Rr.94 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 22.April 1936
Dankopfer der Nation
Aufruf des Führers der
SA.Kameraden der Gruppe Hessen!
Der Stabschef hat uns allen, die sich zu unserer Kampfgemeinschaft bekennen, zu einem Dankopfer für den Führer aufgerufen.
Wir gehören dem Führer mit allem, was wir haben, und zu seinem Geburtstage drängt es uns erneut, dies durch unsere Ehrenliste zum Ausdruck zu bringen.
Kun soll es unser Stolz sein, diesem Zeichen unseres engsten Verwachsenseins mit dem Führer ein tausendfaches Echo zu verschaffen.
Unsere Gabe soll nicht nur ein Beweis für unsere Dankbarkeit sein, sondern auch für die Verwurzelung der SA. im Volk: Jeder, der das Braunhemd trägt, aber auch jeder Volksgenosse, der seine Dankbarkeit zum Führer und seine Verbundenheit mit uns zum Ausdruck bringen will.
SA.-Sruppe Hessen.
trägt sich in die Ehrenliste zum Dan- kesopfer ein.
Vom Sturm ging in der Zeit des Ringens der Kampf um Deutschlands Einigkeit und Freiheit aus; der Sturm soll auch jetzt die ehrenvolle Pflicht haben, seine Dienststelle allen zur Einzeichnung in die Ehrenliste zu öffnen. Ab 21. April bis 22. Mai liegen demgemäß in jedem Slurmzimmer die Ehrenlisten für alle Kameraden und jeden Volksgenossen auf.
So soll von nun an unser Opfer dem Führer alljährlich stets aufs neue an seinem Geburtstag in unverlöschlicher Dankbarkeit und einmütiger Geschlossenheit unser Leitwort bekunden:
Alles für den Führer!
Der Führer der SA.-Gruppe Hessen.
B e ck e r l e, Gruppenführer.
Eröffnungsvorlesung im neuen Hörsaal der Nervenklinik.
Professor Mau; über die neuen Aufgaben des Arztes.
Am gestrigen Dienstagvormittag wurde der neue Hörsaal der Nervenklinik mit einer feierlichen Eröffnungsvorlesung seiner Bestimmung übergeben. Zu dieser Feier hatten sich neben dem Rektor der Universität, Pros. Dr. Pfähler, dem Führer der Dozentenschaft, Professor Dr. Hummel, neben Aerz- ten und Psychologen auch viele Studenten eingefunden. Geheimrat Prof. Dr. Sommer, der Gründer der Klinik, wohnte der Feier ebenfalls bei. Aerzte, Assistenten und die Angestellten der Klinik nahmen ebenfalls teil.
Prof. Dr. Mauz, der neue Direktor der
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Der Gründer der Nervenklinik, Geheimrat Professor Dr. Sommer (links), im Gespräch mit dem neuen Direktor Professor Dr. Mauz. — (Aufnahme: Photo-Pfaff.)
Klinik, hieß die zahl
reichen Gäste der Klinik herzlich willkommen und erinnerte zunächst an das 40jährige Bestehen der Klinik. Worte der Dankbarkeit fand er für den anwesenden Gründer der Klinik und herzlich gedachte er auch der fördernden Arbeit seines Vorgängers, Professor. Dr. Hoffmann, der die Neugestaltung des schönen Hörsaals anregte und eigentlich berufen wäre, den Hörsaal seiner Bestimmung zu übergeben. Ihm sei viel Aufbau innerhalb der Klinik zu danken, in der schon viel Arbeit zum Segen der Volksgesundheit geleistet worden sei. Die Tatkraft des Direktors sei ergänzt worden durch den Aufbauwillen eines jeden einzelnen, der im Dienste der Klinik stehe. Der Fülle der segensreichen Arbeit der Klinik sei besonders im Rahmen jener Feier gedacht worden, da Geheimrat Sommer ausschied. Aus Anlaß der Einweihung des neuen Hörsaals habe er, der Redner an Professor Hoffmann besondere Grüße übermittelt. In der Antwort übermittelte Professor Hoffmann beste Wünsche für das weitere Gedeihen der klinischen Arbeit zum Segen des Volkes.________________
Besonders erfreulich sei es gewesen, daß man in Darmstadt viel Verständnis für die Notwendigkeiten in der Klinik gefunden habe. Regierungsrat Dr. Köhler habe sich mehrmals vom Stand der Arbeit überzeugt. Mit den Worten: „Das Werk ist gelungen — Möge die Arbeit, die wir hier leisten, ebenso gut und wertvoll für unser ganzes Volk sein, daß jeder, der hier mitgeholfen hat, sich bedankt fühle," übergab der neue Direktor den Hörsaal seiner Bestimmung. Dankbar gedachte Prof. Mauz der symbolischen und schönen Stiftung, die Professor Hoffmann der Klinik in der Gestalt eines Führer-Bildnisses übermittelt hat Das Bildnis werde stets daran erinnern, in diesem Hörsaal und in der Klinik Arbeit im Geiste des Führers zu leisten, einheitlich ausgerichtet auf das ganze deutsche Volk.
