Ur. 155 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
5reitag,6.ZuliM^
Italiens Kamps gegen die Krise.
Von unserem Dr. Bi.-Äerichterstaiter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
In Italien hat sich in den letzten Monaten ein gewisser wirtschaftlicher Pessimismus geltend gemacht. Zu Beginn des Jahres zeigten die italienischen Börsen feste Haltung. Die allgemeine Zinsverbilligung stärkte diese Tendenz. Bis die große Konversion der fünfprozentigen Staatspapiere in dreieinhalbprozentige die erste Erschütterung brachte. Mit der immer stärkeren Verfolgung des deflationistischen Kurses aber, der Mitte April in der Senkung der staatlichen Gehälter und Mieten seinen besonderen Ausdruck fand, setzte an den Börsen — mithervorgerufen durch Gerüchte, die von weiteren den Sparer treffenden Regierungsmaßnahmen (wie Einführung der Namensaktie, Kouponbefteuerung, neue Anleihen usw.) wissen wollten — eine geradezu panikartige Stimmung ein. Kategorische Erklärungen des Finanzministers Jung im Popolo d'Jtalia, daß solche Maßnahmen nicht geplant seien, daß die Wirtschaft vielmehr eine lange Periode der Ruhe brauche, wirkten nur für wenige Tage. Dann wiederum trat ein neuer Rückschlag ein. Das Vertrauen des Sparers, von dem der italienische Wirt- schastsaufbau in erster Linie getragen wird, schwankte bedenklich.
Bei dieser Sachlage trat Ende Mai Mussolini auf den Plan, um durch eine eingehende, ungeschminkte Darstellung Einblick in die Verhältnisse zu verschaffen und das Vertrauen wiederherzustellen. Der Sparer, sagte er im Verlauf seiner großen Kammerrede, habe eine ganz besondere Psychologie; es sei nötig, daß man Oel auf das bewegte Wasser gieße, damit der Sparer seine Ruhe wieder gewinne. Und so arbeitete Mussolini mit souveräner Meisterschaft in seiner einprägsamen, wirkungsvollen Art aus einem Wust trockener Statistiken und nüchterner Zahlen ein lebendiges Bild der wirtschaftlichen Lage Italiens heraus.
Zwei Dinge find es, die der Chef der italienischen Regierung als die Lebensprobleme des italienischen Wirtschaftslebens bezeichnete: Staatshaushalt und Außenhandel. Bereits bei Eröffnung der neuen Le- mslaturperiode, vor wenigen Wochen, hatte der König von Italien in seiner Thronrede ausgeführt, daß die Lösung des Bilanzproblems 'einen Aufschub mehr dulde; denn mit ihm seien die Geschicke der öffentlichen und privaten Finanzen eng verknüpft. Hier setzt jetzt Mussolini ein: wie die Familie, so könne auch der Staat nicht von dauerndem Schuldenmachen leben. Beide müßten zur rechten Zeit geeignete Abhilfemaßnahmen treffen. Der ita- ienische Staatshaushalt ist seit langem äußerst angespannt. Im Jahre 1932/33 wies er einen Fehlbetrag von 3,5 Milliarden Lire auf. Das Defizit des im Juni abgeschlossenen Haushaltsjahres 1933/34 beträgt nahezu vier Milliarden Lire. Das ist die höchste Summe, die — abgesehen von der Kriegsund unmittelbaren Nachkriegszeit — jemals in der Finanzgeschichte des Königreiches ausgewiesen werden mußte. Der Staatshaushalt ist belastet durch ungeheure Summen, die für Sanierungen, Stützungen und Hilfsmaßnahmen auf den verschiedensten Wirtschaftsgebieten aufgewendet worden sind.
