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186. Jahrgang
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Neue Protestnote Italiens an den Völkerbund.
Italien wiederholt den Vorwurf der Lieferung von Dumdum-Munition an Abessinien
Die italienische Denkschrift.
Genf, 22. Mai. (DNB.) Das Völkerbundssekre- tarigt veröffentlicht ein vom 30. April datiertes, am 11. Mai eingegangenes zusammenfassendes Memorandum der italienischen Regierung über den Gebrauch von Dum-Dum-Ge- schossen durch die abessinischen Truppen. Das Memorandum gibt 15 Fälle von Verwundungen durch Dum-Dum-Geschosse mit zahlreichem photographischem Material wieder und soll beweisen, daß sich die abessinischen Truppen systematisch an den verschiedensten Stellen verbotener Geschosse bedienten. Ferner beschreibt die Note an Hand von Abbildungen die einzelnen Arten der gefundenen Dum- Dum-Geschosse und wiederholt die Behauptung, daß ein Teil dieser Munition von englischen Firmen hergestellt worden sei.
Lleberraschungen und Aerger in London.
London, 23. Mai. (DNB. Funkspruch.) Die neue italienische Protestnote hat in London Aerger und einige Ueberraschung hervorgerufen. Der der Regierung nahestehende „Daily Telegraph" schreibt, nach den Enthüllungen Edens im Unterhaus über die Entstehung der italienischen Beweisschrist- stücke hätte man glauben sollen, daß die Dumdum- Beschuldigungen erledigt seien. Unglücklicherweise bestehe kein Zweifel darüber, daß die Abessinier in großem Maße Dumdum-Geschosse gegen Italiener benutzt hätten. Der wirkliche Zweck der italienischen Note liege jedoch darin, d i e H e r k u n f t dieser Geschosse m i t den Namen britischer Fobri-
durch englische Firmen.
ken in Verbindung zu bringen und daran anschließend die Vermutung auszustreuen, daß die britische Regierung ihre Ausfuhr ermächtigt habe. Tatsächlich sei die italienische Denkschrift ein f e in gesponnenes aber unwahres Propaganda st ü ck. Die Anschriften auf den Geschoßkisten seien wohl echt gewesen, ihr Typ sei aber seit Jahren nicht mehr benutzt worden. Die fraglichen Geschosse seien vor manchen Jahren für Jagdzwecke geliefert worden. Die italienische Denkschrift werde auf die Häupter ihrer Urheber zurückfallen. Von der britischen Waffenfabrik Imperial Chemical Industries wird erklärt, daß die in der italienischen Note angeführten Etiketten seit dem Jahre 1913 nicht mehr verwandt worden seien. Es seien niemals Dumdum-Geschosse für militärische Zwecke an Abessinien geliefert worden.
„Morning Post" meldet, daß die italienische Denkschrift einen schlechten Eindruck in London gemacht habe. Es sei noch ungewiß, ob die britische Regierung es für notwendig halten werde, ihre Gegenerklärung zu wiederholen. Der Zwischenfall werde um so mehr bedauert, als Italien neuerdings Fühler ausgestreckt habe, um seine Beziehungen zu England zu verbessern. Das arbeiterparteiliche Blatt „Daily Herald" behauptet, daß die britische Regierung ein großes italienisches Propaganda- und Spionagenetz in England aufgedeckt habe. Einer der für Italien tätigen Agenten sei der internationale Schwindler B e r n st e i n alias Lopez gewesen, der vom Außenminister im Unterhaus als der Fälscher der Schriftstücke über die Dumdum-Geschosse bloßgestellt worden sei. Es bestehe jetzt kein Zweifel mehr darüber, daß Bernstein mit vielen fragwürdigen Perso
nen der internationalen Unterwelt, die zum Teil im Londoner Verbrecherviertel Soho zu finden seien, in Verbindung gestanden habe. Das englische Außenministerium habe der Londoner italienischen Botschaft erklärt, daß die von ihr angewandten Methoden genau untersucht würden.
Die französische Bahn.
Eine Nnterredung mit Mussolini.
