M. 250 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien)
Dienstag, 2. Oktober 1934
Der Oelbrand in Nienhagen.
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Ein Bild von dem Brande, von dem eine Bohrung des Erdölgebietes von Nienhagen bei Celle (Hannover) betroffen wurde. Durch Entzündung eines Gasausbruches wurde eine Bohranlage in Flammen gesetzt, wobei fünf Arbeiter den Tod fanden und zwölf schwer verletzt wurden.
An der Unglücksstätte in Nienhagen.
Die Brandkatastrophe an der Bohrung 22 ist in Nienhagen (bei Celle, Hannover) noch immer das einzige Gesprächsthema. Allgemein kommt die tiefe Trauer um die bedauernswerten Arbeitskameraden zum Ausdruck, die den entfesselten Naturgewalten zum Opfer fielen. Die zunächst vermißten fünf Arbeiter haben, wie schon befürchtet werden mußte, den Tod gefunden. Die Unglücksstätte ist in einem Umkreis von 100 Metern ein Trümmerfeld. Die Aufräumungsarbeiten sind in vollem Gange. In fieberhafter Eile werden kleine Gräben gezogen, die sich bald mit dem schwarzen zähflüssigen Rohöl füllen, das in der Nacht zum Montag zu fließen begonnen hat. „Die Bohrung ist wieder eruptiv geworden", würde vielleicht zu viel sagen, aber mit dem Ausbruch muß über kurz oder lang doch gerechnet werden. Am Montagvormittag trafen im Verwaltungs
gebäude die Vertreter der Bergbehörden, Sachverständige und verantwortliche Leiter der Gewerkschaft Nienhagen zu einer Sitzung zusammen, in der die Vernehmungen sowie die Protokollierungen der Aussagen über den Hergang des Unglücks erfolgten. Die eigentliche Ursache des Unglücks wird wohl niemals ergründet werden. Vielmehr wird man sich mit den bekannten Annahmen abfinden müssen. Zur Niederzwingung des Brandes ist noch folgendes zu sagen. Das Bohrloch hat sich durch Sand oder steiniges Geschwämme verstopft. Das war für das erfolgreiche Eingreifen mit dem Schaumlöfchverfahren die Voraussetzung, weil dadurch der Gas- und Oelausbruch vollkommen unterbunden wurde. Hinzu kam, daß sich der Drehtisch, mit dem das Gestänge getrieben wird, infolge der Hitze etwas geneigt hat. Hierbei ist das Gestänge offenbar geknickt worden. Durch diese doppelte Abdrosselung wurde der Sondenbrand zu einem Oel- fleckenbrand, dessen Ablöschung dann erfolgte.
Das Gymnasium der deutschen Polizeihunde.
Der Lehrplan. — „ES muß im Blut liegen!" — Ein vierbeiniger Held.
Der Vorortzug saust durch die märkische Landschaft. Vorbei an dichten Kieferwaldungen und weiten Laubenkolonien führt der Weg. Ein paar Minuten vom Bahnhof Fangschleuse entfernt liegt die staatliche Zucht- und Abrichtungs- stelle für Polizeihunde. Ein riesiges Gelände, das sich in mustergültiger Weise zur Schulung der kommenden Polizeihunde eignet, umschließt die Anstalt.
Hundegebell in den verschiedensten Tonarten und Lautstärken empfängt den Besucher, der hier hinaus- gegangen ist, um von Dr. Hans mann, dem Leiter dieser Schule, Näheres über die Ausbildung des ihm anoertrauten Hundematerials zu hören.
Die Tätigkeit der Polizeihunde hat schon in vielen Fällen zu der schnelleren Auffindung eines langgesuchten Verbrechers geführt, hat häufig schon die Unschuld einer in Verdacht geratenen Person eindeutig bewiesen. So sind die scharfsinnigen Hunde zu überaus wichtigen Mitarbeitern der deutschen Polizei geworden.