Sodann ging Prof. Dr. Mauz zur eigentlichen Vorlesung über, in der er einen aufschlußreichen Vortrag über das Thema „Aerztliche Psychotherapie" hielt. Seinen Ausführungen folgten die Zuhörer mit ungeteilter Aufmerksamkeit.
Zum Abschluß der Eröffnungsfeier sprach noch Geheimrat profeffor Dr. Sommer, der zunächst einen interessanten Vortrag über die Geschichte der Entwicklung der Nervenklinik gab. Gleichzeitig streifte er auch die Entwicklung seines eigenen Lebenswerkes, der Psychotherapie und gab seiner großen Freude darüber Ausdruck, daß es sich
der neue Direktor zur Aufgabe gemacht habe, an der gleichen wissenschaftlichen Aufgabe weiterzuarbeiten. Mit großer Freude wurde es aufgenommen, daß er sich als „Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter" mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen der Klinik zur Verfügung halten werde.
Damit hatte die würdige Eröffnungsvorlesung ihren Abschluß gefunden
Semester-Eröffnungsappell desNGDSiB.,HochschulgruppeGießen
Am gestrigen Abend hielt in der großen Tageshalle des Gießener Studentenhauses die hochschulgruppe Gießen des NSDStB. ihren Semester- Eröffnungsappell ab. Nach dem gemeinsam gesungenen Lied „Brüder in Zechen und Gruben" und nach einem Gedichtvortrag begrüßte der Hausführer des Stammhauses des NSDStB. S ch u st e r die zahlreich erschienenen Gäste. An allen deutschen hoch- und Fachschulen würden in dieser Woche auf Anordnung der Reichsleitung des NSDStB. diese Eröffnungsappelle durchgeführt und zwar ganz bewußt. Eindeutig müsse auch in diesem Semester betont werden, daß der NSDStB. als Gliederung der NSDAP, ein Machtfaktor innerhalb der Studentenschaft sei.
Der Führer selbst habe am 26. Januar zu dem Studentenbund gesprochen und in München sei dem Bund eine eigene Fahne und somit eine endgültige Ausrichtung gegeben worden.
Nun wende man sich an alle aktivistischen und aufbaufreudigen Studenten, sich dem Studentenbund anzuschließen und seine Reihen zu stärken. Jeder müsse daran denken, daß nur Einigkeit stark mache.
