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Nr. 97 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 25. April (936

Drei Banner in einem Boot."

Don Dr. Erich Schmidt.

Für die innerpolitischen Verhältnisse Deutschlands bat Dr. Schacht einmal das Wort geprägt, daß alle (n einem Boot säßen, aus dem niemand aussteigen könne. Dieses Gleichnis von dem gemeinsamen Boot findet heute in Deutschland noch eine weiter­gehende Auslegung. Es wird betont, daß über den gewiß bedeutungsvollen Tagesereignissen das Grundsätzliche nicht übersehen werden darf: die durch die gesamte Weltlage gegebene Solidari­tät des Abendlandes, die das Schicksal der abendländischen Kulturnationen zwangsläufig von­einander abhängig macht.

Auch in anderen Staaten wurde^diese Auffassung schon vor Jahrzehnten von weitblickenden Politikern betont. So sprach vor dreißig Jahren der Engländer Cecil John Rhodes von dendrei Männern in einem Boot", die auf Gedeih und Verderb mitein­ander verbunden seien und den kommenden schweren Gefahren nur gemeinsam begegnen könnten. Mit den drei Männern in einem Boot meinte Rhodes England, Amerika und Deutschland.

Man weiß: Rhodes' Auffassung konnte sich vor dem Kriege in England nicht durchsetzen. Warum? lieber diese Frage gibt vielleicht am besten eine von derDaily Mail" 1909 unter dem TitelUnsere deutschen Vettern" herausgegebene Schrift Aus­kunft.Auf der einen Seite", hieß es in ihr,ist das emporstrebende Deutsche Reich, jung, ver­trauensvoll, ehrgeizig, eine fruchtbare Rasse, die jährlich um 900 000 Menschen wächst, so daß man ausgerechnet hat, das innerhalb des Jahrhunderts die Bevölkerung Deutschlands auf 200 Millionen anwachsen wird. Die ständige Vervielfältigung der Volkszahl allein würde genügen, sie zu zwingen zu einer Ausdehnungspolitik, um für den Volks­überschuß eine neue Heimat in anderen Klimaten zu finden, aber unter den Fittichen des kaiser­lichen Adlers." Dann wurde weiter ausgeführt, bei diesem Ausdehnungsbestreben müsse Deutschland zwangsläufig auf den britischen Koloß stoßen. Deutschland sei zu spät auf der Weltbühne erschie­nen. Die Welt sei schon verteilt gewesen,als das Reich an jenem Januarmorgen in Versailles aus­gerufen wurde". Dem englischen Gedankengang vor dem Kriege lag also die Meinung von einem ge­waltigen Anwachsen des deutschen Volkes zu Grunde, einer Vermehrung der deutschen Bevölke­rungszahl, die Deutschland zu dem Versuch zwingen würde, nach britischem Besitz zu greifen.

Der Ausgangspunkt einer solchen Auffassung war falsch. Seine Schlußfolgerung mußte es deshalb um fo mehr sein. Schon vor dem Kriege hatte die Zahl der Geburten in Deutschland abgenommen. Don 1900 bis 1913 allein um etwa 200 000 jährlich. Der Krieg hat dann die Entwicklung in einem geradezu gefährlichen Ausmaß übersteigert. Im Jahre 1910 gab es noch 19,6 Millionen deutsche Kinder unter 15 Jahren. 1925 waren es nur noch 16,1 Millionen. Nach Berechnungen Burgdörfers werden es 1945 noch 14,8, 1975 dann 10 und im Iahe 2000 nur noch 7,6 Millionen deutsche Kinder unter 15 Jahren sein. Auch die bisherige Hebung der Geburtenziffer hat eine entscheidende Wende in dieser Entwicklung noch nicht gebracht. Alle bevölkerungspolitischen Maßnah­men Deutschlands können zunächst überhaupt nur auf das Ziel gerichtet sein, unsere Volkszahl zu hal­ten, und dazu bedarf es nach wie vor der größten Anstrengung. Die Folgen der falschen Vorkriegs­berechnung sind also für die abendländische Kultur wahrlich verheerend gewesen. Alle drei Männer in dem gemeinsamen Boot wurden in ihrer Kraft ge­schwächt, der eine wurde fast erschlagen. Je schwächer aber die Besatzung des Bootes wird, desto größer wird für jeden der drei Insassen die Gefahr.

