Nr. 156 viertes Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 7. Zuli 1934
Wandern und Reisen ♦ Bäder und Sommerfrischen.
Wanderfahrten
besichtigen können. Auch ein Besuch der durch ihre
ideal zu reisen weiß, verspürt den herrlichsten ।
Wem es vergönnt war, von der Steilküste des
den die Bilder vom Samlandstrande in seiner Er
innerung nicht verblassen. Diese stolzen Üferhöhen, von denen man den Blick auf die grünen, schaumgekrönten Wogen der Ostsee hat, diese wildromantischen Schluchten, der üppige Baumbestand können auch verwöhnte Touristen erfreuen.
Eine Reihe bekannter Bäder und solcher, die im Aufblühen begriffen sind, hat das Samland aufzuweisen. Das von Königsberg aus am leichtesten zu erreichende Seebad Cranz ist nur eine halbe Stunde Bahnfahrt von der Hauptstadt der Provinz entfernt. Der Ort liegt an jener Meeresbucht, die ihre Bildung der Kurischen Nehrung und der nörd-
drücke reagiert. Wir sehen eine holde Landschaft im letzten Sinn nicht in uns hinein, sondern wir sehen sie aus uns heraus, — aus unserer heiteren oder gequälten Seele, je nachdem. Wer glücklich ist und nun auf Reisen geht in der Hoffnung, er werde durch den Zauber einer neuen Umgebung das Glück gewinnen, sieht sich immer getäuscht. Nein, der Glückliche selbst soll auf Reisen gehen, er ist der wahrhaft genießende und ideale Reisende: ihm liegt die Welt in ihrer heitersten Schönheit da.
Glückliche Reise!
Cranz, aber den Vorzug, an einen mehrere tausend Morgen großen Laub-' und Nadelwald zu stoßen, der weite Wanderungen, Wanderungen nach der Kurischen Nehrung, begünstigt. Von allen ostpreußischen Seebädern ist Cranz das älteste. Dor mehr als hundert Jahren ist dieser Badeort entstanden und ist in stets wachsendem Aufschwung geblieben.
Neukuhren zeigt bereits Uferhöhen von ansehnlicher Erhebung, die einen weiten Blick auf die See gestatten. Ausgedehnte Anlagen längs des Hochufers ermöglichen Wanderungen unter schattigen Bäumen, neben dichten Hecken. Nahe der Küste liegt das liebliche Lachsbachtal, ein Naturpark von besonderer Schönheit. Tief unten im Tal rauscht der Bach, steil stürzt das Ufer auf der Neukuhrener Seite zum Bach ab.
In Rauschen, das sich in verhältnismäßig kurzer Zeit vom Fischerdorf zu einem modernen Seebad entwickelt hat, lernt man die eigentliche Steilküste kennen. Hier ist das Landschaftsbild ein anderes. Die Steilküste und ihre Schluchten treten dem Kenner anderer Ostseebäder als etwas Neues entgegen. Und überall in diesem wildzerklüfteten Dühnengebiet ein üppiger Baumbestand. Der Bade
sten, aber die eindrucksvollsten, das Herz war jung und voller Begeisterung, alles, was man sah, war neu und erregend, und in jugendlichem lieber» schwang meinte man triumphierend, man sei der Herr der Welt.
Wohin wir auch reisen und soviel Ballast wir auch daheim lassen (man kann gar nicht genug daheim lassen), — etwas begleitet uns immer: unser eigenes Ich. Ihm können wir nicht entrinnen. Im letzten Sinn kommt es deshalb nicht auf die Eindrücke an, welche uns eine Reife entgegenbringt, sondern darauf, wie unser Inneres auf diese Ei'n-
mein Vater in jungen Jahren als Verwalter tätig gewesen war, bei einem ewig schimpfenden Trainer das Reiten lernte. Diese Gamaschen sind auf Rei-
Welch ein Genuß schon das Reisen auf der Landkarte! An stillen Winterabenden nimmt man begehrlich den Atlas vor, macht Pläne, tastet vertraute Gebiete ab, die mit bunten, geliebten Er
Ldingen — Greifenstein — Beilstein — Rasen berg — Löhnberg.