Paris, 23. Mai. (DNB. Funkspr.) Die von den Italienern verfügte Ausweisung des in Harrar tätigen französischen Geistlichen Jarosseau ist auf persönliches Eingreifen des Duce zurückgezogen worden. Mussolini erklärte dem römischen Sonderberichterstatter des „Petit Parisien", er werde die Akten über den Fall genau prüfen und bis dahin jeden Beschluß hinausschieben. Er werde dabei auch die guten Beziehungen berücksichtigen, die zwischen den italienischen Truppen und den amtlichen Vertretern Frankreichs in Abessinien bestünden. In Kenntnis der äußerst kritischen Lage, in der sich der französische Gesandte in Addis Abeba mit seinen etwa 2000 Flüchtlingen befunden habe, habe Marschall Badoglio die Anweisung gegeben, in Eilmärschen nach Addis Abeba vorzurücken, und drei Tage früher, als vorgesehen, in die abessinische Hauptstadt einzuziehen. Auf eine Frage des Berichterstatters, welche Absichten Mussolini hinsichtlich der Eisenbahn Dschibuti — Addis Abeba verfolge, erwiderte dieser, er habe angeordnet, daß der französisch-abessinische Eisenbahnverkehr normal fortgesetzt werde, damit eine praktische Zusammenarbeit mit der Eisenbahngesellschaft hergestellt werden könne.
Die Radikalsoziattsten und das Kabinett Blum.
Daladier über die Wirischafiskrifis in Frankreich.
Paris, 23. Mai. (DNB. Funkspr.) Die gestrige Sitzung des radikalsozialistischen Vollzugsausschusses hat keinerlei Ueberraschungen gebracht, abgesehen davon, daß der ehemalige Ministerpräsident H e r r i o t nicht das Wort ergriff, um seine ablehnende Antwort auf das Angebot Blums zur Uebernahme des Außenministeriums zu begründen. Es ist aufgefallen, daß keinerlei Aussprache über das Arbeitsprogramm und die Stellung der Radikalsozialisten in der kommenden Regierung stattgefunden hat. Der Vorsitzende der Partei, Daladier, hat sich in seiner Rede darauf beschränkt, auf die Bedeutung der Mitarbeit der Partei hinzuweisen.
Auf außenpolitischem Gebiet erklärte Daladier u. a., habe die Spannung zwischen Italien und England ernste Formen angenm- men, und die Unsicherheit der englischen Demokratie, die zwischen einer Politik der Isolierung und einer Politik der Stärkung des Völkerbundes chwanke, beginne jetzt auch auf die mitteleuro- räischen und osteuropäischen Staaten überzugreifen. Überall sehe man einen Rüstungswettlauf, der Gesetz in einem Europa geworden sei, das sich über kurz oder lang in derselben Lage befinden werde, wie einige Monate vor dem Weltkrieg. Die Stunde sei daher gekommen, eine tödliche Zersplitterung dieses Europas in Gruppen zu vermeiden, die sich zunächst als Rivalen und später als Feinde gegenüberstehen würden.
Auf wirtschaftlichem Gebiet stellte Daladier fest, daß in fast allen Ländern Anzeichen für eine Wiederbelebung vorhanden seien, während die Lage in Frankreich kritisch bleibe. Er brauche kaum an das Elend derjenigen Erzeuger und Industriellen zu erinnern, die nicht durch besondere Abkommen mit den öffentlichen Verbänden geschützt feien und die nicht durch weitgreifende Interessengemeinschaften verbunden seien, die ihre Preise aufzwingen könnten. Er brauche auch nicht auf die Verzweiflung einer arbeitslosen Jugend und die Beunruhigung in weiten landwirtschaftlichen Kreisen hinzuweisen, wo Schulden und Hypotheken sich wie Unkraut ausbreiteten. Die Saisonmäßige Wiedereinstellung der Arbeitslosen habe wesentlich abgenommen und die Bank von Frankreich sei gezwungen, ihre Goldbarren durch plötzliche und wiederholte Diskontsaherhöhungen zu verteidigen, die die Lage der Wirtschaft und Industrie nur noch verschlimmerten.
Daladier verwahrte sich gegen die Annahme, daß die Möglichkeit einer Besserung in ausgesprochen sozialistischen oder ksmmunistischen Maßnahmen luge. Davon sei nie die Rede gewesen; das Programm der Volksfront fei im Gegenteil vom Geist des Radikalsozialismus durchdrungen. Die Zusammenarbeit der Radikalsozialisten mit den übrigen Parteien der Volksfront sei daher in gewissem Sinne durch die eigenen Grundsätze der Partei bestimmt.