Die deutsche Auffassung zu dieser wohl schwer­wiegendsten und grundsätzlichsten Frage unserer Zeit hat auf dem Deutschen Tag in Neuyork im Oktober 1935 Hans Grimm in klarster Form dar­gelegt.Woher und wer", fragt er,sind die Lei-

stungsmenschen, die die Welt seit 150 Jahren auf­schließen und in leidlicher Ordnung halten? Haben in den großen Angelegenheiten der Menschheit in den letzten entscheidenden Jahrzehnten etwa die Massen Asiens an der Spitze gestanden und die Neger Afrikas? Haben in diesen entscheidenden Jahrzehnten die Südländer an der Spitze gestan­den und die Russen und Slawen? Oder ist die ganze Ordnung und das ganze Glück und der ganze Fortschritt der Welt von den Menschen nordischen Wesens geleistet worden, die in Deutschland und Holland und Flamland und Skandinavien und die in England und in Amerika vor allem ihren Sitz haben? ... Wenn die Erde in den letzten 70 Jah­ren zu dem geworden ist, was man im besten Sinne a white mans country nennen mag, dann haben das in eben diesen letzten 70 Jahren die Engländer, die Amerikaner und die Deutschen geleistet, trotz des Wahnsinns des Weltkrieges." Hans Grimm spricht dann von demGlauben der Nordleute", daß die Tüchtigen mehr Recht haben als die Un­tüchtigen; daß die Ordentlichen mehr Recht haben als die Unordentlichen; daß die Gesunden mehr Recht haben als die Kranken; daß die Begabten mehr Recht haben als die Unbegabten; daß die Schöpfer mehr Recht haben als die Nachahmer." DiesemGlauben der Nordleute" stellt Grimm jenen anderen Menschheitsglauben gegenüber, der

seinen Ursprung vom Neid her nimmt, den Glau­ben der Massenmenschen an ihre Zerstörungskraft gegenüber den Leistungsmenschen.

Die ganze Welt steht heute in einem Zeichen des Umbruches. Hat aber die von Hans Grimm dar­gelegte deutsche Auffassung nicht recht, daß es im tiefsten Grunde um das Ringen zwischen Leistungs­menschen und Massenmenschen geht, daß das Massen- menschtum Asiens und der übrigen farbigen Erd­teile sich zu erheben beginnt gegen die Leistungs­menschen des nordischen Blutes? Im bolschewisti­schen Rußland haben die Massenmenschen sich die zahlenmäßig größte Armee der Welt aufgebaut. Die Wetterzeichen für die große Entscheidung, um die es in unserer Welt geht, zwingen zur Besinnung. Die Gefahren, die Cecil Rhodes vor 30 Jahren als eine unferne schwere Zukunft gesehen hat, sind Gegenwart geworden. Wie ist es also mit dem Bild, das der Engländer Rhodes dem englischen, dem amerikanischen und dem deutschen Volke vor 30 Jahren vor Augen gestellt hat? Stimmt dieses Bild von den drei Männern im gemeinsamen Boot? Die deutsche Auffassung bejaht es. Die Meinung der führenden Deutschen auf allen Gebieten des Lebens ist, daß der deutsche Mann sich bereithalten soll, seinen Anteil zur Rettung des gemeinsamen Bootes zu leisten. Wie denken die beiden anderen Männer in dem gemeinsamem Boot?

Gefahr und Lockung der Wüste.

Sonne und Wind, die ewigen Feinde im libyschen Sand.-Psychose und Wahn­vorstellungen.Fußgänger vom Flugzeug aus nicht zu entdecken.

