SkittWMM.
Roman von Gert Nothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (<&.).
3. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Olga Schieber sah erstaunt auf das Mädelchen, das quer über dem Bett lag, und dessen Körper zuckte und förmlich hin und her geworfen wurde. Käthe hörte nicht. Sie rührte sich auch nicht. Nur der Körper zuckte weiter. Da ging Olga einfach zu ihr hin, setzte sich aufs Bett und nahm das Mädelchen in ihre Arme.
„Na, mein Armes, nun sagen Sie mir schnell, was es gibt. Ich kann nämlich einen Menschen nicht weinen sehen. Ich heule entweder mit — oder ich werde eklig ruppig. Beides werden Sie nicht wollen, und darum sagen Sie mir schnell, was eigentlich los ist."
„Ich kann es nicht ertragen, Ihnen beiden hier zur Last zu sein. Ich habe doch geglaubt, hier in der großen Stadt würde ich gleich Arbeit finden. Und dann hätte ich doch alles bezahlen können. Ich wäre doch gar nicht mit Frau Kulick gegangen, wenn ich hätte wissen können, daß man auch hier keine Arbeit für mich hat."
„Dummerchen! In Berlin?! Ausgerechnet in Berlin wird man auf dich kleines Dummerle gewartet haben. Nein, Käthe, hier gibt's mehr Arbeitslose als an irgendeinem anderen Ort, und die Not ist furchtbar. Aber ich will etwas mit dir besprechen. Wenn du willst, kannst du vielleicht schon nächste Woche etwas verdienen."
Käthe hob den Kopf mit dem goldblonden-Haar. Und fast ein bißchen neidisch blickte Olga auf dieses seidenweiche blonde Gelock, dann aber war die kleine verständliche Regung schon vorüber, und Olga sprach lieb und verständlich mit Käthe, wie sie sich das alles gedacht hatte.
Käthe blickte ganz erschrocken.
„Ich soll zum Film? Ich kann das nicht. Ich bin da viel zu schüchtern, ich kann vor den Leuten da nicht — ich weiß gar nicht, wie man das macht."
Käthe hatte einige Filme in ihrer kleinen Heimatstadt gesehen, und sie war selig gewesen darüber. Aber selber? Sie sollte auch wie Henny Porten über die Leinwand gleiten? Oder wie Liane Haid? Nein! Das würde sie nicht können. Und sie war nur ein armes, kleines Mädel, und das waren schöne Frauen! Wunderschöne Frauen!
Olga machte ihr lächelnd die Sache klarer. Daß man als Komparsin ja gar nicht zur Geltung kam, daß man aber doch gebraucht wurde.
Da wurde Käthe zutraulicher. Wenn sie nur etwas verdienen konnte! Dann war ja alles gut. Nur arbeiten. Irgend etwas. Sie würde auch gern in ein Gasthaus zum Tellerabwaschen gehen. Aber
diese Stellen waren auch alle besetzt, und man hatte sie fast mitleidig angesehen, als sie soviel Naivität aufbrachte und in diesem oder jenem Hotel nach einer solchen Arbeit fragen ging.
Und nun wollte ihr das liebe, dunkelhaarige Mädel hier Arbeit besorgen.
Wie lieb das war!
Und wie unendlich dankbar sie Olga Schieber sein mußte!
„So, Mädel! Nun wasch' dich und komm mit 'rüber! Der Kaffee wird sonst kalt", sagte Olga und ging wieder zur Tür.
„Ich komme gleich", sagte Käthe und war schon bei dem kleinen Waschgeschirr aus Emaille.
Ganz glücklich war sie. Und ihre verweinten Augen kühlte das kalte Wasser so schön. Und als sie drüben eintrat, da lächelten die beiden ihr entgegen. Und die Wintersonne beschien die spitzen, hohen Dächer, die auch ganz mit Schnee bedeckt waren. Spatzen saßen auf den Firsten und lärmten, und eine magere Kinderhand reckte sich dort drüben zum Mansardenfenster heraus und streute Krumen.
Und in wenigen Tagen war Weihnachten.
Und im neuen Jahre würde sie Arbeit haben.
Wie schön das war!
