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Dienstag, 29. September 1956

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr. 228 Zweites Blatt

in Detmold

Grabbe-Aus st ellung

Die

illustriert d" de- Richters °d7rch in Tokio wird also das zweite sein,

Briefe und Drucke, Porträts, Städtebitder, das im Fernen Osten gebaut wird, und das 25. (einer Manuskripte und Erstdrucke. I ^rt, das in der Welt besteh .

Wenn in diesen Herbsttagen der Sturm tagelang über Helgoland dahingefegt ist und der Blanke Hans meterhohe Wellen mit ungebändigter Wucht an die roten Felsen geworfen hat, so daß überall noch der Tang in Fetzen herumliegt, dann kann sich der Naturfreund aus ein ganz besonderes Schau­spiel gefaßt machen, vorausgesetzt, daß der Himmel noch bedeckt und der Sturm endgültig vorüber ist. Dann gibt es auch für die Leute von der Hel­goländer Vogelwarte nur ein Ziel: Nachts auf den Leuchtturm mit Säcken und Fanggerät, um die nächtlich ziehenden Vögel auf der Reise für kurze Zeit zu arretieren und es fliegen eine Menge in der Nacht!

Und wir gehen hin, wenn die Sonne längst hinter dem grauen Horizont verschwunden ist und die Lichtkegel des Leuchtturms schon ein paar gute Stunden kreisen. Silberweiß wischt ihre Lichtslut durch den blaugrauen Dämmer, unheimlich regel­mäßig huscht sie über den benachbarten Signal- turm. Dichter und unsichtiger wird die Nacht, grellweiß bohren sich die Lichtstrahlen in das dun­stige Schwarz, wandern wie übergroße Windmüh­lenflügel stet und leise ihre geisterhafte Bahn.

In Berlin wurde ein Vertrag über Lieferung des Instrumentes mit Zubehör und Zusatzgeräten für ein Ze - Planetarium in Tokio, der Stadt der XII. Olympischen Spiele, unterzeichnet. Dieses neue Zeiß-Planetarium wird in einem Kup­pelraum auf dem Gebäude des Zeitungsverlages Jiji Shinposha in Tokio Marunouchi aufgestellt werden. Später wird es in das Eigentum des Astro- nomical-Education-Museums in Tokio ohne Verän­derung des Standortes übergehen. Mitte Oktober werden das Instrument und die Zusatzgeräte auch für ein Zeiß-Planetarium, das in Osaka errichtet werden soll, nach Japan verschifft werden. Das Zeitz-

den polnischen Gebieten sehr stark, sie hat nach 1918 von neuem eingesetzt und ist erst durch die Einwan­derungsbeschränkungen der fremden Staaten im Verlaufe der Weltwirtschaftskrise zu einem künst­lichen Stillstand gebracht worden. Immerhin war noch zwischen 1926 und 1930 ein Ueberschuß der Auswanderung über die Rückwanderung, der jähr­lich etwa 100 000 Personen betrug, festzustellen. Dies Verhältnis ist immer ungünstiger geworden, seitdem die Ueberseeländer ihre Einwanderungs­sperren errichteten und seitdem auch die europäischen Staaten, wie beispielsweise Frankreich, die polni­schen Arbeiter massenweise in ihre Heimat zurück­schickten. Allein aus Frankreich wurden im vorigen Jahre nicht weniger als 35 000 polnische Arbeiter ausgewiesen, während nur 1400Polen zuwanderten.