Nach dem Vortrag des Gedichts von Dietrich Ekhard „Deutschland erwache" sprach der
Hochschulgruppenführer Albert Frank und führte u. a. ungefähr folgendes aus:
Erst wenige Tage seien verflossen, da in Dresden anläßlich der Einweihung des ersten Kameradschaftshauses der Reichsstudentenbundsführer D e - r i ch s w e i l e r die wahrhaft großen und bedeutenden Aufgaben des Studentenbundes bekanntgegeben hätte. Auf dem Wege zu dem gesteckten Ziele gälte es, noch manche unebenen und unerschlossenen Teile zu überwältigen. Es käme im jetzigen Augenblick nicht darauf an, ob diese oder jene Einrichtung auch wirklich ihren vollwertigen Ersatz gefunden habe. Maßgebend sei nur, daß der Führer des deutschen Volkes den NSDStB. geschaffen habe und seinen Weg bestimmte und in Zukunft noch bestimmen werde. Wie gering und klein seien doch die Opfer, die gebracht worden seien gegenüber der großen und gewaltigen Taten der nationalsozialistischen Revolution. Darüber müßten wir alle uns klar sein, ohne Adolf Hitler wäre Deutschland heute ein Chaos. Wer würde daran zweifeln, daß der Weg, den der Führer dem deutschen Studenten zeige, der richtige sei? So müßten wir auch jetzt dem Führer glauben und vertrauen, er allein sei für das handeln maßgeblich. Aus den jüngsten Anordnungen der Reichsstudentenbundsführung gehe hervor, daß der wahrhaft nationalsozialistische Student mit dem NSDStB. gehen könne und gehen werde.
Rur Freiwillige könne man gebrauchen, die als Mitarbeiter beweisen würden, daß sie Nationalsozialisten seien und restlos zum Führer ständen.
In Zukunft würden an den Hochschulen Stamm- Mannschaften des NSDStB. aufgestellt werden, in denen der deutsche Student drei Semester lang Dienst zu leisten stabe. Die politische Schulung läge nun allein beim NSDStB. Nicht einem Verein gleich könne man dem NSDStB. beitreten oder nicht, sondern der Student habe sich zuerst würdig zu erweisen, in diesen Bund berufen zu werden. So sei die Gewähr gegeben, daß nur tapfere, ehrliche
Kerle diesem Orden angehören würden. Deutschland habe jahrhundertelang daran gekrankt, daß der deutsche Mensch Künstler, Wissenschaftler, gewissenhafter Arbeiter und Beamter, unbedingt treu und zuverlässig, aber nicht politisch gewesen wäre.
Man müsse bedenken, daß das Ziel fei, deutsche Führer zu schaffen, die politisch seien und den wahren Lebensmut und Lebenskampf in fich fühlten.
Volksgemeinschaft sei das Ziel und damit sei alles gesagt. Wenn man zum Führer stände, würde man auch einsehen, daß er recht habe, die Studenten müßten nur den Weg finden und geschlossen für ein mächtiges und großes Deutschland marschieren. Anschließend verlas Pg. Frank den Erlaß des Reichsstudentenbundführers Derichsweiler, den wir in Auszügen folgen lassen.
Das Gebot der Stunde.
Am 29. März hat das deutsche Volk sich in einer überwältigenden Geschlossenheit hinter die nationalsozialistische Partei und damit hinter Adolf Hitler gestellt. Damit ist der ganzen Welt der Anblick eines zur Schicksalsgemeinschaft verschmolzenen Volkes gegeben.
Wenn ein Volk von 67 Millionen sich zur nationalsozialistischen Bewegung fast einstimmig bekennt und damit auch den absoluten Führungsanspruch dieser nationalsozialistischen Organisation anerkennt, dann ist es nur folgerichtig, wenn die viel kleinere Gemeinschaft von nur 60 000 deutschen Studenten sich freudig und bedingungslos der Führung der Partei unterstellt. Mögen alle diejenigen, die das Gestern eines studentischen Lebens nicht vergessen können, sich klar sein: Das Rad der Geschichte kann man nicht zurückdrehen. Es ist die Mission der studentischen Jugend seit Jahrhunderten gewesen, Künder und Vorkämpfer einer großen, starken und herrlichen deutschen Nation zu sein, nicht aber der Verteidiger einer vergangenen Zeit.
Adolf Hitler hat das Traumbild vieler vergangener Studentengenerationen zur Wirklichkeit werden lassen. Würdig zeigen wir uns der Vergangenheit, wenn wir aus uns selbst heraus, dem Gebot der Stunde gehorchend, Hand anlegen am Neubau eines nationalsozialistischen Studententums.