Wir fahren mit dem Frühzug nach Edingen (Sonntagskarte Katzensurt, Braunfels zurück, bis Edingen, später Löhnberg—Braunfels nachlösen). Auf steilem, aber durch seine Fernblicke äußerst lohnenden Ausstieg erreichen wir die hochgelegene Burgruine Greifenstein, die wir gegen ein Entgelt
Straße ein hübsches Panorama. Stets bergab erreichen wir über Niedershausen nach insgesamt fünfstündiger Wanderung unser Endziel Löhnberg.
Großen-Vuseck — Climbach — Allendorf — Totenberg — Fronhaufen.
Von unserem Ausgangspunkt Großen-Buseck benutzen wir für unsere Wanderung die rote Punktmarkierung, die uns über den Hohe Berg mit schönem Blick in das Buseckertal in einsame Wald- beftänbe bringt. Unterwegs kreuzen wir blaue Dreiecke, und beim Aspenkippel, dem wohlerhaltenen Krater eines ausgebrannten Vulkans, treffen wir blaue Striche, die gemeinsam mit unserem Zeichen nach dem hochgelegenen Climbach gehen. Von hier wandern wir mit herrlicher Aussicht in das Lumdatal, auf Nordeck und Winnen abwärts nach dem Städtchen Allendorf mit guten Gasthäusern. Die roten Punkte führen uns weiter hinauf zum 356 m hohen Totenberg, der mit einem Ringwall umgeben ist, und von dem sich eine großartige Rundschau bietet. Bald nach unserem Abstieg stoßen wir auf rote Striche, denen wir jetzt folgen und zunächst auf schönen Waldwegen nach Hassenhausen und später auf der Landstraße über Bellnhausen nach unserem Endziel Fronhausen gelangen. Dauer der Wanderung sechs Stunden.
sen immer bei mir, sie schützen mich im struppigen Heidekraut, auf umgebrochenen Ackerschollen hinter Hasen und Hühnern her, in rauhen Felsengeaenden Afrikas und in dem fettigen Boden der Marsch.
*
Unvergeßlich die ersten Reisen, die man als «Linie seine Beliebtheit. Die Uferhöhen haben einst-.ort selbst mit seinen malerischen Villen und den junger Bursche unternahm. Es waren die primitiv-! weilen noch eine geringe Steigung. Dafür hat l zahlreichen modernen Gaststätten steht den bekann-
Herrlichkeit des Reifens.
Von Hans Bethge
Reisen ist eines der leuchtenden Blumenbeete in dem verwilderten Garten unseres Daseins. Ich meine das Reisen um des Reisens willen, ohne Zweck oder doch nur mit dem einen Zweck: sich in der Welt zu tummeln, anmutige Gegenden kennenzulernen, Abenteuer zu bestehen, sich vom Strom des Daseins tragen zu lassen. Immer auf dem gleichen Fleck dieser Erdscholle sitzen, das ist auf die Dauer unmöglich. Man würde verdumpfen, man würde geistig verkümmern. Man muß zuweilen zum Morgenkaffee Hamburger „Rundstücke" essen, statt der Berliner „Knüppel". Man muß zuweilen in Kajüten schlafen, statt in dem eigenen Bett, von dem aus man fortwährend auf das gleiche Tapetenmuster starrt, bis man es nicht mehr aushält. Kurz, man muß ab und zu reisen. Unerträglich wäre sonst das Dasein.
Wer kein Verlangen in die Welt hat, ist ein geborener Knecht. Tiere haben kein Verlangen in die Welt. Reisen macht frei, Reisen bildet, Reisen erquickt, Reisen verleiht Flügel.