Die Entschließung zur aktiven Mitarbeit in der Regierung wurde nach diesen Ausführungen fast einstimmig beschlossen. Welche radikalsozialistischen Minister in die Regierung eintreten werden, steht noch nicht fest, Tatsache ist bisher lediglich, daß Herriot das Außenmini st erium nicht übernimmt, lieber die Absichten, die Leon Blum nun verfolgt, gehen die Meinungen auseinander. Das „Echo de Paris" glaubt zu wissen, daß sich der Sozialistenführer bereits an den gegenwärtigen Justizminister, den radikalsozialistischen Abgeordneten P v o n D e - b o s gewandt habe und mit ihm am 15. Juni nach Genf reifen werde.
Andere Blätter, wie der „Jour", glauben jedoch, daß er sich nach der Absage Herriots dazu entschlossen habe, selb st die Leitung der französischen Außenpolitik zu übernehmen. Der „Figaro" will wissen, daß Herriot den radikalsozialistischen Handelsminister George Bonnet in Vorschlag gebracht habe, da Bonnet durch die internationalen Verhandlungen, die er geführt habe, mit den führenden Persönlichkeiten der in Genf
London, 22. Mai. (DNB.) Kolonialminister Thomas hat am Freitag sein Rücktrittsge- s u ch eingereicht, das vom König angenommen wurde. In einem Schreiben an den Ministerpräsidenten Baldwin weist Thomas darauf hin, daß die Art und Weise, in der seine Privatangelegenheiten im Verlauf der Untersuchung der Versicherungsangelegenheit behandelt worden seien, ihm ein Verbleiben als Mitglied der Regierung unmöglich mache. Er sei der Nationalregierung lediglich deshalb beigetreten, weil nach seiner Ueber- zeugung nur ein Zusammenstehen aller politischen Parteien ohne Rücksicht auf vergangene Meinungsverschiedenheiten England durch seine Krise bringen könne. Diese Ansicht vertrete er heute vielleicht noch stärker als zuvor, aber soweit es sich um ihn persönlich handele, sei er der Meinung, daß er für das Kabinett Baldwin eher ein Hindernis als eine Stütze darstelle. Der Brief schließt mit dem Wunsch, daß es Baldwin und seinen Minister- kollegen bald gelingen möge, England aus seinen gegenwärtigen Schwierigkeiten herauszuführen. — In seiner Antwort erklärte Ministerpräsident Baldwin, daß e r a n Stelle von Thomas genau s o gehandelt haben würde. Er nehme den Rücktritt mit tiefem Bedauern an. Die loyale Unterstützung, die Thomas der nationalen Regierung in fünf anstrengenden Jahren gewährt habe, werde von allen seinen Mitarbeitern nicht vergessen werden.
Die „Nachrufe", die die Blätter dem ausscheidenden Minister widmen, sind im allgemeinen ziemlich farblos gehalten. Sie stellen fest, daß der Haushaltsskandal, ohne Thomas in irgendeiner Weise zu belasten, der romantischen Laufbahn eines Mannes, der es vom Laufburschen zum Mini st er brachte, ein Ende gesetzt habe. Einen etwas stärkeren Ton schlägt die „Time s" an, die u. a. schreibt,
vertretenen Mächte bekannt und deshalb wohl ein geeigneter Nachfolger Flandins fei. Leon Blum fjabe daran gedacht, Chautemps mit der Leitung der französischen Außenpolitik zu betreuen. Chautemps sei jedoch in Moskau nicht beliebt, da er für den französisch-sowjetrussischen Pakt nicht genügend Begeisterung gezeigt habe. Als dritter Kandidat tauche schließlich noch Paul- Boncour auf, der als ständiger Vertreter Frankreichs beim Völkerbund größeren Anspruch auf die Leitung der französischen Außenpolitik erhebe als Bonnet und Chautemps. Das Blatt glaubt sogar zu wissen, daß Paul-Boncour sich weigern würde, in die kommende Regierung einzutreten, wenn Leon Blum einen der beiden mit der Leitung des Quai d'Orsay beauftragen werde. Unter diesen Umständen halte man es nicht für ausgeschlossen, daß der Sozialistenführer, um allen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, s e l b st das Außenministerium übernehmen werde. Allerdings sei zu berücksichtigen, daß sein Gesundheitszustand keine zu großen Ueberanftrengungen vertrage.
