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Ro^marie, (Rosemarie...

Roman von Käthe Metzner.

9. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Tante Bertas Augen waren geblendet von so viel Neuartigem und Schönem.

Sie hatte sich tief in den Sessel zurückgelehnt, und ihre Blicke glitten scheu über die vielen Gesichter.

Auf ihre einfache Seele machte es den Eindruck, als ob all diese lachenden gepflegten Menschen von der Not der Zeit unberührt seien, als gäbe es für diese nichts anderes, als von einem Genuß in den anderen zu taumeln.

O diese Frauen! Wie sie gingen, wie sie sich be­wegten! Diese Anmut und Eleganz! Wollte nicht jede von ihnen die Schönste sein in diesem Kreise? Eine jede eine Könign vor der anderen?

Tante Berta faltete die Hände, um ein Stoß- aebet nach dem "anderen zum Himmel hinaufzu­schicken.

Und Rosemarie, ihre liebe kleine Rosemarie? Wie sollte das Kind vor diesen vielen Menschen bestehen? Wie sollte sie die verwöhnten Ansprüche dieser Menschen befriedigen? Würde sie nicht ent­täuschen?

Tante Berta hatte ihre junge Schwester niemals spielen sehen und hatte von der wirklichen künst­lerischen Größe Helgas keine Ahnung gehabt. Jetzt erst konnte sie sich eine leise Vorstellung davon machen, was es hieß, von diesen Tausenden so vergöttert zu werden, wie es ihre Schwester erlebt hatte.

Da trat der Intendant in ihre Loge.

Herzlich und ermunternd drückte er der alten Frau die Hand, obwohl ihm selbst nicht ganz ge­heuer zumute war.

Ich war eben noch einmal drüben bei unserer lieben Kleinen."

Tante Berta horchte auf.

Sie ist ganz ruhig!" Zu ruhig hatte er sagen wollen, aber er schluckte es hinab. Das würde die gute Frau doch nicht verstehen.

Na, Gott sei Dank!" sagte Tante Berta er­leichtert.Ach, die vielen Menschen hier und so viel Schönheit! Ob das Kindchen da nur wird mit­können?"

Tränen rollten ihr über die Wangen. Wenn es doch endlich dunkel würde. Das Schwatzen und leise Lachen legten sich beklemmend auf ihr Herz.

Das erste Klingelzeichen ertönte. Für eine Se­kunde ebbte die Welle der Erregung ab, erhob sich aber bald wieder.

Endlich das dritte Klingelzeichen.

Da teilte sich der Vorhang. Das Spiel nahm seinen Anfang.

Tante Berta, die achtsam auf jedes Wort lauschte, das von der Bühne siel, mußte sich bald gestehen, daß sie fast nichts von dieser schweren merkwürdi­gen Sprache verstand.

Erst als das Vorspiel in die Handlung überging, wurde sie zunächst an den äußeren Geschehnissen interessiert. Die Studierstube mit den unheimlichen Geisterbeschwörungen und Experimenten trieb ihr eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken.

Aber erst die Hexenküche! So etwas spielt man hier im Theater? Das ist ja wie aus einem Kinder­märchenbuch entnommen!

Fast hatte sie Rosemarie über dem Schauen ver­gessen, von der sie sich gar nicht vorstellen konnte, was sie nun für eine Rolle in dieser Geister- und Hexengeschichte spielen sollte.

Da! Endlich: Gretchen...

Doktor Brunner beugte sich weit vor, um sie ganz genau im Auge zu haben. Tante Berta hatte sie nicht gleich erkannt.

Ihre Sprache, ihr Spiel, ihre Bewegungen sind gut, aber sie hat noch keine Möglichkeit, aus sich herauszugehen. Also abwarten!, dachte Doktor Brunner.

Tante Berta zitterte. Leichter Schweiß perlte auf ihrer Stirn. Ihre Hände waren plötzlich eiskalt.