In einem zehnwöchigen Lehrgang werden die Tiere bereits zu verantwortungsbewußten Schutzhunden gemacht, während die Ausbildung eines sicher arbeitenden Spürhundes eine dreimonatige Schulzeit benötigt.
Der Hansmann führte mich auf das weit ausgedehnte Dressurgelände, wo zur Zeit mehrere Dutzend Polizeihundführer mit der Ausbildung der noch „rohen" Hunde beschäftigt sind. Es ist geradezu rührend mitanzusehen, wie gewissenhaft und gehorsam die Tiere bemüht sind, die ihnen gegebenen Befehle auszuführertz Auch als Außenstehender fühlt man ganz deutlich, wie tief die Verbundenheit der Lehrer mit ihren Schülern ist, welch große Liebe und Treue beide zusammen hält, welche Ehrfurcht und Achtung der eine vor den Leistungen des anderen hat. Wundervoll, wie auf kleines Kommando zahlreiche Riesenschnauzer und Dobermänner still sitzen, wie sie auf einen Befehl an der Seite ihres Lehrers Schritt halten. Man fühlt, daß es sich hier nicht um eine Dressur, die auch nur eine Spur mit
Tierquälerei verwandt ist, handeln kann. Nicht Drohrufe und Schläge sind es, die diese Tiere zu den wertvollen Mitarbeitern der deutschen Polizei machen. Unermüdliche Liebe, grenzenloser Fleiß und rücksichtslose Aufopferung der Lehrmeister bedingen die vollendete Abrichtung der Hunde.
Dr. Hansmann erzählte, daß sich nur d i e w e n i g st e n Tiere zur Polizeihundausbildung eignen. Die verlangten Fähigkeiten müssen bereits blutsmäßig vorhanden sein. Es ist also einzig und allein möglich, die im Hunde schlummernden Talente zu wecken und ihre Leistungen durch ein dauerndes Training bis zu einem gewissen Punkt zu steigern. Die Entwicklungsmöglichkeiten der Abrichtung stehen von Anfang an fest und können niemals durch eine auch noch so gute Dressur umgestaltet oder überboten werden. Wenn Hunde bei den ihnen gestellten Aufgaben versagen, so liegt es meist daran, daß man ihnen Aufträge gibt, die man bisher noch nicht mit ihnen geübt hat, die sie also noch kaum erkennen können.
Während bei der Ausbildung zum Schutzhund vor allem die bedingungslose Disziplin tm Hund wachgerufen wird und tägliche Gehorsamsübungen seine Leistungen auf diesem Gebiet wesentlich steigern und verstärken, beruht der Lehrplan für die Spürhunde darauf, sie raffiniert versteckte
Gegenstanoe .dchen und finden zu lasten. Sie werden Tag für Tag darauf trainiert, menschliche Spuren in unbeirrbarer Klarheit zu erkennen und zu verfolgen.
Wie bedeutsam die Mitarbeit eines Spürhundes Zu der Aufklärung eines Verbrechens werden kann, geht aus einer kleinen Erzählung hervor:
„Vor einiger Zeit war bei einem Einbruchsdiebstahl die Füllung der Tür mit einem Messer entfernt worden", berichtet Dr. Hansmann. „Um den Täter zu fassen, versuchte man, durch einen Polizeihund die Spur zu finden. Man setzte den Hund an der Wohnungstür an und ließ ihn von hier aus die Spuren des unbekannten Verbrechers verfolgen. An einer Straßenecke blieb der Hund stehen. Obschon man auf den ersten Blick nichts Verdächtiges feststellen konnte, weigerte sich der Hund, weiterzugehen. Erst nach genauer Untersuchung bemerkte ein Kriminalbeamter ein Messer, dessen Spitze abgebrochen war. Diese Messerspitze fand man später in Holzspänen, die beim Zerschnei- den der erwähnten Türfüllung abgefplittert waren. Es gelang, den Besitzer des Messers ausfindig zu machen und fo feine Verhaftung, die man allein der Mitarbeit jenes Polizeihundes verdankt, vorzu- nehmen." Ha.
Neichsverband für Leibesübungen,
Fachamt für Handball.
