Nr. 254 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
Donnerstag, 29. Oktober 1956
Aus der Provinzialhauptstadt. Heute und morgen Kleidersammlung für das Winterhilfswerk.
Wehrmacht und Arbeitsdienst helfen.
Heute morgen begann in unserer Stadt, und zwar in den Gebieten der Ortsgruppen Mitte und Süd, die Kleidersammlung für das Winterhilfswerk 1936/37. Die freiwilligen Helfer für diese Sammelarbeit, die Kameraden der Wehrmacht und des Arbeitsdienstes, fanden sich in den Geschäftsräumen der Ortsgruppen bzw. der Partei ein und gingen von dort aus an ihre Arbeit. Die Soldaten forderten mit ihren Signalen die Hausfrauen auf, mit ihren Päckchen, die sie dem Winterhilfswerk zugedacht haben, bereit zu fein und sie den Arbeitsdienstmännern, denen die eigentliche Sammelarbeit oblag, auszuhändigen. Die Sammelarbeit konnte sich rasch vollziehen. Der morgige Tag ist der Kleidersammlung in den Ortsgruppen Mitte und Nord vorbehalten. Alle Pakete, die heute und morgen gesammelt werden, kommen direkt in das Lager der NSV. im Einhorn und werden dort, soweit es nötig ist, hergerichtet und schließlich den Volksgenossen zugeleitet, die ihrer bedürfen.
Vornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Glückskinder" — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Drei Mädel um Schubert". — Ausstellung „Das Buch" im Foyer des Stadttheaters. — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Kunstausstellung von Oelgemälden, Aquarellen und Tempera.
Evangelischer Bund.
Am kommenden Sonntag, 1. November, findet im Johannessaal ein Gemeindeabend statt, bei dem Pfarrer Germer, Großen-Linden, einen Vortrag über das Thema „Kirche und Volkstum in Siebenbürgen" halten wird. Auf die heutige Anzeige fei besonders hingewiesen.
Samstag und Sonntag Sammlung für das WHW.
-Aus Anlaß der am Samstag und Sonntag von SA., SS. und NSKK. durchzuführenden Sammlung für das WHW. finden durch den Musikzug der SA.-Standarte 116 folgende
Platzkonzerte
statt:
Samstag: 16 bis 16.30 .Uhr auf dem Kreuzplatz, 17 bis 18 Uhr auf dem Bahnhofsplatz.
Sonntag: 11 bis 12 Uhr in der Plockftraße.
Sonntag früh 8 Uhr: Weckruf durch den Spielmannszua der Standarte.
Auch bei diesen Platzkonzerten werden die braunen und schwarzen Kämpfer des Führers das in fünf verschiedenen Ausführungen hergestellte, mit einem Edelstein besetzte Abzeichen verkaufen. Volksgenossen, helft alle durch Erwerb von Abzeichen das heroische stilfswerk des Führers zum vollen Erfolg werden ju lassen!
Ortsgruppe Sießen-Mitte.
Dinterhilfswerk. — Kleider- und Wäschesammlung.
Am Freitag, 30. Oktober, ab 8.30 Uhr findet im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Mitte die diesjäh- ige Kleider- und Wäschesammlung für das Winter- ilfswerk statt. Es wird gebeten, die Kleider- und Wäschestücke, evtl, verpackt, zu der angegebenen 3eit bereitzuhalten. Gebt alles irgendwie Entbehr- iche für unsere notleidenden Volksgenossen!
Auszeichnungen
für zwei GießenerZungvolk -Fähnlein.
Jungvolk-Gebielsführer Wagner kommt nach Gießen.
In einem Wettbewerb des Jungvolks im Gebiet Hessen-Nassau konnten sich zwei Fähnlein unseres hiesigen Jungbannes hervortun. In diesem Wettbewerb kam es besonders auf die Leistungen in der Heimabendgestaltung, in der Werkarbeit und im Ordnungsdienst an, ferner wurde auch die Uniformierung und das Auftreten der Mannschaften gewertet. Es ist erfreulich, daß dabei Gießener Jng- volkjungen besonders gut abschneiden konnten. Das Fähnlein 21 „G o r ch Fock" konnte sich mit seinen Leistungen im ganzen Bereich des Gebiets den dritten Platz sichern. Das Fähnlein 1 „21 r m i n" konnte sich auf dem 9. Platz im Gebiet behaupten, ein Platz, der bei der großen Anzahl der in den Wettbewerb einbezogenen Stämme und Fähnlein ebenfalls als sehr ehrenvoll zu bezeichnen ist.
