Ur. 256 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Somstag, Zf. Oktober (936
Junge deutsche Nation.
Aus dem Leben des Reichsjugendsuhrers.
Reichsjugendführer Baldur von Schirach, umringt von 5)9. und BDM.
(Aufnahme: Kling, Reichsbildstelle der 5)3 )
Der Heimabend.
Zur Winterarbeit der HL.
3n der Winterarbeit der Hitler-Jugend nehmen die Heimabende den wichtigsten Raum ein. Die Zeit der Lager und Fahrten ist vorbei, für jede Einheit bleiben die Erfahrungen und die Erlebnisse des Sommers, die es auszuwerten und zu überprüfen gilt. Reue Pläne werden geschmiedet, größere Ziele werden gesteckt, und gemeinsam geht jede Formation an die vorbereitende Arbeit für das nächste 3ahr.
Die Heime sind die Stätten dieser Arbeit. Mehr als im Sommer sind sie nun der Mittelpunkt und das Kraftzentrum des 3ungenlebens, denn hier trifft sich die 3ungenschast, der 3ungzug, die Kameradschaft oder die Schar. 3hre formende und bildende Kraft zeichnet die Heimabende aus. Hier wird nichts „durchgenommen", „auswendig gelernt", „rekapituliert". Der Führer hält keine Vorträge oder Ansprachen, er spricht weder dauernd über Kartenkunde und Morsetabellen, noch ergeht er sich fortwährend in weltanschaulichen und programmatischen Reden. 3n den Heimabenden wird nicht debattiert und „politisiert", „Politik" wird nicht an die Zungen herangetragen wie eine Grammatik, die Paragraph um Paragraph auswendig zu lernen ist. 3bee und Weltanschauung können nicht eingepaukt, sie müssen erlebt werden.
Und da haben wir den Ursprung jener erzieherischen Kraft, die dem Heimabend, der „Stunde der jungen Nation", innewohnt: das Erlebnis.
Erlebnis ist er, weil er von der Gemeinschaft getragen wird und den einzelnen zur Gemeinschaft hinführt. Das Erleben liegt weiter in der Persönlichkeit des Einheitsführers begründet. Richt darin vielleicht, daß er gut singen und pfundige Geschichten erzählen kann: das ist nicht schwer. Aber zehn, zwanzig Kerle wirklich zu führen, das verlangt höchste' Anspannung und innere Bereitschaft.
Die Hitler-Jugend ist die große Vorschule der
Bewegung, aus ihren Reihen sollen die politischen Soldaten des Führers hervorgehen. Die Verpflichtung, die aus solcher Zielsetzung entspringt, wiegt schwer und verlangt harte, einsatzbereite Kerle, die das nötige, charakterlich-weltanschauliche Rückgrat besitzen.
Die Schulung ist deshalb von der Gemeinschaft getragen, die mit ihrem Dienst und ihren kleinen und großen Verpflichtungen zuerst das Bewußtsein der notwendigen Unterordnung weckt.
Schon der Heimraum trägt das Gesicht der 3ungengemeinschaft. Sprüche und Bilder sind nicht lediglich dekorativer Wandschmuck, sondern stehen in enger Beziehung zu Leben und Auftrag der 5)3. Das Heim ist Ausdruck ihres Wesens und muß über den bloßen Aufenthaltsraum hinaus das Gepräge einer ganz bestimmten Haltung und Lebensform tragen — es muß „Stil" haben!
