184. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Nr. 257 Erster Blatt_____ 184. Jahrgang Zreltag, 2.November 19ZH
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Feierabend.
Don Ernst von 7l>ebelschüh
Wir verbinden mit diesem Worte die Vorstellung von einer innerlich geadelten Arbeit, und es ist gut, daß man sich jetzt wieder auf die erneuern- d e n Kräfte der Ruhe nach der Arbeit besinnt. Im allgemeinen pflegt 'ja der moderne Mensch der Erfüllung der höheren Pflichten gegen sich selbst aus dem Wege zu gehen. Er hat dazu angeblich „keine Z e i t". Er hält es für einen Raub an der Gesellschaft, die ihm Arbeit gibt und dafür den vollen Einsatz feiner Kraft verlangt, auf die fordernde innere Stimme eine andere Antwort zu finden als immer die gleiche: „ich habe keine Zeit". Keine Zeit für sich selber zu haben, gilt a l s das Zeichen treuer Pflichterfüllung, es ist gleichsam die Kontrolluhr für die vorschriftsmäßig geleistete Arbeit. Und umgekehrt: wer sich heute noch die Muße nimmt, die er für erforderlich hält, wenn im maschinellen Betrieb der täglichen Arbeit der innere Mensch nicht ganz leer ausgehen soll, tut es beinah mit schlechtem Gewissen — scheint doch der Kräfteüberschuß, der im Zeithaben zum Ausdruck kommt, einen Fehlbetrag an schuldiger Arbeit aufzudecken.
Run ist es doch aber eine mit Händen zu greifende Tatsache, daß auch der heutige Mensch, er mag von feinem Beruf noch so sehr in Anspruch genommen sein, noch immer über ein gar nicht so geringes Quantum von Freizeit verfügt. Nur daß • er sie nicht z u nutzen, nicht fruchtbringend zu > gestalten weiß. Hier also, in dieser Unfähigkeit, die 'Arbeit, die bezahlt wird, durch eine Arbeit, die sich sfelber bezahlt macht, finngemäß zu ergänzen und damit auch zu veredeln, liegt die eigent- lliche Fehlerquelle. Daß dem fo ist, zeigt allein schon »die Tatsache, daß ein großer Bruchteil der Un- kglücklichen, die unter dem gewiß schweren Schicksal Der Arbeitslosigkeit leiden, nicht dazu im- fftande ist, aus der Not eine Tugend zu machen, mämlich sich aus Ueberfluß an Zeit mit Dingen zu beschäftigen, zu denen sie unter normalen Verhältnissen die Ueberlastung mit Arbeit oangeblich nicht kommen ließ. Es scheint demnach, Laß der moderne Mensch nur noch die Wahl zwi- lschen Ueberbürdung und tödlicher Langeweile habe. Das Verhältnis von Arbeit und Muße bat seine produktive Spannung verloren.
Das Hebel scheint also eine viel tiefere Ursache gu haben Man wird sie in der vom Maschinen- geitalter hervorgerufenen Seelenleere unseres Ledens sehen dürfen, im Kraftloswerden jener inneren Organe, ohne deren tätige Mithilfe eine wirk- iche Kultur gar nicht möglich ist. Junge und le- bensftarte Menschen bemühen sich aus dieser Erkenntnis heraus, dem schönen deutschen Wort ,,F e i e r a b e n d", das längst zu einer leeren stZhrase geworden war, seinen lebenserneuernden Inhalt wiederzugeben. „Feierabend" kommt ja wohl von dem Verbum feiern, und feiern setzt eine ilmdächtig-betrachtende Herzensstimmung, setzt die Fähigkeit der inneren Kräftesamm- u n g, einer meditativen Vor- und Rückschau vor- nus. Statt in diesem Sinne zu feiern und die getane Arbeit mit der bevorstehenden in einen harmonischen Einklang zu bringen, hatte sich der Mensch irin raffiniertes System der Selbstbetäubung vusgedacht, das er mit dem Hinweis auf die notwendige Entspannung feiner Nerven vor sich selbst j;u entschuldigen und zu rechtfertigen suchte. Es ist iiod) einfach nicht wahr, jedenfalls widerspricht es «der wirklich psychologischen Erfahrung, daß angestrengte Arbeit ihren Ausgleich nur in schalen Vergnügungen finden könne. Das Gegenteil ft richtig: je einseitiger der Berus, je mechanistischer die Art feiner Ausübung ist, um so mehr •ebarf die Arbeit eines vernünftigen Ausgleichs j Urch geistige Stärkungsmittel! Erst wenn dies von dien Kreisen erkannt und durch Erfahrung erprobt tjorbifn ist, werden unsere Theaterspielpläne — um r ur ein Beispiel zu nennen — nicht mehr auf die dbalternften Unterhaltungsbedürfnifse des Publi- !mms Rücksicht zu nehmen brauchen und wird der chöne Plan einer wahren Kulturbuhne sich m die Wirklichkeit umsetzen lassen.