Ein nicht weniger trostloses Bild (rietet die Lage des Außenhandels. Es geht mit ihm ständig bergab. Im Jahre 1928 importierte Italien für 22,3 Milliarden Lire Waren; es exportierte für 15 Milliarden Lire. Im Jahre 1933 sank die Einfuhrziffer auf 7,4 Milliarden Lire, die Aussuhrziffer auf 6 Milliarden Lire. Die Entwicklung im Jahre 1934 läßt ein Passivum von rund 3 Milliarden Lire voraussehen. Damit entschwindet jede Hoffnung auf erhöhte Steuer- und Zolleingänge. Zwei Gefahren
also von größter Schwere, die sich am wirtschaftlichen Horizont immer schärfer abzeichnen.
Die Golddeckung der Währung liegt zwar immer noch 13 v. H. über dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestmaß von 40 v. H. Aber die Tatsache, daß in den letzten Monaten bereits über 700 Millionen Lire ins Ausland gingen, läßt leicht die Gefahren erkennen, die der Währung durch diese Entwicklung entstehen können, wie man denn auch in Erkenntnis dieser Zusammenhänge jetzt erstmalig in Italien zu einer strafferen Devisenbewirtschaftung geschritten ist.
Wie mithin den Gefahren beikommen? Das einst so beliebte Mittel, jedes Loch im Staatshaushalt durch verschärftes Andrehen der Steuerschraube zu verschließen, wird von Italien grundsätzlich ab gelehnt. Auf der Wirtschaft laste, so erklärte Mussolini, ein Steuerdruck, der schlechthin nicht mehr erträglich sei, sondern gelockert werden müsse. Bleibt also nur der andere Weg: sparen. Die große Konversionsoperation der sünfprozentigen Renten in dreieinhalbprozentige liegt bereits auf dieser Linie. Sie bringt dem italienischen Staat vom Jahre 1937 ab eine Minderbe l a st u n g aus niedrigeren Zinsen in Höhe von 900 Millionen Lire. Weitere 410 Millionen Lire werden jährlich durch die jüngst erfolgte allgemeine Gehälter senkung eingespart. Bereits im Jahre 1930 hatte diese Gehältersenkung eine Vorläuferin gehabt in einer Maßnahme, die sämtliche Beamtengehälter um 12 v. H. kürzte. Die jetzt getroffenen Maßnahmen sehen eine gestaffelte Senkung in Höhe von 6 bis 12 v. H. bei allen mittelbar oder unmittelbar im Staatsdienst stehenden Personen vor, deren Monatsgehalt über 500 Lire (110 Mark) beträgt. Gleichzeitig mit den Gehaltskürzungen ist eine Senkung der Mieten für Wohnungen um 12 v. H., für sonstige Räume um 15 v. H., sowie der Lebensmittel um einen zwischen 5 und 10 v. H. schwankenden Satz verfügt worden. Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke haben Preisnachlässe eingeräumt, und eine weitgehende Minderung der Kosten auf allen anderen Gebieten ist unter der Aufsicht der faschistischen Partei eingeleitet.
Diese deflationistischen Maßnahmen sollen in hohem Maße natürlich auch das zweite Problem,
den Außenhandel, befruchten. Denn Mussolini hat neben den vielfachen Gründen, die er als allgemein und überall ursächlich für die Schrumpfung des interntionanlen Warenaustausches ansieht, noch einen Grund genannt, der ein speziell italienisches Exporthindernis darstelle: das Mißverhältnis zwischen inneren Preisen und den Preisen des Weltmarktes.
