Das Rätsel einer Frühlingsnacht
Vornan von Gert Gothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Derlag, Halle, Saale
15. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Jolanthe, ich wollte dir nur sagen, daß unsere Wege sich in den nächsten Tagen trennen werden." Kühl, gleichgültig fielen die Worte.
„Trennen? Wieso? Mußt du plötzlich aus irgendeinem Grunde abreisen, Rudolf? Dann begleite ich dich selbstverständlich."
„Rein, mein Kind. Mißverstehe mich nicht absichtlich falsch. Unsere Wege werden sich für immer trennen. Wenn wir uns zufällig einmal im Leben Wiedersehen, dann werde ich mich immer freuen, dich begrüßen zu können. Aber sonst ist es mir mit der Trennung bitter ernst."
„Nein! Das kannst du doch nicht?" sagte die Tänzerin leise, und ihre Lippen waren ganz weiß.
Er zuckte die Schultern, gleichgültig, wegwerfend.
„Theater im Leben liebe ich nun schon gleich gar nicht. Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe. Selbstverständlich erhältst du einen anständigen Scheck, Jolanthe — und ich denke, daß wir wie gute Freunde auseinandergehen werden."
Sie sah ihn an, Jammer in den Augen. Dann sagte sie leise:
„Rudolf, ich hatte ein Recht, Besseres zu hoffen."
„Was denn, bitte?" fragte er schroff.
„Ich — hoffte auf — eine Heirat."
Er lachte kurz, spöttisch auf.
„Nein, Jolanthe, das wirst du im Ernst wohl dochnickt geglaubt haben."
„Weshalb nicht? Diese Demütigung habe ich nicht erwartet. Ich liebe dich aufrichtig, Rudolf."
Er betrachtete sie amüsiert, dann sagte er:
„Hm! Eigentlich müßte dieses Geständnis mich freuen. Aber da du doch wahrscheinlich dem Grafen de Verrer und James Bergmann dieselben schönen Worte gesagt hast, haben sie für mich nicht den richtigen Wert."
Die Tänzerin erhob sich. Jetzt wußte sie, wie töricht ihr Hoffen gewesen war.
„Ich werde doch lieber den Tournee-Antrag meines Agenten annehmen. Amerika zahlt gut", sagte sie; aber das Lächeln, das ihre Worte begleitete, wirkte verzerrt.
Er nickte ihr zu.
„Selbstverständlich, Jo. Es ist ein ausgezeichneter Gedanke von dir. Vernachlässige deine Kunst nicht länger! Es war unverantwortlich von mir, dich so lange dieser Kunst fernzuhalten. Und nun sei nicht töricht, Jo, und nimm den Scheck. Ich werde ihn nachher in dein Zimmer legen."
Er war auch aufgestanden und küßte ihr die Hand.
„Rudi, die paar Tage — wollen wir diese paar Tage noch schön gestalten?"
„Leider geht es nicht. Ich traf Bekannte, denen ich mich widmen muß."
Da hatte sie endlich ganz verstanden. Mit gesenktem Kopf gina sie hinaus.
Er fetzte sich wieder, rauchte.
So! Abermals eine Episode, die gründlich erledigt war. Und so sollte es auch bleiben. Nichts sollte ihn dazu bringen, noch einmal an eine Frau zu glauben, sie anzubeten, ihr sein bestes Empfinden zu schenken.
Eine ganze Weile noch blieb er hier allein sitzen, und es war ihm tatsächlich eine Erleichterung, daß er sich der schönen, leidenschaftlichen Frau so schnell entledigt hatte.
9. Kapitel.
,Lch verstehe das nicht, Tante Agnes, wie du eine solche Schönheit ins Haus nehmen kannst. Du mußt doch bedenken, daß meine Töchter darunter leiden."
Frau Gräfin Uchterberg sagte es außer sich, und sie blickte die alte, weißhaarige Dame beschwörend an.
Fürstin Kleven lachte gemütlich.
