Kr. 201 Drittes Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhefien)Mittwoch, 5. September l9Z4
Des Heiligen Römischen Reiches Kleinodien.
Wie Nürnberg des „Deutschen Reiches Schahkästlein" wurde.
Anläßlich des Reichsparteitages der NSDAP, sollen die Nachbildungen der Reichskleinodien aus Aachen in Nürnberg ausgestellt werden.
Tausendjährige deutsche Geschichte, Aufstieg, Blüte und Niedergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, eine unendliche Fülle von Geschehnissen und Erinnerungen an große Gestalten deutscher Vergangenheit umgeben den kostbaren Schatz der Reichskleinodien, der Symbole des „Ersten Reiches" und der zahlreichen Heiligtümer, denen Nürnberg einst sicherer Hort war. Nachdem der Schatz jahrhundertelang das unstete Leben deutscher Kaiser und Könige teilte, die ihn auf ihren Zügen mit sich führten oder in Zeiten der Gefahr auf ihren festen Burgen bewahrten, wie die Staufer auf Trifels, die Habsburger auf Ky- burg, fand er im 15. Jahrhundert in Nürnberg, wo er im 12. Jahrhundert schon einmal vorübergehend war, eine Stätte für nahezu vier Jahrhunderte.
Am 22. März 1424 holten die Nürnberger Ratsherren die kaiserlichen Kroninsignien und die Reliquien feierlich ein, um sie an gesichertem Orte „in Deutschlands Mitten" in Verwahrung zu nehmen. Die reiche, stolze Stadt, die für das Recht der Aufbewahrung die damals ungeheure Summe von tausend ungarischen Goldgulden bezahlte, gab den Kostbarkeiten ein würdige Aufbewahrungsstätte in der Heiligen-Geistkirche. Die Insignien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, deren hauptsächlichste Stücke die Heilige Lanze, die alte deutsche Kaiserkrone burgundischer Herkunft, das Reichskreuz, Reichsapfel und Zepter: das Zeremonienschwert und das Mauritiusschwert sizilisch-normannischer Herkunft, sowie Kaisermantel, Alba und Purpurdalmatika sind, wurden im Gewölbe über der Sakristei untergebracht, während die Heiligtümer, darunter ein Holzspan von der Krippe Christi, ein Zahn Johannes des Täufers und Glieder der Ketten, mit denen die Apostel Petrus, Paulus und Johannes gefesselt waren, in einem heute noch erhaltenen kunstvollen Schrein bewahrt wurden, der an einer Kette hoch über dem Chor hing. So ward Nürnberg, die angesehene freie Reichsstadt, als Hüterin der höchsten Wahrzeichen des Deutschen Kaisertums „des Deutschen Reiches Schatzkästlein". Das Vorrecht der Aufbe
wahrung der Reichskleinodien wurde den Nürnbergern durch Kaiser Sigismund in einer heute noch im Ratsarchiv vorhandenen Urkunde für „unwiderruflich und ewiglich" verbrieft und durch eine Bulle des Papstes Martin V. bestätigt. Besondere Senatoren wurden zu Verwahrern bestellt, die das Heiligtum zu betreuen und alle Akten, Privilegien und Briefe in em Buch einzutragen hatten. Einmal im Jahre, am Sonntage Misericordias (dem 2. Sonntage nach Ostern), wurden die Heiligtümer am Hauptmarkte öffentlich zur Schau ge- st e l l t. Groß war dann stets der Zustrom auswärtiger Pilger, die alljährlich zu dieser „Heiligtumsweisung" kamen, um vor den Reliquien die Knie zu beugen. Im Jahre 1523, nach der Einführung der Reformation in Nürnberg, wurde die Heiligtumsweisung eingestellt.
