Nr. 207 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger lGeneral-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch. 5. September 1954
Liebesäpfel.
Von Rutger Llpendiek.
Liebesapfel nennt ihr mich, Das ist nicht übertrieben, Denn ich sage: Kennt ihr mich, So müßt ihr mich auch lieben.
Elly Petersen hat in diesem Sprüchlein sehr nett gesagt, wie sehr die Tomate es verdient, beachtet zu werden. Bekanntlich hat sie sich im Laufe der letzten 20 bis 30 Jahre in Deutschland ungeheuer schnell verbreitet. Noch vor dem Krieg war sie besonders in der Kleinstadt und auch auf dem Lande eine fast unbekannte Erscheinung. Heute findet man sie in allen Gärten. Ueberall leuchten uns die roten Liebesäpfel entgegen.
Aber woher stammt die Tomate? Ihre ursprüngliche Heimat ist Südamerika. Sie wurde zunächst nach Italien, nach Spanien, Frankreich ufw. gebracht. So fand sie auch den Weg zu uns.
Schon im Frühjahr erfreut sie uns mit ihren gelben Blüten. Und dann kommt es auf die Kraft der Sonne an, um ihre Frucht röten und reifen zu lassen. Auch wenn die Tomaten billig aus Italien kommen, in jedem warmen und sonnigen Sommer lohnt sich der Anbau auch bei uns, ob sie nun in Töpfen, auf dem Feld oder am Spalier gezogen werden. Selbst die Hausfrau in der Großstadt hat die Möglichkeit, auf dem Balkon ihre Liebesäpfel selbst zu ziehen. Allzu oft können wir es beobachten, wenn wir durch die Straßen der Großstadt wandern, daß die Tomaten in Kästen und Töpfen unter liebevoller Pflege gezogen werden. Schon im Winter kann man vorarbeiten. Man legt den Samen ins Mistbeet oder ebensogut in kleine Töpfe. Ende Mai werden die Topfballen sorgsam ausge- pflanzt. Durch das Verpflanzen mit dem Topfballen erfährt die Entwicklung keine Hemmung, und die Sonne wird dann zusammen mit einer guten Düngung das ihrige tun, um die Pflanzen in die Höhe zu treiben. Man kann auch in Zigarrenkisten oder Samenschalen ansäen und die Sämlinge in kleine Töpfe verstupfen. Das mögen die Tomatenpslanzen sehr gern, und beim Derschulen sind sie nicht empfindlich. Um so empfindlicher aber gegen Frost. Deshalb darf man sie. nicht zu früh auspflanzen.
Die Tomaten lieben einen kräftigen und nährstoffreichen Boden. Auf halbverrottetem Stalldünger wachsen sie am besten. Die beste Pflanzweite ist 50 bis 60 Zentimeter. Gegossen wird hauptsächlich beim Umsetzen. Sonst brauchen sie nicht viel Wasser. Aber um so öfter die Hacke. Und sobald sich die verschiedenen Triebe bilden, läßt man nur den kräftigsten stehen und schneidet alle anderen ab. Man soll aber möglichst keine Blätter abschneiden. Die sind während des Wachstums lebenswichtig. Die hinzuwachsenden Triebe werden alle 14 Tage abge-schnitten. Ende August werden dann die Haupttriebe so weit zurückgeschnitten, als Früchte daran sind, von denen man denkt, daß sie reif werden können. Denn nach Mitte September hört das Wachstum der Tomate überhaupt auf. Deshalb kann man jetzt auch die Blätter um die Früchte herum abschneiden. Dann kann die Sonne noch die letzte Reifearbeit leisten. Wird das Wetter kühl, schneidet man die Frucht mit dem Stil ab, hängt sie an einer Schnur über den Küchenherd und läßt sie hier, wenn nötig, nachreifen.
Im Haushalt ist die Tomate jedenfalls so vielseitig verwendbar, daß sich ihr Anbau unbedingt lohnt, besonders dann, wenn frühreifende Sorten gewählt werden. Und warum sollen wir uns diese schöne Frucht nicht selbst beschaffen, wenn es uns so wenig Mühe und soviel Freude macht wie gerade die Kultur unserer leuchtend roten Liebesäpfel.
3um Schuhe des Waldes.
