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Ur. 206 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 4. September (934

Die Mgliedschafl bei der Deutschen Arbeitsfront

und

in begnadeteren Landschaften leben konnten, von Männern mit übernatürlicher Kraft zum Guten wie zum Bösen. Seine Sprache wird altertümlich und kernig, er läßt sich nicht durch Fragen unter­brechen, denn er will eine geschlossene Geschichte mit Anfang und Ende vor uns gestalten. Wir er­leben hier noch wirkliche mündliche Saaa- k u n st, wie sie schon vor 1000 Jahren auf Island geblüht haben mag.

In Gegenden, wo die Berge den Himmel nicht so sehr einengen, sind die Menschen auch groß­zügiger und freier. Es gibt wahre Kleinkönige, die kaum an einem Tage um ihren Besitz reiten kön­nen. Gäste kommen und gehen alle Tage zur Sommerzeit, und im Winter werden strahlende Feste gefeiert. Einer rühmt sich uns gegenüber, daß von den hundert Gästen zu seiner silbernen Hochzeit nicht einer im Heu hätte schlafen müssen.

Die großartige, zurückhaltende Art isländi­scher Gastfreundschaft lernen wir auf sol­chen Höfen kennen. In den alten Sagas wieder­holt sich oft diese Szene: Ein Bauer bringt den

b) Die vorgesehene Unterstützungshöchstdauer kann jeweils nur innerhalb einer Unterstützungs­periode gewährt werden. Jede Unterstützungs­periode umfaßt zwei Jahre und beginnt mit dem ersten Unterstützungstag. Innerhalb dieser Periode werden die Unterstützungstage fortgezählt. Ist die Höchstzahl erreicht, so kann erneut Erwerbslosen­unterstützung gewährt werden, wenn die Periode abgelaufen ist und wenn seit Beginn der letzten Unterstützungsperiode wieder mindestens 12 Mo- nats- bzw. 52 Wochenbeiträge entrichtet worden sind.

b) Die Gewährung ist an keine Wartezeit ge­bunden.

c) Der Rechtsschutz erstreckt sich auf Klagen ays dem Arbeitsverhältnis und der Sozialversicherung sowie auf solche, die dem Mitglied aus seiner Tätig­keit für die Deutsche Arbeitsfront erwachsen.

d) lieber Zulässigkeit und Umfang des zu gewäh­renden Rechtsschutzes entscheidet die zuständige Rechtsschutzstelle der Deutschen Arbeitsfront.

e) Für vor Eintritt in die Deutsche Arbeitsfront anhängig gemachte Rechtsstreitigkeiten kann nur unter besonderen Umständen Rechtsschutz gewährt werden.

f) Die für den Rechtsschutz verauslagten Kosten können zurückgefordert werden, wenn das Mitglied bei Inanspruchnahme des Rechtsschutzes noch nicht ein Jahr der Deutschen Arbeitsfront angehört hat und innerhalb eines halben Jahres nach Beendi­gung des Rechtsstreites aus der Deutschen Arbeits­front ausscheidet.

g) Anträge auf Rechtsschutz für Hinterbliebene eines verstorbenen Mitgliedes müssen innerhalb dreier Monate bei der zuständigen Rechtsschutzstelle der Deutschen Arbeitsfront gestellt werden.

Llnierstützunqsemrichtungen.

22. a) Die in der Deutschen Arbeitsfront zusam­mengeschlossene Volksgemeinschaft bezweckt, ihre in Rot geratenen und bedürftigen Mitglieder zu unter­stützen. Die Deutsche Arbeitsfront prüft daher im Zweifelsfall die Bedürftigkeit und entscheidet über Gewährung und Ablehnung endgültig. Die Ein­legung von Rechtsmitteln gegen diese Entscheidung ist grundsätzlich ausgeschlossen. Die Unterstützung wird nur dem Mitglied gewährt. Dessen Anwart­schaft kann daher weder verpfändet noch auf Dritte übertragen werden.

b) Die Unterstützungszahlung wird sofort einge­stellt, wenn sie von den Versicherungsträgern, von den Behörden oder sonstigen dritten Stellen auf ihre Leistungen angerechnet wird.