„Die Mädels sind liebe, natürliche Dinger, die leiden nicht darunter. Nicht die Spur. Nur du selber bildest dir Gefahren ein, die gar nicht da sind. Ich behalte meine junge Gesellschafterin. Ich denke nicht daran, sie zu entlassen."
Gräfin Melanie Uchterberg wußte, daß sie nun nichts weiter ausrichten würde. So schwieg sie, aber ihre Gedanken kreisten unablässig um das schöne, feingliedrige Mädchen, das sie hier im Hause der Tante so plötzlich vorgefunden, nachdem Tante Agnes' alte, gute Schlotter an einem jahrelangen Herzleiden verstorben war.
Daß Tante Agnes das hatte tun können! Es würden sich noch mehr Menschen daran stoßen. Bestimmt würden sie das. Kusine Margret doch auch. Die wollte doch die Hilde-Marie gern unter die Haube bringen. Und die Ehen in der Familie, die wurden doch immer hier im Hause der Tante Agnes Kleven gestiftet. Wenn aber Tante die schöne Gesellschafterin danebenstellte, da würden die Herren sich doch zunächst einmal nur nach dieser die Köpfe verdrehen. Soviel stand fest. Und es war jetzt beinahe ein Glück, daß ihre, der Gräfin Uchterbergs, Töchter lustige, braunhaariae Töchter waren, während das fade Blond von Kusine Margrets Tochter Hilde-Marie doch recht unangenehm abstechen würde.
Nun, man würde schon noch etwas erleben durch diese sonderbare Idee von Tante Agnes.
Dabei dieses Mädchen so als zur Familie zugehörig zu betrachten. Unglaublich war das geradezu. Sie, die Gräfin Uchterberg, war jetzt nur neugierig, wie Kusine Margret die ganze Geschichte aufnehmen würde.
Gräfin Uchterberg wurde die Beklemmung nicht los, die sie bei dem Gedanken befiel, Tante Agnes könne mit diesem schönen Mädchen noch etwas anderes beabsichtigen. So etwas wie eine Adoption! Das wäre ja geradezu fürchterlich. Wo man mit Tante Agnes' vielem Geld doch schon immer ein bißchen gerechnet hatte, wenn man selbstverständlich der lieben, alten Dame durchaus nicht den Tod wünschte. Aber Tante hatte wirklich manchmal Ansichten, die man unmöglich gutheißen konnte.
Innerlich!
Aeußerlich muhte man es ja tun — leider.
Gräfin Uchterberg wußte, daß die Tante die ganze Verwandtschaft nach Schloß Kleven gebeten hatte, weil sie wieder einmal Ehen stiften wollte. Nun, das war sehr gütig von ihr, nachdem man die Mädels auf soundso viele Bälle und zu Konzerten und sonstigen Gesellschaften geführt hatte, ohne etwas zu erreichen.
Nun denn, man mußte eben abwarten. Tante Kleven hatte eigentlich stets erreicht, was sie sich aus- gedacht, und es würde wohl auch diesmal so sein. Aus Der Bildfläche hier würden ganz genau zur festgesetzten Stunde diejenigen Herren erscheinen, die Tante für die Töchter ihrer Nichten bestimmt hatte. Also konnten die dazugehörigen Mütter in Ruhe abwarten.
Fürstin Kleven musterte mit liebevollem Blick ihre Handarbeit, ein riesiges, weißes Umschlagtuch, dem sie eben noch ein paar sehr korrekt gehäkelte Rosetten aufsetzte.
Es klopfte.
Jean erschien und meldete, daß soeben die Frau Baronin Helbing mit der Baronesse Tochter vorgefahren sei.
Befriedigt legte die Fürstin ihre Handarbeit beiseite. Sie erhob sich, Jean war sofort neben ihr, reichte ihr den mit dicker silberner Kugel versehenen Stock, und auf diesen gestützt, ging die alte Dame dann ziemlich schnell und noch sehr aufgerichtet hinaus.
Unten in der Halle begrüßte sie ihre Nichte Margret und deren Tochter Hilde-Marie.
