m. 248 OwiutS Matt
Ciehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Donnerstag' 22. Oktober 1956
Besinnliche Weltreise
Von unserem E. M -Sonderberichterstatter.
XL
Gin Manöver.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Batavia, im September 1936.
Langsam fährt unser Schiff in die Quaianlagen der KPM., die von hier aus an die hundert Schiffe in alle Teile des malayischen Archipels hinaussendet Wir sind in Tandjong Priok, dem Hafen von Batavia, angekommen. Abermals haben wir eine Zollkontrolle zu passieren, obwohl wir nur von einer zu der anderen Insel desselben Hoheitsgebietes gefahren sind. Sie geht zum Glück schnell vorbei und kaum eine Viertelstunde später sitzen wir im Taxi, auf dem Wege nach dem europäischen Teil dieser südasiatischen Großstadt: Weltevreden, heute Ba- tavia-Centrum genannt.
Es herrscht auf der Straße ein mehr als lebhafter Verkehr. Das Augenfälligste sind aber nicht die zahlreichen Autos, sondern die nach Hunderten wenn nicht nach Tausenden zählenden Fahrräder Hier wird die Vorherrschaft Kopenhagens ernstlich anae- droht, je mehr sich Land und Stadt vom Leben eines Großlieferanten an tropischen Erzeugnissen auf e-ne mehr mittelständische Lebensform umstellt.
Batavia ist eine weitgegliederte Stadt, die vom einen Ende bis zum anderen, d. h von dem alten Hafen bis nach Meester Cornelis, eine Ausdehnung von ungefähr fünfzehn Kilometer hat. Hier liegt das Zentrum der niederländischenKo- l o n i a l m a ch t, wo man mehr als sonstwo im Archipel den Eindruck eines wirklichen Empires bekommt. Gewaltige Ausmaße erreichen die Bankqe- bäude, die Hauptverwaltungen der Handelsgesellschaften, eindringlich wirken die Wohlstand verkündenden Häuser und Dillen in Weltevreden. Straßenbahnen, elektrischer Bahnverkehr nach den Vororten, elegante Hotels zeugen von der Größe dieses Reiches. Es hat sich gewiß in den letzten vier Jahren seit meinem hiesigen Aufenthalt manches verändert und wenn ich hinter die Kulissen sehe, so finde ich nicht mehr jene selbstgefällige Wohlhabenheit, die Batavia trotz der Hitze für den Fremden immer frostig wirken ließ. Aber das ist eher ein Vorteil, wie es das auch für Europa war, wo man fa gleichfalls einmal den Wert oder Unwert von Menschen und die Kulturgüter der Völker mit Geld und Börsenkursen maß.
Als ich am Tage nach meiner Ankunft durch Weltevreden über den riesigen, ein Quadratkilometer großen, inmitten der Stadt gelegenen Koningsplein — auf dem gerade die große I a h r m e s s e, der Passer Gambir, errichtet wird — zum trotzdem noch großen Waterlooplein gehe, herrscht dort ein unabsehbares Gedränge. Ich frage einen neben mir stehenden Sundanesen nach dem Grunde dieser Menschenansammlung. Er zeigt auf eine abgesperrte Fläche, wo ich dann auch eine lange Kolonne khakifarbener Uniformen sehe. Ich gehe um den Platz herum und werde so Zeuge einer Parade vor dem Kommandeur der ersten Infanteriedivision. Es marschieren vorbei Infanterie, Kavallerie, motorisierte Truppen, Haubitzen und Sanitätsabteilungen. Es sind nicht nur europäische Truppen. Fast möchte es scheinen, daß die Malayen in der Mehrzahl sind, von den Indoeuropäern ganz abgesehen. Trotzdem machen die Soldaten einen gutdisziplinierten Eindruck.
