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Nr. 144 Zweiter Blatt

Dienstag, 25. Zum 1936

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Die finnischen Olympia-Vorbereitungen.

Das ganze Land im Zeichen der fünf Jtinge.

Don unserem ständigen v.Z -Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Helsingfors, Juni 1936.

Es dürfte wohl wenige Länder geben, welche schon seit Monaten ebenso wie Finnland ganz i m Zeichen der Olympischen Spiele stehen. Die Niederlage Abessiniens, die arabischen Un­ruhen in Palästina und die Streiks in Frankreich erhalten in der finnischen Presse bedeutend weniger Raum als die bevorstehenden olympischen Sport­ereignisse. Die Vorbereitungen Finnlands für die Spiele werden äußerst ernsthaft betrieben. Das Land hat seinen Ruf als europäische Sport- groß m a ch t zu verteidigen und ist sich voll be­wußt, daß diese Aufgabe mit jeder neuen Olympiade immer schwieriger wird. Mit seinem Abschneiden bei den Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen war Finnland nicht zufrieden. Eine einzige Gold­medaille in der Skistafette ist für verwöhnte fin­nische Ansprüche eine zu kleine Ernte gewesen. Der Haupteinsatz des finnischen Sportes wird in der Leichtathletik erfolgen und hier wiederum in erster Linie in den langen Laufstrecken, Wurf- und Sprungübungen. Ferner haben noch die ausge­zeichneten finnischen Turner und Ringer Sieges­aussichten. Von den leichtathletischen Kampfzweigen hofft man mit etwas Glück in sämtlichen langen Strecken, im Hochsprung und im Speerwurf die finnische Flagge am Siegesmast zu sehen. Das Training der sinnischen Leichtathleten steht unter Oberaufsicht von Paavo Nurmi, welcher das Amt eines Reichstrainers erhalten hat. Es bedarf keiner Erläuterung, daß damit das finnische Trai­ning in die Hände des ersten Fachmannes der Welt gelegt ist. Teilweise werden die einzelnen Gruppen, wie Turner, Ringer und Leichtathleten, in der finnischen Sporthochschule zu Vierumäki, einer neu erbauten staatlichen Anstalt, zu längeren und kür­zeren Trainingskursen zusammengezogen. Erstmals soll Finnland auch das olympische Fußballturnier mit einer Mannschaft bestreiten, welche unter Lei­tung des deutschen Trainers F a b r a schon eifrig an der Arbeit ist. Nicht, zu vergessen sind auch die finnischen Segler, von denen jedoch noch nicht be­kannt ist, mit wieviel Booten sie in Kiel auftreten werden. Insgesamt ist damit zu rechnen, daß Finn­land etwa 110 bis 120 männliche aktive Teilnehmer entsendet, möglicherweise kommen noch dazu zwei oder drei Frauen, die in kürzeren Laufftrecken starten werden.

Der Frauenkampfsport hat sich nämlich in Finnland merkwürdigerweise noch immer nicht durchsetzen können, da man dort mehr Gewicht auf die körperliche Erziehung der Frauen durch rhyth­mische Gymnastik als durch Leichtathletik legt. An den gymnastischen Frauenvorführungen wird jedoch eine stärkere finnische Frauengruppe teilnehmen. Die finnische Mannschaft wird, was die Leicht­athleten betrifft, nach den Ausscheidungskämpfen am 12. und 13. Juli benannt werden und wird dann in drei Staffeln, erst ganz kurz vor den Spielen, die erste Staffel voraussichtlich am 25. Juli, nach Berlin teils mit dem Schiff, teils im Flug­zeug abreisen. Nach den Erfahrungen von Los Angeles ist man nämlich der Ansicht, daß es zur Schonung der Nervenkraft günstig ist, die Mann­schaft so spät wie möglich auf die Reise zu senden. Die Kosten der finnischen Olympia-Beteili­gung werden teils vom Staate, teils durch private Sammlungen aufgebracht. Der finnische Staat hat einen einmaligen Beitrag von 700 000 Fmk. bereit- gestellt. Die privaten Sammlungen haben vorläufig schon weitere 1,4 Mill. Fmk. ergeben. Auch die finnische Industrie unterstützt mit sehr beachtlichen Summen die Olympia-Idee.