Das Spiel ging weiter.

Doktor Brunner wartete auf die Spinnszene.

Man sah Gretchens Stube. Sie saß am Spinnrad.

Rosemarie war nicht mehr Gretchen. Sie war Rosemarie und Faust war Wangenheim.

Wie Tropfen reinen Goldes flössen die Worte von ihren Lippen. Sprachlich vollendet.

Aber da kam Bewegung in ihr Spiel. Alles Leid, alle Sehnsucht, die sich zwei Jahre lang in ihrer Brust aufgespeichert hatten, lösten sich plötzlich in dieser zauberhaften Atmosphäre. Mit den Bewe­gungen, in dem Tonfall dergöttlichen Bergmann", spielte Rosemarie ihre Rolle.

Das Publikum fing an, warm zu werden. Selbst der Spötter von vorhin aus dem Parkett verlor den überlegenen Ausdruck auf seinem Gesicht.

Das junge Gemüse ist diesmal aber eine ganz große Könnerin", sagte er in ehrlicher Anerken­nung zu sich selbst.

Weiter ging das Spiel.

Man sah den Zwinger. Vor dem Andachtsbild der Mutter Maria sprach Rosemarie-Gretchen das Gebet...

Rosemaries Spiel zwang zum Miterleben. Atem­los gespannt lauschten auch Brunner und Tante Berta, die unaufhörlich mit dem Taschentuch über die Augen fuhr.

Hilf!

Rette mich von Schmach und Tod!

Ach neige, du Schmerzensreiche, dein Antlitz gnädig meiner Not!

Wie der furchtbare Aufschrei eines zu Tode ge­marterten Herzens gellte der Schrei durch das Theater. Rosemarie sah nur sich selber im großen Speisesaal bei Bachstedt und hörte Bachstedts schnei­dend kalte Worte und ihren eigenen Schrei:Ich ich habe ihn nicht genommen!" Das war ihrHilf! Rette mich von Schmach und Tod!" Ein Stück ihres eigenen Lebens.

Und dann wie in namenloser Erschöpfung und Müdigkeit:

Ach neige, du Schmerzensreiche, dein Antlitz gnädig meiner Not!

Der Vorhang fiel.

Langsam löste sich die Erstarrung der Zuschauer und ein Beifall brach los, wie ihn das Große Schauspielhaus seit den Zeiten der Helga Berg­mann nicht wieder erlebt hatte.

Auch Tante Berta stand ganz vorn an der Brüstung der Loge und schluchzte und klatschte, bis ihre Handflächen ganz rot wurden.

Der Intendant aber stand mit leuchtenden Augen im Hintergründe, und seine an Beifall gewöhnten Ohren saugten den Orkan in sich hinein wie einen lange entbehrten Rausch.

Und dann am Schluß dieKerkerszene".

Wieder verschmolzen in Rosemarie in diesem Augenblick höchster künstlerischer Hingabe eigenes Erleben mit ihrem Spiel.

Sie sah sich an jenem trostlosen Weihnachtsabend in der Heinemannschen Küche am Gasherd. Fühlte wieder, wie die Wolken des tödlichen Gases sich lähmend auf ihr Denken legten. Da sprach sie in die Grabesstille des Theaters hinein die Worte, die der packende Irrsinn dem Gretchen eingab. Das Publikum fühlte, wie dieses Mädchen da oben seine innersten Empfindungen mitteilte.

Siedende Hitze entfachte ihr Spiel in den Adern...

Die Wirkung Rosemaries als Gretchen übertraf alle bisher erlebten Leistungen. Nur die alten lang­jährigen Theaterbesucher wußten, daß das Gretchen die Bergmann gespielt hatte.

Aber da? Wer sprach es aus? Wer hatte es zu­erst gesagt? Wie eine lodernde, züngelnde Flamme lief die Kunde durch das große Haus, daß diese Rosemarie Bergmann die Tochter dergöttlichen Bergmann" sei. War es Wahrheit? War es Dichtung?

