Hr.155 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheilen)
tilittroo(M.3uIi W54
Aus der Provinzialhauptstadt.
»Pfeiff da nicht Herbert?"
„Mal'n Augenblick Ruhe, pfeift da nicht Herbert?" Jäh glätten sich die Wogen des Gesprächs, und andächtig lauscht alles zur Straße. Entschlossen eilt eine junge Dame zum Fenster, zieht die Vorhänge zurück und späht nach unten. Im Dunkel eine schweigende Gestalt. „Herbert?" — „Nee, Frollein, aber wenn Sie mich dafür nehmen wollen?" Entrüstet schließt die Verdächtigte das Fenster. Immerhin, man weiß nun mit Bestimmtheit, Herbert war es nicht.
Das ist noch ein unkomplizierter Fall. Interessant wird es erst, wenn ein Bekannter „zwischen 21 und 21.30 Uhr kommen und unten pfeifen" will. Ein äußerlich unverfängliches Vorhaben, das aber nicht selten neckische Tücken in sich birgt. Die Zeit von 20 bis 22 Uhr ist nämlich sehr beliebt bei allen Pfeifern — und deren Zahl ist Legion. Er pfeift nach ihr und sie nach ihm, hier holt ein Jüngling den anderen ab und dort ein Mädchen die Freundin — eine Heerschau gespitzter Münder. In sämtlichen Tonarten. Der Sängerstreit auf der Wartburg ist fast eine verschwiegene Geheimsitzung dagegen, und die Drosseln erblassen vor Neid in ihren Nestern.
Aus dieser verwirrenden Melodienfülle nun gilt es, die in Frage kommende, uns betreffende herauszuhören. Es ist eine musikalische Geschicklichkeitsprüfung, ein akustisches Vixierbild. Von 20.45 bis 21.45 Uhr besteht man in solchem Fall vorwiegend aus Ohr. Und unweigerlich begrüßt uns der endlich Erschienene mit den milde tadelnden Worten: „Na Gott sei Dank, ich pfeife ja schon eine halbe Stunde..."
Es gibt Haustürklingeln an fast allen Häusern. Aber es wird trotzdem und begeistert gepfiffen. Und nicht nur gepfiffen. Sondern auch gerufen, geschnalzt, mit der Zunge geknallt, in die Hände geklopft. Klingeln wäre einfacher, müheloser, aber jedenfalls minder romantisch. Die nächtlich sanften „Juhu"- Rufer sind geradezu die Käuzchen der Stadt. Wie denn überhaupt die Art und Weise, sich außerhalb des prosaisch-mechanischen Klingelknopfes bemerkbar zu machen, als ein Kriterium der Phantasie zu gelten hat. Klingel ist Klingel, aber vom herrisch-harten Zungenknall bis zum zephirsäuselnden Verliebtenpfiff können ungeahnte Skalen des Temperaments und der Gefühle hörbar durchmessen werden.
Beim Pfeifen ist allein schon die Wahl des melodischen Motivs von markanter Bedeutung. Nüchterne belassen es bei einem „Tatüti". Innerlich bewegte aber wählen ihre Melodie als etwas Symbolisches. Der Mann mit dem „Gern hab ich die Frau'n geküßt"-Pfiff kokettiert mit verruchtem Don Juanis- mus, während jener mit den Arientakten aus „Aida" seine Opernbildung brillieren läßt. „Santa Lucia" verrät exotische Neigungen. Melancholische flöten in Moll. Brutale durchschneiden die Stille mit gellendem Pfiff. So sind der Möglichkeiten ungezählte.
Wie interessant das Studium solcher pfeifpsychologischen Feinheiten aber auch immer sein mag, es entbehrt nicht der Schattenseiten. Das sind die Unmusikalischen und die Ueberoptimisten. Treten erstere in unmittelbarer Nähe ständig auf, so sind sie ein Kündigungsgrund. Es könnte „Hänschen klein" sein, womit sie beginnen, und das „Lied vom Tannenbaum" klingt nicht ganz unähnlich den Tönen, mit denen sie enden. Dazwischen aber öffnen sich melodische Abgründe.