Am morgigen Freitag um 18 Uhr findet auf dem Brandplatz eine Kundgebung statt, zu der die
heitlich 30 Pf. Kartenvorverkauf: Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18, Musikhaus Challier, Schokoladenhaus Huntemann, Gliederungen der Partei, Betriebswarte KdF., Kasse des Gloria-Palastes.
Die Bevölkerung ist herzlichst eingeladen.
Sonderzug
zum Fuhball-Länderkampf Deutschland—Italien.
Zu diesem Fußball-Länderkampf, der am 15. November in Berlin stattfindet, fährt von Frankfurt aus ein Sonderzug. Der Teilnehmerpreis beträgt für Fahrt einschl. einer Uebemachtung mit Frühstück und Eintritt in das Olympia-Stadion nur 18 Mark. Für die Anschlußstrecke nach Frankfurt tritt die bekannte Verbilligung in Kraft. Anmeldungen zu dieser Fahrt können noch auf der Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18, abgegeben werden. Die Abfahrtszeiten liegen auch bereits fest. Nähere Auskünfte können bei der Kreisdienststelle erteilt werden.
Erweiterung
des Giehener Krastpoffnetzes.
Am 1. November werden in die Kraft mag en- güterpoft Gießen — Rodheim die Postagen-
Llnd wieder sammelt die SA. für das Winterhilfswerk!
Zum vierten Wale ziehen am kommenden Samstag und Sonntag die SA.. SS. und das NSKK. in den Kampf gegen Hunger und Kälte.
Volksgenossen, denkt daran, daß es dem Führer nur durch unsagbar große Opfer gelungen ist, das heutige neue Deutschland zu errichten.
Zeigt euch dankbar Und verbunden mit dem Führer und seinem Werk, das er für euch geschaffen, und gebt den braunen Kämpfern am Samstag und Sonntag reichlich und freudig!
Der Führer der SA.-Standarte 116.
Standartenführer.
Einheiten des Gießener Jungbannes antreten. Bei dieser Kundgebung, zu der der Gebiets-Jungvolk- führer Pau? Wagner erscheinen wird, sollen den beiden ausgezeichneten Fähnlein für ihre Gernein- schastsleistung die erworbenen Preise übermittelt werden.
Öic dEüe jttbeitslront n.6.=6emeinfchaft „firaft durch frcuöc"
Feierstunde am 1. November.
Die NSG. „Kraft durch Freude" veranstaltet in Verbindung mit dem Landschaftsbund „Volkstum und Heimat" am kommenden Sonntag, 1. N o - cember, im Gloria-Palast, Gießen, eine Feierstunde.
„Die Gefolgschaft des Glaubens marschiert"
unter Mitwirkung von Angehörigen der Gliederungen der Partei und der Wehrmacht. Die musikalische Umrahmung erfolgt durch das neue elektro- akustische Instrument Hellertion.
Einlaß ab 9.30 Uhr, Beginn der Veranstaltung pünktlich 10.15 Uhr. Der Eintrittspreis beträgt ein
tur Atzbach und die Poststelle Dorlar einbezogen, die bisher zum Landkraftpostgebiet Wetzlar gehörten, sowie die Landorte Fellingshausen, Bieber und Krumbach, in denen gleichzeitig Poststellen eingerichtet werden.
Mit den Poststellen sind öffentliche Fernsprechstellen verbunden. Die Poststellen haben die Eigenschaft einer Postanstalt im Sinne des § 1 des Reichspostgesetzes und einer Telegraphenanstalt im Sinne der Telegraphenordnung mit der Befugnis der Annahme und Ausgabe von Postsendungen aller Art und von Telegrammen. Sie nehmen Bestellungen auf die durch die Post zu beziehenden Zeitungen an und zahlen für ihren Zustellbereich die Renten aus. Im Briefverkehr gelten die Ortsgebühren nur innerhalb des eigenen Zustellbereichs der Poststellen. Im übrigen gilt die Ferngebühr.