Eine gewisse Entlastung bedeutete dagegen der zunehmende jüdische Auswand erungs- strom nach Palästina, eine Ursache Übrigens für die dringenden Vorstellungen, die Polen in Lon­don erhob und die von England ein Festbleiben in der palästinischen Frage forderten. Im vorigen Jahre wanderten 25 000 Juden aus Polen aus, und es ist verständlich, daß die Warschauer Regie­rung jedes Hindernis für diese Emigration besei­tigen möchte. Der jährliche Geburtenüberschuß des polnischen Volkes beträgt 12,1 pro Tausend. Da überdies seit fünf Jahren insgesamt die Ein- bzw Rückwanderung die Auswanderung bereits um ein Weniges übertrifft, muß sich der so entstehende Be- völkerungsdruck irgendwie entladen. Der Aufbau neuer Exportindustrien oder die Erschließung neuen Ackerbodens kann das Uebel nur in beschränktem Maße beseitigen, da für einen solchen innerpolni­schen Aufbau die wirtschaftlichen, sozialen und finanziellen Voraussetzungen einstweilen noch fehlen. Die polnische Kolonialforderung verlangt Sied­lungsraum. Die Zuteilung von Kolonien an Polen ist aber um so schwieriger, als die Erde bereits auf- geteilt ist und Polen auch nie zuvor Kolonialmacht war, also keine eigenen Mandate besitzt. Einige Theoretiker von der See- und Kolonialliga machen nun folgendes geltend: Polen habe 13 v. H. des deutschen Staatsgebietes aus der Vorkriegszeit übernommen und habe dementsprechend auch An­spruch auf 13 v. H. des ehemaligen deutschen Kolo­nialbesitzes. Aber diese Begründung ist wenig logisch, da ja Deutschland nicht 87 v. H. seiner Kolonien behalten, sondern 100 v. H. verloren hat. Es kann nicht im Sinne der Warschauer Wünsche liegen, mit solchen Rechenerempeln eine Kolonialpolitik zu trei­ben, die nur durch die Zusammenarbeit aller an dieser Frage interessierten Mächte zum Erfolge ge­führt werden kann.

Kunst und Wissenschaft.

Neue Wege der Kreislausforschung.

Beim ärztlichen Fortbildungskursus in Bad-Nau- heim referierte Professor Bohnenkamp (Frei­burg) über dieBeurteilung des Kreislaufkranken" und' ging dabei auf die diagnostischen Unter­suchungsmethoden ein. lieber die allgemeine Thera­pie des Kreislaufkranken äußerte sich Professor Re in wein (Gießen). Er forderte, daß der Arzt nicht Krankheiten, sondern Kranke behandeln solle, und daß deshalb ein enger Kontakt im Sinne einer Arbeitsgemeinschaft zwischen Arzt und Pa­tient bestehen müsse. In fesselnder - Weise befaßte- sich Professor Schultz (Berlin) mit derSeelischen Führung des Kreislaufkranken". Professor Vol- hard (Frankfurt) schilderte dieBeeinflussung des Wasserhaushalts", Professor Knipping (Düssel­dorf) dieAtmungstherapie bei Kreislaufkranken", Professor Weber (Bad-Nauheim)Die Behand­lung von Kreislaufstörungen mit Kohlenfäure- bädern".

Deutschland am Brüsseler krebssorscherkongreh hervorragend beteiligt.

Der 2. Internationale Kongreß für

Gloria-Palast:Straßenmusik".

Wir haben das Volksstück von Paul Schurek, das über viele deutsche Bühnen gegangen ist, vor einiger Zeit hier auf dem Theater gesehen-, mittler« weile hat die Bavaria einen Film daraus gemacht, und es ist, von etlichen räumlichen Ausweitungen abgesehen, welche die bewegliche Kamera sich leicht gestalten kann, die gleiche Geschichte geblieben, halb komisch, halb rührend, vom begabten Regisseur Hans Deppe mit viel Liebe und Humor in Szene gesetzt: das Hübsche dabei ist, daß durch alle lust­spielhaft-volksstückmäßige Komik und stellenweise auch Drastik der Situation immer ein bißchen wirk­liches Leben, ein Stückchen Alltag und ein wenig echte, unverstellte Menschlichkeit durchblickt. Deswegen lohnt es sich, den Film zu sehen, zumal er auf der ganzen Linie sauber besetzt ist und gut gespielt wird. Das Trio der Straßenmusikanten unterm Dach vor allen Dingen: Fritz Genschow, Ernst Legal (ehemals Intendant in Darmstadt) und Hans Deppe, der übrigens auch mit Walter Gronostay das Manuskript schrieb und dann als Klarinettist eine feine, gemütvolle Figur stellt; wirklich ein kleiner Charakterumriß. Jessie Dih- r o g gibt die Grete, ganz schlicht und mit weib­lichem Gefühl, gar nicht als kesse Berlinerin, die sonst zu ihren Spezialitäten gehört. Fita Benk - hoff dagegen spielt, mit Verlaub, ein Biest ... namens Hilde Neumann, und es ist aller Ehren wert, wie sie das macht. Karl Valentin und Liest Karlstadt, münchnerische Berühmtheiten, bilden als Kürassier-Otto nebst Frau die Konkur­renz des Trios und geben eine sehens- und hörens­werte Sondervorstellung. Ein paar gut getroffene Chargen: Otto Wernicke als Gastwirt Gode« mann, Hans Kraft und Willem Holsboer. Im Beiprogramm verdienen die ausführlichen Bildberichte vom Reichsparteitag besondere Hervor­hebung. hth.