Von dem Beauftragten des Fachamtes für Handball für den heimischen 8. Kreis im Gau 12, Kreis- spielwart L u h (Allendorf a. d. Lahn), erhalten wir die nachstehende Zuschrift:
SA.-Brigadeführer Herrmann hat als Leiter des Fachamtes für Handball folgende Anordnung erlassen:
Amnestie Der Reichssportführer hat im Reichsbund für Leibesübungen als Fachamt IV Handball bestimmt und mich zum Leiter des Fachamtes ernannt. Diesen bedeutenden Schritt in der Entwicklung des deutschen Handballs nehme ich zum Anlaß einer umfassenden Amnestie für Spieler und Vereine. Ich bestimme:
1. daß alle Spieler mit sofortiger Wirkung für den Verein fpielberechtigt sind, dessen Mitgliedschaft sie am 1. September 1934 besaßen. Ausgenommen sind Spieler, denen wegen unwürdigen Verhaltens oder Schuldung des Beitrages, die Spielerlaubnis für den neuen Verein vorenthalten wurde.
2. Aufgehoben find auch alle Strafen, die noch über die Sommerfpielpaufe aus dem alten Spieljahr wirksam sind, und zwar für unberechtigtes Spielen, für unangemessenes Verhalten und rohes Spiel, für Bedrohen des Schiedsrichters. Ausgenommen sind Strafen für Tätlichkeiten gegen Spieler und Zuschauer und für Tätlichkeit gegen den Schiedsrichter.
3. Erlassen sind alle Geldstrafen, die Spieler, Schiris oder Vereine dem Deutschen Leichtathletik- Verband oder der Deutschen Turnerschaft am 1. September 1934 noch schuldeten. In Zweifelsfällen liegt die Entscheidung bei mir.
München, den 27. September 1934.
Richard Herrmann.
Neue Kußballtermine in Nordheffen.
Durch den Ausfall der Spiele am Tage des Erntedankfestes ist im Fußball-Gau Nordheffen die Aufstellung einer neuen Terminliste notwendig geworden. Für die „erste Serie" lauten die Paarungen:
7. Oktober: Hessen Hersfeld — Spvgg. Langenselbold; Hanau 93 — Kurhessen Kassel; Borussia Fulda — VfB. Friedberg; SC. 03 Kassel — SV. Kassel.
14. Oktober: Sport Kassel — Spielverein Kassel; Germania Fulda — Langenselbold; VfB. Friedberg — Hanau 93.
21. Oktober: Borussia Fulda — Langenselbold; Kurhessen Kassel — Sportklub 03 Kassel; Hanau 93 — Spielverein Kassel; VfB. Friedberg gegen Germania Fulda.
2 8. Oktober: Langenselbold — VfB. Friedberg; Spielverein — Kurhessen Kassel; Borussia
Fulda — Sport Kassel; Hanau 93 — Hessen Hersfeld.
4. November: Sport Kassel —SC. 03 Kassel; Kurhessen Kassel — Borussia Fulda; VfB. Friedberg — Hessen Hersfeld; Germania Fulda — Spiel- verein Kassel.
11. November: Spielverein Kassel — VfB. Friedberg; Hessen Hersfeld — Sport Kassel; SC. 03 Kassel — Langenselbold; Hanau 93 — Borussia Fulda.
18. November: Kurhessen Kassel — VfB. Friedberg; Spielverein Kassel — Hessen Hersfeld; Borussia Fulda — SC. 03 Kassel; Hanau 93 gegen Germania Fulda.
2 5. November: SC. 03 Kassel — Hanau 93; Hessen Hersfeld — Kurheffen Kassel; Langenselbold gegen Sport Kassel.
2. Dezember: SC. 03 Kassel — Germania Fulda; Sport Kassel — Kurhessen Kassel.
Kußballergebnisse aus den Kreisklassen des Bezirks Lahn-Dill.