Wäre man taub, so könnte man die Ueberoptimisten gerührt belächeln. Sie erscheinen zunächst und pfeifen mehrmals. Offenkundig aber ist die gewünschte Person nicht daheim. Der Optimist läßt sich dadurch jedoch nicht entmutigen. Er pfeift und
pfeift, von der gläubigen Hoffnung heiter beseelt, die Macht seiner Töne werde Wunder wirken und den oder die Ersehnte gleichsam spiritistisch herbeizitieren. Wie gesagt, es könnte rührend sein, wenn es sich um eine stumme Szene handelte. So aber gerät der unfreiwillige Zuhörer allmählich in Raserei. Späte Nachtstunden, in denen die Umwelt nach Schlummer lechzt, sind dem Ueberoptimisten bei weitem die liebsten, denn weithin ist da sein unentwegter Mut vernehmlich.
Vieles läßt sich noch ... Ader, Moment mal, pfeift da nicht jemand? Sie müssen mich schon entschuldigen, vielleicht ist es diesmal doch der Herbert...!?" H. C. v. M.
Oberstudiendirektor Henk t-
Am Sonntag verstarb in Gonsenheim-Mainz, wo er im Ruhestand lebte, der frühere Leiter des Realgymnasiums zu Gießen, Oberstudiendirektor i. R. Fritz Henk im 71. Lebensjahre.
Der Heimgegangene war am 14. Januar 1864 zu Oppenheim am Rhein geboren. Nach dem Besuch des Gießener Gymnasiums studierte er an der Universität Gießen klassische Philologie. Dom Mai 1889 bis zum Mai 1891 war er als Lehramtsaccessist am Gymnasium und an der Realschule zu Worms tätig, wo er bann bis Ende Juli 1891 Verwalter einer Lehrerstelle war. In dieser Eigenschaft wirkte er anschließend bis Anfang April 1892 am Gymnasium zu Darmstadt, dann bis Juli 1892 am Realgymnasium zu Gießen. Hierauf war er vom August 1893 bis Mitte Juli 1894 am Realgymnasium zu Darmstadt als Verwalter einer Lehrerstelle tätig. Am 18. Juli 1894 wurde er an dieser Anstalt definitiv angestellt. Dort stellte er bis 1. April 1915 seine Kraft in den Dienst der Jugenderziehung. Vom 1. April 1915 bis Ende Dezember 1922 wirkte er als Direktor des Gymnasiums Fride- ricianum zu Laubach. Von dort kam er Ende Dezember 1922 als Direktor an das Realgymnasium zu Gießen, da» er bis zu seinem Uebertritt in den Ruhestand am 1. Mai 1929 leitete. Von hier verlegte er seinen Wohnsitz nach Gonsenheim bei Mainz, um dort seinen Lebensabend zu beschließen.
Oberstudiendirektor Henk, dem bei seinem Ausscheiden aus dem Schuldienst von seinen Amts- genossen am Realgymnasium herzliche Ehrungen dargebracht wurden, hat sich um die Ausbildung der ihm anvertrauten Jugend und um ein harmonisches und vertrauensvolles Zusammenwirken innerhalb der Lehrkörper der von ihm geleiteten Anstalten in hohem Maße verdient gemacht. Allezeit freundlich und hilfsbereit, ein Mensch von vornehmer Gesinnung und aufrechtem Charakter, hat er sich nicht nur bei feinen Berufskollegen, sondern auch über den Kreis seines beruflichen Wirkens hinaus große Wertschätzung erworben. Dem Heimgegangenen wird bei allen, die mit ihm zusammen wirkten oder ihn näher kennengelernt haben, ein gutes Gedenken bewahrt bleiben.
Arbeitsbeschaffungsvorschläge zur zweiten Arbeitsschlacht.
Das Kontrollamt für Arbeitsbeschaffung teilt mit: Der Aufruf „Nach der Winterschlacht die zweite Arbeitsschlacht" brachte eine solche Fülle von Vorschlägen, daß die Sichtung eine große Zeit in Anspruch nahm. Was die Vorschläge selbst betrifft, fo zeigt die Mehrzahl, daß das Gedankengut des Na- tionalfozialismus schon tief in das Volk eingedrungen ist. Ein großer Teil der Vorschläge stammt von einfachen Volksgenossen, die sich mit diesem nicht alltäglichen Stoff sehr gründlich befaßt haben.
