Nr. 148 Drittes Blatt
Tiehener Anzeiger (General-Anzeiqer für Oberheffen)
Samstag, 21. Zunl 1936
Aus Der provinzialhauptstaDt.
Das Vogelbad.
Die Kleingärtner haben sich alle eine Laube auf ihre Ländereien gesetzt. Ein Holz- oder Steinhäus- chen, nicht nur als Wochenendsitz, sondern auch als Garderobe, Geräteschuppen und Unterschlupf bei der täglichen Gartenbestellung in den freien Abendstunden. Wer es sich leisten kann, besitzt außerdem einen Brunnen, weil das Gießen die Hauptsache bleibt, zumal in den heißen, regenarmen Sommerwochen.
Mitunter benutzen mehrere Kleingärtner einen Brunnen zusammen und haben sich zur Erleichterung des Wasserholens ein mächtiges Faß davor eingegraben, das nie leersteht. Denn bei den herzlichen, freund-nachbarlichen Beziehungen der Pflanzer ist es selbstverständlich, daß jedermann soviel einpumpt, wie er ausgeschöpft hat. Ein volles Faß ist die halbe Arbeit für den Gießenden,aber auch das Entzücken der kleinen Vögel, die sich teils in den Gartenbezirken einquartiert haben, teils in ihnen ihr Jagd- und Beutegebiet sehen, das sie nach Lust und Appetit durchstreifen. Wenn der Wasserspiegel fast an den Faßrand grenzt, daß jeder Atemzug Wind ihn kräuseln kann, und schon ein kurzer Regen ihn zum Ueberschwappen bringt, ist es den gefiederten Badegästen am liebsten.
Die Sperlinge sammeln sich, nacheinander anschwirrend, wie immer, wenn sie etwas Vergnügliches oder Leckeres für sich entdeckt zu haben glauben, in kleinen Rudeln auf dem Faßrand an, puddeln sich Brust und Kopf, patschen mit den Flügeln und schilpen dabei in kleinen Jauchzern ihre ausgelassene Freude an dem erfrischenden Bad. Sie machen sich tüchtig naß und schütteln sich gegenseitig Sprühregen über wie übermütige Jungen, die, ins Wasser schlagend, einander naß spritzen. Jedenfalls benehmen sie sich so svatzenhaft dreist wie stets, als sei das Faß gerade für sie und nur für sie aufgestellt.
T'cr Amsel scheint ihre lärmende Gesellschaft sehr unsympathisch, denn sie erscheint nie eher, bis sich der Schwarm verzogen hat. Sie gibt sich etwa- steif in ihren Bewegungen, bückt sich gemessen und vornehm und taucht nur den gelben Schnabel ein wie Hühner an der Tränke. Zwei Rotschwänzchen zeigen sich dagegen sehr zappelig. Sie flattern mit den Flügeln und wippen nervös mit dem Schwanz, als würden sie an den Füßen festgehalten, während sie mit dem Oberkörper vornüber- und zurückschnellen wie gebeugte und losgelassene Baumzweige. Auch Ranchschwalbenpärchen. die aern handboch über die Beete flitzen und sich flüchtig da und dort niederlassend allerlei Jnsekfen aufschnappen, lieben den kleinen Wasserspiegel. Mit geradezu artistischer Fertigkeit und Flinkheit Pfeilen sie scharf über den Faßrand und schießen, wenn sie dem Wasser mit ihrem Schnabel und den Sicheln der Schwingen einen Klatsch versetzt haben, daß es leise aufgluckst, im flachen Winkel wieder hoch. Manchmal ilnaelt auch eine gchmnrbn s"kimdenlvna über einer Wass"'-- stelle, als versuchte sie zu landen, bangte aber, die Füße auf den zerbrechlichen Spiegel zu sehen. Eine zappelnde Raupe oder ein rudernder Käfer, die das Unalück hatten, aus grünem Wipfelparadies b'nabzuftürzen, werden wohl von den scharfen A"aen des Vogels erspäht worden sein.
Natürlich ergreifen, wenn Eimer und Gießkannen klappern, die kleinen Badegäste die Flucht.
Peter Bauer.
Vornoiizen.
Tageskalender für Samskag.
