Nr. 23 Zweiter Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)
Dienstag, 28.ZanuarMü
Lin junges Mädchen springt aus dem Freiballon Erlebnisse einer deutschen Ballonführerin und Fallschirm-Pilotin.
Von Käte Paulus.
Käthchen Paulus, wie sie zärtlich genannt wurde, weilt nicht mehr unter uns; im vergangenen Jahre wurde uns die bekannte deutsche Pilotin und Fallschirmab- springerm entrissen. In den nachfolgenden Erinnerungen, die wir dem von Werner von Langsdorfs herausgegebenen Werk „Flieger — und was sie erlebten" mit Genehmigung des Verlages C. Bertelsmann, Gütersloh, entnehmen, steht sie noch einmal in ihrer Tapferkeit und Tatkraft vor uns.
Meine Mutter war mit mir in Wiesbaden zur Kur. Ich ging über die Straße, als mich die Rufe anderer Leute aufschauen ließen. Ein Luftballon trieb da/ aus dem sich plötzlich ein Mensch löste. Er fiel. Mir stockte das Herz, und ich betete für ihn, daß Gott ihn glücklich zur Erde kommen lassen möchte, als die hinter ihm herflatternde Fahne sich zu einer Halbkugel blähte und ihn langsam herabtrug. Mir schlug das Herz. Zum ersten Male hörte ich den Namen Lattermann. Alles sprach von ihm. Ich hatte seinen dritten Fallschirmabsprung gesehen. Es war am 21. Juni 1889.
Ich war ein Mädchen meiner Zeit. Nicht einmal Schlittschuh laufen konnte ich, denn meine Mutter hielt das für ein junges Mädchen für unnötig und aefährlich. Nie hatte ich mich um Luftschiffahrt und Luftschiffer gekümmert. Aber dieser Mann hatte mir großen Eindruck mit seinem Mut gemacht. Ein paar Tage später sagte meine Mutter: „Weißt du auch, Käthchen, wer in dem Tanzsaal da hinten im Garten ist? Das ist der Luftschiffer Lattermann, von dem die Leute alle sprechen! Er bessert seinen Ballon aus!"
Mir stockte einen Augenblick der Atem, dann platzte ich mit der Frage los: „Wie sieht er aus?" Schließlich war ich ja auch eben 19 Jahre alt. — Ich ging natürlich gleich hinunter. Lattermann war mitten in der Arbeit. Die Ballonhülle war zerrissen und mußte zum nächsten Aufstieg geflickt werden. Ich sah den schlichten Mann, der da so sicher hantierte, immer wieder an, weil er doch so viel Mut hatte, und weil ich ihn hatte abspringen sehen. Lattermann merkte, wie mich das alles interessierte. Wir kamen ins Gespräch, und auf einmal fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, einmal mit ihm aufzusteigen. Es durchfuhr mich heiß, und ich antwortete ohne Zögern: „Ja?" Und ob ich etwa auch mal abspringen wollte? „Aber natürlich!" antwortete ich. froh, daß er solches Vertrauen in mich setzte.
Aber es war noch lange nicht so weit. Wir waren längst wieder nach Frankfurt zurückgekehrt, als plötzlich Herr Lattermann bei uns Besuch machte. Und daraus wurde unsere Zusammenarbeit. Ich half bei der Ausbesserung seiner Ballone und Fallschirme, und schließlich baute ich auch alles für ihn. Ich konnte ihm manchen Rat geben, denn Fallschirmbau ist ja eigentlich eine Frauenarbeit. Als er sah, daß ich bis ins allerkleinste genau war, verließ er sich ganz auf mich. Ich schnitt nun Ballon- und Fallschirmhüllen selbst zu, nähte sie sorgfältig zusammen, knüpfte die Netze selbst, aber zum Mitfahren kam ich immer noch nicht. Als Lattermann mich — drei Jahre arbeiteten wir nun schon zusammen — in Wiesbaden aufsteigen lassen wollte, lehnte der Kurdirektor ab. Auch in Sachsen verbot die Behörde die praktische Betätigung einer Dame in der Luftschiffahrt.
