Gießener Stadiiheater.
Leo Lenz und W.W.Goetze: „Schwarze Husaren."
Leo Lenz, durch eine Reihe von Lustspielen seit Jahren bekannt, erzählt im Programmheft eine französische Kriegserinnerung aus dem Jahre 1917: wie ihm bei einem unfreiwilligen Aufenthalt in Dalenciennes an einem verregneten Oktobertag die Idee zu einem Theaterstück kam; daraus entstand, sehr viel später, das Lustspiel „Totenkopfhusaren". Aus diesem Lustspiel wurde, in neuerlicher Verwandlung, die Operette von W. W. G o e tz e.
Das heißt: es ist eigentlich ein kleines Lustspiel mit etwas Musik, mit Gesang und Tanz geblieben. Das Ganze hat jedenfalls, für durchschnittliche Operettenverhältnisse, eine bemerkenswert vernünftige, übersichtliche und vor allem erfreulich dezente Handlung, die ohne nennenswerte Schwierigkeiten über den Mittelakt hinausreicht und ohne halsbrecherische Kunststücke und haarsträubende Verlegenheiten mit einem passablen, leicht gefühlvollen Ausklang unter Dach und Fach kommt.
♦
Das Stück spielt in den Befreiungskriegen und schildert, wie die Prinzessin Marieluise, die Braut des nach England geflohenen Herzogs von Braunschweig, auf Befehl Napoleons, der in selbstherrlichen Heiratsprojekten eine eigensinnige, vor radikalen Eingriffen nicht zurückschreckende Beharrlich, feit an den Tag zu legen liebte, von einem kaiserlichen General nach Magdeburg eskorttert wird, um dort kurzerhand mit einem dazu ausersehenen polnischen Fürsten Potovski vermählt zu werden. Zwei Offiziere vom braunschweigischen Regiment des Herzogs finden indessen willkommenen Anlaß zu einem verwegenen Husarenstückchen: sie überrumpeln den Polen, tauchen verkleidet im Magdeburger Gouoerneurspalais auf und entführen mit einem kecken Handstreich die bräutliche Prinzeß samt ihrer niedlichen Zofe.
♦
Der dritte Akt dient der allerdings nicht gerade dramattfchen Rekapitulatton des Entführungsabenteuers, wird aber durch allerlei Episoden belebt. Auch hat sich die Prinzeß mittlerweile in ihren Retter verliebt, und die Ueberfahrt über den Kanal wird beinahe in zwölfter Stunde in Frage gestellt. Doch besinnt sich Marieluise auf Zureden ihrer Gefährtin auf ihre Pflichten, und da sich auch in Moskau inzwischen das Blatt gewendet hat, sehen die beiden schwarzen Reiter sich bald neuen, minder galanten Aufgaben in einem preußischen Korps gegenüber.
Unter kriegerischen Klängen nehmen sie Abschied und reiten davon. Der Marschrhythmus, mit dem das Stück recht stimmunasvoll ausklingt, führt zugleich mustkalich an den Ausgangspunkt zurück: die Vertonung W. W. G o e tz e s beschränkte sich im wesentlichen auf eine mit bescheidenen Mitteln erzielte Untermalung des Handlungsablaufes, fand aber auch für die gefühlvolleren und die Operetten- haft heiteren Partien eine angemessene Instrumentierung.
Kapellmeister Ernst Bräuer am Pult bemühte sich nach Kräften, dem Werkchen auch musikalisch zu gerechter Geltung zu verhelfen und führte frisch und unbeschwert Orchester und Ensemble. Immerhin ging der bestimmende Eindruck des Abends von der Lustspielhandlung aus. Intendant Schultze- Griesheim hatte die Operette persönlich inszeniert und eine gepflegte, wohltuend dezente Aufführung herausgebracht, die sich von gewissen Libretto- deutlichkeiten und Uebertreibungen fernhielt und, von den Bühnenbild-Entwürfen (Herr Löffler) unterstützt, der Biedermeier-Einkleidung sttmmungs- oolle, empfindsame und heitere Wirkungen abgewann. Die Tanzeinlagen (Therry Schultheis) zeichneten sich teilweise durch erstaunliche Abgänge aus.