(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Voll Freude begrüßt Deutschland die Nachricht, daß der deutsche Gesandte von Stohrer, der tagelang in der Libyschen Wüste verschollen war, lebend aufgefunden wurde und in Sicherheit ist. In diesem Zusammenhang taucht wieder die Frage auf, wie es möglich ist, daß bei dem Stande der heutigen Technik und des Nachrichtenwesens noch immer Menschen und Autos spurlos in der Wüste verschwinden. Noch heute sind die grausamen Ge­heimnisse der Wüste ungelöst.

Ein Sandmeer ohne Erkennungszeichen.

Wasserläufe, auch wenn sie seit Hunderten von Jahren ausgetrocknet sind, haben die Wüste östlich des Nils, die Wüsten Arabiens und Mesopotamiens gezeichnet. Täler und charakteristische Bergformen erlauben das Erkennen und Unterscheiden verschie­dener Landschaften. Durch die weite Libysche Wüste aber, die Wüste westlich des Nils, ist nie ein Wasser­lauf gegangen. Keine Einschnitte, keine Landzeichen.

Die Sonne verbündet sich mit der Wüste, um des Menschen zu spotten: senkrecht steht sie in den Mittagsstunden über der Unbewegtheit des Sand­meeres: kein Schatten zeigt an, wo eine Düne sich erhebt, wo kurze Sandwellen hintereinander liegen. Alles gleißt und blendet gleichmäßig, feine Unter­scheidung ist möglich. Erst der Abend bringt Kon­turen zum Vorschein, die Wüste belebt sich: nicht durch Bewegung, Geräusche, Gerüche, nur durch das Auftauchen von Formen, die der Fahrer sich an einem Abendlager einprägt, und die er nie wieder findet, wenngleich er denselben Weg wieder kommt.

Pioniere der Wüstenforschung.

Oasen zu finden, festzustellen, was hinter diesen Meilen und Meilen von Sandmeer liegt: bas war der erste Anreiz zu Fahrten durch die Wüste. Die Deutschen Rohlfs und Zittel haben unter Ein­satz ihres Lebens mit Kamelen in Libyen Bahn gebrochen. Jahrzehntelang folgte niemand. Nach dem Kriege begannen von verschiedenen Seiten Versuche, die Wüste mit dem Auto zu bezwingen. Prinz Kemal el Din zog mit seinen eigens ge­bauten Raupenautos nach Südwesten; De Lancey Forth und Hassaneini Bey trugen neue Zeichen in

die Leere der Landkarte ein; junge englische Offi­ziere: Bagnold, Craig, Clayton, Prendergast ver­suchten es mit Auto und eigener Kraft; Graf de Almassy überflog die Wüste in allen Richtungen. In den letzten Jahren hat der Landesleiter der NSDAP. Aegyptens, Herr v. Homeyer, wieder­holte Vorstöße in die Wüste unternommen.

Nie allein auf Fahrt!

Sie alle geben zu, daß es nicht nur der Wunsch nach Entdeckungen ist, der sie immer wieder hinaus­zieht. Die Wüste hat Macht über sie gewonnen. The Call of the Desert sagen die Engländer, der Ruf der Wüste". Wenn früher Flieger, ver­einzelte tollkühne Leute, die sich in ein neues Ele­ment stürzten, eine besondere Gattung von Men­schen waren, unter sich verbunden durch die ge­meinsame Liebe zum freien Flug, zur Maschine, zur Unendlichkeit, die ihnen dergewöhnliche" Bürger nicht nachfühlen konnte, so sind heute Wüstenfahrer eine ähnliche Gattung für sich. Sie kennen sich untereinander, sie haben eine neue Technik ausgearbeitet. Benzindepots werden Mo­nate voraus im Sand angelegt; eine dauernd kreisende Wasserzufuhr zum Kühler geschaffen; meteorologische Methoden ausgearbeitet, um die Fahrtrichtung zu bestimmen. Bestimmte Regeln werden beachtet: nie geht ein Auto allein auf die Fahrt; Gruppen von mindestens zwei bis drei Wagen gelten als kleinste Einheiten.

