Einzelbild herunterladen

w

i

Mittwoch, 7. Marz

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

ttr.56 Zweites Blatt

senden Rietet, tu* ei ereilt

inger

Burg.

Iungvolk-Führertagung in Hungen

Die

Jungvolk auf dem Marsch. (Aufnahme: Photo-Pfaff, Gießen.)

Hinben-

alle an-

in

was

besagten Kopf an der Wand. Nachdem sie ihn kri­tisch gemußert, ertönte ihre Stimme im Brustton der tiefsten Überzeugung:

Aber hörn Sie emol, Herr Stadtrat, Ihr Hin­denburg do obe, der macht aber ä bös G'sicht!"

Sprach's und ging.

Mädchen ist da, ist hübsch, ist zu allen Schandtaten bereit, es regnet immer noch, also was soll man onst unternehmen und dieser sonderbare Mann vertrödelt seine Zeit mit Ringen.

Vamos, schreien die Muchachos die jungen Burschenehe Vamos, los, los! Denn es wird ihnen allmählich wirklich zu dumm. Und schließlich setzen sie ihre Hüte auf und verlassen unter Protest das Lokal. Ich auch. Der Mann auf der Lein­wand rang vermutlich noch eine Weile einsam weiter. Wir wollen hoffen, daß seine bösen Ge­lüste endlich den Sieg davongetragen haben, auf daß der Film und das ewige schlechte Wetter glück­lich zu ihrem Ende kamen

Eines Tages beim Mittagessen stützte Klein- Fritzchen das Kinn nachdenklich in die Hand und

In irgendeiner kleinen Stadt, in der die Versor­gung der Bevölkerung mit Lebensmitteln auch nicht anders als überall im Reiche vor sich ging, empfing der zuständige Stadtrat jene Leute, die Lebensmit­telkarten zu erhalten wünschten, in seinem Amts­zimmer, das ihm aber auch gleichzeitig zum Wohn­raum diente. So stand denn in einer Ecke ein Kla­vier und über diesem hing, wie üblich, die bekannte Givsmaske von Beethoven.

Frau Lüdecke betrat die Stube, und da sie etwas

fragte:

Sag' mal, Mutti warum ißt denn bürg nicht mit Messer' und Gabel?"

Ueberrascht blickte die Mutter auf:

Aber Frischen natürlich ißt er, wie deren Menschen, mit Messer und Gabel."

Fritzchen schüttelte das Haupt:

Eben nicht, Mutti, lies doch selbst,

Gonntagnachmittag in der Vorstadt.

Vorstadt feiert ihren bescheidenen Sonntag.

Oberjungbannführer Hermann Philippi bei seiner Ansprache an die Führer im Oberjungbann 4/13. (Aufnahme: Photo-Pfaff, Gießen.)

Sochschulnachrichien.

Der Rektor der Universität Frankfurt a. M., Professor Dr. K r i e ck, hat nunmehr den an ihn ergangenen Ruf an die Universität Heidelberg auf den Lehrstuhl Rickerts für Philosophie und Pädagogik zum 1. April endgültig angenommen. Krieck wurde 1933 gleichzeitig mit seiner Er­nennung zum Professor für Philosophie und Päd­agogik zum Rektor der Frankfurter Universität ge­wählt. Vorher, seit November 1928, lehrte Professor Krieck an der Pädagogischen Akademie in Frankfurt. Während dieser Lehrtätigkeit wurde er wegen seines Eintretens für den Nationalsozialismus nach Dort­mund strafversetzt; später wurde gegen ihn ein Disziplinarverfahren mit dem Ziel der Dienstent­lassung eröffnet. Zum Wintersemester 1932/33 wurde er wieder in der Pädagogischen Akademie Frankfurt a. M. ausgenommen. Professor Dr. Krieck ist Ehrendoktor der Universität Heidelberg, hat aber im übrigen nie studiert. Er war bis 1924 im badischen Volksschuldienst tätig. Von 1924 bis 1928 betätigte er sich als freier Schriftsteller und ist damals einer Reihe ehrenvoller Berufungen aus­gewichen. Eine große Reihe von Veröffentlichungen über Philosophie, Erziehung, Wissenschaft und Staat, sowie über die Kulturpolitik trugen ihm den Ehrendoktor der Heidelberger Universität und die Berufung an die Pädagogische Akademie in Frank­furt ein.