Durch eine Verordnung „Zum Schutze des Waldes" ordnet der Hessische Staatsminister an, daß im Walde oder in gefährlicher Nähe des Waldes Zelte oder Lagerstätten nur mit besonderer schriftlicher Genehmigung der Forstpolizeibehörde
und nur innerhalb der im Erlaubnisschein freigegebenen Flächen errichtet werden dürfen. Bis zum 30. September ist es ferner verboten, im Walde oder in gefährlicher Nähe von Wäldern im Freien offenes Feuer oder Licht anzustecken, unverwahrtes Feuer oder Licht mit sich zu führen oder zu rauchen. Dieses Verbot erstreckt sich auch auf die öffentlichen Wege und die zur Errichtung von Zelten und sonstigen Lagerstätten freigegebenen Flächen. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafen bis zu 150 NM. oder mit Haft bestraft.
Einer für Alle...
und alle für Einen! Was lehrt dich, Volksgenosse, das Leben? Der Fortbestand deines Volkes ruht nicht darauf, daß du die Sorge für dich anderen überläßt. Das Streben nach der Familie ist dein Wunsch nach Erhaltung deiner selbst und deiner Art! Du löst diese Aufgabe durch deine Arbeit! Was ist dein Volk anders als eine Familie! Deine Arbeit und dein Kampf für dieses Volk dienen seiner Erhaltung und damil des Daseins deiner Kinder und Kindeskinder.
„Du bist nichts, dein Volk alles!" Dein Schicksal ist unlösbar verbunden mit dem Schicksal aller, der Kampf um das Schicksal deines Volkes damit auch Kampf um dein eigenes Schicksal! Wie oft schon in den letzten 19 Monaten hast du erlebt, welche Kraft die Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes be-
Sprechstunden
des Treuhänders der Arbeit in Gießen.
Die Industrie- und Handelskammer Gießen macht erneut darauf aufmerksam, daß der Treuhänder der Arbeit jeden Freitag von 9.30 Uhr bis 13 Uhr -und von 15 bis 18 Uhr im Kammergebäude Lvny- straße 7 seine Sprechstunden abhält.
NS.-Gemeinschaft„KrastdurchZreude"
Kreis Gießen.
Betr. Rheinfahrt.
Die für den 9. September vorgesehene dritte Rheinfahrt findet wegen ungenügender Beteiligung nicht statt.
Urlaubsfahrten.
Vom 22. September bis 1. Oktober: O st p r e u - ß e n. Letze Bäderfahrt an die Samländische Bern- stemküste. Abfahrt am 22. September früh mit einer Uebernachtung nach Hohenstein, Tannenberg, Königsberg. Von dort erfolgt die Unterbringung an den Küstenorten nordwestlich Königsbergs. Die Rückfahrt erfolgt am 30. September früh. Besichtigung von Marienburg, Uebernachtung in Berlin, Ankunft am Montag, dem 1. Oktober, abends. Anmeldetermin bis 10. September. Kosten 51 Mark.
Vom 29. September bis 7. Oktober: Bayerischer Wald. Fahrt in den herbstlichen Hochwald
Letzte Anordnungen
für die Teilnehmer am Neichsparteitag aus dem Kreise Gießen
1. Antreten aller Marschteilnehmer 18 Uhr auf dem Oswawsgarten.
2. Antreten der Zuschauer der Gießener Ortsgruppen gleichfalls 18 Uhr aus dem Oswaldsgarten. Die Frauen sammeln sich auf dem Bahnhossplah um 19 Uhr.
3. Oie Zuschauer aus dem Kreis Gießen sind bis spätestens 18.30 Uhr auf dem Bahnhof Gießen eingetrossen.
4. Abfahrt des Gonderzuges Donnerstag, 6. September, 19.59 Uhr.
Heil Hitler!
J. d. R.: Dr. Kopp
Kreisausbilder.
3. A.: Hopfenmütter
Stellvertr. Kreisleiter.
sitzt! Und der Geist dieser Gemeinschaft wird dein Volk und dich vorwärts führen.
Und die Fliegerei? Sie handelt Stunde und Stunde danach, daß ihre Arbeit und ihre Leistung nur möglich sind, wenn alle für Einen da find, damit Einer für alle zur Leistung, zur Tat kommen kann. Dieser Gemeinschaftsgeist beseelte die Entwicklung der Fliegerei, war Grundlage der heldenhaften Tat unserer Kriegsflieger und ist Inhalt für alle Zukunft!