Büblingshausen—Aßlar 2:1; Stockhausen—Holzhausen 2:3; Londorf—Grünberg II 2:0; Garbenteich—Lich II 4:1; Wieseck II—Allendorf 2:2; Fellingshausen—Vetzberg 1:1.
Sportfest der SS in Krankfurt.
Zu einem schönen Erfolg gestaltete sich das am Sonntaa im Frankfurter Stadion durchgeführte große Sportfest der SS.-Standarte 2 und der NSG. „Kraft durch Freude". Gut 8000 Zuschauer verfolgten auf den zahlreichen Schauplätzen die Ereignisse mit besonderem Interesse.
Im Mittelpunkt des Tages stand das über 100 Kilometer führende Dauerrennen um den „Preis des Ernte-Dankfestes". Nach Vorführungen im Kunstturnen, Boxen und in der Schwerathletik nahm der große radsportliche Teil der Veranstaltung seinen Anfang mit dem über 2 0 Kilometer führenden ersten Lauf des Steherrennens. Wißbröcker fuhr an der Spitze fein Rennen fast unangefochten nach Haufe. Schöne Kämpfe brachte dann der anschließende 30-Kilometer-Lauf, den Lohmann überlegen in 23:34 vor Wißbröcker, Kre- wer, Möller und Sieh! gewann.
Begeistert waren die Zuschauer über den Verlauf des langen 50-Kilometer-Laufes. Von Beginn an gab es die härtesten Kämpfe. Wißbröcker erreichte mit der Länge der Fahrt eine große Form, ging an Krewer vorbei und gewann in 42:20 vor Krewer, Möller, Lohmann und Siehl. Sieger des „Ernte-Dankfeft-Preifes" wurde fo Wißbröcker klar vor Krewer, Lohmann, Möller und Siehl.
Im Hauptfahren der Amateure triumphierte Gleim- Frankfurt über feinen Lands-
„Der Schimmelreiter" als Film.
Lichtspielhaus.
Unter den zahlreichen Novellen von Theodor Storm ist der „Schimmelreiter" eine der bekanntesten und verhältnismäßig volkstümlichsten: sie bot die Grundlage für einen Film der „Europa", welcher von der Filmkammer als künstlerisch und besonders wertvoll bezeichnet und empfohlen worden ist. Wer den Film auf sich wirken läßt, wird die Berechtigung dieses amtlichen Prädikates erkennen: hier ist in der Tat mit Glück der Versuch unternommen worden, einen deutschen Filmstil aus den Gesetzen und Anschauungen des neuen Reiches ab- zuleiten und zu formen. Wer die Novelle lieft, wird bald auf die Elemente stoßen, die für eine bildhafte Bearbeitung im Sinne unserer Zeit besonders geeignet und wesentlich erschienen. Drehbuch und Regie besorgten Kurt Oertel und Hans Deppe; sie haben die schwierige Aufgabe, die hier zu lösen war — ein gültiges Kunstwerk nach festen Gesetzen in eine neue Form zu gießen, die ganz und grundsätzlich anderen Maßen, Regeln und Wertsetzungen gehorcht — mit Takt und gutem Gefühl in Angriff genommen und zu einer schönen Lösung geführt. Die Photographie des Films darf mustergültig genannt we-den: die nordfriesische Landschaft, die hier wesentlich mehr ist als nur Kulisse oder malerischer Rahmen, die ein mitspielendes und in die Handlung naturgewaltig eingreifendes Element darstellt, ist in großen, klaren Bildern von monumentaler Weiträumigkeit erfaßt und dargestellt worden. Auch die handelnden Gestalten sind mit Bedacht und Liebe ausgewählt, zusammengestellt und in Gruppen und Einzelszenen zu starker Eindringlichkeit gesteigert; man fühlt die formende und ausarbeitende Regieführung bis in kleine Szenen und Bild- ausschnitte hinein. Neben der eigentlichen Handlung, die in ihren Charakteren und Motiven den Anforderungen eines neuen Filmstils überaus glücklich entspricht, hat man auch das, sagen wir volkskundliche und volkstümliche Beiwerk — Sitte und Brauch, Glauben und Aberglauben — sorgsam kultiviert und dem Beschauer vermittelt. Aus dem mit epischer Ruhe und Gelassenheit langsam sich entwickelnden Fluß der Erzählung steigert sich die Bilder- und Szenenfolge gegen Ende balladesk zum elementaren Schauspiel von Sturmflut und Deich