c) Bei der Bestimmung des Umfanges der Unter­stützung ist nicht nur die Höhe, sondern auch die An­zahl der bezahlten Beiträge maßgebend, die das Mit-

der Milch im Hause. Hjalmar war Knecht auf einem größeren Hofe gewesen, aber er nimmt die Einsamkeit und Armut seines kleinen Besitzes gern auf sich, denn er willals freier Mann sterben". Er fragt uns nach unserem Vaterlande, vor allem nach Hindenburg,dem Alten" dies Epi­theton ist in Island ein großer Ehrentitel. Dann erzählt er von seiner eigenen Umwelt; zuerst von sich selbst, wie er sich im Frühsommer zu den Brut­felsen der Seevögel am Seil herabläßt, um Eier zu sammeln, von einsamen Gängen über Wiesen­triften auf der Suche nach Arzneikräutern. Später kommt er auf die alte Zeit, da diese Küstenstriche die Zuflucht für unruhige Geister boten, die nicht

21. a) Auf Antrag kann den Mitgliedern ..... deren Hinterbliebenen kostenlos Rechtsschutz gewährt werden.

^auernlebcn, heule wie vor 1000 3#en Als deutscher Austauschstudent auf isländischen Erbhöfen.

Von Dr. Wolfgang Mohr.

Gast bis an die Grenze seines Besitzes und holt dort unter dem Mantel ein Abschiedsgeschenk für ihn hervor. Aehnlich ging es uns einmal im Süd­lande, der Landschaft mit den breiten Gletscher­flüssen. Der Bauer brachte uns zu Pferde über den Fluß, damit wir nicht den Umweg über die Brücke zu machen brauchten, wie er sagte. Als wir drüben waren, stieg er ab und sprach: Ihr werdet ent­schuldigen, daß ich euch nicht länger begleite: Das Heu muß eingebracht werden, solange das Wetter so schön und trocken bleibt. Lebt wohl! Die Pferde sollt ihr heute behalten, denn ihr habt euch so viel vorgenommen, daß ihrs zu Fuß kaum schaffen werdet. Gebt sie nur auf dem Hofe ab, dort wird sich schon einer finden, der sie mir zurückbringt. Dann sprang er aufs Pferd und ritt schnell davon. Fast der ganze Kreis des bäuerlichen Lebens zog an uns vorüber. Und als wir zur Stadt ^urück- kehrten, waren wir so sehr Kinder dieses Landes geworden, daß uns unsere gelehrten Bücher frem­der anstarrten als die wildesten Lavablöcke der isländischen Wüste.

Nachweis der Unterstühungsberechtigung.

25. Als Ausweis bei Anträgen auf Unterstützun­gen gilt bei Arbeitslosigkeit die Stempelkarte oder eine Bescheinigung des zuständigen Arbeitsamts, in Krankheitsfällen und bei weiblichen Mitgliedern bei Schwangerschaft, Entbindung oder Wochenbett der Krankenschein oder, wenn das Mitglied keiner Krankenkasse angehört, eine ärztliche Bescheinigung.

Höhe des Unterstützungsbetrages.

26. a) Die Unterstützungssätze bei Erwerbslosig­keit werden auf Grund des Durchschnittsbeitrages der zuletzt vor dem Unterstützungsfall geleisteten 12 Monatsbeiträge bzw. 52 Wochenbeiträge fest­gesetzt. Es wird als Unterstützungssatz der diesem errechneten Durchschnittsbeitrag am nächsten lie­gende Beitrag angenommen.

b) Die tägliche Unterstützung hat die Höhe eines Wochenbeitrages der betreffenden Beitragsklasse, darf aber den Satz der Klasse 15 nicht überschreiten.

c) Bei der Unterstützungszahlung, die wöchent­lich nachträglich erfolgt, ist der fällige Mitglieds­beitrag der Klasse 4 oder auf Wunsch des Mitgliedes ein höherer Beitrag einzubehalten.

Beschränkung der Gewährung der Unterstützung.

