Nr. U9 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 25. Mai (956
SerMenschhellmalterÄaum
Zu Sen Tagen des Lustsports: 23 /24. Mai
Äon Hans Sturm.
Die Sehnsucht der Menschen, des Himmels Höhe zu erobern, reicht zurück bis in die ältesten Kulturen. Der Chinese schwebte im Geiste mit seinem bemalten und bewimpelten Drachen in der „heiligen Höhe", der Grieche bannte seinen Höhentraum in die Mythe von Dädalus und Ikarus, und unsere Vorfahren schilderten die Ueberwindung der Erdenschwere in der Soge „Wieland der Schmied". Lionardo da Vinci kam im 16. Jahrhundert der Aufgabe, aus eigener Kraft aufzusteigen, sehr nahe. Als Montgol- fi-r 1783 zum erstenmal mit einem gasgefüllten Ballon aufstieg, glaubte man die Frage des Fliegens gelöst zu haben. Der damals 20jährige Jean Paul sah der „Menschheit uralten Traum" fast verwirklicht und schrieb sich seine Begeisterung später vom Herzen in dem „Seebuch des Luftschiffers Gia- nozzo"; in diesem nahm er alles, was die Welt des Fliegers und des Fliegens an Stimmungen, selbst jenseitigen, und an Eindrücken und Gedanken birgt, „kühn ausschauend" vorweg und rief gleichzeitig eine Reihe mehr oder weniger wertloser Flug-Utopien auf den Plan.
Erst als die fortschreitende Technik im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts zwei Erfindungen von epochaler Bedeutung (das lenkbare Luftschiff und das Flugzeug) ermöglichte, wurde der Traum des Menschenfluges der Verwirklichung näher gebracht. Jetzt nahmen sich auch die Dichter wieder dieses Stoffes an, und neben dem rheinischen Dramatiker Wilhelm Schmidtbonn, dem „kosmischen Phantasten" Paul Scheerbort und dem Lyriker Rich. Dehmel gehörte vor allem der aus Mecklenburg stammende Dichter Leonhard Adelt, der den Weltkrieg als Flieger erlebt hat, zu den frühesten Verkündern des „fliegenden Zeitalters", das Gottfried Keller bereits dunkel geahnt hatte. 1913 veröffentlichte Adelt seinen Roman „Der Flieger", in dem sich das flugbegeisterte Gedicht findet „Neue Wege".
Wir werden neue Wege wandern Und werden neuen Sternen trau'n. Die uns verriet, ist uns ein Grau'n! Die Erde lassen wir den andern.
Wir haben nicht die rechte Schwere, Die auf der Erde rollt und ruht.
Die Möwe schreit in unserm Blut: Wir werfen jauchzend uns ins Leere — Und sinken lautlos in die Nacht Des aufgesprengten Erdenschoßes. Und steigen aus ihm, neu bereit.
Und unsere Herzen, stark gemacht Durch die Gewißheit ihres Loses, Lobsingen in der Einsamkeit.
In dem Gedicht „Als ich zu euch flog" schildert Adelt kurz, doch einprägsam einen Flug:
Der Raum schrumpft ein, Entblauter Himmel trauert schwarz, Die Wälder riechen nicht nach Harz, Die Erde ist ein toter Stein.
Die Welt ist taub.
Nichts schreit als der entseelte Flug, Ich bin mir selber Nicht genug, Ein Räuber und mein eigner Raub.
Nun schweigt das Erz.
Der Bogen färbt sich himmelsrund, Die Welt ist wieder laut, und bunt, Im toten Eisen schlägt mein Herz.
