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1. Juni 1935 M
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flr.47 Zweiter Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag, 25.Zebruar Mb
jackett auf das Leihamt und kriegte fünf Mark für die Ballkarte. Dann zog er sich die schwarze Hose an, wand sich ein Laken um die Hüfte und ein Handtuch um die Stirn und ging als Neapolitaner auf den Ball.
Drei Stunden war er auf den Beinen. Er wurde müde und nahm an einem Tisch Platz, um ein bißchen zu verschnaufen.
Der Ober kam.
„Was darf es sein, mein Herr?"
Willi setzte seine wehleidigste Miene auf.
„Bringen <Äe mir ein Glas Wasser und zwei Aspirintabletten!"
„Sehr wohl, mein Herr!" notierte mit hochgezogenen Brauen der Kellner. „Und was neh» menwiralsNachtisch?"
*
Der Kontrolleur hält einen jungen Mann im Smoking zurück.
„Mein Herr, wir haben Kostümzwang."
„Was ist los?"
„Wir haben Kostümzwang; ich darf Sie so nicht reinlassen."
„Machen Sie doch keinen Unsinn, Herr!" „Zurück! Sie hören doch, es ist Kostümzwang!" „Ist mir egal; ich tue, was mir paßt, verstanden?" „Na, das wollen wir doch mal sehen!..."
Der Kontrolleur packt den jungen Mann beim Aermel. Ein heftiger Ruck. Der Aermel bleibt in der Hand des Kontrolleurs. Eine Weile betrachtet der Gewaltmensch düster sein Opfer; dann hellt sich seine Miene auf:
„So, jetzt dürfen Sie rein!" sagt er.
*
Willibald, der Dreizentnermann, bemüht sich eifrig um eine kleine Micky-Maus.
Leider ist Micky ganz und gar abgeneigt, mit ihm zu tanzen.
„Geh' weg! Du bist mir zu fett!" sagt sie und klopft ihm auf die Finger.
U ebelgelaunt entfernt sich Willibald.
„Und da heißt es immer: Mit Speck fängt man Mäuse!" seufzt er.
„Pst, Doktor, kommen Sie schnell? Ich hab' was für uns. Für jeden eine. Prima, prima, sage ich Ihnen. Ganz Ihr Geschmack!"
„Schlank?"
„Schlank!"
„Dunkler Teint?"
„Dunkler Teint!" — „Knusprig?" — „Knusprig!
„Los! Wo sind die Mädels?"
„Was heißt Mädels?! Ein Paar Bock- würstchen hab' ich uns aus der Schwemme besorgt!"
Schlösser, die im Monde liegen...
Heiratsschwindler sind Volksschädlinge!—Eine amtliche Warnung.
Wie die Justizpressestelle Darmstadt mitteilt, finden sich im amtlichen Bekanntmachungsorgan des Reichsjustizministers unter dem Titel „Rechts- s ch u tz d e s Volkes" als Warnung u. a. folgende Ausführungen:
Ein besonders gewiegter Heiratsschwindler ist vor kurzem von einem deutschen Gericht wegen Betrugs im Rückfalle zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden, nachdem er in insgesamt zehn Fällen in skrupelloser Weise seine Opfer um 4 2 5 0 0 Mark betrogen hatte. Seine „Existenzgrundlage" bildete ein kleines Rechtsbüro. Seine „juristische" Tätigkeit bestand darin, schlechte Mahnbriefe zu schreiben und Vorschüsse einzutreiben. Je nach dem sozialen Stand seiner Opfer — zu ihnen gehörten Hausangestellte, Lehrerinnen, Töchter wohlhabender Bürgerfamilien und auch eine Dame der sogenannten besten Gesellschaft — gab er sich als Rechtsberater, Syndikus oder Rechtsanwalt aus. Er renommierte mit seinen Einkünften und dem vornehmen Umgang, den er habe. Mit großem Geschick verstand er es, in seine Erzählungen Namen von Klang einzuflechten. Als sehr erfolgreich erwies sich der Trick, bei den Zusammenkünften mit den heiratslustigen Frauen einen Dritten hinzuzuziehen, dessen Aufgabe darin bestand, die Angaben des Schwindlers zu unterstreichen, seinen Charakter und seine Fähigkeiten zu loben und auf diese Weise die Glaubwürdigkeit des Schwindlers zu bestätigen. Besuchten die Frauen den Schwindler in seinem Büro, so verstand er es zumeist so