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186. Jahrgang

Gießener Anzeiger

Rr. 256 Erstes Blatt 186. Jahrgang Samstag, 31. Oktober 1956

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DerKührersprichizurMmGardederNeichshauptstadi

Die Iubiiäumskundgebung des Gaues Groß-Berlin im Berliner Sportpalast.

Berlin, 30. Okt. (DNB.) Die 10-Iabresfeier der NSDAP. Gau Berlin, fand am FreWend chren Höhepunkt in der gewaltigen Kundgebung im °rtPalast. In zwölf Sälen der Reichshauptstadt, deren Namen fast alle ebenfalls an die Kampfjahre erinnern, fanden gleichzeitig Parallelversammlungen statt. Der Rundfunk über­trug die Kundgebung in das ganze Reich.

200 Fahnen und 10 Standarten marschieren ein. Biele von ihnen tragen die Namen von Männern, die ihr Leben für die Bewegung gelassen haben. Die gleiche lodernde Begeisterung, die den Berliner Gauleiter so oft an diesem Platz umjubelt hat, brach sich wieder Bahn, als Dr. Goebbels, ge­folgt von den Trägern des Goldenen und Silbernen Gauehrenzeichens seinen Weg durch das SS.-Spa- Uer zum Podium nahm. Der stellvertretende Gau­leiter Staatsrat Görlitz er gab dem Gedanken aller Ausdruck, als er die Kundgebung mit den Worten eröffnete:Für 10 Jahre Kampf um Ber­lin und zu seinem Geburtstag gratulieren wir un­serem Gauleiter Dr. Josef Goebbels! Sieg-Heil!". Ein Begeisterungssturm, Heilrufe, minutenlanges Händeklatschen und Füßetrampeln setzte ein. Immer wieder mußte Dr. Goebbels nach allen Seiten hin danken für diesen Ausdruck der Liebe und des Vertrauens.

Dr. Goebbels spricht.

Zu Beginn seiner Rede gedachte Dr. Goebbels der alten Partei garde, der in erster Linie die Tage des Gaujubiläums gegolten hätten. Diese Tage hätten für ihn unzählige Erinnerungen ge­bracht, als er wieder die Gesichter der alten Kampf­genossen sah und als die alte SA. wieder an ihm vorbeimarschierte. Das waren Idealisten in des Wortes bester Bedeutung! Denn es gehörte schon ein unerhörter Idealismus dazu, das tollkühne Wagnis zu unternehmen, auf dem Asphaltboden dieser bolschewistischen Stadt das Banner Adolf Hitlers aufzupflanzen im Kampfe gegen eine tausendfache Uebermacht, der alle modernen Hilfsmittel der Presse und des Rundfunks, die politische Macht der Parteien, der Gewerkschaften und des Geldes zur Verfügung standen! Dieser Idealismus ist meistens nicht bei der Intelligenz oder gar der Jntellektualität zu finden gewesen, sondern gerade in dem klein- sten und ärmsten Teil unseres Volkes. (Stürmische Zustimmung.) Es ist dabei gleich­gültig, aus welchen Motiven der Ein­zelne zu uns kam ausschlaggebend ist, daß er kam, daß er den Mut hatte, sich zu uns zu ge­sellen und alle Leiden und Gefahren auf sich zu nehmen, die mit der nationalsozialistischen Bewe­gung nun einmal verbunden waren.

In eindrucksvoller Weise stellte Dr. Goebbels die einzelnen Etappen auf dem Wege zur Macht dar. Wir haben uns durch Terror und Verbote, Mord und Gefängnis, Gefahren und Schikanen nicht be­irren lassen, sondern sind unfern Weg weiter­gegangen.

Titan hak uns damals enkgegengehalken, wir hatten keine köpfe! Wir haben darüber gelacht und haben sie eines Besseren be­kehrt. Wenn es einer kleinen Gruppe von we­nigen hundert Wenschen gelingt, gegen eine Welk von Feinden eine ganze Stadk auf ihre Seife zu ziehen, dann können das keine Skrohköpfe fein, dann find das zum mindesten schon Köpf­chen! (Stürmische Heiterkeit und langanhalten­der Beifall.) 3n diesem Kampf entstand die eiserne Gefolgschaft, die später auch gegen jede Krise gewappnet war. Jeder Versuch des Gegners, uns zu zersplittern und Rebellen uns ins eigene Lager zu schicken, ist abgeprallt an der weltanschaulichen Festigkeit unserer allen Parteigenossenschaft.