daß Thomas nach den Enthüllungen der Haushaltsuntersuchung nicht mehr das absolute Vertrauen genießen konnte, das für einen Staatsmann erforderlich fei und von dem das ganze Regierungsgebäude abhänge. „News Chronicle" schreibt, Thomas habe zwar nichts getan, was gegen das Geschriebene verstoße, aber es schade dem Ansehen eines Ministers, wenn er z. B. eine Wette über den Zeitpunkt der nächsten Parlamentswahlen abschließe. — Obwohl Thomas aus dem Kabinett ausgeschieden ist, behält er vorläufig seinen Parlamentssitz für den Wahlkreis Derby bei, den er fett 22 Jahren vertritt. „Daily Mail" glaubt, daß Thomas auf Anraten feiner Aerzte eine längere Seefahrt antreten werde.
Die Blätter stellen verschiedene Vermutungen über den voraussichtlichen Nachfolger von Thomas als Kolonialminister an. Als einer der hauptsächlichen Anwärter wird der gegenwärtige Erste Arbeitskommissar Ormsby-Gore, ein Konservativer, genannt. Gleichzeitig wird die Erwartung ausgesprochen, daß Sir Samuel Hoare entweder als Er st er Lord der Admiralität oder als Staatssekrtär für die Dominions wieder in die Regierung zurückkehren werde. Im letzteren Falle würde der gegenwärtige Dominion« minifter Macolm Macdonald das Kolonialministerium übernehmen, während Ormsby-Gore Marineminister werden würde. Eine der Schwierigkeiten bei der Kabinettsumbildung besteht darin, daß der Anteil der nationalen Arbeiterpartei an der Regierung durch den Rücktritt durch Thomas geschwächt worden sei. Diese Partei ist jetzt in der Regierung nur noch durch d i e beiden Macdonalds vertreten. „Daily Telegraph" rechnet damit, daß Ministerpräsidenten Baldwin den freiwerdenden Posten einem Konservativen anbieten werde.
Vor einer Umbildung des Kabinetts Valdwin.
Rücktritt des Kolonialministers Thomas.
Aach Europa zurück.
Nach Beendigung der militärischen Operationen Italiens in Ostafrika schien es anfangs fast so, als ob auch die italienisch-englische Spannung sich lösen werde vor der Gewalt der Tatsachen, die unerwartet früh mit der gänzlichen Niederlage des Negus im Felde, seiner Flucht vor aufrührerischen Stammesfürsten und der Eroberung Abessiniens durch die italienischen Truppen nun einmal geschaffen worden war. Italien jedenfalls schien nach erfochtenem Siege keineswegs zu wünschen, den Bogen zu Überspannen. Wenn auch die Ausrufung des Königs Viktor Emanuel zum Kaiser von Abessinien in einer Form vollzogen wurde, die den Gedanken der Erneuerung des Imperium Romanum stark unterstrich und jede Schmälerung der italienischen Besitzrechte auf ganz Abessinien durch ein diplomatisches Kompromiß als gänzlich undiskutabel entschieden zurückwies, so hatte sich Mussolini doch gleichzeitig beeilt, in London die beruhigende Erklärung abzugeben, daß Italien sich jetzt zu den saturierten Mächten zähle und nun keinen anderen Ehrgeiz kenne, als das Eroberte in friedlicher kolonisatorischer Arbeit zu erschließen, um es tatsächlich zu besitzen. Auch die ersten Aeuße- rungen von Regierung, Parlament und öffentlicher Meinung Englands erweckten den Eindruck, als ob die maßgebenden Instanzen des Britischen Reiches es für zweckmäßig halten würden, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und die vollendete Tatsache der Eroberung Abessiniens anzuerkennen, um to make the best of it und vielleicht noch in letzter Stunde durch geschicktes Verhandeln eine Besserung der englischen Position durchzusetzen, zumal Mussolini ja erklärt hatte, die britischen Interessen in Aegypten und im Sudan und die Wirtschaftsbelange beider Länder im Gebiet des Tanasees achten zu wollen.