Natürlich muß man zu reisen verstehen. Wer
innerungen verknüpft sind, oder man sucht neue lichen Küste des Samlandes verdankt. Cranz hat Gegenden auf, zu denen uns ein unbändiges Der- eine freie Lage gegen Westen, Nvrdwesten, Norden langen zieht, und phantasievolle Bilder schweifen , und Nordosten, was einen kräftigen Wellenschlag durch das sehnsuchtsvolle Hirn. bedingt. Diesem verdankt der Badeort in erster
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Rhythmus des Wechsels, und was ist schöner als I Stuckarbeiten berühmten Kirche ist zu empfehlen.
Wechsel, Veränderung, freiwilliges Preisgeben des Blaue Striche fuhren uns von hier weiter, zunächst
Erschöpften, hoffnungsvolles Suchen des Ünbekann- durch schönen Hochwald an dessen Rand sich ein
fen? ‘ , prächtiger Rückblick erschließt, spater über Wiesen
Welch herrliches Gefühl, wenn man seinen lieben und an der Beilsteiner Ley. einem sriiher mächtigen alten Soffer hervorholt, den Staub herunterwifcht.! Bafaltsteinbruch vorüber nach dem anmutig gelegen dann liebkosend über das Leder sährt und anfängt "en Beilftmn, das von einer Burgruine überragt einzupacken. Dieser alte Genosse hat schon manches ist. (Hinter der Ruine gute Wirtschaft.) In Beilstein erlebt und vieler Herren Länder gesehen. - da-1 treffen wir die Wanderstrecke 7 des Westerwald- mals, als das noch möglich war. Er ist an allen °-r-tns, die uns bis zum Schluß das Geleit gibt. Seiten beklebt mit den lustigen Reklamezetteln Wir kommen an der sehenswerten Schmalburger ferner Hotels, die am Meere liegen, am Wüsten- Ley und an Viehweiden vorüber zum 512 m hohen rand, auf Bergen, in den Nestern kleiner entlegener Rosenberg, von dessen Kamm sich eine weile herr- Staaten und in den Städten der großen Welt. .liehe Aussicht bis zu den fernen Lahnhohen wie
Da find noch ein paar andere treue Kumpane, die Limburg und Schaumburg sowie FeldbeiA Duns- mich auf allen Reifen begleiten. Ich bin im glück- i berg. Hoheniolms und Gre,fenst-ln bietet. Wir kom- lichen Befitz eines köstlichen steirifchen Lodenhutes. nien an der Oberforftere, Johann,sburg oorbei und von Pichler in Graz, der die besten fabriziert. Ich genießen auf der nach Obershaufen hlnabfuhrenden
An her Gamländischen Steilküste 3-m Edmund Gcharein.
besitze ihn seit Jahrzehnten, er hat die Form einer Pickelhaube, man kann ihn knüllen und knautschen, er bleibt immer schön, er hat im wechselvollen Laus der Zeiten einen wundervollen Edelrost angesetzt, ähnlich wie Bronze den schillernden Grünspan anfetzt, und ich glaube nicht, daß mir das Reisen noch Spaß machen würde, wenn ich diesen lieben, treuen Hut verlöre. Da sind ferner ein Paar gute Samlandes den Blick auf die Wogen des Baltischen Rindledergamaschen, schöner als alle modernen1 Meeres zu richten, wer je das farbenprächtige Formen, leicht und unverwüstlich, an den Seiten Schauspiel eines Sonnenunterganges über dem mit Lederriemen emporzuschnüren, sie stammen' Meere von stolzer Uferhöhe gesehen hat, der wird noch aus der schönen Zeit, da ich als junger Kerl Eindrücke empfangen haben, die im Gedächtnis haf- auf demselben mitteldeutschen Gutshof, auf bem'ten. Auch wenn er ferne Ozeane gesehen hat, wer- ™tSUnT-mnU/iv tnfin ! hon hio 'Rilhor nnm Pinmfnnhftrnnhp in fpinpr i< r?
ten Seebädern Pommerns und Mecklenburgs nicht nach. Sportliche Veranstaltungen, die hier alljährlich stattfinden und zahlreiche Teilnehmer aus allen Gegenden des Reiches herbeilocken, haben schon seit längerer Zeit einen Ruf erlangt.