In leidenschaftlichen Worten lieh nunmehr Dr Goebbels den Endkampf um die politische Macht, die Geschehnisse des Jahres 1932 und die dramatische Wuckt der lebten Auseinander ehunaen mit dem Sn- stem oar den Hörern abrollen Der Reichstagsbrand war das letzte, lodernde Fanal einer Auseinander­setzung, die nun fällig war. Und wir haben dann aiick aebandelt Wir haben |ene Regungen der An- archie beseitigt und ihre Urheber, soweit sie nicht schon Über die Grenze waren, hinter Schloß und Riegel gebracht.

Im Aus lande hat man das melfach mchk verstanden und verstchl cs milnnler auch Henle noch nichl, vor allem nichl in den Landern, d e selbst vom Bolschewismus bedroh« sind. Wir aber, fo erklörle Dr. Goebbels »»«er stürmischen Beifallskundgebungen, haben diese Ausein- -ndersehungen hlnler uns, und niemals wieder werden sie be. uns fällig werden Wenn der Kommunismus glaub«, daß für ihn nochmals der Hafer in Deutschland blühen tonnte, so irr« er. wir brauchten nur die fcslgchallencn Zügel der Partei elwas locker ,u lassen und die lehlen Hefte eines gegnerischen Widerstandes würden von dem Gewicht dieser Bewegung zermalmt werden. (Tosender Beifall begleitet diese Feststellung.) Wir sahen das Wunder einer nationalen Wieder- tzeburt.Es sage mir keiner", daß Deutschland nicht

anders geworden wäre! Deutschland ist nicht mehr wiederzuerkennen! Fragen sie einen, der vier oder fünf Jahre draußen war und nun zurückge­kehrt ist! Er findet eine Nation vor, die nicht, wie früher so oft, vor den Widerständen kapituliert, sondern ihnen kämpfend begegnet. Wenn das Aus­land bisher geglaubt haben sollte, so erklärte der Gauleiter unter stürmischer Zustimmung,uns durch das Vorenthalten der Roh st offe so­zusagen aushungern zu können, so wird die Nation nun beweisen, daß ein solches Unterfangen ver­geblich und ergebnislos wäre!" Minuten­langer brausender Beifall erfüllte die Halle, als Dr. Goebbels in diesem Zusammenhang zum Ausdruck brachte, daß wir der Welt gegenüber auch den Kampf um unsere Kolonien ausgenommen haben, einen Kampf, von dem Deutschland nicht lassen werde.Wie können da", so fragte er,aus­ländische Zeitungen uns den geradezu beleidigenden

Rat geben, wir sollten doch die Rohstoffe kaufen. Diese Schreiber sollten doch wissen, daß Deutschland die dazu notwendigen Devisen nicht hat.

Aber die Rohstoffe müssen wir haben, und wenn wir sie nicht besitzen, dann muh man uns", so betonte der Minister unter er­neutem Beifall,teilhaben lassen an den Schätzen der Welk! Niemals hak der Führer auf deutsche Lebensansprüche verzichtet. Wir sind ein friedfertiges Volk, wir wollen und werden keinen Krieg führen. Wir wollen unse­rer Arbeit nachgehen und die großen Aufgaben im Innern unseres Landes lösen. Dir sind nicht von Revanchegedanken erfüllt. Man soll uns in Frieden lassen, uns aber auch nicht den Weg in die Welt ver­sperren!"

Opfer und Kamps waren nicht umsonst.

Aus allen Ecken und Enden des Saales scholl Dr. Goebbels ein vielstimmiges und entschlossenes Nein!" entgegen, als er sich dann wieder a n d i e alte Garde wandte und sie fragte, ob er ihr vor zehn Jahren vielleicht zu viel versprochen hätte.Nein!" das war die Antwort auf jede seiner Fragen:Habe ich zuviel gesagt, als ich damals erklärte, es würde einmal das ganze Volk auf unserer Seite stehen? Als ich beim Tode unseres Horst Wessels sagte: Es wird der Tag kommen, da eine ganze, erwachte Nation sein Lied singt?" Und noch einmal brauste dem Eroberer Berlins das tausendfältigeNein!" ent­gegen, als er schließlich die Frage stellte:Sind Kampf und Opfer umsonst gewesen?"Die alte Garde hat das historische Verdienst, die Bewegung kämpfend vorwärtsgetragen zu haben. Sie fordert keinen Lohn, aber sie hat ein Recht auf An­erkennung. Ohne diese alte Garde wäre Deutsch­land versunken, wäre heute vielleicht die Welt bol­schewistisch. Nur wenige von ihnen tragen ihren Namen in die Geschichte. Das ist nun einmal so im Lauf der Welt. Es ist uns auch nicht jeder Grenadier Friedrichs des Großen mit Namen be­kannt. Aber die Garde als Garde kennen wir heute noch. Sie alle zusammen haben den Ehrentitel: Alt­gardisten der Partei. Sie alle werden unsterblich sein, solange man deutschen Kindern den National­sozialismus lehrt, solange deutsche Soldaten natio­nalsozialistische Lieder siungen!"

