schickte; man erlebte weiterhin die Kohlenübernahme aus erbeuteten feindlichen Schiffen auf offener See, die Uebernahme von Schiffsladungen aus Feindschiffen in den eigenen Schiffsraum, soweit es sich um Dinge handelte, die für die Heimat von großem Wert waren; u. a. brachte der „Wolf" rund 420 000 Pfund Tee als Beute mit nach Deutschland zurück, wo er sehr willkommen war. Dazu brachte der „Wolf" auch noch 735 Menschen (Männer, Frauen und Kinder) aller Nationen als Gefangene von fremden Schiffen mit nach Kiel zurück, nachdem er mit dieser „Einquartierung" monatelange Fahrt durch alle Meere hatte machen müssen, ohne einen Hafen anlaufen zu können. Mit Humor sagte S ch m e h l, Vater Noah hätte neidisch werden können, wenn er diese neuzeitliche Arche Noah des „Wolf" gesehen habe.
An Hand vieler Einzelschilderungen konnten die Zuhörer weiterhin die Feststellung machen, daß die
Der Reichsberufswettkampf ist der große disziplinäre Akt der Jugend.
von der feindlichen Propaganda im Kriege in aller Welt behauptete deutsche Barbarei eine der ungeheuerlichsten Lügen war, die jemals die Welt erlebt hat; das bezieht sich auch auf den „Wolf", dem man ebenfalls Barbarei nachgesagt hatte, dessen Besatzung aber in klarer Weise bewiesen hat, daß bei all ihrem Handeln die Gesetze der Menschlichkeit nicht im geringsten verletzt worden sind, sondern Ritterlichkeit und edles Menschentum bei ihm immer Geltung hatten.
Wie der „Wolf" seine Ausreise durch den größten Teil der Weltmeere bis in den Stillen Ozean ausgedehnt hatte, so mußte er auch seine Heimfahrt von dort wiederum durch alle Meere machen, ohne die Hilfe eines Hafens genießen 3U können. Daß diese Fahrt glücklich verlief, gereicht der Führung, den Offizieren und der Mannschaft des „Wolf" zur unvergänglichen höchsten Ehre, zumal dabei noch die Sorge um die Gefangenen und um die Versorgung des Schiffes mit allen Notwendigkeiten täglicher Gast der Besatzung war. Und als dann die kühnen Seefahrer wiederum nach der Fahrt durch den ganzen Atlantik und das Eismeer erneut die sechsfache englische Blockade durchbrochen hatten und unmittelbar vor dem Heimathafen Kiel standen, mußten sie aus einem Anruf eines deutschen Wachschiffes vernehmen, daß man daheim den Hilfskreuzer „Wolf" nach seiner 15monatigen Abwesenheit, in der keinerlei Nachricht nach der Heimat gegeben werden konnte, für verloren und die Besatzung für tot erklärt hatte. Das gab nun natürlich ein gewaltiges Hallo, als das „verlorene" Schiff mit der „toten" Besatzung leibhaftig wieder da war und sogar noch viele Gefangene und eine große Beute mit sich brachte. Im Heimathafen Kiel endete dann im Februar 1918 die unvergeßliche Fahrt.
Am Schlüsse seines Vortrages ermahnte Kapitän Schm e hl das deutsche Volk, stets in Einigkeit und Geschlossenheit zusammenzustehen, so wie der Führer Adolf Hitler es jetzt erreicht habe, denn nur dann werde es wieder zur Weltgeltung gelangen. (Langanhaltender stürmischer Beifall.)
O^erreqierunasrat Dr. Gchoenba^s als Vertreter des Goethe-Bundes sprach dem Vortragenden herzlichsten Dank aus und betonte dabei, wie sehr man in Gießen diesen Vortragsabend mit Freude begrüßt und erlebt habe. Ebenso wie der Vortragende wies auch dieser Redner auf das hehre Beispiel des Führers hin, dem die große Versammlung mit freudigen Sieg-Heil-Rufen Gruß und Treugelöbnis darbrachte. Der gemeinsame Gesang des ersten Verses des Horst-Wessel-Liedes bildete den Abschluß des schönen Abends.
