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Nr. 90 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Dienstag, 28. April (036

Italiens Kronprinzessin in Ost-Afrika.

Die italienische Kronprinzessin Fürstin von Piemont, die sich als Krankenschwester ausbilden ließ, traf in Jtalienisch-Ostafrika ein, wo sie feierlich begrüßt wurde. Kinder der italienischen Kolonie über­reichten der Kronprinzessin Blumensträuße. Sie besuchte dann die Verwundeten in den Lazaretten von Massaua und Asmara. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Italiens sozialer Aufbau.

Zum Besuch des italienischen Landwirtschastsministers in Berlin.

Einer der engsten Mitarbeiter Mussolinis, der italienische Landwirtschaftsminister Edmondo R o s f o n i, wird am morgigen Mittwoch in Ber­lin einen Vortrag über die neue korporative Wirt­schaft Italiens halten, am deutschen Nationalfeier­tag teilnehmen und sich mit den sozialen und wirt­schaftlichen Grundlagen der Fortschritte befassen, die Deutschland unter dem Nationalsozialismus erlebte. Bei aller Verschiedenheit der Staatsoerfassungen denn das ist die Erkenntnis des Nationalsozialismus und des Faschismus, daß jede Nation sich die Ver­fassung nach ihrer Artveranlagung gibt ist doch die Ueberwindung des Individualismus als herr­schende Macht durch die autoritären Systeme das­jenige, was die beiden Verfassungen Deutschlands und Italiens gemeinsam haben. Während in Ita­lien sich auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet jedoch die Staatsautorität restlos einschaltet, ist in Deutschland bei einem ganz anders gestalteten Wirt­schafts- und sozialen Leben der Privatinitiative und der Freiheit des Arbeiters ein größerer Spielraum gelassen worden. Das römische System ist der Zen­tralismus ohne Ausnahme. Italien ist jetzt in po­litischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht ein zentraler Staat. Deutschland ist dagegen ein Ein­heitsstaat, der aus der Vielheit der Verhältnisse ent­standen ist und seine, diese Herkunft, weder in po­litischer, noch wirtschaftlicher noch kultureller Hin­sicht verleugnet.

Im Jahre 1932 schrieb Mussolini einen Aufsatz über die politische und soziale Doktrin des Faschis­mus für die italienische Enzyklopädie, in dem er den Faschismus und seine Terminologie nicht her­leitet vom Marxismus, sondern von der Gruppe der italienischen Syndikalisten, wie Olivetti, Orano und Enrico Leone. Dieser Syndikalismus war par­lamentsfeindlich, wollte die Wirtschaft in Gruppen zusammenfassen, also in eine Art von Korporatio­

nen, und Mussolini wies darauf hin, daß schon am ersten Tage des faschistischen Marsches auf Rom, im Jahre 1923, das WortKorporation" erklang, das im Laufe der Revolution eine der grundlegend­sten gesetzlichen und sozialen Schöpfungen der Herrschaft bezeichnen sollte. Damals sagte Mussolini: Wenn das Bürgertum glaubt, in uns Blitzableiter zu finden, so täuscht es sich. Wir müssen der Ar­beit entgegengehen. Wir wollen die Arbeiterklassen an leitende Fähigkeiten gewöhnen, auch um sie da­von zu überzeugen, daß es nicht leicht ist, einen Handel oder eine Industrie vorwärts zu brin­gen ... Wir wollen eine unmittelbare Vertretung der Interessen. Ich möchte daher, daß die Versamm­lung in der Mussolini damals sprach die For­derungen des nationalen Syndikalismus vom wirt­schaftlichen Standpunkt aus annehme." Im Laufe der Zeit ist nun dieser korporative Gedanke schärfer herausgearbeitet und vervollkommnet worden. Die eigentlichen Korporationen, die den korporativen Staat bilden, sind im Vorjahre endgültig ins Leben gerufen worden und haben die alten Formen rest­los beseitigt. Der Nationalrat der Korporationen ist die gesetzgebende Körperschaft im Königreich, er hat Einfluß auf die Erzeugung sachlicher und geisti­ger Werte aller Kreise des Landes, und zwar aus­schlaggebenden. Der Gedanke, der den Korporatio­nen zugrunde liegt, ist die Ausschaltung des Klassen­kampfes durch Zusammenarbeit. Das sagt der Be­griff cooperazione. Aber die Korporationen selbst haben nur ein Kontrollrecht und überwachen die Regelung des Arbeitsmarktes, ferner ordnen sie die Regelung der Gütererzeugung und ihrer Bedingung. Die bisherigen Syndikate, die ihnen übergeordne­ten Föderationen und Konföderationen haben sich nach ihrer Erprobung in die Korporationen urn- aewandelt, die gemeinsam beraten und gemeinsam Beschlüsse fassen. An und für sich ist jede der 22

