Nr. 233 Zweites Blatt Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)Zrettag,5.OttobeNY34
Französisch-italienische Flottengleichheit im Mittelmeer.
Von Oberstleutnant Hans Nohde.
In den zur Zeit schwebenden französisch-italienischen Verhandlungen spielt die von Italien geforderte Flottengleichheit eine besondere Rolle. Diese Forderung ist von Italien das erste Mal auf der Washingtoner Abrüstungskonferenz im Winter 1921/22 gestellt und in Bezug auf Schlachtschiffe und Flugzeugträger damals auch durchgesetzt worden. Sie wurde dann von Italien unter Hinweis auf die Ungunst seiner geographischen, seestrategischen und 'wirtschaftspolitischen Lage auch auf alle anderen Schiffarten mit der Begründung ausgedehnt, daß die Sicherheit Italiens bedroht sei, wenn Italien nicht über eine ebenso st arte Flotte verfüge wie Frankreich.
Italien verwies dabei zunächst auf die Länge und Verwundbarkeit seiner Küsten. Es machte geltend, daß an diesen fast ein Viertel der italienischen Gesamtbevölkerung lebe und die Masse der größeren italienischen Städte gelegen sei. Darüber hinaus aber betonte es vor allen' Dingen die Abhängigkeit seiner Roh st off- und Lebensmittelversorgung von der Einfuhr über See. Ihre Sicherstellung sei für Italien eine Frage von Leben und Tod. Sie sei an sich bereits gefährdet durch die georgraphische Lage Italiens im Mittelmeer und dessen durch die Engen von Gibraltar und Suez bedingte geographische Abgeschlossenheit. Noch mehr aber sei sie es, solange Frankreich eine stärkere Flotte besitze wie Italien. Frankreich habe damit die Möglichkeit, nicht nur Italien den Weg aus dem Mittelmeer nach den großen Ozeanen zu versperren, sondern auch im Mittelmeer selbst mit einer Ueberlegenheit aufzutreten, der die italienische Flotte von vornherein nicht gewachsen sei. Diese Ueberlegenheit werde noch gesteigert durch das französische Stützpunktsystem Biserta — Algier — Korsika — Toulon und das enge französische Verhältnis zu Südslawien, dessen Marine zwar klein, mit ihren Unterseebooten aber sehr wohl in der Lage sei, Italien in der Adria erhebliche Schwierigkeiten zu bereiten. Italien müsse deshalb auf der Flottengleichheit mit Frankreich bestehen. Sie sei das mindeste, das zu fordern Italien ein Recht habe.
Dieses Recht ist Italien von französischer Seite bisher stets bestritten worden. Frankreich hat dabei darauf hingewiesen, daß es nicht nur im Mittelmeer, sondern auch im Atlantischen Ozean und im Kanal ausgedehnte Küsten, vor allen Dingen aber ein K o l o n i a l r e i ch zu schützen habe, das nächst dem englischen das größte und ausgedehnteste der Welt fei. Es sei deshalb gezwungen, seine Flottenmacht nicht nur zu teilen, sondern auch beträchtliche Teile derselben zur Sicherung und Verteidigung seiner Kolonien in diesen zu stationieren. Italien dagegen könne seine gesamte Flottenmacht im Mittelmeer Zusammenhalten. Es habe nur dieses Meer zu verteidigen. Dazu aber komme noch, daß große Teile des französischen Kolonialreiches wie Guayana, die Antillen, Jndo- china und die Besitzungen im Stillen Ozean vom Mutterland derartig weit entfernt seien, daß eine Verwendung der in ihnen stationierten Streitkräfte zum Schutze des Mutterlandes nicht in Frage komme. Ein Eingehen auf die italienische Forderung würde somit die französische Flotte im Mittel- > meer in eine starke Unterlegenheit gegenüber der italienischen Flotte bringen und eine Gefährdung französischer Interessen in diesem darstellen, die, wie die Verbindung mit Nordafrika, für Frankreich I
lebenswichtig seien. Es müsse deshalb von Frankreich abgeleynt werden.
