Nr. 233 Erstes Matt
184. Zahrgang
Zreitag. 5. Oktober 1934
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Wiffenschast und Nationalsozialismus.
Grundsätzliche Ausführungen des Neichsjustizkommiffars Gtaatsminister Dr. Frank.
Berlin, 4. Okt. (DNB.) Einer Arbeitstagung des Außenpolitischen Amtes der NSDAP, und des Nationalsozialistischen Bundes Deutscher Juristen mit den deutschen Hochschullehrern der Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft in Berlin ging eine Besprechung mit der in- und ausländischen Presse voraus. Der Gesandte Werner Daitz, Amtsleiter im APA. der NSDAP, legte dar, daß uns alles daran liege, daß die Erneuerung des deutschen Volkes in außenpolitischer Hinsicht und in den Außenhandelsbeziehungen richtig gesehen werden. Das sei auch der Grund, weshalb die Außenhandels- abteiluna des APA. in Verbindung mit dem Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen diese wirtschaftspolitische Tagung einberufen habe. Der handelspolitischen Abteilung des APA. obliege also gewissermaßen der Transfer unseres wirtschaftspolitischen Gedankengutes in die Vorstellungswelt des uns umgebenden Auslandes.
Staaksminister Dr. Frank.
führte dann u. a. aus: Der Nationalsozialismus nimmt für sich in Anspruch, eine geistig-schöpferische Leistung der deutschen Gesamtentwicklung zu sein. Die Leistung Adolf Hitlers besteht darin, daß er eine Idee in wissenschaftlicher und politisch-praktischer Formulierung gebracht hat, die von der Seite der Politik her berufen ist, das gesamte deutsche Geistesleben in eine neue Entwicklungsrichtung zu leiten. Der Sozialismus, der einmal einen Aufstieg von der Utopie zur Wissenschaft erlebt haben mochte, ist in der Form des Marxismus zum nationalen Verbrechen, zum Ausdruck des Niederganges unseres Volkes geworden. Der Nationalismus war in der Form der völlig einseitig interessierten Klassenherrschaft zur Reaktion entartet, und es war daher eine ganz ungeheure, geistesgeschichtlich von größten Ausmaßen umgebene Handlung unseres Führers, daß er in der Synthese des geklärten Sozialismus als Gemeinschaftsdienst mit dem Nationalismus als dem geklärten Begriff des Gemeinschafts- opfere und der Gemeinschaftsbereitschaft den Nationalsozialismus zum Ausgangspunkt unseres deutschen Lebens gemacht hat.
Die synthetische Zusammenfassung des Nationalismus und des Sozialismus muh daher auch in den Bereichen der Wissenschaft die Idee der Volkseinheit und der Volksgeschlossenheit gegen die Atomisierung stellen, wie sie der Liberalismus auf allen Gebieten hervorgebracht hat. Weine Herren, Sie können für die deutsche Wissenschaft nicht verlangen, dah sie den Parleienkrieg auf theoretischer Basis fortseht, den das deutsche Volk für den gesamten Bereich vernichtet hat.
(Stürmischer Beifall.) Inhalt der theoretischen, dem geistigen Forschen dienenden Arbeit kann niemals fein die leere Abstraktion und die Freude an der möglichst theoretisch gefaßten Niederlegung ihrer Erkenntnisse an sich, sondern immer nur die im nationalsozialistischen Sinn zu erfolgende Förderung der Substanzwerte unseres Vol- k e s. Die Theorie muß als Dienst und Mittel zum Zweck des Volksganzen und feines Nutzens erkannt werden: Sie darf nicht mehr Selbstzweck sein. Es darf unter Ihnen keinen Theorienkrieg mehr geben! Schließen Sie untereinander in Ihren Lehrmeinungen Frieden! Es ist geradezu betrüblich, daß heute noch in einem großen Teil von Zeitschriften und von wissenschaftlichen Ausarbeitungen diesen Kampf gegen die Theorie des Kollegen X oder Y miterleben zu müssen. Welchen Vorteil hat die Nation von ihrer Selbstzerfleischung? Der übliche Professorenneid der früheren Zeit muß abklmgen im nationalsozialistischen Deutschland, oder die Freundschaft zwischen uns und Ihnen muß gekündigt werden. (Beifall.) Ich glaube aber an die Zukunft der deutschen Wissenschaft; ich glaube an die deutschen -wissenschaflichen Lehrer und an die Ehrlichkeit ihrer Methoden und ihrer Ueberzeugung. Kommen Sie zu der Ueberzeugung, daß der Nationalsozialismus «ine nicht mehr aus der Geschichte des deutschen Volkes vergehende grandiose Neuerrichtung unseres Volkslebens darstellt.