Schmidtbonn behandelt in einem Gedicht „Der Flieger" einen Aufstieg; er erzählt, wie alles unter ihm kleiner wird, Gras, Zaun, Dach, Schornstein, viele Dächer, Fluß und Straßen, Spatzen,
Tauben, Wald, Wälder, Berg, Berge, Städte, die Welt. „Unter mir, alles unter mir." Man beachte, wie die Aufzählung dazu dient, das Höhersteigen des Flugzeuges sichtbar zu machen. In der Höhe kommt der Dichter zu der Erkenntnis:
„Wie klein eure Welt, Menschen! Menschlein,
So weit eure Züge laufen: Eure Welt hat Grenzen, Nur hier das Unendliche Ist ohne Grenzen.
Tage könnte ich fliegen, Jahre, Jahrtausende —"
Ueberwältigt von dem Erlebnis des Fluges ist E. v. Bodmann:
Selig in meinem Willen bebend, Schau ich mich selber im Fluge an, Wenn ich, über den Wassern schwebend, Fühle, daß mir die Himmel nah'n!
Aus tiefem Besinnen schrieb der Dichter Hans Heinrich Ehrler einem Flieger folgende nachdenklichen Verse:
Doch dich zu rühmen ist ein frohes Sagen:
Du saßest ob d"M Meer und fern dem Strand. Da plötzlich ha. nur noch dein Herz geschlagen, Das Herz des Motors aber schaurig stand.
Du sahst hinunter, war nicht Grund nicht Furt. Dann galt der Griff, dein Vogel flog im Bogen. Du sahst den Tod, und spürtest die Geburt.
büt das Gleichnis, das ihn überflogen.
Aus gleicher Besinnlichkeit und aus jugendlichem Wollen heraus ist der „Fliegerspruch" von Anton W u r z e r entstanden:
Ich bin ein Gleichnis kühnster Ueberwindung, Ein Schwebendes am Brückensteg der Ewigkeit. Ich heb mich aus der Schwerkraft dumpfer Bindung Und werf mein Sein in den Orkan der Zeit.
Sing auf, Motor, zur Einsamkeit der Sterne, Sei Knecht, nicht Dämon, der mich stürzen kann! Ich will die Welt, mehr grenzenlose Ferne! Wie mein ist Strom, Gebirg und Ozean!
Sachlicher und doch mitreißend wirken die Verse „Im Flugzeug" von August Köhler, voller tiefer Vergleiche:
Der Vogelmensch, von allen irdischen Geschäften herrisch gelöst, entstürmt mit tausendfachen Menschenkräften und stößt, reisige Lerche, kreisend steil empor.
Des Erdenwindes Lied erstirbt dem Ohr.
Er hört den Sturz nur, den er selber schafft, ganz Gier und Wille.
Sein Vogel dröhnt und drängt und macht des
Aethers Stille
zum ungeheuren Echo feiner Kraft.
An den Vergleich Flieger und Vogel dachte wohl auch Gottfried K ö l w e l, als er einem abgestürzten Flieger zum Gedächtnis schrieb:
Im Wind ertrank
Ein Flieger, der zur Tiefe sank.
Selig schied der schwarze Sarg, Der einen Fetzen Gottgewand Zur Heimfahrt in sein webendes Land In sich barg.
Und als die Menschen weinten, lachte Die Erde und schob den Schrein In den unendlichen Webstuhl hinein Und wirkte, bis sie das große Werk Vielleicht in einem Vogel, vollbrachte.
Im ersten Jahrzehnt nach 1900 hat deutscher Erfindergeist in unermüdlicher Arbeit aufsehenerregende Leistungen vollbracht, im Wirbel des Weltkrieges hat deutscher Fliegerwille sich in höchster Kraft bewährt, heute besitzt unser Flugwesen Weltgeltung. Deutscher Fliegergeist wird nicht untergehen, denn die großen Toten gaben uns ein Mahnwort:
Wir toten Flieger
Blieben Sieger
Durch uns allein!
Volk!
Fliege du wieder, Und du wirst Sieger Durch dich allein!
Räume und Menschen des britischen Weltreichs.
Don Otto Eorbach.