Deutscher Volksgenosse! Die deutsche Fliegerei
dient der Zukunft deines Volkes und damit auch dir! Werde auch du Träger der Fliegerei deines Volkes: Tritt ein in den Deutschen
Luftsport-Verband!
Anmeldungen bei: Flieger-Ortsgruppe Gießen (Kreisamt), Fernruf 2951, 2952.
der bayerischen Ostberge. Unterkunftsorte Zwiesel usw. am Fuße des Arbers, mit den Hochwäldern und Wildbächen. Die herzlichen Menschen, die gute Kost, die bekannten Glasbläsereien locken zur zweiten Fahrt. Anfahrt über Passau, die Rückfahrt über Regensburg mit Gelegenheit zur Besichtigung dieser Städte und Verpflegung dort. Abfahrt am 29. September abends. Rückfahrt am 7. Oktober nachmittags. Anmeldetermin bis zum 17. September. Kosten 31 Mark.
Nationalsozialistische Kriegsopferversorgung.
Bezirksleitung Gießen.
Am Sonntag hielt die NSKOV., Fachabteilung Bund erblindeter Krieger e. V., Bezirk Gießen, im kleinen Saal des Kath. Vereinshauses eine Versammlung ab. Anwesend waren 24 erblindete Kameraden, davon zwei aus dem Bezirk Büdingen.
Der Obmann, Kam. Kranz, eröffnete die Versammlung und begrüßte alle Teilnehmer auf das herzlichste. Er wies auf das Ableben des Reichspräsidenten und Generalfeldmarschalls von Hindenburg hin, der den Kriegsopfern und insbesondere den Kriegsblinden und Hirnoerletzten ein treuer Kamerad war. Die Versammelten erhoben sich zu Ehren des Verstorbenen von ihren Plätzen. Auch der verstorbenen Kameraden S ch o r r und Loos (letz- terer war unterstützendes Mitglied) wurde in dieser Weise gedacht.
Kamerad Kranz erläuterte dann die Aenderun« gen, die das Gesetz des RVG. vom 3. Juli 1934 ge- bracht hat. Er erwähnte, daß das RVG. und das OPG. von 1906 eine Sonderbehandlung der Frontkämpfer enthalten haben, die durch das RVG. von 1920 wieder beseitigt worden sei. Erst das Gesetz vom 3. Juli 1934 räumt den Frontkämpfern durch die Bewilligung der Frontzulage wieder eine Son- Verstellung ein. Wenn auch diese Zulage heute noch gering sei und nur an einen kleinen Teil der Frontkämpfer zur Auszahlung komme, so sei doch schon die Einführung der Frontzulage ein wesent- licher Fortschritt in der Geschichte der Kriegsopfer- Versorgung. Alle übrigen durch das Gesetz vom 3. Juli 1934 in der Versorgung eingetretenen Verbesserungen erläuterte Kamerad Kranz mit sorgfältiger Genauigkeit. Nachdem Kamerad Kranz noch darauf hingewiesen hatte, daß am 9. September in Essen und am 16. September in Kassel eine Zusammenkunft der Kriegsblinden stattfipden solle und daß die Anträge auf Verleihung des Kri'egsehrenkreuzes umgehend bei den zuständigen Ortspolizeibehörden zu stellen feien, konnte von ihm die Versammlung in der üblichen Weise geschlossen werden.
Aus parteiamtlichen Bekanntmachungen
Die Fachschaft Volksschule irn NSLB., Kreis Gießen, hält am heutigen Mittwoch, 15.30 Uhr, in der Aula des Landgraf-Ludwig-Gymnasiums eine Gesamttagung der Fachschaft Volksschule mit Lichtbildervortrag von Studienreferendar Szczesch über „Lehrer und Vorgeschichte im nationalsozialistischen Staat" ab. Zu dem Vortrag haben auch Gäste aus anderen Fachschaften Zutritt.
Die Ausstellung
»Kampf und Sieg der HI/' verlängert
Die Gebietsführung der HI. gibt bekannt: Wegen des großen Andrangs des Publikums ist die Ausstellung „Kampf und Sieg der HI." bis einschließlich Freitag, 7. September, verlängert worden. Man erwartet die Belegschaften der einzelnen Betriebe, ganz besonders aber die Schuljugend und jeden, der das junge Deutschland kennenlernen möchte.