27. Die Unterstützung wird nicht gewährt:

a) solange das Mitglied Gehalt oder Lohn wei­terbezieht; Abfindungen und sonstige Entschädi­gungen irgendwelcher Art werden auf Gehalt- bzw. Lohnbezug angerechnet;

b) im Falle wissentlich oder grobfahrlässig ge­machter falscher Angaben bei der Äntragstellung;

c) wenn das Mitglied, ohne eine feste Anstellung zu haben, in das Ausland geht;

d) wenn Erwerbsunfähigkeit im Sinne der reichs- gefetzlichen Angestellten-, Invaliden- ober Knapp- schaftsversicherung vorliegt und Rente ober Ruhe­gehalt aus obigen unb anberen Versicherungsein­richtungen bezogen wirb, ober wenn bei Berufs­unfähigkeit vom früheren Arbeitgeber ein Ruhe-

Wir beiben beutschen Austauschstubenten hatten den Winter in den warmen Stuben der Hauptstadt verbracht. Als der Kreis des Tageslaufes wieder so groß geworden war, daß die Sonne jenseits des weißen Gletschers im Westen von Reykjavik unterging, machten wir uns auf, um den Sommer über die Insel zu durchwandern. Die Landschaft, die nun auf uns eindrang, zwingt den Fremden zu gänzlicher Umstellung. Die hinreißende Farben­pracht hat ihren Grund wohl darin, daß dem Lande selbst jede Eigenfarbe fehlt. Mensch und Tier haben nur wenige Spuren in die Erbe gezeichnet: Heber die Hügel ziehen sich ein paar schmale Pfade, welche die Schafe ausgetreten haben, rauhe Reitwege um­gehen die sumpfigen Täler an der Berglehne und führen alle paar Kilometer auf die gepflegte Haus­wiese eines Hofes, deren vielgiebelige Hauser mit Seitenwänden aus Torf und grasbewachsenen Dächern wie übermoofte Felsen oder Grashügel aus ihr hervorragen.

Einer der abgelegensten und altertümlichsten Teile des Landes ist die Hornküste in Nordwesten. Ins Eismeer hinab gehen schroffe Berge unb lassen wenig Raum für Wiesen unb Höfe. Wo eine Reihe zackiger Felsen ins Meer hinausragt, in einer bunk- len Bucht, ist Erich ber Rote, ber Cntbecker unb erste Besiebler Grönlanbs geboren. An einem Samstage übernachteten wir auf einem Hofe biefer Oegenb. Es herrschte eine frohe Betriebsamkeit, unb wir erfuhren, baß am folgenben Tage (Bottesbienft in ber kleinen Kirche zu Föhrenfjorb sei, ein großes Ereignis, bas nur drei- ober viermal im Jahre ein­tritt. Früh am (Sonntagmorgen roanberten wir mit den Hofsleuten im Nebel über einen weglosen Paß zur nächsten Bucht hinab unb ruberten hinüber. Der Bauer, ber brüben wohnte, schloß sich an, unb in einem großen Boote, bas breizehn Menschen faßte, setzten wir bie Kirchfahrt fort. Die Ruberer hatten harte Arbeit gegen bie lange Dünung vor dem zerfressenen Vorgebirge, unb einem jungen Bauern zerbrach im Zuge ber Riemen. Währenb er ihn auswechselte, sprach er vor sich hin bie Worte aus bem grönlänbischen Burgunbenliebe b r Ebba: Sie ruberten rüstig; es rissen bie Planken.

In bie Riemen legten sich rückwärts bie Grimmen. .Die Bänber barsten; es brachen bie Pflöcke ...