einzurichten, daß zu diesem Zeitpunkt Bekannte mit dem Aussehen wohlhabender Leute oder Personen mit klingenden Namen sich bei ihm einfanden, Dinge, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Raffiniert wußte er die kleinen menschlichen Schwächen und Eitelkeiten feiner Opfer und ihrer Angehörigen auszunutzen. In einem der ihm zur Last gelegten Fälle hatten Schwester und Schwager der Braut erhebliche Bedenken gegen den Bräutigam wegen dessen großsprecherischen Gebarens. Die Braut und deren Vater jedoch waren der Meinung, daß man ihr die gute Partie nicht gönne. Der Schwindler nutzte diesen Glauben und stärkte ihn, so daß die Warnung wirkungslos blieb. Schon vor der Verlobung übergab der Vater der Braut dem Schwindler die'Mitgift in Höhe von 5 0 0 0 Mark. Daß feine Tochter einige Tage vorher ihre eigenen Ersparnisse zur Anzahlung für ein Auto hergegeben und außerdem die Abzahlungswechsel für diesen Kauf unterschrieben hatte, ahnte er nicht. Da die Braut über ihr selbständiges Vorgehen ein schlechtes Gewissen hatte, war der Schwindler sicher davor, daß der Vater der Braut zunächst etwas von diesem Geschäft erfahren würde. Kurz vor der Hochzeit erhielt er nochmals 1000 Mark. Zum Hochzeitstage erschienen zwar die Gäste, aber nicht der Bräutigam, der sich mit Krankheit entschuldigen ließ. Auch das genügte noch nicht, um die Braut und deren Vater davon zu überzeugen, daß sie einem S ch w i n d l e r in die Hände gefallen waren.
In einem anderen Falle war die Braut von dritter Seite gewarnt worden. Sie fetzte sich daraufhin mit der Polizei in Verbindung und sollte diese h"i einem neuen Zusammentreffen benachrichtigen. Sie brachte es jedoch nicht über sich, ihr Vorhaben bnrchzulühren. Der Schwindler und sein Komplize, „fvrr Assessor 3E.", verstanden es, das Mädchen wiederum so vertrauensselig zu machen, daß es hüh^n fonnr eine Vollmacht gab, auf Grund deren sie durch einen Rechtsanwalt den auf einer Seereise befindlichen Vater des Mädchens zur Auszahlung eines größeren Geldbetrages veranlassen wollten. Der Briefstil des Schwindlers war d-rartig schlecht, daß er, als er durch eine Anzeige Verbindung mit einer sehr vermögenden Witwe er
hielt, gar nicht einmal selbst zu schreiben wagte. Einer seiner Bekannten schrieb für ihn die ersten Liebesbriefe. Nachdem die persönliche Verbindung hergestellt war, gelang es dem Schwindler, von dieser Frau nach und nach 5500 RM., ein Auto und die Anteile einer G. m. b. H. zu erlangen.
Betrachtet man die Fälle, die nahezu täglich als Heiratsschwindel zur Aburteilung gelangen, dann sind es im wesentlichen drei Kategorien von Frauen, die diesen Betrügern zum Opfer fallen: Unerfahrene Hausgehilfinnen, Verkäuferinnen, Büroangestellte usw., die einige Ersparnisse haben; ältere Mädchen aus den sogenannten bürgerlichen Kreisen, die sich bis dahin vergeblich nach Ehe und Mutterschaft gesehnt haben; schließlich wohlhabende oder reiche alleinstehende Frauen und Witwen. So verschieden alle diese Personen nach Herkunft, Bildung und Lebensstellung sind, so übereinstimmend ist ihr Aeußeres. Es sind nämlich die von der Natur dürftig Bedachten, Unscheinbaren, Häßlichen ober die lieberalterten, die nicht oder nicht mehr zu den von den Männern begehrten Frauen zählen, wobei seltene Ausnahmen diese Regel nur bestätigen. Auf jene bedauernswerten Frauen hat es der Heiratsschwindler abgesehen, denn er weiß genau, daß die nichtbegehrte Frau alles opfert, um das Ziel ihrer Träume zu erreichen, daß sie sich persönlich und finanziell sehr zugänglich zeigt und daß sie sich so langsam und sicher ausplündern läßt.