Sie frühstückten jetzt zusammen, und dann hatte jedes ein bißchen etwas an seinen Sachen auszubessern. Käthes geschickte kleine Hände übernahmen dann die Arbeit für die beiden anderen mit. Mama Kulick verschwand in ihrer kleinen Küche, und Olga Schieber legte sich faul auf bas alte, weiche Sofa. Sie hatte hieraus schon immer was Modernes machen, hatte die Lehne abschrauben wollen, aber da gab es einen Kampf, aus dem die kleine Dame Kulick als Siegerin hervorging. An dem Sofa wurde nichts geändert. Auf diesem Sofa war Papa Kulick gestorben, und das blieb somit, wie es war. ,j
Maulend hatte Olga sich schließlich in die Sache gefügt. Und sic lag jetzt dort oben in ihrem dünnen । Morgenrock, und sie fühlte mit Behagen die weiche, warme Lehne, deren weiße Knöpfe sie zuweilen wild machen konnten. Sie langte sich einen Roman unter dem Sofakissen hervor und begann zu lesen. Nach einer Stunde etwa flog das Buch in hohem Bogen durchs Zimmer, und Olga sagte wütend:
„Immer steht so etwas bloß in Romanen. Unsereiner findet es nie. Da hat wieder so ein reicher Mann ein armes kleines Mädel auf fein Schloß genommen, hat es geheiratet! Die kann lachen. Und unsereiner rennt und rennt ins Filmatelier, und wenn alles vorüber ist, dann sieht man noch, wie die Divas in ihren eigenen Wagen daoonfahren oder von irgendeinem vornehmen Kavalier abgeholt werden. Freilich, die im Buch ist wunderschön. So schön bin ich nicht. Aber du — Käthe, du bist schön — weißt du das?"
„Nein — ich bin nicht schön! Ganz gewiß nicht", sagte Käthe, und sie sah doch gerade wieder in diesem Augenblick die hochgewachsene Gestalt des
Fremden, der Arndt hieß und eine so schöne, tiefe Stimme hatte, und der gütig zu ihr geAejen war.
„Wenn ich sage, daß du schön bist, dann bist du es auch. Paß mal auf, Käthe, dich holen sie vielleicht doch mal aus der Versenkung, in der wir armen Komparsen beim Film verschwinden. Und dann ist dein Glück gemacht. Dann wirst du reich, man wird dich anbeten, du wirst Blumen und Briefe bekommen, Kavaliere werden dich anbeten, dich mit Geschenken überschütten. Kurz — du wirst glücklich sein."
„Nein! Das will ich gar nicht! Ich will irgendeine Arbeit still verrichten, womit ich mir ehrlich mein Geld verdiene, und wenn es auch noch so wenig ist, aber ich verdiene doch! Das andere — Olga, das ist vielleicht doch kein Glück!"
„Reichtum ist immer Glück. Die Liebe flieht überall, wo es Geldsorgen und Streit gibt; glaube es nur", sagte die andere hart.
Da schwieg Käthe Randolf, aber in ihren großen, blauen Augen war heißes Mitleid mit Olga Schieber, die an kein wahres Glück mehr glauben konnte.
Es gab dann Mittags eine sehr gute Suppe und hinterher Kartoffelpuffer mit Kirschen.
„Wenn ich erst Arbeit habe, dann zahle ich alles ab", sagte Käthe und streichelte Mama Kulicks Hand. Und es fiel ihr wieder schwer aufs Herz, daß sie hier saß und diesen beiden, die selbst nicht allzuviel hatten, das Essen wegnahm.
Aber die waren so vergnügt und mahnten sie, tüchtig zu essen, daß sie schließlich eben doch zulangte.
Das Weihnachtsfest war auch ganz gemütlich. Es gab ein Huhn, und Mama Kulick hatte einen Stollen gebacken in ihrer Ofenröhre. Und ein paar kleine Geschenke hatte man auch, und Olga hatte ein Bäumchen erstanden, und Lichts brannten auch darauf.
Als Käthe an diesem Heiligabend in ihrem Bett lag, da faltete sie die Hände:
„Lieber Gott, ich danke dir, daß du mir gute Menschen in den Weg führtest. Und wenn ich erst Arbeit habe, dann will ich alles gutmachen. Ich danke dir, daß du mich vor allen Gefahren behütet hast bisher."