In kurzer Wanderung erreichte der Tourist das in frohwüchsigen Wald gebettete Ostseebad Gearge n s w a l d e. Das schmucke Kurhaus, die freundlichen Villen, die zahlreichen Ausblicke von stolzer Uferhöhe, die Nähe der ausgedehnten, durch ihren Wildbestand bekannten Warnicker Forst — auch das Elchwild ist hier zu Haufe —: das alles verleiht diesem Badeort einen besonderen Reiz. Eine weitere Wanderung führt uns nach W a r n i ck e n durch den durch seinen alten Baumbestand bekannten War- nicker Park.
Während die Meeresküste von Cranz bis War- nicken alljährlich vom Frühling bis in den Herbst von Zehntausenden von Ausflüglern besucht wird, lassen sich im westlichen Teil des Samlandes verhältnismäßig wenig Gäste feststellen. Und doch finden sich gerade in diesem Gebiet Punkte, die die des übrigen Samlandes an Eigenart noch übertreffen, Stätten, die aus mancherlei Rücksichten einen Besuch angezeigt erscheinen lassen, um nur an Brüsterort und das bekannte Bernsteinwerk Palmnicken zu erinnern. Diese Vernachlässigung eines in geologischer Beziehung reizvollen Landschaftsgebietes durch den Fremdenverkehr hat ihren hauptsächlichen Grund in weniger guten Verkehrsmitteln. Die Erschließung der Küste von Cranz bis Warnicken ist auf die Bahnlinien, die Königsberg mit den beiden Orten verbinden, zurückzuführen. Der schon einige Jahre bestehende Krastwagendienst, der den Personenverkehr vom Bahnhof Warnicken aus mit verschiedenen Punkten des westlichen Samlandes regelt, wird von Bäderbesuchern und Touristen als große Annehmlichkeit empfunden, zumal da die Ankunft- und Abfahrtzeiten der Züge berücksichtigt sind. Wem also eine Küstenwanderung in sommerlicher Sonnenglut zu beschwerlich ist, der hat jetzt die Möglichkeit, im Kraftwagen größere Strecken zurückzulegen, um dann an Punkten, die Besonderes bieten, zu verweilen.
An solchen Punkten ist dieser Teil des Samlandes gewiß nicht arm. Da ist zunächst Groß-Kuhren. Vieles deutet darauf hin, daß der Ort noch in der Entwicklung vom Fischerdorf zum Badeort begriffen ist. Aber die Küste, diese Küste mit ihren Erhebungen, ihren Schluchten, ihren ständig anziehenden Formen bietet stets neue Bilder. Kaum irgendwo sind Küstenabstürze und Erdrutsche in solcher Zahl zu verzeichnen wie an dieser Stelle unserer Sam- ländischen Steilküste. Klein-Kuhren gewinnt durch die terrassenförmig übereinander gebauten Fischerhäuschen, die dem Wanderer erste Grüße zuwinken, fast das Aussehen eines Gebirgsdorfes; dieser Eindruck wird noch verstärkt durch das schäumende Wasser des Finkener Mühlenfließes, das es so eilig hat, zum freien Meere zu gelangen. Wer dann von ragender Höhe dem Spiel der Wellen zusieht und dem Treiben der Fischer, die mit dem Gezeuge beschäftigt sind, wer seinen Blick richtet von dem mannigfachen Gestein, das vom Strande her emporleuchtet, zu den Seglern und Motorkuttern, die gegen die nimmerruhenden Wellen ankämpfen, der wird sich diesen Eindrücken nicht entziehen können, wird verstehen, warum gerade dieser herbe Teil der Küste seinen Stamm von Besuchern hat. Unter ihnen finden sich solche mit bekannten Namen, Künstler, Gelehrte, die nicht die Mühsal beschwerlicher Reise scheuen noch die Kosten, die der weite Weg ihnen verursacht. Da gibt es Menschen, die die Beschwernisse ihres Alters vergessen, die jung werden, zieht der Sommer in dies gesegnete Fleckchen Erde an der Samländischen Küste. Und zu solchen Stätten gehört auch der Wachtbuden-
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