Die Typen der Heiratsschwindler und die Methoden ihres Vorgehens find ganz verschieden. Sie finden sich in allen sozialen Schichten und sind in allen möglichen Schattierungen vertreten: vom kleinen Gelegenheitsbetrüger, der sich der Hausgehilfin oder Verkäuferin gegenüber als biederer Kaufmann oder Beamter ausgibt, über den Berufsbetrüger, der einen in sicherer Position befindlichen Akademiker vortäuscht, bis zum hocheleaanten Großbetrüger, der sich als Schloß- Herr, Großkaufmann und dergl. aufsvielt und dessen ständiger Aufenthalt elegante Badeorte und große Luxushotels find. Es find keineswegs immer Männer von äußerer Schönheit, die mit bezauberndem Lächeln Frauenherzen zu erobern vermöchten. Wie die Gerichtspraris zeigt, find es vielmehr oft Männer, bei deren Anblick und Anhören es unbegreiflich erscheinen muß, wie es ihnen gelingen konnte, Frauen und junge Mädchen zu betören und ihnen unter den unwahrscheinlichsten Vorwänden das Geld zu entlocken. Es wäre dringend zu wünschen, daß olle h-jnatslustig^n Fronen und Mädchen, vor allem diejenigen älteren Jahrgangs, einmal einen Blick in den „Geschäftsbetrieb" eines solchen Heiratsschwindlers werfen könnten. Die Anbahnung, das K"nnenlernen des Opfers erfolgt zumeist in der Weise, daß der Schwindler eifrig die Heiratsinserate in Zeitungen und Zeitschriften studiert und nach den ihm Gewinn versvrechenden Angeboten seine Fühler unter falschem Namen ausstreckt.
Gewisse Kategorien von Heiratsschwindlern pflegen sich unter der Maske des biederen kleinen Beamten mit gesichertem Einkommen vor allem an heiratslustige Hausangestellte heranzumachen, die in dem Glauben, später einmal pensionsberechtigt 3U sein, nur allm gern ihre oft sauer verdienten Ersparnisse dem Betrüger 3wecks Einrichtung der Wohnung oder zu sonstigen Anschaffungen 3ur Verfügung stellen. In den sozial gehobeneren Schichten sind vor allem elegantes Auftreten und vornehme Kleidung das Handwerkszeug des Schwindlers, der es sich etwas kosten läßt, dafür aber auch ein Vielfaches feiner Unkosten aus dem „Geschäft" herausholt. Um sich den An-
schein eines „Gentleman" zu geben, legt er sich nur allzugern den Doktortitel ober einen hochtrabenden adligen Namen zu, erzählt gewandt von angeblichen Weltreisen und eigenen Gütern ober Schlössern, bie natürlich auf bem Monbe liegen! Das gehört zum Großbetrüger unb verfehlt selten feine Wirkung.