Der bekannte Anglist der Münchener Univer- sität, Professor Dr. Max.F o e r st e r, begeht am 8. März seinen 65. Geburtstag. Foerster gehört den Akademien der Wissenschaften in München und Leipzig sowie der Royal Irish Academse zu Dublin als Mitglied an. ferner ist er Ehrendoktor der Uni­versität Dublin. Viele Jahre gab er das Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft heraus. Ferner ist er Herausgeber derPublikationen des sächsischen Forschungsinstitutes für Philologie", derEng­lischen Bibliothek" und derBeiträge zur eng­lischen Philologie".

Der L e i p z i g e r Jurist Professor Dr. K o s ch a » f er, Ordinarius für römisches und deutschem bür­gerliches Recht, wurde von der Universität Oxford zum Ehrendoktor ernannt.

Aus ganz Oberhessen war das junge Führertum am Samstag und Sonntag in Hungen eingetrof­fen. Der Beginn der Schulungstagung sollte mit einem gemeinsamen Erleben gleich rechte Stimmung und Zusammengehörigkeit offenbaren.

Die Kulturveranstaltung am Gamstag

hat diese Absicht zur Tat werden lassen. Der Spiel- mannszug, die Fanfaren und die Landsknechts­trommeln riefen Neues in die Herzen der ver­sammelten Führerschaft. Oberjungbannführer Phi­lippi gab kurz eine Hinweisung zu Otto Bruders Beowols". Nicht ein schönes Leben der einzelnen kann das Letzte sein, so rief er den Hörern zu, mehr als das ist die Zugehörigkeit zum

der Zeitung steht: nach der Begrüßung speiste Hin­denburg mit seinem Stabe ..."

Beim Frisör.

Kleines Frisörgejchäft mit großen Spiegeln. Nur für Männer. Natürlich, denn über einen Damen­salon würde ich nicht schreiben. Die Atmosphäre eines Damensalons ist international, ist immer die­selbe: an der Seine, an der Spree oder am Rio de la Plata. Hier wie dort umklappern kleine Scheren blondestes Kurzhaar, hier wie dort surrt der Heißluftapparat sein dienstbeflissenes Lied, hier wie dort hängt der Geruch von Parfüms, von Seife und erhitztem Haar wie eine zarte Wolke in der Luft.

Dieses Frisörgeschäft aber nur für Män­ner ist typisch. Ist durch und durch hiesig. Hier wird noch unbekümmert, mit einer gewissen lässigen Eleganz geradezu, auf den Boden gespuckt. Und der traurige Ausländer merkt sofort, daß dies eine Sache ist, die von frühesten Kindesbeinen an ge­lernt und geübt sein muß.

Ein Neger mit einem freundlichem Gesicht aus Sahnenschokolade putzt Schuhe und kehrt von Zeit zu Zeit lackschwarze Männerlocken auf dem Stein­boden zu appetitlichen Häufchen zusammen. Das Tuch, mit dem er jedem Schuh die letzte spiegelnde Weihe erteilt, holt er aus der Hosentasche. Aus seinem Wuschelhaar hat er sich mit sehr viel Go- mina eine Art Wellblech verfertigt. Ich möchte wis­sen, ob es klirrt, wenn ich ihm mit dem Bleistift auf die Frisur klopfe.

Männer treten ein, Vorstadtgents, sie sagenche", wenn sie kommen undchau", wenn sie gehen, und fast alle ziehen unschuldig sofort ihre Kragen und Krawatten aus und hängen sie an den Kleider­ständer.

Es herrscht ein herzlicher, vertrauter Ton zwi­schen Kunden und Angestellten. Und wenn sich gar herausstellt, daß beide Anhänger derselben Fuß­ballmannschaft sind, dann kennt die Freundschaft ' feine Grenzen. Im unbeschädigten Zustand lesen die Frisöre je nach Geschmack und Gemütsauffas- sung die Caricatura oder die Sportzeitung, dabei empfinden sie jeden Kunden als unliebsame Stö­rung, woraus sie keinen Hehl machen.