Die 40 Menschen, bie sich zum (Bottesbienft ein- gefunben hatten, füllten bie kleine Holzkirche voll- ftänbig. Der Pfarrer ist ein knochiger Riese, mit ein paar rötlich-grauen Strähnen über bem mäch­tigen Schäbel. Auf ber wenige Stufen hohen Kan­zel muß er sich bücken, baß er nicht an bie Decke stoße. Er spricht mit Heller, sanfter Stimme. Er rebet von bem achtstünbigen Ritt im Nebel über Gebirge, ber ihn gestern zu ber kleinen Gemeinbe geführt hat. Der ihm zuerteilte Auftrag, seinen Be­ruf an ber Eismeerküste auszufüllen, hülfe ihm dabei, baß er sich nicht verirre, unb wir alle bie­nen ihm am besten, wenn wir kräftig unb tätig unser Werk versehen, in bem Kreise, in ben wir durch Geburt und Schicksal gestellt sind. Zum Schluß zi"bt erbie beiden deutschen Studenten, die den Weg in unsere abgelegene und rauhe Gegend gefun­den haben", besonders herzlich in den Kreis feiner Fürbitte.

Am folgenden Tage kamen wir an einen kleinen Hof, der fo weit abliegt, daß der Bauer nicht zur Kirche hatte kommen können. Wir bringen ihm Poft mit, Zeitungen aus Reykjavik und die is­ländische Zeitung aus Winnipeg, die man auf jedem Hof findet und die die Verbindung zwi­schen den 40 000 kanadischen Isländern und dem Mutterland aufrecht erhält. Hjalmar, der Bauer, ist so arm, daß er sich nicht einmal eine Kuh leisten kann, unb bie Frau erzählt, eine Freubenzeit sei jetzt für sie angebrochen, benn vorige Woche fern die Schafe melk geworden, und so hätten sie jetzt, nach vielen Monaten zum ersten Male wie-!

(Schluß.)

Die Richtlinien Dr. Leys, mit deren Veröffent­lichung wir am Montag begannen, beschäftigen sich dann in Punkt 13 bis 20 mit den Beiträgen für die Mitgliedschaft der Deutschen Arbeitsfront. Wir haben darüber bereits am Samstag, ben 1. September, berichtet. Die Richtlinien fahren bann mit Punkt 21 fort:

Rechtsschutz.

glieb an bie Deutsche Arbeitsfront, an ihre ehe­maligen Verbände unb an bie übernommenen Orga­nisationen nachweisbar in ununterbrochener Folge entrichtet hat. Beiträge, die für eine vor bem Ein­trittstag liegenbe ober bie im voraus für eine kom- menbe Zeit gezahlt worben finb, werben bei ber Feststellung ber Beitragszeit ober Wartezeit nicht berücksichtigt.

d) Aus biefem Grunbe muß vor Gewährung jeber Unterstützung bie Beitragszahlung nachgeprüft werben, (Beftunbet unb rücfftänbige Beiträge finb von ber Unterstützungszahlung in Abzug zu bringen.

e) Die gewährte Unterstützung ist in bie Mit- gliebsfarte bzw. in bas Mitgliedsbuch einzutragen.

f) Währenb ber Zeitbauer einer laufenben Unter­stützung erhöht sich roeber bie Dauer noch ber Un­terstützungssatz, auch wenn währenb ber Zeit Bei­träge unb nicht Verwaltungsgebühren entrichtet werben.

g) Mehrere Unterstützungen können nicht neben- einanber bezogen werben. Es wirb bei Zusammen­treffen stets bie höhere Unterstützung gewährt.

Unterstützung bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit.

23. a) Die Mitglieber können bei Krankheit unb Arbeitslosigkeit eine Unterstützung erhalten, wenn sie minbestens 12 Monats- bzw. 52 Wochenbeiträge gezahlt haben unb burch Krankheit ober burch un- verschulbete Arbeitslosigkeit, bei weiblichen Mitglie- bern auch, wenn sie burch Schwangerschaft, Geburt ober Wochenbett erwerbslos geworben finb.

b) Erwerbslosenunterstützung kann nur gewährt werben, wenn ber Antragsteller im Besitz ber Stem­pelkarte ist.

c) Unterstützung bei Krankheit kann nur bann be­antragt werben, wenn sich bas Mitglieb in einem Arbeits- ober Angestelltenverhältnis befunben hat.

d) Die Unterstützung wirb nach siebentägiger Er­werbslosigkeit, also von Beginn ber zweiten Er- werbslosenwoche ab, gezahlt. Die siebentägige Warte­zeit kann erst nach Ablauf bes Monats bzw. ber Woche beginnen, für bie ber 12. Monats- bzw. 52. Wochenbeitrag entrichtet ist.