Die Parade ist der Abschluß einer P r o b e mobil i s a t i o n, zu der auch Reservisten herangezogen waren. Die Presse beschäftigte sich tagelang mit dem Ereignis und brachte zahllose Bilder von dem Manöver. Darunter befand sich auch ein Foto, das für den Außenstehenden einen bestimmten Reiz besaß. Es zeigte den japanischen Generalkonsul, wie er mit einer Handkamera Aufnahmen von derParade machte. Neben ihm stand
als Verbindungsoffizier ein Jnfanteriehauptmann. Der Diplomat hatte Schwierigkeiten, überhaupt auf den Platz zu kommen, so las man später. Erst sein Ausweis machte ihm den Weg frei. Dieses Bild ist nicht zufällig, denn es waren auchnochdie Vertreter anderer Staaten anwesend Es zeigt mehr als alles andere, daß man hier die bewaffnete Macht mit Japan in Verbindung bringt. Gerade in letzter Zeit wird darüber mehr als je gesprochen. Man hat das Beispiel Abessiniens vor Augen und verläßt sich nicht mehr allein auf die Großmächte und den Völkerbund.
Noch vor vier Jahren schwor mir ein bekannter hiesiger Journalist auf den Wert von Singa- p o r e für den holländischen Besitz. Jedes Schiff, jedes Geschütz, das die Engländer dorthin schafften, schien für ihn auch zum Schutz Hollands zu sein. Heute widersprach er meiner forschenden Frage ebenso überzeugt und verwies auf die Anstrengungen, die Holland in Java mache. Und in der Tat, es ist in letzter Zeit militärisch viel geschehen. Mit den Manövern gleichzeitig brachten die Zeitungen ausführliche Berichte über Luftabwehr- und Verdunkelungsübungen in Semarang und Soerabaja. Ich las von großen Flugzeugbestellungen für Java, hörte von an die 30 Flugplätzen in Sumatra und konnte mir ein schadenfrohes Lächeln nicht verkneifen als ich an die tendenziösen Berichte gewisser Amsterdamer Zeitungen über die deutschen Luftübungen dachte.
Gilt das aber alles Japan? Darüber besteht kein Zweifel, daß hier der „Mann auf der Straße" an die Bedrohung durch Japan glaubt. Die zahllosen, japanischen Photographen auch an kleineren Plätzen sind für ihn nichts weiter als getarnte Spione. Er glaubt es ohne weiteres, daß die in Nordsumatra von Japanern angelegten Betontennisplätze kommende Stände für schwere Geschütze sind. Er rechnet sich aus, daß einzelne Bürger des Landes der aufgehenden Sonne unmöglich allein von ihren Einnahmen hier zu Lande leben können. Die verhafteten Japaner an der Küste von Sumatra, wo sie m den Eingeborenenprauhen herumbummelten, sind nach seiner Meinung natürlich Marineoffiziere, die dort alles vermessen. Wenn man mancherorts vom BV., ließ Buitenlandschen Vijand, spricht, so meint jeder Japan, ohne das Land mit Namen zu nennen. Unterhält man sich mit weitblickenden Holländern, so geben sie ohne weiteres zu, daß die Gefahr doch ein wenig übertrieben ist. Keiner aber zweifelt daran, daß auch die längste Anmarschlinie die Japaner nicht davon abhalten wird einmal das Petroleumzentrum von Borneo zu besetzen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Kein Wun- daß hier also jeder auf Verstärkung der Rüstungen drängt. Jedes Friedensjahr vermindert für Java die Gefahr, so meint man.