Immer wieder Unglücksfälle.

Trotzdem kann man in Kairo nicht zehn Tage leben, ohne wieder und wieder Geschichten von Un­glücksfällen zu hören. Es ist so leicht, über festen Wültenboden zu fahren. Was kann schließlich viel passieren? sagt der Neuling, ich kann ja jeden Moment wieder umdrehen und zurückfahren. Dann kommt der Augenblick des Umdrehens. Ueberall sieht es gleich aus. Was ist die rechte Richtung? Es ist wie im Märchen vom unendlichen Wald. Kreuz und quer geht es. Nirgends ein Landzeichen.

Daß solches auch dem erfahrenen Wüstenfahrer naffieren kann, zeigen die Erlebnisse von Ralph Beynold. Er schreibt vomVerlorensein":Es ist ein unvergeßliches Gefühl. Ich selbst lernte es ein­mal kennen, obwohl ich einen Kompaß bei mir

Dr. Goebbels zeichnete für das Oankopfer der Nation.

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Unter den Ersten, die sich in die Listen der SA. für das Dankopfer der Nation eintrugen, befand sich auch Reichsminister Dr. Goebbels, den unser Bild während der Einzeichnung zeigt. Links Obergruppen­führer von Jagow. (Scherl-Bilderdienst-M.)

trug, als ich auf einem Wochenendausflug 140 Kilometer von Kairo entfernt war, in der Gegend der Hügel von Fayum."

Die Oase ist verschwunden!"

Wenn man sich auf eine bestimmte Richtung nach einem bekannten Ziel auf der Landkarte eingestellt hat und muß nach Zurücklegung der bestimmten Kilometerzahl finden, daß der Ort einfach nicht da ist, so ist das höchst verwirrend. Die sofortige in­stinktive Reaktion ist: handeln. Der gesuchte Punkt muß noch ein Stück weiter fein, oder er muß etwas nach links hinter der nächsten Anhöhe liegen, und eine machtvolle Stimme drängt zum Weiterfahren, irgendwohin, in irgendeiner Richtung. Nur nicht stillstehen und nachdenken.

WüsteN'Wahnsinn, die größte Gefahr.

Diese psychologische Wirkung der wahren Wüste war die Ursache fast aller Wüstenunglücke der letz­ten Jahre. Immer verläßt der Verlorene seinen Wagen, ober sein zusammengebrochenes Flugzeug und beginnt den unüberlegten Marsch. Irgend­wohin gleichgültig, wohin. Das Gefährt wird durch suchende Flugzeuge oder Sucher gefunden, aber der einzelne Fußgänger ist zu klein, um er» fennbar zu sein. Wenn man nur eine halbe Stunde still halten kann, eine Mahlzeit einnehmen oder eine Pfeife rauchen, kehrt der Verstand zurück, um die Frage der Ortsbestimmung zu losen.

Die Gefahr, vor der man sich hüten muß, ist sehr ernst. Sie kommt schnell und unerwartet. Jeder, auch wenn er noch so überlegen und aus­geglichen sein mag, kann von diesem vorüber­gehenden Wahnsinn ersaßt werden, wenn er sich allein findet, ohne zu wissen, wo auf der Karte er sich befindet, ohne die Fähigkeit, mit Hilfe me­teorologischer Instrumente ober Landzeichen seinen Stanbort zu bestimmen.

Wenn der Sandsturm tobt...

Wie die Sonne, die dörrt und austrocknet, die falsche Bilder von Seen und Wäldern vorspiegelt.

Oer Feigenbaum vor meinem Fenster.

Von unserem römischen E.-Korrespondenien.

Jrn Winter sieht er aus wie ein Italiener, der plötzlich, mitten im Sprechen, erstarrt ist.