Sämtliche Postanstalten werden dem Postamt Gießen unterstellt und erhalten den Namen des Leitpostamtes als zusätzliche Bezeichnung in der Form:.........(Ortsname) über Gießen.
Gießener Wochen Marktpreise
* Gießen, 29. Okt. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: D. f. Molkereibutter, % kg 1,57 Mk., f. Molkereibutter 1,52, Landbutter 1,42, Markenbutter
1,55 bis 1,60 Mk., Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Wirsing, % kg 6 bis 8 Pf., 50 kg 5 bis 6 Mk., Weißkraut, % kg 4 bis 6 Pf., 50 kg 3,50 Mk., Rotkraut, % kg 7 bis 10 Pf., 50 kg 6 bis 7 Mk., gelbe Rüben, % kg 8 bis 12 Pf., rote Rüben 8 bis 10, Spinat 20, Römischkohl 8, Unterkohlrabi 8 bis 10, Grünkohl 15, Rosenkohl 25 bis 30, Feldsalat 80 bis 90, Tomaten 20 bis 25, Zwiebeln 7 bis 10, Meerrettich 30 bis 80, Schwarzwurzeln 25 bis 30, Kürbis 5 bis 6, Kartoffeln, % kg 4 Pf., 5 kg 40 Pf., 50 kg 3,20 Mk., Aepfel, kg 15 bis 25 Pf., 50 kg 15 bis 25 Mk., Tafeläpfel, Vi kg 25 bis 30 Pf., 50 kg 25 bis 30 Mk., Birnen, % kg 8 bis 15 Pf., Zwetschenhonig 50 Pf., Hähne 1 bis 1,10 Mk., Suppenhühner 80 bis 90 Pf., Gänse 90 Pf. bis 1 Mk., Tauben, das Stück 50 Pf., Blumenkohl 50 bis 70, Salat 5 bis 10, Endivien 5 bis 10, Oberkohlrabi 5 bis 8, Lauch 5 bis 8, Rettich 5 bis 15, Sellerie 20 bis 30, Radieschen, das Bund 10 Pf.
Sie Volkstumsarbeit des Gaues wird in Gießen eröffnet.
NSG. Durch das Arbeitsabkommen zwischen der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" und dem Landschaftsbund Volkstum und Heimat ist die Volkstumsarbeit in unserem Gau auf eine breitere Grundlage gestellt worden. Damit ist die Gewähr gegeben, daß das rhein-mainifche Volkstum eine gedeihliche Förderung und Pflege erhält.
Der Eröffnung der diesjährigen Volkstums- arbeit muß daher eine besondere Bedeutung beigemessen werden. Schon die Beteiligung sämtlicher Organisationen und Gliederungen beweisen das. So wird am 1. November die Volkstumsarbeit in den neuen Abschnitt ihres Wirkens treten. Die aus diesem Anlaß veranstaltete Feierstunde im Gloria- Filmpalast in Gießen steht unter dem Motto: „Die Gefolgschaft des Glaubens marsch i e r t".
Der Gauobmann der Deutschen Arbeitsfront Willi Becker wird bei dieser Feier die Winterarbeit der Abteilung Volkstum und Brauchtum eröffnen. Der Reichssender Frankfurt überträgt diese Veranstaltung, und im ganzen Gau werden sich die Volksgenossen zum Gemeinschaftsempfang zusammenfinden, um so den Beginn der diesjährigen Volkstumsarbeit mitzuerleben. Die Feier beginnt am Sonntag, 1. November, um 10.15 Uhr.
Oer Leichenfund in Lauterbach.