Verlegungen solcher Art stehen hinter dem dankenswerten Versuch, den arbeitenden Massen neue „Kraft durch Freude" zuzuführen. Nun ist ,kFreude" zwar ein dehnbarer und auslegungsfahi- cser Begriff, wenn er aber richtig, d. h. a l s e i n Mittel zur Selbstbesinnung verstanden wird, so darf man sich die besten Ergebnisse davon lgersprechen. Denn wirklich ist heute nichts wichtiger, Äs dem arbeitenden Menschen in seiner freien Zeit jsene innere Ruhe mitzuteilen, ohne die keine Urbeit gedeihen kann.
Es ist sozusagen eine Modernisierung der mlttel- cillterligen Benedektinerregel „ora et labora“ — bete 11 nb arbeite! Denn was ist beten, wenn nicht em Weg, sich selbst zu erkennen, sein Inneres mit An- lAchtskräften zu erfüllen, die auch der Arbeit zu- I anite kommen? Beide Imperative, das beschauliche (lOra und das kräftige Labora, sollten sich gegenseitig das Gleichgewicht halten und haben es jahr- hmbertelang getan, wie denn keine Kultur ohne tmen weiten Ausblick auf ein geistiges Ziel denk- tnr ist, so wenig sie der Grundlage der Arbeit ent- inten kann. Wenn wir das Ora — im weitesten 5 .inne — verlernt haben (wir haben ja „keine $eit"), um so schlimmer für uns!
Das tätige und das beschauliche Element g e - Ihiören zueinander, so wie das männliche und bis weibliche Prinzip erst, zm s a m m e n ein Ganzes bilden. „Unbedingte Tätigkeit", sagt Goethe einmal, „von welcher Art sie. auch sei, macht zuletzt bankrott". Bedarf die Beschaulichkeit, um sich vor b-r Moral zu rechtfertigen, der Ablösung durch Veit, so ist die Arbeit, um schöpferische Kraft blei- i»m zu können, darauf angewiesen, immer wieder
England und die Gaarabstimmung.
London Hali den französischen Aufmarsch für „durchaus angemessen".—Ein englischer Schritt ist vorerst nicht zu erwarten.
3m pariser Fahrwasser.
England wünscht > eine eignePerantwortung
London, 2. Nov. (DNB.-Funkspruch.) „Times" besaht sich in einem offenbar inspirierten Artikel mit der Saarpolitik. Das Blatt stellt fest: Großbritannien, das den Versailler Vertrag unterzeichnet hat, wünscht, daß die volksabstim- mung sich unparteiisch vollzieht, ohne daß auf die Wähler durch Drohung oder unzulässige Veeinslufsung irgendwelcher Druck ausgeübt wird. Die englische Regierung ist überzeugt, daß der Völkerbund angemessene Vorsichtsmaßregeln trifft, um dieses Ziel zu sichern. Die Regierungskommission ist vom Völkerbund ermächtigt worden, in neutralen Ländern zusätzliche Polizeikräfte anzuwerben, um die Wählerschaft gegen Störungen der Ordnung zu schützen. Am 21. November tritt der Völkerbundsrat zu einer Sitzung zusammen. Dabei werden die letzten Vorkehrungen für die Abstimmung und andere Saarfragen zur Erörterung stehen, so z. V. die Fortsetzung der Pensionszahlungen nach Abzug der Verwaltung des Saargebiets durch den Völkerbund.
Die Politik der französischen Regierung geht hierüber hinaus. Sie faßt die Möglichkeit ins Auge, daß die palizeikräfte, die dem Präsidenten der Saarregierungskommission zur Verfügung stehen, einer Verstärkung bedürfen. Die britische Regierung ist über die französische Ansicht vollkommen unterrichtet. Die Vertreter Großbritanniens sind von Varthou informiert worden, der in Genf erklärte, feine Regierung sei bereit, wenn sie vom Völkerbund auf- gefordert werde, Truppen ins Saar- gebiet z u entsenden, die der örtlichen Polizei behilflich sein sollten, die Freiheit der Volksabstimmung gegen jede Beeinträchtigung zu sichern und jeder ernsten Ruhestörüng vorzubeugen. Die Vorsichtsmaßnahmen, die von der französischen Regierung für später noch ergriffen worden find, um den etwaigen Ausbruch ernster Unruhen im Saargebiet gegebenenfalls begegnen zu können, wurden der englischen Regierung gleichfalls mitgeteilt. Der französische Botschafter hat Sir John Simon dieser Tage bei einer Besprechung davon in Kenntnis gesetzt.