Schwer, sich darunter etwas vorzustellen? Dann werde ich das wohl näher erklären müssen. Haben Sie schon einmal einen Südländer, es muß ja nicht gerade ein Römer sein, sprechen sehen? Kaum eine andere Sprache ist so sichtbar. Der Duce war bekanntlich in seiner Jugend unter anderem auch Maurer und noch heute setzt er seine Worte nicht etwa gefällig nebeneinander hin, sondern mauert seine Rede, hantiert mit Blöcken und Quadern, spritzt die Satzzeichen hinein wie Mörtel, die Kelle fliegt bald wie ein Taktstab, bald wie eine Hand­granate, er unterstreicht mit wuchtigen Hieben, schöpft mit beiden Armen aus dem Vollen, schleu­dert den Hammer wie Thor und zermahlt Wider­sacher in den Fäusten und könnte überhaupt ohne die Zutat des Wortes verstanden werden.

Aber auch der gewöhnliche Sterbliche in diesem Land der großen Gebärde verfügt über "inen beachtenswerten Reichtum an Ausdrucksmitteln. Das andere Italienisch, die Sprache d.er Mimik, vor allem der Hände, ist das erste, was der Fremde hort, nein, sieht, wenn er am Bahnhof aussteigt. Wenn nun ein Italiener eindringlich auf einen an­deren einredet, so legt er die fünf Fingerspitzen zusammen, hebt die so geschaffene Unterlage hoch und präsentiert dir auf ihr seine Ueberzeugung wie einen Ebrentrunk, den man nicht ablehnen kann. Bei der Widerrede spritzen die Finger plötzlich aus­einander, bleiben aber gekrümmt, und wenn ihn in diesem Augenblick ein tödlicher Frost zum Erstarren bringen würde sähe er mit diesen halb in die Höhe geworfenen, halb geöffneten Händen wie ein winterlicher Feigenbaum aus.

Man sieht alles so scharf vor den Augen, die Fm- gerknorpel, die spitz zulaufenden Nägel ... das Merkwürdige ist nämlich, daß nach dem ßaubfall an jedem Zweigende ein gelblicher Fingernage. zurückbleibt. Und es gibt elegante Feigennägel und gibt kindliche, die meisten haben jedoch etwas Exal­tiertes an sich, so wie ein Snob, man sucht un­willkürlich den Armreif am Handgelenk. Mein Fei­genbaum hat die Fingerkuppen einer alten Frau, man kann schon sagen Hexennägel. Und unbeweg­lich flauen sie sich in den Winterhimmel.

Um Weihnachten herum habe ich an den dürren Fingern jene unbeliebten Gebilde bemerft, gegen die man Höllenstein oder Essigsäure anzuwenden pflegt. Ich mag sie gar nicht beim Namen nennen. Aber von Tag zu Tag wurden sie mir vertrauter,

sie verschönerten sich sozusagen, es waren zu viele, als daß man an häßliche Auswüchse denken konnte. Bei Licht besehen, bei dem wundermilden Licht von Tuskulum, gaben sie dem Baum etwas luftig Knor­peliges und Knuspriges, sie erinnerten jetzt an Flie­derknospen, nur daß sie flacher waren, eher wie Gamaschenknöpfe. Und Anita dachte an ein Abend­kleid, das man reihenweise von oben bis unten zuknöpfen mußte. Im März aber geschah es, daß sie vor dem starren Baum stehenblieb und sagte: Ich glaube, er wird nächstens zu sprechen anfangen!

Nun halten es die Feigenbäume anders als ihre Brüder und Schwestern, wenn der Frühling über sie kommt und die Liebe. Sie fangen nicht etwa zu strahlen und zu blühen an, sie werden nicht red­selig, weil ihnen das Herz übergeht. Da ist der Jasmin, der an der Gartentreppe wächst und seinen Namen Nacktblütler mit Recht trägt, denn schon im Januar sprüht er honiggelbe Blüten aus seinem gitterkahlen Gezweig. Dann kam die Forsnthia, die es ihm im Februar nachmachte, worauf Mandeln und Persische nicht zurückbleiben mochten, nur daß sie erröteten wie junae Mädchen. Immer zuerst die Blüten, dann die Blätter Ist es bei den Kir­schen nicht ebenso? Ach ja, der süße Rausch, was fraat er nach dem Später.