Es ist nicht möglich, jedem einzelnen für diese Mitarbeit zu danken. Aus diesem Grunde soll hiermit allen denen, die Vorschläge zur Arbeitsbeschaf
fung eingereicht haben, herzlich gedankt sein. Eine ganze Reihe der gemachten Vorschläge oder Teile erselben werden in die Tat umgesetzt; dies gibt den Einsendern den Beweis, daß das Arbeitsbeschaf- sungsproblem ernsthaft angegangen worden ist. Aber auch in Zukunft wird in gleicher Weise weitergearbeitet, bis der letzte Volksgenosse in die Arbeit eingegliedert ist. Auch für die Folge ist das Kontrollamt für Arbeitsbeschaffung für Anregungen, die der Arbeitsbeschaffung dienen, dankbar.
Obstgenutz und Waffertrinken.
Es dürfte allgemein bekannt fein, daß man nach reichlichem Obstgenuß nicht trinken soll. Viele halten diese Regel für einen alten, längst überholten Aberglauben ober sind sich über die bei der Verdauung abfpielenben Vorgänge im unklaren. Sie setzen sich bei Leibschmerzen nach begangener Unvorsichtigkeit leicht darüber hinweg, indem sie sich vorstellen, der durch Trinken stark verdünnte Mageninhalt sei durch Bakterien, die dem Obst in Menge anhaften, in vorübergehende Gärung geraten, die Blähungen zur Folge habe. Erst die neuere Zeit hat gelehrt, daß in allen tödlich verlaufenen Fällen durch Verlagerung innerer Organe, besonders des Herzens, mit nachfolgenden Zerreißungen von Geweben eine Quellung von Pflanzenschleimen vorhanden war, die eine abnorme Vergrößerung des Magens verursacht hatte.
Unter den verschiedenen Früchten, die, in größe-
Das Schwurgericht befaßte sich aeftern mit dem Robert Fau 1 stroh aus Rodheim v. d. H. (Kreis Friedberg), dem die Anklage das Verbrechen des Totschlages, und zwar des Aszendententotschlages, zur Last legte. Der Anklage liegt folgender Tatbestand zu Grunde:
Der Angeklagte, oer erst 18 Jahre alt ist, verkehrte als einziger Sohn des Bauers und Bürgermeisters F a u l st r o h - Rodheim v. d. H. mit einem Mädchen in Frankfurt a. M. Dieser Verkehr fand bei seinen Eltern keinerlei Anklang. Es entstand daraus eine Quelle familiärer Auseinandersetzungen, die schließlich den Angeklagten veranlaßten, das Elternhaus zu verlassen. Verhandlungen von Eltern und Verwandten führten aur Rückkehr des Angeklagten, der auch versprach, von dem Mädchen abzulassen. Am 17. Dezember 1933 führte eine Tagung Vater und Sohn nach Okarben. Am Nachmittag verließ der Angeklagte die väterliche Gesellschaft, um angeblich einen guten Freund zu besuchen. Er fuhr jedoch wieder nach Frankfurt zu seiner Geliebten und kehrte erst gegen 2 Uhr nachts nach Hause zurück. Dieses Verhalten des Angeklagten ließ erneut die Mißstimmung seiner Eltern aufflammen. Der Vater nahm ihm die Brieftasche ab und konnte aus den darin befindlichen Briefen klar erkennen, daß der Angeklagte an ein Aufgeben der Beziehungen zu dem Mädchen keineswegs dachte. Der Angeklagte versuchte mit Gewalt, sich wieder in den Besitz der Brieftasche zu bringen, was ihm jedoch nicht gelang. Als er die gewöhnlich im Nachtschrank aufbewahrte Pistole seines Vaters an dem dafür bestimmten Platze nicht mehr fand, glaubte er angeblich, sein Vater wolle ihn um die Ecke bringen. Daraufhin bewaffnete er sich mit einer Armeepistole 08. Am Vorabend der Tat verließ der Angeklagte das Haus, um die Nacht bei feiner Großmutter zu verbringen. Am 19. Dezember 1933 wurde er von seinem Vater geweckt, und er begab sich wieder in das elterliche Anwesen, wo er wiederholt seine Mutter und Großmutter bedrohte und die Herausgabe der Brieftasche verlangte. Als auf telefonischen Anruf der mittlerweile fortgegangene Vater des Angeklagten wieder erschien, hatte sich dieser auf den
rer Menge genossen, nach dem Trinken von Waller, Bier, Mineralwässern u. bergt, in zerkautem Zustande bei Körpertemperatur innerhalb einer Stunde am meisten aufquellen, wobei sie einen viel größeren Raum beanspruchen, stehen Kirschen mit 60 bis 100 Prozent Quellbarkeit obenan. Nicht viel weniger quellen Stachelbeeren auf, es folgen denn Zwetschen und Pflaumen, andere Früchte erst in weitem Abstande, z. B. Aepfel mit nur 10 bis 15 Prozent.