Die britische Regierung betrachtet zwar die Haltung Frankreichs als „durchaus angemessen". Indessen besteht nach Auffassung der britischen Regierung keine Wahrscheinlichkeit dafür, daß der von der französischen Regierung befürchtete Fall eintritt, es fei denn, daß die Parteien im Saargebiet jedes Verantwortungsgefühl verlieren. Großbritannien beabsichtigt daher nicht, in dieser Angelegenheit vorzeitig irgendwelche besonderen Schrittezutun.
Aehnlich, wenn auch mit geringerer Zurückhaltung, äußert sich die „M o r n i n g p o st". Das Blatt stimmt der Haltung der französischen Regierung geradezu begeistert zu und verbindet damit die bei ihm zur Gewohnheit gewordenen Eingriffe gegen Deutschland.
Gin seltsames Mißverständnis.
Herr Kno? soll um Hilfe bitten.
Paris, 1. Noo. (DNB.) Der „Paris Soir" spricht von Mißverständnissen, die im Zusammenhang mit militärischen Vorbereitungen aufgetaucht seien und erklärt, die Vorbereitungen des Kriegsministeriums seien rein technischer 21 r t und ließen durchaus nicht darauf fchließen, daß es die Absicht habe, ins Saargebiet ein» z u r ü ck e n. Es stände weder den militärischen Behörden, noch der französischen Regierung zu, darüber zu beschließen. Außerdem habe Frankreich durchaus nicht den Wunsch, französische
I Soldaten ins Saargebiet zu schicken, sondern wäre glücklich, wenn die internationale Polizei, die ausreichend zu verstärken sei, ihrer Aufgabe genügen würde. Frankreich würde ins Saargebiet nur dann Verstärkungen entsenden, wenn darum in klarer und formeller Weise nachgesucht würde und wenn der Völkerbundsrat seine Instruktionen von 1925 und 1926 wiederhole. Frankreich würde sich an andere Mächte ! wenden, um nicht allein d i e Verantwortung übernehmen zu müssen und hoffe dann auf Mitarbeit, die den internationalen Charakter dieses Schrittes bestätigen würde.
„Die Wett ist sehr mißtrauisch".
' Basel, 1. Nov. (DNB.) Das „Berner Tagblatt" befaßt sich mit der Behauptung des „Ma- tin", nationalsozialistische Sturmabteilungen beabsichtigten einen Handstreich auf das Saargebiet, und deswegen habe Frankreich im Elsaß und in Lothringen Truppen bereitstehen. Das „Berner Tageblatt" stellt dazu setz: Schweizer, die Lothringen berichtet. Von dem angeblich beabsichtigten na- Z e i t über die dortigen militärischen Vorbereitungen berichtet. Vond em angeblich beabsichtigten nationalsozialistischen Handstreich sind wir noch 2Vi
Monate entfernt, da er nach der Abstimmung erfolgen soll. Wenn jetzt militärische Vorbereitungen französischerseits im Grenzgebiet getroffen werden, wo die sogenannten Deckungstruppen innerhalb weniger Stunden marschbereit sind, so sieht das eher danach aus, als wollte man dem angeblichen nationalsozialistischen Handstreich 3,u d o r t o m m e n, d. h. vor der Abstimmung das Saargebiet besetzen. Wir nehmen bestimmt an, daß nur d i e Militärs an einen solchen Husarenstreich denken, nicht aber die Regierung Frankreichs. Seit der Abstimmung in O b e r sch l e- fien ist die Welt sehr mißtrauisch gegen eine Abstimmung „unter dem Schutz der Bajonette". Oie Gaarfrage am 21. November auf derTagesordnungdesVölkerbundsratS
Genf, 1. Nov. (DNB.) Der Präsident des Völkerbundsrates hat beschlossen, die außerordentliche Tagung des Völkerbundsrates auf den 21. November einzuberufen. Als einziger Punkt der Tagesordnung ist die Saar frage vorgesehen. Somit ist entschieden, daß die Abrüstungsfrage der nächsten Sitzung des Präsidiums der Abrüstungskonferenz vorbehalten bleibt.
Die Befriedung der evangelischen Kirche.
Oer Neichsbischof kündigt Maßnahmen zur Entspannung der kirchlichen Lage an.