Es ist damit zu rechnen, daß aus Finnland außer den etwa 120 Sportleuten noch ebenso viele Be-

gleiter und etwa 2000 Zusch auer sich in Berlin einfinden werden. Entsprechend der Zu­sammensetzung der finnischen Truppe vereinigt sich auch das Hauptinteresse der finnischen Zuschauer auf die Veranstaltungen in der Leichtathletik-Woche. Die Masse derselben wird in einem geschlossenen Block nahe am Ziel sicherlich eine Woche lang von früh bis spät im Stadion unermüdlich ihre finni­schen Fähnchen schwenken und mit wohleinstudier­ten Kampfrufen ihre Vertreter Aum Siege an­spornen. In vielen anderen Länoern haben die Reisebüros ihre Reise so vorbereitet, daß auf einen Stadionpaß oder eine Leichtathletik - Dauerkarte z. B. zwei Ausländer reisen, die sich gegenseitig bei der Benutzung der Karte ablösen. Finnland macht eine Ausnahme. Die meisten der finnischen Besucher wollen ihre Karte allein aus­nutzen. Auch dies ist ein Zeichen für die große sportliche Ausdauer nicht bloß der Aktiven, son­dern auch der Zuschauer. Allein zu den Olympischen Spielen werden also mehr finnische Besucher fah­ren, als früher im Laufe eines ganzen Jahres nach Deutschland zu reisen pflegten. Alle wollen sie zur Eröffnungsfeier anwesend sein, und die meisten von ihnen, da es sich vielfach um weniger bemittelte Sportenthusiasten handelt, wollen ebenso geschlossen nach Beendigung der leichtathletischen Woche wieder zurückfahren.

Hierdurch sind gewisse Verkehrspro­bleme entstanden, denn die gewöhnlichen Schiffs­verbindungen von Helsingfors nach Stettin und von Helsingfors über Schweden nach Deutschland können zu den drei Reisetagen, die praktisch nur in Frage kommen, nur etwa 600 dieser Besucher befördern. Eine große Erleichterung in der Verkehrsfrage bietet die neue Schiffahrtslinie Helsingfors-Pillau, auf der in diesem Jahre der S e e d i e n st Ostpreußen das große 1200 Personen fassende Motorschiff Preußen" eingesetzt hat, dessen Abfahrts- und An­kunftzeiten für die Olympischen Spiele so geregelt wurden, daß seine Fahrgäste noch am ersten Tage der Leichtathletik-Woche im Stadion zu Berlin ein­treffen können. Es bleiben aber noch immer einige hundert finnische Besucher übrig, welche den müh­seligen Weg mit Schiff nach Reval und bann die zweitägige Eisenbahnreise über Riga-Königsberg nach Berlin wählen müssen. Die deutsche Wer­bung in Finnland, welche auch dort in der Hand der finnischen Vertretung der Reichsbahnzen­trale für den deutschen Reiseverkehr liegt, hat also, wie schon diese Beteiligungsziffern zeigen, vollen Er­folg gehabt. Sie setzte schon vor Jahresfrist gelegent­lich des deutsch-finnischen Leichtathletik-Länderkampss in Helsingfors mit voller Kraft ein. Jedem Besucher des Stadions wurde damals eine in finnischer oder schwedischer Sprache abgefaßte Werbeschrift über­reicht. Es gibt fast kein 'Sportgeschäft in Finnland, in welchem nicht die Werbeplakate und Stanzmodelle des Brandenburger Tores im Zeichen der fünf Ringe ausgestellt wird, und es gibt kein finnisches Hotel und kein finnisches Städtchen, in welchem nicht das gelb-blaue olympische Siegerplakat zum Aushang gebracht wird.