Bornotlzcu.
— Tageskalender für Mittwoch: NSLB., Kreis Gießen, 15.30 Uhr, in der Aula des Landgraf- Ludwig-Gymnafiums, Gesamttagung der Fachschaft Volksschule. — NS.-Lehrerbund Gießen, 15.30 Uhr, im Singsaal des Realgymnasiums, Bezirksversammlung der Fachschaft Höhere Schule. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, „Die Csardasfürstin". — Reichstreuebund, 20.15 Uhr, Wiederbeginn der Kameradschaftsabende. — Turnverein 1846, Alters- turner, 20.30 Uhr, in der Turnhalle, wichtige Besprechung. — Aquarien- und Zierfischverein, Hotel Köhler, Horst-Wessel-Wall, Werbeschau.
*
** Polizeiperson alle. In den Ruhestand versetzt wurde der Polizeihauptwachtmeister Heinrich Heß in Friedberg unter Anerkennung der dem Staate geleisteten treue Dienste mit Wirkung vom 1. Januar 1935 an.
** Schulpersonalien. Dem Lehrer Heinrich Groß zu Dorn-Dürkheim (Kreis Worms) wurde eine Lehrerstelle an der Volksschule zu Großen-Lin- den (Kreis Gießen) mit Wirkung vom Tage des Dienstantritts an übertragen. — Ernannt wurde der Schulamtsanwärter Adolf Kröning aus Offenbach zum Lehrer an der Volksschule zu Bin-
Was gibt es Neues tu Kopenhagen?
VonunferemdänischenR.E T-Korrespondenien
Kopenhagen, Anfang September.
Die dänischen Liebespärchen sind in tiefste Trauer versetzt worden, denn von behördlicher Seite aus ist das Küssen am Strand von Klampenborg, dem Kopenhagener Wannsee, seit einigen Tagen aufs strengste verboten worden! Die Zeitungen brachten diese bestimmt nicht alltägliche amtliche Meldung in großer Aufmachung auf der Titelseite und fügten hinzu, daß die Badeverwaltung dieses Kußverbot angeregt hat, da in den letzten Monaten am Strand zu viel und zu lange geküßt worden sei. Kurze Küsse, die genau so gut auf dem Bahnsteig geküßt werden könnten, sind jedoch nach wie vor erlaubt. Trotzdem werden die dänischen Liebespaare wohl in nächster Zeit die Aufhebung des neuen Kußverbotes beantragen.
Kopenhagen ist die Stadt der Räder. Es gibt wohl kaum einen Dänen, der nicht mindestens ein Fahrrad besitzt. Das Kassenfräulein vom Tivoli radelt genau so wie der ergraute Universitätspro- fessor, und der kleine Botenjunge gondelt selbstverständlich in dem dichten Fahrradstrom durch die breiten Straßen und grüßt ehrfurchtsvoll den radelnden König von Dänemark. An jeder belebten Straßenkreuzung befinden sich sogar Parkplätze für Fahrräder. In den Mittagsstunden haben sich nicht selten 500 Räder auf dem Rathaus „versammelt". Ihre „Herren" sitzen in den überfüllten Eissalons und den beliebten Erdbeerläden oder umlagern die Buden der Brötchenverkäufer, die hier zu jeder Jahreszeit glänzende Geschäfte machen. Ein dänischer Polizist kam vor einiger Zeit auf den Gedanken, daß sämtliche Fahrradbesitzer eigentlich eine Steuer bezahlen müßten. Bitterste Verachtung traf den unglücklichen Polizisten, der offenbar noch nichts von der engen Verbundenheit des Dänen mit feinem Stahlroß gehört hatte.