Krebsforschung und Krebsbekämp­fung in Brüssel, der dieser Tage zu Ende ging, hat deutlich gezeigt, daß der Kampf gegen den I Krebs in der aanzen Welt mit großem Eifer ge-

Ieitscbriffen

Langenscheidts English M o n t hly Magazine eröffnet mit dem Oktoberheft den 2. Jahrgang. Der einleitende Artikel gibt ein Bild von der gegenwärtigen Lage Englands im Mittel­meer, von der Bedrohung des Seeweges nach Indien. Shirley Temple, dem kleinen amerikanischen Film­star, ist ein anderer Artikel gewidmet. Eine span­nende Detektivgeschichte, reichlich Humor, ein Aufsatz über das Flugwesen in den USA. seien weiterhin erwähnt. Wer seine englifdjen Sprachkenntnisse nicht einrosten lassen will, dem sei diese Zeitschrift beson­ders empfohlen.

pole» blickt »ach tieberfee.

Der polnische Außenminister Beck hat die Mit­glieder der Genfer Mandatskommission mit der Erklärung überrascht, daß er für eine E r - Weiterung dieses Völkerdundsaus- f ch u f f e s eintrete. Und um keine falschen Ver­mutungen über die Bedeutung dieses Schrittes auf­kommen zu lassen, ergänzte dieGazeta Polska" die vorsichtige Formulierung des Obersten Beck dahin, daß die Warschauer Regierung damit den ersten Schritt auf dem Wege getan habe, der zur Anerkennung der natürlichen demo­graphischen Rechte Polens führe. Polen habe in allen Fällen viel zu sagen, bei denen inter­national das große Problem der wachsenden Be­völkerungszahl besprochen werde. Das heißt mit anderen Worten: Polen meldet, von der politischen Theorie zur Praxis allmählich übergehend, in aller Form und vor aller Welt seinen Anspruch auf eigenen Kolonialbesitz an.

Die polnische Forderung kommt nicht ganz un­erwartet, sie ist durch eine intensive Propaganda stimmungsmäßig vorbereitet und auch schon früher nach außen hin andeutungsweise vertreten worden. Der Träger dieser Propaganda war in Polen die See- und K o l o n i a l l i g a , die unter anderem Namen bereits im Jahre 1918 gegründet wurde. Sie hat besonders unter der Führung des Generals Orlicz-Drefzer, der vor einigen Monaten tödlich verunglückte, einen großen Aufschwung ge­nommen und zählt heute etwa 500 000 Mitglieder. Ihre Organisation ist über das ganze Land ver­breitet und hat mit Hilfe zahlreicher illustrierter Zeitschriften auch dem letzten Bauern in Kongreß­polen bereits die Ueberzeugung beigebracht, daß eine Kolonie die Voraussetzung für das polnische Großmachtprestige sei.