Die deutsche Werbung in Finnland fand bei der Sportbegeisterung des Landes bereitwilligste Unter­stützung der finnischen Sportkreise, der Tages- und Sportpresse. Besonders groß ist die Teilnahme der finnischen Oeffentlichkeit an der vorbereiten­den deutschen O r g a n i s a t i o n s a r b e it. Vor einigen Tagen weilte der Vorsitzende des Inter­nationalen Olympischen Komitees, Graf Baillet- Latour und Staatssekretär Dr. L e w a l d , der Präsident des Deutschen Olympiakomitees, eine Woche in Finnland, um an Ort und Stelle die Mög­lichkeiten zu überprüfen, welche Finnland als Kandi­dat für die Olympischen Spiele 1940 hat. Beide

Herren stellten Finnland das Zeugnis aus, daß es ohne Zweifel fähig fei, die Spiele würdig durchzu­führen; viel spräche dafür, die Spiele 1940 zur Ab­wechslung auch einmal in ein kleineres Land zu legen, und dazu sei nach Ansicht der hohen Sport­herren kein Land besser geeignet als Finnland. Die Frage, ob Japan oder vielleicht ein plötzlich noch

auftretender Außenseiter auf der Tagung des Inter­nationalen Olympischen Komitees Ende Juli in Ber­lin b i e näch sten Spiele erhalten wirb, ist gegenwärtig für Finnlanb beinahe ebenso eine An­gelegenheit nationalen Ehrgeizes geworben, wie bis Frage seines Abfchneibens bei ben biesjährigen Spielen selbst.

Gustas Gründens undMrianne Hoppe verheiratet

Der Jntenbcmt bes Staatstheaters in Berlin, Preußischer Staatsrat Gustaf Grünbgens, würbe, wie aus Berlin gemelbet wirb, auf bem Stanbesamt Tiergarten mit ber burch ben Film auch in ber Provinz bekannten jungen Schauspielerin Marianne Hoppe getraut. (Scherl-Bilberbienst-M. unb Bieber-M.)

Die Lugendwettkämpfe der Landschulen.

Mainzlar.

= Mainzlar, 22. Juni. Bei ben hier von ben Oberklassen unserer Schule burchgeführten Ein - z e l - L e i st u n g s k ä rn p f e n für bas Jugenbfest 1936 erzielte bie 1. Schulklasse sehr gute Resultate. Von ben 58 auf bem Sportplatz angetretenen Schü­lern unb Schülerinnen erreichten 47 b. i. etwa 81 v. H. bie vorgeschriebene Punktzahl von 180 unb mehr. Die Sieger würben mit ber Sieger-Ehren­nabel ausgezeichnet.

Allendorf a. d. Lda.

* Allendorf a. d. Lda., 21. Juni. Im Rah­men der Jugendwettkämpfe kamen heute die Ka­meradschaften sowie auch die BDM.-Mädel aus den Orten Allendorf, Climbach, Allertshausen, Lon­dorf, Kesselbach, Odenhausen und Treis auf dem hiesigen Sportplatz zusammen. Die um 8 Uhr be­ginnenden Kämpfe beschränkten sich auf 100-Meter- Laus, Weitsprung, Keulenweitwurf bzw. Ball­weitwurf. Es wurden recht beachtenswerte Leistun­gen erzielt. Bester Einzelsieg bei der HI.: Wilhelm Keil, Allendorf, mit 276 Punkten; bei dem BDM.: Erika Förster, Allendorf, mit 224 Punkten. Beste Einzelleistungen erzielten: beim 100-Meter- Lauf: Kurt Reitz, Londorf, mit 12,6 Sek., Keulen­weitwurf: Wilhelm Keil, Allendorf, mit 63 Meter, Weitsprung: Hugo Jäger, Londorf, mit 5,70 Meter, alle der Gefolgschaft 7/116 angehörend.