NS.-Lehrerbund: 15.30 Uhr Abfahrt am Biebertalbahnhof zum heimatbiologischen Ausflug, Führung Professor Funk. — NS.-Lehrerbund, Arbeitsgemeinschaft Lichtbild und Film: 15 Uhr Vortrag von Herrn Häusgen: „Tonfilm" in der Goethe- schule, Bezirksversammlung. — Gloria-Palast, Sel- tersweg: 16 Uhr Sonderveranstaltung für Kinder und Eltern: Sieben neue Märchen-Farb-Tonfilme; „Die Puppenfee". — Oberhessischer Kunstverein: 16 bis 19 Uhr Ausstellung „Frauenbildnis mit Schmuck" im Foyer des Stadttheaters. — Gießener Radfahrer-Verein 1885: 20.30 Uhr Sommernachtsfest in der Karlsruhe.
Neues Bauvorhaben der Baugenossenschast 1894 Gießen.
10 Einfamilienhäuser an der Iahnstraße.
Unser Bild zeigt die Häuser der Baugenossenschaft, wie sie an der Iahnstraße entstehen werden. Links ist eines der beiden Doppelhäuser zu sehen, in dem zwei Drei-Zimmer-Einfamilien-Wohnhäuser zusam- mengefaht sind. Die beiden Häuser rechts stellen den Typ des Füns-Zimmer-Einfamilien-Wohnhauses dar.
„Die Baugenossenschaft 1894 Gießen wird in der nächsten Zeit ein neues Bauvorhaben in Angriff nehmen. Es handelt sich dabei um die Schaffung einer Anzahl von Einfamilienhäusern, die an der Iahnstraße entstehen sollen, an einer Straße, die ihrer Lage nach zwischen der Liebigshöhe und der Schlageterstrahe zu suchen sein wird. Das Gelände für die neuen Einfamilienhäuser wurde von der Stadtverwaltung in Anbetracht des gemeinnützigen Vorhabens der Baugenossenschaft zu einem günstigen Satz überlassen. Die Häuser, die dort erstellt werden, sind sogenannten Erwerbshäuser, die zwar auf genossenschaftlicher Grundlage erbaut werden, aber in den Besitz der interessierten Mitglieder der Baugenossenschaft übergehen.
Erstellt werden 5 Fünf-Zimmer-Wohnhäuser und außerdem 4 Drei-Zimmer-Wohnhäuser, die in zwei Doppelhäuser zusammengefaßt werden. Ein weiteres Haus wird als Verwaltungsgebäude der Baugenossenschaft erstellt werden, Das im Erdgeschoß Die Geschäftsräume der Genossenschaft enthalten wird und im ersten Stock eine Wohnung.
Es handelt sich bei dem Bauvorhaben also um insgesamt 10 Einfamilienhäuser. Das Projekt sieht vor, daß die Häuser auf Grundstücksflächen in Größe von 400 bis 570 Quadratmeter erbaut wer
den. Jedes Haus wird ganz für sich in einem Garten etwa 10 Meter von der Straßenfront zurückliegen, während zwischen den Häusern ein Abstand bis zu 12 Meter sich ergeben wird. Die Häuser werden in jeder Hinsicht nach neuzeitlichen Gesichtspunkten geschaffen. Die Pläne stammen von dem hiesigen Architekten Dirksmöller, der schon verschiedentlich für die Baugenossenschaft tätig war. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhänge, daß jedes der neuen Häuser einen Luftschutzkeller mit der dazugehörigen Gasschleuse erhalten wird. Der Luftschutzraum wird einen Rauminhalt von etwa 11 Kubikmeter haben.
Die Baugenossenschaft hat sich bei diesem Vorhaben von den Gedanken leiten lassen, einerseits ihren Mitgliedern zu dienen, andererseits aber ihr Teil dazu beizutragen, der Wohnungsnot in unserer Stadt zu steuern und außerdem einen Beitrag zur Arbeitsbeschaffung zu leisten.
Wie wir hören, sollen diese neuen Einfamilienhäuser bereits zum Spätherbst schlüsselfertig werden. Für das kommende Jahr trägt sich die Baugenossenschaft mit dem Gedanken im Gelände nahe der Iahnstraße weitere Einfamilienhäuser zu erstellen.
Tageskalender für Sonntag.
Gloria-Palast, Seltersweg: 14.30 Uhr Sonder- oeranstaltung für Kinder und Eltern: Sieben neue Märchen-Farb-Tonfilme; „Die Puppenfee". — Oberhessischer Kunstverein: 11 bis 13 Uhr und 16 bis 19 Uhr Ausstellung „Frauendildnis mit Schmuck" im Foyer des Stadttheaters.