Llnierftützungsdauer.

24. a) Die Bezugsbauer ber Unterstützung beträgt

Wochen

höchstens bei minbestens

12 Monatsbeiträgen ob. 52 Wochenmarken 7

24 104

8

36 156

9

48 208

10

60 260

11

72 312

12

84 364

13

96 416

14

108 468

15

120 520

,,

16

ÖteWagner-Gymphonie".

3u Anion Bruckners 90 Geburtstage.

Synfonie in O-Moll Sr. Hochwohlgeboren Herrn Richard Wagner, bem unerreichvaren, weltberühm­ten.unb erhabenen Meister ber Dicht- unb Tonkunst in tiefster Ehrfurcht geroibmet von Anton Bruck­ner." Diese Widmung Bruckners, bie seine tiefe Verehrung für Wagner zum Ausbruck bringt, hat eine Geschichte, bie sehr bezeichnen!) ist für Bruck­ners bescheibenes unb ungewanbtes Wesen. Im September 1873 hatte Bruckner Wagner gebeten, feine 2. L-Moll unb 3. O-Moll vorlegen zu bürfen. Zunächst hatte Wagner biese Bitte abgeschlagen, ba er mit Arbeit überhäuft war. Dann aber hatte ihm bie Absage leib getan, unb Bruckner selbst beschreibt, wie Wagner alsbann seine Werke ftubierte:Also kommen Sie", ging mit mir in ben Salon unb sah bie 2. Sinfonie an.Recht gut", sagte er, schien aber boch zu zahm gewesen zu fein (benn in Wien hatte man mich anfangs zusammengeschreckt) unb nahm bie 3. vor; unb mit ben WortenSchau, schau a was, a was" ging bie ganze erste Ab­teilung burch (bie Trompete hat Hochderseive be= fonbers erwähnt) unb sagte bann:Lassen Sie mir dieses Werk hier, ich will es nach Tisch noch ge­nauer besichtigen." Darf ich meine Bitte vorbrin­gen, dachte ich mir, wozu mich der Meister auf­forderte. Recht schüchtern und pochenden Herzens sagte ich dann zu dem heißgeliebten Meister:Mei­ster, ich habe etwas am Herzen, was ich mir nicht zu sagen getraue!" Der Meister sagte:Heraus da­mit, Sie wissen doch, wie lieb ich Sie habe." Hier­auf brachte ich meine Bitte vor, aber nur für den Fall, daß der Meister einigermaßen zufrieden sein sollte, da ich Seinen Hochberühmten Namen nicht entheiligen wolle. Der Meister sagte:Abends .5 Uhr sind Sie in Wahnfried geladen, da werden -Sie mich treffen, und nachdem ich die O-Moll- (Sinfonie bis dahin genau angesehen habe, wollen llvir dann über diesen Punkt sprechen."

Bruckner schwebte zwischen Hangen und Bangen, vvährend Wagner die O-Moll-Sinfonie durchlas; er lief hilflos in Bayreuth herum und blieb schließlich vor dem Festspielhaus stehen, dessen Bau ihn so ffehr interessierte, daß er unter den Arbeitern herumkletterte, bis Wagners Diener ihn hier mit verstaubtem Anzug auffand. Bruckner hatte gar nicht gemerkt, daß er sich verspätet hatte, und rief -verzweifelt aus:Putzt's mi ab, Leut'ln, putzt's mi ab!" InWahnfried" wurde er von Wagner ehr herzlich empfangen.Zuerst hat er gar nichts 3reöt, nur um ben Hals is er mir g'fall'n unb ab=