Klein-Linden.

OO Klein-Linden, 21. Juni. Die Volks­schule führte in der vorigen Woche ihre Einzel­leistungsprüfungen durch. Es beteiligten sich daran sämtliche Schüler und Schülerinnen, die vor bem 1. Juli 1926 geboren waren. Ausgetragen wurde ber vorgeschriebene Dreikampf. Wer in ben drei Hebungen mehr als 180 Punkte erreichte, wurde

Sieger unb erhält die Siegernabel. In ber Alters­stufe 1 der Knaben würben Sieger Herbert Jung, 240 Punkte; Ernst Gelitzer, 229 P.; Albert Weller, 208 P., unb Helmuth Aßmann 202 P. In ber Altersstufe 2 errangen Siege: Hans Steinmüller, 251 Punkte; Hugo Gaßmann, 238 P.; Wilhelm Müller, 224 P.; Hans Müller, 217 P.; Fritz (Ber- mer, 202 P., unb Heinz May, 199 P. In ber Altersstufe 3 würben Sieger: Reinholb Weigel, 228 Punkte; Otto Volkert, 217 P.; Hans Eyring, 206 P.; Hanfrieb Stein, 206 P.; Ewalb Bierau, 204 P., unb Ernst Franke, 202 P. In ber Alters­stufe 4 erhalten bie Siegernabel: Hermann Hinter­lang, 234 P.; Horst Lenz, 202 P.; Otto Weller, 198 P.; Erwin Neurath, 188 P.; Egon Otto unb Paul Etzel je 183 P. Auch bie Mäbchen be­teiligten sich restlos an ben Einzelleistungsprüfun- gen. Es errangen Siege in der Altersklasse 1: Ger­trud Klein mit 256 Punkten und Liesel Volk mit 208 P.; in der Altersklasse 3: Gertrud Dormehl mit 186 P. und Marie Weinandt mit 184 P.; in der Altersklasse 4: Gertrud Hörder mit 277 P. unb Martha Volkert mit 191 P. Die besten Einzel­leistungen würben erzielt im 60-Meter-Lauf mit je 9,1 Sekunden von (Bertrub Hörder unb Hermann Hinterlang, im Weiffprung mit 4,35 Meter von (Bertrub Hörder unb im Schlagball-Weitwurf mit 58,90 Meter von Hermann Hinterlang.

Grünberg.

4- Grünberg, 22. Juni. Folgende Ergebnisse zeitigten bie Mannschaftskämpfe am Samstag, dem Tag bes Jungvolks. Bei Wertung ber zehn Besten jeber Jungenschaft ergab sich folgenbes Bilb: 1. Spielmannszug (Feichtenbeiner) 2498 Punkte; 2. Jun gen schäft 1 (Hansen) 2366 P.; 3. Jungen­schaft 3 (Weisel) 2318 P.; 4. Jungenschaft Göbeln- rob 2291 P.; 5. Jungenschaft 2 (Ide) 2288 P.; 6. Jungenschaft 4 (Seid) 1871 P. Weiter beteiligten

streift und den weichen Bademantel über den Arm geworfen. Als er die knarrende Zellentür mit einem rostigen Schlüssel abriegelte, mußte sein Blick auf den bunten Farbklex auf dem Sprungbrett fallen. Das bezaubernde Fräulein trug einen schneeweißen Badeanzug. In dieser lichten Hülle lag es auf einem knallroten Bademantel. Das Ganze krönten dichte Wellen blonden Haares. Jörn blickte zu ihr hinauf und murmelte bei sich:Reichlich verrückt, die Kleine!" Dann kehrte er ihr barsch den Rücken. Mit dieser bunten Angelegenheit wollte er nichts zu tun haben