Erst Nürnberg brachte 1893 die Erfüllung meines Wunsches. Bis dahin war ich nur einmal mit Lattermann im Fesselballon aufgestiegen, in Frankfurt am Main bei der Elektrischen Ausstellung. Aber im Fesselballon war das doch nur eine halbe Sache. Und wenn er bei seinen Schauflügen mit dem Fallschirm absprang, ließ er den Ballon alleine weiter- flieqen, um ihn häufig stark beschädigt wiederzube-
kommen. Nun hatten sich in Nürnberg Passagiere angemeldet. Lattermann schärfte mir daher ein, nicht merken zu lassen, daß es meine erste Luftfahrt wäre, denn erst nach sechs Fahrten mit einem Führer durfte man damals selbst einen Ballon führen. Er hatte mir außerdem jeden Handgriff gezeigt. Zum Ausgleich des Gewichtsverlustes sollte ich gleich bei seinem Absprung Ventil ziehen. Aber als er nun über den Korbrand stieg und sich in die Tiefe schwang, war ich von alledem so beeindruckt, daß ich vergaß, Ventil zu ziehen. Der Ballon schnellte dadurch sofort von 900 Meter auf etwa 3500 Meter Höhe. Wir waren begeistert; auf einmal aber wies der Passagier erschreckt auf die Ballonhülle, die an mehreren Stellen einriß. „D e r Ballon platzt!" zuckte es mir durch den Kopf. Sofort zog ich kräftig Ventil, mit dem Erfolg, daß wir schnell zu sinken begannen. Schneller sogar, als mir lieb war. Also Ballast heraus, um den Fall abzuschwächen! Aber der Ballon reagierte nicht. Offenbar verlor er durch die Risse in der Hülle zuviel an Gas. Auch unsere Mäntel mußten über Bord, Kognakflaschen und alles irgendwie Entbehrliche. Aber da kam schon die Erde heran, und gleich darauf prasselten wir in ein Hopfenfeld. Die Hülle ging noch mehr in Fetzen. Ich schlug mir den Schädel blutig. Aber was tat das alles gegenüber dem stolzen Bewußtsein, daß im großen ganzen doch die Sache geklappt hatte. Der Passagier war auch zufrieden und Lattermann noch mehr, als wird auf emem Ochsenwagen wieder zu dem von Tausenden von Menschen umringten Aufftieg- platz zurückkehrten. Es war der 19. Juli 1893.
Die zweite Fahrt ging schon besser. Auf der dritten Fahrt sprang ich zum erstenmal selbst ab. Es war acht Tage später. Lattermann wollte den Ballon mit dem Passagier zu Boden bringen. Der Entschluß, mich springen zu lassen, war für ihn schwerer als für mich. Er nahm seine Verantwortung nicht leicht. Als es so weit war, daß ich aussteigen sollte, sah er mich einen Augenblick an. Dann sagte er mir leise: „Mit Gott!" So war er. Ich sah Lattermann nochmals in die Augen, stieg über den Korbrand und ließ mich in die Tiefe gleiten. Es war doch ein eigenartiges Gefühl. Ich schloß während des Absprungs vom Korbrand die Augen. Angst hatte ich nicht, denn ich hatte Vertrauen zu meinem Fallschirm. Ich hatte aber noch keine Hebung. So schwang ich mich nicht seitlich weg, sondern ließ mich zwischen den Seinen hindurchfallen. Die drei Sekunden bis zum Aufgehen des Schirmes kamen mir doch etwas länger vor, als ich gedacht hatte. Ich verspürte einen starken Druck in den Ohren und Atembeklemmungen während des Fallens. Die Hülle knatterte über mir im Wind. Mich überkam ein beglückendes Gefühl, als ich nach einem starken Ruck den ersten Blick nach oben wandte und fah, daß der Schirm sich langsam aufspannte. Dann kam das langsamere Pendeln unter dem weitgeöffneten Schirm. Ich hatte Zeit, mir die Landschaft anzusehen. Dann kam die Sorge um den Landungsplatz, denn ich mußte doch in der Nähe des Aufstiegplatzes, der meistens in größeren Städten lag, den Absprung ausführen; und es war kein angenehmes Gefühl, beim Hinabgleiten Kirchtürme, Fabrikfchornfteine, Hausdächer ufw. auf mich zukommen zu sehen. Nach einer Viertelstunde war ich aus 1200 Meter Höhe herabgeschwebt, aber im letzten Augenblick blies mich der Wind auf einen Bahndamm hin, auf dem ausgerechnet ein Zug herandampfte. Der Lokomottv- führer bremste. Alle Passagiere waren an den Fenstern. Ich kam noch eben über die Gleise und landete glatt. Die Begeisterung der Dazueilenden war groß, als sie ein Mädchen vorfanden, statt des erwarteten Luftschiffers. Im Triumphzug wurde ich zum Platz zurückgefahren, und da ging erst das