Einen bemerkenswerten Antrieb erhielt die pol­nische Kolonialpropaganda durch das Vorgehen Italiens in Abessinien. Ununterbrochen wurde im letzten Jahre durch die Presse und durch Dor- tragsoeranstaltungen auf die Wichtigkeit eigenen Kolonialbesitzes hingewiesen. So trat im Februar dieses Jahres der Universitätsprofefsor Paw­lowski in einem Zeitungsaufsatz dafür ein, daß Polen seine kolonialen Forderungen anmelde, daß es von anderen Staaten und Völkern Verständnis für diese Forderungen verlangen und ihre tatsäch­liche Berücksichtigung in einem Umfange for­dern müsse, der den Bedürfnissen Polens ent­spreche. Polen brauche Kolonien in erster ßienie, um Raum für feinen Bevölke- rungsüberschuß zu schaffen. Es müsse daher Kolonialgebiete verlangen, die sich zur Ansiedlung' eignen. Erst in zweiter Linie könnte Polen sich mit Gebieten begnügen, die es mit Rücksicht auf feine wirtschaftlichen Interessen, d. h. auf die Rohstoffversorgung und den Absatz polnischer Jndustrieerzeugnisse

größte Augenblick aber war es, als ich den Kapell­meister erreichte, der mit seinem Taktstock in der Hand vorausmarschierte. Es war ich wußte es Herr Boettge, derselbe schöne, freundliche, doch Respekt einflößende Mann, der mir gelegentlich im Stadtgarten die Hand gereicht und mich huldvoll in feinen hölzernen Musikpavillon eingeladen hatte, wo nur wenige auserlesene Kinder Zutritt hatten. Jetzt aber in meiner erregten Phantasie war er nicht viel weniger als der gute Großherzog selber und auch nur eine Bestätigung meiner eigenen, geschwellten Glückseligkeit.

So zog ich dahin, von der Musik umrauscht, zitternd entführt aus allem, was mir sonst lieb und gewohnt war. Drüben leuchtete das schöne weiße Schloß, und über dem massigen Grün der Kasta­nien ragte der Turm, auf dessen Spitze die gelb­rotgelbe Fahne flatterte. Ich war nicht mehr der kleine Bub von der Akademiestraße 27, ich war aufgelöst, weggetragen von einer Welle und erlebte staunend die Größe der Welt, die aus der Be­wegung des menschlichen Herzens kommt und alles verwandelt. Aber ich sollte, wie es nicht anders möglich ist, damit auch zum ersten Male die. Gren­zen dieser Welt erleben und die Bitternis des Zwiespaltes, in den der Mensch gestellt ist. Denn mitten in meinem Triumphzug spürte ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. Es war mir fast, wie wenn ich erwachte. Ich schaute um: Da stand mein Vater.

Ich war kein unartiges Kind; ich hatte wenig, zu wenig sogar von Knabenübermut und Laus­bubenlust; und mein Vater war kein strenger Vater. Er verstand aus ganzem Herzen meine mili­tärisch-musikalische Entrückung. Er hatte mich im Garten gesucht und war mir, vermutend, weshalb und wohin ich entlaufen war, gefolgt. Es war keine Spur Angst vor Strafe in mir, als ich ihn neben mir erblickte. Aber darum war es doch eine voll­kommene Entzauberung, und die Scham flieg in mir hoch und trieb mir das Blut in den Kopf, daß er mich so hingerissen gesehen hatte. Nur mit leisem und kurzem Vorwurf, daß ich mich so weit allein von zu Hause entfernt habe, nahm er mich bei der Hand, und wir marschierten noch ein Stück zusam­men. Aber die Entrückung war vorüber.

Dieses früheste Herausgehobensein aus den Ge­setzen des Tages, dessen ich mich erinnern fann, stieg in mir mit allen Einzelheiten empor, während ich durch den Wald radelte. Es erfüllte mich mit einem Dankgefühl gegen meine Heimat und Ver­gangenheit. Aber es stärkte den Entschluß, die Wirk­lichkeit fernen Lebens nicht an alten Orten, sondern in mir selber zu suchen.

Die Nacht der Vögel.

Vögel kommen wie Schneeflocken.-Dar! Geheimnis des Vogelzuges. Zugnacht in Helgoland.