Seit der klassisch gewordenen Pesarorede im Jahre 1926, in der der Duce verkündete, daß er die Lira bis zum letzten Atemzuge verteidigen werde, sind Maßnahmen zur Förderung des Exportes von der Währungsseite her nicht zu erwarten. Zur Autarkie aber will und kann Italien bei seiner Rohstoffarmut sich nicht bekennen. Kohle, flüssige Brennstoffe, Wolle, Baumwolle und Eisen werden bei allem Bestreben, sich im eigenen Lande Rohstoffe oder Rohstoffersatz zu schaffen, vorerst noch zu den unumgänglich notwendigen Materien der Einfuhr zählen. Diese Einfuhr kann aber nur durch einen Export bezahlt werden, der angesichts von mit Valutaentwertung und Dumping arbeitenden Konkurrenzländer nur bei niedrigsten Selb st - k o st e n wettbewerbsfähig sein kann. Aus dieser Erkenntnis heraus hat die italienische Industrie in den letzten Tagen weitgehende Lohnsenkungen, die durchweg 7 v. H. betragen, durchgeführt, lieber die sonstigen Maßnahmen der italienischen Regierung zur Förderung der Ausfuhr, insbesondere auch über die Tendenz nach völliger Umkrempelung der bisherigen Handelspoltik mit dem Ziel der Schaffung von Großraumwirtschaften und ausgeglichenen Handelsbilanzen ist in letzter Zeit in der deutschen Presse häufig berichtet worden.
Mussolini hat in seiner Rede betont, daß die Maßnahmen, die zur Gesundung führen sollten, von allen Staatsbürgern große Opfer erforderten; er begründete aber diese Opfer mit dem Hinweis darauf, daß nur so der Kampf auf den internationalen Märkten bestanden werden könne, dessen Sieg auch den jetzt arbeitslosen Italienern Arbeit schenken könne. Es sei aber besser, daß möglichst viele Italiener mit weniger Lohn in Arbeit ständen, als daß zugunsten einzelner Arbeiter ein großer Teil ohne Arbeit bleibe. Nur mit Heroismus sei die Krise zu bekämpfen.
Unschuldig verurteilt — begnadigt-von Haien zerrissen!
Durch falsche Aussage zu „Lebenslänglich Guayana" verurteilt. - Eine Sterbende gesteht nach 24 Zähren die Wahrheit. - Fluchtversuch 2 Stunden vor der Begnadigung. — Das tragische Ende.
(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Als der junge Albert Martin zu einem Wochenende mit seinen Eltern einmal von Lille aus, wo sie jetzt wohnten, nach Clitheroe in Lancashire in England hinüberfuhr, verliebte er sich dort Hals über Kopf in ein Mädchen.
Um Weihnachten herum wollten sie heiraten. Alles wäre auch so gekommen, wenn nicht dieser mysteriöse Mord dazwischen geraten wäre ....
Albert Martin war in einer Weberei in Lille Ingenieur. Man hatte viel zu tun, oft bis in die Nacht hinein. Eines Nachts wurde nun auf die Kaffe der Firma ein Anschlag verübt. Ein mit einer schwarzen Maske versehener Mann drang ein, raubte 40 000 Franken, schoß einen durch eine Alarmglocke herbeigerufenen Angestellten nieder — und entkam.
Aber — ehe der angeschossene Angestellte starb, gab er eine Schilderung des Täters. Größe, Haar
farbe, Statur, Art der Bewegungen, — das alles traf auf Albert Martin zu.
Er lächelte und bot fein Alibi an. Er hatte einen Brief zum Bahnhof gebracht und unterwegs eine alte Freundin getroffen. Mit der hatte er gesprochen, während die Tat geschah. Die Frau gab eine Zeit an, die 10 Minuten später lag. Sie sagte, Martin sei aufgeregt gewesen. Aus seiner Tasche habe ein Stück schwarzen Stoffes hervorgelugt. Die Richter sprachen das Urteil: lebenslänglich Guayana.
Geglückte Flucht nach 24 Zähren.
Martin tobte und brüllte — er fei unschuldig. Das kannte man, das sagten sie alle, wenn es nach Guayana ging. Im Juni 1910 brachten sie ihn hinüber. Tot für die Welt, eine Nummer in den Registern. — Er fiel den Behörden auf Guayana dadurch auf, daß er immer wieder seine Unschuld betonte, dauernd ein Wiederaufnahmeverfahren in
Mill eilisi war...