richtige Feiern los; denn Nürnberg hatte jetzt feine große Sensation. Der 17. Juni 1894 war dann der schwere Tag, an dem ich Lattermann verlor. Wir hatten in Dortmund und Düsseldorf schon glatte Versuche in der Weise gemacht, daß ich bei meinem Absprung die Seine zum großen Pentti von zwei Meter Durchmesser zog. Dadurch verlor der 500-Kubikmeter-Ballon stark an Gas. Durch eine besondere Vorrichtung konnte Sattermann den unteren Teil der Hülle gleichzeittg derart nach oben stülpen, daß die Hülle fallschirmarttg wirkte, so daß Sattermann ebenfalls langsam zu Boden pendelte.
In Krefeld wollten mir diesen Versuch nun zum drittenmal vorführen. Ich sprang planmäßig ab, aber die Seine versagte, mit der Sattermann den Unterteil der Hülle nach oben stülpen wollte. Das Gas entwich und der Ballon stürzte schwer an mir vorüber. Unwillkürlich schrie ich auf. Ich rief Sattermann zu, aber mir schien, als verstünde er mich nicht mehr, als hätte er die Augen geschlossen. Ich hing am Schirm, ohne helfen zu können, während er in rasender Fahrt, die Hülle wie ein umgekehrter Regenschirm nachflatternd, in die Tiefe stürzte. Alles war dumpf. Als ich landete, hatten sie ihn schon tot in einer Straße von Krefeld gefunden. Es war sehr schwer. —
Alle bestürmten mich, diesen Beruf aufzugeben. Aber ich konnte es nicht. Man hat das vielleicht als Senfattonshunger ausgelegt ober aus der Sucht zum Geldverdienen erklärt. Es war aber mehr eine innere Verbundenheit mit dem wunderschönen Beruf, für den Sattermann fein Seben geopfert hatte. Diese Verbundenheit war durch das grausige Er
lebnis, das mich tief beeindruckt Hatte, noch stärker geworden. Ich mußte der Luftfahrt weiter treu bleiben. Einundzwanzig Jahre lang blieb ich ßuft- schifferin. Ich machte in der Zeit 516 Ballonfahrten und 147 Absprünge. Die letzte Fahrt erfolgte am 26. Juli 1914. Wenige Tage später brach der Krieg aus. Ich gab meine drei Ballons und Fallschirme der Heeresverwaltung ab und schlug ihr die Einführung meiner Fallschirme in der Suftschiffer- truppe vor. Schon zweimal hatte ich das getan. Jedesmal ohne Erfolg. Die maßgebenden deutschen Stellen waren offenbar der Ansicht, daß Fallschirme keinen militärischen Wert haben würden, im Gegensatz zu denen des Auslandes. So kam es, daß in den ersten Kriegsjahren zahlreiche Fesselballon- Beobachter das Seben verloren, weil sie aus ihrem Ballon sich nicht retten konnten. Erst 1916 begann sich die deutsche Militärbehörde für Fallschirmfragen zu interessieren. Sie übertrug mir die Fabrikation meiner Schirme in großen Reihen. So habe ich bis Kriegsende etwa 7000 Fallschirme geliefert. Welche Arbeit hierzu gehörte, geht daraus hervor, daß ich wöchentlich etwa 125 Fallschirme lieferte, jede Woche etwa 20 000 Meter Stoff zuschneiden mußte; denn diese Arbeit selbst auszuführen ließ ich mir, angesichts ihrer Wichtigkeit, nicht nehmen. Meine Fallschirme sind in unzähliaen Fällen während des Krieges zum Retter deutscher Ballonbeobachter geworden, wie zahlreiche Dankschreiben und Kriegsauszeichnungen mir zeigten. Das war für mich die schönste Anerkennung für meine fast 25 Jahre dauernde aktive Tätigkeit als Freiballonführerin und Fallfchirmpilotin.