Im britischen Weltreich, das den vierten Teil des trockenen Landes der Erdoberfläche umfaßt, wohnen außerhalb des Mutterlandes fast 4 0 0 Millionen Farbige, aber noch nicht 20 Millionen We i ß e. Dabei sind Kanada, Australien und Neuseeland, die wichtigsten Tochterstaaten Englands, zusammen fast doppelt so groß wie Gesamteuropa, während die Zahl ihrer weißen Bewohner erst 17 Millionen beträgt, trotzdem die farbige Urbevölkerung zugunsten weißer Siedler fast völlig ausgerottet wurde. Solange die farbigen Untertanen John Bulls mit den Mitteln weltpolitischer britischer Strategie noch leicht in Schach gehalten und als „Kolonialsklaven" ausgenutzt werden konnten, brauchte die Menschenarmut der Dominien dem Mutterlande wenig Sorge zu bereiten, zumal die zur Verfügung stehenden Siedlungsräume gegen fremdartigen Zuzug leicht abgesperrt werden konnten. Seit dem großen Kriege wachsen jedoch für den britischen Imperialismus in unheimlichem Tempo die Schwierigkeiten sowohl der Kontrolle über Gebiete mit dichter farbiger Bevölkerung, wie der Sicherung „leerer Räume" gegen die Siedlungsansprüche von „Völkern ohne Raum". Zu diesen rechnet sich trotz seiner Eroberungen auf dem asiatischen Festlande auch Japan noch, das sich als Vormacht der gelben Rasse anschickt, den weißen Mann aus der weltpolitischen. Führung zu verdrängen. Unter solchen Umständen muß sich den
Lenkern des britischen Imperiums die Aufgabe, die von ihnen noch beherrschten überseeischen leeren Siedlungsräume für eine organisierte Masseneinwanderung aufzuschließen, als eine Lebensfrage aufdrängen.
Solche Erwägungen haben kürzlich dazu geführt, in Gestalt eines „Ueberfee-Siedlungs- amtes" ein Zentralorgan der britischen Reichsbinnenwanderung ins Leben zu rufen. Von den acht Mitgliedern find drei amtlich: der Domi- nienminifter, der den Vorsitz führt, und je ein Vertreter des Dominienamtes und des Schatzamtes. Die fünf nichtamtlichen Mitglieder find Lady Reading, eine bewährte Sozialpolitikerin, Dr. W. G. S. A d a m s, der sich um die öffentliche Wohlfahrtspflege verdient machte, George Gib- s o n , Mitglied des Generalrates des Gewerkschaftskongresses, H. I. Mitchell, Präsident des Reichsverbandes der chemischen Industrien und Brigade- general I. I. H. Nation.
Am interessantesten bei dieser Besetzung ist die Beteiligung eines höheren Offiziers und eines Vertreters einer großen Reichsindustrie; ein Zeichen dafür, daß die englische Auswanderungspolitik künftig vorwiegend den Interessen der Reichsverteidigung dienen soll. Die Dominien brauchen nicht nur mehr Menschen, um in den kommenden Weltstürmen bestehen zu können, sondern auch entwickelte
Olympia Oer Kunst.
Don £)r Erwin Krott
Wenn im alten Olympia der sportliche Wettkampf herrschte, so wurden die Sieger doch von Dichtern wie Pindar und Simonides besungen, und ihre von Meisterhand geschaffenen Statuen schmückten die Kampfstation. Seit dem 5. Jahrhundert v. Ehr. sind uns neben den sportlichen Wettkämpfen auch geistige, insbesondere künstlerische bezeugt; ein Beweis dafür, daß das ,-,mens sana in corpore sano“ (gesunder Geist in gesundem Körper) den Alten ke'n' Redensart war.
Als vor 40 Jahren die Olympischen Spiele wieder au lebten, wurden neben die sportlichen alsbald auch künstlerische Wettkämpfe gestellt. Den An'ang machte Stockholm (1912), dann folgte Amsterdam (1928) mit einer großen Kunstausstellung und einem literarischen Wettbewerb, und auch in Los Angeles (1932) hatte die Kunst einen Platz.