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Die Landesbifchöse (von links nach rechts) D. Wurm (Württemberg), D. Marahrens (Hannover) und D. Meiser (Bayern) auf dem Wege zur Reichskanzlei, wo sie vom Führer und Reichskanzler in Gegenwart des Reichsministers des Innern zu einer Aussprache über kirchenpolitische Fragen empfangen wurden.
Ueberprüfung der Rechtslage. Eindeutige Ordnung des Bekenntnisstandes
Berlin, 1. Nov. (DNB.) Kirchenamtlich wird mitgeteilt:
In Weiterführung der Wahnahmen zur Klärung der kirchlichen Lage hat der R e i ch s b i s ch o f besondere Waßnahmen getroffen. Vor allem sollen die umstrittenen punkte in der Rechtslage der Deutschen Evangelischen Kirche einschließlich der D i s z i p l i n a r f ä l l e sofort über prüf t werden. Wit maßgebenden Reichsstellen ist Verbindung ausgenommen. Ziel dieser Waßnahme ist,
eine einwandfreie Rechtslage in der Deutschen Evangelischen Kirche unter allen Umständen sicherzustellen. Ferner ist vorgesehen, den Bekenntnis st and der Reichskirche eindeutig zu ordnen. Wit dem Erlaß einer Kirchengemeindeordnung, welche die Grundlage für eine Befriedigung der Kirche von den Gemeinden aus schaffen soll, wird gleichfalls in kürzester Frist zu rechnen fein. Es ist der Wille der Reichskirchenregierung, durch die rasche Erledigung dieser Wahnahmen eine Entspannung der Lage herbeizuführen.
aus den metaphysischen Quellen zu schöpfen. Tut sie das nicht, fo ist und bleibt sie zermürbender Frondienst: mit Unlust getan, zum Unfegen verdammt.
Eine ganz mumienhafte Anschauung ist es, die Arbeit rein um ihrer selbst willen, ohne Beziehung auf das Leben, zu achten und ihr womöglich deshalb, weil sie keinen Zweck als nur sich selbst kenne, das Prädikat der Würde beizulegen. Es gibt keine würdige Arbeit als allein die, welche den Willen und die Macht hat, Leben zu ge- ft alten und Leben z u erhöhen. Das aber kann jede Arbeit — auch die geringste und die an der wesenlosen Maschine — wenn nur der Mensch, der die Maschine bedient, über einen Vorrat von inneren Kräften verfügt, der ihn verhindert, selbst ein Mechanismus zu werden.
Der technische Materialismus, äußerst erfinderisch im Ersinnen immer neuer Mittel, die letzten Endes nur dazu dienen, den Teufel durch Beelzebull auszutreiben, hat geglaubt, durch gutgemeinte soziale
Einrichtungen die negativen Wirkungen der maschinellen Arbeit unschädlich machen zu können. Sie sind notwendig, und wir werden gewiß nicht für ihre Abschaffung plädieren. Wirkliche Kompensationen aber sind es nicht. Es gibt gegenüber der Intensität der modernen Arbeit nur ein einziges wirksames Mittel: die echte Feier, bestehend aus Ruhe, Andacht und Selbstbesinnung. Die seelische Gesundheit der Menschen wird in Zukunft wesentlich davon abhängen, ob der einzelne für sie wieder „Zeit hat"
0er Abschluß des
E>A - Gruppenführer -Appells
Berlin, 2.Nov. (DNB.) Der „Völkische Be- obachter" meldet:
Der SA -Gruppenführer-Appell wurde am Donnerstag in Berlin forgefetzt und abgeschlossen. Im
Mittelpunkt des Donnerstag-Appells standen richtunggebende Ausführungen des Chef des Stabes, Lutze, in denen er zu allen Gebieten der SA.- Arbeit Stellung nahm. Die Amtchefs der obersten SA.-Führung behandelten in Referaten ihre Arbeitsgebiete und die einzelnen Gruppenführer erstatteten Bericht über die Entwicklung in den einzelnen Gruppen während der letzten Monate.
In den Besprechungen kam insbesondere die Entschlossenheit zum Ausdruck, die Erziehungsaufgabe, die der SA. vom Führer gestellt ist, in konsequenter Weise zu lösen. Insbesondere die Auswahl des SA. - Führer- ko r p s wird mit besonderer Schärfe durchgeführt werden. Die Ueberprüfung aller Beförderungen auf weltanschauliche Festigkeit und Führereigenschaften ist bereits in die Wege geleitet, um in festem Zusammenhalt mit allen Gliederungen der Bewegung mit dem Begriff des SA.-Führers wieder denselben kämpferischen Sinn zu verbinden, der ihn vor der Machtübernahme großgemacht hat