Keiner wußte, warum er so leicht geneigt war, die märchenhafte Kunde zu glauben. Aber jeder glaubte sie.

Immer und immer wieder mußte Rosemarie erscheinen. Immer und immer wieder umprasselten sie Stürme tosenden Beifalls.

Endlich gab das begeisterte Publikum Ruhe.

Rosemarie war wie benommen. Sie wußte selbst nicht, was an ihrem Spiel war, das die Zuschauer so zum Rasen brachte, aber zum ersten Male fühlte sie, daß die Kunst ihr Ersatz sein konnte für den Einen, den sie auch in dieser Stunde nicht vergessen konnte.

Ersatz?" fragte sie sich. Da zogen sich ihre Lippen schmerzhaft zusammen.Ersatz niemals! Aber Rausch, Rausch um Vergessen zu finden!"

Keiner von allen, die der schönen jungen Künst­lerin eben noch so begeifert zujubelten, ahnte, wie wenig sie im Innersten davon erschüttert wurde. Keiner wußte, wie gern sie das alles hingegeben hätte für ein Wort der Liebe von dem einzigen, einzigen Menschen, dem ihre Seele gehörte.

Während sie noch beim Abschminken war und unzählbare Händedrücke der Kollegen über sich ergehen lassen muhte, betraten ihre Garderobe Onkel Brunner und Tante Berta.

Kind, Rosemarie! Wie hast du das nur gemacht?"

Mit glücklichen Augen lag Rosemarie in Tante Bertas Armen.

Nichts mehr sagen, Tantchen nichts mehr! Ich habe doch gar nichts dazu getan. Ich habe doch nur gespielt, wie ich es gefühlt habe."

Ja, wie du gefühlt haft, Rosemarie!" sagte Doktor Brunner ernst.Aber das ist ja die große Meisterschaft, in Ton und Empfindung zu legen, was wir fühlen, daß es die Zuschauer zwingt und mitreißt. Seit deine Mutter hier auftrat, haben wir einen solchen Beifallsjubel nicht wieder erlebt. Ich glaube, daß ich dir eine große Zukunft prophe­zeien kann."

Mit großer Innigkeit strich er über Rosemaries golden schimmernde Locken.

Aber nun schnell sertigmachen, Kindchen. Wir wollen bei Hiller noch ein bißchen feiern."

Rosemarie war erstaunt. Sie hatte gedacht, man würde nun ruhig nach Hause fahren und daheim noch ein Stündchen verplaudern.

Nun noch einmal unter fremde Menschen? Aber sie fühlte, daß sie Onkel Brunner in seiner freudigen Stimmung nichts abschlagen konnte.

Vielleicht sind Sie so gütig und lassen mich mit Ihrem Wagen schnell nach Hause bringen, Herr Doktor!" Tante Berta sagte es bescheiden.Ehe Rosemarie so weit ist, kann der Wagen schon wieder zurück sein."

Aber Sie kommen doch selbstverständlich mit, Tantchen. Im Grunde genommen sind Sie ja übrigens die Hauptperson. Wo sollten wir denn heute eine Rosemarie Bergmann hernehmen, wenn Sie uns das Kind nicht so wundervoll gehütet hätten?"

Tante Berta wurde rot. Sie dachte daran, daß sie Rosemarie nicht hatte hüten können, daß ihr schützender Arm nicht so weit reichte, sie damals zurückzuhalten. Aber kein Schmerz war mehr in ihr.

Nein, Herr Doktor, mitkommen kann ich nicht. Was sollte ich auch dort unter den vielen fremden Menschen? Ich habe ein dringendes Bedürfnis nach Ruhe. Zu viel habe ich heute abend erlebt. Das muß mein alter Kopf erst verarbeiten."

(Fortsetzung

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