Dr. Goebbels fügte diesem Dank an feine alte Garde den herzlichen DankandenFührer hinzu dafür, daß er ihn mit dieser Aufgabe betraut und ihm gerade auch in den Zeiten der Krisen immer wieder Richtung und Ziel,

Lebensinhalt überhaupt gegeben habe.Wit ihm haben wir kämpfend und fechtend die Be­wegung zum Siege geführt. Was wären wir ohne ihn gewesen! Was wäre aus Deutsch­land geworden ohne ihn! Ja, was wäre ohne ihn aus der Welt geworden! Mit ihm bilden wir den neuen Orden einer neuen Zeit!" Mi­nutenlange Stürme des Beifalls durchtosten den Sportpalast, als Dr. Goebbels feststellte: E r, unser Führer, ist in allen Zeilen itntnet derselbe geblieben. Das soll auch unser Grundsatz sein: Und wie so oft von dieser Stelle aus der Ruf erscholl, so soll er auch heute erklingen: Die nationalsozialistische

Bewegung und ihr Führer Sieg-Heil!

Immer wieder aufbrandende Heilrufe folgten dem tiefen Widerhall, den diese Rede des Gauleiters in den Herzen seiner alten Kampfgefährten gefunden hatte. Kaum war der Jubel verklungen, kündigte der stellvertretende Gauleiter Görlitzer an, daß auch der Führer kommen werde, eine Mit­teilung, die mit unbeschreiblicher Freude ausge­nommen wurde. Als dann der Badenweiler Marsch ertönte und der Führer im Eingang der Halle sichtbar wurde, erdröhnte der Raum von der Be­geisterung der Massen, die, auf den Plätzen stehend dem Führer zujubelten und deren Heilrufe kein Ende nehmen wollten. Lange stand der Führer auf dem Podium. Wohin er sich wandte, überschüt­teten ihn die Stürme der Liebe und der Verehrung seiner alten Getreuen. Der Jubel wiederholte sich, als Dr. Goebbels an das Mikrophon trat und ver­kündete:Der Führer spricht". Erst nach Minuten kann der Führer, nachdem er erneut nach allen Seiten gedankt hatte, das Wort ergreifen.

Dank an den Eroberer von Berlin.

Unter atemloser Stille der alten Kampfgefährten ließ der Führer vor den Augen der alten Partei­genossen die Nachkriegszeit erstehen, in der viele empfunden hätten, daß Deutschland nach einem so unerhörten Widerstand während des Krieges nicht so elend zugrunde gehen dürfe. Es habe auch nicht an Ideen gefehlt, das Schicksal zu ändern, aber die Träger dieser Ideen hätten bei der überwältigen­den Aufgabe schon verzagt, ehe sie nur den Ver­such machten, ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Es sei eine unendlich schwere Aufgabe ge­wesen, das Reich zu erkämpfen, und nur dadurch, daß überall, wo ein Nationalsozialist kämpfte, er seinen Gegnern Überlegen war, habe sich die Idee des Nationalsozialismus durchsetzen kön­nen. Der Führer schilderte, wie unbekannte Män­ner aus allen Schichten zu ihm kamen, die ihm die Jdöe weitertragen helfen wollten, Männer, deren Namen heute in der ganzen Welt bekannt seien.

Nur in einer Stabt habe es nicht vorwärts gehen wollen, dem TNilliouenkoloh Berlin, in dieser Stabt, in ber bie Gegner alle Macht­mittel in ben Händen hatten, bie Bewegung aber nichts als ben Glauben einiger Jbealisien. Die Rufe nach einer Führerperfönlichkeit für bie Hauptstadt bes Reiches feien immer häufi­ger unb immer lauter geworben. Er habe ge­wußt, baß zur Bezwingung biefer gewaltigen Stabt ein befonberer Mann erfär­be rl i ch gewesen fei. Nach zwei Jahren, er­klärte ber Führer unter bem minutenlangen Jubel ber alten Berliner Garbe, habe er bann ben Mann in Dr. Goebbels gefun- ben, unb bamif habe bie Geschichte ber Be­wegung in Berlin eigentlich erst begonnen.