bruch. Im Einklang mit dieser Entwicklung steht der allmähliche Uebergang des Einzelschicksals in ein größeres und allgemeineres ... und, besonders zeitgemäß, die Herausarbeitung der tragenden Idee: Gewinnung neuen Lebensraumes durch den Willen und das heroische Opfer eines Mannes. Matthias Wiemann gibt den Deichgrafen Hauke Haien, den Schimmelreiter: man hat diesen Darsteller früher in ähnlich gearteten Aufgaben auf der Bühne gesehen, und er scheint uns für die Gestalt der Novelle nach Haltung und Temperament vorzüglich geeignet zu sein. Seine Darstellung ist bei aller Sparsamkeit und Zurückhaltung von überzeugender Eindringlichkeit. Neben ihm, als Elke Volkerts, Marianne Hoppe, eine junge begabte Schauspielerin, die ebenfalls von der Bühne zum Film kam: eine schmale, rassige Erscheinung, die schon äußerlich dem nordfriesischen Menschenschlag entspricht, herb und doch von weiblicher Anmut und Wärme des Gefühls. Walter Sueßenguth und Ali G h i t o geben zwei markante Gegenspieler, Diegelmann und Eduard v. W i n t e r ft e i n als alter Deichgraf und Oberdeichgraf zwei prächtig und lebensvoll aus- geformte Gestalten
Im Beiprogramm sieht man außer der neuen Wochenschau eine historisch und kulturhistorisch interessante Reportage aus der Kriegs- und Vorkriegszeit mit seltenen Aufnahmen aus Berlin, München, Leipzig, Petersburg, Serajewo ufw. Besonderer Aufmerksamkeit dürfen gerade heute, am 2. Oktober, die Bilder von Hindenburgs Geburtstag 1917 im Hauptquartier gewiß fein. —r—
Oie seltsame Landschaft.
Von Selma Lagerlöf.
Copyright by I. L. A. Wien.
Es war an einem Mittsornrnerabend; ich fuhr im Auto. Ziemlich spät war es, so zwischen elf und zwölf Uhr nachts. Das war ja die rechte Stunde, um etwas Seltsames zu erleben. Tagsüber war ich zu Besuch in Aroika gewesen, und der kürzeste Weg von Marbacka dorthin geht ja, wie man weiß, über die Frykdalshöhe. Aber diesen Weg über die Höhe war ich nie gefahren, hatte ihn
nur als sehr beschwerlich schildern gehört, mit einer Steigung, die die längste in Värmland sein sollte. Darum hatte ich auf der Hinfahrt nicht gewagt, ihn zu nehmen, sondern hatte einen langen Umweg gemacht und war gewissermaßen rings um den Berg herumgefahren. Aber als wir heimkehren sollten, beschlossen wir, doch den kürzeren Weg über den Berg zu nehmen. Dann mußten wir freilich den steilen Abhang hinunterfahren, aber es würde wohl glücken. Ja, wir machten uns also auf. Don der Westseite aus hinaufzukommen, bot keinerlei Schwierigkeit, und bald waren wir an dem Rand des Ostabhangs angelangt, der steil vor uns abfiel.
Es war wohl schon ein wenig dämmerig, aber wir machten doch Halt und stiegen aus, um uns die berühmte Aussicht über das Fryksdal anzusehen. Vorerst war es eine Enttäuschung. Denn wir hatten uns ja gedacht, daß wir in unser helles offenes Tal hinuntersehen würden, mit feinen in frischem Grün prangenden Feldern, den von lauschigen Baumgruppen umgebenen Kirchen und Häuschen und den langen, blanken Seen, die die freundliche Landschaft widerspiegelten.