Eine Omnibusfahrt
zum Start des Luftschiffes „Hindenburg" veranstaltet am kommenden Montag das Hapag- Reisebüro (Selterstor). Auf die heutige Anzeige sei besonders aufmerksam gemacht.
Konzert der Diolinschule TB. Schüttler.
Die Diolinschule Wilhelm Schüttler veranstaltet am kommenden Donnerstag, 2. Juli, im Singsaal des Realgymnasiums ein Konzert. Zur Aufführung gelangen Werke von Händel, Mozart, Beethoven, Vi- valdi u. a. Auf die heutige Anzeige fei besonders hin- gewiesen.
Deutsche Arbeitsfront.
Abteilung für Arbeitsführung und Verufserziehung.
Bilanzbuchhalter-Prüfung der Deutschen Arbeitsfront.
Im Laufe des Herbstes soll im Gau Hessen-Nassau eine Bilanzbuchhalter-Prüsung durchgeführt werden. Diejenigen Arbeitskameraden, welche beabsichtigen, diese Prüfung abzulegen, werden um umgehende Meldung an die Abteilung für Arbeitsführung und
Berufserziehung der Deutschen Arbeitsfront, Gießen, Schanzenstraße 18, Zimmer 5, gebeten. Anmeldungen müssen bis längstens 2. Juli 1936 vorliegen. Weiter ist geplant, zur Vorbereitung auf die Bilanzbuchhalter-Prüfung einen Lehrgang Durchzuführen. Evtl, wird durch die Gauwaltung der Deutschen Arbeitsfront auf Wunsch der Prüflinge noch eine Arbeitswoche für die Bilanzbuchhalter eingerichtet.
Landschastsbund »Volkstum und Heimat^ im Verband der NS.- Kulturgemeinde.
Die Reichsleitung der NS.-Kulturgemeinde hat mit der Leitung des Landschaftsbundes Volkstum und Heimat ein Arbeitsabkommen getroffen, durch das für den Gau Hessen-Nassau der Landschaftsbund mit der unveränderten Weiterführung der von ihm bisher geleisteten Volkstums- und Heimatarbeit beauftragt wird. Die Einbeziehung der Volkstumsarbeit in den Gesamtaufgabenkreis der NS.-Kulturgemeinde hat damit auch im Gau Hessen-Nassau zu der notwendigen Zusammenfassung der am Aufbau des kulturellen Lebens der Volksgemeinschaft tätigen Kräfte geführt. Diese Entwicklung entspricht der vom Führer gegebenen Grundlegung nationalsozialistischen Kulturwollens, nach der „bas gesamte kulturelle Leben der deutschen Nation den im Wesen unseres Volkstums lebenden
Ewigkeitswerten zu dienen hat". Der aus dem 1933 ins Leben gerufenen „Hessischen Heimatbund" hervorgegangene „Landschaftsbund Volkstum unV Heimat, Landschaft Rheinfranken - Nassau - Hessen e. V." wird daher in Zukunft unter dem Namen „NS. -Kulturgemeinde, Landschafts» bunb Volkstum und Heimat, Gau Hessen-Nassau e. V." und in engster kameradschaftlicher Zusammenarbeit den jeweils zuständigen Dienststellen im größeren Rahmen der NS.-Kultur- gemeinde die ihm zufallenden Aufgaben der Volkstums- und Heimatpflege erfüllen.
Der organisatorische Aufbau des bisherigen Land- fchaftsbundes und die innerdienstlichen Zuständigkeiten werden durch das Arbeitsabkommen nicht berührt, jedoch sollen die örtlich entsprechenden Dienststellen der NS.-Kulturgemeinde und des Landschaftsbundes in gegenseitigem Einvernehmen und gegenseitiger Förderung die Arbeitsplanung und den Einsatz regeln. Die Mitgliedschaft wird durch das Arbeitsabkommen gleichfalls nicht berührt.
Der Empfang des Mainzer Bischofs.
