Nr.A Sechster Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 25.Januar ML
Acht Wochen beim E.-Baiaillon in Gießen.
Rekruten und Ausbilder erzählen von ihrer Dienstzeit.
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Die Vereidigung eines neuen Lehrgangs am 11. Januar 1936 auf dem Schiffenberg; in der Mitte im Vordergrund der Regimentskommandeur Oberst Vierow. — (Aufnahme: Photo-Pfaff, Gießen.)
Zum Geleit.
Das Ergänzungs-Bataillon 53 hat keine ruhmreiche und alte Ueberlieferung. Es ist ein Kind unserer Zeit, aber einer Zeit, die mit ihrem gewaltigen Umbruch ihre eigene Geschichte baut. Das abgelaufene Kalenderjahr 1935 brachte dem deutschen Volke die Wehrhoheit. Erst dieser wahrhaft säkularen Tat des Führers des Volkes und Kanzlers des Reiches verdanken wir als Ausbildungstruppe unser Entstehen. Groß war der Zudrang der schon im Leben stehenden oder doch vom Leben geschüttelten Männer, um von dem von unseren Vorderen überlieferten Wehrrecht Gebrauch zu machen. Mit Begeisterung taten sie in jeweils acht Wochen den nicht leichten Dienst. Kameradschaft und Truppenstolz zeigten diese Männer, denen lediglich vorzuwerfen ist, daß das Schicksal sie zehn Jahre zu spät hat geboren werden lassen. Ohne organische Bindung mit Althergebrachtem glückt ein neues Experiment selten. So knüpft das Ergänzungs-Bataillon 53 in Gießen an die beste Tradition auf jahrhundertelange Erfahrung aufgebauter Erziehung zum Kampfsoldaten an. Dies Ziel kann nur erreicht werden, wenn Lehrer und Schüler den hohen Ethos wahren Soldatentums erfassen.
Aus den nachfolgenden Schilderungen, die Stimmungen und Eindrücke mit Betrachtungen wiedergeben, spricht der Soldat, dem man anmerkt, wie er bewußt oder unbewußt aufatmet, weil ihm sein Recht, wehrhafter Deutscher werden zu können, zurückgegeben ist. Sie lassen aber auch erkennen, daß der Dienst in der Truppe Volksgemeinschaft ist und daß die Bindung so stark ist, daß es dem einzelnen nicht möglich ist, in der Gemeinschaft sich außerhalb zu stellen, ohne Gefadr zu laufen, aus der einheitlichen Bahn geschleudert zu werden.
Junker,
Major (E) und Kommandeur des Ergänzungs-Bataillons 53.
Als SA -Bann beim E.-Vatl.
Jahrelang haben wir alten politischen Soldaten in Treue und blindem Gehorsam zum Führer unseren Dienst als SA.-Männer getan, haben Tag und Nacht gerungen und geworben um die Seele unseres deutschen Volkes, gekämpft für das große Ziel des Führers: ein einiges und damit starkes und freies Reich! Klein noch war unsere Zahl, aber fanatisch im Glauben an den Führer und seine Sendung! Langsam nur wuchs die Schar der Kämpfer, bis wir dann den Tag erlebten, der die Krönung unserer Arbeit, unserer Opfer war: der Führer ist Kanzler des Reiches und Hitlerfahnen wehen über allen Straßen! Geeint war das Volk in seinen Stämmen und Schichten, unbeirrbar ging der Führer seinen Weg weiter!
Wenn wir SA.-Männer bann abends in unseren Sturmabenden zusammensaßen, Erlebnisse aus der Kampfzeit austauschten und der Opfer gedachten, die dieser Freiheitskampf von uns gefordert, so wurden wir doch stille, wenn die alten Frontsoldat ten unter uns erzählten, von den Schlachten des Weltkrieges und dem Sterben der Kameraden im Schützengraben. Und mit einem Mal wußten wir Jungen, was uns noch fehlte, was wie eine Last noch auf uns lag: wir politischen Soldaten, die wir durch unseren Einsatz dem Führer das Dritte Reich bauen halfen, wir wollten S 0 l d a t e n .sein, wie es unsre Väter waren, um — wenn es sein muß — unser Vaterland, unser im Nationalsozialismus geeintes Volk und feinen Lebensraum auch mit der Waffe verteidige^ zu können!