Nürnberg behielt seinen Schatz, bis die napoleonischen Kriege das Land überzogen, bis das Erste Reich in Trümmer sank. Im Jahre 1796 besetzte Napoleons General Jourdan die Stadt, und seine erste Tat galt der Sicherstellung des kostbaren Schatzes. Doch die vorsorglichen Nürnberger, den Zweck des Ueberfalles ahnend, waren ihm zuvorgekommen. In der Nacht, bevor die Franzosen die Stadt besetzten, brachte der Nürnberger Patrizier von Haller die Kleinodien, in Kisten verpackt und auf Karren unter Pferdedünger versteckt, auf heimlichen Wegen nach Prag, um sie dem Reichstagskommissär Baron Hügel zu treuen Händen zu übergeben. Er sollte für ein Versteck sorgen, bis für die Rückführung nach Nürnberg keine Gefahr mehr sei. So wanderte der Schatz in unscheinbaren schwarzen Reisekoffern zunächst nach Hügels Haus in Regensburg, wo er im Erdgeschoß eines Eckturmes hinter verriegelter und mit Hafer zuge- schüttster Zugangstür versteckt wurde, und später, der größeren Sicherheit wegen, nach Wien. Kaiser Franz II., der letzte Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ließ zwar erklären, daß die Verwahrung in Wien nur als einstweilig anzusehen sei, doch trotz aller Rückgabeforderungen Nürnbergs, das feine vor 500 Jahren als „unwiderruflich und ewiglich" verbrieften Rechte bis heute nicht aufgegeben hat, verblieben die Kleinodien dort. Deutschland bewahrt jedoch im Rathaus zu Aachen naturgetreue Nachbildungen dieser er-» innerungsreichen Reichskleinodien, die während des
Nachbildungen der Reichskleinodien: Reichsapfel, Zepter und Krone.
Reichsparteitages der NSDAP, in Nürnberg zur Schau gestellt werden.
Mit dem Namen Nürnbergs ist wie mit keiner anderen deutschen Stadt die Ueberlieferung des Glaubens an die deutsche Reichseinheit verbunden. Wie die Stadt in den Jahrhunderten des Ersten Reichs als Hüterin der Reichsheiligtümer eine Son
derstellung unter den deutschen Städten einnahm, so ist sie als Stadt der Reichsparteitage der NSDAP, und Bewahrerin der Tradition nationalsozialistischer Ueberlieferung auch im Dritten Reiche in gleicher Weise ausgezeichnet.
Tagung der Ortsbauemsiihrer im Kreis Gießen.
Die Bezirksbauernschaft des Kreises Gießen hielt am Dienstagnachmittag im Hotel Hopfeld eine Versammlung der Ortsbauernführer ab, zu der die Eingeladenen fast vollzählig erschienen waren. Bezirksbauernführer Metzger- Röthges begrüßte die Erschienenen, besonders den juristischen Sachbearbeiter der Kreisbauernschaft Oberhessen-West, Dr. Kneipp- Friedberg, und stellte dann der Versammlung die neu ernannte Geflügelsachbearbeiterin des Kreises Gießen, Frl. I a n z, vor. Er gab den Ortsbauernführer auf, die neue Sachbearbeiterin bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Hierauf wurden die Erhebungen über hie Ernteer t r ä g n i s s e von 1934 eingehend besprochen. Die mit ihren Angaben noch rückständigen Ortsgruppen wurden namentlich aufgeführt. Es wurde besonders darauf hingewiefen, daß die Meldungen die Unterschriften des Ortsbauernführers und des Bürgermeisters tragen müssen.
In übersichtlicher Art hielt Sachbearbeiter Dr. Kneipp ein Referat über
Fragen des Pachtrechtes und des Pachtzinses. Eingangs feiner Ausführungen betonte der Redner, daß der Bolschewismus und der Nationalsozialismus zwei grundverschiedene Weltanschauungen seien. Der Nationalsozialismus beabsichtige nicht, den Verpächter zu enteignen, sondern das Verhältnis zwischen Verpächter und Pächter auf neue Grundlagen zu stellen. Maßgebend dabei sei, daß das Reich sich in einigen Jahren auf landwirtschaftlichem Gebiet soweit durchgerungen haben müsse, daß es aus den Erträgnissen aus Grund und Boden das Volk selbst ernähren und die Nahrungsfreiheit auch in Krisenzeiten sicherstellen könne. Dabei müsse auch der Besitz das Eigeninteresse hinter die Gesamtinteressen des Volkes zurückstellen. Aus diesem Grunde seien Übergangsbestimmungen und Zwischenlösungen in den Fragen des Pachtzinses und und des Pachtrechtes im Hinblick auf die kommende neue Pachtgesetzgebung geschaffen worden. Schon im Herbst sollten die Bestimmungen dem nationalsozialistischen Programm angepaßt werden.
