Einzelbild herunterladen

ßr.254 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

8amstag.H.OttoberlyZ4

Das Rohstoffproblem und die technische Forschung

V*

Gewachsene Rohstoffe.

Erbforschung und Ernteertrag.

Don Or. £. Kühle

Die deutsche Pflanzenzucht ist älter als die Kenntnis der Erbgesetze, denn deren methodische Erforschung begann erst um die Jahrhundert­wende, währed praktische Pflanzenzüchtung ihre ersten großen Erfolge schon ein Menschenalter frü­her aufzuweisen hatte. So konnte damals die Wis­senschaft für ihre theoretischen Untersuchungen das reiche Material benutzen, das ihr die Erfahrungen der Züchter boten; sie hat diese Leihgabe mit reichen Zinsen zurückgezahlt, indem sie der 'deutschen Land­wirtschaft und damit dem deutschen Volk ihre neuen Erkenntnisse über die V e r e r b u n g zur Verfügung stellte.

Die Voraussetzung der Arbeit der großen wissen­schaftlichen Institute, insbesondere des Kaiser- Wilhelm^Institutes für Zücht nngs- forschung in Müncheberg, das unter Lei­tung des zu früh verstorbenen Erwin Baur Weltruhm erwarb, war natürlich nicht die gegen­wärtige schwierige Divisenlage, sie galt einfach der Verbesserung der Leistungen des deutschen Bauern. Heute aber erkennen wir erst voll, welche volkswirt­schaftliche Bedeutung diese, sich zum Teil über Jahre erstreckenden Forschungsarbeiten haben, und welche Möglichkeiten für die Zukunft sie bergen.

Weizenhochzucht

Es ist wenig bekannt, daß Deutschland zwar Weizen in großen Mengen einführt, aber auch ein erhebliches Quantum eigener Erzeugung wenn auch nicht das gleiche exportiert. Don den vier Millionen Tonnen, die wir im ganzen für unsere Ernährung brauchen, beziehen wir rund drei­viertel Millionen aus dem Ausland und zwar zum größten Teil aus Kanada, das einen besonders hochwertigen Weizen anbaut. Die Ursache der selt­samen Erscheinung, daß wir ein- und denselben Ar­tikel ein- und ausführen, liegt beim Backofen. Eine Mischung aus deutschem und kanadischem Weizen verbäckt sich besonders gut. Es ist natürlich lange schon der Ehrgeiz der Züchter, eine solche Mischung i m Lande selbst Herstellen zu können. Das Verhalten des Mehls beim Backen hängt nun von verschiedenen Eigenschaften, insbeson­dere derK l e b e r" - Q u a l i t ä t der Weizen- körner ab. Seit einer Reihe von Jahren sind in dem Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung in Halle Versuche im Gange, um die Vererbung guter Kleberqualität zu prüfen. Tausende von Weizenstämmen sind darauf­hin untersucht worden, und es hat sich dabei heraus­gestellt, daß in Deutschland schon jetzt erhebliche erb­liche Unterschiede der Kleberqualität vorhanden sind. Die Züchtung steht daher vor der grundsätzlich durch­aus lösbaren Aufgabe, Weizensorten zu schaffen, die die gewünschten Backeigenschaften haben, einen hohen Ertrag geben und außerdem in allen deutschen Gauen gleich gut gedeiehen. Zur Erreichung dieses Ziels hat man in großem Umfang amerikanischen Oualitätsweizen, der bei Anbau, in Deutschland keine besondere Leistungsfähigkeit aufweist, mit unseren einheimischen Sorten gekreuzt. Die zahlreichen Nach- kammenschaften werden geprüft und liefern dann die neuen leistungsfähigen Sorten.

Das Wunder derSüßlupine".