Don Dr. H. Frieling.

führt wird. Der Führer der deutschen Delegation, Geheimrat Professor Dr. Borst, sprach über die Organisation der Krebsbekämpfung in Deutschland und über den Stand der Forschung hinsichtlich der Wuchsstoffe. Der Vortrag fand außerordentlich starke Beachtung. Fischer (Rostock) sprach über die Krankheitsbeurteilung auf Grund der Gewebs­untersuchung. Bernhard (Gießen) schilderte diagnostische Untersuchungen im krebskranken Men­schen mit Hilfe der Blutuntersuchung. Zu diesem Vortrag gab Klapp (Marburg) wertvolle An­regungen. Fi sch er-Masels (Frankfurt) hielt einen Vortrag über die allgemeine Krebsbereltschaft. Teutschländer (Heidelberg) sprach über Regu­lation der Körpersäfte und Gewächsbildung. Die deutsche Teilnehmergruppe hat an dem Erfolg des Kongresses einen großen Anteil. Die deutschen Krebsforscher haben durch ihre wissenschaftlichen Leistungen auf dem Kongreß den Beweis geliefert, daß die deutsche Wissenschaft im Kampfe gegen den Krebs in der vordersten Reihe steht.

Oie Grabbe-Woche in Detmold.

Nach den Eröffnungsfeierlichkeiten brachte der erste Tag der Grabbe-Woche zwei Auffüh­rungen des Stadttheaters Münster unter Leitung des Intendanten Willy Hanke. Zunächst wurde das DramaDer Einsame" von Hanns I o h st aufgeführt. Eine überragende Leistung voll­brachte Robert Michal als Grabbe. Die Auf­führung, von Beethoven- und Mozartmusik unter­malt, hinterließ tiefsten Eindruck.

Als zweite Aufführung folgte das Fragment Marius und Sulla" von Grabbe. Das von Dr. Wolfgang Petzet für die Bühne einge­richtete Werk wurde mit steigendem Interesse ver­folgt, zumal die von Ludwig Zucker mandel- B a f f e r m a n n geschaffenen Bühnenbilder er­regten Bewunderung. Der zweite Tag wurde mit einem Vortrag von Dr. Molo über Grabbes Lebenskampf eingeleitet. Abends gastierte das Stadttheater Bochum unter der Spielleitung von Dr. Saladin Schmitt mit Grabbes funfattigem DramaN a p o l e o n".

Da ferne Dogelrufe klingen durch die Nacht, sie kommen immer näher: Brachvögel stnd s, Bewohner des Moors. Immer oielftimmiger wird der Chor, jetzt schallt der Helle, volle Flötenpfiff des Goldregenpfeifers und das melodische Dübeln eines Rotschenkels dazwischen, mischt sich wundersam in das zarte Flöten melancholischer Brachvogelstimmen. Wir lauschen und starren an­gestrengt ins Licht, um die Tiere erkennen zu ton­nen. Plötzlich flattert etwas oben an den erleuch­teten Scheiben, jetzt platscht es, dann hört man einen Schnabel anstoßen, wieder Flattern und nun kommt ein großer Schatten von der obersten Galerie auf uns niedergetaumelt, fetzt sich dicht vor uns hin. Der Vogel kann uns sicher nicht erkennen, er ist ja noch ganz benommen. Nur leise, nicht sprechen! Da schon Haden wir ihn! Es ist ein schöner großer Brachvogel, leicht an dem langen, abwärts gebogenen Schnabel zu erkennen. Zum Glück ist dieses feine Instrument beim Anprall un­versehrt geblieben seitdem die Vogelschutzlampen das Gehäuse des Leuchtturmes von außen beleuch­ten, rennt sich nur noch selten ein Vogel zu Tod. Unser Brachvogel jnirb einstweilen in einen Sack verpackt. DieAbfertigung" kommt dann erst spä-

Reichstagung für deutsche Vorgeschichte verlegt.