Je größer die genossenen Obstmengen und bas nach heißen Tagen bei körperlicher Anstrengung, z. B. Fußwanberungen, auftretenbe Durstgefühl sind, um so größer ist bei unvorsichtigem Trinken die Gefahr ernster Gesundheitsstörungen vorhanden. Diese Gefahr ist bei Kindern und herzkranken Personen besonders groß. Darum Vorsicht.
Wascht das Obst!
Eigentlich sollte sich diese Mahnung erübrigen, denn für viele wird es eine Selbstverständlichkeit fein, Obst, besonders das, was man nicht selbst ernten kann, sondern erst kaufen muß, vor dem Genuß zu säubern. Dennoch kann man es jetzt in der Hochsaison des Obstes oft genug sehen, daß Leute mit einer frisch gekauften Düte Obst durch die Straßen schlendern und das Obst daraus verzehren, es also nicht abwarten können, bis sie die Möglichkeit haben, die Früchte zu waschen. Ganz abgesehen davon ist auch mit dem sofortigen Verzehren des Obstes
Heuschober geflüchtet und die hinaufführende Leiter weggezogen. Da er auf mehrmaligen Anruf seines Vaters nicht herunterkam, stellte dieser eine andere Leiter an. Kaum hatte der Vater die zweite Stufe der Leiter bestiegen, als ein Schuß aus der Armeepistole des Angeklagten krachte, der den Tod des schwerverletzten Vaters herbeiführte.
Nach umfangreicher Beweisaufnahme — es wurden etwa 20 Zeugen und zwei Sachverständiae vernommen — beantragte der Vertreter der Anklage nach zweistündigem Plädoyer gegen den Angeklagten die Mindeststrafe, nämlich eine Zuchthausstrafe von 10 Jahren, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahren und Aufrechterhaltung des Haftbefehls. Strafer- schwerend, so führte der Anklagevertreter u. a. aus, fiel die Tatsache ins Gewicht, daß der Angeklagte nicht die geringste Reue zeigte. Anderseits hielt die Jugend des Angeklagten davon ab, über die gesetzliche Mindeststrafe hinauszugehen.
Nach längerer Beratung erkannte das Gericht auf eine Zuchthausstrafe von 10 Jahren. Auf diese Strafe werden 6 Monate Untersuchungshaft angerechnet.
Wegen Untreue zwei Zähre Gefängnis.
LPD. Darmstadt, 3. Juli. Dor dem Bezirksschöffengericht, hatte sich heute der Geschäftsführer der NS.-Kriegsopferversorgung Viernheim, Philipp Hanf, zu verantworten, dem bei einer Revision der Bücher und Kasse 500 Mark fehllen. Der Angeklagte gab nach anfänglichem Leugnen zu, daß er das Geld aus Not für sich und feine Familie verbraucht habe. Er fei fünf Jahre arbeitslos gewesen und habe für feine vierköpfige Familie nur etwa 13 Mark wöchentlich erhalten. Das Gericht verurteilte ihn wegen Unterschlagung, Untreue und schwerer Urkundenfälschung zu zwei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust. Er wurde sofort verhaftet. Das Gericht betonte bei der Zumessung der Strafe, daß im Hinblick auf die letzte Erklärung des Führers ein Nationalsozialist, ber sich gegen die Gemeinschaft vergehe, besonders hart zu bestrafen sei.
Obechessisches Schwurgericht in Gießen.
Das Mäuschen Nella.
Von Krank K. Braun.