Produzentengruppen der Gesamtleitung, die durch Mussolini repräsentiert wird, unterstellt. Die 22 Korporationen bilden mit ihren 823 Vertretern die neue Organisation, die hauptsächlich begutachtende und beratende Tätigkeit ausübt. Jeoe einzelne von diesen 22 Gruppen setzt sich zusammen aus drei vom Faschismus ernannten Parteimitgliedern, von denen eines Vizepräsident der Korporationen ist; ferner sind Unternehmer und Arbeiter, die von ihren syndikalen Verbänden entsandt werden, paritätisch vertreten, dazu kommen Vertreter der faschistischen Genossenschaftsverbände und technische Experten. Die 22 Korporationen sind eingeteilt in die drei gro­ßen Gruppen der Landwirtschaft, der Industrie und der Dienstleistungsbetriebe. Der Produktionszyklus der Landwirtschaft und der mit ihr zusammenhän­genden Verarbeitung und des Handels mit land­wirtschaftlichen Erzeugnissen umfaßt 8 Korporatio­nen, der Produktionszweig Industrie mit seinem Handel ebenfalls 8, und schließlich umschließt die Gruppe der Dienstleistungsbetriebe 6 Korporationen, einschließlich der freien Berufe und Künste. Das Handwerk erhielt keine eigene Korporation, es ist in den einzelnen Produktionszweigen durch Vertre­ter an der Entwicklung und Beschlußfassung betei­ligt. Die Korporationen umfaßen also Staat, Kapi­tal, Unternehmer, Arbeiter und Techniker. Heber ihre praktische, soziale und wirtschaftliche Aufgabe gibt es noch manche Grenzstreitigkeiten, die aber an und für sich belanglos sind. Der Kern der korpora­tiven Tätigkeit ist die Selbstdisziplin, die Selbst­regelung des gesamten Ablaufes der Wirtschaft von

der Urproduktion bis zum Verbraucher. Die Korpo­rationen können und müssen die Normen über die wirtschaftlichen Beziehungen der von ihnen vertre­tenen Produktionszweige ausarbeiten und durch­setzen, kurzum, sie sind für die gesamte Wirtschaft die offiziellen Planstellen. Sie regeln Art und Um­fang der Arbeit und sie haben nur eine Grenze, das vorhandene Kapital, das jedoch mitarbeitet, statt daß ihm die alleinige und beherrschende Rolle zugeschrieben wurde. Innerhalb der Korporationen ist Raum für eine wirtschaftliche Anregung bis zu einer straffen Planwirtschaft.

Die Erfolge dieses Systems lassen sich noch nicht absehen, vor allem da der Krieg dazwischen kam, aber immerhin läßt sich soviel sagen, daß durch den Krieg und die Sanktionen die Planwirtschaft sich stark durchsetzte. Und da in jeder Korporation der Staat oder vielmehr der Faschismus vertreten ist, werden der strukturelle Umbau und Standortsverle­gungen der Industrie, z. B. nach dem Süden Ita­liens, durch den Einfluß des Staates gefördert. Soviel läßt sich sagen, daß die Italiener aller Schichten jetzt, statt in Jnteressentenkämpfen zu liegen, einheitlich und zusammengebunden am wirt­schaftlichen und kulturellen Gedeihen der Nation arbeiten. Die Veränderungen in Italien haben be­reits dem ganzen Lande ein bessere? und saubereres Gesicht gegeben, zumal der Arbeiter Italiens jetzt Mitbestimmender der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung nach den Worten Mussolinis geworden ist und sich als solcher fühlt.

Das Wirtshaus des Teufels.

Zur Geschichte der Nobiskrüge.