Der nationalsozialistische Staat, ber in ber Ehe und Familie die Keimzellen des Staates sieht, hat bas benkdar größte Interesse baran, ben Heirats- schwinbler als ben gemein ft en Typ aller Betrüger auszurotten. Dem Heiratsfchwinbler drohen daher exemplarische Zuchthausstrafen und gegebenenfalls die Sicherungsverwahrung bis an sein Lebensende. Freilich darf der Kampf gegeen die Heiratsschwindler nicht unnötig erschwert werden. Frauen unb Mäbchen, bie gern heiraten mochten, dürfen auch ihrerseits nicht blindlings einem ihnen nur kurze Zeit bekannten Manne, der ihnen schon nach wenigen Zusammenkünften die Ehe in Aussicht stellt, vertrauen. Eine Anfrage beim Einwohnermeldeamt
der Ortspolizei wird vielfach genügen, um die Identität der Person, die sie kennengelernt haben, festzustellen. Ist aber ein Mädchen ober eine Frau bas Opfer eines solchen Heiratsschwinblers geworben, bann bars bie Bestrafung biefer Gauner nicht unnötig dadurch erschwert und ihnen bas Betrügen leicht gemacht werden, baß ben zuständigen Behörden — Polizei, Staatsanwaltschaft ober Amtsgericht — ber Fall nicht zur Anzeige gebracht wirb. Wenn auch ein solches Verhalten aus Scheu vor ber Vernehmung, insbefonbere in ber späteren Gerichtsverhanblung unb aus Scham über ben eigenen Reinfall wohl verftänblich ist, so muß dennoch im Interesse ber Volksgemeinschaft bie Anzeigeerstattung sofortige Pflicht ber betrogenen Frauen sein. Denn nur bann ist es möglich, ben Verbrecher zu fassen unb weitere Betrügereien an anberen Frauen unb Mäbchen zu verhindern. Durch ihr Schweigen würben sie lebiglich bem Zerstörer ihrer Eheträume zu weiterem verbrecherischen Treiben Beistand leisten.
Aus den preußischen Nachbargebieten.
Lastauto von einem Zug überrannt.
* Wetzlar, 25. Februar. Am gestrigen Montag kurz nach 19 Uhr ereignete sich an ber unübersichtlichen Straßenkreuzung östlich von Burgsolms, unmittelbar vor bem bortigen Bahnhof, ein schwerer Verkehrsunfall. Der um 18.51 Uhr in Wetzlar nach Grävenwiesbach abfahrenbe Perfonenzug stieß an ber vorgenannten Straßenkreuzung, als er soeben ben dicht babei liegenben Tunnel verlassen hatte, gegen ein mit Zement unb Kalk belabenes L a st a u t v des Mühlenbesitzers A m e n b van Neukirchen (Kreis Wetzlar). Das Lastauto würbe von ber Lokomotive in ber Mitte getroffen unb baburch ber rückwärtige Teilbes Fahrzeuges von dem Vorderteil abgefprengt. Während der rückwärtige Teil von der Lokomotive noch ein Stück fortgeschleift wurde, flog der Vorderteil mit den beiden Insassen links zur Seite. Das Lastauto wurde völlig zertrümmert. Die beiden Insassen blieben aber zum Glück, wie durch ein Wunder, unverletzt. Der Unglücksfall, dessen Ursache erst durch die polizeiliche Ermittlung klargestellt werden muß, hatte eine erhebliche Verspätung des Zuges zur Folge.
IagdhauS-EinbruchbeiDornbolzbausen
<> Dornholzhausen (Kreis Wetzlar), 25. Febr. In einer der letzten Nächte haben, innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Male, Einbrecher bas im Walbbistrikt „Kuhheck" belegene Jagd- Haus ber Pächter unserer Gemeinbejagb heimgesucht. Währenb bie Einbrecher bei bem letzten Einbruch burd) bas Dach in bas Innere bes Iagb- Hauses gelangten, verschafften sie sich biesmal burd) gewaltsames Oeffnen eines Fensters Eingang unb taten sich an ben vorhanbenen Getränken gütlich. Die polizeilichen Ermittelungen würben sofort ein« geleitet.
Günstige Entwicklung der frankfurter Finanzen.
2,4 Mill. Mark Fehlbetrag für 1936 veranschlagt.