„Da seid ihr ja. Wann kommt Ludwig?"
Die Baronin, eine üppige, noch sehr hübsche Frau, zuckte mit den Schultern.
„Ja, die ewigen Rechnereien. Koppke kam noch im letzten Augenblick vom Vorwerk herüber; Ludwig war sehr ärgerlich. Er wäre so gern mit uns gefahren. Er hofft aber, in 3 Stunden da zu sein" „Soso?! Nun, da sind wir beim Abendbrot ja alle beisammen. Die Melanie ist mit ihren Töchtern auch schon da. Jean, führe die Damen zu ihren Zimmern. — Liebe Margret! Komme dann, wenn ihr euch ein bißchen frisch gemacht habt, in den kleinen Salon. Wir erwarten euch dort. Hilde-Marie, du hast ja rote Backen! Das bin ich nie gewöhnt an dir. Befolgst du endlich meinen Rat und gehst täglich an die frische Lust? Recht so, mein Kind! Nur nicht immer im Zimmer hocken!"
Freundlich nickte sie noch ihren Gästen zu, bann ging sie wieder die Treppe links hinauf, während Jean die Damen rechts hinauf führte.
Im kleinen Salon hatten sich inzwischen auch Gisela und Edelgarde, die Töchter der Gräfin Uchterberg, eingefunden. Sie kamen mit glühenden Gesichtern und glänzenden Augen auf ihre Mutter zu.
Edelgarde, die Jüngste, sagte:
„Mama, jetzt haben wir aber etwas Wunderschönes gehört. Denke dir, die schöne Gesellschafterin singt besser als die Bruns."
„Bester als Lotte Bruns? Seid ihr denn ganz und gar besessen? Wie kann dieses Mädchen besser singen als Lotte Bruns?"
„Liebe Mama! Es ist wirklich der Fall!" sagte Gisela ruhig.
Gräfin Melanie biß die Zähne zusammen, daß man ein ganz leises Knirschen hörte und die Töchter die Mama verwundert ansahen.
Auch das noch!, dachte die Mutter. Vielleicht wird diese Gesellschafterin sich sogar produzieren müssen. Nun, diese Schaustellung hätte dann gerade noch gefehlt."
Jetzt konnte man diesen nicht geahnten Fall nicht weiter besprechen, denn Tante Agnes kam wieder herein. Die jungen Mädchen hingen sehr an der alten Dame. Sie liefen ihr entgegen und küßten sie ab.
Sie wehrte lachend ab.
„Na, na! Laßt mich nur am Leben! Nun, was habt ihr inzwischen angestellt?"
Ein warnender Blick der Mutter traf die beiden jungen Damen; so sagten sie nur:
,Lm Park waren wir, Tante Agnes? Dein Park ist eben doch der allerschönste."
Die alte Dame lachte befriedigt, dann sagte sie:
„3a, ja! Man braucht nicht immer zu reisen, wenn man sich auf der eigenen Scholle ein Paradies schafft!"
Gräfin Uchterberg fragte:
„Tante Agnes! Kommt..., hat Graf Härtlingen eigentlich fein Kommen fest zugesagt?"
Ein scharfer Blick aus den klugen, graublauen Augen der alten Fürstin zuckte über die Nichte hin, dann sagte sie:
„Ja! Er wird kommen."
Die beiden jungen Damen spitzten die Ohren. Sie sahen sich begeistert an, und Edelgarde fragte mit blitzenden Augen:
„Der interessante Graf Härtlingen? Oh, wie lieb von dir, Tante Agnes!"
„Hm! Und der Gräbner-Eschenburg kommt auch. Dann der Baron Sievers, ’ne ganze Menge nette Leute hab ich herzitiert. Es soll doch luftig hergehen. Jagd tut auch not. Früher habe ich ganz gut geschossen. Jetzt treffe ich längst nichts mehr und schieße nur Löcher in die Luft. Weshalb soll denn mein Förster immer nur allein das Vergnügen haben? Ich werde mich also freuen, wenn die Herren einige Wochen bleiben."
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