Das bisherige Pachtrecht nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch gehe noch von dem Gedanken aus, daß Grund und Boden Ware seien, mit der der Eigentümer anfangen könne, was er wolle, um aus ihr den bestmöglichen Nutzen zu ziehen.
Nach nationalsozialistischer Auffassung seien Grund und Boden Besitz der Volksgesamtheit, den diese zu treuen Händen den Bauern übergibt, der ihn im besten Interesse der Allgemeinheit zu verwalten hat.
In Zukunft solle eine stärkere Sicherung des Pächters erfolgen, damit durch eine ruhige Entwickelung der Boden bestmöglichst zum Wohle der.Allgemeinheit ausgenutzt werden könne. Der Redner führte dann eingehend die Fragen der Kündigung der Pacht mit dem Ziele evtl, neuer Pachtzinsregelungen an und betonte dabei, daß in jedem Falle unbedingt die festgelegten Fristen einzuhalten evtl, rechtzeitig die zuständige Rechtsstelle anzurufen fei. Im Hinblick auf das herannahende Ende des Pachtjahres erläuterte er die noch bis jetzt gültige Hes
sische Pachtschutzoerordnung von 1925 und die uns ter dem Gedanken der Nahrungsfreiheit und Volks» nahrung nach der sozialen Seite hin vorgenommenen Aenderungen vom 22. 4. 33 und 27. 4. 34. Dabei hob er u. a. hervor, daß ein Antrag auf Pachtzinsänderung zwei Monate nach Ablauf des Pachtjahres eingereicht sein müsse. Um Unklarheiten zu vermeiden, stellte der Vortragende fest, daß ein Verkauf des Pachtlandes, ebenso der Tod des Verpächters den Vertrag nicht brächen. Nur beim Erwerb aus einer Zwangsversteigerung könne eind Fortsetzung der Pacht nicht zugemutet werden.
Zur Anpassung des Pachtzinses an die veränderten Verhältnisse sollten die Pacht-Einigungsämter eine Annäherung herbeiführen. Die diesjährigen Pachtpreis-Richtlinien sollten Anfang November vorliegen. Durch das System der Festpreise müsse eine Stabilisierunig auch beim Pachtzins eintreten.
Der länger als zwei Jahre ganz oder teilweise mit seinem Pachtzins im Rückstand sei, könne keinen Schuh erwarten.
Diese Schutzmaßnahmen seien allerdings nur ein Uebergang zu der kommenden Reichsregelung.
Nachdem noch einige Anfragen gestellt worden waren, wies der Bezirksbauernführer Metzger nochmals darauf hin, daß große Mühlen von der Landwirtschaft nicht mehr Roggen und Weizen annehmen dürften, sondern sich beim Handel einzudecken hätten. Nur für die kleinen Mühlen, die Getreide im Austausch annehmen, sei das „Moltern" erhalten geblieben. Klagen über das Schlagen gegen Lohn bei den Oelmühlen sollen noch geklärt werden.
Es wurde fernerhin um Beteiligung an der Rheinischen Grenzlandschau in Bad Kreuznach vorn 15. bis 18. September geworben, auf der Reichsbauernführer Darre und Staatsrat M e i n e r t sprechen werden. Für die Teilnahme in Sonderzügen werden 65 v. H. für Einzelfahrten unter Vorzeigung der Eintrittskarten 33Vs v. H. Fahrpreisermäßigung gewährt, so daß die Fahrt von Gießen aus hin und zurück etwa 4,80 IRTL kosten dürfte.
Für das Erntedankfest in Bückeburg stellt die Landesbauernschaft Hessen - Nassau fünf Sonderzüge mit mindestens 5000 Teilnehmern. Dis Fahrt ab Gießen dürfte etwa 7,70 RM. betragen. Anmeldungen für beide Veranstaltungen sind rechtzeitig an die Kreisbauernschaft in Friedberg einzureichen.
Sachbearbeiter Dr. Kneipp referierte hierauf noch über die Gebührenordnung in Prozeßangelegenheiten, die er an vielen Beispielen klarmachte. Er warnte davör, den bäuerlichen Betrieb durch unnötige Händel zu belasten.