Der dadurch gegebene italienisch-französische Gegensatz in der Flottenfrage wurde in dieser Form akut, als im Oktober 1929 zwischen Italien und Frankreich Verhandlungen über ein u s a m m enge h e n beider Mächte auf der Londoner Flottenkonferenz einsetzten. Diese Verhandlungen wurden italienischerseits in der Hoffnung emgeleitet, durch Unterstützung Frankreichs in der Frage der von England und den Vereinigten Staaten geplanten Abschaffung des Unterseeboots als Kriegswaffe Frankreich zu einer Aenderung seiner Haltung gegenüber der italienischen Flottenforderung bringen zu können. Diese Hoffnung aber hat getrogen. Frankreich ließ von seinem Widerstand gegen die von Italien geforderte Flottengleichheit nicht ab. Es erklärte sich lediglich zu der Verpflichtung bereit, seine Flottenmacht im Mittelmeer selbst im Rahmen der italienischen zu halten. Im übrigen aber schlug es vor, das Sicherheitsbedürfnis Italiens durch den Abschluß eines Mittelmeer-Locarno zu befriedigen.
Italien hat damals beides abgelehnt. Es machte geltend, daß eine Verpflichtung Frankreichs, feine Flottenmacht im Mittelmeer im Rahmen der italienischen zu halten, für Italien praktisch wertlos sei, da Frankreich ja die Möglichkeit habe, sie im Ernstfälle jederzeit durch seine atlantischen Seestreitkräfte zu verstärken, daß andererseits aber ein „Mittelmeer-Locarno" keinen Sinn hätte, solange nicht den politischen Forderungen Italiens im Mittelmeer seitens Frankreichs Rechnung getragen sei.
Der Heiratsschwindel ist in Deutschland noch keineswegs ausgestorben, obschon jetzt die Behörden energischer und erfolgreicher denn je vorgehen. Allein in der Reichsßaupt- stadt werden täglich durchschnittlich drei Heiratsschwindler verhaftet. Unser bm-Mitarbei- ter besuchte das „Sonderdezernat für Heiratsschwindler" und erfuhr hier von den leitenden Stellen interessante Einzelheiten über die Arbeitsmethoden der betrügerischen .Casanovas".
Das graue Haus birgt ein geheimnisvolles Album. Es ist das Bilderbuch der 6000 Männer. Man könnte ihm den Titel „Die betrügerischen Casanovas" geben, denn in diesem Buch sind die prominentesten Heiratsschwindler bereits verewigt, und manch um ihr letztes Hab und Gut betrogenes junges Mädchen fand ebenso wie die elegante große Dame das Bild ihres entflohenen „Bräutigams" hier wieder. Es erscheint fast unvorstellbar, daß es den hier abgebildeten Männern gelang, ihre bemitleidenswerten Opfer so zu betrügen.
Aus die Frage, wo der Heiratsschwindler die meisten Bekanntschaften schließe, erfährt man, daß in der Reichshauptstadt vor allem im Autobus und in der Untergrundbahn die ersten zarten Bande geknüpft werden. Aber selbstverständlich gibt es auch auf dem Gebiet des Sichkennenlernens unter
Die Londoner Flottenkonferenz ging so Anfangs April 1930 zu Ende, ohne daß es zu einer Einigung zwischen Frankreich und Italien gekommen war. Frankreich und Italien blieben den Flottenabmachungen Englands, Amerikas und Japans fern. Sie sollten versuchen, in unmittelbaren Verhandlungen doch noch zu einer Verständigung zu kommen. Solche Verhandlungen haben dann auch verschiedentlich stattgefunden. Sie verliefen sämtlich jedoch ebenso ergebnislos wie ein Vermittlungsversuch des damaligen englischen Außenministers Henderson im Februar 1931, der die beiderseitigen Flottenstärken, einschließlich aller Neu- und Ersatzbauten, bis zum Zusammentritt der für 1936 vorgesehenen nächsten Flottenkonferenz festlegte und auf diese Weise den zwischen Frankreich und Italien bestehenden Flottenstreit bis zu diesem Zeitpunkt zu vertagen versuchte.