LPD Frankfurt a. M., 24. Febr. Am Montagnachmittag fanb eine Sitzung der Frankfurter Gemeinberäte statt, in ber ber Oberbürgermeister den Haushaltsplan für 1936 vorlegte. In einer Pressebesprechung am Vormittag erläuterte ber Stadtkämmerer Dr. Lehmann ben Haushaltsplan. Er wies zunächst barauf hin, baß auch in Frankfurt a. M. eine fortschreitende Besserung ber Haushaltswirtschaft unverkennbar sei. Diese komme in ber Feststellung zum Ausbruck, baß nach ben Zwischenabschlüssen ber letzten Monate mit ber Beseitigung bes ursprüng-
lichen Fehlbetrages von 3 Mill. RM. im Haushaltsplan 1935 gerechnet werben kann. Der Haushaltsplan für 1936 ist nicht ausgeglichen. Er schließt ab mit 139,5 Mill. RM. in Einnahmen unb 141,9 Mill. RM. in Ausgaben, so baß ein Fehlbetrag von 2,4 Mill. RM. verbleibt. Dank ber Minberung ber Fürsorgeaufwenbungen unb ber erhöhten Steuereingänge konnte ber Fehlbetrag auf biefer im Rahmen eines 140 Millionen-Etats nicht fo sehr ins Gewicht fallenben Höhe gehalten werben, währenb anbernfalls mit einem Fehlbetrag von 7 Mill. RM. hätte gerechnet werben müssen. Aus bem außerorbentlichen Haushalt, ber 18,6 Mill. RM. vorsieht, find u. a. ber Neubau ber Universitätsbibliothek mit einem Aufwanb von 1,5 Mill. RM., ber Neubau ber Frauenklinik unb eines Un- falloerletzten-Krankenhauses mit 1,95 Mill. RM. unb ber Umbau bes Saalbaues mit 350 000 RM. hervorzuheben.
Der jüdische Maffagesalou.
Nahe an Mädchenhandel grenzend.
LPD. Frankfurt a. M., 23. Febr. Eine erwerbslose Hausangestellte in Berlin machte dort bie Bekanntschaft einer Frau, bie ihr empfahl, sich nach Frankfurt in ben Massagesalon ber 47jährigen Frau Johanna Steinmetz, einer aus Polen stammenden Judin, zu begeben, wo sie durch Herrenbekanntschaften viel Geld verdienen könne. Als das Mädchen bei Frau Steinmetz eintraf, schloß diese einen Vertrag mit ihr ab. In dem Salon wurden noch zwei Mädchen „beschäftigt". Die Inhaberin nahm den Mädchen 3,50 Mark pro Tag ab, sowie die Hälfte ihres Verdienstes, wobei sie ein gutes Geschäft machte. Durch eine anonyme Anzeige wurde die Polizei auf das Kuppelquartier aufmerksam. Das Schöffengericht, das jetzt gegen Frau Steinmetz verhandelte, erachtete das Verhalten der Kupplerin nahe an Mädchenhandel grenzend und verurteilte die Angeklagte zu einem Jahr Gefängnis, drei Jahren Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht.
Kreis Wetzlar
<3 Wetzlar, 24. Febr. Die Milchverwertungsgenossenschaft Wetzlar hielt ihre Jahreshauptversammlung in der „Alten Post" ab. Zum Jahresbericht und zur Bilanz sprach Kreisstellenleiter Berg, der auf die außerordentlich günstige Entwicklung der Genossenschaft im letzten Jahre hinwies. Zu Anfang des Geschäftsjahres betrug die Zahl der Mitglieder 153, Ende 1935 210. Insgesamt wurden 1 915 772 Liter an der Sammelstelle Wetzlar angeliefert. An die Molkerei wurden 211558 Liter gegeben. 80 440 Liter Markenmilch
Masken-Vbilosophie.
73on Or Johannes Güniber.
Die Menschheit des zwanzigsten Jahrhunderts belächelt die Karnevals-Larve schon fast. Die Larve, die man sich vors Gesicht tut, um so, unkenntlich gemacht, allerhand Vergnügungen zu wagen, Allotria und Schabernack zu treiben — diese Larve, braucht man sie noch?! Man ist ja so frei unb großzügig, man gestattet sich ohnehin so viel, man hat bie „Vorurteile" überrounben, unb vollenbs zur Karnevalszeit ist gleichsam bie Parole ausgegeben: amüsiert euch tüchtig, gestattet ist alles, übelgenommen wirb nichts! In ber Karnevalszeit ist bas befreienbe Gefühl ba: ich kann mich einmal loslassen! Also wozu eigentlich noch bie Larve? Etwas anberes ist es mit bem Kostüm. Diese 23er« kleibung befriebigt ben Spiel-, Nachahmungs- unb D->rwanblunastrieb, ben mehr ober weniger ieber Mensch hat. Kostümfeste will also auch ber Mensch des zwanzigsten Jahrhunberts haben — ja seine Geschmackskultur, sein ausgebilbetes Kunstgewerbe, seine Selbstbilbnerei, bie sich in mobernen Vorzügen unb Torheiten offenbart, fein Gefallen an schöner, großer Dekoration festlicher Gemeinschaftsräume ist fähig, Kostümfeste prachtvoll unb fpannenb zu gestalten. Aber man steht mit Offenherzigkeit in bie= fern Frohsinn — ohne Larve.