In weit größerem Maße als bisher wird der 11. Olympia-Wettbewerb in Berlin ein „Kampf der Wagen und Gesänge" sein. Die Wettkämpfe werden sich auf fünf Kunstgebieten abspielen: Baukunst, Malerei und Graphik, Bildhauerkunst, Dichtung, Musik. Für die dabei gestellte Ausgabe — „geistige Gestaltung des Sporterlebnisses" — sind die Grenzen der künstlerischen Entfaltung so weit als denkbar gesetzt. Auf dem Gebiete der Baukunst werden Entwürfe für Gebäude und Anlagen, die sportlichen Zwecken dienen, zugelassen. Maler, Graphiker und Bildhauer dürfen Werke einreichen, die ein sportliches Motiv behandeln, wobei der Zusammenhang zwischen Kunst und Sport möglichst weit gefaßt ist. Ebenso ist für die Gruppen Dichtung und Musik die Behandlung von Motiven vorgeschrieben, die dem Sport und der olympischen Idee dienen.
Die für den Wettbewerb in den bildenden Künsten bestimmten Werke werden von Mitte Juni bis Mitte August in einer Kunstausstellung im Ber- liner Ausstellungsgelände am Kaiserdamm allgemein zugänglich gemacht werden, während die internationalen Einsendungen der Dichter und Musiker nach Möglichkeit durch den Rundfunk vorge- tra^en werden sollen.
93on den fünfzig Nationen, die an den Olympischen Spielen teilnehmen, ist fast die Hälfte auch in den Kunstwettbewerb eingetreten. Für die Ausstellung der bildenden Künste sind die Anmeldungeni besonders zahlreich. Frankreich, Japan, Oesterreich, Schweden und Italien stehen hier in vorderster uront, und in einigen dieser Länder sind die für ben internationalen Wettbewerb bestimmten Werke, zu besonderen Sammlungen zusammengefaßt, bereits der öffentlichen Schau und Kritik zugänglich gemacht worden.
Am Literaturwettbewerb beteiligen sich zwölf Nationen mit fiebenunbreifeig Arbeiten, die sich auf die drei Gruppen Lyrik, Drama und Epos erstrecken. Deutschland fehlt in der ersten Gruppe. Es steht, was die Zahl seiner Einsendungen angeht, an vierter Stelle; vor ihm rangieren Oesterreich, Schweiz und Italien.
An Werken der Musik sind vierunddreifeig, und zwar von neun Nationen gemeldet. In Deutschland wird die Gruppe Vokalmusik durch Paul Höffer Harald G e n z m e r und Kurt Thomas vertreten sein. Für die Gruppe Kammermusik ergab hie deutsche Vorprüfung keinen preiswürdigen Vertreter, während in der Gruppe Orchestermusik wenigstens ein Bewerber ausgesucht werden konnte, Werner E g k, der durch „Die Zaubergeige" bekannt gewordene bayrische Komponist. Was die musikalische Beteiligung der anderen Staaten angeht, so steht Oesterreich 'wie im literarischen, so auch im musikalischen Wettbewerb zahlenmäßig an erster Stelle. Die meisten Anmeldungen des Auslandes betreffen die Gruppe Orchestermusik, und ganz allgemein läßt sich sagen, daß die Kunstwettkämpfer vorwiegend der Jugend angehören, die ja die Zusammenhänge zwischen Sport und Kunst unmittelbarer zu erleben vermag als die Aelteren.
Siebenundzwanzig Preise auf dem Gebiete der bildenden Künste und achtzehn Preise für Dichtung und Musik winken den Siegern. Im alten Olympia waren es geweihte Oelzweige, heute sind es Plaketten aus'Gold, Silber und Bronze. Ausgezeichnet werden: je drei beste städtebauliche Entwürfe, architektonische Pläne, Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle, graphische Arbeiten, Gebrauchsplastiken, Rundnlast'ken, Reliefs, Plaketten; ferner je drei beste Werke der Lyrik, der Dramatik, der Epik und endlich je drei Schöpfungen der Vokal-, der Kammer- und der Orchestermusik.