Meine Frau ist eine geborene Hopeson. Die Hopesons sind eine streng puritanische Familie aus dem Mittelwesten Amerikas. Im Namen Hopeson i liegen die Worte Hoffnung und Sohn; trotzdem i wurde ihnen nur eine Tochter geschenkt: meine I
Frau; sie heißt Grace.
Die Leser werden sagen, daß diese Einleitung gar nichts mit der Geschichte zu tun haben könne, die „Das Mäuschen Nella" überschrieben ist. Aber Geduld; wer dieses Mäuschen Nella war, werden wir auch bald erfahren.
Unsere Wohnung liegt im Erdgeschoß. Auf der Straße stehen Lindenbäume. Gleich links neben der Haustür befindet sich eine Laterne. Das ist gut, denn dort beginnt auch die Einfahrt zu den Garagen im Hof. Ich erwähne das alles, damit der Leser merkt, daß es sich um eine Neubauwohnung handelt. Man sollte annehmen, in einem neuen Haus gebe es gar keine Mäuse. Vor einiger Zeit kam meine Frau erschüttert zu mir und wies mir eine angeknabberte Brotrinde. Auf einem Tel- lerchen präsentierte sie mit Mäusedreck. „Hast du ihn auf den Teller getan, um ihn mir zu zeigen,
Grace?" fragte ich.
„Wen?" meinte sie begriffsstutzig.
„Den Mäusedreck!"
„Unsinn! Sei nicht so eingebildet! Er lag auf der Untertasse. Aber was sagst du dazu? Ich kann nicht in einem Haus leben, in dem es Mäuse gibt. Es sind widerliche Tiere. Sie krabbeln an den Strümpfen herauf unter die Röcke und beißen sich feft." . v w
„Es ist in der Geschichte der Menschheit und der Mäuse dieser Fall noch niemals vorgekommen, Grace. Du wärest die erste, die eine Maus derart verwirrt hätte. Wir können einfach bei dem Wirt nicht vorstellig werden ohne Beweis. Ich werde eine Falle mitbringen. Wenn wir eine Maus gefangen haben, werden wir weitersehen."
„Du läßt mich wirklich mit den Mäusen allein?" „Ja," antwortete ich hart, „ich gehe eine raffinierte Falle kaufen." Ich erstand em mathematisch genau ausgeklügeltes Drahtgeflecht, ein Labyrinth von Windungen. In der Mitte lag der Speck. Dorthin mußte die Maus geraten, dann war sie gefangen.
Meine Frau stellte die Falle in die Speisekammer. Es war neun Uhr morgens. Ich verließ das Haus. Um zehn Uhr saß eine Maus in der Falle. Meine Frau wurde durch ein klägliches, ganz hohes Piepen gerufen. Sie stieß einen Schrei aus, die gefangene Maus antwortete mit einem verzweifelten Galopp, sie fauste wie ein Varietsradfahrer waagrecht in halber Höhe im Kreis in der Falle
herum. Meine Frau ist in Stunden wirklicher Gefahr tapfer. Sie griff nach der Falle. Die Bewegungen und das Tempo der Maus wurden irrsinnig, aber meine Frau ließ sich nicht beirren. Sie hielt die Falle über einen Eimer, in den sie später Wasser einlaufen lassen wollte, um die Maus zu ersäufen. Sie öffnete die Klappe, die Maus fiel in den Eimer. Die Wände waren hoch und glatt; sie konnte nicht heraus. Meine Frau fetzte den Einer auf einen Stuhl beim Fenster, sie setzte ge- wissermaßen die Maus ins Licht und betrachtete sie.
Es war ein schönes Tier, das uns in die Falle gegangen war. Das Fell glänzte blank, es war graubraun wie Silberspitzen. Kleine schwarze Jettaugen saßen im spitzen Kops; drei Schnurrbarthaare sproßen an jeder Seite der Schnauze. Nur der lange nackte Schwanz gefiel meiner Frau nicht. Sie gestand mir, daß ihre Abneigung gegen die Maus geringer geworden fei, je länger sie das Tierchen betrachtet habe. Es muß wirklich fo gewesen sein, denn als ich nachhause kam, sah die Maus noch immer im trockenen Eimer, die Küche roch nach gebratenem Speck und die Maus hockte auf einer Scheibe Brot und knabberte an einer angebräunten Speckschwarte.
