Yvonnes Gefäeämnis
Roman von Klothilde von Stegmann llrheberrechtsschuh: Fünf-Türme-Derlag Halle (Saale) 25 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Weiter konnte er nichts mehr erkennen, was Fräulein Dumont dort trieb. Ihre Gestalt verdeckte ihm die Aussicht. Warum sie nur mit dem Löffel den Kaffee in der Kanne umrührte? Das tut man doch sonst erst in der Tasse? Ordentlich scheint sie ja zu sein, denn mit schnellen Griffen spülte Fräulein Dumont den Löffel unter dem heißen Wasser ab, trocknete ihn mit einem Tuch und legte ihn wieder auf das Tablett.
Eben wollte sie durch den Flur wieder in ihr Zimmer gehen, als Irene in den Korridor zurückkam. Erstaunt bemerkte Walburg, daß Fräulein Dumont zusammenzuckte, dann aber, Irene mit einem höhnischen Blick streifend, sie in fremder Sprache anredete.
Irene von Merten erwiderte einige Worte, von denen Walburg nur ein Wort verstand. Er glaubte den Namen Berta zu hören.
Yvonne Dumont ging in ihr Zimmer zurück. Als sie hastig die Tür öffnete, fiel ein kleiner Gegenstand herunter. Franz Walburg sprang auf, um ihr das Verlorene zu überreichen. Da hörte er, daß von innen der Riegel vorgeschoben wurde. Er bückte sich, um den Fund Irene abzugeben.
Im selben Augenblick aber trat Seeburg mit dem fertigen Brief aus seiner Tür und rief nach Walburg. Der steckte den gefundenen Gegenstand schnell j ein, um Seeburg nicht warten zu lassen.
„Diesmal werde ich Sie selbst aus dem Hause lassen, damit ich Ihnen den Schlüssel nicht mitzu-. geben brauche."
„Soll i ch den Herrn herauslassen, Herr Legationsrat?" fragte Irene aus der Küche. „Berta ist heute' nicht anwesend." |
„Bemühen Sie sich nicht. Aber wenn Sie die Güte | hätten, für etwas Kaffee für mich zu sorgen. Ich hatte Ihre Frau Mutter darum gebeten."
„Bereits fertig, Herr Baron. Ich stelle ihn inzwischen in Ihr Zimmer."
„Vielen Dank! Ich bin gleich wieder oben. Seien Sie doch so freundlich, Berta einen Zettel hinzulegen, daß ich morgen nicht vor einhalbzehn Uhr geweckt werden möchte. Ich werde heute nacht wahrscheinlich sehr lange arbeiten. Gute Nacht, Fräulein von Merten!"
Walburg sah zum Himmel auf, als er die Straße betrat. Die Schwüle des Tages schien sich in einem Gewitter lösen zu wollen. Er mußte sich beeilen, wenn er noch trocken nach Hause kommen wollte. Die Ellern würden sich ohnehin schon über sein langes Ausbleiben wundern. Aber erst wollte er doch noch einmal versuchen, Doktor Miller zu erreichen. Am Tage war ihm das ja nicht gelungen. Er rief in der
Wohnung an. Die Wirtschafterin Doktor Millers meldete sich. Walburg nannte seinen Namen:
„Können Sie mir denn nicht sagen, wo ich Herrn Kriminaldirektor erreichen könnte? Hat er denn gar nichts hinterlassen? Ich muß ihn in einer wichtigen 'Sache sprechen. Sowie sich Herr Doktor Miller meldet, bestellen Sie ihm folgendes: Franz Walburg läßt sagen, die bewußten Akten sind heute abend zu dem Herrn in die Wohnung gebracht worden.--
Ja, ja! Herr Dottor weiß dann schon Bescheid. Ich rufe dann morgen früh wieder an."
17. Kapitel.
Der Verlag der „Großen Glocke" war in zwei mäßig möblierten Zimmern untergebracht. In dem einen, an dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift „Redaktton" angebracht war, standen zwei Schreib- I tische, ein Schrank mit gehefteten Bänden der „Großen Glocke", einigen Nachschlagewerken und Adreßbüchern, sowie eine Anzahl Briefordner, in denen die nicht sehr umfangreiche Redaktionskorrespondenz enthalten war. Auf den beiden Schreibtischen lagen Stöße von Zeitschriften und Zeitungen. Manche lagerten dort schon seit Wochen. Neben dem einfachen Tintenfaß hatten Kleistertopf und Papierschere ihren Platz in treuer Nachbarschaft mit einem Aschenbecher und einem Pfeifenreiniger.