Zum ersten Male in diesem Jahr ist die bit- terstoffreie Lupine die berühmte Schöpfung Erwin Baurs im großen angebaut und damit der deutschen Landwirtschaft nutzbar gemacht worden. Die Entstehungsgeschichte dieser neuen hochwertigen Futterpflanze ist bekannt genug. Die gewöhnliche Lupine enthält Bitterstoffe, die sie als Futter prak­tisch unbrauchbar machen. Das war um so bedauer­licher, als die Lupine sehr anspruchslos ist und fast aus jedem Boden hohe Ernteerträge gibt. Baur kam nun auf die Vermutung', daß vielleicht nicht alle Pflanzen den gleichen Bitterstoffgehalt hätten. Rach

* Vgl. die Aufsätze im Gießener Anzeiger vom 1., 8., 15. und 29. September.

einem besonders ausgeklügelten Massenauslesever­fahren wurden Zehntausende von Pflanzen geprüft und eihe Anzahl völlig bitterftoffreier, also ,4 ü fe e r" dabei gesunden. Die weitere Züchtung ergab dann, daß diese wertvolle Eigenschaft erblich ist. Das war die Geburtsstunde derSüßlupine".

Was diese Futterpflanze für den deutschen Bau­ern bedeutet, haben weitere inzwischen angestellte Versuche über Anbaufähigkeit und Futter­wert gezeigt. Zunächst ist erwiesen, daß sie auf leichten Böden ausgezeichnet wachst, wenn nur genügend Winterfeuchtigkeit im Boden ist. Der Ertrag ist überraschend hoch: Ernte im grünen Zustand ergab 280 Zentner pro Morgen; ließ man die Körner ausreifen, so erhielt man bis zu 12 Zentner Körner und 20 Zentner Stroh; das Grünfutter ergab einen Gehalt an Rein­eiweiß von 5,6 Zentner pro Morgen. Eine gewaltige Leistung, wenn man bedenkt, daß die bisher höchst­wertige Futterpflanze, der Klee, nur in guten Böden gedeiht und auch nicht mehr als 25 Zentner Kleeheu pro Morgen ergibt. Versuche mit Milch­kühen haben hervorragende Resultate gebracht. Eine Rekordkuh, die 40 Liter Milch pro Tag gab, konnte bei Fütterung von 80 Pfund Süßlupine und ein bis zwei Kilo Lupinenschrot auf voller Milchleistung gehalten werden. Im nächsten Jahre sollen in Deutsch­land 10 000, vielleicht sotzar 15 000 Hektar Süß­lupine gebaut werden; das bedeutet einen Ertrag, der ausreicht, um unseren Fehlbedarf an Futtereiweiß zu decken. Wenn der Bauer durchschnittlich nur 10 v. H. seines Besitzes mit Lu­pine bebauen würde, dann wäre das Problem der Eiweißfutterversorgung gelöst.

Riesling wächst in der Mark heran.

Die Mark Brandenburg rbar in früheren Jahrhunderten schon einmal W e i n b a u g e b i e t. Wenn man die jungen Weinberge im Müncheberger Institut sieht, könnte man deshalb glauben, es soll­ten alte Zeiten wieder auferstehen, gar, wenn man noch dazu mitten in eine Weinprobe hineingerät, bei der versucht wird, auf eine neuartige Weise mit Zunge und Rase die verschiedenen Sorten schon in der Traube zu unterscheiden. Aber es handelt sich hier um etwas ganz anderes. Die Weinberge in Müncheberg, die 'in diesem Jahr zum ersten Male eine bescheidene Ernte tragen, dienen einem größe­ren Zweck. Seit Jahren werden die berühmten Reben des Rhein, der Mosel und der Pfalz von allerlei Schädlingen heimgesucht, deren Be­kämpfung Unsummen kostet, abgesehen von der Minderernte, die sie verschulden. Besonders der aus Amerika eingeschlepptefalsche" Meltau ist es, der die Weinberge verheert. Allein der Kampf gegen ihn verschlingt etwa 25 Millionen im Jahr. Dane­ben ist die Reblaus ein Feind erster Ordnung.