Am Freitag wurde der zu den Einweihungsfeierlichkeiten der hiesigen katholischen Kirche hier» her kommende Bischof von Mainz, Dr. S t o h r feierlich empfangen. Der Pfarrer der Kirche, Dekan Bayer und der Kirchenvorstand waren dem Besuch bis an die Pfarreigrenze zwischen Großen-Linden und. Lang-Göns entgegengefahren und geleiteten ihn in die Stadt, wo er nach 18 Uhr eintraf. Don vielen Gäubigen begrüßt, begab sich der Bischof durch ein Spalier weißgekleideter Mädchen und gefolgt von den Kirchenfahnen in das zur Kirche hergerichtete Katholische Vereinshaus. Auf den Stufen am Eingang hieß der Pfarrer Domkapitular und Geistlicher Rat Bayer umgeben von zahlreichen Geistlichen Se. Bischöfliche Gnaden den Bifchof Dr. Stohr zu diesem Ereignis der Gießener Kirchengemeinde herzlich willkommen. Er dankte ihm für alle Fürsorge und wünschte ihm für die Ausübung seines Amtes hier in Gießen als Oberhirte der Kirche, Spender des Sakramentes der Firmung und als Konsekrator der neuen Kirche reichen Segen.
In dem überfüllten Vereinshaus, dessen Bühne zu einem Altar hergerichtet war, zu dessen Linken der Bischof Platz genommen hatte, hielt nach einem kurzen Gebet des Gießener Pfarrers und einigen im wechselnden Rhythmus gesprochenen Gebeten der Bischof eine Ansprache an die Kirchengemeinde, der er den Ausspruch „Das ist der Tag,' den der Herr gemacht hat" zu Grunde legte und von der großen Freude sprach, die die Katholiken Gießens bei der Vollendung dieses großen Werkes erfüllen muß. Ganz besonders dankte er dem ehrwürdigen Plärrer Bayer, der in seiner Bescheidenheit von feinem großen Anteil am guten Gelingen keine Erwähnung tut, für seine aufopfernde Arbeit und sprach auch der Gemeinde für die opfer« und tatbereite Mithilfe am Bau seinen Dank aus und erteilte den bischöflichen Segen.
Von der Kirche wurde im großen Umzuge der Bischof in das Pfarrhaus geleitet, von wo aus die Zeremonien zu diesem feierlichsten und längsten der Weihebräuche der katholischen Kirche eingeleitet w'n-d"n. die bann am heutigen Samstag ihren Höhepunkt erreichen werden.
Feier der Ordination in der Zohanneskirche.
Eine gottesdienstliche Feier von besonderer Art wird die evangelische Gemeinde am morgigen Sonntag im Hauptgottesdienst in der Johannes- kirche begehen. Zum erstenmal wird seit einigen Jahren hier wieder ein junger Geistlicher ordiniert werden. Der Dekan des Dekanats Gießen, Satt- l e r (Wieseck), wird die Ordination des Assistenten der Gießener Anstaltspfarrei, Pfarrassistent Feix, vornehmen. Die Ordination ist die feierliche Verpflichtung und Amtseinführung der jungen Geistlichen, die in der evangelischen Kirche an Stelle der Weihe getreten ist. In unserer Landeskirche wird sie künftig wieder wie früher am ersten Amts-
Verfluchtes Gold!
Vornan von J. Schneider-Foerstl.
Urheberrecht: Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
10 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sie sah einen Augenblick ins Leere. Wie kommt es, daß sie nicht älter wird? ging es Osk^r durch den Kopf. Sie wirkte trotz dem Schleier und dem lang herabwallenden Gewand wie ein Mädchen, das kaum die Zwanzig überschritten hat. Auch ihr Gesicht, von dem nur ein schwacher Umriß zu erspähen war, zeigte das gleiche zarte Oval, wie er es seit Jahren in Erinnerung hatte. „Sollen die Koffer nach oben gebracht werden?" Bei aller Höflichkeit des Untergebenen hörte sie doch die Zurückhaltung heraus.
„Warten Sie noch. Es ist nicht nötig, daß Sie mich melden, Oskar. Ich finde mich schon allein zurecht."
Wenn das gut ausgeht! dachte er, schritt noch ein paar Stufen hinter ihr die Treppe hinauf, sah, wie sie sich umwandte und blieb unwillkürlich stehen. Es gab keine Möglichkeit mehr, die jungen Herren vorzubereiten. Man mußte den Dingen schon ihren Lauf lassen. Und sie waren ja auch keine unvernünftigen Jungens mehr, daß sie nicht wußten, Die sie sich zu verhalten hatten.