In einer Weltstadt ist man keinen Moment vor aufregenden Ereignissen sicher. So ein Ereignis ist z. B. nach Meinung sämtlicher Angestellter des kleinen Frisörgeschäfts, wenn ein dümmer Fuhr­mann plötzlich contra mano (auf der falschen Seite) fährt. Dann stürzen sie alle an die Tür, voran der Neger. Sie lassen das Feld ihrer Tätigkeit: einge­seifte, kragenlose Kunden, behaftet mit einem sau­beren und einem schmutzigen Schuh, hinter sich und haben keinen Blick mehr dafür. Beschwichtigend, mit weit ausgebreiteten Armen schwebt über dem traulichen Bild eines der Wahrzeichen von Buenos Aires: der Ventilator.

3m Kino.

Ich bin in einem Filmpalast an der Peripherie von Buenos Aires. Es läuft ein aufregender Film, in dem es immerzu regnet, was einen ja wahrhaf­tig aufregen kann. Der tragische Höhepunkt rückt immer näher, der Mann auf der Leinwand ringt mit sich, mit Gott und mit seinem guten Genius. Sein Gesicht drückt alle Phasen seines Seelen­schmerzes aus, obwohl es ein Tonfilm ist, ringt er lautlos, was ihn mir sympathisch macht. Außerdem regnet es, wie gesagt, unentwegt. Der Mann ist unsres tiefsten Mitgefühls wert und gewiß. Seine bösen Gelüste ziehen ihn hin zu der verruchten Schönheit Ioan Crawfords, deren Mund so aussieht, als ob er schon zum Frühstück täglich drei Männer fräße. Sein guter Genius warnt ihn davor. Das Publikum ist animiert, und weit ent­fernt, sich von den hochtragifchen Gebärden des ein- famen Ringers erschüttern zu lassen, lacht es sich halbtot. Da ist etwas, was es nicht versteht, das

Volk. Heute zeigen junge Führerherzen, daß sie sich wieder bekennen zu diesem Äolk.

Es erstand dann vor uns, dargebracht durch dis HJ.-Bannspielschar, das Schicksal der Ahnen. Die Gläubigkeit und der tiefe Ernst der Sprecher er­weckte in allen einen nachhaltigen Eindruck. Da trafen Worte auf uns, die als Motto Über der ge­samten Arbeit stehen könnten.Packt eure Fackel fest, es darf nicht fein, daß Schlaf uns überlistet! Denn das gemeinsam Heilige fordert uns, und keiner darf das Opfer ihm versagen."

Der Sonntag

morgen brachte schon früh Leben in die kleine Stadt. An das Wecken schloß üch der Frühsport an, der den Einwohnern gar sonderbare Sportanzüge offenbarte.

Buenos Aires aus der Nähe

Kleine Erlebnisse abseits der großen Straßen ...

Von Margit Hilleprandt, Buenos Aires.

Mein liebes Muttchen!

Wenn Du mich sehen willst, so gehe doch diese!

Woche ins Kino, uni) zwar zur Wochenschau: l warten mußte, schaute sie sich um und erblickte den

Das Kreuz unterm Latemar.

Von Sofie von Uhde.

Copyright by I. L. A. Wien.

Die weiße Einsamkeit tönte.

Sie sprach in der großen, schweigsamen Art der Höhen, bii fönigen Gratwinde fragten, die ber- stehenden Schneewände anroorteten, und der Hall ihrer Rede flog über die Gipfel und Wolken fort in die Ewigkeit. Da war nichts anderes ringsum als die Stille des Schnees und darüber die wilde Unzu­gänglichkeit der dolomitenen Zacken. Wie ferne wa­ren die geselligen Täler mit den geborgenen Stim­men ihrer Glocken durch die Morgen- und die Abend­dämmerung und den rötlichen Lichtern ihrer Hütten in der winterlichen Nacht! Hier oben war es einsam wie vor Anbeginn der Zeit.

Ich war aus dem lieben Bozen, in dessen Gär­ten schon die weißen und blauen Krokusse zwischen dem willig schmelzenden, spärlichen Schnee standen, in diese Weltenferne herausgekommen, hatte auf dem Grödener Joch bei einem alten, wortkargen ladmi- schen Hüttenwart einen Holzhackerfchmarrn und eine harte Matratze zur Nacht erhalten, hatte mit Schnee und Steilhängen um den Blick der Gipfel gekämpft und hatte mich nun wieder aufgemacht, um aus dieser herben Wahrheit in die Täler zurückzukehren, in den Süden und in den Traum.