Die niederländisch-japanischen Beziehungen selbst haben im Laufe der Zeit eine stets wechselnde Gefühlsskala durchgemacht. Nach den auch das übrige Europa überraschenden Siegen über Rußland und dem damit beginnenden beispiellosen Aufstieg Japans stellte man sich hier auf Abwehr ein, um so mehr als gewisse Gruppen in Tokio vom Reich des „Nanyo", des südlichen Meeres, offen träumten, womit nur der m a l a y i s ch e Archipel gemeint sein konnte. Später, nachdem man eingesehen hatte, daß die Japaner, als Bewohner gemäßigter Zonen, für die Tropen keine idealen Kolonisten sind, und auch z. B. Java dank der gewaltigen Uebervölkerung — es ist rund dreimal so dicht bevölkert wie Deutschland — kaum Platz für neue Hunderttausende bot, unterstützte man hier heimlich und auch in der privaten Ansicht alle japanischen Bestrebungen in China und der Mandschurei, bis --heute, bis zum Versagen der Großmächte.
Nun glaubt man hier wieder an den Wert der
Unterseeboote, Kreuzer, Minenleger, der modernen automatischen Waffen, der Flieger. Man schimpft auf die korrupte und sterbende Demokratie des Westens, was vor vier Jahren noch undenkbar war. Zweifellos ist man in Tokio über alles was hier geschieht unterrichtet. Dafür braucht man in Java aber keine Spionage zu unterhalten. Hier geschieht so ziemlich alles in der Qeffentlichkeit. Das Radio in Batavia verbreitet u. a. ganz offen die Nachricht vom Meldungszwang der Waffenfähigen — es besteht allgemeine Dienstpflicht — und fügt die Strafbestimmungen in einer solchen Form hinzu, daß man sich des Eindruckes fortgesetzter Verstöße der Reservisten nicht erwehren kann. Trotz allem glaube ich nicht, daß Japan eine Unternehmung gegen den holländischen Besitz plant.
In Europa sind über die Möglichkeit häufig ganz falsche Vorstellungenn verbreitet. Ich entsinne mich noch, daß ich dort einmal von einer Zeitung aufgefordert wurde, einen Artikel über Java zu schreiben, aus dem heroorgehen sollte, daß die Japaner in Batavia oder Soerabaja bereits so stark seien, um sich Angriffe auf die Autorität zu erlauben. Außer der Landesverweisung eines Journalisten, der mit den extremen javanischen Nationalisten in Verbindung getreten war, und der gewaltsamen Flucht eines bereits aufgebrachten Dampfers, ist nichts geschehen. Man vergißt in Europa immer wieder, daß die Anmarschlinien nach Java und Singapore tausende von Seemeilen lang sind. Solange die Fragen Rußland, Mandschurei, China und Philippinen für Tokio ungeklärt, und damit kaum entscheidende Kräfte frei sind, wird Japan hier nach wie vor seine Anstrengungen auf wirtschaftlichem Gebiet machen.
Dabei ging allerdings die japanische Eroberung
Aus einigen Stellen des Reiches kommen in diesen Tagen Berichte darüber, daß eine reiche K o h l - ernte gewisse Schwierigkeiten in der Unterbringung bereitet. Hier und da befürchtet man sogar, daß der jetzt anfallende Herbstkohl teilweise verderben könnte. Das ist in einer Zeit, die unter der Parole „Kampf dem Verderb" steht, kaum verständlich und muß alle auf den Plan rufen.
Der Erste, den es angeht, ist der Reichsnährstand. Dieser hat durch seine Hauptvereinigung der deutschen Garten- und Weinbauwirtschaft weitestgehend eingegriffen und alle Mittel, die helfen können, eingesetzt. Das Einfachste, was geschehen konnte und was geschehen ist, ist der Einsatz der Sauer- k r a u t f a b r i k e n, die zur restlosen Ausnutzung ihrer Kapazität veranlaßt wurden. Von Seiten des Gärtners, des Handels und der Sauerkrautfabriken ist alles getan, was getan werden kann. Aber sie schaffen es nicht ganz. Der Erntesegen ist noch für die nächsten drei bis vier Wochen zu reich! Hier muß die deutsche Hausfrau mithelfen, und das tut sie, wenn sie weiß, wie die Dinge liegen.