Technische und theoretische Vorbereitungen für den Geländedienst bilden einen Teil der Heimarbeit, der besonders gründlich, aber auch anziehend geübt werden muß. Geländekunde, die Voraussetzung zur Durchführung eines Geländespiels, wird durchgefprochen: Kartenlesen, Skizzenzeichnen, Meldungen, Geländebeurteilung, all diese geländesportlichen Kenntnisse können zwar auf dem Heimabend keine praktische Erprobung erfahren, jedoch vorbereitet und ausgebaut werden. Das Basteln ist im Winter eine willkommene Möglichkeit, sich Handfertigkeit und Geschicklichkeit anzueignen. Was gebastelt wird, braucht nicht lange erörtert zu werden. Jede Einheit wird einen besonderen Ehrgeiz haben, die Heimgestaltung nur aus Eigenem heraus vorzunehmen; sie kann nachher mit Recht sagen: „Unser Heim!"
3n der Schulung müssen natürlich die Grenzen schematischer Belehrung und trockener Wissensvermittlung überschritten werden. Geschichts- und Gegenwartsbilder sollen vor den Augen der 3ungen erstehen; sie werden bekannt gemacht mit den Verkörperungen des ewigen Deutschtums, ob es nun im Soldatischen, im Künstlerischen, im Politischen
oder im Geistigen zum Ausdruck kommt. Volkliches Bewußtsein wird geweckt und gestärkt, wenn die 3ungen die Ausstrahlungen deutscher Schaffenskraft und Genialität erkennen, wenn sie den Atem der Geschichte spüren, der Geschichte unseres Volkes, aus der wir so viel für unsere Gegenwart lernen können. Unerklärbar und geheimnisvoll fühlen sie dann plötzlich, daß auch sie mitten in diesem geschichtlichen Ablauf stehen und in die Speichen des Rades der Weltgeschichte zu packen haben. Und aus dieser Erkenntnis erwächst auch die der unerhörten Verantwortung, die jedes Geschlecht von den oorangegangenen und für die folgenden Geschlechter übernimmt. 3edem einzelnen ist der Platz zugewiesen, an dem er „Geschichte machen" kann. Auch der einzelne ist eine gestaltende und schöpferische Kraft, er m u ß es sein, soll nicht die Gemeinschaft, das „Geschlecht" zu einer toten, unbeweglichen Masse erstarren. Wir dürfen keinem Stillstand, keinem Stillesein uns hingeben, denn oft genug schon hat der Deutsche zu spät die Fäulnis entdeckt, die eine solche Ruhe mit sich bringt.
Die 3ungen erkennen, daß chie deutsche Seele immer und in allen Zeiten gefährdet war, sie hören vom seelischen Zwiespalt mittelalterlicher Kaiser und Könige, die es nach Süden und Norden zog und die deshalb sich verlieren mußten.
Allerdings: wenn solche Erkenntnisse die Frucht eines Heimabends sein sollen, ist die Aufgeschlossenheit des Führers als auch die seiner Zungen erforderliche Nur wenn e i n Herzschlag durch die Jungenschaft geht, die im Kreis zusammensitzt, und ein Gleichklang, nur dann können auch alle das Gefühl einer wertvollen Stunde mitnehmen.
Erkenntnisse dieser Art schafft der Heimabend und die mit ihm verbundene politisch-weltanschauliche Schulung. Aus den Erzählungen seines Führers wird dem Jungen das Große offenbar, das allein geschichts- und staatenbildend ist: der Dienst am Ganzen. Und aus dieser Schau entwickelt sich unbewußt die politische Haltung, die sich ihrer Verantwortung vor der Geschichte bewußt ist. lüdde.
Sechs pimpse und ein Buch.
M /
Aus dem Heimabend lesen die Jungen abwechselnd aus einem Buch vor; die andern Pimpfe lauschen gespannt und andächtig. — (Aufnahme: Reichsbildstelle der HI.)
Beim Spielzeugsammeln für die ASB
Ich habe lange auf Irmgard warten müssen, bis sie endlich kam, um mich zum Spielzeugsammeln abzuholen. Wir hatten uns in der Jungmädelschaft vorgenommen, für unsere offenen Kinderstuben alle Möbel und Spielsachen allein zu sammeln und wiederherzustellen. Wir wollten sogar so fleißig sein, daß wir unserem NSV.-Ortsgruppenleiter noch einige Körbe voll übergeben könnten. Und das Schönste — unsere Führerin durfte davon nichts wissen —, es sollte eine feine Überraschung werden.