Von der Viehverwertungsgenossenschaft wies deren Vertreter Metz auf den großen Viehmarkt am Montag, 10. d. M. in Frankfurt a. M. hin, zu dem alles Schlachtvieh herangeschafft werden solle, das nur erreichbar sei.
Mit einem Dankeswort an die Teilnehmer und nach nationalsozialistischem Brauch schloß Bezirks- bauernführer Metzger die Versammlung.
DoofllflDerteiliifltlltW
Vornan von Anny von panhnys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
9. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Ich will aber mehr hören!" fuhr er sie an.
Frau Olden wußte, wenn ihr Mann so erregt war wie jetzt, wurde die Situation gefährlich.
„Geh schlafen, Donata!" riet sie wieder und schob die Tochter zur Tür.
Diesmal ließ Werner Olden Donata gehen; man hörte sie die Treppen hinaufsteigen. Schwerfällig und langsam wie ein alter müder Mensch.
Nachdem man die Schritte nicht mehr hörte, sagte die kleine, blasse Frau mit vor Erregung bebender Stimme:
„Das hast du sehr schlecht gemacht, Mann! Das hast du miserabel gemacht! In dem Ton hättest du zu deinem Kind nicht reden dürfen. Ich wollte dir das in Donatas Gegenwart nicht sagen. Aber jetzt sage ich dir: In Grund und Boden müßtest du dich schämen!"
Sie wandte ihm den Rücken zu und ging zur Tür.
Er blickte betroffen, fuhr sich, wie er es oft tat, durchs lange, graue Haar, murmelte:
„Warum denn gleich so schroff, Steffi? Ich bin doch schließlich der Vater!"
Sie drehte sich schnell um.
„Gerade weil du Donatas Vater bist, durftest du sie nicht in solcher Weise behandeln. Du hast Dinge gesagt, die mußten ja Donatas Ehrgefühl schwer verwunden." Sie sah ihn an. „Ich schäme mich dessen, was du gesagt — und ich schäme mich deiner!"
„Steffi! Ich sah es ja im tiefsten Innern schon ein, ehe Donata aus dem Zimmer gegangen ist; aber du weißt, es fällt mir schwer, so etwas zuzugeben — mein Unrecht einzugestehen." Seine Stirn umwölkte sich. „Ist doch auch ne verflixte Suppe, die das Mädel da zusammengerührt hat. Guter Ruf ist für arme Menschen, die wir im Grunde genommen doch sind, einfach alles. So 'n junges Ding, wie Donata, hat nichts weiter und muß sich nun herumtragen lassen von dem ekligen Klatschweib, der Dörner. Ich bin nervös, das gebe ich zu, bin vielleicht sogar in letzter Zeit unausstehlich, aber versuche doch, Steffi, dich in meine Lage hineinzudenken."
Er nahm ihre Hände.
„Liebe, liebste Frau! Du hast ein^m Künstlertraum entsagen müssen. Ein bitter böses Schicksal naym btr deine herrliche Stimme, die vielleicht eine ganze Welt in Taumel des Entzückens versetzt hätte. Du kennst also den abgrundtiefen Schmerz, den so ein armer, enttäuschter Künstler durchmachen muß. Du wirst wahrscheinlich noch jetzt oft heimlich
daran denken; aber du hast dich doch gefügt, weil du weißt, nie und nimmer kann dein Traum Wirklichkeit werden. Aber ich kann mich nicht bescheiden, weil ich immer und immer wieder komponieren muß. Es singt und klingt in mir, und ich erlebe immer wieder das Geburtswunder neuer Melodien. Ich-habe -mid) oft dagegen gewehrt, habe mich dock- beinig dagegen aufgelehnt. Aber, es nützt ja nichts, die Ohren zu verstopfen. Es musiziert doch in einem. Ich höre das Jauchzen und Weinen, das Trillern und Glockenläuten mit dem Gefühl." Er machte eine fahrige Handbewegung. „Da ist dann plötzlich die Welt da draußen still, totenstill, als wäre sie nicht mehr da, und ich sitze wie auf einer einsamen Insel an meinem Klavier.
Notenpapier und das Singen und Klingen da drinnen ist alles, was es auf der einsamen Insel gibt und zu geben braucht. So entstand ein neues Opus. Immer wieder ein neues. So entstand immer wieder eine neue Enttäuschung.