♦
Die Prinzeß wurde von Maria Perry auf der Mitte zwischen Koketterie und Sentiment (von einigen Textunebenheiten abgesehen) recht glaubwürdig gespielt und erwies sich gesanglich in einem zärtlichen Liebeslied des Mittelaktes am ergiebigsten. Erich B o d a r t erschien als Rittmeister von Hochberg a. G. und hatte für die Partie eine bühnengerechte Erscheinung und ein angenehm frisches Organ einzusetzen. Die darstellerisch belebteste und dankbarste Figur im kleinen Ensemble war die von Fräulein H e n ck e l l mit Humor und spritzigem Temperament ausgestattete Freundin und Liebhaberin Brigitte. Auch Herr Lindt als jun- ger Leutnant war mit unbekümmerter Selbstsicherheit und trocknem Witz, beweglich und tanzfreudig, in bester Form.
*
Herr Hub als französischer Korporal hatte seit langem wieder was zu fingen und erzielte mit verblüffendem Uebergang vom gebrochenen Hoch- deutsch ins heimatlich Oberhessische herzhafte Heiterkeitserfolge. In kleineren Aufgaben leisteten die Herren Bley, Lüpke, Nieren, Volck und Schorn Erfreuliches.
*
Das Haus war stark besetzt und sehr beifallsfreudig. Zum Schluß mußte mit den Hauptbeteiligten auch der Intendant erscheinen. hth.
Frühling auf Schleichwegen.
Eine Geschichte von Peter Mattheus.
An einem dieser schönen Tage, als mir die Sonne gar zu verlockend ins Fenster schien, hieb ich kurzerhand den Deckel auf meine Schreibmaschine, setzte mich in einen Autobus und fuhr hinaus. Ich fand irgendwo da draußen eine Wiese, auf der Frühlingsblumen bluten und legte mich hin. Und dann muß ich wohl ein bißchen eingeschlafen sein.
Als ich erwachte, bemerkte ich einige Schritte entfernt hinter einer Hügelwelle ein gelbes Büschel, das mir der Farbe nach durchaus nicht in die Gegend zu paffen schien. Was konnte das sein? Ich zerbrach mir vergeblich den Kopf. Wahrscheinlich war ich auch noch etwas verschlafen. Vorjähriges verdorrtes Gras, dachte ich, sieht anders aus. Und frisches sprießendes Gras überhaupt ganz anders. Gelb? Gut. Ich lasse mir ja einiges gefallen. Aber so gelb —?
Während ich noch grübelte, bewegte sich das Büschel plötzlich und schob sich ein wenig in die Höhe. Es erwies sich als ein ziemlich wirrer Haarschopf über einer zweifelhaft sauberen Stirn und zwei blanken Augen, die mich neugierig, wachsam und mit einem Schimmer von Blutdurst musterten.
„Hu...", machte ich erschrocken und setzte mich auf. In der gleichen Sekunde sprang auch der Besitzer des Haarschopfes auf die Füße. Es war ein zehnjähriger Junge, der einen mit bunten Federn verzierten Gürtel trug und damit andeutete, daß er augenblicklich den Komantfchen, Apatschen, Sioux oder Chippeway-Jndianern angehörte.
„Uff! Schunke-Schetscha ist ein großer Krieger", sagte ich prompt.
Ein verständnisinniges, wenn auch verlegenes Grienen zog über sein Gesicht. „Och — haben Sie auch Karl May gelesen?" fragte er.
„Allemal", sagte ich fröhlich.
Er sah mich ein Weilchen nachdenklich an. Dann kehrte der alte Blutdurst in feine Züge zurück. Er rückte, ein hölzernes Dolchmesser schwingend, gegen mich vor und erklärte: „Jetzt werden Sie skalpiert."
„Ach nein — bitte nicht!" sagte ich rasch. „Skalpieren ist mir unsympathisch. Könntest du dir nicht eine andere Todesart aussuchen?"
Er blieb stehen und sah mich wiederum eine Weile nachdenklich an. Allmählich schienen die Gedanken hinter seiner Stirn festere Form anzunehmen. Plötzlich wandte er sich halb ab und winkte zu einer Buschgruppe hinüber. „Bring den Speer!" brüllte er.