Drigadeführer Solbrig Gauführer des Gaues XII.
Der Reichssportführer, SA.-Gruppenführer Hans von Tfchammer und Osten, hat mit Wirkung vom 22. Januar 1936 den LA.-Vrigadeführer Solbrlg zum kommissarischen Gauführer des Gaues 12 (Rordhesien) im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen ernannt. Durch diese Ernennung ist nunmehr die Gewähr gegeben, daß der gesamte Sport auch im Gau 12 in einheitlicher und straffer Führung in dem Sinne arbeitet, den der Führer dem großen deutschen Reichsbund gegeben hat.
»Schwimmen und Wasserspringen."
Eine Filmvorführung des RfL.
Die Ortsgruppe Gießen des Reichsbundes für Seibesübungen (Fachamt Schwimmen) hatte für den gestrigen Montagabend zu einer Filmvorführung in das kunstwissenschaftliche Institut eingeladen. Seiber war die Veranstaltung nicht so besucht, wie es wünschenswert gewesen wäre. Der Abend brachte einige ausgezeichnete Sehrfilme, die in überaus anschaulicher Weise Schwimm- und Springtechniken zeigten. Von besten deutschen Schwimmern wurden zunächst die verschiedenen Schwimmarten Kraul und Brustschwimmen, Rückenkraul und auch der aus dem Brustschwimmen heraus entwickelte Schmetterlingsstil gezeigt. In den aufgelösten Vorübungen für die verschiedenen Schwimmtechniken konnte anhand dieser Filme selbst der Anfänger Verständnis gewinnen für die Rhythmik der Bewegungen, die hier ganz ausgezeichnet dargestellt waren. Arm- und Beinarbeit, Atmung, Wenden, Startsprung waren in wundervoll klaren und technisch einwandfreien Bildern gezeigt, die gleichzeitig erkennen ließen, wie ausgefeilt die Schwimmtechnik unserer Besten ist.
Nicht wenger große Aufmerksamkeit galt den weiteren Abschnitten der Filmvorführung, in denen das Wasserspringen in „falsch" und „richtig" klare Gegenüberstellungen brachte. Man sah einzig
artig schöne Sprünge, die in allen Einzelheiten (Zeitlupe) erkennen ließen, welches Ausmaß an Körperdisziplin gerade für diesen Sport notwendige Voraussetzung ist. Die Besucher der Veranstaltung folgten den Bildern mit großer Aufmerksamkeit. Der Obmann für Schwimmen, Sauer, eröffnete und schloß den Abend mit Worten der Begrüßung bzw. des Dankes für das den Vorführungen entgegengebrachte Interesse.
Fußball der Gauliga-Mannschasten.
Im Gau Nordhessen ist Hanau 93 durch ein 5:1 (2:0) über Germania Fulda wieder mit 21:7 um einen Verlustpunkt günstiger als Borussia Fulda (22:8), die zu Hause bei 3:3 (2:1) 03 Kassel nicht schlagen konnte. Kurhessen Marburg und Hessen Hersfeld spielten 4:4 (1:1), womit Hersfeld endgültig aus dem Rennen ist. Spielv. Kassel holte mit 2:0 (0:0) über VfB. Friedberg wichtige Punkte.
Aus and eren Gauen:
Gau Südwest: Eintracht Frankfurt — Phönix Sudwigshafen 3:0; FSV. Frankfurt — Union Niederrad 2:1; Kickers Offenbach — FV. Saarbrücken 3:1; Wormatia Worms — Borussia Rüsselsheim 6:2.