Da kam Irmgard doch noch.
Mutter hielt uns beim Hinausgehen noch die Türe auf: „Na, ick bin ja neugierig, ob der Korb voll werden wird , rief sie uns nach. Dann standen wir auf der Straße. — Der verabredete Platz, an dem sich unsere zum Spielzeugsammeln startbereite Jung- mädelschaft treffen sollte, war wenige Minuten entfernt. So liefen wir denn, was wir laufen konnten, und hielten dabei den Korb in unserer Mitte, so daß er abwechselnd Irmgard und dann mir gegen die Beine stieß. Aber das machte nichts!
War das ulkig anzusehen, was die Mädel alles zum Einsammeln mitgebracht hatten: Netze, Taschen, Körbe und Schulranzen. Wie eine Auswandererkarawane sahen wir aus! Lotte sagte uns noch einmal die Straßen, in denen wir sammeln sollten, und bann aing’s los. Irmgard unb ich wechselten uns beim Aufsagen unseres Bittoersleins an den Türen ab. In manchen Häusern brauchten wir schon gar nichts mehr zu sagen, bmn die Leute wußten schon Bescheib vom Tage vorher, an bem wir un^ an= gemelbet hatten. Sie hatten alles entbehrliche Spielzeug schon aus Kisten, Kasten und Speichern zusammengekramt und für uns zurechtgelegt. Das waren meistens die Leute, die keine kleineren Kinder mehr hatten. Die Spielsachen, die sie uns gaben, waren zum Teil noch sehr schön. Es waren wohl diejenigen, die man zur Erinnerung aufbewahren wollte. Ein wenig traurig schauten die Leute dann beim Verschenken der Sachen schon aus. Wir sagten ihnen aber gleich zum Trost, daß sie bei uns gut aufgehoben seien.
Da, wo noch Kinder zu Hause waren, mußten wir meistens warten. Wir hörten dann aus irgendeinem Zimmer eifriges Hantieren und Gepolter. Die Kinder wollten selbst die Spielsachen auswählen. Dann kamen sie nach einiger Zeit hochbeladen an und legten jedes Teil einzeln in unseren Korb: den braunen Teddybären mit dem einen Arm, die Spieluhr, die noch richtige Melodien spielte, den strammen Puppensoldat, dem einzelne Uniformstücke fehlten, das kleine nackte Baby, das unbedingt ein Hemdchen unb Jäckchen haben mußte. Zu jebem Teil erzählten die Kinber uns, wie alt die Puppenkinder sind, wie sie heißen, unb wie ber Tebbybär seinen einen Arm verloren hat. Es hätte in solchen Häusern sicher sehr lange gebauert, wenn wir nicht an unfern Korb gebocht hätten, ber doch unbedingt voll werben sollte.
Wieber stanb unsere Jungmäbelschaft am verab- rebeten Platz. Die Netze unb Taschen waren zum Ueberlaufen voll, unb aus ben Schulranzen ragten oben bie drolligsten Sachen heraus. Das alles haben wir in unser Heim getragen, um alle zerbrochenen Sachen zu leimen, Kleidchen zu nähen, Bettchen zu überziehen unb Spiele bunt zu machen. Zum Schluß haben wir alles fein aufgebaut, unb es sah wie ein riesengroßer Weihnachtstisch aus. Unsere Führerin unb unser NSV.-Ortsgruppenleiter hoben große Augen gemacht. In unserer offenen Kinder- ftube aber herrschte am nächsten Mittwoch ein solcher JuM unb eine solche Freude, baß wir ganz froh wurden, denn wir wußten, daß wir etwas Ordentliches geschafft hatten. L. W.