Es war immerhin ein umgänglicher Indianer, der auf die Wünsche seiner Opfer Rücksicht nahm.
Aus den Büschen tauchte ein zweiter Komantsche,
Staat und Schule inIapan.
Die Doktorarbeit eines Japaners an der Universität Gießen. Don Rudolf Weise.
Dr. Komao M u r a k a m i hat ein aufschlußreiches Werk über das japanische Erziehungswesen veröffentlicht, dem eine Inauguraldissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Universität Gießen zugrundeliegt. Das nun vorliegende Buch Murakamis geht inhaltlich über das eigentliche Erziehungswesen Japans hinaus und umschließt gleichzeitig Entwicklung und Stand des japanischen Bil- dungs- und Schulwesens. Das Japanisch-Deutsche Kulturinstitut Tokyo, und besonders Dr. W. G u n - d e r t im Vorstand dieses Instituts, können sich die Herausgabe dieses Buches als Verdienst anrechnen.
Dem gesamten Erziehungswesen liegt die Verordnung des Kaisers Meist — „Kaiserliches Reskript über die Erziehung" — aus dem Jahre 1890 zugrunde, das nicht nur die Entstehungsgründe des japanischen Staatsgebildes, sondern auch das hiervon abgeleitete, durch Ueberlieferung für den Japaner geheiligte Verhältnis zwischen Herrscher und Untertan erklärt. Auf diesem Verhältnis beruhen die Nationaltugenden des Japaners, die der Erziehung ihre grundsätzliche Richtung geben. Das Reskript ist als Abschluß jahelanger Kämpfe zwischen der konservattven Richtung (Verteidigung und Wahrung der einheimischen Kultur in Anlehnuna an die Staatsidee des deutschen Nationalismus) und den fortschrittlich Gesinnten (Verfechter der freien Rechte des Volkes in Anlehnung an die Ideen der französischen Revolution) zu betrachten, die um die geistigen Wissensschätze der abendländischen Kultur, dessen Aufnahme ohne jeden Uebergang erfolgte, geführt werden. So zum Beispiel verlangten extreme Fortschrittler, daß mit der Ueberlieferung in Kleidung, Nahrung und Wohnung gebrochen werde und die englische Sprache als Muttersprache einzuführen fei. Das Kaiserliche Reskript, das auf den Urboden der japanischen Staatsidee zurückführt, verdient wegen seines hohen sittlichen Gehalts in feinem wesentlichsten Teile wiedergegeben zu werden.
„... Liebet und ehret denn eure Eltern, seid ergeben euren Geschwistern, seid einig als Gatte und Gattin, und treu als Freund dem Freunde! Haltet auf bescheidene Mäßigung für euch selbst, euer Wohlwollen erstrecke sich auf Alle! Pfleget des Wissens und übet die Künste, auf daß ihr eure Kenntnisse und Fertigkeiten entwickelt und eure sittlichen Kräfte vervollkommnet! Bestrebet euch ferner, das öffentliche Wohl und das Allgemeininteresse zu fördern! Achtet die Reichsoerfassuna und befolget die Gesetze des Landes! Sollte es je sich nötig erweisen, so opfert euch tapfer für das Vaterland auf! Erhaltet und mehret also das Gedeihen Unserer wie Himmel und Erde ewig dauernden Dynastie ..."
Das japanische Schulwesen als Träger der Staatsidee gliedert sich in Volksschule (Shogakku- Kleinschule), Mittelschule für Knaben und Mädchen (Kotogakko, etwa Obergymnasium) und Hochschulen und Universitäten (Daigakku). Jeder Japaner ist schulpflichtig. Mit dem vollendeten siebenten Lebensjahre tritt das Kind bis zum vollendeten 13. Jahre in die Volksschule, nachdem es, besonders in den Städten, vorher einige Jahre in Kindergärten (Poshiin, das heißt Anstalt für die Kleinsten) verbracht hat. In den meisten Volksschulen ist ein höherer Kursus (zwei Jahre) als Vorbereitung für den Uebergang in die Mittelschule eingerichtet. Für diejenigen Kinder, die keine weitere Schule besuchen, sieht dieser Kurs eine Anleitung für die „Lebenspraxis" vor (Haushalt, einfache Buchführung usw.) Für die kommenden Mittelschüler wird außerdem Unterricht in den ersten Anfängen der englischen Sprache erteilt.