Italien und Frankreich wollen sich nunmehr, wie bereits erwähnt, in der Flottenfrage verständigen. So viel kann heute wohl schon gesagt werden, daß eine solche Verständigung nur durch ein Nachgeben eines von beiden Ländern möglich sein würde. Daß Frankreich sich hierzu bereit erklären wird, ist nicht anzunehmen, noch weniger allerdings, daß es Italien tun könnte, nachdem es vor einigen Wochen erst seiner Entschlossenheit mit aller Deutlichkeit Ausdruck gegeben hat, die neuen französischen Linienschiffbauten durch Bau zweier 35 000-Tonnen- Linienschiffe zu beantworten. Das heutige Italien kann unmöglich, ohne sein Ansehen im Innern wie nach außen hin zu gefährden, auf etwas verzichten, dessen grundsätzliche Anerkennung das von ihm bekämpfte vorfaschistische Italien seinerzeit in Washington bereits durchgesetzt hat. Es kann keinesfalls in einer Frage nachgeben, deren Lösung auch entscheidend ist für das Schicksal des durch diese Frage erst zu voller Entfaltung gebrachten italienischen Machtgedankens im Mittelmeer. Seine Verwicklung muß immer ein Traum bleiben, solange die französische Flotte der.italienischen als ganzes überlegen ist.
den gewerbsmäßigen Heiratsschwindlern besondere Spezialisten.
Einer versuchte zum Beispiel nur a u f Friedhöfen sein Glück. Er beobachtete, wie Witwen an das Grab ihres Mannes gingen, folgte ihnen und weinte an der letzten Ruhestätte „feines lieben guten alten Bekannten", mit dem er vor vielen Jahren so eng befreundet war. Selbstverständlich findet die trauernde Witwe Worte des Trostes für den Freund ihres Mannes, den dieser jedoch bei Lebzeiten niemals kennengelernt hat. Bittet die Witwe den „Mit- trauernden" nicht selbst um einen Besuch, so fragt der Heiratsschwindler mit tränenumflorter Stimme, ob er nicht in den nächsten Tagen einen Beileidsbesuch machen dürfe, um noch einmal sich die Photy- graphien seines guten verstorbenen Freundes anzusehen. Erst nachdem die arme Frau größere Geldsummen aus der Hand gegeben hat, um einem guten Bekannten ihres Mannes aus einer „kleinen Verlegenheit" zu helfen, erkennt sie, was für einem betrügerischen Burschen sie in die Hände geraten ist.
Interessant zu hören ist, daß die meisten Heiratsschwindler seit langen Jahren verheiratet sind, und daß die eigene Ehefrau die gewissenlosen Handlungen ihres Mannes oft sogar durch ihre Mitarbeit noch unterstützt. Sie tritt als Schwester des Heiratsschwindlers auf, um so in der Familie der „zukünftigen Gattin ihres Bruders" von dessen Eigenschaften und Fähigkeiten zu reden und der jungen
Hochstapler der Liebe.
Das Bilderbuch der 6000 Casanovas. - Wie arbeiten die Heiratsschwindler von -1934?
Intendant Gustaf Gründgens.
Der Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens ist, wie bereits gemeldet, zum Intendanten des Staatlichen Schauspielhaufes in Berlin ernannt worden. Gründgens ist durch zahlreiche Filmrollen auch tn der Provinz sehr bekannt geworden
Braut unter vier Augen zu erzählen, was für ein herzensguter, treuer Ehemann ihr Bruder einst fein wird. Auf diese Weise erbeutete ein fast 60 Jahre alter Mann im Laufe weniger Wochen 40 000 Mark! Sieben heiratslustige Frauen, die jahrelang Pfennig auf Pfennig zurückgelegt hatten, zählten zu seinen Opfern.
Bis ins Letzte ist die Arbeit des Heiratsschwindlers vorbereitet und organisiert. Meist tritt er in jedem Fall unter einem anderen Namen auf und versucht, nachdem er sich als gutsituierter Fabrikbesitzer, Rechtsanwalt, Beamter oder Arzt ausgegeben hat, eine Verabredung herbeizuführen. Charakteristisch für den berufsmäßigen Heiratsschwindler ist, daß er schon bei dieser ersten Verabredung davon spricht, daß ihm das Alleinwandern durch das Leben keinen Spaß mehr mache, und daß er sich danach sehne, eine Frau sein Eigen zu nennen. Er erzählt von Landhäusern und Autos, märchenhaften Reiseplänen und großen Geschäftsverbindungen. Selbstverständlich sagt er im Laufe der nächsten Stunde, daß für ihn nur eine Frau wie seine neue Bekannte für den Lebensbund in Frage käme — und oft dauert es keine Woche, bis die Verlobung geschloffen ist.
Er arrangiert eine große Feier, läßt Kaviar, Hummer und Sekt auffahren und bezahlt all diese Leckerbissen mit routinierter Selbstverständlichkeit, um dadurch feine glänzende finanzielle Lage zu beweisen. Das Sonderdezernat für Heiratsschwindler weiß sogar von einigen Fällen zu berichten, in denen diese Hochstapler der Liebe den Hochzeitstag genau festgesetzt, ja sogar Wohnungen gemietet und auf elegante neue Möbeleinrichtungen erhebliche Geldbeträge angezahlt hatten.