So nahmen dann grade wir alten SA.-Männer die Tat des Führers vom 16. März 1935, in der er dem deutschen Volke seine Ehre vor aller Welt wieder gab und die allgemeine Wehrpflicht einführte, mit besonderem Jubel und Heller Freude auf! Es zogen dann, als die Ergänzungseinheiten aufgestellt wurden, die alten Kämpfer der Partei, der SA. und SS. in die Kasernen ein! Sie brachten jenen unerschütterlichen Glauben an den Führer mit und den festen Willen, Soldaten zu werden, Waffenträger der Nation! Bald verband dann das Band wahren und echten Soldatentums die politischen Kämpfer und die militärischen Ausbilder, die Kompanie wurde zur Heimat. Der Dienst selbst aber brachte Freude, Befriedigung und Stolz. Und wenn auf den Märschen SA.-Kampflieder und
alte Soldatenlieder aufklangen, so war dies Ausdruck gleichen Geistes und Wollens. -
Als bann der Führer bet der Vereidigung des ersten Jahrgangs der Rekruten der deutschen Wehrmacht die neue Reichskriegsflagge mit dem Hakenkreuz verlieh, war bas ein Tag befonberer Freude für uns alte SA.-Männer unb junge Solbaten.
Schütze Ludwig Schäfer, Unterf.-Anw., 1. Kompanie, Erg.-Bataillon 53.
Stanbartenführer ber SA. - Standarte 222 Friedberg.
„Wer will unter die Soldaten?"
Am 11. Mai 1935 packten wir unsere sieben Sachen, um uns auf acht Wochen freiwillig dem Dienste in der Wehrmacht zu widmen. Einem inneren Drange gehorchend, kamen wir freiwillig, um hier eine kurze militärische Ausbildung zu genießen, die uns die so lange Jahre verschlossene Möglichkeit geben sollte, Kenntnis in der Handhabung der notwendigsten Verteidigungswaffen zu erhalten, und die uns wiederum zu wehrhaften und wehrfreudigen Männern machen sollte. Wie war die Freude groß, als uns das Glück zur MG.-K. führte. Und wenn der eine oder der andere mit gemischten Gefühlen in die Kaserne eingezogen war, so sollte er doch bald erkennen, daß seine neuen Vorgesetzten prachtvolle Menschen waren. Auch der letzte Mann war angenehm enttäuscht, Vorgesetzte und Truppe waren, soweit ich das vom Lehrgang III behaupten kann, eine einzige Kameradschaft. Fast je zur Hälfte bestand unser Lehrgang aus SA.- und SS.-Männern, die alle ein gut Teil Vorbildung mitbrachten. Führer und Geführte, hier alle im grauen Rock, einer so viel und so wenig als der andere.
Und nun begann die Ausbildung. Aus allen Berufen waren unsere Freiwilligen gekommen, und manchem erschien der Dienst in den ersten Tagen etwas hart. Wir waren uns aber darüber im Klaren, daß wir in diesen acht Wochen Augen und Ohren offenhalten mußten, um das Maß der an uns gestellten Anforderungen zu erfüllen. Deshalb griffen wir auch hinein ins Eisen, und der lästige Muskelkater ist heute ja längst vergessen. Mit Lust und Liebe waren wir bei der Sache, und nach wenigen Tagen war bas zivile Leben von uns abgestreift unb an dessen Stelle ein exaktes militärisches Benehmen getreten.