In Müncheberg hat man jetzt das Rezept gefun­den, diesen Schädlingen für immer den Garaus zu machen. Es gibt nämlich Reben, die von beiden und auch von anderen Krankheiten nicht befallen werden, ähnlich wie mancher Mensch sein Lebenlang keinen Arzt braucht, während andere schon eine Grippe haben, wenn sie nur einmal durch den Regen gelaufen find. Die Versuche, die unter der Leitung von Dr. H u s f e l d, dem jetzigen kommissarischen Leiter des Institutes tzprchgeführt wurden, begannen mit Massenuntersuchungen von Millionen von Reb- pflänzchen auf Meltaufestigkeit. In langen Gewächs­häusern wurden die Reben ausgesät und dann nach einigen Wochen mit dem falschen amerikanischen Meltau plasmopora genannt infiziert. Von Tausenden von Pflänzchen bleiben dann nur einige wenige übrig, die man nach weiteren Prüfungen als s e u ch e n f e st ansehen kann. 40 000 solcher meltau­immuner Reben konnten bisher in Müncheberg ge­zogen werden.

Damit haben nun aber die Prüfungen für den künftigen Riesling noch kein Ende. Es muß nun vielmehr noch feftgefteüt werden, wie er sich einem anderen verbreiteten Schädling, der Reblaus, gegenüüber verhält. Zu diesem Zweck werden Reb­läuse aus der Zucht der biologischen Reichsanstalt, Zweigstelle Naumburg, sorgfältig an die Reben ge­setzt. Vermehren sie sich lustig weiter, so ist die Pflanze schon unbrauchbar und wird aus der wei­teren Bearbeitung ausgeschlossen. Wenn die Läuse

aber offensichtlich an einer Rebe keinen Gefallen finden, so kann diese als reblausimmun gel­ten. Was dieses ganze Fegefeuer der Prüfungen ohne zu erkranken, bestanden hat, wird nun erst auf Qualität des Weines untersucht. Das aber ist eine Arbeit der Weinbauinstitute im Wein­gebiet selbst. So können wir hoffen, daß in ab­sehbarer Zeit durch diese Glanzleistung der deutschen Wissenschaft die deutschen Weinberge schädlings - frei werden und der deutschen Volkswirtschaft viele Millionen jährlich erspart bleiben.

Frühgemüse durch Forschung.

Diele Millionen jährlich betragen die Verluste der deutschen Volkswirtschaft durch Frost und Schädlinge. Außerdem könnten wir Kartoffeln und andere Gemüse um einige Wochen früher säen und ernten, wenn wir sie ohne Gefahr dem wechsel­vollen Frühjahrswetter aussetzen könnten. Die deutsche Wissenschaft insbesondere wieder Erwin Baur haben das große Problem, das sich hier ergibt, frühzeitig erkannt. Es handelt sich darum, durch Kreuzung besonders wetter­harter mit besonders ertragfähigen Sorten Widerstandsfähigkeit mit Leistung zu ver­binden. Bei der Kartoffel suchte Baur das Pro­blem mit einer einfachen Ueberlegung zu lösen. Das bei uns so volkstümliche Gewächs stammt aus dem Hochland Südamerikas, wo es erheblichen Tempe­raturschwankungen ausgesetzt ist, also wetterhart sein muß. Baur sammelte bolivianische Hochlandkar­toffeln und zog diese in Müncheberg weiter, um sie dann mit deutschen Sorten zu kreuzen. Ueberraschen- derweise entarteten die Bolivianer, sie schossen zwar gewaltig ins Kraut, bildeten aber nur kümmer­liche Knollen. Es zeigte sich, daß die Sonne an dieser Erscheinung schuld ist. Die Tropenbewohner sind gewohnt, Zwölf Stunden Schlaf zu haben, man mußte sie abends um die sechste Stunde zudecken, und im Schutz der Dunkelheit gediehen sie

Dr. Felix Schüler, der erste Syndikus der Hand­werkskammer zu Berlin, wurde vom Reichshand­werksführer zum Generalsekretär des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages und zugleich zum Geschäftsführer des Reichsstandes des deutschen Handwerks berufen.

bann besser. Die Kreuzungsversuche konnten begin- nen. Heute steht auch das Frühkartoffelproblem vor der Lösung, ebenso wie es gelungen ist, die La­gerfähigkeit von Tomaten zu erhöhen, und neue Methoden ber DbftEonferoierung zu finden. Ueberall sind beutsche Forscher und deutsche Züchter an der Arbeit, um den Ertrag des deutschen Bodens zu vermehren und die Ernte zu schützen.