Vornan von Klothilde von Stegmann
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag Halle (S.) 23 Fortietzung Nachdruck verboten!
„Ich habe noch zehn Minuten Zeit,' Sofia, ehe ich ins Amt fahre — soll ich die mit der Post verbringen? Oder meinst du nicht, daß es vernünftiger ist, ein wenig mit meiner schönen, klugen Frau zu plaudern?"
Sofia lächelte:
„Ob es vernünftiger ist, das weiß ich nicht — das wage ich nicht zu entscheiden!"
„Aber ich!" meinte Alexander lachend und stand auf, um einen Kuß auf die blühende Wange seiner Frau zu drücken. Dabei stieß er an das Tablett — die Briefe drohten herunterzufallen.
„Das Schicksal entscheidet", lachte Sofia, „die Briefe wollen durchaus gleich gelesen sein und legen sich dir schon zu Füßen."
„Also lesen wir", sagte Alexander Demiboff ergeben. „Hier ist einer für dich, Soschinka!"
Während er sich in seine Briefschaften vertiefte, öffnete Sofia den an sie adressierten Brief, der eine unbekannte Handschrift und eine italienische Marke trug. . , , .
Ihre Miene war erst erstaunt, dann bewegt und zuletzt tief erschüttert. Sie las den Brief zu Ende, dann legte sie ihn stumm in die Hände ihres Gatten. . .
„Lies, Alexander", sprach sie, und m ihrer Stimme bebte ein tiefes Mitleid, „und bann sag mir, was wir tun können, um zu helfen!"
Erstaunt hatte der junge Legationsrat die Bewegung Sofias gesehen — seine Augen suchten zuerst nach der Unterschrift. Ein Erschrecken flog über seine gebräunten Züge:
„Lou de Lormes?" fragte er stockend. „Was will sie von dir? Was soll dieser längst vergangene Schatten in unserem Leben?"
Finster sah er auf den Brief. Da legte sich die weiche Hand seiner Frau auf die seine: „
„Lies, Liebster, dann wirst du anders urteilen!, Und Alexander Demiboff las Madame de Lormes' Brief an Sofia.
„Gnädige Frau! Sie haben mir einmal gesagt, daß ich mich an Sie wenden könnte, wenn ich in Not bin. Heute tue ich es, doch nicht für mich, sondern weil ich ein unschuldiges Menschenkind retten möchte — und niemanden auf der Welt habe, an' den ich mich um Hilfe wenden könnte. Der Mann, der mich unglücklich gemacht hat, mein Mann, hat ein neues Opfer gefunden — und ich zweifle nicht daran, daß er es bald ein- gefangen haben wirb, nachbem er mich beiseite gestoßen haben wirb. Das junge Mäbchen, bas er mit dem Recht bes angeblichen Dormunbs ver
bergen will, ist offenbar in einem kleinen Tiroler Orte, Gufan, gefangen, ben man über Innsbruck erreichen kann. Ich nehme an, baß Liewen genau bie gleiche Taktik verfolgen wirb wie mir gegenüber vor Jahren. Er wirb sich von mir scheiben lassen unb jenes Mäbchen burch Drohungen ober Versprechungen zwingen, ihn zu heiraten. Dann wirb er sie als Lockvogel an ben verschobenen Spielplätzen ber Welt benutzen, um sie rücksichtslos im Stich zu lassen, wenn sie seinen Erwartungen nicht mehr entspricht. — Ich bin burch ihn um Glück unb Ehre gekommen — aber ich habe mir geschworen, baß es mit ben Opfern genug ist, bie er zur Strecke gebracht hat. Ob mir mein Plan gelingen wirb, bas steht nicht bet mir, bas steht bei Gott. Liewen ist ein gefährlicher Gegner, tollkühn unb geschickt. Wenn es Ihnen möglich wäre, hierher zu kommen unb bem armen jungen Mäbchen beizustehen, wenn ich sie aus ben Hänben Siemens gerettet habe, wäre bas eine große Beruhigung für mich. Denn ich weiß nicht, ob ich meinen Plan nicht teuer sehr teuer bezahlen muß. Sollte mir etwas zustoßen, so wußte ich bas junge Mäbchen bei Ihnen geborgen, bis man biesen Malte Blomberg sinbet, von bem ich hier einen Brief beilege unb ber offenbar mit einer wirklichen, reinen Liebe an biefem jungen Menschenkinbe hängt. Ich bitte <5ie, um (Bottes willen, zu helfen, wenn Sie können. Ich bete für Ihr Glück. Lou be Lormes.