Neben bir^m Wettbewerbe in ben bilbenben unb redenden Künsten werden internationale Tanzfestspiele stattfinden, für die eine große Kuppelhalle auf dem Reichssportfelde errichtet wurde. Auch hierfür sind dreimal drei Preise ausgesetzt: für die drei besten Solotänzer, die besten freien und die besten Theatertanzgruppen.
Dem internationalen Preisgericht erwachst in diesem „Kampf der Wagen und Gesänge" eine ungeheure Aufgabe. Bei der Verschiedenheit der Kunstmaßstäbe, die in der Welt Geltung haben, kann es sich für dieses Gericht nicht darum handeln, das jeweils international „beste" Kunstwerk herauszufinden, sondern preiswürdig wird das Werk fein, das die eigene völkische Art am besten widerspiegelt. Es steht zu hoffen, daß Deutschland, dessen völkisches Bewußtsein in den letzten Jahren mächtig erstarkt ist, der olympischen Idee auch im Kunstbewerbe auf eine Art dienen wird, die den versammelten Völkern einen Begriff von der Größe seines nationalen Eifers und Könnens gibt.
Alte Wmdro e.
Don Anton Schnack.
Ich, den sie den grauen Monsieur nannten, habe sie gemalt an einem wolkenüberhäuften Septembernachmittag des Jahres 1636 zu Amsterdam im Auftrag des Boekverkopers Jan ten Hoorn. Mit einem Zirkel schlug ich einen Kreis, und einen zweiten und einen dritten in den allergrößten hinein. Ich hatte das mit Pergament verklebte Fenster auf die Grachten offen und roch mit Genuß, daß gerade das Schiff „Sankt Johann" der französisch-westindischen Kompanie, mit Tabakballen und Käsigen voll Papageien, an der Kette der Mole knirschte und ausgeladen wurde.
Vor mir lag, schön geordnet und fast bis zum letzten Pinselstrich fertig, eine carte du continent de 1‘amerique et de ses Isles principales, worauf das Meer hellblau leuchtete, die Gestade der Küsten unb Inseln braungetränkt waren, bie unermeßlichen unb mit Tiergeziefer angefüllten Urwälber als kugelrunde grüne Bäume dastanden und die Flüsse als glasazurne Adern durch schraffierte Felsschluchten rollten. Mitten in die Ozeanfläche, mit dem Namen Mer du Nord, zog ich auf einem weiß- gelassenen Fleck die Kreise der Windrose, damit sie den Seefahrern, den geqöulten Schiffbrüchigen, den singenden Tritonen, den Meergöttern und den Schatzgräbern Richtung und Wegweiser sei. Die Winde rings in den Ecken waren lauter Engelsköpfe, die mit aufgeblasenen Backen Wetter- und Wolkenstrahlen in die Weltecken bliesen. Ich habe der Rose zweiunddreißig genaue Spitzen gemacht. Sie zeigt nun Fahrt und Bahn der Winde aus allen Richtungen an. Niemals, das wußte ich, würde ich gebückter und grauer Mann, an dem nur noch die Augen gut und.unverdorben waren, diese Windströme fingen und' heulen hören. Aber die stählernen Weltumsegler und Weltentdecker, deren Augen voll ungestümen Mutes und wachsam sind, wissen durch die zierliche Rose die Himmelsecken Süden, Norden, Westen und Osten. Die Seeräuber Bertrand d'Orgern und Rock Brasiliano finden durch meinen Farbenschein ihre versteckten und verborgenen Jnselnester wieder, die von den geraubten Goldstangen und erbeuteten Edelsteinen leuchten und glitzern.