Halbe Ordnung

Da der S Ü d o st r a u m gegenwärtig mehr denn je einen bestimmenden Einfluß auf die Entwicklung der gesamteuropäischen Politik gewinnt, haben wir unseren Mitarbeiter Dr. Max Claus gebeten, die Donauländer zu bereisen. Wir eröffnen heute die ArtikelreihePolitik im Donauraum", in der ber Verfasser bie Hauptfragen des südosteuro- päischen Problems unter befonberer Berücksichtigung des deutschen Standpunktes zu beantworten sucht. t

Neues Europa" - 16 Jahre spater.

Von Dr. Max Klaus

Prag, den 30. September 1934.

Es war der Gedanke an das neue Serbien, das neue Griechenland, das neue Böhmen, das neue Polen, der unsere Herzen höher schla­gen lieh", schreibt Harold Nicolson im Rückblick auf den Wilson-Enthusiasmus, der ihn und viele andere junge angelsächsische Diplomaten im Herbst 1918 erfüllte. Und in der Tat ist das Drama vom Unter­gang der Habsburgischen Vielvölkermonarchie und von der gleichzeitigen Revolution auf dem Balkan nur zu begreifen durch die ungeheure sprengende Schöpferkraft des WortesSelbstbestim­mung" am Ende des Weltkrieges. Das Zaren­tum war verschwunden, bie Mittelmächte enblich boch zu Bvben geworfen, unb so lag benn ber Weg frei, im Osten unb Sübosten einneues Euro- p a" nach ben Freiheitsprinzipien ber westlichen Demokratie auf ben Trümmern ber Feubalorbnung zu grünben. Französische Diplomatie unb angel­sächsisches Pathos vereinigten sich mit dem Aufstand der europäischen Norb- unb Sübslawen unb ber italienischen Jrrebenta zur planmäßigen Durchfüh­rung eines Riefenumsturzes vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer. Oesterreich unb Ungarn, seit Menschengebenken bie herrschend konservative Mitte im Donauraum, versanken in ben Abgrunb ber Rechtlosigkeit, unb ringsum erhob sich aus bem reichen Völkerboden ein neuer Wall selbstbewußter.

im Donauraum.

in den Pariser Vorortoerträgen mit verschwende­rischer Machtfülle ausgeftatteter Nationalstaaten. Sechshundervierzig Jahre lang hatte bie aus ber beutschen Ostmark entwickelte Hausmacht Rubolfs von Habsburg regiert, nun plötzlich sollten anbere, eigene unb fremde, aber jedenfalls nicht - deut» f ch e Gesetze von Prag bis zum Eisernen Tor und weiter hinab gelten. Sehen wir von ber neuen Großmacht Polen im Osten unb ben Mittel- meerlänbern ab, so bebeutete bie neue Selb- ftänbigfeit berunterbrückten Völker Osterreich- Ungarns" eine Schicksalswenbe für immer noch fast 70 Millionen Menschen, barunter außer ben 7 Millionen Rumpf-Oesterreichs weitere 6 Mil­lionen Volksbeutsche. Im Innern Kreis trat neben die Oesterreicher und bie nach mörberischer Ampu­tation verbliebenen 8V2 Millionen ungarischen Staatsbürger bie langgestreckte Tschechoslo­wakei mit 14V2 Millionen Untertanen, barunter allein 3V2 Millionen Subetenbeutsche. Den äußeren Ring schlossen bie auch räumlich zu Großstaaten ge­worbenen Königreiche Rumänien (18 Millio­nen Einwohner) unb Sübslawien (14 Millio­nen), zwischen denen das kleine Bergland Bul­garien (nicht ganz 6 Millionen) eingeklemmt liegen blieb.