Sofia" fragte Alexanber Demiboff heiser, „was meint Lou bamit, baß bu ihr versprochen hast sie könne sich an biet) wenben? Kennst bu sie benn überhaupt unb woher?"
Da sah Sofia mit ihren leuchtenben Frauenaugen in bie fragenben bes Mannes:
Woher ich sie kenne? Von einer Aussprache her, bie' ich mit ihr hatte. Damals, als ich glaubte, sie hätte bich mir entrissen."
„Du, bu, (Sofia, bu bist hmgegangen zu bieser Frau, bie eine —" _ .. ..
Mit einer gebieterischen Bewegung hob Sofia bie ^Sprich es nicht aus, Alexanber! Siehst bu nicht, daß es ein Mann ist, der bies aus Lou gemacht hat? Sie ist ein etter Mensch, Alexander bas sage ich — unb bu müßtest es jetzt nach biefem Briefe eigentlich auch wissen. Wir banken ihr viel, wir banken ihr unser Lebensgluck, unb ich bin gesonnen, biesen Dank nicht schulbig zu bleiben unb zu helfen, wenn ich es vermag. Unb bu, Alexanber.
Demiboff küßte bie Hanb feiner Frau. — Dann, ohne ein weiteres Wort, klingelte er bem Diener.
Stellen Sie sofort ben nächsten Zug nach Innsbruck fest'" befahl er. Dann roanbte er sich zu Sofia- Ist es so recht, meine Liebste?" fragte er weich — unb als sie, Tränen in ben schonen Augen, stumm nickte, erhob er sich:
Ich werbe sofort um einen kurzen Urlaub bitten, ben man mir nicht verweigern wirb. Halte dich also
bereit, daß wir mit dem nächsten Zuge abreifen können. Es scheint mir Eile geboten zu fein. Ich werde aber noch sofort unser Amt Recherchen nach diesem Malte Blomberg anstellen lassen sowie veranlassen, daß sich die österreichische Polizei um Liewen kümmert."
*
Auf feiner ziellosen Reise war Malte in Tirol angekommen. Er nahm Wohnung in Innsbruck. Aber er fühlte, auch hier würde seines Bleibens nicht mehr lange sein. Die furchtbare Angst um Ebele zehrte an ihm. Er hatte es ganz aufgegeben, sie mit Hilfe ber Polizei zu finben.
Er fühlte, wie bie Angst um ihr Schicksal ihm bie Nerven zermürbte. Nachts fuhr- er aus schrecklichen Träumen auf, in benen er Ebele gemartert, tot vor sich sah — bann lief er bie ganze Nacht wie ein Irrer auf unb ab. Sowie er bunkel machte, kamen bie grausigen Bilber roieber.
Er versuchte es mit langen ^Säuberungen am Tage — aber überall, wohin er auch ging, Ebeles Bilb begleitete ihn, fragenb, bleich unb anklagenb. Warum konnte er ihr nicht helfen? Wozu war er auf ber Welt, wenn er bas Liebste, bas er kannte, nicht schützen konnte?