Meine Frau sah mich ernst an. „Ich habe ihr zu fressen gegeben," erläuterte sie, was feiner Erklärung mehr bedurfte. „Sie hat sich so entsetzlich aufgeregt und abgehetzt, als sie in der Falle war. Aber jetzt ist sie schon viel ruhiger, sie frißt bereits." Sie seufzte erleichtert.
Ich betrachtete meine Frau aufmerksam. Dann nahm ich den Eimer mit der Maus und ging zur Wasserleitung, erreichte sie aber nicht. „So laß das arme Tier doch wenigstens erst fressen!' rief meine Frau. Ich setzte den Eimer wieder ab. Ueberhaupt..." die geborene Hopeson kam heran, „es ist nicht richtig, daß wir sie töten. Wir haben auch von den Sachen in der Speisekammer gegessen, und uns will doch keiner ersäufen."
Solche Logik war zwingend, ich widersprach gar nicht erst. „Was soll nun werden?" Sie trat an den Eimer heran und machte „Kss — Kss" und die Maus richtete sich auf, ihre großen runden Augen starrten uns eine Sekunde lang an, die Ohren standen frei aus dem Pelz heraus, dann begann sie eine wilde Flucht im Kreise. „Sie ist noch scheu/'^erläuterte meine Frau, „dich kennt sie noch nicht.
„Ich holte ein Stück Zucker und warf es in den Eimer. Die Maus stolperte ein paar Mal darüber, bann blieb sie plötzlich entschlossen davor sitzen und knabberte daran mit der spitzen, behaarten Schnauze, die breitgespaltene Oberlippe schnüffelte mehr als die Nase, die Perlaugen glänzten uns wachsam an. „Immerhin," sagte ich, „etwas Wasser müssen wir ihr hinein tun." — „Nein, auf keinen Fall." — „Aber sie wird trinken müssen, Grace!" „Ach so, Trinkwasser..." das sah meine Frau ein.
Es wurde ein entsprechendes Gesäß in den Eimer gestellt.
Die Maus blieb am Leben. Sie fraß und trank. Allmählich wurde sie weniger scheu. Sie floh nur noch zur Seite, wenn einer von uns die Hand in den Eimer steckte und Brot ober Käserinde hineintat. Dann, unsere Hände waren noch nicht ganz zurück, stürzte sie sich schon auf den Bissen. Schließlich, ein Zeitraum von vierzehn Tagen war vergangen, lief sie überhaupt nicht mehr weg, sondern kam der Hand, die den Leckerbissen brachte, mit witternder Schnauze entgegen. Dies war der Zeitpunkt, daß wir uns entschieden, sie zu behalten. Von Töten war schon lange keine Rede mehr gewesen, jetzt kam es auch nicht mehr in Frage, daß sie ausgesetzt würde.
Ich besorgte ein Aquarium, wir füllten es fingerhoch mit Sägespänen, legten ein liegen gebliebenes, steinhart gewordenes Bortkantel dazu — es wurde ausgehöhlt und gab die Schlafkammer ab — und fetzten zwei Näpfe hinein. Dann wurde die Maus umquartiert.
Meine Frau hatte ihr den Namen Nella gegeben. Der Leser weiß das längst. Weshalb nicht Nella? Ich griff also Nella. Sie quiekte wie ein Miniatur- schweinchen, sie hätte wahrscheinlich auch gebissen, aber ich hielt sie in der hohlen Hand, daß nur ihr Kopf heraussah. Ich spürte sie wie einen kleinen Vogel in den Fingern. Ihr Herz pochte einen fürchterlichen Takt, aber meine Frau sprach ihr gut zu. Sie tippte ihr auf die Schnauze, und kraute ihre — Nellas! — kleine Ohren. Dann, weiter war von Nella ja nichts zu erspähen, strich sie ihr mit Ueberroinbung ben langen bünnen Schuppenschwanz.
Als ich Nella im neuen Glaspalast losließ, blieb sie einen Augenblick still sitzen. Dann begann sie sich auf ben Hinterfüßen mit Grünblichkeit zu putzen. Man merkte, wie scheußlich ihr bie Berich- rung mit ber Menschenhanb gewesen war.