Und dann schlief sie ein, denn es war heute sehr spät geworden. Aber sie träumte dann, daß der große, dunkle Herr, der Arndt hieß, sie küsse.
Und am andern Morgen sagte Olga:
„Na, was hast du geträumt, Kleine? Was man in der heiligen Nacht träumt, trifft nämlich ein."
Da sagte Käthe leise:
„Oh,. ich hab' — allerdings hab' ich geträumt. Aber es war ja nur — ich meine — es trifft bestimmt nicht ein."
„Und ich sage dir, es trifft ein."
Aber Käthe hörte ganz deutlich, wie Arndt sagte: „Brigitte macht das ja alles."
Brigitte war feine Frau! Die glückliche (Sattln dieses Mannes, der so gütig lachen konnte!
„Natürlich hat mir die Berani die Sachen gegeben. Hier, seht euch das mal an."
Olga Schieder packte aus. Und es waren vier wundervolle Kleider, die zum Vorschein kamen. Zwei Straßenkostüme und zwei Abendtoiletten.
„Ha, ich werde fabelhaft aussehen in diesem hoch« geschlossenen schwarzen Kleid mit der silbernen Rose. Und die Kleine hier, der müssen wir das weiße mit dem Pelz vorrichten. Vorläufig paßt sie nicht hinein. Die Berani ist viel zu groß. Aber das machen mir; bei solchen Phantasiesachen helfen ein paar Falten viel. Ich hab' auch Schuhe. Ich bin auf längere Zeit hinaus versorgt. Aber Käthe kann keine Schuhe hiervon tragen. Die fällt einfach heraus. Der müssen wir also wohl oder übel zwei Paar kaufen. Ein Paar für die Straße und ein Paar weiße für das Abendkleid. Das machen wir schon."
Und sie saßen dann und nähten. Und dann sahen sie wirklich alle beide wie vornehme Damen aus. Olga mußte aber auch noch ein bißchen Wäsche hergeben, denn es ging nicht an, daß Käthe solch grobe Wäsche trug. Es guckte doch hier und da mal ein Spitzchen hervor. Also in dem dunkelblauen, pelzbesetzten Straßenkostüm sah sie sehr reizend aus, und Olga trug ihr schwarzes Kostüm auch wie eine Königin. Sie hatten sich passende Mützchen dazu gemacht. Käthe hatte im Eifer plötzlich ein hervorragendes Talent in sich entdeckt, aus allem etwas Hübsches zu machen, und so gab es ein fröhliches Gelächter und ein köstliches Freuen, als sie sich dann ansahen.
Und die alte Dame hatte auch ihre helle Freude an den beiden Mädchen.
Am andern Tage gingen die zwei Mädchen, die jetzt wirklich aussahen wie junge vornehme Damen, die vier Treppen in dem hohen Hinterhause hinunter. Die Nachbarin kehrte gerade die Treppe. Sie grüßten freundlich, und die Frau blieb mit offenem Munde stehen und sah ihnen nach. Dann entstellte ein häßliches Lächeln ihr Gesicht. Das mußte sie doch gleich mal ihrer Freundin, der Portierfrau im Vorderhaus, erzählen. Die Kulick schien ja nette Geschäfte zu betreiben, wenn sich ihre beiden Mieterinnen plötzlich so einkleiden konnten.
Die Portierfrau war eitel Wonne, als ihre Freun^ bin mit der Neuigkeit ankam. Und die Portierfrau versprach, diese Neuigkeit auch sofort im ersten Stock beim Hauswirt zu kolportieren. Diese hochnäsige Kulick, die fiel ihr nämlich schon längst auf die Nerven. Dabei hatte die Person bloß ihr bißchen Altersrente. Auf was bildete die sich eigentlich etwas ein? Daß sie sich nie herbeiließ, einen kleinen Schwatz zu absolvieren.
Der Portier aber blickte indessen ganz verzückt den beiden Mädels nach, und er schnalzte vergnügt mit der Zunge.
(Fortsetzung folgt!)
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