Gebt es auf, neben das Hakenkreuz, welches allen Deutschen als heiligstes Symbol ihres ewigen Schutz- und Trutzbündnisses gilt, noch die Fahnen kleiner studentischer Gemeinschaften zu setzen. Gebt es auf, konfessionell gebundene Gruppen zu bilden, über die das deutsche'Volk am 29. März zur Tagesordnung übergegangen ist.
Wir sind an der Arbeit, die Grundlagen eines neuen studentischen Lebens zu schaffen. Zeigen mir Bewegung und Staat unseren geschlossenen Willen zur Neuformung unseres studentischen Lebens unb unseren Willen zum Neubau unserer Geistesstätten.
Als Führer des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes rufe ich alle deutschen Studenten der ersten bis dritten Semester auf, in die studentischen Kameradschaften einzutreten und durch ihre Mitarbeit den Willen zum Neuaufbau und zur studentischen Selbstverwaltung zu dokumentieren.
Am Schlüsse der Kundgebung wurde ein dreifaches „Sieg-Heil" auf den Führer ausgebracht und das Horft-Weffel-Lied gesungen.
Oie Tippgräfin.
Vornan von Klothilde v Steqmann
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin, SW 68.
43. Fortsetzung. Nachdruck oerbotenl
27. Kapitel.
E i n Unrecht und seine Folgen.
Als Mariella nach „Villa Liliput" zurückkehrte, sah sie überall Menschengruppen und Grüppchen herumstehen, die alle neugierig nach dem Himmel blickten. Andere starrten auf ihre Uhren oder disputierten aufgeregt über irgendein fliegerisches Ereignis, das bevorzuftehen schien.
Schließlich wurde auch die kleine Principessa von der allgemeinen Neugier angesteckt. Fragend wandte sie sich an einen alleinstehenden Schuljungen, wer denn erwartet würde. Prompt kam die Antwort, in echtem, unverfälschtem Berliner Dialekt:
„Na, Sie drehen wohl ooch Ihren Rundfunk nich an, Frollein? Sonst müßten Sie doch wissen, daß der anjesagt hat, in die nächste Viertelstunde wird ein italienisches Luftschiff uns hier ’ne Ehrenreverenz machen, und denn uff’n Tempelhofer Feld landen? Sperr—ranza — oder so ähnlich heeßt der Kasten! Aba da is er ja schon!"
Mariella klopfte das Herz zum Zerspringen, als das zierliche Luftschiff jetzt gerade über ihrem Kopf zu kreisen schien.
Aus allen seinen Fenstern sahen winkende Menschen, und gerade als die kleine Principessa in ein Auto sprang, schlich ein blondlockiges, junges Mädchen in dem Luftschiff auf Zehenspitzen neben einen der Schiffspassagiere und» flüsterte verzweifelt:
„Ich fürchte mich ja so schrecklich sehr vor Mariella, Väterchen!"
„Kindskopf!" lachte Prinz Bonaglia Jlaro aus. „Sie wird dich sicherlich zum Mittagessen verspeisen, liebe Jlaro!"
Als Mariella auf dem Tempelhofer Feld ankam, wurde sie dort bereits von dem Herzog und Renate erwartet. Sie hatte ein förmliches Rennen mit der „Speranza" mitgemacht, denn als sie dem Chauffeur ihres Wagens gesagt hatte, daß sie noch vor der Landung in Tempelhof sein müsse, war er tollkühn drauflos gefahren. Dem Luftschiff hatten sich bereits inzwischen zahlreiche deutsche Flieger in ihren Maschinen angeschlossen, die ihm das Ehrengeleit gaben. Wie sehr bedauerte Doktor Heßling, nicht auf feinem- Flugzeug dabei zu sein. Doch er
hatte dem Herzog versprochen, den Prinzen unterwegs nicht zu verlassen, und daran hielt er sich gebunden.
Bereits seit einigen Stunden erwarteten Polizei und Militär die „Speranza", um bei den Lan- dungsmanöverii behilflich zu fein. Gerade als die kleine Priiicipeffa ihre Freunde gefunden hatte und klopfenden Herzens neben dem Herzog stand, senkte das Luftschiff sich nieder und warf gleich darauf Taue aus, an denen die Mannschaften es zu Boden zogen und verankerten.