Wohl das wichtigste Nahrungsmittel, das der deutsche Gartenbau hervorbringt, ist der Kopfkohl in seinen verschiedenen Arten. Noch vor 50 Jahren nahm der Anbau von Kopskohl im Reiche etwa vier Fünftel des gesamten Gemüsebaues ein. Wenn auch heute durch die ständig wachsenden Verkehrs- und Versandmöglichkeiten und durch günstigere Preisgestaltung verfeiernter Gemüsearten Anbau und Verbrauch insbesondere von Weißkohl zurückgegangen sind, nehmen Weiß- Rot- und Wirsingkohl immer noch zwei Fünftel der Gemüseanbaufläche ein.
Diese Bedeutung verdankt der Kopfkohl neben seiner Preiswürdigkeit wohl nicht zuletzt auch der Tatsache, daß er über elf volle Monate dem Verbraucher angeboten werden kann. Jnsbeson-
unaufhaltsam vorwärts. Erst im Jahre 1935 wurde sie durch Warenkontingentierung ein wenig ge« stoppt. Nur eine vollkommene Drosselung der Einfuhr könnte das Reich der Sonne zu Maßnahmen treiben. Aber diese Gefahr ist gering, weil Java dank der gewaltig gesunkenen Kaufkraft der eingeborenen Bevölkerung auf die billigen, nicht zu unterbietenden japanischen Waren angewiesen ist. Nun glaubt man in Europa noch, daß von innen heraus die politische Situation Hollands untergraben wird. Alles, was an Vermutung in dieser Richtung verbreitet ist, gehört ins Reich der Fabel. Es läßt sich einfach nichts finden, das auf diese Gefahr verweist. Der Fall der „Seven Provincien" war nur ein Lohnstreik Die Malayen sind keine Filipinos und werden es auch nie werden, wie ich es dem Führer der hiesigen Nationalisten, Soekarno. schon vor Jahren prophezeit habe. Noch heute besitzt die Unabhängigkeitspartei nicht mehr als 20 000 Mitglieder. Das war schon vor Jahren so, und außerdem ist sie noch vielfach gespalten. Was wollen solche Ziffern bei 60 Millionen Einwohnern und bei 60 verschiedenen Sprachen bedeuten?
Als ich den Waterlooplein verlasse, bin ich noch genau so sicher wie vor vier Jahren, daß den Holländern normalerweise keine Gefahr droht. Die militärischen Einstellungen sind auch hier eine Zeiterscheinung. Die Rüstungen Javas werden Tokio kaum stören. Eine Gefahr ist nur, daß es auch hier viele gibt, die sich größer vorkommen als sie sind. Das drückt sich nicht nur im Verhältnis zu Japan aus, für das eine solche Einstellung einmal eine Prestigefrage werden könnte. Zum Glück ist Hollands öffentliche Politik davon unbeeinflußt geblieben und wird es auch wohl bleiben
dere die in den letzten Jahren erfolgte Förderung des Frühkohlanbaues einerseits und der verlustarmen Lagerung des Dauerkohls bis in das späte Frühjahr andererseits — auf Kosten der Herbstweißkohlspitze — haben zu einer Beibehaltung eines stets annähernd gleichmäßigen Frischmarktverbrauches beigetragen: Daneben wird die Bedeutung wirksam ergänzt durch das Sauerkraut, eines durch natürliche Milchsäuregärung konservierten Weißkohles. Die gesundheitliche Bedeutung ist bei weitem noch nicht genügend bekannt. In anderen Ländern wird roher Sauerkohlsaft beispielsweise als Gesundheitsmittel genossen.