Wenn auch heute wohl nirgends mehr Nobis- trüge zu finden find, fo ist die Erinnerung an dieseW irtshäuser des Teufel s", in denen die Toten ihre letzte Einkehr halten, ehe sie diese Welt verlassen, noch mancherorts lebendig. Der seltsame Name, den diese Schenken führen, ist, wie Bertha Witt in der im Verlag K. F. Koehler, Leipzig, erscheinenden ZeitschriftGermanien" ausführt, ein mittelalterliches Ueberbleibsel. Seit dem 16. Jahr­hundert taucht das Wort auf, und zwar besonders in Niederdeutschland, in Holland, in der Schweiz und in Tirol; es wird von Luther einmal in den Tischreden gebraucht, verschiedenen mittelalterlichen Schriftstellern ist es bekannt, und in der neueren Dichtung hat man die Sage von den Nobiskrügen mehrfach als Motiv verwandt. Fest steht auch, daß es früher an manchen Orten Wirtshäuser gegeben hat, die diesen Namen führten.

Es handelt sich da in der Regel um abgelegene Schenken, um alte Grenzwirtshäuser Grimm nennt eins in der oldenburgischen Vogtei Ostringien an der alten friesisch-sächsischen Grenze, oder um sagenhaft gewordene Stätten, die einen be­stimmten Zusammenhang mit den alten Nobis­krügen oder doch der ihnen zugrundeliegenden Be­deutung erkennen lassen, wie der alte Naberskrog am Dromling, von dem eine der märkischen Sagen handelt, oder die große Brake, die in einer alten Beschreibung des Herzogtums Oldenburg unter dem Namen Nobiskuhle erwähnt wird, oder der im Lauenburgischen zu findende Obskruger Berg, der feinen Namen ganz augenscheinlich von dem einst dort gelegenen, nun seit langem verschwundenen Obiskrug geerbt hat. Der an dem Grenzübergang von Hamburg nach Altona haftengebliebene Name Nobistor weist ebenfalls auf einen ehemals hier zu finden gewesenen Nobiskrug hin, der, 1526 amtlich erwähnt, im Laufe des Dreißigjährigen Krieges zerstört worden ist. Aus Grimm sieht man, daß angelegene Schenken bei Kiel und bei Münster wohl noch zu seiner Zeit die Bezeichnung Nobiskrug trugen. Bei Rendsburg in Holstein hat ein stark sumpfiges Gehölz feinen Namen von dem alten, einst am Eiderufer gelegenen Nobiskrug ent­lehnt."

Da diese alten Schenken nicht in Verdacht kom­men können, daß sie selbst als Nobiskrüge galten, so darf angenommen werden, daß man ihnen, um

ihrer einsamen Lage, zumeist einer Grenzlage, willen, diese Namen zugelegt hat. Heber die Her­kunft dieser Bezeichnung besteht unter den For­schern keine Übereinstimmende Meinung. Während die einen zu der Annahme neigen, daß das Wort von deutschen Landsknechten aus Italien mitge­bracht worden sei oder daß es sich in seiner älteren Formobis" schon frühzeitig aus dem Lateinischen in unsere Sprache eingeschlichen habe, vertreten andere die Ansicht, daß es auf die deutsche Vorzeit zurückgehe, auf die die ursprünglich den Nobis­krügen anhaftende Bedeutung in der Tat hinweist. Man führt das Wort aufabyffus" Abgrund zurück, andererseits werden aber auch Ableitungen vom holländischenNobisse" Teufel versucht neben anderen Deutungen, von denen der Herleitung aus demora pro nobis (Bete für uns) eine kleine Legende zugrundeliegt.

In Frischs Wörterbuch wird sie folgender­maßen erzählt:Ein Schuster nahe am Tor, wo die Leichen hinausgetragen werden, warf jedesmal ein Steinlein in einen Krug mit den Worten: Ora pro nobis. Endlich wurde er selbst hinausgetragen. Daher das Sprichwort: Er ist im Nobiskrug." Neuere Ausdeutungen gehen auf die deutsche Vor­zeit zurück, so auf das althochdeutscheOpassa", bas mit Vorhalle zu übersetzen ist. Simrock erklärte es ausNörwiskrug" und führte den Urfprung der Nobiskrüge damit bis in die germanische Zeit zu­rück; in christlicher Zeit gelangten sie alsdann in den allem Heidnischen anhaftenden Ruf des Hn- heimlichen und des Teuflischen.