Dann, kurz vor dem Hochzeitstag, kommt der entscheidende Schritt. Der Heiratsschwindler erzählt, daß er sich an einem neuen großen Jndustriekonzern beteiligen möchte, aber im Augenblick aus irgendwelchen Gründen nicht an fein Vermögen herankäme: ober er weiß von einer unvorhergesehenen Wechselaffäre zu berichten. Ist es ihm gelungen, von feiner Braut oder seinen Schwiegereltern große Geldbeträge zu bekommen, so verschwindet er und wird — sofern er nicht die Bekanntschaft der Polizei macht — nie mehr gesichtet.
Im letzten Monat wurden allein in Berlin über Hunde rt Fälle von Heiratsschwindelei bearbeitet.
seine Heine seKeiötiD.
Vornan von Gert Nothberg
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Ja! Und den Schlaftrunk hatte ich ihm auch gegeben. Ich hab' es ihm aber nachher gesagt. Und da war der arme Kerl so froh — weißt du?"
Arndt lachte.
Dann meinte er nach einer ganzen Weile:
„Darum hat er sich immer so sehr nach deinem Befinden erkundigt. Er ist dir also dankbar."
„Und wie!"
„Ja, jetzt kann ich ihn nicht mit herbringen, er will nun mal, daß ich mir mit ihm zusammen fein Gut ansehe. Aber mir kommt ein guter Gedanke. Ich schleppe ihn mit zu Tante Adelheid. Er mag Rosemarie Ulm heiraten! Jawohl! Daß ich daran noch nicht längst gedacht habe! Man muß ein bißchen für seine Freunde sorgen. Das ist nur richtig so. Und die Tante Adelheid wird dann endlich Frieden halten mit ihren ewigen Absichten auf mich und Rosemanie Ulm!" . „
„Sie will aber dich für die Rosemarie.
„Sie wird nehmen, was sie kriegt. Und Osten wird sich gern verheiraten lassen, der findet ja Dod) nie allein eine Frau, oder er tappt noch einmal fürchter
lich hinein."
Möglich! Es wird ja nicht gerade immer einer da fein, der ihn einschiafern und einschb-b-n kann, wenn er auf dem besten Wege ist, eine Riesendumm- ^‘?SBrigitte*bubifi köstlich! Aber du bist dach immer- hin damit einoerftanoen, daß ich da eine !ßerbins düng herstelle zwischen Gerhard Osten und Rosemarie Ulm?"
„Der Osten? Ja! Der meinetwegen, wenn du die Rosemarie nun einmal nicht willst. Vielleicht wirft du es später noch einmal bitter bereuen, ^er Manner müssen ja immer eine Eselei zum Bereuen haben, sonst ist ihnen nicht wohl — nicht wahr? Also ^rangiere das meinetwegen! Es leuchtet mir beinah selber ein, daß Gerhard Osten und die Rosemarie zusammen passen. Hättest du den Udo vorgeschlagen, hättest du jetzt etwas hören können. Dieser Windbeutel tarne selbstverständlich niemals in Frage."
Der ginge auch niemals nach Pommern.
"Wann wird der eigentlich mal ernstlich ans Ar-
^r bat es eben nicht nötig. Sein Vater ist froh, wenn er ihn nicht sieht, die Frau ©tiefmama mag hn aut vorgesorgt haben. Manchmal tut mir Udo Uib96ein SaVfteUt ihm aber reichlich Gelb zur Verfügung. Und später erbt er ja doch alles. Da kann die Frau Stiefmama nichts tobet tun, denn tos Gut ist Majorat!"
„Und nun treibt sich der arme Kerl eben überall herum. Bring ihn bald wieder mit nach Berkenhofen, Arndt!"
„Werde ich, verlaß dich darauf. Und zu der Tante Adelheid nach Pommern schleppe ich ihn auch mit."
Brigitte machte erschrockene Augen.
„Du wirst doch nicht?"
„Was denn?"
„Ein Unglück anrichten? Bedenke doch, der Liebe Wege sind manchmal seltsam genug. Wenn sich nun Rosemarie und Udo Bodenstein zusammenfänden?"