Im Durchschnitt der Jahre werden im Reiche etwa 13 bis 15 Millionen Zentner Kopfkohl erwerbsmäßig angebaut. Der Umfang des Anbaues zur Eigenversorgung ist kaum abzuschätzen. Rund zehn Millionen Zentner hiervon werden etwa auf Weißkohl entfallen, von denen wiederum über fünf Millionen Zentner in die Sauerkrautfabriken wandern. Bei einer Normalernte rechnet man pro Kopf der Bevölkerung im Jahre 15 Pfund Frischkohl und 4V.2 Pfund Sauerkraut. Das ist nicht viel! Das heißt, daß nur jede zwölfte Mahlzeit eine Kohlmahlzeit und jede vierzigste eine Mahlzeit mit Sauerkraut ist, beide Male allerdings Dollportionen, nicht nur als Beilagen gerechnet. Das heißt weiterhin, daß jeder Deutsche nur sechs mal so viel Kohl verzehrt als Zwiebeln.
Dieser relativ geringe Verbrauch von Kohl mag nicht nur der wachsenden Verbreitung anderer Gemüse zu danken sein, sondern der ausgeprägten Bevorzugung von Fleischkost in Norddeutschland allgemein und in den Städten im besonderen. Der Berliner glaubt doch Kohl nur essen zu können, wenn er eine recht erhebliche Portion Fleisch und Fett im Topfe hat. Es gibt jedoch auch in Deutschland Gebiete, die sich der vorzüglichen
Jetzt ist es Zeit zur Vorratswirtschast.
Wie sorgt die Hausfrau für gesunde Winterversorgung?
Von Zoh Boettner, Vorsthendem der Aaupivereinigung der deutschen Garten- und Weinbauwirtschaff.
Liszt und wir.
3n seinem 125. Geburtstage am 22. Oktober. Von Dr. Erwin Kroll.
1936 ist ein Liszt-Jahr in doppeltem Sinne. Am 31. Juli waren fünfzig Jahre vergangen, seitdem der Meister in Bayreuth zur ewigen Ruhe einging, und am 22. Oktober jährt sich sein Geburtstag zum 125. Male. Das jüngst geschlossene deutsch-ungarische Freundschaftsabkommen kann nicht schöner in Erscheinung treten als durch eine Franz-Liszt- Ged e n k w o ch e. Unter dem Ehrenvorsitz ^on Frau Wimfred Wagner vereinen sich in diesen Tagen deutsche und ungarische Künstler in Bayreuth zum Preise eines Musikers, der einer der edelsten Menschen seiner Zeit war und als Künstler der Mitwelt und Nachwelt unendlich reiche Anregungen gegeben hat.
Was bedeutet dieses Meisters Persönlichkeit und Werk uns Lebenden? Ferrucio B u s o n l, wenn auch nicht unmittelbarer Erbe, so doch Großsiegel- bewahrer Lisztscher Kunst, hat bekannt: „Jrn letzten Grunde stammen wir alle von ihm - Wagner nicht ausgenommen — und verdanken ihm das Geringere, das wir vermögen, Cesar Frank, Richard Strauß, Debussy, die vorletzten Russen insgesamt, sind Zweige seines Baumes ... Eine „Faust-Sin- fonie , eine „Heilige Elisabeth", em „Christus , sie sind nach keinem Spateren geraten. „Les jeux d'eau“ bleiben noch heute das Vorbild aller musikalischen Springbrunnen, die seitdem geflossen sind.
In der Tat: die Fernwirkung dessen was ursprünglich Liszt angehört, ist erstaunlich groß. Das gilt zunächst von dem Pianisten. Er hat die Klaviervirtuosität auf den höchsten, auch heute mcht überwundenen Gipfel geführt. Er entdeckte K ang- und Ausdrucksmöglichkeiten und "Spleltechmken in dem Tasteninstrument, die keiner vor ihm ge- SÄ
‘aus dem Geiste schaffe sich, di°T-chmk, N.chtaus der Mechanik des Klaviers zeigt, wie er darauf bedacht war, die Mittel feiner Kunst .dealen Zwecken unterzuordnen. So wurde er der König oer Drrtuo. stn ein Hoherpriester in der Welt des Schonen, mh mpr immer seine Weihen empfing, übernahm damit auch die d°h° Verpflichtung, der Kunst mit X 7 uuu; u zu dienen. Kaum einer
aber ^st unter den zahlreichen Schülern Liszts, der
sich diesem Dienste nicht gern hingegeben hätte; kaum einer, der nicht, wie noch jüngst Frederic Lamond, bekannte: „Ich danke dem Schöpfer, daß es mir vergönnt war, den herrlichen einzigen Menschen, den großen Künstler Franz Liszt gekannt zu haben — und seine Lehren mein Leben hindurch befolgen zu dürfen."