Der braungebrannte Junge Jörn war selber noch ein halbes Kind, obwohl er schon zwei Semester Philosophie studierte. Er warf seinen Mantel in den Sand, grub sich für den Kopf eine Art Kissen zurecht und vertiefte sich in das mitgebrachte Lehr­buch. Nachmittags wollte er nämlich im Seminar von Professor Zeesen an der Aussprache über Her­ders Geschichtsauffassung teilnehmen. Durch die grüne Sonnenbrille blickte er eifrig auf die Seiten. Aber so ganz bei der <5ad)e war Jörn doch nicht. Wenigstens beim Umblättern, das mußte er sich schon erlauben, blickte er zum Sprungbrett hinauf. Das bezaubernde Fräulein hatte ihm, da er der einzige Mann im ganzen Bade war, der sich nicht um sie zu bekümmern schien, die Rückseite zugekehrt.

Am Schluß des dritten Kapitels hielt es Jörn nicht länger aus.Ich pfeife auf Ihre Anmerkun­gen, Herr Verfasser!" sagte er und klappte das Buch zu. Mit langsamen Schritten bestieg er den Svrung- turm. Das bezaubernde Fräulein machte jedoch keine Miene, ihren Platz an der Sonne zu räumen.

Jörn erklärte ihr:Entschuldigen Sie, aber ich möchte springen. Sie müssen schon etwas Platz machen!" Am liebsten hätte er allerdings die kleine Kröte, wie er sie bei sich nannte, samt ihrem Kram in das grüne Wasser geworfen. Doch ging das nicht, denn das halbe Bad guckte ihnen zu. Alle waren neugierig, wie die Sache ausliefe.

Man durfte sich auf keinen Fall blamieren. Jörn fragte das blonde Fräulein nach ihren Bedin­gungen. Sie steckte einen Finger in den Mund zum Zeichen des Nachdenkens.Ich hab's!" meinte sie dann,wenn Sie mir drei erstklassige Sprünge vormachen, ziehe ich in den Sand um." Jörn blieb nichts anderes übrig, als diese Sanktionen anzu­nehmen.

Einen Kopfsprung, einen Hecht und einen Salto. Jedesmal sah er seinen Schatten auf das Wasser faufen.Gott sei Dank, die Haltung war tadellos!" dachte er dabei. Kam er prustend ans Geländer, so klatschte das bezaubernde Fräulein heftig in die Hände. Als er an Land stieg, lag der knallrote Bademantel neben dem feinen.

Natascha "