„Kaum! Der Bodenstein bindet sich nicht." „Na, dann bin ich ja beruhigt. Daß er aber der nettere von beiden ist, mußt du doch zugeben?"
„Sicher! Trotzdem glaube ich nicht an so etwas. Rosemarie ist nicht sein Typ. pudern brennt er zur Zeit auch lichterloh."
„Darf man wissen, für wen?"
„Auch für eine schone Filmschauspielerin!" „Hm!"
„Bist du beruhigt?"
„Ganz nicht. Aber ich will mal still sein davon. Jedenfalls gib es selber zu: Rosemarie wäre viel zu schade für diesen leichtsinnigen Strick."
„Das muß ich wohl zugeben?"
„Na also!"
Sie waren zum Wagen gegangen, der Arndt zur Bahn bringen sollte. Brigitte reichte dem Bruder . nod) einmal die Hand.
j „Viel Vergnügen. Leb wohl — und auf Wieder- I sehen!"
Der Bruder beugte sich noch einmal zu ihr: „Und wenn ich dir die schone Frau, von der ich sprach, mit hierher brächte?"
„Als deine Frau?"
„Ja, Brigitte?"
„Dann würde ich sie willkommen heißen. Wenn du sie liebst, was hätte ich zu kritteln?"
„Famoser Kerl, du! Auf Wiedersehen, Brigitte!" Der Wagen fuhr dahin. Brigitte blickte ihm sinnend nach, dann ging sie mit ihrem etwas großen Schritt wieder ins Haus hinein.
Es gab viel Arbeit für sie. Und doch war ihr das Herz schwer. Sie spürte etwas, was nach Berkenhofen kam und nicht gut war. Oder doch?
Waren es nur die Gedanken an die schöne Frau, die sich in den Weg Arndts gestellt hatte?
Brigitte von Berken ging in die Leinenkammer, suchte sorgfältig verschiedene Ballen aus. Es mußte neue Bettwäsche genäht werden. Und dann mußte sie wohl auch mal mit der Mamsell in den Keller hinunter, die Einmachetöpfe und die Buchsenkonserven kontrollieren. Und wenn sie sich vorstellte, daß später hier eine schone verwohnte Frau fein würde, die sich um nichts kümmerte, die den ganzen Täg in wundervollen Kleidern umhergmg, einige Dienstboten nur für sich beanspruchte, sich verwohnen und verhätscheln ließ, Arndt vielleicht noch abhielt, auf den Feldern draußen nach dem Rechten zu sehen, dann fror es sie. Am liebsten hätte sie laut geheult.
Richtig gehend geheult!
So war ihr zumute!
Wütend riß Brigitte von Berken die Leinenballen hin und her.
4. Kapitel.
Käthe hatte ihr erstes Geld verdient! Einhundertzwanzig Mark!
Sie war selig!
Jetzt konnte sie der guten Frau Kulick und Olga Schieber abzahlen. Und ihr selber blieb auch etwas. Und zehn Mark schickte sie sofort der Tante.
Arbeit!
Sie hatte wieder Arbeit!
Wie gut das war! Wie glücklich sie sich fühlte! Und das kleine bescheidene Heim der Frau Kulick war voll Sonne und Freude.
Olga blickte mit dunklen, grübelnden Augen auf die blonde junge Freundin.
„Du machst dein Glück, Käthe! Hilpert sieht dich immerfort an. Der hat längst erkannt, daß er eine junge Schauspielerin braucht, um mal etwas Neues zu bieten. Und,Das Märchen vom Glück', der neue Film, der braucht eine solche junge Märchengestalt, wie du bist."
„Olgachen, machen Sie mir das Kind nicht eitel. So viel Glück wird nicht auf einmal kommen. Und ob es ein Glück wäre, weiß man ja noch gar nicht einmal", sagte die alte Dame.
„Reich und berühmt sein ist Glück", beharrte die dunkelhaarige Kompa^sin.
Die beiden anderen schwiegen.
Olga erging sich in weiteren Vermutungen.