Auf den Kopenhagener Straßen stehen aber nicht nur Räder herum, sondern auch unzählige Automaten zieren das Straßenbild. In den verschiedensten Preislagen kann man sich hier nach Geschäftsfchluß oder am Sonntag Lebensrnittel oder Gebrauchsgegenstände jeder Art ziehen. Die dänischen Automaten liefern ihren Kunden oft mehr als ein kleines Warenhaus. Sie geben neben sämtlichen Eßwaren — von der Stachelbeere bis zur
Gänseleberpastete — eine Unzahl praktischer Haushaltsartikel von sich. In den Mägen der Kopen- haaen"r Automaten befinden sich Rasierklingen und elektrische Sicherungen, photographische Platten und Schuhkreme, ja sogar Zahnbürsten und Hosenträger kann man hier allnächtlich gegen den Einwurf einer kleinen Münze erstehen. Selbstverständlich fehlen auch die schlanken Zigaretten nicht, die am Nachmittag von den eleganten Frauen auf den Terrassen der kleinen und großen Musikcafss zum starken Mokka gequalmt werden.
Wenn ein Schriftsteller einmal daraus kommen würde, die Geschichte des guten Essens zu schreiben, könnte er in Dänemark genügend Material vorfinden. Es ist charakteristisch für Kopenhagen, daß es über ein Lokal verfügt, das eine 2 Meter lange Speisekarte besitzt. Diese Speisekarte, auf der fast 180 verschiedene Sorten belegter Brötchen verzeichnet sind, wird den Gästen in dreisprachiger Übersetzung überreicht. In allen überhaupt denkbaren Möglichkeiten werden diese Brötchen zubereitet und mit unverstellbarem Raffinement garniert. Es gibt Brötchen, die nach deutschem Geld kaum 10 Pfennige kosten, während solche mit besonderen Leckerbissen angerichtet den Wert eines Dreimarkstückes übersteigen. Diese Brötchen sind für die Dänen Himmelsgaben!
*
Während in dem riesigen Vergnügungspark Tivoli nur Variets-Attraktivnen ersten Ranges zu bewundern sind, gibt es in der Umgegend Kopenhagens mehrere Stätten, an denen noch der echte dänische Volkshumor gedeiht. Im „Lorry", dessen Inneres mit den Kulissen eines bayrischen Alpendorfes geschmückt ist, tritt zur Zeit die populärste Kapelle des Landes auf. Der Dirigent zeigt sich als Tanzkomiker und ist der wahre Abgott des Volkes. Von >Zeit zu Zeit holt er kleine Kinder aus dem Publikum auf die Bühne, bringt ihnen die neuesten Schlager bei und singt sie dann gemeinsam mit den Kleinen zur leisen Ziehharmonika.
Das Originellste aber sind die Sängerinnen Pavillons draußen vor der Stadt. Hier hat sich die Tradition des echten Tingeltangels bis in unsere Tage erhalten. Vor einer staubigen, unvorstellbar kitschig gemalten Walddekoration sitzen sechs ältere Damen in billigen längst aus der Mode gekommenen Flitterkleidchen und fingen abwechselnd zu der Begleitung eines völlig verstimmten Klaviers kleine Liebeslieder und derbe Couplets. Wenn es den Damen zu kalt wird, holen sie sich eine Strickjacke auf die Bühne, ziehen sie über das kurze abgetragene Brokatkleid und schmettern in dieser Kostümierung ihre Schmachtfetzen in den rauchigen
Raum. Wenn sich dann noch ein Kavalier findet, der den sechs Sängerinnen eine Lage Bier aufs Podium schickt, ist die Stimmung da, die dem Abend in einem solchen Pavillon feine besondere Note gibt.
♦
Seit kurzer Zeit ist die Hauptstadt Dänemarks um eine Sensation reicher geworden. Während die Kopenhagener bisher nur gewöhnt waren, sich ihr ausgiebiges Frühstück auf den reizvoll angelegten Dachgärten oder in den Spezial-Kaffeestuben servieren zu lassen, haben sie jetzt die Möglichkeit, ihren Morgenkaffee auf Kanonen sitzend zu sich zu nehmen. Das Seefort Treekroner, auf dem sich noch vor wenigen Jahren dänische Matrosen befanden, hat ein geschäftstüchtiger Gastwirt gepachtet und als Restaurationsbetrieb eingerichtet. Gern sitzen die Gäste, die viertelstündlich per Motorboot nach dem alten Seefort befördert werden, „auf dem Pulverfaß" und freuen sich, die Befestigungen ihres Militärs aus nächster Nähe studieren zu können.
Stefan George als Darmstädter Gymnasiast.