gegen das benachbarte Fähnlein! Ober: innerhalb von drei Wochen hat jeder Junge sich ein Liederbuch — selbstgebunden, mit geschmackvollem Umschlag — herzustellen, in das mit schöner Schrift, Zeichnungen unb Symbolen unsere Lieber einge-
Der iWemfübm
150 bis 250 Jungvolkpimpfe zählt ber Fähnlein- führer w ber von ihm geführten Einheit. Das Fähnlein des Deutschen Jungvolks entspricht der Geftllaschaft in ber Hitler-Jugenb. Der Fähnlein- Mbrer Ut ben Jungen bekannt als ber, ber in der Regel ben Dienst ansetzt, der hinter ber schwarzen RähniPinsfahne unb ben Lanbsknechtstrommeln vor feinerXrmattan über bie Straßen marschiert, der len ©por Mrieb bei allem grofcen Dienst" selbst leitet ^ualeich ist er der Führer, der am meisten mit den Elten, zus->mmenk°mmt Aus dem Eltern- meradschast 'mit" feinen Unterführern geleistet hat unö eriäutert ben Eltern im Zusammenhang die 9frbeit Nu ihm kommen auch bie Eltern mit allen
Wünschen, Entschuldigungen unb Beschwer- h.nn f e miffen, daß er bereit ist, bie Verantwortung für allen Dienst in seiner Formation zu
"^ne^Befehle erhält der Fähnleinführer vom Runnbannfübrer, ber hauptamtlich eingesetzt ist und ReV etwa bas Gebiet eines Kreises der Rartei zu betreuen hat. Zwischen Jungbann- und Fäbnleinführer ist ber Stammfuhrer der - je nach An örtlichen Verhältnissen — drei bis fünf Fahnen übergeordnet ist. Beigeorbnet ist dem Fähn- e nführer ein Geldverwalter, der d e Beitrage em - -ieh und die Fähnleinkasse verwaltet, denn For- mationsdienst und Verwaltung sind m der HI. überall voneinander geschieden.
llnteraeorbnet sind bem Fahnleinsuhrer tn ber m "'s drei Jungzugführer unö neun Jungenschafts- Ner Nach de? erfolgreichen Jungvolkwerbung im W dieses Jahres ist diese Zahl - entsprechen!) Ar vermehrten Zahl der Jungenschasten und Jung- Xx? — meist noch gewachsen, so baß man bannt rprbnen kann, baß ber Fähnleinführer runb 20 nSbrer a 5 Kameraden unb Helfer hat. 2ßäb= And ?er Fähnleinführer im Durchschnitt 17 bis 99 ^re alt ist, zählen bie jüngsten seiner Unter- fübrer 14 ober 15 Jahre. Daher ist es selbstver- ständlich daß die Unterführer regelmäßig zusam- inenaefaßt und geschult werben. Dies geschieht zunächst in wöchentlichen ober vierzehntagigen Füh- rerabenben bes Fähnleins, auf benen organisato- rifdje Dinge durchgesprochen, neue Lieber gelernt, Rpimabenbe und Veranstaltungen vorbereitet, die.
Heimabende und Veranstaltungen vorbereitet, bie । tragen werben. Er entwirft ben Plan, ein altes, wichtigsten politischen Geschehnisse erörtert und halbverfallenes Häuschen zu einem Landheim ausweltanschauliche und politische Grundfragen erläu-1 Zubauen. Er gründet ein Orchester. Er bereitet den
tert werden. Hin und wieder auch nimmt diese Zusammenkunft ganz die Form eines Heimabends an, den der Fähnleinführer leitet: da wird gesungen, erzählt, gelesen und gespielt — gerade so wie es bie Pimpfe in der Jungenschaft auf ihrem allwöchentlichen Heimabend tun.