Wie der Pianist, so steht auch der Dirigent Liszt als Vorbild am Anfänge einer neuen Epoche musi-
(Scheri-Bilderdienst-M.)
; . U j >
kalischen Nachschaffens. Was wir heute vom Orchesterführer verlangen, hat schon er verwirklicht. Es müsse Hauptstreben des Mannes auf dem Podium sein, „sich augenscheinlich überflüssig zu machen". -licht so sehr den Takt als den Geist der Musik gelte es anzuzeigen, denn: „wir sind Steuerleute, keine Ruderknechte." So führt der Weg von Liszt unmittelbar zu Hans von Bülow, der bei der Nachricht vom Tode seines Lehrers rief: „Nach ihm ist ja nur Kroppzeug auf die Welt gekommen." Bülow aber wurde der Lehrmeister unserer heutigen Dirigenten. Er hat einen Richard Strauß in den Sattel gesetzt, und an der Spitze seiner Berliner Philharmoniker steht heute Wilhelm Furtwängler.
Der Pianist, der Dirigent Liszt — sie sind nur Einzelausstrahlungen des weltumfassend gebildeten, schöpferischen Künstlers. Denn nicht nur nachschaffend, auch eigenschöpferijch hat Liszt neue Wege
gewiesen. Was er für den musikalischen „Fortschritt", für die „neudeutsche Zukunftsmusik" getan hat, ist unvergeßlich in den Annalen der Musikgeschichte ausgezeichnet. Wie er mit Feder und Taktstock unermüdlich für Wagners neue Kunst warb, wie er die Welt einen Schumann, einen Berlioz und Chopin besser verstehen lehrte, so schuf er als Komponist die „sinfonische Dichtung" und wies der Kirchenmusik neue Wege. Es ist kein „Einfallsmusiker" im Pfitznerschen Sinne, der das tat. Aber daß die neue Gattung ihren Schöpfer überdauert hat, beweisen noch Richard Straußens „Don Juan" und „Till Eulenspiegel". Es gibt im Reiche der Musik eben mehrerlei Bauweisen, und wenn Liszt „mit musikalischen Mitteln literarische Ideen klangmalerisch gestaltete" (Moser), so waren nicht nur diese Mittel, z. B. seine Harmonik und seine Instrumentation, umwälzend neu, auch seine neu - artige, kühn zusammenfassende musikalische Architektur, seine musikalische Logik hat Schule gemacht.
So hat Liszt den Form- und Ausdrucksreichtum der Musik gewaltig vermehrt, und wie er die Grenzen seiner Kunst kühn erweiterte, so war er auch unablässig auf ihre Würde bedacht. Als ein „Genie der Freundschaft" wandelte er über diese Erde, und seine Güte umfaßte nicht nur die Menschen seiner Umgebung, sondern den ganzen Musikerstand. Er ist der Vater des Allgemeinen deutschen Musikvereins, dessen Bestrebungen zur Hebung des Musikerstandes erst jüngst in der Reichsmusikkammer ihre Erfüllung gefunden haben. Der Präsident dieser Kammer aber ist heute Peter Raabe, der einen großen Teil seiner Kraft der Erforschung und Würdigung des Lisztschen Lebenswerkes gewidmet hat und der nicht müde wird, den deutschen Musikern zu verkünden, daß es kein erhabeneres Vorbild für sie gibt als Franz Liszt.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Z i e h a r t h , Ordinarius für Alte Geschichte an der Universität Hamburg, ist wegen Erreichung der Altersgrenze von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden. Der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat den Dr. phil. habil. Hans R u - d o l p h beauftragt, vom Wintersemester 1936/37 an bis auf weiteres das Fach der Alten Geschichte an der Universität Hamburg zu vertreten.