Trotzbem gewöhnte sie sich von Tag zu Tag mehr an uns. Nach einiger Zeit, als ihr Behälter grünb- lich gereinigt werben muhte, nahm ich sie heraus unb ließ sie in ber Küche, bie Steinboden hat, frei laufen. Sie schoß mit einem Husch unter ben Küchenschrank; ba sich aber bort niemanb um sie kümmerte, kam sie halb mieber hervor, tänzelte in ber Küche herum, fanb bort eine Brotkrume, ba ein Körnchen unb huschte umher wie ein winziger sonberbarer Hunb. Meine Frau war entzückt, bah Nella nicht fortlief. Sie kniete sich hin, streckte bie Hanb aus mit ein bißchen abgebröckeltem Käse barauf unb lockte Nella. Tatsächlich kam Nella. Sie erstieg bie Hanb, bie flach an ber Erbe lag unb fraß. Dann hüpfte sie mieber herunter, schnüffelte an ben Schuhen meiner Frau unb krabbelte — ich behaupte: harmlos und ahnungslos — an den Strümpfen hinauf.
Meine Frau sprang mit einem markerschütternden Schrei auf und begann ihre Röcke zu schütteln.
Nella, auf halber Höhe der linken Wade, ward von dem Gebaren erschreckt, dreht sich um, krabbelte wieder herunter und lief neuerlich unter den Küchenschrank.
Leichenblaß, mit Schweißtropfen auf der Stirn, sagte meine Frau mühsam: „Da hast du es gesehen, es sind falsche Tiere. Sie krabbeln Frauen doch unter die Röcke. Nur auf die günstige Gelegenheit hat das Untier gewartet!"
„Sie ist dir ja nicht unter ben Rock gekrabbelt, Grace," sagte ich sanft, „sie sprang ja ab, als sie merkte, baß es dir nicht paßte."
Meine Frau warf mir einen verachtungsvollen Blick zu. „Bitte sagte sie unbeutbar unb ging hinaus.
Wenn nicht ein Wunber geschieht, werbe ich Nella nun wohl boch noch aussetzen müssen. Schabe, sie würbe gerabe auf possierliche Art zutraulich. Anbere Leute halten sich Kanarienvögel, Goldfische ober weiße Mäuse. Es hätte mir Spaß gemacht, meinen Besuchern Nella, bie graubraune Hausmaus, vorzuführen. — Finben Sie, baß meine Frau sich richtig verhält?
'Zeitschriften.
— Die Kunst, Monatshefte für Malerei, Plastik unb Wohnkultur, Verlag F. Bruckmann AG. in München. Die ausgezeichnet geleitete Kunstzeitschrift bringt in ihren Heften 8 unb 9 (Mai/Juni 1934) wieder eine Fülle von anregenden und wertvollen Beiträgen, lieber bie deutsche unb französische Malerei der Romantik spricht an Hand von vielen gut wiedergegebenen Abbildungen Hans Kiener, lieber die Ausstellung der Stockholmer Galerie Thiel mit interessanten Proben moderner schwedischer Malerei berichtet M. Joffe. Der Plastiker Fritz von Graevenitz unb ber bayerische Maler Franz Lenk werben in illustrierten Aufsätzen gewürbigt. Im Juniheft erörtert Ullrich Ehristoffel in grundsätzlichen Ausführungen die Frage „Wo stehen wir heute in der Kunst?" Adolf Schinnerer spricht über „Freilichtmalerei und Impressionismus", Konrad Weiß über „Wege des deutschen Kunstsinnes zwischen Marsß unb Munch". Alle brei Aufsätze sinb ungemein aufschlußreich für bie Ent- Wicklung ber künstlerischen Idee, besonders wertvoll sind auch die ihnen beigegebenen zahlreichen Bilder. Nicht minder vielseitig sind die Abschnitte über die angewandte Kunst. Wir sehen moderne Wohnbau- ten von Kleinfteuber-Würzburg, Henning^Berlin und Kaminka-Wien, interessante Innenarchitektur von Schwadron-Wien, reizvolle Gartenanlaqen von Heiler-Kempten und Gartenplastiken verschiedener Künstler, schließlich auch hübsche Erzeugnisse der Staatsfachschule für Glasindustrie in Stemschonau und einen lehrreichen Älufsatz über „Wand, Bud und Möbel".