Diese Abende allein genügen dem Fähnleinführer jedoch nicht. Vielmehr geht er mit den Jungzug-, Jungenschafts- und auch den Hordenführern — die Horde ist die kleinste Einheit im Deutschen Jungvolk — von Zeit zu Zeit auf Führerfahrt. Einmal zeigt er ihnen hier praktisch, was die Pimpfe auf ihren Fahrten lernen sollen. Zeltbau unb Geländekunde, Kartenlesen, Gelänbespiele usw, Darüber hinaus aber bietet die Fahrt ganz andere Erziehungsmöglichkeiten wie ein kurzes Zusammensein in einem geschlossenen Raum: ein langer Marsch mit Gepäck, energisches frühes Wecken mit anschließendem Frühsport, Ordnungsübungen, Sport unb Geländedienst packen ben Charakter unb Willen ber Jungen in einer härteren unb viel entschiedene- ren Weise als eine Besprechung am runben Tisch.
So erkennen wir als erste Aufgabe bes Fähnleinführers: dienstlich unb außerdienstlich feinen Unterführern unb Jungen ein Vordilb in ber gesamten Haltung zu sein. Zweitens ist es seine Aufgabe, seine Unterführer zu charakterfesten, kameradschaftlichen und selbstbewußten Jungen zu machen unb sie weltanschaulich unb politisch auszurichten. Drittens muß er seinen Unterführern Befehle unb Anregungen geben, bie bem Dienst Inhalt unb Lebendigkeit 'sichern. Sein Führertum besteht vor allem barin, immer wieber neue Jbeen zu haben unb bann in treuer Kamerabschaft mit ben Unterführern an ihrer Verwirklichung zu arbeiten. So veranstaltet er etwa ein Wettsingen ber Jungen- schaften ober schreibt einen Wettbewerb im Zeichnen ober Erzählen mit einigen Preisen aus. Unange- künbigt wirb er seine Jungen am Sonntagvormittag an einem roürbigen Platz zu einer Feierstunde zusammenrufen, bie von wenigen Kameraden in aller Stille vorbereitet war. Dann wieder gibt er die Parole aus: nächsten Samstag Geländespiel
Besuch einer großen Fabrik ober einer Kaserne vor. So gibt es noch mancherlei Möglichkeiten. Mit allem bewahrt der Fähnleinführer die Jungen vor einer Gleichförmigkeit bes Dienstes.
Der Dienst bes Fähnleinführers erschöpft sich also nicht in ber Ausfüllung einiger Meldebogen und ber „Kontrolle" bes Dienstes, nicht im Tragen einer grünweißen Führerschnur und nicht in der Abnahme von Appellen. Für bie Gestaltung bes Dienstes ist ihm große Freiheit gegeben, bie sich in ber Praxis besser auswirkt als ein Schematismus. Die Selbständigkeit löst auch bie Verantwortungsfreu- bigfeit der jungen Führer aus unb hält so ben Dienst all bie Jahre hindurch wechselvoll unb lebendig. Wendorff.
Strolch.
Die Geschichte eines Lagerhundes.
Wenn ihr's genau wissen wollt: er hieß eigentlich gar nicht Strolch. Früher mußte er einmal Prinz ober Hektor ober so geheißen haben; man sah es ihm unb seinem trotz ber Magerkeit über alle Begriffe eleganten Körperbau an, bah er schon bessere Tage gesehen hatte. Aber wir hatten ihn eben Strolch genannt. Man sagt bas boch schon mal öfter so zu einem, ber sich in einem etwas heruntergekommenen Habitus nächtlicherweise burch bie Gegend schlängelt. Unb auch er für feine Person schien weiter nichts bagegen zu haben, baß wir ihn runbmeg Strolch nannten.