Ich bitte Sie deshalb: Seien Sie auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften ganz besonders bereit, die Führung nicht aus den Händen zu geben; denn wenn Sie versagen, dann versagt die deutsche Wissenschaft, und es wird schwer halten, eine weitere historische Wöglichkeit für den Universitäts- betrieb und für den alten hochschulbetrieb noch einmal zu schaffen, wenn er sich in dieser gewaltigen Aufbruchszeit unfruchtbar der Gemeinschaft versagen wollte. Wan fann unmöglich den Grundsatz des Privateigentums aufrechterhalten, wenn man nicht gleichzeitig sagt, daß das wertvollste Eigentum einer Nation das von seinen größten Geistern erkannte Wissen ist und die Erkenntnis seiner hervorragenden Wissenschaftler einen ganz besonderen nationalen Dien st bedeutet. Ich bin daher auch für die volle Geistes- und Lehrfreiheit aus dem Boden des Nationalsozialismus. Ich betrachte sie als das Gegenstück zu der von mir ebenso ver- tretenen richterlichen Anabhäugig-
keit. Wir können als Nationalsozialisten die Lehrfreiheit vor allem deshalb den deutschen Gelehrten geben, weil wir uns als die Repräsentanten der ewigen Wahrheit unseres Volkes betrachten dürfen. Da Wissenschaft aber W a h r- heitsdienst ist, muh sie notwendigerweise Dienst am Nationalsozialismus sein. Trotzdem muß unerschütterlich daran fest- gehalten werden, daß die Einheit der W e t t a n s ch a u u n g s b a s i s im Nationalsozialismus von niemandem a n g e t a ft e t wird. Wer allerdings es wagen sollte, aus schlechten Wotiven heraus gegen diese Bewegung anzugehen, der wird mit uns den Kampf Wann gegen Wann zu führen haben.
Ich hoffe, daß mit der Ueberwindung der Atomisierung der Wissenschaft und im Hinblick auf das von Ihnen zu verwirklichende Wunschbild der Herbeiführung des Friedens in der Wissenschaft auch die Voraussetzungen geschaffen sind, um die Wirtschaftswissenschaften im Rang einer selb
ständigen Wissenschaft zu erhalten. Es geht nicht an, daß das Chaos der Titel, das Chaos der Ergebnisse ihrer Prüfungen in Deutschland weiterbestehen bleibt. Die Frage der wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung im Zusammenhang mit der Rechtswissenschaft muß zu einer notwendigen Klärung kommen. Nichts soll uns ferner liegen, als dilettantische Schmalspurj^risten zu erziehen aus den für die Wirtschaftswissenschaft bestimmten Studenten. (Beifall.) Unser Ziel muß vielmehr sein, daß die beiden Stände organisch wachsen aus der Gemeinschaftsaufgabe am Dienst der Rechts- und Wirtschaftsordnung im Interesse des Voltsganzen. Aber sorgen Sie dafür, daß das wirtschaftswissenschaftliche Studium in den gleichen Rang kommt wie das rechtswissenschaftliche Studium.
Im übrgen wollen wir nicht vergessen, daß die universitatas literarum der früheren Zeit heute in der Weltanschauungseinheit des Nationalsozialismus wiedergekehrt ist. Es gibt darum kein Nebeneinander- oder gar Auseinanderleben der geistigen Funktionen unseres Volkes mehr. Deshalb kann das Ziel nur die Förderung des Nutzens unserer Volksgemeinschaft sein.
Die Erneuerung der MWastsethik
eine Umwertung aller Werte.