Noch ein anderer und vielleicht gewichtigerer Grund mußte für die schnelle Anbahnung einer Aussöhnung mit Italien sprechen. Man war sich natürlich in London völlig darüber im klaren, daß der Sanktionskrieg des Völkerbundes gegen Italien im wesentlichen deshalb mißglückt war, weil Frankreich, nach beiden Seiten gebunden, sich nicht entschließen konnte, seinen Pflichten als Völkerbundsmitglied nachzukommen. Daß die Franzosen nur sehr zögernd und gänzlich unzureichend England Hilfe versprochen hatten, falls dieses bei der Durchführung der Sanktionen im Mittelmeer von Italien angegriffen werden würde, hatte seinerzeit den britischen Außenminister Sir Samuel Hoare veranlaßt, dem Pariser Plan Lavals zuzustimmen, der noch einmal eine gütliche Auseinandersetzung mit Italien anbahnen sollte, aber von der öffentlichen Meinung Englands als Verrat an den Interessen des Empire und vielleicht noch mehr als Verrat an dem heiligen Gedanken der kollektiven Sicherheit stürmisch abgelehnt wurde. Die von Hoares Nachfolger Eden verfolgte Politik einer Verschärfung der Sanktionen wurde in Genf von den Franzosen durch Verschleppungsmanöver konsequent durchkreuzt. So erwies sich zwar Frankreich den kriegführenden Italienern hinter den Kulissen als wertvoller Bundesgenosse, aber England hat die Zuverlässigkeit Frankreichs als Glied eines gerade von der französischen Politik immer wieder als Patentlösung für alle europäischen Schwierigkeiten angepriesenen Gnftems der kollektiven Sicherheit beim ersten praktischen Schulbeispiel von einer sehr merkwürdigen Seite kennenaelernt. Man könnte versucht sein, daraus zu schließen, daß auch aus diesem Grunde England Wert darauf legen werde, nach dem abessinischen „Mißverständnis" die traditionelle Freundschaft zu Italien so schnell wie möa- lich wiederherzustellen, allein schon, um Frankreich geaenüber freiere Hand zu bekommen.
Die erste Stimmung war sowohl in Rom wie London einer solchen Aussöhnungspolitik durchaus günstig. Wenn auch die Römer und ihre Bresse im *’rften IPberfcbmana des Siegesrausches den Triumph der Wiedergeburt des Jmveriums Roma- nums für empfindliche englische Ohren allzu laut feiern mochten, so fanden doch die sehr bestimmten, aber auch die italienischen Absichten klug bearenzen- den Erklärungen Mussolinis in London ein aufmerksames Echo, und namentlich die Kreise der Konservativen Bartei, die Edens Völkerbundspolitik von 'eher äußerlt skeptisch beobachtet batten und nun durch den Sieg Italiens ihr Mißtrauen gerecht- fertiat sahen, forderten entschieden Einstellung der Sanktionen und W'ederanbabnuna des alten Freundschaftsverhältnisses zu Italien. Aber nicht minder scharf widersprachen Arbeiterpartei und Liberale, unbelehrt durch das Fiasko der Völk-rbundspolitik, 'ehern Gedanken an Abbau der Sanktionen. Ihnen kam zu Hilfe der innervolttifche Szenenwechsel in Paris nach den französischen Kammerwahlen. Die sich zur Uebernahme der Regierung rüstenden Männer der Volksfront sind einmal grundsätzlich ffleaner des Faschismus, die die Vündnisvolitik der Barthou und Laval nur mit größtem Mißtrauen verfolgt haben, und zum andern passionierte Völ- kerbundsideoloaen, die nicht so ohne weiteres die erneute Niederlage des Völkerbundes im Falle Abessinien zugeben wollen. Wenn also bisher Eden in Genf gegen die französischen Quertreibereien keine bestimmten Entschlüsse auf Verschärfung der Sanktionen hatte durchsetzen können, so wirkte nun die französische Verschlevpunaspolitik in entgegengesetzter Richtung auf Beibehaltung der Sanktionen. Eden hat sich dem offenbar gern gefügt trotz der jeder Fortsetzung der „nutzlosen und daher schädlichen" Sanktionen widerstrebenden Stimmung vieler seiner konservativen Banteifreunde „Wait and see“ ist wieder Grundsatz britischer Politik geworden.
Beareiflicherw"ise hat dieser hinhaltende Beschluß des Genfer Völkerbundsrats, der im Grunde alles beim alten läßt, in Rom wie eine kalte Dusche