Die Mittelschule, getrennt nach Knaben und Mädchen, kann nur durch ein besonderes Examen erreicht werden, wie denn Zwischen- ober Abschlußprüfungen für einzelne Lehrgänge ober bie nächsthöhere Schule im japanischen Erziehungswesen eine
bebeutenbe Rolle spielen unb ben „Aufstieg der Begabten" zum Grundsatz erheben. Wissenshunger und Lernbegier des japanischen Schulkindes führen zu schärfstem Wettstreit in den Prüfungen. Für die Altersklassen der Mittelschule vom vollendeten 13. bis zum vollendeten 18. Lebensjahre sind außerdem für Knaben und Mädchen besondere Fachschulen für Handelslehre (Shogyogakku), Technik (Kogyogakku) und Landwirtschaft (Nagyogakku) eingerichtet. Sie dienen der fachlichen Ausbildung für diejenigen Kinder, die nach Absolvierung der Mittelschule in den Haushalt ober in bie praktischen Berufe übergehen.
Die höhere Schule bient ber Vorbereitung für bie Universität, bas heißt also, baß nur biejenigen Schüler zu ben Hochschulen zugelassen werben, die im Abschlußexamen Eignung für das Universitätsstudium erkennen lassen. Man könnte diese Schule etwa mit den Seminaren eines Obergymnasiums vergleichen, der der Schüler bis zum vollendeten 20. Lebensjahr angehört. Diese Kotogakku (staatlich oder privat) ist eine van der Universität unabhängige Schule; ein besonderer Vorbereitungskursus (Pokwa) ist jedoch schon jetzt einer bestimmten Universität angegliedert.
Für diejenigen Mittelschüler, die sich ohne Univer- sitätsstudium weiter fachlich ausbilden wollen, bestehen die sogenannten höheren Fachschulen (Sem- mongakku) für Medizin, Zahnheilkunde, Pharmazie, Technik, Landwirtschaft, Handel, Fremdsprachen,
Er war ein richtiger Junge, immer bereit, Un- inn zu machen und zu lachen, sehr beliebt bei einen Kameraden, die mit ihm in Cambridge studierten. Kind sehr reicher Eltern, lebte er sorglos unb verwöhnt in ben Tag hinein. Ein bißchen spielerisch träumte er in bie Zukunft. Welchen Beruf würbe er — auf Erwerb nicht angewiesen — wählen? Er schien sich nicht gern anzustrengen, hatte fein ausgesprochen sportliches Interesse, nur schwimmen konnte er gut. Manchmal war er sehr in Gebauten versunken, ging etwas schlacksig, bie Hände in den Hosentaschen, umher, der Blick seiner Augen war ernst. Von seinen Kameraden aus diesen Träumereien erweckt, verbarg er fast erschreckt den Ernst seines Wesens unter irgendeinem raschen Scherz. Er hätte ihnen doch nicht erklären können, was ihn beschäftigte. Er wußte selbst noch nicht, wohin ihn diese Sehnsucht führte, die er beunruhigend empfand und bie ihn fortzog aus bem gesicherten Leben der Heimat.
*
Dann kam bas Jahr 1925. Er war krank gewesen unb konnte nicht ftubieren. Um sich zu zerstreuen, hörte er die Vorträge, welche Priestley, Teilnehmer der antarktischen Expeditton unter Scott und Shakleton, in Cambridge hielt. Der Junge saß dabei, Hände in den Hosentaschen und blinzelte zwischen halbgeschlossenen Lidern zu dem Vortragenden hinüber. Plötzlich aber kam Glanz in seine hellblauen Augen, er öffnete sie weit, sie wurden dunkel vor Begeisterung. Beim Nachhausegehen wandte er sich an ben Freund, der ihn begleitet hatte: „Ich denke, das beste ist, wir gehen in die Arktis", sagte er lachend. Sein Freund hielt es für einen Scherz. Sechs Jahre später stand derselbe schmalschultrige, junge Mann, sehr elegant gekleidet, sehr jungenhaft aussehend, vor seinem König im Buckingham-Palast. Er hatte drei Polar- Expeditionen, die erste mit 21 Jahren, geführt. Er war Mitglied der Geographischen Gesellschaft, obwohl er noch nicht das für diese vorgeschriebene Alter hatte. Als Führer der größten brittsch-arktt-
Musik, Jura, Politik, Volkswirtschaftslehre, Pädagogik usw. Die Studienzeit beträgt etwa drei bis vier Jahre, unb man kann etwa von einem ab- aekürzten Unioerfitätsfiubium für mittlere unb höhere Beamte ober Angestellte ober freie Berufe, jeboch ohne Erlangung akabemischer Grabe, sprechen.