Denn welche Herkunft des seltsamen Wortes man auch oorziehen will", erklärt Bertha Witt zu all diesen Deutungen,der Sinn bleibt wohl in allen Fällen derselbe, deutet immer wieder auf die gleiche Quelle zurück. Wie abysfos die Hölle, wie Nobisse im Holländischen der Teufel, so ist Nörwi oder Narsi ein Sohn Lokis, nach der deutschen Mythologie des Vaters der Nacht. In mittelalter­lichen Zeiten, in denen der Teufel so mächtig in den Gemütern spukte, haben die Nobiskrüge jeden­falls ihre unheimliche Bedeutung angenommen, dem Volksglauben nach Teufelskrüge, die letzte Rast­stätte der Toten auf ihrem Weg ins Jenseits zu sein. Nach Grimm hatten die Nobiskrüge zunächst nicht den Sinn unserer Hölle, sondern nur den der

Alte deutsche Bilderbogen.

Von Julius Kreis.

Unter den vielen großen und kleinen Festen der Kindheit war keins der geringsten, wenn der Buch­binder Hammerl einen neuen Bilderbogen in seinem kleinen Ladl ausgehängt hatte. Wir liefen jeden Tag vier Straßen weit, um die Nase an das Schau­fenster drücken zu können; denn Bilderbogen übten auf die Kinder von damals einen zauberischen Reiz aus.

Diese herrlichen bunten Bilder lockten uns wie Rattenfänger, und kein größeres Glück, als wenn man bei einem Kameraden am Sonntagnachmittag einen Band davon durchblättern durfte. Das Kind von heute, bei dem technische und sportliche Lieb­habereien, Spiele und Interessen vorherrschen, ist vielleicht nicht mehr so restlos gefangen vonBilder­bogen" wie die Kinder einer vergangenen Zeit. Aber nicht nur das Kind, auch der Erwachsene hat seine helle Freude am Bilderbogen. In den Werk­zeugkästen der Gesellen waren sie an die Innen­seite der Tür gestiftelt, und beim Hammer! standen ebensoviel große wie kleine Kinder vor dem neuen Bogen.

Daß der Bilderbogen in den Tagen unserer Großväter und Vorfahren eine Rolle spielte, als die Freude am Sinnfälligen, Bildhaften, Konkreten viel stärker war als heute, ist ganz natürlich. Alle geistigen Stimulantien der Gegenwart:Illustrierte Zeitung", Kino, Magazin usw. fehlten ja völlig. Der Bilderbogen war sozusagen hier Mädchen für alles: unterhaltend, bildend, belehrend, erziehend, vor allem aber: die herrlichste Weide für die schau­lustigen Augen einer Zeit, die durchSensationen nicht überfüttert war, die noch volle Freude und Behagen zu den kleinen und kleinsten Dingen des Lebens standen.

Es ist kein Zufall, daß gerade der deutsche Süden in der Entwicklung des Bilderbogens führend war. Mensch und Landschaft, Leben und Lebensauf­fassung sind im Süden sinnfreudiger, unbeschwerter, bildfroher als im strengeren, rationalistischeren Norden.

In München haben nun fast ein Jahrhundert hindurch die Bilderbogen von Braun und Schneider ihren Weg über Land und Meer in unzählige Häuser gefunden und schon unsere Großeltern ent­zückt. Je weiter wir dem Bilderbogen nachgehen, desto mehr ist er nicht nur eine Angelegenheit der Kinder, sondern ebenso sehr alles in allem Buch, Kino, Theater des naiven bilderfrohen Volkes.

Im 18. Jahrhundert war eine Hochblüte für den deutschen Bilderbogen. Augsburg war der erste Platz für Herstellung und Versand der Bilderbogen. Der fruchtbare Verlag Marttn Engelbrecht versandte Tausende in alle Welt, vornehmlich auch nach Paris. In den Städten Wien, Nürnberg und Mainz erstanden ihm starke Konkurrenten, nicht zuletzt im Norden, in dem brandenburgischen Städtchen Neu­ruppin.

