf ihr wild schlagendes Herz.
Kam jetzt vielleicht schon der gefürchtete, ersehnte Augenblick?
Gertraude badete die Augen, wusch sich das Ge- sicht mit Kölnischem Wasser, und bann kleidete sie sich um.
Ein ganz weiches, dunkelblaues Seidenkleid, das mit seinem Kragen und den Manschetten von feinsten Spitzen ungemein vornehm wirkte. Wundervoll hob sich das goldene Blond des schonen, lockigen Haares von dem dezenten Blau des Kleides ab. Fieberhaft groß und glänzend waren die Augen, und die ungeheure Erregung zauberte ein zartes Rot über das schöne, gemmenhafte Gesicht.
Gertraude stand einen Augenblick regungslos da. Sie schloß die Augen und flüsterte:
„Ich liebe dich, Rudolf Härtlingen! Ich liebe dich! Wenn ich doch gutmachen dürfte an dir, was sie dir angetan. Doch niemals wird sich mein Sehnen nach deiner Liebe erfüllen, ich weiß es ja, und darum will ich stark fein; du sollst nicht fühlen, wie sehr es mich trifft, wenn du dich verächtlich von mir wendest, weil ich Lelias Schwester bin."
Inzwischen saß Graf Härtlingen der Fürstin in deren schönem, mit altmodischer Pracht eingerichtetem Teezimmer gegenüber. Sein verwöhnter Blick hellte sich auf, weil er nur wertvollste Gegenstände sah, wohin er auch blickte. Das wundervolle, alte Porzellan , die antiken niederen Möbel, die zwei alten niederländischen Meister! Und dazu diese liebenswürdige, vornehme alte Dame, die so unterhaltend' zu plaudern verstand. Er war im Teezimmer einer Dame früherer Zeit. Früherer guter Zeit!
„Bitte rauchen Sie, lieber Graf. Ja, ich habe Sie nie vergessen können. Wo werde ich beim! Der schneidigste Reiter waren Sie damals auf jenem historischen Turnier! Und — ich habe Ihre Mutter gekannt, Rudolf Härtlingen. Dies und noch etwas anderes veranlaßten mich, Sie so dringend zu bitten, an der auf einige Wochen berechneten Geselligkeit in meinem alten Kleven teilzunehmen. Ich brauche nicht zu versichern, wie sehr ich mich freue, daß Sie es möglich machten."
Er beugte sich über die feine, welke Hand dieser Frau, die ihm immer anbetungswürdig und hoheits» voll in Erinnerung geblieben war, seit er sie damals auf dem Turnier des süddeutschen Herrschers kennenlernen durste.
sFortsetzung folgt.)
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