Wegen dienstlicher Verhinderung von Reichsleiter Alfred Rosenberg, der auf der Kundgebung für deutsche Vorgeschichte überGermanische Lebens­werte im Weltanschauungskampf" spricht, wird die für den 10. bis 18. Oktober 1936 in Ulm angesetzte dritte Reichstagung für deutsche Vor­geschichte verbunden mit der zweiten Reichs­tagung für Geschichte und Vorgeschichte des NS.« Lehrerbundes auf den 17. bis 25. Oktober verlegt. Die ausgegebenen vorläufigen Tagungsprogramme behalten in der Folge der angekündigten Veran­staltungen, ebenso in der Zeitsetzung ihre Gültig­keit. Das für 10. Oktober vorgesehene Programm gilt nunmehr für den 17. Oktober.

Tag des deutschen Liedes in Danzig.

Die kulturelle Verbundenheit Danzigs mit dem Mutterlande feierte gelegentlich des von der Lan­deskulturkammer Danzig veranstaltetenTages des deutschen Liedes" einen großen Triumph. Auf allen Plätzen Danzigs waren die Danziger Chöre aufmarschiert und erfreuten die Zuschauer durch Massenchöre. Besonders ein­drucksvoll war die Kundgebung auf dem Langen Markt. Reichskulturfenator I h 1 e r t führte aus, hier komme einem immer wieder zum Bewußtsein, wie untrennbar die gemeinsamen Kulturgüter uns Deutsche diesseits und jenseits der Grenze mitein­ander verbänden.

Lin Zeiß-Planetarium für Tokio.

wirklich zu mir, die Stadt der Kindheit, so daß ich fast ihre Luft zu atmen glaubte.

Jenes erste traumhafte Erleben der Stadt und ihrer Stimmung trat vor mich hin, wie ich als kleiner Bub im Garten des großelterlichen Hauses in der Akademiestraße spielte ein schöner Früh­lingstag wird es wohl gewesen sein und wie plötzlich von fern über die Häuser Militärmusik zu mir drang. Von den Erzählungen meines Vaters erfüllt, der einst als junger Offizier den Feldzug 70/71 mitgemacht hatte, bildete ich mir irgendwie ein, diese Musik habe etwas zu tun mit Krieg, in den die Soldaten jetzt zögen oder von dem sie zurückkämen. Ich lief, verzaubert vom Rhythmus des klingenden Spiels, durch die Torfahrt hinaus auf die Straße und dem Klang nach. Es war noch lange vor den Jahren der Schule, und ich hatte noch nie allein einen Weg durch die Stadt gemacht. Aber daran dachte ich nicht; ich achtete nicht auf die Straße und nicht auf die Menschen. Ich mar­schierte weiter, sah nur im Geiste den Marsch der Soldaten, fühlte das Herz pochen, je näher ich dem Schall kam, desto härter, und geriet immer mehr in einen unendlichen Rausch von Glück, wie ihn eben nur Kinder erleben können, der mit ver­schwommenen Vorstellungen von Fahnen, von Federbüschen, großherzoglichen Herrschaften und roten Lakaien auf gummideräderten Hofchaisen, von Krieg und Sieg verbunden war.

Die Tatsache, daß im elterlichen Hause, mit großer Liebe und Verehrung von der großherzogstchen Familie gesprochen wurde, und das Wissen, daß ein König noch viel mehr war als ein Grvßherzvg, gab mir auch ohne weiteres einen mir sehr be­greiflichen Grund zum Jubel ein; ich dachte mir aus und glaubte es auch im nächsten Augenblick selbst, unser lieber Großherzog habe in einer Schlacht die Franzosen besiegt und sei zur Belohnung dafür vom Kaiser zum König gemacht worden, wie es ihm wohl zu gönnen war, da doch mein Vetter aus München mir erst kurz vorher von fernem König gesprochen hatte; warum sollte also nicht auch unser lieber Großherzoq erst recht ein König werden! Ich wußte zwar wohl, daß kein Krieg war, und daß also auch der tapferste und beste Fürst keine Ge­legenheit hatte zu einer siegreichen Sch ach , aber mein Wunsch war für den Augenblick starker als alle Kritik, und ich war nur froh, einen triftigen Grund für den Jubel meines Herzens gefunden zu Haden. So gelangte ich auf die sogenannte Linken- heimer Straße die heutige Hans-Thoma-Straße und erreichte die Musik, die dem Schlosse zuzog. Die Helme und die großen Blechinstrumente blitzten golden in der Sonne, der Schellenbaum funkelte, I und seine beiden Roßschwänze wehten leise. Der

Nie Stadt der Kindheit.