Bildhändler hausierten die Bogen von Haus zu Haus, auf Messen und Dulten wurden sie ausge­boten, Lumpensammler trugen sie als willkommenste Lockvögel für Kinder im Sack. Im Alemannisch- Schwäbischen waren sie alsHolgen" (Heiligen­bilder),Rüstungen" (Soldaten) im Umlauf, im Bayrisch-Oesterreichischen alsMandlbogen".

Bis ins späte 16. Jahrhundert lassen sich die Bilderbogen zurückverfolgen. Holzschnitt, dann Kup­fer- und Stahlstich, im 19. Jahrhundert auch die Lithographie gaben ihre Technik zu den bis ins 19. Jahrhundert hinein handkolorierten Bogen.

Besonders reich war im 18. Jahrhundert der Stoffkreis des deutschen Bilderbogens. Es gibt kein Gebiet menschlichen Lebens, das sie nicht in ihren Bereich gezogen hätten. Sie kamen moralisierend und belehrend, belustigend und erzählend, als Kostüm-Revue, als Sattre, Schlager, Gassenhauer, sie brachten Handwerker und Soldaten, Arbeit und Vergnügen, große Historie und kleines Leben, Volks­brauch, Kinderspiel, Markt, Küche, Keller, fremdes Volk und fremde Welt. Manche dieser Bogen er­scheinen uns heute rührend in ihrer Naivität und ihrem barockisierenden Schwulst.

Aber in allen Bogen steckt für uns eine Fülle von Anschauung über Volksleben und Kultur ihrer Zeit, über ihre Einstellung zur Gesellschaft und Leben, und so sind sie oft viel mehr Boten und Künder vergangener Tage als mancher dickleibige, gelehrte Wälzer.

Besonders dieKlebebogen" des 18. Jahrhun­derts sind kulturhistorisch interessant. Jeder Bogen enthält bis ins kleinste die Gegenstände eines be­stimmten Milieus (Küche, Wohnzimmer, Waschhaus, gute Stube usw.). Diese Einzelbildchen wurden ausgeschnitten und auf selbstgemalte Hintergründe geklebt, sozusagen alsEinrichtung", eine Beschäfti­gung, die Große und Kleine gleichermaßen freute. Hnendlich viel Anschauung und Wissen um die bür­gerliche Kultur des 18. Jahrhunderts kann aus tiefen Boaen geschöpft werden, die heute in den Staatssammlungen wie auch bei privaten Samm­lern in köstlichen Stücken vertreten sind.

Die Bilderbogen des 19. Jahrhunderts mit ihrer Fülle von historischem Bildwerk aus napoleonischer

Zeit, aus der deutschen Romanttk, die Münchner Bogen mit ihren köstlichen Blättern von Schwind, Busch und Oberländer sind ja fast nach in jedem deutschen Bürgerhaus zu finben.

Es ist aber nicht nur ein Blättern in alten deut­schen Bilderbogen, es war ein Blick auf zwei Jahr­hunderte deutschen Lebens, eine Schau auf die Geistes- und Gemütsrichtung breiter Volksschichten, nicht zuletzt ein Bild von der reichen Phantasie, der anspruchslosen Heiterkeit unserer Vordem, so wie sie aus diesen kleinen bunten Boten der Vergangen­heit spricht

Gloria-palast:Artisten "