küßt hat er mich ein übers anbere Mal. Ich hab' natürlich gleich meinen müssen, unb bas ist auch bann nicht besser geworben, wie er mir enblich ge­sagt hat:Lieber Freunb, mit ber Debikation hat es seine Richtigkeit, Sie bereiten mir mit bem Werk ein ungemein großes Vergnügen." Zweieinhalb Stunben bin ich bann so glücklich gewesen, neben bem Meister zu sitzen, wo er bie musikalischen Ver­hältnisse Wiens besprach, mir Bier entgegenbrachte, mich in ben Garten führte unb mir fein Grab zeigte! ! ! Dann mußte (vielmehr bürste) ich, ber Hochbeglückte, ben Gebieter in fein Haus begleiten." Als Wagner ihmWeihen - Stephan" eingoß, wagte Bruckner kaum diese Einlabung abzuwehren. Er rief zwar:Um Gottes willen, Meister, bas kann ich nicht, unb es wäre mein Tob, ich komme ja soeben aus Marienbad," aber er trank boch, wie ber bamats anroefenbe Bilbhauer Kietz berichtet, ein Glas nach bem anbern. Am nächsten Morgen wußte er nicht einmal mehr, welche Sinfonie er dem Meister zur Widmung vorgelegt hatte, unb als Kietz, ben er in feiner Verzweiflung auffuchte, ihm entaegnete, es fei beftänbig von einer Sinfonie in O-Moll bie Rebe gewesen, umarmte ihn Bruckner stürmisch unb rief:Ach lieber Herr Hofrat, wie banke ich Ihnen! Jawohl, bie O-Moll hat ja ber Meister angenommen! Ach, welches Glück, baß ich nun weiß, welche von ben zweien!" Als er banach roieber zu Wagner kam, kamen ihm boch roieber einige Bebenken, unb er fragte Wagner noch einmal selbst, ob es wirklich bie O-Moll-Sinfonie gewesen fei, beren Wibmung er angenommen habe, was Wagner mit herzlichen Worten bejahte. So ist BrucknersDritte" zurWagner-Sinfonie" gewor­ben, unb so ist jene Wibmung entstauben, bie auf dem Manuskript zu lesen ist.

Letztes Gewitter.

Von Ludwig Bäte.

Heiß brennt bie Septembersonne. Die Grummet­haufen auf ben Wiesen zu beiben Seiten ber weißen Straße atmen süßtrockenen Ruch. Streng büftet ber gelbe Rainfarn im braunen Grafe, aus bem ver­drossen ein paar ergraute Apfelkronen steigen; zwi­schen benen wächst hoch unb leuchtenb ein Eber­eschenbaum auf.

Klingenb sirrt bie Luft, wenn noch eine Biene träge vorübertreibt. Eine bünne Witterung schroe- lenber Kartoffelfeuer kommt aus ben Gärten vom Dorfe her. Manchmal summt irgenbroo eine Dresch­maschine, rollt ein Wagen, unb es ist hin unb wie­her so, als würbe hinter ber flachen Blaustahlwanb

bes Berges gesprengt, benn ein ungewisses Rollen bebt bann unb wann auf, bis roieber fürrenb bas trockene Geknister ber Lüfte anhebt.

Zum Abschiebnehmen nicht bas rechte Wetter", sagt lächelnb bas schlanke, schöne Mäbchen, bas ge­rade ben Fußweg von ber Wiese her zur Straße emporsteigt unb beugt sich zu bem jungen Manne um, ber ben ganzen Arm voll weißer Achilleen trägt, bie er am halbversiegten Bache pflückte.

Ein Erröten, bas seltsam auf seinem straffen, braunen Gesicht steht, zuckt auf. Er entgegnet nichts unb reicht ihr eine langstenglige, von einem hauch­feinen Blau burchleuchtete Blüte, bie sie ansteckt. Dann steht er neben ihr

Müssen Sie benn schon fort?"

Meine Tante erwartet mich, unb um biefe Zeit gibt es auf bem Gute immer viel Arbeit. Zubern: Seien Sie froh, baß Sie mich Unrast los werben! Aus Ihrem Buche ist sicher nicht viel geworben in biefen Wochen!"

Fräulein Elisabeth!"

Nun ja! Aber ich banke Ihnen so vieles, was ich" für einen Augenblick kommt ein warmes Leuchten in ihre Augenniemals vergessen werbe!"

Die Luft glüht wie schmelzenbes Eisen. Ein bunk- les, violett umronnenes Grau steht bicht über bem Berge, aus besten einförmigem Blau bie farbigen Wipfel vereinzelter Laubbäume sich lösen. Ein fei­ner Winbhauch treibt Staub auf.