Gau Bayern: Bayern München — 1. FC. Nürnberg 2:2; Wacker München — FC. Schweinfurt 05 0:4; ASV. Nürnberg — BC. Augsburg 1:2; SpVgg. Fürth — 1860 München 3:0; 1. FC. Bayreuth — FC. München 4:1.
Zuspitzung in der Handball-Sauliga Nordhessen.
Die Sage hn Handballgau Nordhessen hat fich immer mehr zu einer Art „Verfolgungsrennen^ unter den drei führenden Mannschaften entwickelt. Alle drei holen gegen „den Rest" Sieg um Sieg heraus, so daß sich weder der Abstand unter ihnen vermindert, noch gar einer von ihnen vorzeitig aus dem engeren Titel-Wettbewerb ausscheidet. Am günstigsten liegen natürlich die Dinge für die führende Elf von Kurhessen Kassel, die durch einen hohen 14:4-Sieg über VfB. Kurhessen Marburg
Haydn und Brahms.
Zum dritten Symphonie-Konzert des Konzertvereins.
Die für Johannes Brahms so schaffensglück, liche Zeit in Pörtschach am Wörther See, auf die schon gelegentlich der Aufführung des Violinkonzertes hingewiesen wurde, ließ auch die zweite Symphonie erstehen. „Der Wörther See ist ein jungfräulicher Boden, da fliegen die Melodien, daß man sich hüten muß, keine zu treten," so schreibt Brahms im Vollgefühl der glücklichen Beendigung seines Werkes an Hanslick. Jedoch die Niederschrift der Symphonie, die er im Kopfe fchon fertig entworfen hatte, führte er in Sichtenthal bei Baden-Baden (September 1877) aus. So mögen die Eindrücke der Schwarzwaldlandschaft vielleicht nicht so ganz unbeteiligt an der endgültigen Formung geworden sein.
Schon der 30. Dezember des Jahres meldet die Aufführung der Zweiten durch die „Philharmoniker" in .Wien. Der Haydn-Biograph C. F. Pohl, der den Proben beigewohnt hat, berichtet an den Verleger Simrock: „Es ist ein prachtvolles Werk, das Brahms der Welt schenkt und zudem recht zugängig. Jeder Satz ist Gold und alle vier zusammen bilden in sich ein notwendiges Ganzes. Seben und Kraft sprudelt überall, dabei Gemütstiefe und Sieblidjfeit. Das kann man nur auf dem Lande, mitten in der Natur komponieren."
Diese Naturgebundenheit der Erfindung hat der O-clur-Symphonie von verschiedenen Seiten die Bezeichnung „Pastorale" eingetragen. Gewiß erscheint dieses Werk im Vergleich zu der düsteren und schicksalhaften ersten Symphonie in c-moll als lieblich und idyllisch. Aber diese Wertung würde an Brahms' Wesensart vorübergehen und den tiefen Grundkern seines Schaffens übersehen, denn, abgesehen von dem schweren zweiten Satz mit seiner düsteren Tragik, zeigt die Symphonie an vielen Stellen in dem Hinausstreben über das klangliche Bild einen Unterton, der das Elegische bei Brahms immer wieder von neuem erweist; ja, gerade bei der Wiedergabe dieser Symphonie ist das Einfühlungsvermögen des Dirigenten entscheidend für die Erfassung der seelischen Tiefen durch den Hörer.