Von Otto Gmelin

Die Stadt der Kindheit hießKarlsruh". Vieles in der heutigen Stadt Karlsruhe in Baden erinnert daran; aber jene war doch ganz und gar anders^ Sie liegt in einem Lande, das man vergeblich auf der Erde suchen würde. Sie ist nie mehr zu finden.

Seltsame Sehnsucht, Stätten einstigen Erlebens nach Jahren oder Jahrzehnten wiederaufzusuchen, immer gefolgt von derselben selbstverständlichen Entt deckung, daß es jene Stätten nicht mehr gibt, auch da nicht, wo alles geblieben ist, wie es war.

Vor mehreren Jahren, als ich mich einige Towe in' Karlsruhe aufhielt, erlag ich Mer Sehnsucht, nachdem ich ihr oft und lange widerstanden hatte. Ich lieh mir ein Fahrrad, um >n jene M des (Srrrhfmnlbes xu fahren, die wir als Kinder uns MM bevorzugten Tummelplatz °us-r,ehen hatten Es war eine ungewisse, beinahe traurige Fahrt, ^wa? dort draußen stand wirklich noch der Wald: All ein°g°r Müh- sand ich fogar di- Weg-: und doch schien alles verändert, auch wo es ofjenbar un­verändert war. Ich wartete immer aus eine ganz bestimmte Stelle, aus eine kleine Bodenerhebung mit einem sehr alten Baum, unter dem emst eine Bank gestanden hatte. Ich sand weder Hügel, noch Zaum, noch Bank. Ich verbiß mich aber,,n m°.n Gedanken, das Verlorene zu sinden. Ich fuhr ein Stück zurück, kehrte um, suhr kreuz und guer st-llt- mein Fahrrad ab und suchte, zu Fuß durch den Wald streichend. Di- Sonne Ä^n durch das Blat- terdach von jenseits der Straße klang der Schlag von Holzfällern. Ich irrte durch r° chelndes Laub: drüben hinter den Büschen sammelte -in Mädchen dürre Aeste in einen Sack. Ich suchte eine gute stunde Ich fand die Bodenerhebung Nicht den Baum nichtz die Bank nicht. Und plötzlich, a s?d) entmutigt flü meinem Fahrrad Zuruckgmg purte 1» es wie ein trauriges Glück, daß ich nichts ge-

^77dvr7den Kttfernwald und durch di- lang- 6ÄS. «Ä

nF SSä ä s llnghlft träumerischen Rücksahrt, nun erst kam sie

brauche.

Etwa zur gleichen Zeit wurde die Kolonialforde­rung auch amtlich von der Warschauer Regierung übernommen. Anknüpfend an das bekannte Zuge­ständnis des ehemaligen englischen Außenministers Sir Samuel Hoare, der vor dem Unterhaus eine internationale Verständigung über die Verteilung der Rohstof.fgebiete als möglich und notwendig an­erkannte, sprach Oberst B e cf im Warschauer Senat feine Zustimmung für diesen Plan aus. Nunmehr ist Polen für seine in Genf vorgebrachte Forde­rung, dem Mandatsausschuß der Liga beizutreten, noch einen Schritt weitergegangen. Bei der diplo­matischen Geschicklichkeit, die dem polnischen Außen­minister eigen ist, ist anzunehmen, daß die neue Aktion, sorgfältig und gründlich vorbereitet, schließ­lich auch zum Erfolge führen wird.

Das angeschnittene Problem bedarf in Polen tatsächlich dringend einer Lösung. Man ist in War­schau überzeugt, daß die Ueberoölferung auf dem Lande so stark ist, daß sie auch durch eine großzügige innere Kolonisation allem E gehoben werben tann. | ^lt mit großem" Eifer ge