Die Fenster des Luftschiffes waren noch immer dicht besetzt. Doch der braungebrannte, energische Kovf Giovannis war ebensowenig dabei wie das Helle Antlitz Ikaros oder das Gesicht Walter Heßlings. Diese drei Menschen waren zu erregt, um für Empfangsfeierlichkeiten irgendwelcher Art Zeit zu haben.
Keinen Blick ließ die kleine Principessa indessen von dem Luftschiff. Blaß bis in die Lippen, stand sie hochgereckt an der Seite des Herzogs in ihrem knappsi^enden, silbergrauen Marocainkostüm, zu dem die kleine blaue Kappe, die sie trug, trefflich harmonierte. Tasche, Schuhe und Handschuhe stimmten mit der dunkelblauen Farbe der Kopfbedeckung überein.
„Sieht sie nicht reizend aus?" flüsterte eine Kollegin entzückt Renate zu, die Mariella von der Gerichtsverhandlung her kannte.
Doch außer den wenigen Eingeweihten wußte niemand auf dem weiten Platz, welch ein Wiedersehn sich hier vor aller Augen abspielen sollte. Afrikaforscher — unter ihnen auch ein junger Deutscher, dessen Name sich sonderbarerweise nicht ermitteln ließ — das war alles, was die Pressevertreter in Erfahrung bringen konnten. Das genügte aber immerhin, um Scharen von Menschen auf die Beine zu bringen. Doch auf ausdrücklichen Wunsch des Herzogs hielt die Flughafenpolizei sie alle in großer Entfernung von dem Luftschiff zurück. Nur Mariella und Renate mit ihr durften die Sperre passieren. Jetzt stiegen die Insassen des Luftschiffes aus. Salutierend schritt die Bordmannschaft an den dreien vorüber, dem Kommodore schüttelte der Herzog Enrico warm die Hand und blieb mit Renate und ihr in anscheinend lebhafter Unterhaltung zurück.
Wie im Traum schritt die kleine Principessa weiter. Jetzt stand sie vor der Treppe, die in das Flugzeug führte Ein hochgewachsener, stattlicher Mann war zu sehen. Seine Kesichtszüge kannte sie — kannte sie nur zu gut. Wie oft hatte sie im Traum dieses geliebte, unvergessene Antlitz gesehen, von ihm immer wieder Beistand erfleht und Krast
geschöpft, wenn sie in den schrecklichen Jahren, die hinter ihr lagen, zusammenzubrechen drohte.
Der bis in sein tiefstes Innere aufgewühlte Mann hatte jetzt die letzte Stufe der Treppe erreicht. Da stand vor ihm ein süßes Wunder — Marianne, fein heißgeliebtes verstorbenes Weib. Ja, das war ihr Gesicht, Zug um Zug ihre bis zur Verzweiflung beweinten Züge.
Das tiefe Blau ihrer Augen, in denen sich die Farbe des deutschen Himmels widerspiegelte — der reizende Mund, der so gern schalkhaft gelacht hatte! Nur Mariannes herrliches, weizenblondes haar fehlte ihrem Ebenbilde.
Der Mann stand und starrte das Mädchen an, das sich nicht rührte. Endlich breitete er die Arme aus. Er hatte Zeit und Ort vergessen. Er wußte nur eins: Es war fein Kind, das vor ihm stand. Er sah Mariella wieder.
„Bambina mia — mein Kind, mein wiedergeschenktes Glück", flüsterte er. Tränen liefen über feine Wangen.
Mariella aber war unfähig, zu sprechen. Mit einem erlösten Laut warf sie sich an die Brust des Vaters, den sie für immer verloren geglaubt.
Indessen saßen zwei andere Menschenkinder in der Speisekabine des Luftschiffes fich unruhig gegenüber. Es waren merkwürdige Gedanken, denen sich Jlaro und Walter Heßling Hingaben. Besonders das Mädchen war geradezu verstört und verzweifelt.
„Sonst um diese Stunde", sagte sie, mit einem Blick auf die Sonne, „hatte ich Väterchen ganz für mich. Wir lagen auf der Wiese im Urwald, er lehrte mich Gutes und Schönes und sagte immer wieder, ich sei sein geliebtes, einziges Kind, fein Trost und fein Sonnenschein. Wie wird das jetzt werden?"