Prag ist recht eigentlich das geistige Zentrum der 1919 sanktionierten Neuordnung, und es ist kein Zufall, daß außer demalten Herrn", dem Präsidenten Masaryk, droben auf der Burg heute wie damals jener andere, viel jüngere Mann die Außenpolitik des Landes leitet, der mit Mafaryk zusammen in den letzten Kriegsjahren die Tschechoslowakei aus einem Emigrantentraum zur Wirklichkeit machte. Dr. Eduard Benesch hat zwar den Umsturz am 28. Oktober 1918 in den Straßen Prags nicht miterlebt, aber er konnte zur selben Stunde in Genf einer Delegation aus der Heimat mit Stolz die Anerkennung des noch gar nicht geborenen Staates der Tschechen und Slowaken durch die Westmächte samt einem bereits unterzeichneten regelrechten Bündnisvertrag mit Frankreich vorweisen. Als überzeugter Westler ist er bann nach Hause gekommen unb hat alsbalb sein ganzes Geschick in ben Dienst ber so-

Schiebung! Schiebung!

Eine Anekdote von Karl Lerbs

Eine alte unb sehr angesehene norbbeutsche Groß- hanbelsfirma geriet auf irgenbwelchen unbekannten Wegen zur Zeit ber schönsten Inflation in ben Be­sitz zweier junger Herren, bereu Erzeuger, bevor sie vom Gotte ihrer Väter heimberufen würben, schlicht unb anscheinend reinlich ben Hänbel mit alten Sachen aller Art obgelegen hatten. Die beiben jungen Herren, burch Dorkenntnisse unb kaufmän­nische Grunbsätze nicht gehemmt, hatten es zu ber Zeit, wo man mit einem Dollar eine wunberschone Aktiengesellschaft grünben konnte, gut unb leicht; sie kauften Klubsessel, Perserteppiche, Paragraphen unb Kraftwagen, sie exportierten alles vom schotti­schen Whisky (macke in Germany) bis zum Auto (via Danzig nach Berlin), sie importierten alles vom Speck bis zum (pst!) Kokain, sie spekulierten, finanzierten, girierten, telegraphierten, telephonier­ten, schmierten, bilanzierten, sie konvertierten unb profitierten. Bis bas Gesetz über bie Vermögens­steuer herzukam. Da transpirierten sie. Gewiß waren sie bem Staate, ber biefen prächtigen Jnfta- tionsbetrieb angerichtet hatte, von ganzer oeele bantbar unb gaben biefer Dankbarkeit auch gegen­über seinen Organen Ausbruck, soweit es sich ohne auf- unb abzufallen tun ließ; aber einem schonen Gefühl zuliebe ben Schleier von biesem ganzen liebensroürbigen Durdjeinanber von Waren, Wech­seln, Markkonten unb Devisen lüften zu sollen bas war benn boch zuviel verlangt unb mußte jeben orbentlichen Hunb jammern.

Da ließ ber eine ber jungen Herren sich durch seinen dritten Morgenbenediktiner zu einem herr­lichen Einfall anregen. Er schrieb an einen Ge­schäftsfreund in Rotterdam, ber sich von Mark­spekulationen ä la baisse unb verwandten Opera­tionen ärmlich, aber hochanstänbig nährte, einen Brief mit ber Weisung, er möge an bie deutsche Firma ein Schreiben bes Inhalts richten, baß sie ihm 30 000 (Bulben schulbe. Das sei natürlich nur Formsache unb biene steuertechnischen Zwecken. Der Hollänber tat sofort, was von ihm verlangt würbe. Hierauf verfaßte ber Urheber ber Jbee ein Schrei­ben bas bie Schulb anerkannte, unb schickte es zu allem Uebersluß eingeschrieben ab, um sich einen

Beleg zu verschaffen, wobei er sich sehr gerieben vorkam. Gleichzeitig fanbte er einen gewöhnlichen Brief ab, ber ben Empfänger beschwor, bie Be­stätigung um Himmelswillen sofort zu vernichten. Hierauf begab er sich zu Fuß, wie es einem über- schulbeten Kaufmann geziemt, mit seinen Belegen zum Finanzamt, ließ ben Sachverhalt protokollie­ren unb überreichte ein Gesuch zur einstweiligen Befreiung von ber Steuerpflicht. Dann ging er heim, setzte sich in seinen Klubsessel unb veranlaßte seinen Teilhaber zu Beifallskundgebungen. Daß ber Hollänber bie Papiere beseitigen würbe, erschien ihnen nicht zweifelhaft, behn auch er aber bas gehört nicht in biefe Geschichte.