„Er hat keine, der Hilpert, die für den Märchenfilm paßt. Er muß die Käthe haben. Und ich werde es ihm sagen. Man muß immerhin noch so viel Selbstlosigkeit aufbringen können, daß man einem anderen Menschenkinde zu etwas Höherem verhilft, wenn einem selber die ganze Sache schief gegangen ist _ nicht wahr? Was will der Hilpert denn machen? Die Berani mit ihrer schwarzen Südländererscheinung kommt gar nicht in Frage, und so an die sechsunddreißig ist sie auch! Und die Mila Kranz? Die? Ja! Die ginge wohl! Aber — die ist auch zu groß und zu frauenhaft. Für den Märchenfilm müssen die Herren sehr vorsichtig sein, sonst gibfs ein Gelächter, wenn sie da dem Publikum solch angejahrte Dame vorsetzen wollen. Der Hilpert wird schon selber an die Käte gedacht haben."
Olga meinte, sie hätte das alles nur gedacht; aber sie hatte es ganz laut vor sich hingesagt. Und Käthe legte jetzt den Kopf an ihre Schulter.
Olga du bist sehr lieb; aber ich bin wirklich auch so "zufrieden. Sage lieber gar nichts, sonst denkt der Hilpert noch, ich hätte dich geschickt, und da kann er sehr böse werden. Vielleicht komme ich dann noch um meine Stellung."
„Ach wo!" , ... m „
Olga spann sich immer mehr ein m den Gedanken, daß Käthe ein Glückskind sei, daß an ihr sich verwirklichen werde, was sie selber ertäumt, und was
unerfüllt geblieben war. Aber sie hatte das blonde kleine Mädelchen in ihr Herz geschlossen, und nun wollte sie ihr auch helfen, weiterzukommen.
Und sie tat es!
An einem der nächsten Tage fing sie sich den Gewaltigen ab, als er fein Auto besteigen wollte.
„Herr Hilpert, wie gefällt Ihnen die neue kleine Komparfin, meine Freundin Käthe Randolf?"
In feinen Augen glitzerte es, dann aber sagte er:
„Wer ist denn das nun gleich? Wie soll ich denn wissen, wer da so Zolles im Atelier mit herumsteht?"
„Herr Hilpert, Sie wissen es schon. Und ich wollte Ihnen den Vorschlag machen, Käthe Randolf für den neuen Film ,Das Märchen vom Glück* als Hauptdarstellerin zu engagieren."
Er starrte sie an, als fei sie irrsinnig. Dann lachte er aus vollem Halse. Einige Komparsen gingen vorüber, schlichen vielmehr vorbei. Olga Schieber schämte sich, aber sie mußte doch für Käthe etwas tun.
„Käthe Randolf ist wunderschön. Blond und blauäugig. Sie paßt wie keine andere."
„Liebes Kind, sind Sie vielleicht ein bißchen angetrunken? Die Rolle hat bereits die Kranz!"
Also doch!
Die schöne gefeierte Kranz!
Sie war schön! Wundervoll war sie! Aber für diesen Film eben doch zu frauenhaft, zu reif. Wenn der Hilpert das doch nur einsehen würde. Aber er sah sie jetzt böse an.
„Lassen Sie mich doch mit diesem Unsinn zufrieden, Schieber! Was soll denn das bloß heißen? Gut! Ihr wollt ein bißchen mehr Geld verdienen. Sollt es haben. Ich gebe euch ein paar kleine Rollen. Verdient jede von euch gut und gern gegen dreihundert Mark. Na?"
„Ich danke Ihnen, Herr Hilpert. Aber die Käthe ..."
„Also, Sie melden sich beide bei mir. Am nächsten Dienstag draußen im Atelier!"
Der Filmgewaltige bestieg seinen Wagen, rief dem Chauffeur kurz eine Adresse zu und fuhr davon. Und Olga Schieder blickte trübe hinter ihm her.
Eigentlich hätte sie sich riesig freuen sollen. Un- dankbar war sie doch.
Eine kleine Rolle!
Eine wirkliche kleine Rolle!
Wie oft hatte sie sich danach gesehnt, wenigstens einmal in einer ganz kleinen Rolle zur Geltung zu kommen. Und nun, da sich dieser Wunsch plötzlich erfüllte, war es ihr nicht genug.
Käthe hätte so gut für diese Rolle gepaßt!, dachte sie wieder. Und langsam ging sie dem breiten Tor zu, wo der Portier verdrossen brummte:
„Na, nu aba en bisfen dalli. Unsereiner ist auch froh, wenn er endlich mal hier weg kann."
Und Olga ging an ihm vorüber, sah ihn gar nicht an. Und der Portier sagte giftig hinter ihr her:
„Gans! Was du schon bist!"
(Fortsetzung folgt!)