Jeder Tag brachte uns ein Stück weiter, und schon standen wir zum erstenmal auf dem Schieß- stand zum Scharfschießen. Hier sollten die langen Kerls beweisen, daß sie neben großen Humpenheben auch im Schießen ihren Mann stellen. Da lachte das echte deutsche Herz unsrer Freiwilligen, denn Schießen war auch unsere allergrößte Freud. Und wenn unsre Ausbilder auch manchen Kummer mit uns hatten, so konnten sie auf der anderen Seite aber auch viel Freude mit uns teilen. Hier wollen wir unfern lieben Spieß, Oberfeldwebel Jung, nicht vergessen. Ihm, der jetzt in Baden beim Zoll tätig ist, gebührt heute ein herzliches Gedenken, denn er war die Mutter ber Kompanie unb hatte für jeben Gehör unb Verstänbnis. Sein schelmisches Schmunzeln sehen wir noch heute, wenn ihm unsere Lieber ober unsere sonstigen Scherze gefielen.
Nach einer 00m Bataillon über uns verhängten Urlaubssperre, bereu wir burch entsprechenben Bubenzauber zu begegnen wußten, sah uns das Pfingstfest 1935 erstmals wieder als Urlauber daheim bei unseren Lieben. Die Hälfte unserer Sol- datenzeit hatten wir damit schon hinter uns, und auf zwei Tage wollten wir einmal das Land der roten Erde, das Bergwerksgelände, vergessen.
Für den Naturfreund war es immer ein erhebendes Gefühl, wenn das Bataillon am frühen Morgen mit dem Lied „Wer recht in Freuden wandern will" zu einem Marsche oder einer Hebung durch die bebauten Wiesen und wogenden Kornfelder zog, unb wenn Lerchen unb Kuckuck im Chor mit einstimmten. Es war ja auch bie schönste
ber 1 Zeit des Jahres, als wir, der Lehrgang III, unsere ucht Wochen cwinachten.
Den Höhepunkt unserer kurzfristigen Ausbildung bildete ein Gefechtsschießen in Erda, zu welchem uns der Wettergott einen schönen gleichmäßigen Landregen bescherte. Eine besonders hohe Ehre wurde uns zuteil durch den Besuch unseres Reichsstatthalters und (Bauleiters Jakob Sprenger, der sich hierbei gleichzeitig von dem hohen Stand der Ausbildung bei unserm E.-Batl. überzeugen konnte. Trotz des schon erwähnten Regenwetters wurden gute Schußleistungen erzielt, und nun beendete ein zackiger Nachtmarsch die Tage von Erda. Damit war der Krieg für uns so gut wie gewonnen.
Die letzte Woche rüsteten wir feste zum Abschied, und es stiegen die inoffiziellen Abschiedsabende Nr. 1, 2 unb 3. Noch mancher Stiefel machte bie Runde unb viele hunbertmal erklang bas Lieb: „Reserve hat Ruh!" Nach einer gemütlichen Ab- schiebsfeier, bei ber bas kamerabschaftliche Verhältnis zwischen höchsten Vorgesetzten bis herunter zum einfachen Mann nochmals augenscheinlich uns vor Augen trat, nahmen wir unter kräftigem Hände- schütteln ooneinanber Abschieb.
Der nächste Tag schon sah uns wieder an der Werkbank, hinter Maschinen oder am Schreibtisch inmitten staubiger Akten, um auch hier weiter unsere Pflicht zu tun.
Doch eines ist uns von unserer kurzen, aber schönen Soldatenzeit geblieben: das ist die Erin-
Blick aus einen Teil der Unterkunft in der Gailschen Fabrik. — (Aufnahme: Kraft.)
nerung und das stolze Bewußtsein, auch einmal bas graue Ehrenkleib getragen zu haben, und getreu unserem Eide wollen wir zu jeder Stunde bereit bleiben, das Vaterland, wenn es je in Gefahr geraten sollte, mit Gut und Blut zu schützen.