Bis ich müde wurde, bis ich die Hoffnung, etwas zu erreichen, aufgab. Ich las von diesem und jenem Komponisten, und manchmal ging ich hin und hörte ihre Werke."
Er sprach jetzt lauter, fast heftig stieß er hervor:
„Oft fand ich schön, was ich hörte, aber viel öfter konnte ich nicht begreifen, warum die Arbeiten den meinen vorgezogen wurden. Ich wußte, ich fühlte, ich war überzeugt: ich konnte mehr! Ich fügte mich schließlich, schlug mich als kleiner Musiklehrer schlecht und recht durch; meinen Ehrgeiz sargte ich ein — aber letzthin, als Donata und du meine neue Symphonie lobtet und Ihr darauf bestandet, daß ich's damit noch einmal bei einem Verleger versuchen sollte, da feierte mein Ehrgeiz Auferstehung, und die alten Träume wurden wieder wach. Doch auf Kosten meiner Nerven. Tag und Nacht, seit ich die Noten weggeschickt habe, denke ich daran, ob sie wieder zurückkommen werden wie die meisten vorher. Denn die paar Märsche und Lieder aus meinen jungen Tagen, die gedruckt wurden, rechne ich nicht. Die sind verhallt, verklungen. Nun quälen mich Hoffnung und Angst, Tag und Nacht, und das, Steffi, das hat mich^so zerquält, daß ich kaum noch weiß, was ich tue."
Sie lächelte, und ihr Lächeln war weich und jung, wie in Mädchentagen.
„Ich verstehe dich ja, alter Polterer, aber ein bißchen Selbstbeherrschung hattest du vorhin doch aufbringen müssen. Donata ist einundzwanzig Jahre alt. Sie kann dir glatt davonlaufen, wenn sie will, kann in das Leben hineinlaufen, das sie für sich als das rechte erkannt, in eine Ehe hinein, die ihr die rechte scheint. Sie kann zu dem Mann gehen, den sie liebt, ohne deinen Segen abwarten zu brauchen. Sie wird das nicht tun. Donata macht das nie. Aber gerade deshalb darfst du sie nicht behandeln wie eine unverschämte Unmündige. Liebe ist doch etwas Heiliges, das wissen wir beide wohl am besten."
Er nahm ihre beiden Hände, die schmal und schon geformt blieben, trotzdem sie vor keiner groben Arbeit zurückfcheuten, und er küßte die beiden Hände.
„Du hast recht, Steffi, wie immer. Und so schwer mir Dickkopf das Geständnis fällt — ich schäme mich."
„Dann ist's ja gut, Werner", nickte sie. „Dann wird schon alles wieder in Ordnung kommen."
Sein Gesicht zeigte schon wieder Aerger.
„Die Dörner, den alten Tratschfetzen, die kaufe ich mir morgen vormittag. An der kann ich mich ja austoben."
Am nächsten Morgen, als er um halb acht Uhr den Rolladen vor dem breiten Fenster feines Musik- zimmers hochzog, fah er gerade Frau Dörner vorbei- watfcheln.
Sie grüßte katzenfreundlich.
Er winkte:
„Ach, Frau Dörner, bitte, kommen Sie doch ein paar Minuten herein! Ich möchte Ihnen was zeigen."
Frau Dörner, mit dem schlecht gefärbten Haar und dem nußbraunen fälschen Zopf aus Jugendtagen, betrat neugierig das kleine Haus.
Sie stand dann im Musikzimmer, und der große, breitschultrige Werner Olden drückte sie in einen weit ausladenden Großvaterstuhl.
Er lachte böse:
„Jetzt stützen Sie die Ellbogen auf die Seitenlehnen des Stuhles, Frau Dörner, und halten Sie sich fest, falls es eine Erschütterung bei Ihnen geben sollte."
Ihre vorstehenden Augen schienen noch weiter hervorzuquellen.
Er trat vor sie hin.