Schön ober nicht schön; wie man will. Jene höhere Stelle inbessen, bie für bas Funktionieren ber immanenten Gerechtigkeit verantwortlich ist, sah sich hier zum Walten veranlaßt. Sie verfügte, baß ber Hollänber bei seinen Baisseengagements bie Rentenmark mit ber Papiermark verwechselte, sich babei übernahm unb über ben Harz ober einen entsprechenben nieberlänbischen Hügelzug ging; er trank seine letzte Flasche Half-and-nalf, nahm aus ber Kiste mit benCigarros Jamayca" ben letzten Trostspenber unb schoß sich alsbann tot.

Die beiben jungen Herren in ber beutschen Firma ließen sich von ber Stabilisierung nicht so schnell umwerfen. Sie parlamentierten, proponierten, akkor- bierten, lombardierten, prolongierten, protestierten unb voltigierten; als auch bas nicht mehr recht gehen wollte, mebitierten sie. Dabei fiel es ihnen, als sie zufällig aus bem Fenster blickten, auf, baß ein biefer Herr, auf besten Walroßkörper eine Laune ber Schöpfung anscheinenb einen Edamer Käse als Kopf gesetzt hatte, mehrfach bas Geschäftslokal mit spähenden Blicken umkreiste. Schließlich trat er ein, erwies sich burch die hereingeschickte Visitenkarte als der Rechtsanwalt Tarquinius van der Ploeg aus der Koningsveldestraat zu Rotterdam in Holland, füllte, eingelassen, einen Klubsessel restlos aus und erläuterte sogleich, heftig schnaufend, aber in treff­lichem Deutsch, den Zweck seines Gesuches. Er sei, sagte er, der Konkursverwalter über den Nachlaß des Herrn Willem den Haan (das war der oben erwähnte holländische Geschäftsfreund der deutschen Firma), der auf so traurige Art geendet habe; leider. Dieser Nachlaß habe sich in einem erschrecken­den Zustand befunden: keine Bücher, keine Belege, keine Aufzeichnungen, kein Guthaben, keine Masse,

nur Schulden; leider. Immerhin habe er, Mynheer van ber Ploeg, an einem Orte, ber sich in guter Gesellschaft nicht wohl näher bezeichnen lasse, Papiere oorgefunben, bie ber Verstorbene vielleicht habe beseitigen wollen, bie aber geeignet zu sein schienen, bem Konkursverfahren eine neue Wen­dung zu geben. Damit langte er aus seinem Wal- rvßfellsoll heißen: Ueberzieher einige Papiere hervor, in benen bie entsetzten jungen Herren so­gleich ben gesamten verhängnisvollen Briefwechsel erkannten. 30 000 (Bulben, sagte Mynheer van ber Ploeg nicht ohne Behagen; anerkannte Forberung bitte schön, Ihr Originalbrief unbekannten Ursprungs, aber Masse, immerhin Masse; tja. Unb ba müsse er nun um Zahlung bitten; leiber.