Der Feigenbaum dagegen, er blüht nicht, er be­ginnt vor dem Laub mit den Früchten. Die Gama­schenknöpfe fangen an arößer zu werden, sie schwel­len zusehends, gestern ähnelten sie noch den Saug­näpfen der Tintenfische, der langersehnte Regen aber, den die Göttin Dftara über Tuskulum aus­schüttete, hat sie birnenförmig ausgezogen, sie schei­nen ietzt etwas vom Stamm abzustehen es sind, rundheraus gesagt, Feigen. Haben auch schon eine grüne Farbe, so dunkles Flaschengrün. Man kann also barangehen, die Ernte zu zählen, bevor nur ein einziaes schämiges Feigenblatt da ist.

Wie sich schließlich das Laub entwickelt, das ist eine weitere Gebärde. Wenn man in Italien jemand herwinken will, fo muß man abwinken, Handstäche nach außen, und eine Kußhand sieht auch wieder ganz anders aus als droben im Norden. Geben Sie acht, vielleicht kommt es Ihnen einmal zustatten, wenn Sie wissen, wie man's macht: also. Sie legen, wie eingangs geschildert, die sämtlichen Fingerspitzen zusammen, führen sie so gebündelt an die Lippen und schleudern sie dann freigebig aus, der Dame entgegen, als ob es Blumen wären. Das muß nur so flattern.

Am Tag von Tuskuliyn. den sie nach Ostern feiern, schaute ich zum Fenster hinaus und mußte es erleben, wie sich mein Feigenbaum genau so be­nahm. Die Fingernägel verschwanden auf einmal, er gab sich einen Ruck und schleuderte mit In­brunst fein Liebesbekenntnis hinaus, ich glaube, es galt einer auffallend schlanken Zypresse.

Nun steht er nicht mehr da mit nackten Händen, es grünt aus allen Fingern und die Blätter nehmen schon ihre biblische Gestalt an. Die Feigen erinnern nicht mehr an einen Knotenstock, sie gehen auf, als würden sie in Hefe gebacken, und ich habe Anita dabei überrascht, als sie verstohlen prüfte ob sie schon Milch gäben. Bleib jung und schön! Es gibt fein besseres Mittel als Feigenmilch.

Noch ein paar Wochen und wir werden die lecke­ren Blüten zum Nachtisch haben. Die Früchte sind nämlich gar feine Früchte, sondern Schein­früchte. Das Furchtgebilde ist der fleischig gewor­dene Blütenboden, der, krugförmig ausgehöhlt, oben durch Schuppen geschlossen, auf der Innenwand die Blüten trägt, später die fenffornförmigen Nüßchen- früchte. Das weiß ich aus dem botanischen Hand­buch, sonst aber schmecken sie wundervoll. Unver­gleichlich anders als die gedorrten Mumien, die man auf Strängen aneinderreiht.

Im Süden ist alles anders. Die Kußhand, wie ihre Folgen. Als ich, meine junge botanische Weis­heit an den Mann zu bringen, mit dem Gärtner sprach, der mir mit zehn gebündelten Fingerspitzen auseinandersetzte, daß blaue Feigen weit besser und süßer seien als grüne, verschlug es ihm die Rede. Feigen feine Früchte? Er erstarrte mit halbgeöff­neten Händen und sah in diesem Augenblick einem winterlichen Feigenbaum verblüffend ähnlich.

Bienen und Blüten auf der Fahrt.