Alles, was er getan unb erstrebt hatte, es war ja immer im Hinblick auf Ebele gewesen, bie er burch seine Arbeit unb Tüchtigkeit zu erringen hoffte. Unb nun würbe sie ihm von einem tückischen Geschick entrissen, in bem Augenblick, in bem er sie enblich roiebergefunben hatte. Aber wenn sie ihm wirklich für immer verloren war, bann war bas Dasein ohne Sinn für ihn, bann würbe er weiterleben mit einer toten Seele — lebenbig tot schon jetzt.
In bumpfem Brüten saß er eines Abenbs in seinem Zimmer, als ein Depeschenbote ihm ein Telegramm brachte. Er öffnete es in ber Annahme, es wäre eine Nachricht wegen einer Anstellung, um bie er sich beworben hatte. Wie gleichgültig war ihm jetzt bieje Entscheibung geworben. Was hatte bas alles für einen Zweck, wenn Ebele ihm entrissen war!? Seine Augen flogen über bie Depesche, weiteten sich — ein Laut, wie ber eines Menschen, der aus Tobesnot erlöst wirb, brach über feine Lippen. Was staub ba:
„Siub morgen früh bei Ihnen — haben Nachricht von Ebele von Glyn. Alexanber Demiboff." „Mein Gott!" sagte Malte leise vor sich hin, unb unwillkürlich falteten sich seine Häube.
Er hatte sich kaum gefaßt, als es mieberum klopfte unb ein Herr ins Zimmer trat:
„Christiansen!" sagte er. „Ich bin norwegischer Kousulatsvertreter! Ich habe Auftrag, mich mit Ihnen in Verbiubuug zu setzen, mein Herr! Die bulgarische Regierung hat uns eine Nachricht zu- fommen lassen über ein Fräulein Ebele von Glyn, bas angeblich in Gefahr sein soll. Wollen Sie mir einmal eiugeheub berichten, Herr Blomberg, was Sie von ber Sache wissen?"
Vom Autoschlosser zum Opernsänger.
MW
Der 22jährige frühere Autoschlosser Hans B l e s f i n aus Freienwalbe a. b. Ober, besten Stimme vor VA Jahren entdeckt und baraufhin sorgfältig ausgebilbet würbe, ist zum 1. September an bie Oper in Bonn verpflichtet worben. Er hat bereits im Runbfunk debütiert.
bie Wege leiten wollte unb mit regelmäßiger Sicherheit alle zwei Jahre einen Fluchtversuch machte, ber aber stets mißglückte.
Die anberen fanben sich boch nach unb nach mit ihrem Los ab. Sv verhängte man benn immer schärfere Disziplinarstrafen über ihn. Aber sie brachen ihn nicht.
Im Frühjahr 1934 hatte er eine ganze Kolonne für einen Ausbruch zusammen. Mau bereitete alles langsam unb sehr gut vor. Diesmal mußte es gelingen — so ober so!
Das Geständnis der Sterbenden.
Währenb bie Sträflinge, bie mit zur Kolonne gehörten, nachts ihre Fußketten burchfeilten, lag in Frankreich, in Lille, eine Französin Poette Vasseur im Sterben. Sie war bei einem Autounfall verunglückt. Rettung gab es wegen innerer Zerreißungen nicht mehr für sie. — Pvette Vasseur, bas war jene Frau, bie bamals, vor 24 Jahren, bas Alibi bes Albert Martin zerschlug, inbem sie sagte, sie habe ihn erst 10 Minuten nach ber Morb- zeit getroffen.
Angesichts bes Tobes gab sie zu, baß sie bamals eine falsche Aussage gemacht habe. Sie liebte Martin, ber ihr bei biefem Treffen von feiner bevor- stehenben Hochzeit mit ber Englänberin erzählte. Diese Heirat wollte sie verhinbern. Die Treffzeiten, bie Martin angab, feien richtig gewesen. Das mit bem Maskenstoff, ber aus ber Tasche gelugt habe, war eine Erfindung, bie ihr erst später einfiel, als sie in ben Blättern ber Morbschilberung las.