Aus der provinzialhaupistadt
Der dörfliche Jungbrunnen.
Zeit zu Zeit Manche ver-
Wort erklärt
ig: Professor Stefan Lore Fischer, Stutt-
Temesvary. Solistin:
Es ist gut, wenn wir Städter von einen Blick in das dörfliche Leben tun. , gesfen vielleicht im Zeitalter der Technik, daß dort in den abgelegenen Ortschaften auch noch eine „Welt" ist. Keineswegs ist das eine Welt für sich, sondern sie ist eng verbunden mit uns. Aber wie selten kommt manchem das zum Bewußtsein!
Aus den Dörfern zogen einst unsere Vorfahren in die Stadt. Wer die Welt recht verstehen will, der muß seine engere Heimat, seine Urheimat, erkennen und beobachten, sonst hat er keinen Grund unter den Füßen. Im Alter sieht man das manchmal erst ein, wenn es schon bald zu spät ist. Die fugend stürmt vorwärts und vergißt zu leicht die eigentliche
Frost und Hitze.
Das Festhalten des Landvolkes am Altherge- brachten wird von manchen Städtern gelegentlich lächerlich gemacht. Jene sollten mit viel mehr Ernst und Ehrfurcht gerade diese dörfliche Seite beachten. Das ist keine Starrköpfigkeit, sondern Liebe zu unseren Vorfahren. Was ihnen einst heilig war, das wollen die Landbewohner auch ferner in Ehren halten.
Freilich dürfen wir uns nicht verhehlen, daß es auch Feindschaften in jedem Dorfe gibt, und so wie die Nachbarschaft gepflegt wird, so geht es auch oft mit dem Haß und dem Neid. Durch Geschlechter hindurch können wir das verfolgen. Erfreulicherweise sind ja jetzt die politischen Parteien verschwunden, und von dieser Seite droht keine Störung der Gemeinschaft mehr. Das spürt man auch auf dem Lande. Frieden und Eintracht kehrten ein, wo noch vor Jahren Zank und Streit herrschten.
gart, (Alt). Preise von 1 bis 3 Mark, Freier Kartenverkauf nur Musikalienhandlung Challier. — Mittwoch, 29. Januar, von 19.30 bis 22.30 Uhr, die Operette „Die Fledermaus" von Johann Strauß. Musikalische Leitung: Paul Walter, Spielleitung: Daul Wrede. Tänze: Thery Schultheis, 15. Mittwoch-Abonnement. — Freitag, 31. Januar, von 20 bis 23 Uhr, „Maskenball", Oper von Verdi. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Der Intendant. 16. Freitags-Abonnement. — Samstag, 1. Februar, von 18.30 bis 21.30 Uhr, als geschlossene Werkvorstellung „Die Fledermaus", Operette von Johann Strauß. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Paul Wrede. Tänze: Thery Schultheis. Kein Kartenverkauf. — Sonntag, 2. Februar, von 19 bis 21.30 Uhr, außer Abonnement, das elegante Gesellschaftsstück
Wenn wir so bei den Bekannten und Nachbarn stehen, den Tagesgesprächen lauschen und die Ruhe und Behaglichkeit miterleben, die sich über dem ganzen Dorfe ausgebreitet haben dann kehrt auch in unserem Herzen die Sehnsucht nach Zufriedenheit und Stille ein. Wir kehren mit ganz anderen Gefühlen zu unserm Arbeitsort in der Stadt Aurücf Wir haben wieder einmal am Jungbrunnen des Lebens getrunken und gespürt, daß es keine Uebertreibung ist, wenn betont wird, daß alles Gesunde und Starke aus unseren Dörfern kommt.
____________ eigentlich alles.
Daß jemand eirte besondere Rolle spielen will, kommt selten vor. Jeder fügt sich gern und willig in die Gemeinschaft ein. Haben doch die Bauern alle dasselbe zu tragen: Regen und Sonnenschein,
Heimat. . .