Das freundliche Antlitz, das der anmutige Beginn des ersten Satzes mit feinem Dialog der Hörner und Holzbläser zeigt, verdüstert sich gar bald nach dem Absinken der Violinen. Ein dumpfer Wirbel der Pauke; dann lassen dunkle Posaunenakkorde, die in schärfstem Kontraste zur Lieblichkeit des Beginns stehen, die Gebundenheit an das Schicksalhafte er
ahnen. Vielleicht ist es nur noch ein Erinnern an das Drohen gewesen, denn in abgewandelter Fortführung erhebt sich der Hauptgedanke in Frische und wird hinübergeleitet zu einem gesanglich beginnenden zweiten Haupthema. Bratschen und Celli, in Terzen gebunden, tragen es zuerst vor; nachdem es in den Holzbläsern aufgeblüht ist, schließen sich rhythmisch scharf charakterisierte, ener- gieoolle Gedanken an, bis dann, von der Flöte umspielt, die Kantilene zum Abschluß der Themenaufstellung führt. Die nun beginnende Durchführung erweist von neuem die Meisterschaft von Joh. Brahms in der Verarbeitung, in der Bildung neuer Kombinationen, im Satztechnischen und in der geistigen Durchdringung der aufgestellten Themen; er schürft in die Tiefe mit feiner kontrapunktischen Gestaltungskraft und gibt in mehrfachen Entwicklungen Höhepunkte, denen ebenso Momente innerer Schau entgegentreten. Von besonderem Eindruck ist beispielsweise gleich nach der ersten größeren Aufsteigerung in der Durchführung der Engführungs- einsatz der Posaunen. Die Wiederkehr entspricht nicht der Aufstellung der Themen, sondern, gewandelt durch den seelischen Prozeß der Durchführung, strafft Brahms den inneren Aufbau; die Koda des Satzes verklingt in stimmungsvoller, fast traumhafter Gelöstheit.
Mit tiefernster, innerer Schwere, verdunkelt durch die innerlich verkettete Stimmführung, beginnt das Adagio, mit Fagott und Cello als thematischen Trägern. Nur zeitweilig lichtet sich die Stimmung, dann aber gibt ein neues Thema dem inneren Ringen und Zermürben Ausdruck in einer Aufsteigerung, die mit klagenden Rufen der Blechgruppe und Holzbläser abklingt und die Wiederkehr des Hauptgedankens herbeiführt. Wie em letztes Auf- zucken drohen die Celli mit ihrem grollenden Motiv in den Schluß hinein.
Eine menuettartige Melodie der Oboe bestimmt die heitere Sphäre des dritten Satzes. Rhythmisch variiert steigert sich das Thema zu einem Presto im Zweiviertel-Takte; ein bewegter Mittelsatz (Dreiachtel-Takt), der besonders den Holzbläsern mit synkopierten Rhythmen Anteil gibt, überläßt später der zuerst angeschlagenen Menuettweise den Abschluß. Das Finale gibt frohem Sebensgefühl freien Raum. Erfüllt von der Freude am Klanglichen, entfaltet sich die Erfindungsgabe m reicher Mannigfaltigkeit und Innerlichkeit Besondere Wir- hing geht von der „Tranquillo^-Episode aus. Die Coda erwächst aus der Mollwendung des zweiten Themas in den Posaunen heraus zu festlichem Glanz.
Unter den verschiedenen Entwicklungsperioden, in denen das symphonische Schaffen Joseph Haydns allmählich die Ausdruckswerte der Symphonie sich heraus kristallisier en läßt, bedeuten die 12 Symphonien der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts, die er für die Londoner Konzerte geschrieben hatte, den Ausdruck höchster Meisterschaft in der Beherrschung des formalen Aufbaues und letzter seelischer Ausdrucksmöglichkeiten.
Erst allmählich hatte Haydn das Prinzip der motivischen Arbeit durch die Erfahrung gewonnen, d. h. jene Fähigkeit der Zerlegung des Themas in einzelne Bestandteile und ein Gewinnen von neuen thematischen Gebilden aus diesem zerlegten Grund- material. Durch diese Arbeitsmethode konnte der im Thema ruhende Gehalt bis in seine letzten Einzelheiten beleuchtet, ausgeschöpft und neuen musikalischen Ausdrucksgestalten dienstbar gemacht werden. Damit hatte er die Arbeitsweise festgelegt, die für die klassische Symphonie kennzeichnend ist.
Bei dieser im Vergleich zum vorausgegangenen Barock gänzlich neuen Kompositionstechnik mußte das Orchester eine veränderte Haltung einnehmen. An Stelle der meist chorisch geführten Jnstrumen- tengruppen' wurde das einzelne Instrument zu reger Beteiligung an der musikalischen Auseinandersetzung herangezogen. Der Unterschied zwischen Haupt- und Nebenstimmen wurde so gänzlich verwischt, ja sogar getilgt, denn im Anteil an der motivisch durchbrochenen Arbeit strebte jedes Instrument mit feiner Selbständigkeit freien polyphonen Bildungen zu. Darüber hinaus bedeuten die Londoner Symphonien Haydns einen Vorstoß in die persönliche Ausdruckssphäre des Schaffenden, und so wird das Werk über feine formale Geltung hinaus zu einem subjektiven Bekenntnis.