Kabel nach Guayana.-Zwei Stunden zu spät!
Die Behörben waren entsetzt. Es kommt nicht oft vor, baß man jemanben unschulbig nach Guayana schickt. Hier war es sonnenklar. Man burchflog bie Register. Vor 24 Jahren war bas. Totgemelbet war Albert Martin noch nicht. Kabeltelegramme flogen hinüber: Albert Martin sei sofort freizulassen, Justizirrtum burch falsche Zeugenaussagen! Für sofortige Rückkehr nach Frankreich sorgen!
Das Kabel kam nachts an. Einer ber Aufseher eilte in bie Baracke, in ber Martin liegen mußte.
„Enblich, enblich!" stöhnte Malte, unb bann, sich fassenb, begann er zu erzählen. Es würbe eine lange Geschichte, bie bei seiner unb Ebeles Kinbes- zeit unb bei seinem ersten Zusammentreffen mit Liewen in ber Spielwarenhanblung von Krämer Anbersen begann unb mit ber Begegnung in bem Babener Hotel enbete.
Als er von bem Zusammenstoß mit Liewen unb ber fluchtartigen Abreise bes Balten mit ben beiben Damen berichtete, würbe bas Gesicht bes Konsulatsbeamten ernster unb ernster.
„Das ist eine sehr büstere Angelegenheit", sagte er. „Es scheint mir allerdings, als ob diese junge Dame in äußerster Gefahr schwebte. Ich hoffe, daß wir noch zurechtkommen. Heute nacht ist es unmöglich, einen Wagen zu einer solchen Fahrt in bie Tiroler Berge zu bekommen; aber morgen früh werben wir lossahren, sowie bieser bulgarische Herr, ber sich für bas Schicksal bieser jungen Dame so warm interessiert unb ber uns auch burch Recherchen in Berlin Ihre Abresse verschafft hatte, angelangt sein wirb."
Malte stöhnte auf:
„Bis morgen früh noch! Begreifen Sie nicht, was bas für eine Marter für mich bebeutet?"
„Ich verstehe bas burchaus", ber Konsulatsbeamte sah Malte teilnehmenb an, auf besten abgezehrtem Gesicht sich beutlich alle Qualen spiegelten, bie er erlitten hatte, „aber Sie haben nun so lange ausgeharrt, baß Sie auch noch eine kurze Nacht warten müssen. Wir können ben Weg nachts nicht nehmen — wenn wir eine Panne haben, kommen wir später hin, als wenn wir morgen früh bei Licht fahren. Es wäre auch für Sie gut, wenn Sie noch ein paar Stunben Ruhe finben könnten — wer weiß, was ber morgige Tag für Aufregungen für Sie bringen wirb!"
Neunzehntes Kapitel.
Malte hatte versucht, bie Mahnung bes wohl- meinenben Mannes zu befolgen, boch es gelang ihm erst gegen Morgen, ein paar Stunden bleischweren Schlafes zu finden.
Er fuhr auf, als es an feine Tür klopfte. Er hörte bie Stimme bes Norwegers:
„Ich komme Sie abholen, Herr Blomberg!" rief er gedämpft. „Die anberen Herrschaften finb auch schon ba."
Mit füegenben Hänben machte sich Malte fertig — unb war eine Viertelstunbe später bereits unten. Er fanb in bem Frühstückszimmer einen eleganten Herrn mit einer wunderschönen blonben Frau, bie sich als Legationsrat Demiboff unb Gattin vorstellten.
„Wir wollen keine Zeit verlieren!" meinte ber Kommissar. „Sowie Herr Blomberg etwas gefrühstückt hat. benn barauf bestehe ich, wollen wir losfahren. Unterwegs können bie Herrschaften alles besprechen. Eile ist geboten. Zwei Genbarmen ber österreichischen Lanbespolizei begleiten uns."
(Fortsetzung folgt.)