Ich freue mich immer wieder, wenn ich einige Tage oder gar Wochen in einem Dorfe verbringen kann, denn nicht nur der Anblick eines Dorfes erwärmt mir das Herz, sondern auch das dörfliche Leben. Es ist da doch manches anders als m Der Stadt. Wir fordern Kameradschaftlichkeit imBeruf, im Leben. Wir wollen die Volksgemeinschaft fordern.
Da geht einem das Herz auf, wenn man erlebt, wie schlicht und natürlich sich diese Kameradschaft auf dem Dorfe auswirkt. Durch die Gleichartigkeit der Arbeit ergeben sich ganz von selbst Zusammenhänge, die vielen in der Stadt fremd sind. Die sozialen Unterschiede fallen fast ganz weg. ^yenn ein Bauer neben einem Arbeiter wohnt, so mern man das kaum. Sie sind eben Nachbarn, und Die Nachbarschaft auf Dem Lande ist eine Ehrensache. Sie wird nicht nur in Ehren gehalten, sondern bewußt gepflegt. Die Nachbarn nehmen teil an Freud und Leid, die die andern treffen.
Diese ehrliche Nachbarschaft wird gewissermaßen von den Eltern auf die Kinder vererbt. Die alten Nachbarn, die vielleicht weitab wohnen, bleiben doch die Nachbarn. In den meisten Fällen geht die Nach-, barschaft über die Verwandtschaft. Freilich eins können wir auch beobachten: eine eigentliche Freundschaft ist die Nachbarschaft nicht überall. Sie beruht auf größter Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, eine gewisse Gemessenheit, ja Zurückhaltung können wir Da feststellen. Aber was das Leben so bringt, das wird freudig mit den Nachbarn geteilt. Innerhalb dieses Kreises gibt es keine Geheimnisse. Das kann man auch leicht verstehen bei der Bauweise der Dörfer. Wer ein Geheimniskrämer fein will, der ist nach Ansicht unserer Landbewohner kein rechter Nachbar. Es gibt auf dem Lande ein Wort, das wir oft von Den Eltern gehört haben. Es heißt: „Was sollen die Nachbarn dazu sagen!" Dieses
Der Spielplan des Gießener Sladtlhealers vom 26. Januar bis 2. Februar.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben:
Sonntag, 26. Januar, von 19 bis 22 Uhr, außer Abonnement, die klassische Operette „Die Fledermaus" von Johann Strauß. Das Werk kommt in neuer Inszenierung und Ausstattung unter Der musikalischen Leitung von Kapellmeister Paul Walter und unter der Spielleitung von Paul Wrede in der Premierenbesetzung zur Aufführung. Tänze: Thery Schultheis. — Montag, 27. Januar, von 20 bis 22.30 Uhr, als Vorstellung der NS.-Kulturgemeinde Ring Deutsche Bühne der große Uraufführungserfolg, zum letzten Male, „Der Stern von Sevilla" von Lope de Vega. Aus dem Spanischen übersetzt und frei bearbeitet von Hans Schlegel. Spielleitung: Der Intendant. — Dienstag, 29. Januar, von 20 bis 22 Uhr, 3. Symphoniekonzert des Gießener Konzertvereins. Das Konzert gilt zugleich als 5. Abonnementsko.i- zert des Gießener Konzertvereins und als 16. Dienstag-Abonnement. Werke von Brahms, Reger, Beethoven, Haydn, ßeituni "" '
Vornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Erg.-Bataillon 53 Gießen: Wiedersehensfeier in der Volkshalle zu Gießen. — NSG. „Kraft durch Freude: ab 15.30 Uhr allgemeine Körperschule und Waldlauf auf dem Universitätssportplatz am Kugelberg. — Stadttheater: (Deutsche Bühne): 20 bis 22.30 Uhr „Der Stern von Sevilla". — Gloria- Palast (Seltersweg): „Henker, Frauen und Soldaten". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Stutzen der Gesellschaft". — Gesangverein Heiterkeit: 20.30 Uhr Hauptversammlung im Schipkapaß. — Bund heimattreuer Schlesier (Deutscher Ostbund): 20.30 Uhr Jahreshauptversammlung im „Pfälzer Hof . Marinekameradschaft: Jahreshauptversammlung. — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz: Ausstellung Münchener Maler.