Ich habe während des Malens die Vielfalt und Größe der Meere schauend aefühlt. An jedem Strand verweilte ich nachdenklich und wißbegierig mit meiner dünnen Feder und dem Pinsel aus Schweinsborsten. Ich bückte mich zu schlafenden Schildkröten in den Kokosbuchten nieder, und während mich der braune Wilde aus dem brodelnden und feuchten Busch beäugte, sah ich ein Goldkorn unermüdlich und unerreichbar aus dem Schlick glühen. Manchmal machte mich das Malen wankelmütig; denn es flößte mir eine unverantwortliche
industrielle Produktivkräfte als Rückhalt moderner Kriegführung.
Man hat damit ein völlig neuartiges kolonisatorisches Problem aufgerollt, und es handelt sich dabei um einen Bruch mit aller europäischen kolonial- politischen Überlieferung. Nicht umsonst suchte der europäische Auswanderer früher in überseeischen Ländern der Kontrolle irgendwelcher kolonialen Macht möglichst zu entfliehen. Ohne den Abfall der wichtigsten Kolonien der „Neuen Welt" würde es wohl nie zu einer europäischen Massenauswanderung gekommen sein. Die ungeheuren Umwälzungen, die der Wechseloerkehr zwischen „alter" und „neuer" Welt heroorrief, waren vor allem auf das den Zeitgenossen meist verborgen bleibende Wirken des unbekannten Auswanderers zurückzuführen, der, um die Wildnis dem Weltverkehr erschließen zu helfen, in der Regel sich nicht nur europäischer, sondern selbst örtlicher amtlicher Kontrolle zu entziehen suchen mußte.
Es ist wenig bekannt, daß der Negersklave int Süden der Union einen weißen Vorgänger hatte, nämlich den aus England deportierten Sträfling, der für 4, 5 bis 7 Jahre durch einen Vertrag in eine Art Leibeigenschaft trat und dabei von dem Herrn weiter vermietet oder verkauft werden konnte. 1620 brachte ein holländisches Schiff die ersten 20 Neger nach Virginien, aber noch 1671 zählte der Bericht des Gouverneurs Barkley unter rund 40 000 Einwohnern neben 2000 Schwarzen nicht weniger als 6000 „christliche Knechte". Neger wurden mit der Zeit mehr und mehr bevorzugt, weil sie einmal das Klima bei schwerer Arbeit besser vertragen, zweitens wegen ihrer Hautfarbe als Ausreißer leichter wieder eingefangen werden konnte. 1750 machten schwarze Sklaven mehr als die Hälfte der Bevölkerung Dirginiens aus.
Die Hauptträger freier Kolonisation waren zunächst bezeichnenderweise religiöse Sektiere r, die in der alten Heimat bedrückt und verfolgt worden waren. Auf die Zeit des Unabhängigkeitskrieges bezieht sich Seelys Bemerkung: „England war damals ein in keiner Weife dicht bevölkertes agrarisches Land; Amerika steckte voller religiöser Flüchtlinge, die von Ideen beseelt waren, die in England neuerdings aus der Mode gekommen waren". Das unmittelbare Interesse aller europäischen Kolonialpolitik war damals noch auf eine mit Zwangsarbeitern betriebene Plantagenwirtschaft und Ausbeutung mineralischer Vorkommen gerichtet. Nach dem Verlust der aufständischen nordamerikanischen Kolonien verschickte England seine Sträflinge nach Kanada und vor allen nach Australien. In den Vereinigten Staaten wurden nun die Küstenstriche am Atlantik zum Schauplatz eines fortgesetzten Aufbruchs aller Unzufriedenen und Unbotmäßigen zur jeweiligen Siedlungsgrenze, die immer weiter ins Innere und dann dem Stillen Ozean zu vorrückte. An der „Grenze" gab man sich eigene Gesetze und zettelte Aufstände an, wenn von östlichen Gerichten Verfolgte zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Nur indem am „Pionierrande" die gegen wilde Siedlung aufgerichteten gesetzlichen Schranken immer wieder niedergelassen wurden, kam mit der Zeit eine europäische Massenauswanderung nach dem „Lande der Freiheit" in Gang."