Professor Dr. Robert Schröder, Ordinarius für Geburtshilfe und Gynäkologie an der Universität Kiel, ist vom 1. Oktober ab als ordentlicher Professor für Geburtshilfe und Gynäkologie an die Universität Leipzig berufen und zum Direktor der bärtigen Unive'rsitäts - Frauenklinik ernannt worben.
Alte Inschriften erzählen vom römischen Alltag.
Der Oxforder Professor R. G. Collingwood hat sich seit zwanzig Jahren der Aufgabe gewidmet, alle römischen Inschriften in England zu sammeln und hat fast 7000 Inschriften zusammenge- bracht. Mit Recht darf er diese Aufgabe jetzt als vollendet ansehen. Gegenwärtig ist er damit beschäftigt, fein Material zu ordnen, zu erläutern und zu einem Buche zu verarbeiten, das in seiner Art einzig sein und für jeden, der für die nordische Welt zur Zeit der römischen Herrschaft Interesse hat, eine aufschlußreiche Quelle darstellen wird. Die älteste Inschrift geht etwa auf das Jahr 50 n. Ehr. zurück und betrifft den Bau eines Tempels des Neptun und der Minerva durch einen britischen Fürsten namens Cogidubnus, der vor der römischen Eroberung König von Sussex war. Er unterwarf sich den Römern, änderte, um dem Kaiser zu schmeicheln, seinen eigenen Namen in Tiberius Claudius und empfing fein Land als eine Art Lehen von Rom zurück. Die Inschriften umfassen einen Zeitraum von fast 400 Jahren und eine der letzten bezieht sich auf eine Küstenwachstation in der Nähe von Whitby, die ein Befehlshaber namens Justinian nur ein paar Jahre bevor England von Rom endgültig aufgegeben wurde, errichtet hatte. Schon in dem Unterschied der Schrift in diesen beiden Dokumenten drückt sich der Kulturverfall innerhalb dieser vier Jahrhunderte aus.
Reizvoll sind die Inschriften vor allem durch die anschauliche Kenntnis des täglichen Lebens, das sie vermitteln. Ein Ring z. B. trägt die Worte „Si amas, ego plus“ (Wenn du liebst, ich noch mehr). Sehr viel anders drücken heutzutage Liebende sich auch nicht aus. Auf einer Tonscherbe steht der Name eines Gladiators Lucius verbunden mit dem einer gewissen Verecunda. Diese Inschrift ist dadurch besonders bemerkenswert, als sie die einzige überhaupt bekannt gewordene Erwähnung eines Gladiators im römischen Britannien darstellt. Auf einer anderen Scherbe hat ein gewisser Bellicanus zu vielen Malen seinen Namen geschrieben, vielleicht in müßiger Spielerei und gewiß nicht ahnend, daß er für die Jahrtausende schrieb. Auch die Schreibübung eines Schulknaben aus dem 2. Buch der „Aeneis" war nicht für die Jahrtausende berechnet. Ein Stück Blei verrät, daß es die Gepäckaufschrift eines Centurio Titanus, Befehlshaber der VIIL KlB horte der XX. Legion war, der vor etwa 1800 Jahren mit feiner Kohorte von Chester, feinem bisherigen Standquartier, abmarschierte. Gewiß hat der Centurio nicht .gedacht, daß die achtlos üer* lorene Aufschrift ihn so viele Jahrhunderte übet» dauer» wurde.