Das mein Buch wirb, weiß ich nun gewiß", hebt er plötzlich an, unb Llut strömt aus feiner kaum gezügelten, bunflen Stimme.

Eine Blutwelle springt ihr ins Gesicht. Sie ant­wortet nicht. Die anfteigenbe Straße verengt sich unb biegt bann um ben Berg herum. Sie gehen burch eine niebrige Allee Pflaumenbäume. Links unb rechts Weickbornhecken mit kleinen, rotlobern- ben Fruchtknopfbüscheln. Sonnenblumen. Hohes, bei­nahe noch grünen Gras. Ein Nußheckengebüsch, ein weißer Gartenzaun. Das Anschlägen eines Hunbes. Einige rotleinengebeckte Tische vor ber blauweißen, schattenüberbreiteten Fachwerkwanb. Samttiefe Astern, Phlox, Georginen, Reseben; gegenüber an ber Felbsteinmauer, bie ben Garten nach ben Aeckern hin abgrenzt, einige Büschel gelber Rubbeckien.

Die Achilleen leuchten wie kostbares Geschmeibe auf roeinrotem Frauenkleib.

Ein kleines Mäbchen fragt nach ihren Wünschen. Man bestellt Kaffee. Sie schneibet ein Stück Kuchen in bünne Scheiben.

Eine Frucht fällt mit scharfem Knall unb zer­bricht. Dumpfes Gerolle. Glühenbe Sonne. Plötzlich

fegt ein greller Blitz über ben zitternb glaftenben, unruhig gebehnten Horizont. Das Dorf unten liegt bunkelüberwölkt. Donner bricht auf. Einige Hühner stieben ängstlich fort. Kühe brüllen vor bem Stall­tor. Scheltworte, ein Peitschenhieb. Heubunst.

Kommen Sie!"

Sie sitzen allein in bem schmalen Wohnzimmer, in bem sie oftmals an Regentagen zusammen ge­lesen haben. Sie orbnet mechanisch bie Blüten in bie große Tonoase auf bem Tisch.

Der Donner steht über bem Haus. Die Apfel­bäume vor ben Fenstern zischen im jäh einfallen- ben Winbe. Schwere Tropfen fallen. Es ist zum Ersticken heiß. Er reißt einen Fensterflügel auf. Der Winb wirft ihn zu.

Draußen auf ber Diele ist es mit einem Male still. Eine ängstliche Kinberstimme betet. Dumps fallen bie Erwachsenen ein.

Sie schaut vom Sofa aus in bie Stube. Ihre Hänbe liegen blaß auf bem grünen Polster. Die Achilleen duften betäubenb.

Warum bas alles, Elisabeth?"

Der Regen rauscht vom Dach. Die Luft ist stickig- grau. Eine Glockenstimme quält sich vom Dorf herauf.

Sie sagt nichts.

Elisabeth!"

Lassen Sie mich, Ernst! Ich kann nicht! Darum reife ich morgen. Haben Sie Dank für biefen Sommer!"

Nebenan geht bie Schwarzwälberuhr unaufhörlich in gleichem Takt. Der Donner ebbt ab. Der Regen wird leise. Zögernb pochen einige Tropfen. Die Sonne kommt zage burch.

Im Dorf schlägt es sieben. Die Uhr auf bem Flur rasselt hinterher.

Elisabeth!"

Leb wohl!"

Sie steht mübe auf. Er folgt/ langsam. Es ist beinahe kalt braußen.

Ihre Füße gehen in gelben Blättern.

Das nasse Kartoffellaub strömt Verwesung.

Mitten auf ber Lanbstraße liegt ein zerrissener Ebereschenzweig.

£od>fd>ulnatbrid)fett

Der Münchener Dermatologe Professor Dr. Julius Mayr erhielt einen Ruf auf den Lehr­stuhl ber Dermatologie an ber Universität Mün - ft e r; Professor Mayr wirkte seit 1927 als Extra- orbinarius unb Oberarzt an der Münchener Uni­versitäts-Hautklinik.