„Was hat es noch für einen Zweck, wenn du lief) derart herunterquälst, Wolfgang", sprach Hyl- nar und legte den Kopf auf die gekreuzten Hande, iie auf der Tischkante ruhten.
„Glaubst du, daß sie froh ist, daß er nicht mehr lebt?"
„Mm Gottes willen, nein, Wolfi! Das darfst du $ar nicht denken. Wie kommst du überhaupt zu tiefer Ansicht? Wenn sie sich auch nicht verstanden toben, das Leben hat sie ihm sicher nicht geneidet. 2>as nicht! Es wäre zu entsetzlich! Du mußt nicht immer das Schrecklichste denken. Vielleicht kommt k noch." Dabei horchte er angestrengt nach dem 4ark hinab. v
„Ich habe verboten, daß ihr geöffnet wird! Was will sie jetzt n-ich? Kein Mensch braucht sie mehr?
„Wie übereilt du urteilst, Wolfgang. Du weiht ja
gar nicht, was sie am Kommen gehindert hat. Wenn sie auch Vaters wegen nicht hierher gereift wäre, wäre sie doch sicher unsertwegen gekommen." Den Kopf hebend, gewahrte er die schwarze Gestalt, die unter der Tür stand und sich zu besinnen schien, ob sie eintreten ober roieber gehen sollte. Seine Augen weiteten sich vor Schreck.
Wolfgangs Kopf fuhr herum. Ein Stuhl fiel.
Hertha Ämselmann machte langsam bie wenigen Schritte nach dem hellbeschienenen Tische zu. Sie hielt die Hände leicht ineinandergeschlungen und sagte mit ihrer dunklen, warmen Stimme: „Es tut mir so furchtbar leid, daß ich zu spät gekommen bin. Aber der Zeppelin, der mich von Buenos- Aires brachte, ist erst heute morgen in Friedrichshafen gelandet. Dort las ich die Todesnachricht in den Zeitungen."
„Es wurde dir ein Telegramm nach Pans geschickt", entgegnete Wolfgang unsicher.
„Ich war nicht in Paris, mein Junge!" Sie legte "die Finger leicht auf die zitternde Hand des Sohnes, als wollte sie ihm damit Ruhe geben. „Unterwegs hatten wir noch eine Panne, sonst wären wir schon am Nachmittag eingetroffen. Darf ich einen von euch bitten, mich nach dem Friedhof zu begleiten?"
Sie hatte den Schleier zurückgezogen und zeigte nun das gleiche weiße Gesicht wie ihre Söhne, das gleiche schmale, feine Profil, denselben weichen, fesselnden Zug um den Mund, der den Jungen so- fort alle Herzen gewann.
„Hat es nicht Zeit bis morgen?" fragte Wolfgang, in dessen Augen ein gefährliches Funkeln glomm. „Zu ändern ist ja doch nichts mehr. Ich nehme nicht an, daß du solche Sehnsucht nach Vaters Ruhestätte hast." .
„Vielleicht doch, Wolfgang! Aber wie du meinst. Kommst du mit, Hylmar? Ich möchte nicht meinen Chauffeur oder Oskar um feine Begleitung bitten müssen." Damit ließ sie den Schleier wieder über ihr Gesicht fallen.
„Sofort, Mutter!"
In den wenigen Minuten, die der Jüngere brauchte, seine Garderobe zu holen, stand F^au Amselmann mit Wolfgang allein. Ihre Hand suchte nach der seinen, fühlte, wie sie zurückgezogen wurde und stützte sich zitternd auf die Kante des Tisches. „So unversöhnlich, mein Junge? Und gerade du
hättest den meisten Grund, mir zu danken, daß ich dich im Frieden dieses Hauses aufwachsen ließ. Daß ich nicht darauf bestand, daß du mein Wanderleben mit mir teiltest! Daß ich dich mit Hylmar deiner Jugend freuen ließ, daß ich--Du bist
schon fertig?" wandte sie sich an den jüngeren Sohn, der eben wieder eintrat. „Dann wollen wir gehen. Gute Nacht, Wolfgang!" Sie neigte sich leicht gegen dessen Gesicht und schritt der Tür zu.
Mit den Worten: „Du hast nicht fertig gesprochen", holte Wolfgang sie ein. Sie sah über die Schulter nach ihm zurück. „Ich habe schon zuviel gesagt! Vergiß es, wie auch ich vergessen will, wie sehr du mich gekränkt hast. Vielleicht sehen wir uns morgen früh noch einmal. Ich reife nicht vor Mittag."