Seit 1894 weiß man es aus schlimmen Erfah­rungen in den Riesenobstanlagen Nordamerikas, daß Aepfel und Birnen keine Früchte bringen, wenn sie nur in einer Sorte angepflanzt sind. Aus den eifrigen Beobachtungen und Forschungen, die nach dem Krieg auch bei uns eingesetzt haben, sind wir viel weiter gekommen. Wir wissen nicht nur, daß manche Aepfel- und Birnensorte guten und manche wieder schlechten Blütenstaub hat, und welche Sorten dies sind, sondern wir wissen auch, daß nicht jede Sorte zu jeder beliebigen anderen paßt. Ja, noch mehr: Wir wissen jetzt genau, welche Sorte gebraucht wird, damit eine bestimmte andere damit befruchtet werden kann. Das Rätsel, warum voll blühende Obstanlagen ohne Früchte bleiben, ist gelöst. Gelöst ist damit auch die Frage, wie dem liebel abgeholfen werden kann. Auf lange Sicht wird je etwa der siebente Baum mit einem guten Pallenspender umgepfropft. Nur muß man sich dabei auf drei bis vier Jahre in Geduld fassen. Zu schneller Hilfe aber werden blühende Zweige des guten Pollenspenders in wassergefüllte Flaschen gesteckt und in die blühenden Kronen der Bäume gehängt, denen der richtige Bestäuber in der näch­sten Nähe fehlt.

Das ist aber erst die eine Hälfte der Arbeit. Jetzt muß noch der Blütenstaub aus den Sträußen über die ganze Blütenkrone hin verteilt werden. Das können wirklich ausreichend nur die Bienen besor­gen. Deshalb mieten sich in Amerika schon feit langen Jahren die Obstzüchter zur Blütezeit Bienen­völker und stellen sie unter ihren Bäumen auf. Sie lassen es sich Geld kosten und zahlen je Volk 10 Mark Miete. Noch viel länger schon haben sich die Obstzüchter desAlten Landes" bei Hamburg die Lüneburger Imker mit ihren großen Ständen im Frühling zu Gaste geholt, und beide haben sie ihren Vorteil dabei gehabt. Jetzt halten sich die Obstbauer dort selbst Bienen, weil die Schädlings­bekämpfung mit Spritzgiften unter Umständen für die Bienen gefährlich werden kann. Kluge Obst­bauer überall im Lande sehen sich nach Imkern um, die ihnen die Bienen für die Blütezeit mitten in die Dbftanlaaen hineinstellen. Je näher an den Blü­ten, desto besser! Der Weg, der den Bienen für ihre Befruchtungsflüge zugemutet werden soll, darf nicht mehr als 70 Meter lang sein, wenn sie bei dem wechselnden Wetter und den oft nur ganz kurzen Sonnenblicken des Frühlings wirklich unter allen Umständen gründliche Arbeit leisten sollen. Sie werden also über die ganze Anlage hin verteilt. Sie kr>mm"n dabei auch selbst nicht am schlechtesten weg. Aus Geisenheim gehen in dieser Zeit ganze La­dungen von Blütensträußen hinaus und werden auf Fahrt geschickt hin zu den schon aufgestellten Bienen in den Obstanlagen. Ein Sieg auf diesem Gebiet der Erzeugungsschlacht wird durch Klug- beit und Sorgfalt durch die kleinsten Kämpfer des Nährstandes errungen. A.

Die größten Städte der Welt.

Im Anschluß an einer Berliner Nachricht, nach der die deutsche Hauptstadt durch einen Bevölke­rungszuwachs um 225 000 (5,6 v. H.) am 1. März 1936 einen Stand von 4 224 876 erreicht habe, zählt eine englische Zeitung die größten Städte der Welt auf. An der Spitze steht Groß-London mit rund 8,2 Millionen, und es folgen Neuyork mit 6,93 und Groß-Paris mit ungefähr 6 Millionen Einwohnern. In dieser Aufstellung nimmt Tokio den vierten Platz ein. Wenn man für die Bevölkerungszählung von Paris jedoch nur den eigentlichen Stadtkern zu­grunde legt, fo ergibt sich nur eine Einwohnerzahl von rund 2,9 Millionen, und die japanische Haupt­stadt würde mit ihren 5,3 Mill, an die dritte Stelle und Berlin an die vierte Stelle rücken. Dieser Rang­ordnung schließen sich die folgenden Weltstädte an: Schanghai 3,55, Chikago 3,37, Moskau 2,8, Lenin­grad 2,78, Osaka 2,6 und Buenos Aires 2,2 Mil­lionen.