Gesandter Werner Daitz
hielt dann einen Vortrag unter dem Titel „Die Erneuerung der Wirtschaftsethik, eine Umwertung aller Werte". Die über den ganzen Erdball verstreute biologische Substanz der nordischen Rasse wird in unseren Tagen „weil die Zet erfüllt ist", wieder von den Geburtswehen einer weltanschaulichen Erneuerung geschüttelt. In allen Teilen der Welt wird um die gleiche Grundfrage gerungen: Ablösung des bisherigen unbiologischen Weltbildes durch ein biologisches. Ablösung einer anorganischen Weltanschauung durch eine organische. Der Nationalsozialismus ist kein politischer Systemwechsel, sondern die deutsche Kampfform eines weltanschaulichen Umbruches, die das Gesicht des deutschen Volkes für die nächsten 1000 Jahre prägen wird. Nur ein vollkommen weltanschaulicher Umbruch, der die überspitzte Jntellektualität entthront und an ihre Stelle wieder den einfachen, gesunden, d. h. naturverbunden en Menschenverstand setzt, wird zu einer neuen schöpferischen Ordnung aller Dinge führen. Unser großer Führer Adolf Hitler und die von ihm geschaffene Lehre und Bewegung haben sich die weltgeschichtliche Aufgabe gestellt, den zweiten Teil der deutschen Reformation zu vollenden, indem sie den deutschen Geist aus einer falschen Jntellektualität befreien. Der Nationalsozialismus dürfte in den 20 Monaten feiner Herrschaft schon bewiesen haben, daß er nicht eine Bewegung von Romantikern und Theoretikern, sondern eine Bewegung von Empirikern größten und härtesten Stiles ist.
Der Nakionalsozialismus ist sich jeden Augenblick bewußt, daß die aus der neuen deutschen Volksgemeinschaft organisch Heranwachsenden nationalsozialistischen Formen des Staates, des Rechtes, der Kultur, der Kunst und der Wissenschaft nur dem deutschen Volke eigentümlich sind und nur für die deutsche Volksgemeinschaft passen. Infolgedessen ist die nationalsozialistische Anschauung, und damit ihre politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Zielsetzungen von Grund aus anti- imperialistisch. hier zeigt sich deutlich, daß gerade der Rassegedanke und die Vezogen- heit auf das Volkstum die sicherste Gewähr vor imperialistischen Gelüsten sind. Ls gibt nur eine Begriffsbestimmung des Nationalsozialismus. Nationalsozialismus ist Volksgemeinschaft. Nur wer durch das Erlebnis der Volksgemeinschaft gegangen ist, kann praktischer Nationalsozialist sein. Ebenso wie jede Volksgemeinschaft an Blut und Boden gebunden ist, so ist auch jede Betätigung des einzelnen und der Gemeinschaft, wenn sie sinnvoll und schöpferisch sein soll, unlöslich an Blut und Boden gebunden.
Die Wirtschaftswissenschaft hat die Aufgabe, die wirtschaftliche Betätigung der einzelnen und des Volkes erkenntnismäßig so zu disziplinieren, daß sie der Sicherung u n b ö r = berung der Wachstums- und Lebenskräfte des Volkes dient. Darin besteht die Sittlichkeit des Handelns. Es kommt also alles darauf an, daß der einzelne durch das Erlebnis der Volksgemeinschaft wieder die richtige Gesinnung und damit die richtige Richtung seines Handelns empfängt. Aus solchermaßen verrichteter Arbeit erhebt sich'dann das Postulat der gleichen sozial e n E h r e. Denn die Arbeit des ärmsten
Tagelöhners und des größten Staatsmannes gilt, wenn sie nur von beiden mit voller H i n - gäbe getan wird, vor den Augen der Ewigkeit gleichviel und bedingt darum auch nach unten die gleiche soziale Ehre.
Die Handlungsfreiheit liegt immer nur in der Richtung des vertikalen Aufbaues. Deshalb verlaufen auch alle nationalsozialistischen wirtschaftspolitischen Maßnahmen in der Vertikalen. Z. B. ist die Marktregelung eine solche vertikale Maßnahme. Sie sichert nicht nur die für die Entfaltung der Lebens- und Wachstumskräfte nötige N a hrungsfreiheit der Nation, sondern sie sichert in gleicher Weise auch im darüber gelagerten Stockwerk, in der gewerblichen Wirtschaft, die ebenso notwendige Rohstofffreiheit. Die Rohstoffe müssen durch eigene Erzeugung, Stapelung oder Sicherung der Zufuhrwege in gleicher Weise durch die Marktregelung gesichert werden wie die Nahrungsmittel. Damit ergibt sich auch für das zweite Stockwerk, die Außenwirtschaft, die entsprechende Ein- und Ausfuhrregelung.