» Als sie mit Hylmar durch das Parktor ging, sah Hertha Amselmann auf der Straße ihren Wagen stehen. Oskar hatte richtig überlegt und Weisung gegeben, der Chauffeur möchte hier warten. Ihr Lächeln blieb unter dem Schleier verborgen. Aber Hylmar ahnte ihre Gedanken, trat an den Schlag und sagte: „Bringen Sie die Koffer der gnädigen Frau ins Haus. Oskar wird Ihnen zeigen, wohin."
„Ich möchte Wolfgang nicht — —" Sie kam nicht dazu, den Satz zu beenden, denn Hylmar drückte ihren Arm an sich und hielt den Schlag für sie geöffnet: „Du mußt Nachsicht mit ihm haben, Mutter", bat er, als der Chauffeur sich entfernt hatte. „Ich habe heute morgen, als du nicht kamst, gedacht, er wird wahnsinnig, so hat er sich erregt. Nun kann er für den Augenblick noch nicht begreifen, daß du da bist. Ich hatte solche Angst, daß er dich beleidigt."
„Hat er das nicht getan, mein Junge?"
„Nein! Ich weiß nicht, was er sagte, aber du mußt verstehen, Mutter--"
„Daß ihr verhetzt worden seid", lächelte sie bitter.
„Wundert dich das?"
Der Chauffeur kam zurück und fragte, welche Richtung er zu nehmen habe. Hylmar setzte sich selbst ans Lenkrad und fuhr nach dem Waldfriedhof. Hertha Amselmann hielt den Kopf gegen die Polsterung gedrückt und sah abwechselnd nach den grell beleuchteten Straßen, deren Lichtreklamen im Fluge vorübertanzten. Hin und wieder warf fie1
einen Blick auf den schmalen Rücken des Sohnes, der leicht nach vorne geneigt war.
Wie lange hatte sie nun schon alle Mutterrechte entbehrt? Beinahe zwanzig Jahre! Sie waren sich zum Verwechseln ähnlich, ihre beiden großen Jungens, und unterschieden sich eigentlich nur dem Charakter nach. Wolfgang war ganz der Vater und doch wieder nicht. Der brutale, geldgierige Charakter fehlte ihm gänzlich. Gottlob! dachte sie. Alles andere ließ sich überbrücken und berücksichtigen.
Sie kann meinen, dachte Hylmar, als er den schlanken Körper der Mutter in stummer Erschütterung über den Hügel von Blumen und Kränzen geneigt sah, unter dem der Vater schlief. Warum war sie dann fortgegangen? Warum war sie dann nicht bei ihnen geblieben? Weshalb mußten sie die vielen, vielen Jahre lang alle Liebe entbehren, die andere Kinder durch ihre Mutter teilhaftig wurden?
„Hat er sehr gelitten?" fragte sie leise.
„Kaum! Es war ein Lungenschlag."
„Und es war niemand bei ihm?"
„Niemand, nein. Wolfgang und ich waren auf der Fahrt von Innsbruck hierher. — Wird es dir nicht zu kühl, Mutter? Sie war vlötzlich zusammengeschauert. „Komm, wir gehen. Wir kommen mor- gen dann noch einmal her. Du bist sicher auch sehr müde heute", bedauerte er, fühlend, wie schwer ihr Arm in dem feinen lag.
Heimwärts fuhr der Chauffeur. Mutter und Sohn sprachen nicht. Nur ihre Hände lagen mit sanftem Druck ineinander, sich gegenseitig Trost spendend. Wolfgang stand in der großen Halle und begrüßte sie mit einem Neigen des Kopfes. „Wenn du erlaubst, möchte ich für diese Nacht hierbleiben," sagte Hertha Amselmann, hörte ihn etwas Belangloses erwidern und ließ sich von Hylmar den Mantel abnehmen.
Oskar hielt im Teezimmer einen Imbiß bereit, aber nur Hylmar leistete der Mutter Gesellschaft. Als sie aber etwas später in den kleinen Salon trat, der an ihr Schlafzimmer grenzte, sah sie Wolfgang aus einem der Stühle aufspringen und auf fie zukommen.
,Entschuldige die Störung! Ich möchte dich nur um Aufklärung bitten, was deine Worte vo» heute abend bedeuten sollen."
(Fortsetzung folgt 1)