Das Studium auf Universitäten unb Hochschulen (Daigakku) bauert vorn 20. bis 23. ober 24. Lebensjahre, je nach Fakultät ober Universität. Man muß kaiserliche, staatliche, öffentliche unb private Universitäten unterscheiben. Die privaten Universitäten, wie Waseba, Keijo, Meiji, Hosei usw. finb jetzt hinsichtlich Lehrplan unb Promovierung ben staatlichen Hochschulen vollkommen gleichberechtigt. Allerbings marschiert bie Kaiserliche Universität Tokyo an erster Stelle, unb man kann annehmen, baß Diplomaten, hohe Beamte usw. auf biefen Universitäten ftubiert haben. Der Lehrgang aller Schulen wirb in brei Semester eingeteilt: Frühlings-, Herbst- unb Wintersemester. Die verhältnismäßig langen Ferien fallen in bie Sommerzeit. Am Abschluß jebes Semesters sind, mit Ausnahme der Universität, Prüfungen abzulegen; die Prüfung noch dem dritten Semester entscheidet über bas Fortkommen des Schülers unb sorgt für eine ftänbige Auswahl ber für bie höheren Klaffen ober Schulen geeigneten Schüler.
Am Abschluß bes Universitätsstubiums steht bas Gakushi unb Hakase ober (Hakushi). Gakushi entspricht etwa bem beutschen Doktorgrad, währenb Hakase etwa bem beutschen Professor gleichkommt. Ein Gakushi kann sich ohne weiteres habilitieren, sofern er von einer Universität berufen wird. Zur Erlangung des Hakasegrades muß der Gakushi besondere Leistungen aufweisen, wie zum Beispiel wissenschaftliche Arbeiten. Die Medizin machte eine Ausnahme, weil der Andrang besonders stark ist.
schen Expeditton bes Jahrhunderts hatte er die Polar-Medaille erhalten, die seit 50 Jahren nicht mehr verliehen worden war. Dieser zarte Junge hatte 600 Seemeilen in schmalen, offenen Boot von Westgrönland zurückgelegt.
*
Gleich nach dem Abend, als Gino Watkins — so ist sein Name — den Vortrag Priestleys gehört hatte, setzte er sich mit Wordie in Verbindung, Mitglied der Shakleton-Expeditton, der jetzt eine neue plante. Wordie versprach dem Jungen, ihn in zwei Jahren mit nach Grönland zu nehmen. Gino begann sich nun sehr zielbewußt auf diese Expedition hin zu trainieren. Er wurde ein erstklassiger Skiläufer und Bergsteiger, er wurde Flieger und lernte mit einem Flugzeug umgehen. Er war mit Energien geladen und konnte gar nicht genug in diesen vorbereitenden Hebungen tun. „Zum Spaß" kletterte er auf den Kirchturm von Salisbury, konnte aber wegen strömenden Regens nicht ganz bis zur obersten Spitze gelangen. Er schlief im strengsten Winter unbekleidet am weit geöffneten Fenster. Er übte sich in „Polar-Ratto- nen" unb hielt sich an eine Diät, die zum größten Teil aus reinem Fett bestand. Selbst wenn er ein» geloben war, machte er keine Ausnahme unb brachte fein fettes Mahl in einem Lederbeutel mit.