Tageskalender für Sonntage
Stadttheater: 19 bis 21.30 Uhr: „Die Tanzaräfin" — Gloria-Palast (Seltersweg) „Henker, Frauen und Soldaten". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Stützen der Gesellschaft". — Reichsfachgruppe Imker 14 Uhr Jahreshauptversammlung im Hotel Hopfeld. — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz: Ausstellung Münchener Maler.
„Eine Frau ohne Bedeutung" von Oscar Wilde. Übersetzung und Neubearbeitung von K. Lervs. Spielleitung: Der Intendant.
Rudolf G. Rinding liest in Gießen.
Der bekannte und vielgelesene Dichter Rudolf G. B i n d i n g wird, wie man uns schreibt, aus ym- ladung des Goethe-Bundes und des Kaufmännischen Vereins am kommenden Montagabend aus eigenen Werken lesen. Dindings Gedichte, Novellen und Legenden sind weiten Kreisen bekannt. Mehr noch, fein Name ist zum Inbegriff einer Dichtungsgattung geworden. Binding gehört nicht zuden Vielschreibern, die jahraus, jahrein ihrer Leserschaft einen Band liefern. Er hat nur geschrieben, wenn er etwas Einzigartiges erlebt und zu gestalten patte. So schreibt der Dichter wohl eines der schönsten und tiefsten Kriegsbücher. Das beglückende Erlebnis eines Vortragsabends dieses Dichters ist Der wunderbare Einklang der Persönlichkeit mit Dem Werk. (Siehe heutige Anzeige.)
Goldenes Doktorjubilcium.
Am morgigen 26. Januar kann der frühere Leiter des Landgraf-Ludwig-Gyrnnasiurns in Gießen, Oberstudiendirektor Dr. Baur, der Mitte Februar 1927 in den Ruhestand trat, sein goldenes
Doktorjubiläum begehen. Oberstudiendirektor Dr .Baur, der am 8. Oktober 1861 in Friedberg geboren wurde, besuchte von 1867 bis 1870 die Volksschule, bann bis 1877 die Realschule und Progymnasium in Friedberg. Vom Herbst 1877 bis zum Herbst 1879 wurde er im Gymnasium zu Darmstadt unterrichtet, wo er auch die Reifeprüfung bestand. Er studierte dann klassische Philologie, Deutsch und Geschichte in Gießen und in Berlin, anschließend wiederum in Gießen. Seine Doktorprüfung bestand er mit magna cum laude. Dann trat er in den hessischen Schuldienst ein, in dem er an den höheren Schulen in Büdingen, Gießen, Darmstadt, Laubach und schließlich wiederum in
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Em preußischer Leonidas.
Don Hans Franck.
Als während des Zweiten Schlesischen Krieges, nach der Schlacht bei Hohenfriedberg, Friedrich der Große in Böhmen eingebrochen war, geriet sein Heer unvermutet in eine Bedrängnis, daß es nur durch die Heldentat eines preußischen Offiziers und feiner ihm bis zum Letzten ergebenen Mannschaft gerettet werden konnte. Der König war von dem Jubelsturm des Sieges so mühelos vorwärts getrieben worden, baß er nicht einmal Bedenken trug, auf einer schmalen, durch den Chef seiner Pioniere in kürzester Frist erbauten Notbrücke über die Elbe zu rasen. Sobald er aber — drüben angelangt — die Lage prüfte, erkannte Friedrich, daß er in eine Falle geraten war. Die Oesterreicher, welche ihn auf drei Seiten umschlossen, standen plötzlich; und das Gebot des Handelns konnte nun nicht mehr von ihm ausgegeben werden; es war auf den Befehlshaber der Feinde, den Prinzen Karl von Lothringen, übergegangen. Griffen die Preußen an, so bestand Gefahr, daß die Zange des österreichischen Heeres sich hinter ihnen schloß und eine noch bis vor kurzem siegreiche Armee — jetzt auf allen vier Seiten umzingelt — in schimpfliche, den Krieg entscheidende Gefangenschaft geriet. Machten die Preußen aber den versuch, das rückwärtige Ufer der Elbe wiederzugewinnen, so würden ohne allen Zweifel die Oesterreicher angreifen und mit solchem Ungestüm nachdrängen, daß auf der alsdann unter feindlichem Feuer liegenden Brücke eine Katastrophe ohnegleichen unvermeidlich war.