Den heutigen Tag unseres Wiedersehens aber wollen wir dazu benutzen, die alte Kameradschaft zu erneuern unb zu festigen, auf baß sie sich allzeit bewähre!
Schütze Walther Fasold, Unterf.-Anw. im 1. Lehrgang 1936.
Erster Eindruck des Rekruten.
Da ich eine weite Anreise hatte, traf ich schon am Vorabend des Gestellungstages in Gießen ein. Wie nun in der Nacht zur Kaserne kommen? Da erblickte ich einen aktiven Landser. Wo geht der Weg zur Kaserne des Erg.-Batl. 53 Gießen. Statt einer Antwort musterte er mich prüfend eine Zeit lang. „So, bei de Gail'sche Feuerwehr willscht. Ja, ba gehst be nächste Straß rechts vor, solange bis be denkst, du kämst nimmer hin, dann finbs noch 10 Minute." Mit dieser höflichen Auskunft und meinem schweren Koffer trollte ich mich weiter, bis ich endlich an der Kaserne ankam. Nach ewigem Suchen wurde ich schließlich durch den U. v. D. in meine Stube gelotst.
Ich war allein und ging bald schlafen. In der Nacht träumte ich, ich wäre Stationsvorsteher vom Hauptbahnhof Leipzig. Kaum war ich einen Moment eingeschlafen, da brauste schon wieder ein Zug vorbei.
Äm nächsten Morgen kamen die anderen Stubenkameraden. Mit Ehrfurcht hörte der Rekrut die Erwägung des alten Mannes, des gereiften Lands, daß ein obengelegenes Bett den Vorzug der besseren Luft habe, andererseits ein unten gelegenes, wenn schlecht gebaut, noch Aussicht habe, dem wachsamen Auge des Oberspießes zu entgehen.
Dann kam das Einkleiden auf der Kammer. Wie unter die Räuber unb Märber gefallen, kam sich ber junge Rekrut vor. Halsbinbe unb Schnürschuhe, Stahlhelm und Unterhosen, Handschuhe und Tornister regneten von allen Seiten auf ihn herab, jedes Stück begleitet von einem halb einschmeichelnden, halb drohenden „Das paßt". Keuchend schleppte ich in der Zeltplane meine Sachen vor den Spind und blickte dann verzweifelt auf den Riesenberg: Das soll alles hinein? Unmöglich! Hier erfuhr ich zum ersten Male, daß bei Gott und den Preußen nichts unmöglich ist. Alles ging hinein, wenn auch die Spindtür ächzte.
Halb wehmütig, halb freudig war der Abschied vom Schlips und Kragen, sie wurden zu den Akten, d. h. in den Koffer gelegt, ber bann auch auf ber Kammer verschwand. Jetzt erst kam uns voll zum Bewußtsein, baß ber Zivilist vor dem Kasernentor liegen geblieben, wir selbst aus Schlips unb Kragen zu Solbaten geworden waren.
Wie im Fluge vergingen die ersten Tage, in denen uns das Gehen und Stehen, das wir schon seit etwa 2 Jahrzehnten zu können glaubten, beigebracht wurde. Bald war die erste Woche herum, der Tag der Vereidigung war da. Zum ersten Male sah der Rekrut das Bataillon geschlossen in den drei Blocks der Kompanien marschieren, ein imponierender Anblick. Im Hof des ehemaligen Klosters Schiffenberg, umgeben von den Zeugen
Das E.-Bataillon auf dem Marsch durch die Stadt; an der Spitze zu Pferde der Bataillonskommandeur Major I u n k e r mit seinem Adjutanten.
Der schönste Dienst des Tages: SB^Zempfang.
Besichtigung des Lederzeugs auf der Stube. (Aufnahmen [3]: Photo-Pfaff, Gießen.)
Soldaten öss C.-Bataillovs HeM heim Holzaujladen. (Aufnahme: Kraft.)