Irn „Deutschen Philvlvgen-Blatt" veröffentlicht H. Werner Erinnerungen an die Gymnasiastenzeit Stefan Georges auf dem Ludwig-Georg- Gymnasium in Darmstadt, dessen Schüler übrigens auch Karl August Klein, der die Herausaabe der „Blätter für die Kunst" organisierte, Karl Wolfs- k e h l und Friedrich G u n d o l f waren.
Nach dieser Beschreibung war George alles andere als ein Duckmäuser. Er war ein rauflustiger Gesell, der in der Schule feine guten Zeugnisse erhielt und Skat- und Flaschenbierschlachten wie alle anderen auch mitmachte. In einigen Dingen aber kündigte sich doch, aus der Rückschau gesehen, Besonderes an. Er war für fremde Sprachen offenbar begabt und hatte viel Interesse für das fremde Geistesgut. Dieses sprachliche Interesse äußerte sich produktiv darin, daß er eine eigene Sprache (ähnlich dem Volapük) erfand mit völlig ausgearbeiteter Grammatik, die er seinen Stubenkameraden — er wohnte dort mit einigen anderen Schülern bei dem Volksschullehrer Raab in Pension — einzupauken versuchte. Ferner zeigte sich auch damals schon seine Neigung für Zierschrift: altitalienische Sonetten schrieb er in kunstvoller Schwarz-Rot-Wiedergabe auf. Und endlich schuf er mit seinen Stubenkameraden eine hektographisch vervielfältigte Zeitschrift „Rosen und Disteln". Es gab also damals schon einen „George-Kreis". Als Dichternamen hatte sich George den Namen Edmund Delorme gegeben. Werner teilt bann noch ein Gedicht „Die
Najade" aus dieser Zeit und einen Teil von Georges Abiturientenaufsatz mit, an dem aber nichts bemerkenswertes ist, es fei denn, daß er überaus trocken und langweilig anmutet. Stefan George war von 1881 bis 1888 auf dem Darmstädter Gymnasium, nachdem er vorher die Realschule in Bingen besucht hatte.
Ein ritterlicher Gegner.
Ein ernstgemeintes, aber in feinem Ausgang harmloses Duell fand zwischen zwei Schauspielern der Comedie Frangaise statt. Der Komiker Dugacon und der dicke Busfot des Essarts, der als erster Darsteller des Bartolo im „Barbier von Sevilla" in der Bühnengeschichte fortlebt, waren in heftigen Streit miteinander geraten. Des Essarts hatte nämlich einen so gewaltigen Leibesumfang, daß für ihn ein besonderer Tisch angefertigt werden mußte, unter dem er sich als Drgon im „Tartusfe" verbergen konnte. Der stets zu Witzen aufgelegte Dugacon machte daraufhin im Namen des dicken Buffot eine Eingabe an den Minister, in der des Essarts um die Stelle des soeben verstorbenen Elefanten in der Menagerie bat. Das war dem Dicken doch zu viel, er forderte den Kollegen, der mit gewichtiger Miene zum Duelle erschien. „Mein Freund", sagte er, „du bist entschieden im Nachteil, weil du breiter bist als ich Ich werde dir darum mit Kreide einen Kreis auf deinen Bauch malen und nur die Stöße zählen, die da hineintreffen." Unter Gelächter endete die unblutige Begegnung.
Hochsckmlnacbn'cbten.
Dem B c r l i n e r Kunsthistoriker Professor Dr. Albert Erich Brinckmann, der zuvor an der Universität Köln wirkte, wurde vom König von Schweden das Kommandeurkreuz II. Klasse des schwedischen Nordsternordens verliehen.
Professor Dr. Franz Schütz, Oberassistent am Hygienischen Institut der Universität Berlin, hat einen Ruf auf den Lehrstuhl für Hygiene an der Universität Göttingen angenommen.
Der Vertreter der inneren Medizin an der Universität Kiel, Professor Dr. Alfred S ch i 11 e n • Helm, ist auf eigenen Antrag aus dem preußischen Staatsdienst ausgeschieden.
Dr. med. Hanns Löhr in Bielefeld ist zum ordentlichen Professor in der Medizinischen Fakultät der Universität Kiel ernannt worden.
Der Assistent am Wiener Kunsthistorischelt Institut Dr. Hans H a h n l o s e r wurde als Ordinarius für Kunstgeschichte an die Universität Bern berufen.