Nach einer Periode überspitzter Jntellektualität muß zur Gesundung und natürlichen Neuordnung der Dinge in allem auf die e i n s a ch st e n Grundlag e n eines Geschehens zurückgegangen werden. Der geborene Führer zieht dann alle schöpferischen Kräfte aus der Volksgemeinschaft und sammelt sie um sich als seine Jüngerschaft, die durch ihr schöpferisches Feuer seine Lehre im Fluß erhält, damit sie nicht in Formeln und Äußerlichkeiten erstarrt.
Das Dresdner Treffen der alten Kämpfer.
Der Stellvertreter des Führers an die 300 dienstältesten politischen Leiter.
Dresden, 5. Okt. (DNB.) Das Treffen der 300 dienstältesten politischen Leiter nahm mit einem Begrüßungsabend im Schauspielhaus ihren Anfang. Im Parkett nahmen die 300 alten Kämpfer Platz, die Ränge füllten sich mit den Reichsleitern und Gauleitern. Gauleiter Mutschmann richtete herzliche Worte der Begrüßung an seine alten Mitkämpfer und vor allem auch an den Stellvertreter d e s Führers Rudolf Heß, sowie den S t a b s l e i t e r d er PO., Dr. Ley.
Hierauf hielt der Stellvertreter des Führers, ReichMiiinifter Pg. R u d o l f H e ß, eine Ansprache, in der er die alten Kämpfer der Bewegung begrüßte und ihnen versicherte, daß sie nicht vergeben würden. Er habe den alten Kämpfern de n Dank des Führers zu übermitteln, daß sie so treu ausgehalten hätten und daß ihr Glaube einst, als der Kampf hoffnungslos schien, so stark war. Denen, die durchgehalten haben, sei es zu verdanken, daß der Kampf nicht umsonst war. Wenn der Führer die Partei kürzlich als einen Drben bezeichnete, so seien die alten Kämpfer der Bewegung die e r ft e n Ordensbrüder, die Trager eines Stück deutscher Geschichte, die fortstrahlen werde für Jahrhunderte. Einst würden Kinder und Kindeskinder zurückdenken an ihre Väter, Großväter und Urgroßväter, und sie würden, mit Stolz sagen: „E r war dabei, er war einer der erften." Einst würde man an die Zeit zurückdenken, da das neue Deutschland von 1933 und 1934 marschierte in eine neue bessere Zukunft. In allen Orten würden die Mahnmäler stehen an den einen, der damals den Marsch befahl, der erste politische Leiter der nationalsozialistischen Bewegung, unser F ü h r e r A d o l f H i 11 e r. Ihm Sieg-Heil!
Der Rede folgte stürmischer Beifall. Stehend sangen die politischen Leiter das Lied der nationalsozialistischen Revolution. Dann begann die Vortragsfolge, die von Künstlern der sächsischen Staatstheater bestritten wurde.
politischer Herbst in London.
Ehe die Oktobernebel in England in den „misty fog", den schwersten Herbstnebel, übergehen, pflegt die britische Öffentlichkeit der verschiedenen Lager sich Rechenschaft darüber zu geben, was man erreichte. Die Konservativen halten ihre Parteiversammlung ab, und gleichzeitig tagen ins Southe- ort ihre politischen Widersacher und schärfsten Feinde, die 2lrbeiterparteiler. Die Konservativen, denen die Macht im Unterhaus mit Baldwin abgenommen wurde durch das nationale Konzentrationskabinett des früheren Arbeiterparteilers Macdonald und der Simon-Liberalen, können wahrlich nicht alles gut finden, was ihre Regierung getan. Aber es scheint im konservativen Lager an jungen Kräften und neuen Ideen zu fehlen, um diesen Zustand zu überwinden. Die jüngeren Kräfte sind zur Schwarzhemdenbewegung Mosleys abgerückt; und so ist den Konservativen nur jene Masse übriggeblieben, die ihre Sportbegeisterung nur ganz gelegentlich durch politische Gedankengänge unterbricht, im übrigen aber froh ist, wenn sich an den althergebrachten Gepflogenheiten des täglichen Lebens möglichst wenig ändert.
Seitdem die neue Politik in der Wirtschaft zu einer Abkehr vom Goldstandard führte, ist die Konservative Partei saturiert. Sie hat innerpolitisch lediglich ein Interesse daran, das Errungene auszugestalten und vor allem gegenüber Veränderungen im Parlament nach dem alten Grundsatz der Briten in einer verstärkten Macht des Oberhauses ein Gegengewicht zu haben, derart, daß sich die beiden Gewalten gegenseitig kontrollieren und die eine Gewalt der anderen ein Paroli bietet. Die Forderung auf Machtsülle des Oberhauses ist im heutigen England, das allen radikalen Schritten abhold ist, insofern populär, als man glaubt, damit den Schwarzhemden, also dem Faschismus, Abbruch zu tun. Gelingt es, die seit 1906 immer stärker gewordene Macht des Unterhauses zu brechen, dann glaubt man nicht nur ein genügendes Uebergewicht gegenüber dem Marxismus, sondern auch gegenüber dem Faschismus zu haben.