Gloria-Palast

Es ist erstaunlich, mir haben früher schon bei anderer Gelegenheit an dieser Stelle davon ge­sprochen wieviele Filme im alten kaiserlichen Rußland spielen... nicht nur bei uns, wie man sieht: auch in Frankreich.Natascha" ist eine fran­zösische Produktion, die hier in deutscher Fassung und mit deutschen Sprechern erscheint. Der Film wurde geschrieben nach einer Novelle von Pierre Benoit, Mitglied der Academie Fran^aise. Wir können, da wir die Novelle nicht kennen, das Dreh­buch nicht mit der Vorlage vergleichen; jedenfalls entstand daraus ein Spielfilm mit allen Qualitäten eines guten, wirksamen und sehr spannenden Theaterstücks aber eben doch auch ein richtiger Film in der weifen Beschränkung des gesprochenen Wortes auf ein notwendiges Maß und in der Betonung des optischen Eindrucks in fast allen Szenen. Die Spielleitung (M a r c i l l y) wurde, wie gleich hinzugefügt werden darf, durch die Kamera ausgezeichnet unterstützt; Franz Planer hatte die photographische Gesamtleitung, die Aufnahmen sind plastisch, stimmungsvoll und gut geschnitten. Auch der Aufbau der Szenenfolge, das Jneinandergreifen der Handlungselemente und Schauplätze geschah filmisch folgerichtig und mit geschickten Überblen­dungen. Was diese Schauplätze angeht, bie Ge­schichte spielt 1916 in Moskau so sind Lazarett, Büro des Nachrichtendienstes, Spielsaal und Kriegs­gericht von jeher vielfach erprobt in ihrer theatra­lischen Wirksamkeit; auch die Entwicklung der Handlung baut sich auf keineswegs neuartigen, aber immer wieder bewährten Kombinationen und Konflikten auf. Ein verwundeter Offizier liebt feine POegerin im Lazarett, Natascha, eine junge frei­willige Schwester gus gutem Hause, Tochter eines verstorbenen Obersten ... zunächst hoffnungslos, da dos Mädchen mit einem viel älteren unb auch un­geliebten Mann verlobt ist, einem sehr wohlhaben- ben Armeelieferanten und Kriegsgewinnler, dem Nataschas Familie erheblich verpflichtet ist, da er sie in wirtschaftlich schwieriger Lage unter ttitzt hat. Es kommt hier nicht darauf an, die Entwicklung, Steigerung und Lösung des Konfliktes im einzelnen zu verfolgen; wir wollen niemanden der Spannung berauben und haben bereits angebeutet, welcher Mittel sich ber Film bebient. Doch ist noch em Wort über bie Besetzung zu sagender en f^enbe Einbruck geht nicht von ber Fabel selbst, sonbern von ber Darstellung ber Hauptrolle aus; Wieder- begegnung mit A n n a b e l l a bie wir seit bem Variet6"-Film (bamals mit Albers Zusammen) nicht mehr gesehen haben. Wir wüßten nicht, mit

welcher von unfern jungen Schauspielerinnen man sie vergleichen könnte, nicht mit ber Wessely unb nicht mit ber Ullrich... sie ist schon ber äußeren Erscheinung nach ganz anders, aber immer von be= zwingenber Anmut, Natürlichkeit unb einer Fülle bes Äusbrucks bei aller Verhaltenheit ihrer bar- stellerischen Mittel unb Möglichkeiten; sie wirkt in ben meisten Szenen wie ein ganz junges Mäbchen, mit fast kinblichen Zügen manchmal, boch ist jebe ihrer Bewegungen unb Äußerungen von einem vollenbeten weiblichen Charme. Um ihretwillen schon lohnt es sich, biefen Film zu sehen. In P. Richarb Willm hat man einen sehr gut aussehen- ben, sympathischen Partner für Annabella gefun­den, ber abgesehen von einer vorteilhaften unb an­gemessenen Erscheinung, bie hier natürlich nicht unwichtig mar, auch spielen kann unb ben Typus, ben jener Artillerie-Kapitän Jgnatoff als Mensch unb als Offizier barstellt, überzeugenb lebenbig zu machen versteht. Harry Baur, ber als Bnukoff ben Gegenspieler gibt, ist als ber französische Han­nings bezeichnet worben; wir finb burchaus gegen derartige Abstempelungen, bie meistens (in biejem ftalle bestimmt) keinem ber beibcn Vergleichspartner gerecht werben Aber Baur ist, selbst wenn man sein typisch französisches Komöbiantentemperament in Rechnung stellt, ein Charakter,pie er von Format der Eindruck macht. Auch sonst fstdie Besetzung durchaus angemessene ein- Auszahlung der uns fremben Namen bürfte sich erübrigen.

Im Beiprogramm sieht man neben ber neuen reichhaltigen Ufa-Wochenschau einen Lanbschaftsfilm unb einen Vorspann zurPuppenfee . r

Alles wegen einer Mark.