England, das in seinen Dominien ebenfalls eine freie Kolonisation um sich greifen sah, die die Ueberwachung von Deportierten erschwerte, versuchte ihr jahrelang nach den Vorschlägen Wakefields einen Riegel vorzuschieben, indem es für ungenutztes Land genügend hohe Preise festsetzen liefe, damit ein unbemittelter Einwanderer erst nach jahrelanger Lohnarbeit bei sparsamster Lebensführung in die Lage kommen konnte, eine eigene Scholle zu erwerben. Die Folge war, daß die Vei>
schleussner
• mit, G a r a.hti.esch ein . rum
Begierde ein, die über das bescheidene und ängstliche Maß meines Zimmerlebens das Herz hinausdrängte. Ich verfiel aber nicht dem Zauberrausch aus Meerleuchten, dem Donner der Meervulkane, den purpurnen Schärmen der Drachenfische und den Bronzebüsten der nackten Dschungelfrauen. Ich bin ein Maler, ein alter Mann, den die Mädchen der Matrosenschänken ja doch auslachen würden. Aber ich vermache die Rose allen ungezügelten Seefahrern, voran dem großen Cristof Columbus, dem gottdemütigen Maghellan, dem kühnen und goldhungrigen Entdecker der südlichen und angeblich ganz in Feuer stehenden See, dem Vasco Nunez de Balboa, der mit Schwert und Schild in das ruhende und regungslose Meer sprang. Denen vermache ich sie, weil sie immer noch über den geblähten Schiffen schweben, wenn diese vorn Hafenblock loszittern und in die unbekannten und gr'iu- famen Wasserweiten stechen. Ich habe die W )- rose für jene Männer zu allererst gemacht, aber auch für die dicken und fetten Kaufleute, für die Gewürzhändler, für die Kapitäne, die mehr Flüche als Gebete auf der nerpriemten Zunge tragen und nehmt es, Wächter des Gesetzes und des Besitzes, mir nicht übel, wenn ich sie auch den Piraten und Flibustiern vermache, die hinter den Riffen und Sandbänken von Grand Cay-man, Mataguana und Miraporos mit Pulver in den Flinten und brennendem Zunder an den Bassen und Geschützen auf die Silberschiffe und Tabaksgaleonen lauern.
Die Karte mit der Windrose zeigt vom 7. bis 28. Breitengrad den Bezirk von 333 Inseln, die unter dem Wendekreis des Krebses liegen, den die Astrologen Cancer nennen. Wie ich weiß, ist er heimtückisch und bringt unvermutete Stürme mitten beim höchsten Sonnenlicht. Ich bitte deshalb die Mutter Maria um Schutz für jene Schiffe, die mit meiner Windrose auf dem Meere fahren. Möge sie kein Taifun mit gebrochenen Masten und zerspellten Steuern in das Jnselgewirr des Golfes von Panama treiben. Dort hängen die Riffe wie Nadeln unter dem Wasserspiegel, und die Brandung hat Löcher, die zur Unterwelt und in den Rachen der Haifische führen. Dies bedenkend, danke ich Gott, der graue Monsieur zu sein, der beschaulich bei seinen Farben sitzt und mit dem Pinsel und mit den Träumen Meere befährt, die von keinem Sturme aufgewühlt werden können und die ihm erlauben, jeden Mittag und Abend die alten Glocken des Stz-Kotharinen-Turmes zu hören und die Krüge voll Bier in der Matrosenkneipe „Zum Affen von Sumatra" in aller Behaglichkeit zu trinken. Wenn ich nach Hause wanke und mir die Rotzjunaen von Amsterdam die geifernde Zunge zeigen: „Seht da, der graue Monsieur hat schief geladen", so hat das nichts auf sich, und gegen das Schaukeln, das die Schiffe befällt, wenn sie um das Kap Finis Terrae fahren, ist mein Schaukeln wie die Kinderwiege einer Mutter.