Mit wenigen Sätzen beschwor der Führer noch einmal die Kampfzeit herauf, die unendlich schwer, aber doch auch wundervoll gewesen sei. Mit etwas Wehmut denke man an die kleine Schar der Män­ner zurück, die die Kraft vermittelten, an das Volk zu glauben und der Dr. Goebbels voranmarschierte.

Der Führer bankte ben alten Partei­genossen für ihre Treue, bie sie burch wechselvolle Zellen bewiesen. Er bankte

unter erneuten minutenlangen Beifallsstürmen D r. Goebbels bafür, bah er bie Fahne, bie ber Führer ihm in bie Hand gegeben habe, 3 um Banner ber Nation in Berlin erhob. Der Name bes Berliner Gauleiters fei nicht mehr aus ber Geschichte ber Bewegung unb Deutschlanbs wegzubenken. Der Führer bankte aber auch unter tiefer Er­griffenheit ber Teilnehmer biefer kunbgebung ben Blutzeugen, bie ihr Leben für bie Partei unb bamit für bie Wieberauferstehung

bes beutschen Volkes bahingegeben haben.

Unter dem Zeichen des Hakenkreuzes, das sei die gewonnene Erkenntnis aus der Zeit des Kampfes, werde Deutschland gegen alle Widersacher siegreich sein und den Feind, den wir im Inneren bezwun­gen hätten, auch dann bezwingen, wenn er uns von außen bedrohe. Der Kampf, so betonte der Führer, habe mit dem Januar 1933 kein Ende gefunden. Der Nationalsozialismus fei eine Lehre der Volkserziehung und auch eine Erziehung an sich selbst, der Anpassung, der Rücksichtsnahme und der gegenseitigen Hilfe, die, von Generation zu Generation weitergetragen, immer lebendiger die Gemeinschaft der Zukunft forme.

Noch einmal dankte ber Führer unter jubeln- bem Beifall Dr. Goebbels, ber 10 Jahre ein treuer, unerschütterlicher Schilbknappe ber Par­tei gewesen sei. Unter stürmischer Zustimmung erklärte ber Führer am Schluß feiner Ausfüh­rungen, baß er überzeugt fei, baß Dr. Goeb­bels unb auch er nach 10 weiteren Jahren roieber vor ber alten kämpferfchaft stehen würben, bie mit noch viel mehr Stolz bann auf bie Zeit bes Kampfes unb ber Gestattung bes neuen Deutschlands zurückschauen werde.

In das Sieg-Heil, das der Führer auf seinen Berliner Gauleiter ausbrachte, fielen die Zehn- tausende jubelnd ein. Das Freiheitslied Horst Wes­sels und das Deutschland-Lied fangen sie als Be­kräftigung dessen, daß sie ihm auch fortan in gleicher Treue folgen werden.

HeuorientieransimgöbDfien?

Ein Nebenschauplatz der Weltpolitik, der dank seines Spannungsreichtums die politische Wetter­lage immer besonders empfindlich zu registrieren pflegt, der Südosten Europas, verdient im Augenblick unsere Beachtung. Es ist zwar hier alles noch irn Fluß und irgendwelche augenfälli­gen Veränderungen sind auch sobald nicht zu er­warten, aber die emsige Fühlungnahme der lei­tenden Staatsmänner des Südostens deutet darauf hin, daß hier vielleicht in absehbarer Zeit Ent­schlüsse von großer Tragweite heranreifen, die auch für die Große Politik nicht ohne Interesse sein werden. Südosteuropa hat wie kaum ein anderer politischer Raum durch die Pariser Vorortoerträge, die den Weltkrieg beendeten, eine grundlegende Umgestaltung erfahren. Das Nationalitätenkonglo­merat des Habsburgischen Donaureichs hatte schon in den letzten Jahrzehnten vor dem Weltkrieg nur noch das gemeinsame Band des Monarchen mit Mühe zusammengehalten. Im Kriege wurde es zusehends lockerer und mit dem für die Mittel- möchte unglücklichen Kriegsausgang vollends ge­sprengt. Aus den Trümmern erhoben sich junge Nationalstaaten, entweder in völlig neuen Formen wie die Tschechoslowakei und Polen, oder im Anschluß an ältere Nachbarn wie Rumä­nien und S ü d s l a w i e n. Aber der Geist von Versailles hatte dafür gesorgt, daß der neue Zu­stand auch hier im Südosten von einem wahren Frieden weit entfernt war. Die alten Spannungen wurden auch in die neuen Verhältnisse übernom­men, ja noch verstärkt durch die rein machtpolitische und daher gänzlich unzulängliche Lösung des Na­tionalitätenproblems, die mit Ausnahme des am Anschluß an das große Deutsche Reich gehinder­ten, vor schweren wirtschaftlichen Existenzkampf ge­stellten O e st e r r e i ch, eines um mehr als zwei Drittel verkleinerten, nach den Bedürfnissen der Nachbarn willkürlich zerschnittenen Ungarn und eines noch hinter seine alten Grenzen zurückge­drängten B u I g a r t e n statt reiner Nationalstaa­ten nur wieder neue Nationalitätenstaaten schuf, für die das Minderheitenproblem bald eine schwere Beeinträchtigung ihres jungen Glücks werden sollte.