Die Larve ist heute ein historisches Requisit: feine Dämonie, feine Galanterie, seine Konvention ist verklungen. Das siebzehnte, achtzehnte, neunzehnte Iahrhunbert haben feine Möglichkeiten ausgefchopst. Es war einmal — baß bie Larve wie eine breite Brille um bie Augenpartie saß, ober wohl auch noch einen Teil ber Stirn unb bie Nase bebeckte — damit freilich riskierten der blendende Herr und die schöne Dame bereits eine Einbuße an Reiz und Liebenswürdigkeit; man tat am klügsten, bloß die Augen- partie zu maskieren, auch meinte man zu wissen, baß biefer Teil bes Gesichts ber persönlichste unb beweglichste sei unb seinen Besitzer am ehesten verrate ,
In biefer Teilmaskierung konnte man nicht bloß hemmungsfrei ben Karnevalsfreuden nachgehen, man war auch noch für viele anbere Falle getarnt: unter bem Schutz ber Larve suchte ber Liebhaber burd) bas Gewühl ber Neiber ben Weg zur Coeur- Dame, trat ber Abenteurer bie gefährliche Reise an, blieb bas Jncognito gewahrt, nahte ber Meu- chelmörber seinem Opfer. Nun — mörderische Absichten will gewiß keiner mehr haben, aber.... Die anderen Fälle... ob für die anderen tJaue■ 1^ öie Larve nicht doch manchmal wieder empfähle. Ob man das Rad der Mode in dieser Beziehung nicht doch einmal etwas zurückdrehen konnte-'! -3cy glaube, mancher und manche möchte es schon.
Man muß ja sagen: die Larven hatten und haben etwas Unheimliches, sie geben dem Gesicht etwas Totes — ein grausig-grotesker Zug kommt durch sie in das ausgelassene, noch immer irgendwie gesundfröhliche Karnevalstreiben, ein teuflischer Zug, ein Sinnbild bes bösen Gewissens ist die Larve bei denjenigen, die sich ihrer auf verbotenen Wegen bedienen. Um des Unheimlichen willen hat man auch bie Teilmaske bes Gesichts Larve genannt, es ist ein lateinisches Wort, bas eigentlich bie Gespenster, bie bösen Geister bezeichnete; ihnen würben am Ende bes Monats Februar Opfer dargebracht. Danach ist bann „Larve" überhaupt wohl bas Undurch- schaubare, bas ber Finsternis Angehörende, Lichtscheue, ja noch Ungeroorbene. So griffen bie Naturforscher bas Wort auf unb bezeichneten bannt alle ber Verwanblung unterworfenen Insekten in bem ersten Lebensabschnitt, gleich nach der Entwicklung ans dem Ei. .,, ri.
Die Larve ist eine neutrale, nichts Bestimmtes bebeutenbe", Teilmaske bes Gesichts, wie etwa ber "Domino" ein neutrales Kostüm ist. Erst bie völlige Maskierung bes Gesichtes kann etwas Bestimmtes bebeuten, sie ist ein Darstellungsmittel, wohl noch zum Zweck bes Verbergens, aber schon zum Zweck ber Darstellung von etwas Neuem, in bas ber Träger ber Maske sich verwandelt ober in welchem er mit einem gemeinhin nur nicht bekannten Zuge seines Wesens aufersteht.
Das Wort „Maske" ist europäisch international; bas arabische Wort „mas-chara“ wirb über bas Spanische, Portugiesische zu uns gekommen sein.