Harry Piel feiert Jubiläum: dies ist fein hun­dertster Film, und man muß sagen, daß er sich ganz besonders angestrengt hat, um feinen zahlreichen Anhängern eine Freude zu bereiten. Die bunte, bewegte und abenteuerliche Welt der Artisten hat sich von jeher als ein dankbares Motiv auch für den Film erwiesen, und Harry Piel müßte nicht der Mann sein, der er ist, wenn er sich nicht sozu­sagen mit Leib und Seele auf diese Fabel gestürzt hätte, die seiner Eigenart besonders entgegenkom­men mußte. Man darf zugeben, daß er sich feine Sache nicht leicht gemacht hat: man sieht das Leben und Treiben in einem oeritablen Zirkus, in der Manege und in der Kuppel, in den Garderoben und hinter den Kulissen, am Vormittag und am Abend, bei der Probe und bei derArbeit" wäh­rend der Vorstellung, das unstete und vielfach ge­fährdete Dasein der Artisten: beim Auftritt im vollen Scheinwerierlicht, unter Tausenden von er­wartungsvollen Augen und natürlich auch im Privatleben. Gerade dieses Nebeneinander, die Heberschneidung sehr gegensätzlicher Szenenelemente macht ja den eigentlichen Reiz solcher Filme aus und ist von den Herstellern (Drehbuch: Max W. Kimm ich; Regie: Harry Piel) geschickt und mit zweifellos bedeutenden Mitteln ausgenutzt worden. Das Anziehende ist dabei nicht einmal die reine Spielhandlung, welche den typischen Artisten-Kon- il'kt (mit gutem Ausgang) als Zentralmotiv hat; Albers spielte ähnliches in dem FilmVariete". Aber zu dieser Handlung gehört eine regelrechte Vorstellung, und in dieser Vorstellung f)ai Harry Piel selber die glanzvolle Schlußnummer: eine richtige, große, originell zusammengestellte Nummer, die ibn in der Manege und in der Kuppel, nach­einander als Reiter, Dompteur, Trapezsprinaer und Kunstschützen auftteten läßt. Das ist keine Kleinig­keit und schon rein artistisch eine durchaus respek­table Sache. Das Hübscheste ist aber, daß sich Harry

P i e l dabei von seiner liebenswürdigsten Seite zeigen kann: mit den überaus intelligenten Tieren nämlich, die in der Nummer mitwirken; das sind der indische Elefant Jumbo, die Schimmelstute Mira, der drollige upb rührend zutrauliche Schim­panse Phips, die Drahthaarfoxe Pitsch und Bonzo und der Kakadu Lora. Das ist entzückend zu sehen, wie die merkwürdige Gruppe zusammen arbeitet, tadellos übrigens, und wie diese Geschöpfe, mit sichtlicher Liebe betreut, darüber hinaus wirklich mitzuspielen scheinen. Das macht diesen Film er­freulich und ist jedenfalls wertvoller als die ver­schiedenen Sensationen, die auch dazu gehören, und ohne die es bei Harry Piel natürlich nicht ab­geht. Jedenfalls kann er sich sehen lassen mit feinem hundertsten, und wer ihn sieht, wird, so ober so, be­stimmt auf feine Kosten kommen. Außerbem sind beteiligt: Susi Lanner, ein zärtliches kleines Mädchen; Hilde Hildebrandt, eine elegante, aber scheufälige Dame; Hans Junker mann, ein biederer alter Manager aus Schwabenland; Louis Ralph, der einen schwarzen Schuft zu spielen hat und zur Strafe dafür beinah von Jumbo platt­getreten wird. (Beinah; dann nimmt ihn zum Glück die Polizei in Empfang.) Beiprogramm: Fox tönende Wochenschau; ein hübscher Kulturfilm aus Süddeutschland; Vorspann zuHaupt­mann Sorell" nach dem Roman von Warwick Deeping. r

Was alles vergessen wird.

Die Pariser Fundbüros stellen fest, daß die Zahl der vergessenen Regenschirme von 24 000 im Jahre 1934 sich auf 16 000 im Jahre 1935 herabgemindert hat, und glauben, darin ein untrügliches Zeichen der schlechten wirtschaftlichen Lage zu erblicken. Es ist dabei erstaunlich, was in den Listen der Fund­büros alles zum Vorschein kommt. In Nizza um­faßt sie zum Beispiel mehrere falsche Gebisse, einen Esel, eine Leiter, ein Paar Pyjamas! Die Pariser halten zwar ihre Regenschirme fester, lassen dafür aber mehr Handschuhe liegen. 23 000 Paar Handschuhe wanderten im letzten Jahr ins Fundbüro, doch nur ein Holzbein. Zwei Schädel waren auch nur dort zu finden. Anscheinend verlieren weniger Leute ihren Kopf. Merkwürdigerweise verlieren Pariser Schutzleute in der letzten Zeit mehr von ihren weißen Stäben; jedenfalls gelangen mehr davon in die Fundbüros. Sehr viel weniger Spazierstöcke, im Verhältnis zu ihrer Anzahl, werden verloren als Regenschirme. Auf Dutzende von Regenschirmen kommt bloß ein Spazierstock. Auch Tausende von Schlüsselbunden werden jährlich verlost in Paris.