Hieraus mußten sich zwangsläufig nicht nur innerpolitische Schwierigkeiten ergeben, sondern auch Reibungen zwischen den Staaten des Süd- ostens untereinander wie mit den dem Südostraum benachbarten Großmächten. Polen, das ja nur mit einem Bruchteil seiner Interessen in diesen Zusammenhang gehört und daher hier nur eben gestreift werden soll, empfindet solche Reibungen mit der Tschechoslowakei wegen der zwar zahlen­mäßig geringen, aber in hefttgem Kampf gegen die tschechischen Assimilierunasversuche stehenden polnischen Minderheit in Mähren. Eine gewisse Sonderstellung nimmt auch S ü d s l a w i e n inso­fern ein, als hier drei Staatsvölker, Serben, Kroa­ten und Slowenen, länger als ein Jahrzehnt um die Gestalt des neuen gemeinsamen Staates ran­gen, bis es dem in Marseille den Kugeln kroatischer und mazedonischer Fanatiker zum Opfer gefalle­nen König Alexander gelang, einen Weg zu finden, auf dem der innerpolitische Ausgleich seit­dem verheißungsvoll fortschreitet. Der machtpoli- tische Gegensatz zu Italien, der sich um die Stellung an der Adria dreht, wo Südslawien das Erbe Habsburgs übernahm, hat bis in unsere Tage die Außenpolitik Belgrads bestimmt, die maze­donische Frage eine Annäherung an Bulgarien lange Zeit verhindert. Das neue Rumänien hat lange auf die Anerkennung feines Besitzes von Bessarabien, das vom alten russischen Zarenreich abgetrennt worden war, warten müssen. Die Zu­teilung der Dobrudscha hat das neue Großrumänien mit dem bulgarischen Nachbarn, im Süden, die Siebenbürgens mit den Ungarn im Westen in Gegensatz gebracht. Die Tschechoslowakei schließlich ist das unorganischste Staatsgebilde der Nachkriegszeit. Nach allen Seiten greift der neue Staat weit-über den tschechischen Volksboden hin­aus, so daß von einer Gesamtbevölkerung von rund 14,5 Millionen nur rund neun Millionen Tschechen und Slowaken sind. Deutsche, Ungarn und Ruthenen sind mit insgesamt fünf Millionen die stärksten Minderheiten.

Diese neugeschaffenen oder aus der alten Habs­burgermonarchie übernommenen Reibungsflächen machten es verständlich, daß die in den Pariser Vorortdtttaten neu entstandenen oder außer­ordentlich vergrößerten Staaten des europäischen Südostens das Bedürfnis empfanden, ihren Besitz gegen die Mächte zu sichern, auf deren Kosten die Neuverteilung von Land und Leuten im Donau­raum vor sich gegangen war. Die Tschechoslowakei, Rumänien und Südslawien schlossen sich daher 1922 zur Kleinen Entente zusammen, die feüb»m 1929 und 1933 durch einen gegenseitigen Schieds­vertrag und die Einrichtung eines ständigen Rats, wie durch Bemühungen um wirtschaftliche Zu- ammenarbeit zu einem festen machtpolitischen Block gestaltet worden ist, der bisher alle Meinungs­verschiedenheiten unter den Teilhabern überdauert hat. Das Ziel, die Aufrechterhaltung der gegen­wärtigen Lage im Donauranm gegen alle Revi- ionsbeftrebungen, namentlich Ungarns, glaubte man am besten in engster Anlehnu ng an Frank­reich zu erreichen, mit dem Militärverträge abge» chlosien wurden. In Frankreichs Gegensatz zu den an der Entwicklung im Donauraum vorwiegend in­teressierten Großmächten Deutschland und Italien ah man die beste Bürgschaft für die eigene Sicher­heit Die erste Enttäuschung kam auf wirt- chaftlichem Gebiet. Weder konnten die drei Staaten der Kleinen Entente einen in sich selbst einen Ausgleich findenden Wirtschaftskörper bilden, noch vermochte der französische Verbündete außer