Mit einer tragischen Selbstverstänblichkeit saß er an einem Sonnenmorgen vorigen Jahres vor bem Küchenzelt unseres Lagers, hatte seinen zerbissenen Schwanz zwischen bie blutigen Hinterhaxen geklemmt unb heulte ein leises Hunbeheulen vor sich hin. Zwei Pimpfe ber Wache sahen ihn zuerst, getrauten sich aber nicht, ihn zu vertreiben unb drohten mit giftigen Blicken und geballten Fäusten. Strolch war damals ein verwildeter, wüster Köter, mit raschen, hungrigen Augen. Sein musterhaftes gelbes Gebiß war eine Drohung, die einem Magenschmerzen verursachen konnte. In seiner Magerkeit und Verkommenheit sah er aus wie ein rasse- loser Aristokrat der Steppe.
Werner und ich nahmen ihn schließlich in unsere Kur, hatten ihm kleine Reste mitgebracht unb ein paar freunblche Worte. Seine Schwanzspitze zuckte, als er voller Unterwürfigkeit unb Demut auf uns zugekrochen tarn: so, seid ihr gute Kerle, gebt ihr
mir zu fressen, unb ich bin auch schon irgenbroie bankbar — bitte, beseht euch einmal mein Gebiß. So ober so ähnlich mußte er gebucht haben. Er hat geheult vor Freube, wie wir ihn mit Lappen, Job, Salben unb Pflaster verbunben hatten. Später warfen wir ihn in ben See, um etwaige Insekten an ihm zu ertränken, schruppten ihn mit Wurzel- bürften unb machten ihn salonfähig. Dann erst verliehen wir ihm bie Würbe eines Lagerhundes.
Tage ber Großmut tarnen, in benen" er hinter Werner unb mir hertraben bürste, Tage voller Ausgelassenheit unb fetten Bissen. Wenn wir in ber prallen Mittagssonne irgenbroo lagen, lag Strolch bei uns, leckte uns in seiner stillen Ergebenheit Ameisen von ben Beinen unb lachte uns bankbar unb zusrieben entgegen. Er war einer ber 5)unbe, bie man lachen sieht, wenn man ihr Fell krault.
Er gefiel mir auch immer mehr mit seinem wilden Gesichtsausdruck. Wäre sein Kopf nicht so stumpf, konnte man ihn fast für einen deutschen Schäferhunb halten. Wenn es so weit wäre, würbe ich ihn mit nach Hause nehmen, ich würbe ihn fabelhaft bressieren unb ihm ein guter Herr sein. Ich würbe sagen, ich hätte ihn aufgefangen, nachts, im Lager, er sei so ein verwilberter, ruppiger Kerl gewesen. Das machte Einbruck. Unb ich werbe erklären, baß er ein echter Mongolen-Köter wäre, mit stumpfen Ohren unb roilbem Blut. Aber vielleicht würbe ich ihn gar nicht soweit bringen. Auf bem Bahnhof würbe sich vielleicht ein ganz reicher Mann für meinen fonberbaren Hund mit bem wilben Gesichtsausbruck interessieren. Echte Mongolenrasse, werbe ich sagen. Unb er wirb mir vielleicht viel Gelb bafür bieten. Ja, ich wollte ihn verkaufen, aber Werner wollte ncht. Das ist unser Hund, hatte er gesagt.
Und ich habe ihn nicht verkauft. Er ist heute bei mir, zählt genau so wie Tisch, Bücher, Schrank unb Lampe zu meinem Inventar. Man sagt, er sei mein Adju, ber Strolch. Er geht mit auf Fahrt als treuer, wachsamer Begleiter, besucht jeben Heim- abenb unb halb nehmen wir ihn mit ins Zeltlager. Unb er wirb sich genau so freuen, genau so tummeln burch kniehohes Gras, wie wir, wird schwim- men mit uns, wenn wir abends an ben See geben, wirb mit uns burch die grüne Küble des Waldes laufen, morgens, wenn der Nebel noch in den turnen hängt — ich glaube, er würde laut bellen vor Freude, der Strolch, wenn er wüßte, daß es bald losgeht. F. Tripp.