Für die Lage des preußischen Heeres gab es nur noch ein Wort: verzweifelt. Karl von Lothringen wußte es und wartete. Denn er stellte fest — und Friedrich mußte dieser Feststellung zähneknirschend zustimmen —: jeder Tag, an dem nichts geschah, bedeutete Gewinn für die Oesterreicher. Die Verpflegung der Preußen wurde von Mahlzeit zu Mahlzeit schwieriger. In ihrem zu weit vorgeschobenen Lager wütete die Ruhr. Der Siegestaumel war in katzenjämmerliche Ernüchterung um« geschlagen. Mut und Zuversicht sanken mit der herbstbedrängten Temperatur um die Wette. In der Tat: es stand verzweifelt um das preußische Heer. Nur noch einer konnte helfen: der „große Alliierte".
Am Morgen des 20. September 1745 lag dichter Nebel über der Elbe. Der stieg und stieg, wogte nach hüben, wogte nach Drüben. Es war, als wolle er ganz Böhmenland auslöschen. Friedrich, welcher lange schon wußte, daß „der da oben" die Menschen nicht durch Wunder errettet, sondern sich dar- auf beschränkt, uns den Ausweg aus der Gefahr freizulegen und abzuwarten, ob wir ihn sehen und uns dieser Hilfe durch das Wunder einer übermenschlichen persönlichen Tat würdig erweisen, Friedrich erkannte: Die Rettung! Er beschloß, den Einsatz zu wagen. Damit war für manchen seiner
Soldaten jenes schwarze Los gefallen, das „Tod" heißt, unerbittlich, unausweichlich „Tod!"? Freilich. Aber die Rettung des Ganzen machte die Opferung einzelner notwendig; die Erhaltung des Lebens vieler Tausende — und damit der Zukunst des preußischen Staates — war mit dem Tode von Hunderten nicht zu teuer bezahlt.
In einer Minute war der Plan Friedrichs festgelegt. Seine Wahl für den Befehlshaber der zu Opfernden fiel auf den Obersten von Treskow, einem ungewöhnlich schnell beförderten, ebenso tüchtigen wie verläßlichen Reitersmann. Der wurde gerufen. Bald darauf stand — hochgereckt, jede Muskel des Körpers gespannt, jede Fiber der Seele dienstbereit — ein preußischer Offizier vor seinem König. Friedrich riß mit wenig Worten sein Be» fehlsgebäude auf: Rückzug des Heeres über die Elbe, bevor der Nebel weicht — währenddessen Anariff der Oesterreicher durch sein Regiment — wohlgemerkt: Scheinangriff! — aber mit solcher Wucht zu führen, daß der Feind die gesamte preußische Armee im Vordringen glaubt — dem Ansturm Des Lothringers unter allen Umständen standhalten? — bis das preußische Heer drüben auf dem andern Ufer angelangt ist, standhalten! — Verstanden?
„Zu Befehl!" antwortet ein preußischer Offizier, will salutieren und kehrtmachen, um die Ausführung dessen oorzubereiten, was ihm sein König aufgetragen hat.
Friedrich hält den Obersten von Treskow zurück und fragt: „Ist Er verheiratet?"
„Jawohl, Majestät."
„Kinder?"
„Zwei. Wie mein Vater. Einen Jungen von vierzehn und einen von dreizehn Jahren."