Diese völlige Gesichtswanblung beschäftigt uns heute recht wohl noch: als (Begenftanb ber 23ölker- funbe, als (Begenftanb bes Kunstgewerbes, ber Bild- hauerkunst unb als Gegenstand) ber Mobs.
Der Mensch bes Ursprungs macht sich Masken nach ben Vorbilbern ber guten Geister, ber bösen Geister ober ber Ahnen, bie in bie Sphäre ber Geister ein« gegangen sinb. Er nimmt an, baß bie Geister eine Körperlichkeit haben, also auch physiognomisch be
stimmt sinb. Diesen Geister-Physiognomien gleicht ber Mensch sich mit seinen Masken an unb meint,
mit biesem Aussehen bie guten Geister anzulocken, bie bösen Geister abzuftoßen. Unter ben Masken ber Neger fallen uns monumentale Gebilbe auf, Werke von einer gerabezu ftaunenerregenben Geschlossenheit ber bilbhauerischen Stils. Im Gegensatz zur stillen ober brutalen Einfachheit ber Negermasken sinb bie altamerikanischen Masken voll unausgeglichener, maßloser Leidenschaft. Die japanischen Masken sinb so vielgestaltig kultiviert wie bie halb zarten, balb rohen Aufgaben ihrer Trager: nämlich ber Schauspiel-Tänzer, bie natürlich noch von priesterlicher Kraft burchbrungen sinb; sie binden sich die Maske nicht vors Gesicht, sondern im Innern der Maske ist ein Zapfen: den beißen sie an und halten
so *bie Maske, sie sind buchstäblich auf ihre Darstellung „verbissen", sie sind mit ihrer Maske organisch verbunden.
Eine hohe Kultur der Maskenbildnerei entwickelten ja die Griechen, sie hatten nicht bloß die schon sprichwörtlichen tragischen und komischen Masken, nicht bloß für jede Rolle eine besondere Maske, sondern für die verschiedenen Szenen eines Bühnenwerkes wechselten sie die Masken.
Die alten Tanz-Masken unserer Alpenländer überschreiten bei weitem das, was man dörfliche Kunst, Volkskunst, nennt, es sind unter ihnen wuchtige Werke, gewiß von unbekannter, aber berufener Hand.
So sieht sich der Tanzkünstler, der Pantomime von beute einer Fülle der Vorbilder gegenüber. Noch viele Kombinationen und auch Eigenschöpfungen sind ihnen möglich. Im Tanze kommt jene bewegte Starrheit der Maske zur Geltung, die in uns einen Schaud-r erregt, als stünden wir dem Ewigen gegenüber. Der sprechende japanische Schauspieler malt sich sein Gesicht wie eine Maske, mit klobigen Farbflächen schminkt er sich zurecht. Im Anklang an die Larven und Deckmasken spricht man von der Maske, von der Verdeckungskunst, in moralischer Beziehung: man verurteilt das böfe Verstecksviel, die Heuchelei, man fordert von den Menschen ein für allemal Demaskierung.
Eine Maske gibt es, die auf keinen Fall verbirgt, sondern bie, im Gegenteil, in oft ungeahnter Weise, öffnet: bie letzte Maske, bie Totenmaske. Sie hat etwas von ber befreiten Seele.
Konfetti.
Von Georg Mühlen-Schulte.
Frau Marlene Triller hat irgenbeine entfernte Ähnlichkeit mit Greta Garbo. Aber sie ist biefer als bie Garbo, viel dicker.
Bei dem großen Ball faß sie in ihrer Loge, aufrecht, kühl, mit verschleiertem Rätselblick und mit einem Zug von geheimnisvollem Weh um die schmalen Lippen.
Jemand blieb vor ihr stehen, starrte sie mit offenem Munde an.
„Die Garbo sind Sie nicht", sagte er schließlich, „aber wenn ich wüßte, daß Gretas Mutter Drillinge gehabt hat, dann ..."
dann würden Sie denken, ich sei einer davon, nicht wahr?" ergänzte Marlene geschmeichelt.
„Nein, dann würde ich denken, Sie seien zweie davon!" erklärte der Mann.
*
Es waren die letzten Tage vor Ultimo, Willi hatte wiedermal fein Geld. Er trug fein Smoking-