Der Redakteur war ein noch junger Mensch mit hageren, bartlosen Zügen. Die schmalen Lippen und das Kinn verrieten eine gewisse Willenskraft, die nicht unschöne Stirn ließ darauf schließen, daß Herr Reschke die Tätigkeit als Redakteur der „Großen Glocke" als einen Notbehelf ansah. Es war im großen und ganzen ein Jntellektuellengeficht, dem man ansah, wie sehr Herrn Reschke die geschäftlichen Grundsätze des Herrn Gösser, des Verlegers, zuwider waren.
Der lebte zum großen Teile von Artikeln, die nie erschienen. Wenn es irgendwo kriselte, wenn sich im Handelsteil oder in der Rubrik „Aus der Gesellschaft" in der großen Presse Notizen fanden, die bei möglichster Schonung der Beteiligten über unangenehme persönliche oder geschäftliche Angelegenheiten berichteten, oder wenn private Meldungen den Anfang eines Skandals erkennen ließen, dann war für die große Glocke wieder eine Gelegenheit gekommen.
Der Redakteur Reschke las eben zum zweitenmal den Brief, den ihm sein Verleger aus Ragaz als Antwort auf den eingesandten „Ostfront"-Artikel geschickt hatte. Schon bei der Ueberschrift hatte er gestutzt. Da stand nicht, wie sonst, „lieber Herr Reschke" oder „lieber Kollege" — da stand sehr förmlich:
„Herrn Redakteur Reschke im Verlag der »Großen Glocke*." Und dann ging es weiter: „Leider sehe ich mich gezwungen, von meinem Kündigungsrecht Gebrauch zu machen und hierdurch formell die Kündigung zum ... auszusprechen.
Es ist mir unbegreiflich, wie Sie in meiner Abwesenheit diesen »Ostfrontt-Artikel aufnehmen konnten. Ich habe keine Lust, mich Ihretwegen mit den Behörden anzulegen. Wir haben auch in der »Großen Glocke* noch nie einen Artikel gegen eine Behörde gebracht! Einen geschäftlichen Erfolg konnten Sie doch von diesem Angriff nicht erwarten. Wenn Sie gegen jemanden etwas haben, dann möchte ich Ihnen
sagens Benutze« Sie nicht meine Zeitung dazu, um das zu veröffentlichen! Ich kann mit gutem Gewissen behaupten, daß in meinem Blatt niemals jemand aus persönlichen Gründen angegriffen worden ist.— Hochachtungsvoll Gosse r."
Eine fatale Situation!, dachte Reschke. Da saß man denn am Ersten auf der Straße und wußte nicht, was anfangen. Ja, wenn man in einem der großen Zeitungspaläste sitzen könnte! Da hatten es die Kollegen doch besser! Hier war es falsch, wie man es auch machte.
Reschke sah auf die Uhr. Er mußte gleich einmal in die Setzerei, den Leitartikel von Gösser herüberbringen. Er ging an die Tür des Nebenzimmers, wo eine Stenotypistin und zwei junge Schreiber faßen:
„Achten Sie auf das Telephon, Fräulein Märzke! Ich gehe in die Setzerei und bin gleich wieder zurück."
Reschke stand im Setzersaal. Dort wurden keine unnützen Worte gemacht. Das Dröhnen der Rotationsmaschinen aus dem Nebensaal erschwerte jede Verständigung. Eine große illustrierte Zeitung wurde dort gedrückt. Kleine Auflagen, wie die der „Großen Glocke", lohnten das Anstellen eines solchen Maschinengebirges nicht. Sie wurden auf Flachdruckmaschinen hergestellt.
„Wann kann ich mir die Korrektur des Artikels holen?" schrie Reschke dem Faktor zu.
„Ich schicke sie Ihnen in einer Stunde herüber", kam die Antwort.
Im Nebenraum ebbte das Getöse der großen Maschine ab. Langsam kam sie zum Stehen.
„Haben Sie denn heute einen Boten?" fragte Reschke erstaunt.
„Ja! Der Alte hat einen neuen Hilfsarbeiter eingestellt — anständiger Kerl, ist lange arbeitslos gewesen."
„Also in einer Stunde, aber nicht später! Wahnsinnige Hitze heute. Ich glaube, wir kriegen abends noch ein gehöriges Donnerwetter."