Stille ringsum und Einsamkeit. Der gewaltige La­temar stand wie ein Alter aus der Vorzeit der Rie­sen, die Wolken fegten um seine Wände, die Sturme pfiffen in seinen Kaminen, meine einsame Skypur und mein klopfendes Menschherz waren em kindisch' verwegenes Nichts unter der Wucht f

Daiah ich einen kleinen dunklen Punkt m -wm unendlichen Weiß und lief erstaunt darauf zu. w war ein Stück aerwittertes Holz, °?agebacken Eis und Schnee. Mit großer Muhe loste ich es em wenig von seiner Umhüllung und sah ß Kreuz war, das schief aus dem, Schnee ragte^ mtt einer Inschrift daraus, von der ich nur drei sreizulegen vermochte:gefallen a m wachend sah ich mich um: hier war ja das Gebiet SäÄeUnmnmnil°- Gv7 weiß, wer es gewesen war ein Deutscher oder ein Oesierrelcher, grauender Bauer aus den Gebirgstälern. o jLiger Offizier aus den Städten, ein Gelehrt , tieim mitternächtigen Schein ferner ßampe f fe m b Taa des Friedens, ober em frischer Retter, oegen Pferb in die feuchte Kühle des Morgens wieherte.

ein Froher ober ein Bebrückter ich kann es nicht agen: gefallen am 11., bas ist alles, was ich weiß. Ich suchte auch gar nicht mehr zu erfahren, er war für michbas Heer" schlechthin, bie enblose Schlange grauer Männer, bie in ben Tob ging, weil ie gerufen worben war.

Da ftanb es, bas verschneite Kreuzchen unterm Latemar; ein Stückchen mvrschenbes Holz in ber Einsamkeit. Aber es war zuhause hier in bieser ge­waltigen Welt bes Schweigens, und jo winzig es auch war es war nicht kleiner als der Urzeitnese Late­mar'. Denn so ewig und groß wie die Kraft ist bie Atome häuft zu Gipfeln, so ewig unb so groß ist ber Tob.

Sie kannten es alle, bas kleine Kreuz: der Schnee imb ber Winb, die einsam schnürenben Bergfuchse m ben herben Frühlingsnächten, bie Wolken unb bie bonnernben Lawinen. Es war ihnen so.sehr ver- manbt: ba war einer heraufgestiegen, em kleiner Ntenlck> mit bem Gewehr auf bem Rucken, hatte «ft unb gedarbt, weil es seine Pflicht so wollte, und war ben einsamen unb harten ©olbatentob ge­storben weil ba nichts anderes uberblieb Das war eine männliche, reine unb klare Sache unb der männ­lichen Reinheit unb Klarheit der Hohen zutie st ver­wandt Ja, es ftanb hier geachtet unb mit allen Rechten, bas morsche Kreuzchen, unb der Riese Late­mar erdrückte es nicht. .

Ob wohl jemand zu ihm hinaufstelgt und ihm Blumen und Grüße aus den Tälern des Lebens brinaP Stiege er doch lieber zu uns herab, der gute Geist dieses einsamen Vorpostens der Pflicht und lehrte unsere Nation aufs neue fern schlichtes Wissen um die Ehre.

Anekdoten um Hindenburg.

Miigeteilt von Peter Purzelbaum

Es muß bei dieser Geschichte vorausgeschickt wer­den, daß sie sich ereignete, als zu Beginn des Welt­krieges Hindenburg nach der Tannenberger Schlacht mit einem Schlage berühmt geworden war, ledoch das Volk über seine Persönlichkeit, feine Familie unb fein bisheriges Wirken noch ungenugenb unter­richtet gewesen. .