♦
Er gab niemals nach. Als Wordies Expeditton 1927 nicht zustande kam, entschloß er sich sofort, eine eigene einzurichten und selbst zu führen. Er fuhr dann mit acht ausgebildeten Leuten in einem norwegischen Segelschiff, bas er gechartert hatte, los. Er, ber Anführer, der Jüngste von allen. Aber die ältesten Leute ordneten sich ihm gern unter. Er wirkte durch sein Beispiel, durch die frohe Art, mit ber er alle Hindernisse spielend nahm und für sich jedesmal die schwerste Aufgabe wählte. Er wollte nie „Herr" fein, er wurde wütend, wenn ihn jemand anders als Gino anrebete. Von einer feiner Expeditionen nach London zurückgekehrt, sollte er einen Vortrag in der „Geographischen Gesellschaft"
hatten. „Er sah aus wie ein Sechzehnjähriger, wie er da zwischen all ben alten Gelehrten stand", schreibt seine Mutter, „er erschien blaß und aufgeregt auf bem Rednerpult. Entschieden leitete er lieber eine gefahrvolle Arktis-Expedition, anstatt Reden zu halten und öffentlich gefeiert zu werden."
Kurz vor seiner Abreise nach Labrador verlor Gino seine Mutter, an der er leidenschaftlich hing, und die ihn in seinen Bestrebungen so gut verstanden hatte. Sein Schmerz war so groß, daß er daran dachte, den Plan aufzugeben. Woran sollte er sich erinnern, wenn er in ben Eisbergen ber Arktis faß, woran sich erwärmen, wenn bas Licht in seiner Mutter Zimmer nicht mehr brannte unb sie ihn nicht mit mütterlichem Stolz zurückerwartete und zurückrief mit ihrer Sorge und Sehnsucht. Aber er gab der Stimmung nicht nach, schon um seiner Leute willen.
*
Von den nächsten fünf Jahren verbrachte er drei in ber Arktis. Ginos Unternehmungslust unb Lebenswille waren wieder mit aller Kraft erwacht. Er war voller Eifer, neue Entdeckungen zu machen. Dazwischen plante er eine Expedition durch Abessinien an die Nilque11en. Er wollte dort in selbsterfundenen flachen Metallbooten den Zufluß des Wassers überwachen und berechnen, um Möglichkeiten für einen neuen Deichbau zu bestimmen. Diese Projekte ließ er fallen, ein anderes beschäftigte ihn mehr: die Vermessung des grönländischen Eiskaps, um die Möglichkeit eines Luftverkehrs von England nach der Westküste Amerikas über Grönland, Baffinsbai, Hudfonbai und Edmonton festzustellen. Mit 23 Jahren war er der Führer der britisch-arktischen Luftfahrtexpeditton. Bei dieser gelang es ihm, einem anderen Polarforscher, Courtald, das Leben zu retten, ber einen ganzen Winter auf bem Eiskap zugebracht hatte. Ruch England zurückgekehrt wird er mit Ehren überhäuft, an denen ihm so wenig gelegen ist.
*
Er hat kaum den Heimatboden unter den Füßen, als er schon zu einer meteorologischen Forschungsreise in die Arktis rüstet. Gino verlobt sich mit einer Fliegerin Margaret Graham, kühn, lebensvoll, warmherzig wie er selbst. Sie begleitet ihn vor seiner Abreise nach Kopenhagen. Dort nehmen sie Abschied. Schmal, blond, jungenhaft steht Gino cm Bord des Schiffes, das ihn nach Norden führt, und sieht zu seiner Braut herüber. Die Trennung wird ihm schwer und doch ruft ihn die Ferne. Dieses Mal aber wird er nicht wiederkommen. Im Museum ber Geographischen Gesellschaft steht ein Kajak, ein Eskimoboot, es ist das Gino Watkins. Es wurde von seinen Kameraden leer und leck neben einem Eisberg gefunden. Von Gino keine Spur...
25 Jahre alt, war er fyinübergegangen, erfüllt von neuen Plänen. Jetzt ist ein großes Buch „Gino Watttns" von I. M. Scott in London erschienen mit einer Schilderung des Lebens dieses jugendlichen Polarforschers, von bem der Präsident der Englischen Geographischen Gesellschaft schrieb: „Er Englischen Grvgraphischen Gesellschaft schrieb: „Er
Große Strafkammer Gießen.