*
Seltsam still kam es an dem Abend Irene in der Wohnung vor. Sie wäre trotz des drohenden Gewitters gern noch einen Augenblick an die Luft gegangen, um dieser Stille zu entgehen. Yvonne schien sich zeitig hingelegt zu haben. Wassiliew war, wie immer, nicht zu hören. Auch aus Seeburgs Zimmer kam kein Laut, nur ein kleiner Lichtstrahl fiel auf den Korridor. Er saß wohl tief in der Arbeit. Berta und die Mutter würden vor halb zwölf Uhr kaum zurück sein. Bei Tante Adelheid dauerte es immer ziemlich lange. Die Schwestern hatten sich viel zu erzählen. Wenn es nachher zu stark gewitterte, würde die Mutter hoffentlich über Nacht dort bleiben. Hätte Tante Adelheid Telephon, würde sie wenigstens anrufen können.
Als ob der Gedanke an den Fernsprecher diesen geweckt hätte, klingelte jetzt der Apparat laut und schrill. Hastig sprang Irene auf, Seeburg sollte nicht durch langes Läuten in seiner Arbeit gestört werden. Wer rief denn jetzt so spät noch an?
„Hier von Merten! Wer spricht? Wie? Ich kann den Namen nicht verstehen. Nein! Ich kann nur
ganz schlecht verstehen. Hören Sie mich denn? Also bitte noch einmal! In wessen Auftrag? Ach so, Direktor Friedrich? Was denn? Jetzt um halb zehn Uhr? Bitte schicken Sie doch jemanden an den Apparat, der besser zu verstehen ist! Ja! Hier, Irene von Merten! Ich kann den Teilnehmer nicht recht verstehen! Sehr freundlich, daß Sie vermitteln wollen, Fräulein! Also, ich soll jetzt nach Treptow ins Atelier kommen? Herr Direktor Friedrich erwartet mich? Wie komme ich jetzt da bloß hin? Es steht ein schweres Gewitter am Himmel. Ach so, gerade des Gewitters wegen! Es sollen Nachtaufnahmen gemacht werden? Ich verstehe. Ja! Also Herr Direktor Friedrich schickt das Auto hierher. Gut! In zwanzig Minuten kann ich fertig sein. Ich warte vor der Tür. Fährt noch jemand mit? Nur ein Elektrotechniker beim Chauffeur? Also ein Viersitzer-Opel, Der Chauffeur wird mich mit meinem Namen ansprechen. Sagen Sie Herrn Direktor Friedrich, daß ich in zwanzig Minuten bereit bin. Jetzt ist die Verständigung übrigens viel besser geworden. Danke!"
Irene holte rasch ihren Regenmantel und die Kappe. Dann nahm sie ein Blatt Papier und schrieb in ihrer großen, steilen Schrift eine Nachricht für die Mutter auf:
„Liebe Mutti! Eben hat mich Direktor Friedrich anrufen lassen. Ich muß nach Treptow ins Atelier. Es sollen Nachtaufnahmen gemacht werden, wenn möglich auch Gewitterausnahmen. Aengstige dich nicht, falls es sehr spät wird. Es kann auch bis frühmorgens dauern. Direktor Friedrich läßt mich im Wagen abholen und wieder zurückbringen. Mir macht es Spaß, so eine Nachtaufnahme einmal zu sehen. Herr von Seeburg will erst um halbzehn Uhr geweckt werden. Er arbeitet heute nacht sehr lange. Berta soll beim Aufräumen leife sein, um ihn nicht zu stören. Auf Wiedersehen morgen früh! Schlaf gut! Iren e."
Mit einer Nadel befestigte Irene den Zettel auf dem Tischchen im Flur, so daß ihn die Mutter beim Heimkommen nicht übersehen konnte. Dann schloß sie noch schnell wegen des drohenden Gewitters alle Fenster.
Als sie gerade den Mantel anzog, hörte sie unten von der Straße her ein Auto dreimal hupen. Schnell lief sie hinunter. Als sie die Haustür aufschloß, stand der Chauffeur mit abgezogener Mütze da:
„Fräulein von Merten?"
„Ja!" antwortete Irene. „Sie kommen .. ."
„Im Auftrag von Herrn Direktor Friedrich zur Aufnahme nach Treptow."
Damit öffnete er den Wagenschtag. Irene dankte und stieg in den Wagen.
„Ist Herr Direktor Friedrich schon draußen?" fragte Irene.
„Das weiß ich nicht! Ich hatte nur den Auftrag, den Herrn da vorn abzuholen, dann hierher zu kommen und zu fahren. Alles andere soll telephonisch schon geregelt sein."
Damit stieg der Chauffeur auf den Führersitz, drückte auf den Anlasser und fuhr über den Lützow- platz durch die Lützowstraße.
(Fortsetzung folgt.)
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