„Sie haben gestern den Ruf meiner Tochter verunglimpfen wollen und sich die größte Mühe gegeben, mit Ihrem ungewaschenen Mundwerk dem armen Mädel zu schaden. Wäre ich gestern abend resoluter gewesen, hätte ich klüger gehandelt. Aber die Sache ist noch frisch genug. Jetzt passen Sie gut auf: Ich verbiete Ihnen, noch ein einziges Mal den Namen Donatas in solcher Weise wie gestern, in den Mund zu nehmen. Und falls Sie die Absicht haben, jetzt loszugehen, um ihn von neuem in den Dreck zu werfen, warne ich Sie. Hüten Sie sich. Wenn mir noch etwas Aehnliches zu Ohren kommt, wie ich es gestern selbst hörte, ergeht es Ihnen jämmerlich schlecht. Mein Mädel hat einen Schatz, sie wird sich in nächster Zeit verloben, aber das geht Sie nichts an. Ich erwähne das bloß. Doch gegen Klatschzungen gibt es ein probates Mittel. In alten Jahrhunderten riß man solchen Giftschlangen, wie Sie eine sind, die böse Zunge aus dem Maul, und es soll mir nicht daraus ankommen, das auch heutzutage nochmal zu probieren." Seine Augen blitzten. „An Ihnen zu probieren, Frau Dörner! Also Sie sind gewarnt!"
Ganz benommen hatte die Klatsche alles mit an
gehört. Sie hatte mehrmals aufspringen wollen, ab$r die breite Gestalt Werner Oldens hatte sich vor sie hingepflanzt wie ein wuchtiges, steinernes Standbild.
Er trat etwas zurück.
„Jetzt raus mit Ihnen! So was wie Sie verdirbt mir die gute Luft im Zimmer. Vergessen Sie aber nicht meine Warnung!'
Sie taumelte hoch, wollte reden; aber fein Blick verbot es ihr.
Er ging neben ihr her, bis zur Tür.
„Was ich verspreche, pflege ich zu halten, und diS Ehre meiner Tochter ist meine Ehre!"
Mit scheuen Augen schlurfte die dicke Frau hinaus. Sie wagte kein armseliges Wörtchen. Seins drohenden Worte aber saßen fest in ihr verankert
Sie war feige wie alle Lästerer und Klatschweiber. Sie watschelte die Spillingsgasse hinab und dachte, Donata Oldens Name wollte sie lieber nicht mehr aussprechen. Sie glaubte dem immer etwas sonderbaren Musiker aufs Wort, daß er ihr, wenn es darauf ankäme, wirklich die Zunge herausriß.
Ganz eiskalt durchschauerte es sie bei dem Gedanken. Ihr war zumute, als hätte sie eben als Angeklagte vor dem leibhaftigen Gottseibeiuns erscheinen müssen.
Sie brummte tief verstimmt:
„Der Tag fängt gut an ..."
Zwölftes Kapitel.
Schon seit zwei Wochen kam die neue blonbd Klavierschülerin ins Haus, aber die Fortschritte, dis sie machte, waren sehr unbedeutend.
„Talent hat sie nicht für fünf Pfennige!" äußerte Werner Olden zu seiner Frau. „Aber sie ist voll rührendem Eifer, und ich glaube, ich täte ihr sehr weh, wenn ich ihr raten würde, den Unterricht aufzugeben. Nützen würde es wahrscheinlich auch nichts. Sie liefe zur Konkurrenz, und irgendein Kollege von mir nähme ihr das Stundengeld ab."
Zwischen Vater und Tochter schien alles in bester Ordnung, sie waren freundlich miteinander, und doch stand etwas wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen. Der Name Detlef Westkamp wurde nicht mehr von ihnen ausgesprochen, und doch schien es, als schwebe er laut und deutlich oerstehbar im Raum, wenn Vater und Tochter sich zusammen in einem Zimmer aufhielten.
Werner Olden kümmerte sich nicht mehr darum, wenn Donata fortging Er tat, als merke er gar nicht, wenn sie sich mit Detlef Westkamp traf.
Sie hatte dem Geliebten nichts mitgeteilt von jener bösen Stunde mit ihrem Vater. Wozu dem Geliebten wehe tun? Don feiner Komposition, die er an den Verleger gesandt, sprach Werner Olden auch nicht mehr. Aber Mutter und Tochter wußten: er dachte an nichts anderes, und beiden ging el nicht besser. Beide beteten heimlich um das, was sein, Glück sein würde.
(Fortsetzung folgt.)