Wenn Haydn feinen Symphonien eine langsame Einleitung vorausschickt, so konnte man diese wohl in formale Parallele zu der französischen Ouvertüre stellen, die mit einem langsamen Satz beginnt. Aber bei Haydn sind es weniger Einleitungen im traditionellen Sinne, sondern in den meisten Fällen fassen sie den Schaffensakt in tiefgründigstem Ausdruck zusammen, sei es nun vor Beginn der Gesamtkomposition oder gar als ein letztes Resumä nach der Vollendung des Werkes.
So gewinnt auch das einleitende Adagio des Kopfsatzes der O - 6 u r - S y m p h o n i e Nr. 7 be- ftimmenbe Bedeutung für das nachfolgende Allegro, denn sowohl kurz vor Beginn der Durchführung, namentlich aber in der Entwicklung der Koda, bereichert es die Thematik des in sich scharf gegliederten Satzes, der gerade in Einzelheiten besondere
Aufmerksamkeit zu erregen vermag. Das folgende adagio ma non troppo variiert in anmutig reizvoller Weise das angeschlagene Thema durch figurierte Stimmen und durch seine Wendung zum Moll hin; die letzte Krescendoentwicklung vor Schluß möchte fast wie ein romantischer Ausblick erscheinen. Nach dem folgenden Menuett nimmt das Finale ganz besonderes Interesse entgegen. Das verschiedentlich wiederkehrende Hauptthema erweist sich immer aufs neue reizvoll anziehend im Lichte der Gegenmotive und einer anmutigen thematischen Durchbildung. Kurz vor der Koda zeigt sich Haydn noch einmal in der Fülle der Ausdeutungskraft und seiner fast unerschöpflichen Einfälle und führt hier den Hörer heiter beschwingt durch den Wechsel der gegensätzlichsten Stimmungen hindurch, damit in dem Ganzen einen seiner schönsten Finalsätze gebend.
Dr. H.
»Unsterbliche Melodien."
Im Gloria-Palast sieht man im neuen Programm den Johann-Strauß-Film „Unsterbliche Melodien". Der Untertitel lautet — nach berühmten Mustern — „Des Walzerkönigs letzte Liebe", und damit ist eigentlich fchon alles gesagt, was zu sagen ist: die Handlung ereignet sich, bald auf, bald hinter der Bühne, im Dreivierteltakt, und die Stadt der Lieder im Kostüm der siebziger Jahre stellt die oft gesehene, immer wieder anziehende Szenerie zur Herzensgeschichte des alternden Komponisten, der sich eines Tages in eine junge Tänzerin verliebt und dabei das große Glück verpaßt; zwar wird die Aufführung der neuen Operette „Der luftige Krieg" ein rauschender Erfolg, aber die Ehe mit dem Dal- lettmädel führt zu einer herben Enttäuschung; erst ganz zuletzt findet er die Frau wieder, die von ganzem Herzen auf ihn gewartet hat. Die Handlung ist nicht groß, aus luftigen und gefühlvollen Elementen gemischt, vom Regisseur Heinz Pau! gefällig in Szene gesetzt. Alfred I e r g e r ist ein romantischer, etwas schwermütiger Strauß, Maria P a u b l e r, früher am Berliner Staatsschauspiel, singt die Mizzi Geistinger mit Wärme und an* mutigem Ausdruck. Lizzi Holzschuh als die oberflächlich-kokette Lily, Leo S l e z a k mit breitem Humor und komödiantischer Fülle als Musikverleger Haslinger, Eduard W e s e n e r , Hans H o m m a und Rudolf Carl zeichnen sich im großen Ensemble aus. — Im Beiprogramm: die neue Fox- Wochenschau; eine Wasserfahrt von Berlin ngcky Hamburg; ein Vorspann zum „Postillon voy/Tjon- jumeau"- / —r—
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