Im Anschluß an die Berichte vom Dienstag und Mittwoch über den Fund einer männlichen Leiche am Montagfrüh in der Lauter in Lauterbach können wir heute weiter mitteilen, daß die Vernehmungen durch die Staatsanwaltschaft und die Polizei im großen und ganzen abgeschlossen sind. Nach dem bisherigen Stand der Dinge ist noch nicht mit Sicherheit zu sagen, ob gegen den verhafteten Aug. Wegener aus Northeim Anklage wegen Totschlags, oder wegen Körperverletzung mit Tvdes- folge erhoben werden wird. Es liegen eine Reihe von Verdachtsmomenten nach der Richtung hin vor, daß zwischen dem in der Lauter tot aufgefundenen Müller und seinem Arbeitskameraden Wegener auf dem gemeinsamen Heimwege nach einer ausgedehnten Zecherei eine Schlägerei stattgefunden hat, in deren Verlauf der Getötete vorsätzlich oder zumindest fahrlässig von der Brücke aus in die Lauter hinabgestoßen wurde. Welche von diesen Vermutungen zutreffend sein wird, muß erst noch im weiteren Verlaufe der Ermittlungen klargestellt werden.
NIVEA CREME
„Magische Wett "
Anmerkungen zu einem Gedichtbuch.
Im Propyläen-Verlag, Berlin, erschien dieser Tage ein Gedichtband „M agische Welt" von Hans Thyriot; im „Spiegel", der Hauszeitschrift des Verlages, gibt der Verfasser über die Entstehung das Bandes einige Anmerkungen, die vielleicht über den eigentlichen Anlaß hinaus auch als ein Beitrag zur Woche des deutschen Buches gelten können.
Der kleine Lyrikband „Magische Welt" enthält eine Auslese — etwa zwei Drittel — dessen, was ich bisher überhaupt geschrieben habe an Gedichten: die Ernte aus ungefähr zehn Jahren. In dieser Zeit kamen noch nicht einmal annähernd hundert Gedichte zustande: ich arbeite sehr langsam, sehr schwer, von vielen Hemmungen und Zweifeln bedrängt. Man kann meiner Meinung nach — zumal wenn man nicht mehr zur jungen Generation, sondern zum Kriegsjahrgang 98 gehört feinen elften Band Lyrik nicht spät genug herausbrmgen, gar nicht vorsichtig und kritisch genug sein. Wenn es mir möglich gewesen märe, hätte ich einen ersten Vand von fünfzig bis siebzig Gedichten erfajeinen lassen, ausgewählt aus zweihundert oder dreihundert.
lieber die Entstehung eines Gedichtes, eines Kunstwerkes überhaupt, kann man sich wohl nur sehr schwer und zurückhaltend äußern,, zumal wenn man selbst daran beteiligt ist. Fast jedes Gedicht stellt — auch in seiner endgültigen und letzten Form — nur einen Annäherungswert dar, einen hauch, einen Abglanz, eine Ahnung dessen, was einen in einer jener seltenen, goldenen Traumsekunden, herzklopfend und atemoersetzend, durchzuckt. Da ist ein Bild, ein Gesicht, ein Tier em Kind, ein Name, ein paar Zeilen in einem Buch, eine Landschaft, ein verschmimmendes unendlich zartes, unendlich beglückendes Traumbild ... und du empfindest mit einem Male: menn du dies in Worte fassen könntest, in eine reine, Jtrenge, schlackenlose Form — das wäre em wirkliches ^ber’bie wirklichen und beständigen Gedichte, die man nach drei Tagen oder gar nach vier Wochen wieder anschauen und lesen kann, ohne zu erröten oder zu verzweifeln - die sind selten Und der Weg ton jenem ersten, schöpferischen Aufblitzen bis zur endgültigen, endlich zögernd gutgeheißenen Gestalt in Handschrift oder Druck ist lang, mühevoll von Enttäuschungen begleitet. Fast alle meine Gedichte sind Danzig, dreißigmal und öfter geschrieben und um-
geformt worden, ehe sie aus der berühmten „Werkstatt" entlassen wurden.
In solchem Sinne wird ein Gedichtbuch spät oder nie fertig. Aber es ist das Persönlichste und Innerlichste, was ein Mensch geben kann. Und ein vollendetes Gedicht ist mir immer ein neues, großes, aufatmendes Glück. Und eine tiefe Freude, wenn, wie es zuweilen geschieht, die einsame Stimme des Herzens Echo und Widerhall findet irgendwo in der Welt, irgendwo in Deutschland — wenn eine leise Gegenstimme, mir unbekannt und nie zuvor gehört, Antwort gibt und sich mir brüderlich oder schwesterlich verbindet. Dies ist mir der schönste Sinn und die reinste Erfüllung, die ein so vollkommen „zweckloses" Gebilde wie ein Gedicht finden kann.