„Also hat Er einen Bruder. Nur einen. Keine Schwestern?"
„Nein."
„Wo befindet sich Sein Bruder?"
„Im Heer des Königs. Als Leutnant bei meiner Schwadron."
„Als — Leutnant?"
„Wir, mein Bruder und ich, sind uns nicht, wie meine beiden Jungen, im Abstand eines Jahres gefolgt. Sondern im Abstand eines Jahrzehntes."
„Ist Er wohlhabend?"
..Das Gnt Jäckel wirst für Die Meinen ausreichend zum Leben ab."
„Versteht Er was von Der Landwirtschaft?"
„Die lernt man bei uns zu Hause wie Essen und Trinken, wie Reiten und Schießen. Man fann’s und weiß nicht, wie man dazu gekommen ist."
„Auch sein — Bruder hat auf solche Weise Die Landwirtschaft erlernt? So daß er einem Gut erfolgreich oorstehen kann?"
„Besser als ich, dessen Lebenskompaß seit Kindertagen auf Krieg zeigt."
Der König nickt. Der Oberst von Treskow reißt sich zusammen, will wiederum salutieren und kehrtmachen. Doch bevor es geschehen kann, sagt Fried
rich beiläufig, zu beiläufig: „Schick Er mir sogleich Seinen Bruder! Den Leutnant. Ich möchte einen Brief nach Berlin expedieren. Einen Brief, den ich nur in Die HänDe eines Offiziers legen kann."
Da ermißt Oberst von Treskow Die ganze Be- Deutung Des Befehls, Der ihm rourDe. Durch feinen hochgereckten, überlangen Körper läuft ein Schauder — ein Baum erschauert so, dessen Herzwurzel der erste Axthieb traf, und ehe er es zu verhindern vermag, ruft er aus: „Majestät?!"
„Sjat Er in Seinem Leben schon einmal von Leonidas gehört?" fährt Der König feinen Offizier an. Der strafft sich und antwortet: „Es gibt keinen Helden der Geschichte, von dem ich — auf Befehl des Vaters — nicht durch unfern Hauslehrer gehört hätte."
„Repetier Er, was Er von Leonidas noch weiß!" befiehlt der König.
Und der Oberst von Treskow, Vater von zwei Kindern, sagt — als ob er ein Schüler wäre, der vor feinem Lehrer steht, befehlsgemäß auf: „Leonidas, König von Sparta, verteidigte 480 v. Ehr. den Engpaß von Thermopylä, um das persische Heer des Terxes so lange aufzuhalten, bis die griechische Flotte bei Arthemision gesiegt hatte. Als der Ansturm der Perser zwei Taae lang von Leonidas abgewiesen worden war, lieh Lerxes durch einen Verräter Truppen in seinen Rücken führer. Leonidas schickte sein Heer nach Hause und kämpfte mit 300 auserwählten ©partialen gegen viele Tausend Perser, bis nicht einer der heldenmütigen Verteidiger mehr am Leben war. Auf solche Weise rettete er sein Vaterland. Dieses ließ ihm zum Dank ein Grabmonument errichten, auf dem zu lesen stand: „Die hospes, Spartae nos te hic vidisse iacentes, Dum sanctis patriae legibus obsequimur.“
Das ist:
„Wand'rer melde von uns Den Bürgern Spartas Die Botschaft:
Fstgsam heil'gem Gesetz ruhen im Grabe wir hier." „Soll ein Spartaner einen preußischen Offizier beschämen?" fragt Friedrich der Große mit schneidender Schärfe.
„Nein, Majestät", antwortet Oberst von Treskow.
„Ich werde — zum Zeichen, daß Er mit Seinem Angriff zu beginnen hat — Die Musik spielen lassen. Sobald Der Uebergang Des preußischen Heeres zum jenseitigen Ufer Der Elbe ausgeführt ist, gebe ich Befehl, daß man drüben Die Kirchenglocken läutet. Dann Darf Er sich zurückziehen. Dann er ft! Nicht eine Minute früher. Hat Er oerftanDen?"