Aber von dort oben auf dem Berge gewahrte man so gut wie nichts von alledem. Da sah man nur eine Reihe dunkler Waldgipfel neben der andern. Sie füllten die ganze Gegend und verdeckten alles, was der Mensch gebaut und gepflanzt hatte. Das war das Land, wie es aussah, bevor Menschen hergekommen waren, als noch Riesen in den Bergen und Trolle im Walde hausten. Es war recht seltsam, zu sehen, welchen geringen Teil des Tales die Menschen dem Pfluge unterworfen hatten, und das Bild hatte in all seinen überraschenden Wildheit etwas Großartiges. Ja, dachte ich mir, die alten Bergtrolle sitzen vielleicht gern in einer solchen Nacht hier auf dem Bergesrand und sehen ins Tal hinunter. Sie sprechen vielleicht davon, wie gleich sich doch alles hier geblieben ist, und daß es ganz so aussieht wie in ihrer Kindheit.
Welche Bewandtnis es auch damit haben mochte, wir hatten keine rechte Ruhe, länger dort oben zu verweilen, denn wir mußten immerzu an den steilen Abhang denken, und der machte auch wahrlich seinem Rufe alle Ehre. Kerzengerade, endlos lang und steil abfallend lag er unter uns. Keine Windungen, keine Absätze waren zu sehen, er führte geradewegs hinunter in die schwarze Tiefe, es war,
als sollte man über eine Kirchturmmauer hinunter. Fahren mußten wir ja unter allen Umständen, aber wir dankten Gott, als wir lebendig unten im Tal anlangten, nur war der größte Teil der Bremse durchgescheuert.
Dann vergingen mehrere Jahre, ehe ich es wie- der wagte, über die Fryksdalshöhe zu fahren. Aber inzwischen hörte ich bald den einen, bald den andern erzählen, daß sie diesen berühmten Abhang hinauf- und hinuntergefahren waren und ihn ganz harmlos gefunden hatten. Dies schien mir ein wunderliches Gerede, und als ich eines Sommers eine Dame zu Gaste hatte, die für berühmte Aussichtspunkte schwärmte, fuhr ich mit ihr dort hinauf. Es mag wohl fein, daß ich unterwegs ein bißchen mit diesem steilen Berge prahlte.
„Sind wir nicht bald oben?" fragte meine Freundin, als wir in den Wald gekommen waren, der den Berghang deckt, und gerade ein paar gewundene kleine Steigungen genommen hatten. „O nein", sagte ich, „das ist doch nur der Anfang. Wir müssen erst einen ganz senkrechten langen Berg hinauf, der so steil ist, daß man einen Kirchturm hinaufzufahren glaubt." Dann nahmen wir eine Steigung nach der andern, aber alle waren sie klein und gewunden, und immer faß ich noch da und renommierte damit, um wieviel steiler die letzte, die richtige Fryksdalssteigung war.
Plötzlich hielt das Auto. „Jetzt find wir oben auf der Höhe", sagte der Chauffeur. „Aber wie ist das möglich, wir sind doch noch gar nicht zu dem langen steilen Berg gekommen?" — „Ja, ich habe auch immer danach ausgeschaut", meinte er. „Ich weiß nicht, wo der hingeraten ist." Das gleiche sagten die anderen, die beide Fahrten mitgemacht hatten. „Es müssen wohl die Bergtrolle gewesen fein, die ihn uns in jener Mittsommernacht aufgetürmt haben", meinten sie.
Ich will nicht sagen, daß ich an Trolle ober Waldfrauen glaube; denn das tue ich wirklich nicht, aber sicher ist, daß ich mich nie im Leben dazu bringen kann, zu glauben, daß der hohe steile Berg, über den ich in jener Mittsommernacht fuhr, nur in meiner Einbildung vorhanden war. Ich sage bloß, ich kann mir nicht erklären, wie das zuging, und ich finde, es ist etwas Hübsches um eine Landschaft, die sich nicht von einem Tag auf den andern gleichbleibt, sondern auch kleine Überraschungen in Be- reitschast haben kann.