Hans Thyriot.
Erinnerung an meinen Vater
Ton Selma Lagerlös.
Ich hatte einen so schönes Kranz binden lassen, wie er in Marbacka überhaupt hergestellt werden konnte, und mit diesem vor mir in der Droschke fuhr ich nach der Kirche. Ich selbst war festlich gekleidet, der Wagen war frisch gestrichen und glänzend gelackt und den Pferden war das beste Geschirr angelegt.
Es war der schönste Tag, den man sich denken konnte. Heller Sonnenschein strahlte auf die Erde herab, die Luft war warm, und ein paar schöne weiße Wölkchen schwebten am Himmel hin. Kein Wind, ja kein noch so zartes Lüftchen wehte von irgendeiner Seite her.
Es war Sonntag; ich sah sonntäglich gekleidete Kinder auf dey Höfen spielen und sonntäglich gekleidete Menschen sich zum Kirchenbesuch rüsten. Als ich durchs Dorf fuhr, liefen nicht wie sonst an den Werktagen Kühe und Schafe und Hühner vor der Droschke über den Weg.
Während der ganzen Fahrt waren meine Gedanken immerfort bei dem Vater. Diesen Weg durch As hatte er unzählige Male zurückgelegt, und ich konnte mir gut vorstellen, mit welch lebhafter Aufmerksamkeit er alle Veränderungen wahrgenommen hatte. Auf jedes noch nicht angestrichene Haus, jedes neueingesetzte Fenster, jedes kürzlich mit Ziegel gedeckte Dach hätte er gedeutet und sich darüber geäußert, lieber „Där Fram" in As hätte er sich besonders gefreut, weil es vollständig unverändert war. Aber wenn er gesehen hätte, daß das alte Wohnhaus bei Jon Larssons, das vornehmste zu seiner Zeit, niedergerissen worden war, so wäre ihm das ganz sicherlich ein wirklicher Schmerz gewesen, geradezu ein Vermissen.
Leutnant ßagerlöf hatte sich ja niemals gegen
Veränderungen und Verbesserungen gesträubt, obgleich allerlei Althergebrachtes, an dem er nicht rütteln wollte, hatte bestehen bleiben dürfen. Sicherlich würde er gesagt haben, wir auf Marbacka seien die einzigen armen Schlucker, die bis zum heutigen Tage noch eben so schiefe, brüchige Umfassungsmauern hätten, wie zu seiner Zeit. Und daß die Gräben am Wege immer noch voller Unkraut standen, die Brückchen, die darüber führten, armselig mit vielen gefährlichen Löchern waren und die Misthaufen noch immer am Wegrand lagen, nein, das hätte ihn nicht gefreut.
Als ich an den Kreuzweg kam, wo die Dorf- straße aufhörte und die große Landstraße anfing, wäre es eine große Freude gewesen, wenn ich ihn auf das mächtige Kurhaus, das drüben zwischen den Hügeln lag, hätte aufmerksam machen und ihm erzählen können, daß die Quelle zu As jetzt jeden Sommer von vielen hundert Badegästen' besucht werde. Ja, darüber hätte er sich sehr gefreut, denn er hatte sich ja so lange mit dem Gedanken getragen, daß dort eine große Badeanstalt erstehen müßte; und dieser Gedanke war durchaus nicht unrichtig gewesen, das hätte er nun mit eigenen Augen sehen können.
Ach, wie gern hätte ich ihn neben mir im Wagen gehabt, als ich jetzt über die Aemtbrücke fuhr! Da hätte ich ihm zeigen können, daß der Fluß in den letzten Jahren endlich ausgegraben worden war und nun in gerader Linie zwischen feinen Ufern dahinfloß. Jetzt konnte er nicht mehr bei jedem Regen über feine Ufer steigen und den Talgrund von Marbacka an bis hier herunter in einen See verwandeln.