„Jawohl."
„Alles?"
„Alles, mein König."
Die Hände zweier Männer liegen ineinander; länger, fester, warmherziger als üblich. Denn beide', Feldherr und Offizier, wissen, daß sie sich nicht wie» dersehen. —
Friedrich der Große gab Befehl zum Rückzug des preußischen Heeres über Die Elbe. Oberst von Tres- 1 kow schickte seinen BruDer zu Dem König, sprach ein-
Dringlich mit einem beifeite genommenen Leutnant, ohne Daß irgenDwer eine Silbe Dieses Gesprächs hören konnte, und gab Befehl, Daß Patrouillen auf- klärend zum FeinD vorfühlten. Um neun Uhr erscholl plötzlich preußische Militärmusik. „Also wie festgelegt hanDeln!", rief Oberst von Treskow Dem Leutnant zu; so laut, Daß die Mannschaften aufmerksam wurden und jedes Der nachfolgenden Worte befriedigt in sich einließen. „Den Brückenkopf unter allen Umständen so lange für uns frei halten, bis der König von drüben her Den Befehl zum geordneten Rückzug gibt!" Der Leutnant grüßte Gelöbnis und sprengte mit einigen Leuten Der Elbe zu.
Oberst von Treskow griff Die Oesterreicher an. Das geschah mit solchem Ungestüm, mit so verbissener Wut, mit einem Geschick, daß Karl von Lothringen — an freier Sicht durch den Nebel gehindert— glaubte, Friedrich habe aus Verzweiflung nun doch den Angriff mit seiner ganzen Armee befohlen. Um den Gegner noch tiefer, als schon geschehen, in die Falle zu locken, beschränkte er sich einstweilen auf die Verteidigung, um erst dann, wenn die Vernichtung des preußischen Heeres unausbleiblich war, mit ganzer Kraft zu dem sorg- sam vorbereiteten, einklammernden Gegenstoß auszuholen. Heldenmütig, keine Verluste scheuend, bedrängte Oberst von Treskow die Feinde. Es wurde zehn — es wurde elf — es wurde Mittag — da wankte Der Nebel, lichtete sich, fchwanD hin vor der siegreichen Sonne, und Die Oesterreicher mußten — vor Wut schäumend — feststellen: „Das preußische Lager ist leer! Friedrich steht mit seiner Armee jenseits der Elbe!"
In diesem Augenblick begannen Drüben Kirchenglocken zu läuten. Aber auch wenn es nicht erst jetzt geschehen wäre, Da nach einem kreischenden „Drauf!" Karls von Lothringen die Zange des vorstürmenden österreichischen Heeres sich erbarmungslos um das Häuflein der hüben zurückge- lafsenen Preußen schloß, auch wenn der erlösende Rückwartsruf früher erklungen wäre — Oberst von Treskow hätte sich nicht zu seinem König hinüber retten können. Denn er hatte Dem beiseite genommenen Leutnant in Wahrheit Den Befehl gegeben, hinter Dem letzten preußischen Soldaten des ans jenseitige Ufer gehenden Heeres sogleich mit Dem Abbruch Der Brücke zu beginnen.
So fielen, einer nach Dem anDem, Die abgeschnit- tenen preußischen Reiter unD ihr Befehlshaber, Die eine Armee retteten; bis fein einziger von ihnen mehr am Leben war.
Als König Friedrich Die Nachricht von Dem Ende Des Obersten von Treskow überbracht wurde, sagte er: „Ein preußischer Leonidas". Dann schwieg er lange. Endlich kam es stoßweise aus seinem Munde: „Möge sein Volk — durch ewigen Nachruhm — sich an ihm bewähren — wie er sich — an seinem Volke bewährte." Wieder eine lange Panse. Plötzlich reckte Friedrich Der Große sich auf, sah feinen Offizieren in Die Augen und rief königlich: „Der Kampf geht weiter, meine Herren. Bis zum Sieg!"