Die Taktik der Konservativen ist aber, abgesehen von der Machterweiterung des Oberhauses, durchaus schwankender Natur, sie verteidigt außenpolitisch auch trotz mancher Aussetzungen den französisch e n K u r s, immer aber mit dem Hintergedanken, im Falle eines Krieges neutral bleiben zu können. Trotzdem läßt sich nicht leugnen, daß gerade eng» lische Konservative und Liberale, die, ausgestattet mit dem typischen englischen Verstand des Nichtverstehenwollens anderer Mächte, daran sind, d i e moralische Verpflichtung d e r Vorkriegszeit, die Sir Edward Grey gegenüber Jules Cambon einging, z u wiederholen und damit England abermals zu verstricken. So würde, während die Politik im großen und ganzen gesehen, darauf hinausläuft, die Vorkriegsfehler nicht zu wiederholen und sich vom europäischen Festland zu trennen, doch durch wenige Militärs und Staatsmänner eine höchst gefährliche Bindung erzielt werden. Man hat die Gelegenheit versäumt, beim Ruhreinbruch Frankreich zu sagen, England unterstütze Frankreich auf keinen Fall, man hat ferner den Friedenswillen des erstarkenden Deutschland unterstützt und rudert nun mit der Stange im Nebel herum.
Die „Labour Party" dagegen hat den Vorteil einer ununterbrochenen Offensive gegen das herrschende ©9 ft em. Die Liberalen sind im wesentlichen bedeutungslos, und die Ar- beiterparteiler haben zum Teil deren Wählerschichten an sich gezogen und pflegen ihren Angriff mit der Vehemenz vorzutragen, die in parlamentarisch regierten Ländern gegenüber der Regierungspartei beliebt ist. Man hat in den Kreisen der Radikalen nicht vergessen, daß 1924 ihre eigentliche Aufgabe der konservativen Regierung Baldwin überlassen wurde und vor der Wirklichkeit und den Schwierigkeiten die Arbeiterregierung zurücktreten mußte. Man hat daher das Programm umredigiert, aber die alten Forderungen auf Nationalisierung usw. erneut aufgeputzt. In der Praxis allerdings sieht es mit der Durchführung anders aus. Als die „Socialist League“ des Sir Stafford Cripps so etwas wie diktatorische Gebahrung bei einer evtl. Machtübernahme verlangte, die Banken, den Grund und Boden der Staatskontrolle unterstellen wollte, erlitt er eine schwere Niederlage, denn in Wirklichkeit ist die „Labour Party" kleinbür- lich - radikal und nicht sozialistisch, und ihre Massen sind es, wie das Abstimmungsergebnis zeigte, ebenfalls. Man will die Macht im Parlament und durch das Parlament. Aber man wendet sich gegen jede Diktatur und gegen jede autoritäre Staatsführung schlechthin.
Daher ist dieses Ergebnis außerordentlich bemerkenswert, ebenso wie die Tatsache, daß man zwar außenpolitisch Räterußland als Teilnehmer des Völkerbundes begrüßt, innerpolitisch aber scharf die Grenze gegen die übrigens an Zahl unbedeutenden Kommunisten zieht. Als Lord M a r l e y für das antifaschistische Hilfskomitee und dessen unver- schämte Einmischung in die Saarangelegenhetten sprach, wurde ihm bedeutet, daß ein derartiges Zusammenwirken mit Kommunisten der „Labour Party“ nicht genehm sei, er habe zu wählen zwischen diesen Kommunisten und ihrer Organisation und der Partei, woraus Lord Marley den Antifaschismus nach kommunistischem Muster p r e i 5 g a b und dadurch aller Welt bewies, daß die von der deutschfeindlichen Presse groß aufgemachte „Untersuchung" der Lage an der Saar lediglich von kommuni st ischen Funktionären ausgeübt worden war.
Interessant bleibt noch die Beschäftigung der Arbeiterpartei mit der Außenpolitik. Sie ist Völker-