Als ich an dem Schulhaus von Oestanby dop beifuhr, war mir, als sehe ich ihn dort auf dem Schulhofe, wie immer fröhlich und vergnügt, wenn er von einer Menge Kinder umgeben war und mit vollen Händen Kupfermünzen unter die Schar warf.
Unzählige Male hatte ich ihn sagen hören, der Schulunterricht sei ein Unglück fürs Volk und werde uns noch zugrunde richten. Trotzdem aber fuhr er an jedem Examenstag hinunter in das Schulhaus zu Oestanby und blieb stundenlang dort, während fein guter Freund, der Kantor Melanoz, die Kinder den Katechismus herfagen ließ, sie in der Weltgeschichte abfragte und zeigte, wie tüchtig sie im Rechnen und Schönschreiben waren. Und ich glaube nicht, daß sich irgendeiner von den in der Schulstube Anwesenden mehr über alle die wohl- gelungenen Antworten und alle die guten Zeugnisse und Prämien gefreut hat, als Leutnant La- gerlöf. Ich erinnere mich daran, wie oft ich mich früher gerade darüber wunderte. Jetzt aber verstehe ich es, sobald es sich um Kinder handelte, wurden alle Grundsätze über den Haufen geworfen.
Ich konnte mich so gut daran erinnern, wie es war, wenn wir früher auf den Kirchplatz vorfuhren; die Leute wichen mit freundlichem Gruß vor dem Wagen aus, in dem Leutnant ßagerlöf mit fröhlichem ßächeln saß und unaufhörlich die Hand an den Hutrand legte. Jetzt, als ich auf demselben Platz vor die Kirche fuhr, war mir, als sei es sehr einsam und leer um mich her. Allein saß ich im Wagen, und unter allen denen, die zur Kirche gekommen waren, war ich die Einzige, die daran dachte, daß meines Vaters hundertjähriger Geburtstag war.
Ich zerließ den Wagen und ging hinüber auf den Kirchhof zum Grabe meines Vaters, um den Kranz da niederzulegen. Und mein betrübtes Herz meinte um alle die Toten, die da lagen, alle, die ich liebgehabt hatte. Vater und Mutter, Großmutter und Tante und die alte Haushälterin — alle hatte ich hierher geleitet, als sie zur ewigen Ruhe in die Erde gesenkt wurden.
Wie sehnte ich mich nach ihnen und wünschte, sie könnten wiederkommen und das Marbacka, das sie mit ihrer Arbeit aufgebaut hatten, bevölkern!
Doch ruhig, still und unnahbar schliefen sie da unten. Sie schienen mich nicht zu hören.
Aber vielleicht hörten sie mich doch. Vielleicht, daß diese Erinnerungen, die mich in den letzten Jahren umschwebt haben, von ihnen ausgeschickt waren! Ich weiß es nicht, aber ich will es so gerne glauben.
Eine seltene Briefmarke
Eine Briefmarke, die zu besitzen das Ziel vieler englischer Sammler ist, kommt von der Insel Ninafou, die zu den Tonga-Inseln gehört. Diese Südseeinsel, die zu Großbritannien gehört, erhält im Jahre nur eine einzige Post, die „Tin Can Mail“. Im vorigen Jahre enthielt diese dreihundert Briefe, in diesem waren es bereits 3000! Inzwischen hatte nämlich eine größere Zahl von Briefmarkensammlern diese seltene Gelegenheit entdeckt, eine Reihe von Tonga-Marken mit dem Stempel „Tin Can Mail“ zu erhalten, und sie hatten nicht gezögert, bis zu 30 Schillingen dafür auszulegen. Die Briefe, die von dem Dampfer bei seinem Jahresbesuch in Blechschachteln über Bord geworfen werden, werden von einem Eingeborenen eingeholt, der an diesem einen Tage des Jahres den Briefträger spielt. Die Schwierigkeit für die Sammler war nur, an wen sie sich auf der Insel wenden sollten. Es wohnen nur drei Weiße auf ihr, ein Priester, ein Händler und ein Pflanzer, die höchst erstaunt waren, als sie sahen, in welchem Maße sich das Interesse der Welt auf ihre kleine Insel gelenkt hatte.