13on Wilmont Haacke

Das bezaubernde Fräulein war eigentlich noch ein kleines Mädchen. Aber ste konnte nicht übersehen werden, denn den schönsten Platz un ganzen Fa- milienbad hatte sie sich ausgesucht, da sie ausgerech. net mitten aus dem Drei-Meter-Sprungbret lag. Unten an der Leiter war Zwar em Schi d befestigt, auf dem zu lesen ftanb:.Das Betreten ber Sprunqanlaqe ist nur Springern gestatte^ aber wahrscheinlich wollte sich das bezaubernde Fraulem über das Verbot lustig machen, Oder folHe ber Badewärter etwa glauben, daß sie nicht lesen tÖ3örn halt- an der Kasse feine drei Groschen für eine nach Teer riechende Kabine bezahlt, hatte sich rasch ben knappen blauen Schwirnrnanzug uberge-

Jn ben zwei Stunben, bie sie bann nebeneinan- ber saßen, erzählten sie sich so viel, baß jeber ben anberen schon halb kannte. Das bezaubernde Fräu- lein hieß Ilse, schrieb Tagebuch, fanb ihren Mathe­matik-Lehrer großartig unb wollte unter anberem Rittergutsbesitzerin werben.

Um brei Uhr mußten beibe gehen. Jörn brachte sie bis zur Omnibus-Haltestelle. Das Fräulein hatte es plötzlich sehr eilig. Als ber Bus kam, entdeckte sie, daß sie keine Gelbtasche mithatte.O weh leihen Sie mir rasch zwanzig Pfennige!" Jörn gab ihr eine Mark. Er besaß nur bie eine Münze.Morgen hier um bieselbe Zeit!" rief bas bezaubernde Fräu­lein, als ber Bus losbrauste. Jörn mußte zu Fuß nach Hause gehen. Auch bas Essen fiel heute weg, aber er freute sich auf ben nächsten Nachmittag.

Fast anberthalb Stunben hatte ber gute Kerl an» berntags bann an ber Haltestelle gewartet bas bezaubernbe Fräulein erschien nicht. Jörn konnte es nicht fassen. So ein nettes Mädchen sollte junge Männer um eine Mark betrügen können?! Es mar nicht zu glauben. Trostlos und traurig montierte er in sein Möbliertes. Sprachen Studienkameraden von Frauen, so sagte Jörn mit einer verächtlichen Hand- beroegung:Alle betrügen, selbst die jüngsten!" Denn in der großen Stadt sah Jörn das bezau­bernde Fräulein nie roieber.

Längst hatte er bas kleine Ereignis vergessen.

Als er brei ober vier Jahre später nach einem eben beftanbenen Examen mit seinen Koffern in ben Bäberzug stieg, der an die See fuhr, rief im Wa­gengang plötzlich eine Stimme, die ihm dunkel be­kannt vorkam:Hallo, hallo, junger Mann, einen Augenblick bitte!"

Das bezaubernde Fräulein, inzwischen eine junge Dame geworden, stand vor ihm. Ohne lange Pause sagte sie zu Jörn, indem sie ihr Geldtäschchen öff­nete:Hier ist Ihre Mark von damals! Es ist sogar noch dieselbe! Ich habe sie damals doch nicht ge­braucht, ich fand noch einige Groschen im Bade­mantel. Und endlich kann ich auch mein Gewissen beruhigen unb mich entschulbigen: Damals wollte ich auf bem Rab zu unserem Renbezvous fahren. Ich hatte mich verspätet. Wurbe von einem Auto angefahren und verletzt. Sehen Sie bie kleine Narbe am Nasenflügel? Alles wegen ber einen Mark!" Die junge Dame, bie noch immer ein be- zaubernbes Fräulein war, rebete schrecklich durch- einanber anscheinenb vor Freube. Jörn brachte vor Staunen zunächst kein Wort heraus.

Wie sich unterwegs in einem halbleeren Abteil herausstellte, wollten sie beibe in basselbe kleine Bab. Man beschloß, einen gemeinsamen Stranbkorb zu nehmen, weil es bann billiger sei.

Spätex ist bie alte Silbermark von bamals mit ben Beiben in die große Stadt zurückgereist.