Ein Mann aus einem Orte in Oberhessen entwendete fortgesetzt kleinere Beträge aus ber ihm anvertrauten Portokasse, um auf biese Weise seine Einnahmen zu erhöhen. In Anbetracht seines Geständnisses unb ber Tatsache, baß bie Beträge ersetzt finb, erkannte bas Gericht auf 10 Monate Gefängnis unb 180 Mark ©clbftrafc.
Unter Ausschluß ber Öffentlichkeit befaßte sich bas Gericht mit bem H. Sch. aus Robgen, Kreis Friedberg, unb ben Eheleuten Jakob aus Bad- Nauheim wegen Sittlichkeitsverbrechens bzw. Kuppelei. Währenb Sch. freigesprochen wurde, erhielt ber Ehemann Jakob 1 Jahr Zuchthaus unb bie Ehefrau 3 Monate Gefängnis. Dem Ehemann Jakob würben bie bürgerlichen Ehrenrechte auf bie Dauer von brei Jahren aberkannt.
Apatsche, Sioux ober Chippeway auf. Er trug einen wallenden Kopfputz, kam im Galopp heran und schleifte eine lange Lanze hinter sich her. Jetzt hatte sich die feindliche Macht verdoppelt.
„Sieh da: Kanteh-Pehta persönlich!" sagte ich höflich und verneigte mich. „Es scheint heut hier herum von großen Häuptlingen zu wimmeln."
Der zweite Indianer verzog keine Mene. Er akzeptierte ben berühmten Namen mit ber ernsten Würbe, die die echte Nothaut auszeichnet. Nur bankbar war er nicht. Denn er senkte ohne weiteres den Spieß unb schickte sich an, mich zu durchbohren. Und Schunke-Schetscha folgte ihm mit geschwungenem Dolch.
Es war ein peinlicher Augenblick. Niemand läßt sich gerne speeren und skalpieren. Ich wußte mir keinen rechten Rat unb lächelte hilflos.
Unbewußt schien ich bas Richtige getroffen zu haben. Die beiden hielten inne und sahen mich vorwurfsvoll an. „Haben Sie denn gar keine Angst?" fragte ber eine.
„Oh boch — grausliche", sagte ich rasch. „Wie wäre es benn mit Lösegelb?"
Die beiben stutzten unb sahen diesmal sich an. Ich gebe zu, daß es ein Formfehler war. Lösegelb gehört natürlich in bie Abteilung „(Seeräuber' unb nicht in die Abteilung „Indianer". Aber was soll man tun, wenn einem bas Wasser bis zum Halse steht und Speer unb Skalpmesser bas liebe Leben bedrohen!
Ich zückte also einen Groschen und sagte: „Nun —"
„Hm", machten beide unb starrten unschlüssig bas Geldstück an.
„Hört mal", fuhr ich fort, „ihr könnt euch ja zu einer Beratung zurückziehen — aber ohne Lagerfeuer möglichst, weil ich nämlich bis heute abend wieder zu Hause sein muß. Und ohne Friedenspfeife, wenn wir einig werden — aus naheliegenden Gründen. Also —?"
Es ging ohne jede Beratung. Es schien nicht einmal eine Meinungsverschiedenheit zu geben. Schunke- Schetscha mit dem Dolch streckte einfach die Hand aus und sagte: „Geben Sie her!"
Der Groschen wechselte hinüber in Finger, die keineswegs rot, sondern eher schwärzlich waren. Dann machten beide Indianer kehrt unb trabten ohne Gruß bavon. Nach fünfzig Schritten jeboch blieben sie noch einmal stehen und brüllten im Chor zurück: „Wir danken auch schön!"
Es waren nicht nur umgängliche, sondern auch sehr wohlerzogene Indianer.
Dann verschwanden sie endgültig. Ihr Blutdurit schien vollkommen gesttllt zu fein. Sie machten einen glücklichen Eindruck. Und auch ich war ganz zufrieden. Ein Groschen ist nicht viel. Schon gar nicht, wenn es sich um den eigenen Skalp handelt.
„Wir gehen in die Arktis..."
Glück und Ende des englischen Polarforschers Gino Watkins.