Die Herren, in ben Grundfesten erschüttert, raff­ten sich zu ber Erklärung auf, sie würben bie Forberung bestreiten. Hier wiegte Mynheer van ber Ploeg mißbilligenb den Ebamer Käse: Oh!? Bestreiten? Ei, ei! Unb bie Belege? Dann müsse er klagen; leiber. Gewiß, gewiß, ba sei ja ber Be­gleitbrief zu ber Anerkennung unb bie Angabe ber steuertechnischen (Brünbe; aber ob es wohl zweck­mäßig sei, auf biefe Dokumente im Prozeß Bezug zu nehmen, bei ber bekannten Voreingenommenheit ber beutschen Finanzämter? Er könne bas nicht für zweckmäßig halten. Das sei seine Meinung als Anwalt, für beren Abgabe er keine Gebühr be­rechnen wolle. Also Zahlung ober Klage, einen britten Weg sehe er nicht; leider. Nunmehr ge­wannen die Herren die Sprache zurück und er­klärten,, ihre Firma fei in momentanen Schwierig­keiten; sie baten um Aufschub, petitionierten, urgier* ten, protestierten, lamentierten. Aber Mynheer van ber Ploeg blieb unerbittlich, steckte eine Abschlags­zahlung von 635 Gulben in bar banfenb in die Tasche, erbat sich über bie Tilgung bes Restes bis 17 Uhr einen Vorschlag ins Hotel unb kullerte hinaus. .

Die Zurückbleibenben, in der eigenen Schlinge gefangen, den Krallen des Pleitegeiers schutzlos ausgeliefert, ohne Verständnis für den grimmigen Humor ber Sache unb bas Walten ber immanen­ten Gerechtigkeit, hockten trübselig in ihren Sesseln, furnierten, bisputierten, philosophierten, bis ihnen die Luft ausging. Dann kapitulierten sie, indem sie Mynheer van ber Ploeg bie Trümmer ihrer Habe im Werte von 10 265 (Bulben auslieferten. Den Rest versprach er einzuklagen; leiber.

Warum steht der Hahn auf dem Kirchturm?

Seit alten Zeiten gilt ber Hahn als Künder der Morgenfrühe, als Symbol des Sonnenlichtes und Feuers, als dämonisches Tier. Daher ist er bet Griechen und Römern bem Lichtgott Apollon zu- gesellt, bei Asiaten bem Mithras ober dem phry- gischen Monbgott Men, bei Germanen bem Feuer­gott Donar, bei ben Slawen bem Lichtspender Svantevit. Ursprünglich als heibnifches Symbol auf erhöhten Standorten angebracht, würbe er im Christentum zum Symbol Christi umgebeutet, ber bie Macht unb ben Schrecken ber Finsternis gebro­chen hat. So sehen wir auf dem Portal an der Altstädter Kirche zu Pforzheim den Hahn, b. i. Christus, unb ben vor ihm fliehenben Löwen, b. i. Satan. Gleichfalls auf persischer Anschauung, so schreibt Oberstubienbirektor Dr. E. (Stemplinger in einer gelehrten unb unterhaltsamen Plauberei bes Oktoberheftes von Velhagen & Klasings Monatsheften, beruht ber weitverbreitete Glaube, bem Hahn wohne als Lichtbämon bie Kraft inne, lichtfeinbliche Geister zu verscheuchen unb ihre Macht zu brechen. Drum enbet bie Walpurgisnacht mit bem ersten Hahnenkraht; ein weißer Hahn kräht alle Mäuse elbische Wesen aus bem Haus hinaus. Das Hahnenkrähen unterbricht, wie wir aus beutschen Sagen wissen, teuflische Arbeiten wie ben Bau eines Hauses ober Dammes.

Guten Appetit!

Zwar ist ber Tag ber Hochzeit des Prinzen Georg von England mit der Prinzessin Marina von Griechenland noch nicht festgesetzt, die H 0 ch - z e i t s t 0 r t e jedoch ist schon in Auftrag gegeben worden, da deren Zubereitung sechs Wochen in An- spruch nehmen dürfte. Die Torte wird eine Hohe von drei Metern erreichen und soll 800 Pfund wiegen. Sie wird in Teilen gebacken, dann nach London gebracht und dort zusammengesetzt. Beim Teigan­rühren wird in ihn ein Glückspfennig geworfen einer alten Tradition gemäß der bisher fast stets von den Neuvermählten gefunden wurde. Es wird zum Backen ein uraltes Rezept benutzt, nur werden dieses Mal die Zutaten aus allen Teilen des eng­lischen Weltreiches zur Verwendung kommen.