Bittere Verzweiflung sprach aus der Stimme Jlaros. Jlaro sah in ihrem Kleide aus leichtem rosa Wollstoff, das in weichen Falten über ihren schlanken Körper herabfiel, wie der lichte Frühling aus. Jlaro war in Paris, wo man einen kurzen Aufenthalt gemacht hatte, vollständig eingekleidet worden — und sie hätte keine Frau sein müssen, wenn sie nicht darüber entzückt gewesen wäre. Ganz Europa war ein einziges Wunder für sie, und das strahlende, kindlich entzückte Lächeln war bis zu diesem Augenblick nicht von ihrem Gesicht gewichen. Aber jetzt sah Jlaros Gesichtchen beinah zornig aus.
„Sie sind ein Kind, Jlaro!" schalt Walter Heßling lächelnd. „Gönnen Sie etwa Mariella nicht, daß sie ihren Vater wiedergefunden hat? Schämen Sie sich nicht, Jlaro?"
Zorn blitzte in Jlaros Augen auf.
„Nein, ich schäme mich nicht. Ich gönne ihr ihr Väterchen nicht!" sagte sie leidenschaftlich. Gerade wollte sie noch etwas hinzufügen, als sie den jungen Mann zusammenzucken und hastig in eine der Mannschaftskabinen, die hinter ihm lagen, schlüpfen sah.
Gleich darauf stand ein Mädchen vor ihr. Mit weit aufgeriffenen Augen sah Jlaro, das Naturkind, das sie trotz ihrer Schönheit noch immer war, dieses gepflegte Wesen an. Sie glaubte, nie zuvor etwas so holdes. Zartes gesehen zu haben wie dies Geschöpf mit dem weichen, seidigen Schwarzhaar und den reinen Zügen.
Schließlich war Mariella die erste, die sprach.
„Liebe Jlaro", sagte sie mit tiefer Innigkeit, „unser Vater hat mir verraten, daß hier sein Reisegeschenk auf mich wartet, und ich hoffe bestimmt, daß er d i ch damit meint, sorellina mia!"
Zwei Hände streckten sich Jlaro bittend entgegen.
Jlaros Gesicht war dunkelrot geworden. Beschämt fragte sie:
„Unser Vater haben Sie gesagt, und sorellina mia — mein Schwesterchen nennen Sie mich, Signorina? Ja, dann darf ich wohl — dann soll ich wohl..."
Ihr brach die Stimme.
„Du darfst nicht und du sollst nicht, sondern du mußt den Vater mit mir teilen, Jlaro, süßes Schwesterchen. Glaubst du wohl, wir könnten uns allein ein neues Leben aufbauen? Ach, du Törichtes! Du kannst ja nicht wissen, daß durch dich mein Leben einen noch schöneren Sinn und Inhalt bekommen wird, wenn der Vater uns ein neues heim schafft. Willst du mich denn nicht ein bißchen schwesterlicher begrüßen, Jlaro mia?"
Jetzt trat die Kleine vor, und jeder ihrer Gedanken stand in ihrem unbeherrschten Gesicht zu lesen.
„Signorina..." Scheue Liebe sprach aus ihren glücklichen, großen Augen.
„Wie heißt das?" Die kleine Principessa sah bittend in das junge Antlitz.
„Sorella mia — liebe, große, teure Schwester!"
Als sich Mariella erst nach geraumer Zeit den Armen Jlaros zu entwinden vermochte, als die Blicke beider Mädchen in den gegenüberliegenden Spiegel fielen, mußten sie lachen. ■ So wie sie jetzt aussahen, mit ihren zerzausten haaren, den feuchten Augen und den tränenüberströmten, geröteten Wangen, sahen sie keineswegs mehr den eleganten jungen Damen ähnlich, die sie vorher gewesen waren. Doch das machte nichts. Die Liebe zueinander, das war wichtiger als ein tadelloses Aeuheres. Fortsetzung folgt.