Also ba schrieb eines schonen Tages em tüchtiger Feldgrauer, namens Lemke, unb feines Zeichens im Zivilberuf Lehrer an irgenbeiner Mabchenfchule, folgenben Brief nach Haufe:

Das Programm ist spärlich unb bringt keine beso- beren Ueberraschungen: eine harmlose Asabo- unb Mate-Orgie, viel beschauliche Ruhe, viel Gram­mophonmusik. Nur für Bräutigams ober Kava­liere beibe nennt man hiernovios ist es ein anftrengenber, mitunter kostspieliger Tag. Die jungen Leute gehen spazieren, ganz besonders kapitalkräftige und vergnügungssüchtige ins Kino. Hübsche Mädchen flattern bunt und graziös wie Schmetterlinge durch die Straßen. Das Lied vom Torero liegt heute genau fo wie wochentags in der Luft, abgeleierte Grammophonplatten krei­schen es, und jeder dritte Gassenjunge, der, wie alle das schmutzstarrende Aussehen eines Straßenräu­bers mit ben grazilen Bewegungen eines jungen Prinzen vereint, schreit es dir entgegen: Yo quiero ser torero ... Die Kinder spielen im Straßengraben und werfen mit Steinbrocken nach Mensch und Tier wie sonst auch, und das tote Ka­ninchen von vorgestern liegt immer noch am Geh­steig. Manchmal fährt ein Auto schnell und hoch­mütig durch das Idyll, dann fangen die mageren, herumstrolchenden Hühner nervös zu gackern an und die melancholischen Hunde, die hier alle wie auf Verabredung nur auf drei Beinen hinken, er­greifen mühsam die Flucht.

Behäbige Frauen mit Kinn unb Kinneskinn stehen unter ber Gartentür, saugen Mate unb blicken mütterlich gerührt auf ihre zahllosen phan­tastisch ungewaschenen Spröhlinge. Ach, wirklich, es gibt hier in biesem abgelegenen Erbenwinkelchen noch Frauen, die es sich leisten können, bereits, mit dreißig Jahren auch jede Spur vonLinie" zu verlieren, auseinanderzugehen, lächerlich und un­motiviert wie ein Pudding mit viel zu viel Back­pulver. Die winterliche Sonne liegt breit, leuch­tend, aber ohne Wärme über den holprigen Stra­ßen und über den kleinen na, sagen wir Wohngelegenheiten, die alle irgendwie aus Well­blech zusammengesetzt sind.

Eine dunkle Senorita mit der koketten Geste, der minimalen Gewandung und der aufreizenden Be­malung einer Primaballerina lehnt malerisch am Zaun und läßt sich photographieren. Ihr unerschüt­terliches Lächeln triumphiert über Gänsehaut und Schüttelfrost und stempelt diese kleine Eitelkeits­angelegenheit zu einem heroischen Akt der Selbst­verleugnung. Gänsehaut auf einem Hintergrund von üppigen Palmwedeln; oder: Radiolautsprecher im trauten Nebeneinander mit einem alttestamen- tarifchen Holzkohlenbecken entzückend find diese Kontraste, nicht wahr? Wie sie einem hier auf Schritt und Tritt serviert werden.

Aber trotzdem . Wir wollen etwas schneller gehen, die vielen schwarzen, fanatisch neugierigen Augen brennen uns sonst noch Löcher in die Klei­der', und unser Bedarf an vorstädtischem Sonn­tagsnachmittagzauber ist längst und reichlich ge­deckt ____

Truppenparade vor Hindenburg. Ich bin der Flü­gelmann gleich in der vordersten Reihe.

Gruß unb Kuß Dein Otto."

Sogleich trabte Mutter Lemke ins Kino unb fragte, ob die große Parade von Hindenburg noch zu sehen sei. Woraus man ihr mit Bedauern mit­teilte, baß gestern abenb bie letzte Vorführung statt- gefunben hätte. Heute gäbe man auch einen sehr schönen Film,Die Hochzeit im Kohlenkasten", auch sehr spannend unb sehenswert.

O wie schabe", meinte Mutter Lemke,baß die Parade vor Hindenburg nicht mehr gegeben wird denn ich hätte meinen Sohn doch zu gern gesehen!"

Das Wort schlug wie eine Bombe ein, unb bie ganze Kinobube geriet in mächtige Aufregung. Be­reits nach einer Viertelstunbe gab man eine Extra­vorstellung, zu welcher Mutter Lemke in bie Ehren­loge gelotst worben war, währenb sich der Kinobe­sitzer ehrerbietig an ihrer Seite niedergelassen hatte.

Es rollte bie große Parabe ab, unb Mutter Lemke rief plötzlich:

Da! Sehen Sie, sehen Sie! Der Flügelmann ber Kompanie, bie jetzt bei Hindenburg vorbei­kommt, ist mein Sohn!"

Das Gesicht bes verblüfften Kinobesitzers soll sehenswert gewesen sein.